»Erlauben Eure Durchlaucht,« sagte der alte Mann, »Ihr habt mir eine

Stimme zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht auch wissen um die erste

Verordnung, die Ihr an Euer Land ergehen lasset?«

»Mit Eurer hochedlen Erlaubnis,« fiel Ambrosius Volland hastig ein,

»das Ding hat Eile; die Bürgerschaft von Stuttgart versammelt sich

schon auf der Wiese. Diese Schrift muß ihr vorgelesen werden. Es hat

wahrhaftig Eile.«

»Nun, Ambrosius!« sagte der Herzog, »so gar eilig ist es nicht, daß

wir Unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten. Wir haben

nämlich beschlossen, Uns huldigen zu lassen, und zwar nach neuen

Verträgen und Gesetzen. Die alten sind null und nichtig.«

»Das habt Ihr beschlossen? Um Gottes willen, habt Ihr auch bedacht, zu

was dies führt? Habt Ihr nicht erst vor wenigen Jahren den Tübinger

Vertrag beschworen?«

»Tübingen!« rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, indem seine Augen

von Zorn glühten. »Tübingen! Nenne dies Wort nicht mehr! Dort hatte

ich all meine Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder, ha! und dort

haben sie mich verraten und verkauft. Ich bat, ich flehte, sie sollen

zu mir halten, ich wolle Gut und Blut mit ihnen teilen -- Nichts! Man

wollte von Ulrich nichts mehr. Das neue Regiment gefiel ihnen besser;

im Elend haben sie mich schmachten lassen, haben zugegeben, daß ihr

Herzog in Verbannung war, haben geduldet, daß der Name Württemberg ein

Hohngelächter wurde in allen Reichen -- jetzt bin ich wieder Herr und

Meister, habe das Heft in der Hand und will mir's nicht wieder aus

der Hand winden lassen. Haben _sie_ ihren Eid vergessen, bei Sankt

Hubertus, so ist _mein_ Gedächtnis auch nicht länger. Tübinger Vertrag?

Ich sag', der Teufel soll alles holen, was mit diesem Namen sich

verknüpft!«

»Aber bedenken Euer Durchlaucht!« sprach Lichtenstein, von diesem

Ausbruch der Leidenschaft erschüttert, »bedenket doch, welchen Eindruck

ein solcher Schritt auf das Land machen muß. Noch habt Ihr nichts als

Stuttgart und die Gegend; noch liegen in Urach, Asperg, Tübingen,

Göppingen überall bündische Besatzungen. Wird die Landschaft Euch

beistehen, den Bund zu verjagen, wenn sie hört, auf welche neue Ordnung

sie huldigen soll?«

»Ich sag': ist mir die Landschaft beigestanden, als ich Württemberg mit

dem Rücken ansehen mußte? Sie haben mich laufen lassen und dem Bund

gehuldigt!«

»Vergebt mir, Herr Herzog,« entgegnete der Alte mit bewegter Stimme,

»dem ist nicht also. Ich weiß noch wohl den Tag bei Blaubeuren. Wer

hielt da zu Euch, als die Schweizer abzogen? Wer bat Euch, nicht

vom Land zu lassen; wer wollte Euch sein Leben opfern? Das waren

achttausend Württemberger. Habt Ihr _den_ Tag vergessen?«

»Ei, ei, Wertester!« sagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen

mächtigen Eindruck diese Worte auf Ulrich machten, »ei! Ihr sprechet

doch auch etwas zu kühnlich. Ist übrigens jetzt auch gar nicht die Rede

von _damals_, sondern von _jetzt_. Die Landschaft ist von der alten

Huldigung gänzlich abgekommen, hat dem Bunde eine andere Huldigung

getan; Seine Durchlaucht ist jetzt als ein neu angekommener Herr

anzusehen; er hat dies Land mit Gewalt erobert; hat sich nun der Bund

auf besondere Verträge huldigen lassen, so kann es der Herzog ebenso

halten. Neuer Herr, neu Gesetz. Man kann sich in allewege nach eigenem

Gutdünken huldigen lassen. Soll ich die Feder eintauchen, gnädiger

Herr?«

»Herr Kanzler!« sagte Lichtenstein mit fester Stimme; »habe alle

mögliche Ehrfurcht vor Eurer Gelahrtheit und Einsicht, aber was Ihr da

sagt, ist grundfalsch und kein guter Rat. Jetzt gilt es, zu wissen, wen

das Volk liebt. Der Bund hat durch sein Walten im Lande alles gegen

sich aufgebracht; es war die rechte Zeit, daß Seine Durchlaucht wieder

kam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu. Wird er sie nicht gewaltsam

