»Ich sag', Wir haben zu tun,« fuhr der Herzog fort. »Was schaust du

nur immer nach dem rosenfarbenen Menschenkind? Das ist ein verstockter

Sünder. Das Schwert wird schon für ihn gewetzt.«

»Euer Durchlaucht erlauben mir nur _ein_ Wort,« entgegnete Georg. »Ich

kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut für ihn verbürgen,

daß er ein friedlicher Mann ist und gewiß kein Verbrecher, der den Tod

verdiente.«

»Bei Sankt Hubertus, das ist kühn! Die Natur hat sich geändert. Mein

Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger

Krieger, und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen. Was

sagt Ihr dazu, Ambrosius Volland?«

»Hi, hi! Ich habe Eurer Durchlaucht durch meine Person Spaß machen

wollen. Weiß aus früherer Zeit, daß Ihr einen kleinen Scherz liebet.

Nun, der liebe, gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und

den Juristen spielen. Hi, hi, hi! Wird ihm aber nichts helfen, dem

Rosenfarbenen. Majestätsverbrechen! wird halt doch geköpft, der im

Mäntelein!«

»Herr Kanzler,« rief der Jüngling, vor Unmut glühend, »der Herr

Herzog wird mir bezeugen können, daß ich mich nie zum Schalksnarren

hergegeben habe. Diese Rolle mache ich andern nicht streitig, und mit

Menschenleben spiele und scherze ich nie. Es ist mein wahrer Ernst.

Ich verbürge mich mit meinem Leben für gegenwärtigen Edlen von Kraft,

Ratsschreiber von Ulm. Ich hoffe, meine Bürgschaft kann angenommen

werden.«

»Wie?« sagte Ulrich, »das ist wohl der zierliche Herr, dein Gastfreund,

von dem du mir so oft erzähltest? Tut mir leid um ihn, aber er wurde in

einem Aufruhr unter sehr gefährlichen Umständen gefangen.«

»Freilich!« krächzte Ambrosius, »ein ~crimen laesae majestatis~.«

»Erlaubet, Herr! Ich habe die Rechte lange genug studiert, um zu

wissen, daß hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede

sein kann. Gestern nacht waren die Bundesräte und der Statthalter

noch hier, folglich war Stuttgart noch in Gewalt des Bundes, und der

Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan Sr. Durchlaucht ist, hat

nicht anders gehandelt als jeder bündische Soldat, der auf Befehl

seines Oberen gegen uns zu Felde zog.«

»Ei, die Jugend, die Jugend! Wie Ihr alles überhaspelt, junger, sehr

wertgeschätzter Freund! Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert

hatte und den ~animum possidendi~ hatte, war auch alles, was in den

Mauern sich befand, _sein_. Folglich, wer eine Verschwörung gegen ihn

anzettelte, ist ein Majestätsverbrecher. Besagter Herr von Kraft aber

hat schrecklich gefährliche Reden an das Volk gehalten.«

»Nicht möglich! Es wäre ganz gegen seine Art und Weise! Herr Herzog,

das kann nicht sein!«

»Georg!« sagte dieser ernst, »wir haben lange Geduld gehabt, dich

anzuhören. Es hilft deinem Freunde doch nichts. Hier liegt das

Protokoll. Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhör angestellt,

worin alles sonnenklar bewiesen ist. Wir müssen ein Exempel statuieren.

Wir müssen Unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden; der Kanzler

hat ganz recht. Darum kann ich keine Gnade geben.«

»So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein paar

Worte.«

»Ist gegen alle Form Rechtens,« fiel der Kanzler ein; »ich muß dagegen

protestieren, Lieber! Es ist ein Eingriff in mein Amt.«

»Laß ihn, Ambrosius. Mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den

armen Sünder tun, er ist doch verloren.«

»Dietrich von Kraft,« fragte Georg, »wie kommt Ihr hieher?«

Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefaßt hatte,

verdrehte die Augen, und seine Zähne schlugen aneinander. Endlich

konnte er einige Worte herausstoßen: »Bin hieher geschickt worden vom

Rat, wurde Schreiber beim Statthalter --«

»Wie kamet Ihr gestern nacht zu den Bürgern von Stuttgart?«

»Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Bürger sich

aufrührerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und ihrem Eid

zu verweisen.«

»Ihr sehet, er kam also auf höheren Befehl dorthin. -- Wer nahm Euch

gefangen?« fuhr Georg zu fragen fort.

»Der Mann, der neben Euch steht.«

»Ihr habt diesen Herrn gefangen? Also müßt Ihr auch gehört haben, was

er sprach? Was sagte er denn?«

»Ja, was wird er gesagt haben?« antwortete der Bürger; »er hat keine

sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Bürgermeister Hartmann von der

Bank herunter. Ich weiß noch, er hat gesagt: ›Aber bedenket, ihr Leute,

was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen!‹ Das war alles, da

nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter. Aber dort, der

Doktor Calmus, der hielt eine längere Rede.«

Der Herzog lachte, daß das Gemach dröhnte, und sah bald Georg, bald

den Kanzler an, der ganz bleich und verstört sich umsonst bemühte,

sein Lächeln beizubehalten. »Das war also die gefährliche Rede, das

Majestätsverbrechen? ›Was wird der Bundesrat dazu sagen!‹ Armer

Kraft! Wegen dieses kraftvollen Sprüchleins verfielst du beinahe dem

Scharfrichter. Nun, das haben selbst Unsere Freunde oft gesagt: ›Was

werden die Herren sagen, wenn sie hören, der Herzog ist im Land.‹

Deswegen soll er nicht bestraft werden, was sagst du dazu, Sturmfeder?«

»Ich weiß nicht, was Ihr für Gründe habt, Herr Kanzler,« sagte der

Jüngling, indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, »die Sachen so

auf die Spitze zu stellen und dem Herrn Herzog zu Maßregeln zu raten,

die ihn überall -- ja, ich sage es, die ihn überall als einen Tyrannen

ausschreien müssen. Wenn es nur Diensteifer ist, so habt Ihr diesmal

schlecht gedient.«

Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick aus

den grünen Aeuglein auf den jungen Mann. Der Herzog aber stand auf

und sprach: »Laß mir mein Kanzlerlein gehen; diesmal freilich war er

zu strenge. Da -- nimm deinen rosenroten Freund mit dir, gib ihm zu

trinken auf die Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will. Und

du, Hund von einem Doktor, der du zu schlecht zu einem Hundedoktor

bist, für dich ist ein württembergischer Galgen noch zu gut. Gehängt

wirst du doch noch einmal, ich will mir die Mühe nicht geben. Langer

Peter, nimm diesen Burschen, binde ihn rückwärts auf einen Esel und

führe ihn durch die Stadt; und dann soll man ihn nach Eßlingen führen

-- zu den hochweisen Räten, wo er und sein Tier hingehört. Fort mit

ihm!«

Die Züge des Doktor Kahlmäuser, in welchen schon der Tod gesessen war,

heiterten sich auf. Er holte freier Atem und verbeugte sich tief.

Peter, Staberl und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude über ihn

her, luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg.

Der Ratsschreiber von Ulm vergoß Tränen der Rührung und Freude. Er

wollte dem Herzog den Mantel küssen, doch dieser wandte sich ab und

winkte Georg, den Gerührten zu entfernen.

30.

O tu' es nicht! Tu's nicht!

Sieh, deine reinen, edlen Züge wissen

Noch nichts von dieser unglücksel'gen Tat,

Bloß deine Einbildung befleckte sie,

Die Unschuld will sich nicht vertreiben lassen

Aus deiner hoheitblickenden Gestalt.