von sich stoßen, wenn er alles Alte umreißt und nach eigener, neuerer

Satzung schaltet und waltet? O, bedenkt, bedenkt, die Liebe eines

Volkes ist eine mächtige Stütze!«

Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, düster vor sich

hinblickend, er antwortete nicht. Desto eifriger tat dies der Kanzler

im gelben Mäntelein. »Hi, hi, hi! Wo habt Ihr die schönen Sprüchlein

her, Liebwerter, Hochgeschätzter? Liebe des Volkes, sagt Ihr? Schon

die Römer wußten, was davon zu halten sei. Seifenblasen, Seifenblasen!

Hätt' Euch für gescheiter gehalten. Wer ist denn das Land? Hier, _hier_

steht es ~in persona~, das ist Württemberg, dem gehört's, hat's geerbt

und jetzt noch dazu erobert. Volksliebe! Aprilenwetter! Wäre ihre Liebe

so stark gewesen, so hätten sie nicht dem Bunde gehuldigt.«

»Der Kanzler hat recht,« rief Ulrich, aus seinen Gedanken erwachend.

»Du magst es gut meinen, Lichtenstein, aber er hat diesmal recht. Meine

Langmut hat mich zum Lande hinausgetrieben; jetzt bin ich wieder da,

und sie sollen fühlen, daß ich Herr bin. Die Feder her, Kanzler, ich

sag', so will ich's; so wollen wir Uns huldigen lassen!«

»O Herr, tut nichts in der ersten Hitze! Wartet, bis Euer Blut sich

abkühlt. Rufet die Landschaft zusammen, machet Aenderungen nach Eurem

Sinne, nur jetzt nicht, nur nicht, solange der Bund noch Land besitzt

in Württemberg; es könnte Euch schaden bei den übrigen. Gestattet nur

noch eine kurze Frist.«

»So?« unterbrach ihn der Kanzler, »daß man dann allgemach wieder in das

alte Wesen hineinkommt? Gebt acht, wenn die Landschaft erst beisammen

ist, wenn sie sich erst zusammen beraten, meinet Ihr, da werden sie so

gutwillig nachgeben? Hi, hi! da wird man Gewalt anwenden müssen, und

das macht erst verhaßt. Schmiedet das Eisen, solange es warm ist. Oder

gelüstet Euer Durchlaucht, wieder ganz gehorsamlich unter das alte Joch

zu stehen und den Karren zu ziehen?«

Der Herzog antwortete nicht. Er riß mit einer hastigen Bewegung

Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen schnellen,

durchdringenden Blick auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieser es

verhindern konnte, hatte Ulrich seinen Namen unterzeichnet. Der Ritter

stand in stummer Bestürzung; er senkte bekümmert das Haupt auf die

Brust herab. Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter und den

Herzog. Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf dem Tisch

stand, und klingelte. Ein Diener erschien und fragte nach seinem Befehl.

»Ist die Bürgerschaft versammelt?« fragte er.

»Ja, Euer Durchlaucht! Auf den Wiesen gegen Kannstatt sind sie

versammelt, Amt und Stadt; die Landsknechte rücken soeben aus, sechs

Fähnlein.«

»Die Landsknechte? Wer gab die Erlaubnis?«

Der Kanzler zitterte bei dem Ton dieser Frage. »Es ist nur wegen der

Ordnung,« sagte er, »ich habe gedacht, weil es bei solchen Fällen

gebräuchlich sei, daß bewaffnete Mannschaft --«

Der Herzog winkte ihm zu schweigen. Er begegnete einem trüben,

fragenden Blick des alten Lichtenstein, der ihn erröten machte.

»Mit meinem Befehl geschah es nicht,« sprach er, »doch -- es möchte

auffallen, wenn wir sie zurückriefen. Es ist ja gleichgültig. Man

bringe mir den roten Mantel und den Hut; schnell!«

Der Herzog trat ans Fenster und sah schweigend hinaus. Der Kanzler

schien nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzürnt sei oder nicht, er

wagte nicht zu sprechen, und der Ritter von Lichtenstein beharrte in

seinem trüben Schweigen. So standen sie geraume Zeit, bis sie von den

Dienern unterbrochen wurden. Es traten vier Edelknaben ins Gemach,

der erste trug den Mantel, der zweite den Hut, der dritte eine Kette

von Gold, und der vierte des Herzogs Schlachtschwert. Sie bekleideten

den Herzog mit dem Fürstenmantel von purpurrotem Samt mit Hermelin

verbrämt. Sie reichten ihm den Hut, der die schwarz und gelbe Farbe

des Hauses Württemberg in reichen wehenden Federn zeigte, diese wurden

zusammengehalten von einer Agraffe von Gold und Edelsteinen, die eine

Grafschaft wert waren. Der Herzog bedeckte sein Haupt mit diesem Hut.

Seine kräftige Gestalt schien in diesem fürstlichen Schmuck noch

erhabener als zuvor, und die freie majestätische Stirne, das glänzende

Auge sah gebietend unter den wallenden Federn hervor. Er ließ sich

die Kette umhängen, steckte das Schlachtschwert an und winkte seinem

Kanzler, aufzubrechen.

Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort. Mit

bekümmerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen und sich dann

abgewendet. Der Herzog schritt mit leichtem Neigen des Hauptes an dem

alten Ritter vorüber zur Türe, und die wunderliche Figur des Kanzlers

Ambrosius Volland folgte ihm mit majestätischen Schritten. Hatte

der Herr den Alten nicht gegrüßt, glaubte auch der Kanzler ihm dies

nicht schuldig zu sein. Er warf nur einen tückischen Blick nach dem

Platz hinüber, wo jener noch immer stand und sein großer, zahnloser

Mund verzog sich zu einem höhnischen Lächeln. In der Türe stand der

Herzog stille, er sah rückwärts, seine bessere Natur schien über ihn

zu siegen, er kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zurück und trat zu

Lichtenstein.

»Alter Mann!« sagte er, indem er vergeblich strebte, seine tiefe

Bewegung zu unterdrücken: »Du warst mein einziger Freund in der Not,

und in hundert Proben habe ich deine Treue bewährt gefunden, du kannst

es mit Württemberg nicht schlimm meinen. Ich fühle, es ist einer der

wichtigsten Schritte meines Lebens, und ich gehe vielleicht einen

gewagten Gang, -- aber wo es das Höchste gilt, muß man alles wagen.«

Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf; in den

weißen Wimpern hingen Tränen. Er ergriff Ulrichs Hand: »Bleibet,« rief

er, »nur diesmal, diesmal folget meiner Stimme! Mein Haar ist grau,

ich habe lange gelebt, Ihr erst drei Jahrzehnte.« -- Indem ertönten

die Trommeln der Landsknechte in dem Hof. Das ungeduldige Stampfen der

Rosse drang herauf, und die Herolde stießen, zur Huldigung rufend, in

die Trompeten.

»~Jacta alea esto!~ war der Wahlspruch Cäsars,« sagte der Herzog mit

mutiger Miene, »jetzt gehe ich über meinen Rubikon. Aber dein Segen

möchte mir frommen, alter Mann, zum Rat ist es zu spät!«

Der Ritter blickte schmerzlich aufwärts. Die Stimme versagte ihm, er

drückte segnend seines Herzogs Rechte an die Brust. Noch zögerte Ulrich

bei ihm, da streckte der Kanzler den langen, dürren Arm unter dem

gelben Mäntelein hervor und winkte ihm mit der Pergamentrolle. Er war

anzuschauen wie der Versucher, dem es gelingt, eine arme Seele mit sich

hinabzuziehen. Ulrich von Württemberg riß sich los und ging, um sich

von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen.

31.

Kein Feuer, keine Kohle

Kann glühen so heiß,

Als eine stille Liebe,

Von der niemand nichts weiß.

_Altes Volkslied._

Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so ungegründet gewesen

zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte. Ein sehr

großer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe

für den angestammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs

so siegreichen Waffen Ulrichs viele bewogen, die Huldigung, die sie

gezwungenerweise dem Bunde getan, zu vergessen und sich für Württemberg

zu erklären.