_Schiller._

Der Schreiber des großen Rates schien noch nicht Fassung genug erlangt

zu haben, um auf dem Wege durch die Gänge und Galerien des Schlosses

die vielen Fragen seines Erretters zu beantworten. Er zitterte noch

an allen Gliedern, seine Kniee wankten, und oft drehte er sich um

und schaute mit verwirrten Blicken hinter sich, als fürchte er, den

Herzog möchte seine Gnade gereuen, und der greuliche Kanzler im gelben

Mantel möchte ihm nachschleichen und ihn plötzlich am Genick packen.

Auf Georgs Zimmer angekommen, sank er erschöpft auf einen Stuhl, und

es verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu

antworten vermochte.

»Eure Politika, Vetter, hat Euch einen schlimmen Streich gespielt,«

sagte Georg; »was fällt Euch aber auch ein, in Stuttgart als

Volksredner auftreten zu wollen? Wie konntet Ihr überhaupt nur Eure

bequeme Haushaltung, die sorgsame Pflege der Amme und die Nähe der

holden Bertha fliehen, um hier dem Statthalter zu dienen?«

»Ach! Sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt hat. Bertha

ist an allem schuld. Ach, daß ich nie mein Ulm verlassen hätte! Mit dem

ersten Schritte über unsere Markung fing mein Jammer an.«

»Bertha hat Euch fortgeschickt?« fragte Georg. »Wie, seid Ihr nicht

zum Ziele Eurer Bemühungen gelangt? Sie hat Euch abgewiesen, und aus

Verzweiflung seid Ihr --«

»Gott behüte! Bertha ist so gut als meine Braut. Ach, das ist gerade

der Jammer! Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Händel mit Frau

Sabina, der Amme; da entschloß ich mich und hielt bei meinem Oheim um

das Bäschen an. Nun habt Ihr aber dem Mädchen durch Euer kriegerisches

Wesen gänzlich den Kopf verrückt. Sie wollte, ich solle vorher zu Feld

ziehen und ein Mann werden wie Ihr. -- Dann wolle sie mich heiraten.

Ach, du gerechter Gott!«

»Und da seid Ihr förmlich zu Feld gezogen gegen Württemberg? Welche

kühnen Gedanken das Mädchen hat!«

»Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben nicht!

Mein alter Johann und ich rückten mit dem Bundesheer aus. Das war ein

Jammer! Mußten oft täglich acht Stunden reiten. Die Kleider kamen in

Unordnung, alles wurde bestaubt und unsauber, der Panzer drückte mich

wund. Ich hielt es nicht mehr aus, und Johann lief heim nach Ulm; da

bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei, mietete mir eine Sänfte