Aber die neue Huldigung, die alle früheren Verträge umstieß, das

Gerücht, daß manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen

sei, bewirkte wenigstens, daß der Herzog keine Popularität gewann,

ein Mangel, der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald fühlbar

wird. Noch beharrten Urach, Göppingen und Tübingen auf ihren, dem

Bunde geleisteten, Pflichten, denn ihre bündisch gesinnten Obervögte

zwangen sie mit Gewalt dazu. Zu Urach hauste Dietrich Spät, des Herzogs

bitterster Feind. Er brachte in wenigen Tagen so viel Mannschaft

auf, daß er nicht nur sein ganzes Amt im Zaume hielt, sondern auch

Einfälle in die Ländereien machte, die dem Herzog wieder zugefallen

waren. Es ging auch das Gerücht, die Bundesstände seien schnell von

Nördlingen aufgebrochen, jeder in seine Heimat geeilt um frische Heere

aufzubieten und Ulrich zum zweitenmal auf Leben und Tod zu bekämpfen.

Ulrich selbst schien weder der einen noch der anderen dieser

Besorgnisse Raum zu geben. Er pflog bei verschlossenen Türen mit

Ambrosius Volland Rat. Man sah viele Eilboten kommen und abgehen,

aber niemand erfuhr, was sie brachten. In Stuttgart aber glaubte man

fest, der Herzog müsse in der fröhlichsten Stimmung sein, denn wenn

er mit seinem glänzenden Gefolge durch die Straßen ritt, alle schönen

Jungfrauen grüßte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und

lachte, da sagten sie: »Herr Ulrich ist wieder so lustig wie vor dem

Armen Konrad.« Er hatte seinen Hofstaat wieder glänzend eingerichtet.

Zwar war er nicht mehr wie früher der Sammelplatz der bayerischen,

schwäbischen und fränkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die

Fürstin, die sonst einen schönen Kranz blühender Fräulein um sich

versammelt hatte, aber dennoch fehlte es nicht an schönen Frauen und

schmucken Edeln, seinen Hof zu verherrlichen, und die Luft dieser Stadt

schien schon damals der Schönheit so günstig zu sein, daß die bunten

Reihen in den Sälen und Hallen des Schlosses nicht einer gewöhnlichen

Versammlung, sondern einer Auswahl aus den schönen Frauen des Landes

glich.

Tänze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden.

Fest drängte sich an Fest, und Ulrich schien eifrig nachholen zu

wollen, was er in der Zeit seines Unglücks versäumt hatte. Keines

dieser geringsten Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit der

Erbin von Lichtenstein.

Der alte Herr hatte sich lange nicht entschließen können, sein Wort zu

halten; nicht daß er die Wahl seiner Tochter mißbilligt hätte, denn

er liebte seinen Eidam väterlich, er sah in ihm seine eigene Jugend

wieder aufblühen, er schlug ihm seine freiwillige Verbannung mit dem

Herzog hoch an; aber wie der Horizont von Ulrichs Glück, so war auch

die Stirne des alten Mannes noch immer umwölkt, denn er ahnte, daß

es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte es

ihn, daß der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von seinem

Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem Kanzler

abhandelte. So hatte er unschlüssig und betrübt diesen Tag der Freude

immer hinausgeschoben, aber die schönen Augen seiner Tochter, in

welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte, Georgs Bitten

nötigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab. Der Herzog ließ es

sich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten. Er mochte sich jener

Nächte erinnern, wo der Vater nicht müde ward, ihm seine Anhänglichkeit

zu bezeigen, wo die zarte Tochter keinen Sturm, keine Kälte scheute,

um ihn am Burgtor zu empfangen, um ihn mit warmen Speisen zu laben; er

mochte sich noch aus der jüngsten Vergangenheit der Opfer erinnern, die

ihm der Bräutigam gebracht hatte, er zeigte auf glänzende Art, wie er

Treue, Aufopferung und Liebe, die sich ihm so selten bewährt hatten, zu

vergelten wisse. Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer

seine Gäste im Schloß zu Stuttgart gewesen, jetzt ließ er ein schönes

Haus, nächst der Kollegiatenkirche, mit neuem Hausgerät versehen

und übergab am Vorabend der Hochzeit den Schlüssel dem Fräulein von

Lichtenstein mit dem Wunsche, sie möchte es, so oft sie in Stuttgart

sei, bewohnen.

Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in ungewisser

Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte. Er rief

sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe zurück; er

wunderte sich, wie alles so ganz anders gekommen war, als er sich

gedacht hatte. Wie hätte er, als er damals durch den Schönbuch nach

der Heimat zog, denken können, daß das Glück, die Geliebte ganz zu

besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er fürchtete. Wie

hätte er, als er sich an das Bundesheer anschloß, ahnen können, daß

der Herzog, welchen er zu bekriegen kam, sein Glück gründen werde. Mit

welch heiterer Ruhe dachte er jetzt an die Stürme jener Tage zurück, wo

es ihm zuerst wieder möglich geworden war, der Geliebten ein Wörtchen

der Liebe zuzuflüstern, wo er die Schreckenskunde vernahm, daß ihr

Vater, ein Feind des Bundes, sie mit sich hinwegführen werde; wo er in

Berthas Garten die unglücklichste Stunde seines Lebens im schmerzlichen

Abschied von der Geliebten hinbrachte, wo er auf lange, vielleicht auf

ewig verloren glaubte, was heute auf ewig sein werden sollte. Jedes

Wort der Geliebten kehrte wieder in seine Erinnerung, und er mußte

aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schönen Glauben an ein gütiges

Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit einem

düsteren Schleier verhüllt und keine Aussicht, keine Hoffnung mehr war,

nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskuß auch ihm mitzuteilen

wußte.

»Er hat uns nicht gelogen, dieser Glaube,« sprach der junge Mann, von

der Erinnerung bewegt, zu sich; »es lebt eine heilige, ahnungsvolle

Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem meinigen

die Gewißheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in die

Zukunft und verkündete Glück, es wird sie auch jetzt nicht täuschen,

wenn es ein süßes, ungestörtes Glück in unserer Verbindung liest.«

Ein bescheidenes Pochen an der Türe unterbrach die lange Gedankenreihe,

die sich an den heutigen Tag knüpfen und in die ferne Zukunft

hinausziehen wollte. Es war Herr Dietrich von Kraft, der stattlich

geschmückt zu ihm eintrat.

»Wie?« rief dieser Schreiber des großen Rates zu Ulm und schlug voll

Verwunderung die Hände zusammen, »wie? in diesem Wams wollet Ihr Euch

doch hoffentlich nicht trauen lassen? Es ist schon neun Uhr, die Gänge

und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitsgästen, die von Samt und

Seide glänzen, und Ihr, die Hauptperson im Stück, schauet ruhig zum

Fenster hinaus, statt Euren Anzug zu besorgen?«

»Dort liegt der ganze Staat,« erwiderte Georg lächelnd, »Barett und

Federn, Mantel und Wams, alles aufs schönste zubereitet, aber Gott

weiß, ich habe noch nicht daran gedacht, daß ich dieses Flitterwerk an

mich hängen solle. Dies Wams ist mir lieber als jenes schöne neue. Ich

habe es in schweren, aber dennoch glücklichen Tagen getragen.«

»Ja, ja! Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen, und

es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Bertha in diesem blauen

Kleid abschilderte, daß ich recht eifersüchtig ward; aber Flitterwerk

nennt Ihr die Kleider da? Ei, der Tausend! Hätte ich nur mein lebelang

solche Flitter. Ha, das weiße Gewand, mit Gold gestickt, und der blaue

Mantel von Samt! Kann man was Schöneres sehen? Wahrlich, Ihr habt mit

Umsicht ausgewählt, das mag trefflich stehen zu Euren braunen Haaren!«

»Der Herzog hat mir es zugeschickt,« antwortete Georg, indem er sich

ankleidete, »mir wäre alles zu kostbar gewesen.«

»Ist doch ein prächtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich

einige Zeit hier bin, sehe ich ein, daß man ihm bei uns in Ulm zu

viel getan hat. An einem solchen Hofe ist es doch was anderes als

in den Städten, und Herzog von Württemberg klingt auch schöner als

Bürgermeister von Ulm. Und doch möcht' ich nicht in seiner Haut

stecken. Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit ihm.«

»Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich. Erinnert Ihr Euch noch, wie

Ihr damals in Ulm groß tatet mit Eurer Politika, und wie Ihr regieren

wolltet in Württemberg? Wie ist es denn jetzt?«

»Ist nicht alles eingetroffen?« erwiderte der Ratsschreiber mit weiser

Miene. »Weiß noch wie heute, daß ich prophezeite, die Schweizer ziehen

heim, die Landschaft werden wir für uns gewinnen, und die Burgen werden

wir einnehmen.«

»Ja, ja! Ihr habt sie erobern helfen,« lachte Georg, »seid ja in einer

Sänfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch, der Herzog

werde nie zurückkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und ruhig hier.«