und zwei tüchtige Saumrosse dazu, und so ging es doch erträglicher.«

»Da wurdet Ihr also zu Feld getragen wie der Hund zum Jagen. Habt Ihr

auch einem Treffen beigewohnt?«

»O ja; bei Tübingen kam ich hart ins Gedränge. Keine zwanzig Schritte

von mir wurde einer maustot geschossen. Ich vergesse den Schrecken

nicht, und wenn ich achtzig Jahre alt werde! Als wir dann das

Land völlig besiegt hatten, bekam ich die ehrenvolle Stelle beim

Statthalter. Wir lebten ruhig und in Frieden; da kommt auf einmal der

unruhige Herr ins Land. Ach, daß ich meinem Kopfe gefolgt und mit dem

Bundesobersten nach Nördlingen auf den Bundestag gezogen wäre! Aber ich

scheute die beschwerliche Reise.«

»Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen, als wir

kamen? Der sitzt jetzt im trockenen in Eßlingen, bis wir ihn weiter

jagen.«

»Er hat uns im Stiche gelassen und meinem Kopf alles anvertraut; und

beinahe hätte ich mit dem Kopf dafür büßen müssen. Ich dachte nicht,

daß die Gefahr so groß sei, ließ mich vom Doktor Calmus verführen,

eine Rede ans Volk zu halten, um Württemberg dem Bunde zu retten. Das

hätte gewiß Aufsehen gemacht, und Bertha wäre noch eins so freundlich

gewesen. Aber die Leute da unten in Württemberg sind Barbaren und ohne

alle Lebensart; sie ließen mich nicht einmal zum Wort kommen, warfen

mich herab und behandelten mich ganz gemein und roh. Seht nur meinen

Mantel an, wie sie ihn zerrissen haben! Es ist schade dafür, er hat

mich vier Goldgulden gekostet, und Bertha behauptete immer, daß mir

rosenfarb so gut zu Gesicht stehe.«

Georg wußte nicht, ob er über die Torheit des Schreibers lachen oder

es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, daß er, kaum dem

Tode entgangen, sein zerrissenes Mäntelein bedauern konnte. Er wollte

ihn noch weiter über seine Schicksale befragen, als ihn ein Geräusch

vom Vorplatz des Schlosses her ans Fenster lockte; er sah hinaus und

winkte schnell Herrn Dietrich herbei, um ihm das Schauspiel gefallener

irdischer Größe zu zeigen.

Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt. Er saß verkehrt

auf einem Esel; die Landsknechte hatten ihn wunderlich ausgeschmückt;

sie hatten ihm eine spitzige Mütze von Leder aufgesetzt, an deren

Spitze eine Hahnenfeder angebracht war. Vor ihm gingen zwei Trommler,

zu seinen Seiten sah man in gravitätischen Schritten den Magdeburger

und den Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und seinen tapfern

Obersten gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer Hellebarden

den Esel zu kühnen Sprüngen antrieben. Ein ungeheurer Volkshaufe

umschwärmte ihn und warf ihn mit Eiern und Erde.

Der Ratsschreiber schaute trübselig auf seinen Gefährten hinab und

seufzte: »'s ist hart, auf dem Esel reiten zu müssen,« sagte er, »aber

doch immer noch besser, als gehängt werden.« Er wandte sich ab von

dem Schauspiel und blickte nach einer andern Seite des Schloßplatzes.

»Wer kommt denn hier?« fragte er den jungen Ritter. »Schaut, in einem

solchen Kasten zog ich zu Felde.«

Georg wandte sich um. Er sah einen Zug von Reisigen, die eine Sänfte in

ihrer Mitte führten. Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der jetzt

aufs Schloß einbeugte. Georg sah schärfer hinab: »Sie sind's,« rief

er, »wahrhaftig, es ist der Vater, und in der Sänfte wird sie sitzen!«

In _einem_ Sprung war er zur Tür hinaus, und der Ratsschreiber sah ihm

staunend nach. »Wer soll es sein, welcher Vater?« fragte er. Er schaute

noch einmal durchs Fenster, die Sänfte hielt vor der Zugbrücke des

Schlosses, und in demselben Augenblicke stürzte Georg aus dem Tore.

Herr Dietrich sah ihn die Türe der Sänfte ungestüm aufreißen, eine

verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den Schleier zurück -- und

wunderbar! es war das Bäschen Marie von Lichtenstein. »Ei, seh doch

einer; er küßt sie auf öffentlicher Straße,« sprach der Ratsschreiber

kopfschüttelnd vor sich hin; »was das eine Freude ist! Aber wehe, jetzt

kommt der Alte um die Sänfte herum, der wird Augen machen! Der wird

schimpfen! -- Doch wie? Er nickt dem Junker freundlich zu, er steigt

ab, er umarmt ihn. Nein, das geht nicht mit rechten Dingen zu!«

Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als

der Schreiber des großen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat, um

sich zu überzeugen, daß ihn seine Augen getäuscht haben müssen, kam

sein Oheim, der alte Herr von Lichtenstein, die Treppe herauf. An der

rechten Hand führte er Georg von Sturmfeder, an der linken -- Bäschen

Marie. Welche Veränderung war mit jenen holden Zügen vorgegangen, die

sich so tief in sein Herz, in sein Gedächtnis geprägt hatten!