»Nicht so ruhig, als Ihr glaubt. Zwar ich wollte ihm und Euch wünschen,

er behielte sein Land; uns hat es doch nichts genützt, die großen

Herren nehmen alles für sich, an unsereinen kam nichts als etwa die

Ehre, für den Bund geköpft zu werden; möchte es ihm wohl gönnen; aber

-- glaubet mir, es sieht nicht so ruhig aus, als man hier meint. Die

vertriebenen Räte haben von Eßlingen aus an den Kaiser und das Reich

geschrieben und geklagt; der Bund ist wieder auf den Beinen; bei Ulm

steht schon wieder ein neues Heer.«

»Gerede, nichts weiter; ich weiß gewiß, daß der Herzog sich mit Bayern

versöhnen wird.«

»Ja, _will_, aber nicht versöhnen _wird_. Das hat noch manchen Haken.

Aber was sehe ich? Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer

Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitsschmuck anlegen wollen? Pfui, das

paßt nicht zusammen, lieber Vetter.«

Der Bräutigam betrachtete die Schärpe mit inniger Liebe. »Das versteht

Ihr nicht,« sagte er, »wie gut sich dies zum Hochzeitsgewande schickt.

Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei Nacht auf ihrem

Kämmerlein, als ihr die Kunde kam, daß sie bald scheiden müsse. Sie hat

manche Träne hineingewoben, hat das Gewebe oft an die Lippen gedrückt,

drum ward es mir eine Zauberbinde und meinen Augen ein Trost, wenn ich

im Unglück auf die Brust herniedersah. Sie darf nicht fehlen, diese

Binde; hat sie die Not mit mir getragen, so sei sie mir ein heiliger

Schmuck am Tage des Glückes.«

»Nun, wie Ihr wollt, hängt sie in Gottes Namen um; jetzt noch das

Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehängt, sie läuten schon

das Erste drüben in der Kirche. Sputet Euch, lasset das Bräutlein nicht

so lange warten!«

Der Ratsschreiber stellte sich noch einmal vor den jungen Mann und

musterte mit strengen Kenneraugen seinen Anzug. Er zog da eine Spange

schärfer an, er verwischte dort eine Falte, steckte hier eine Feder

höher, und immer zufriedener wurden seine Blicke. Er gestand sich,

daß der große, schlanke junge Mann, sein schöner Kopf, die klaren,

mutigen Augen ganz des lieblichen Bäschens würdig seien. »Weiß Gott,«

sagte er, »Ihr sehet aus, Vetter, als wäret Ihr von unserem Herrgott

gerade zum Hochzeiter erschaffen worden. Es ist mir lieb, daß Euch

heute Bertha nicht sehen kann, es möchte ihr wieder auf acht Tage

schwindelnd werden, dem armen Kind! -- Kommt, kommt; ich fühle mich

stolz, Euer Geselle zu sein, wenn ich auch vierzehn Tage zu spät nach

Ulm zurückkehre.«

Georgs Wangen röteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach

verließ. Die Freude, die Erwartung, die Erfüllung jahrelanger Wünsche

bestürmten seine Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn Dietrich

durch die Galerien. Die Türe ging auf, und Marie im Glanze ihrer

Schönheit stand umgeben von vielen Frauen und Fräulein, die, vom Herzog

eingeladen, heute ihre Begleitung bilden sollten. Marie errötete, als

sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend, als seien seine

Züge heute mit einem neuen Glanze übergossen; sie schlug die Augen

nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken begegnete. Was hätte

Georg dafür gegeben, die Geliebte an sein Herz ziehen, den Morgengruß

der Liebe auf ihre Lippen drücken zu dürfen, aber die strenge Sitte

der Zeit trennte an diesem Tage durch eine weite Kluft, was sich sonst

schon längst gefunden hätte. Dem Bräutigam war es nicht erlaubt, die

Hand der Braut zu berühren, ehe sie der Priester in die seinige legte,

und der Braut wurde es übel aufgenommen, wenn sie den Bräutigam gar zu

viel und gar zu lange ansah. Züchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden

geheftet, die Hände unter der Brust gefaltet, mußte sie stehen -- so

wollte es die Sitte.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 25 / 32 段