In Ulm war sie ihm zum erstenmal wie ein Bote aus einem unbekannten

Lande erschienen, so erhaben war der Blick ihrer schönen blauen Augen,

so majestätisch ihre Stirne, so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen

den schönen dunklen Bogen der Brauen. Er hatte oft und viel darüber

nachgedacht, in was denn der Zauber bestehe, der ihn so unwiderstehlich

fessele? Die Ulmer Mädchen hatten frischere Wangen, lebhaftere Augen,

ein schalkhafteres Lächeln und den fröhlichen, frischen Glanz einer

heitern Jugend. Und dennoch war Marie unter ihnen gestanden, still und

groß wie eine Königin. War es vielleicht der dunkle Schleier ihrer

Wimpern, der sich oft mit unnennbarem Reiz über das Auge herabsenkte,

um das Geheimnis einer stillen Träne zu verhüllen? Waren es die feinen,

geschlossenen Lippen, von süßer Wehmut umlagert? War es der zarte

Wechsel der Farben auf ihren Zügen, die bald nur gebietende Hoheit

auszustrahlen, bald das reizende Geheimnis leidender Liebe zu verraten

schienen? Berthas Heiterkeit, Berthas fröhliche, neckende Gunst hatte

dieses ernstere Bild längst aus seinem Herzen verdrängt, und doch

fühlte der arme Herr Dietrich die alte Wunde wieder bluten, als das

Fräulein von Lichtenstein sich nahte. Aber welcher unbekannten Macht

sollte er es zuschreiben, daß Mariens Züge einen ganz andern Ausdruck

gewonnen hatten? Wohl lag noch eine hohe Würde in ihrer Haltung, auf

ihrer Stirne, aber in ihren Augen glühte eine stille Freude, ihr Mund

lächelte und scherzte, auf ihren Wangen waren die schönsten Rosen

aufgeblüht. Sprachlos hatte Dietrich von Kraft diese Erscheinung

angestarrt, und jetzt erst wurde er auch von dem alten Ritter bemerkt.

»Seh' ich recht,« rief dieser, »Dietrich Kraft, mein Neffe! Was führt

denn dich nach Stuttgart, kommst du etwa zur Hochzeit meiner Tochter

mit Georg von Sturmfeder? Aber wie siehst du aus? Was fehlt dir doch?

Du bist so bleich und elend, und deine Kleider hängen dir in Fetzen vom

Leibe!«

Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbene Mäntelein und

errötete. »Weiß Gott,« rief er, »ich kann mich vor keinem ehrlichen

Menschen sehen lassen! Diese verdammten Württemberger, diese

Weingärtner und Schusterjungen haben mich so zerfetzt. Aber wahrhaftig!

der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person angegriffen und

beleidigt!«

»Ihr dürft froh sein, Vetter! daß Ihr so davon gekommen seid,« sagte

Georg, indem er die Angekommenen in sein Gemach einführte; »bedenket,

Herr Vater, gestern nacht, als wir vor den Toren standen, hielt er

Reden an die Bürger, um sie aufzuwiegeln gegen uns. Da hat ihn heute

früh der Kanzler wollen köpfen lassen. Mit großer Mühe bat ich ihn los,

und jetzt klagt er die Württemberger wegen seines zerfetzten Mänteleins

an.«

»Mit gnädiger Erlaubnis,« sagte Frau Rosel und verbeugte sich dreimal

vor dem Ratsschreiber, »wenn Ihr meine Hilfe annehmen wollt, so

will ich den Mantel flicken, daß es eine Lust ist. Da geht's wie im

Sprichwort: ›Hat der Junge den Rock zerrissen, hat der Alt' ihn flicken

müssen.‹«

Herrn Dietrich war diese Hilfe sehr angenehm. Er bequemte sich, zu

der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich seine Gewänder zurecht

richten zu lassen. Sie zog aus ihrer großen Ledertasche Zwirn von

allen Farben und machte sich an die Wunden, die ihm die Württemberger

geschlagen hatten. Sie unterhielt ihn dabei mit ergötzlichen Reden von

der Haushaltung und der Zubereitung verschiedener Speisen, die in Frau

Sabinas Kochregister nicht vorgekommen waren. Entfernt von diesem Paar,

um die ganze Breite des Zimmers, saßen Georg und Marie im traulichen

Flüstern der Liebe. Weder der gelehrte Johannes Thetingerus, noch ein

Johannes Bezius, weder Gabelkofer noch Crusius, so wichtige Kunde wir

ihnen über diese Zeiten verdanken, melden uns, was diese beiden an

jenem Morgen zusammen flüsterten; nur so viel können wir berichten,

daß eine süße Ruhe auf Mariens Zügen lag, daß sie die schönen Augen

bald freudig aufschlug, bald verschämt wieder senkte, daß sie bald

lächelte, bald tief errötete und manche Frage des Geliebten mit Küssen

zurückdrängte.

Der Leser wird es uns Dank wissen, wenn wir ihn von einer Szene, die

so wenig historischen Grund und Boden, also nach neueren Begriffen

auch keinen Wert hat, hinweg führen und den Schritten des Ritters von

Lichtenstein folgen. Er hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs,

seinen Neffen unter der kunstreichen Hand der Frau Rosalie gelassen und

schritt nun den Gemächern des Herzogs zu. Seine Züge, welchen Alter

und Erfahrung einen sinnenden Ernst eingedrückt hatten, erschienen

in dieser Stunde noch ernster -- beinahe traurig. Dieser Mann hatte

von seinen Vätern die Liebe zum Hause Württemberg geerbt, Gewohnheit

und Neigung hatten ihn an die Regenten gefesselt, die während seines

langen Lebens über Württemberg geherrscht hatten, und das Unglück und

die Verleumdung, welche auf Ulrich unablässig hereinstürmten, hatten

das Herz des alten Herrn nicht von diesem Herzog losreißen können,

sie fesselten ihn nur mit noch stärkeren Banden. Mit der Freude eines

Bräutigams, der zur Hochzeit zieht, mit der Kraft eines Jünglings hatte

er den weiten und beschwerlichen Weg von seinem Schloß nach Stuttgart

zurückgelegt, als man ihm gemeldet hatte, daß der Herzog Leonberg

erobert habe und auf Stuttgart zu ziehe. Keinen Augenblick zweifelte er

an dem Siege des Herzogs, und so traf es sich, daß er schon am andern

Morgen der neuen Herrschaft Ulrichs nach Stuttgart kam.

Nicht so fröhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg mitteilte,

als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. »Der Herzog,« hatte

ihm jener zugeflüstert, »der Herzog ist nicht so, wie er sollte;

Gott weiß, was er mit seinem Lande machen will; er hat unterwegs

sonderbare Reden fallen lassen, und ich fürchte, er ist nicht in

den besten Händen. Der Kanzler Ambrosius Volland --« dieser einzige

Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenstein große Besorgnisse

aufzuregen. Er kannte diesen Volland, er wußte, daß er zwar gelehrt, in

allen Regierungsgeschäften überaus wohl erfahren, zu jedem, auch dem

schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei, der zum wenigsten

schon öfter ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel gespielt habe.

»Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er nur seine

Ratschläge befolgt, dann sei Gott gnädig. Dem Ambrosius ist das

Land ein Stück Leder, das man nach Willkür handhaben kann, er wird

es zurechtschneiden wollen zu einem Koller für den Herzog, und die

Abschnipfel für sich behalten. Aber, wie Frau Rosel zu sagen pflegt:

Zerschneiden kann jeder Narr, aber wie zusammennähen?« So sprach der

alte Herr von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging; er

streichelte unmutig seinen langen, weißen Bart, und seine Augen glühten

vom Eifer für die gute Sache Württembergs.

Er wurde sogleich vorgelassen und traf den Herzog in großer Beratung

mit Ambrosius. Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in der

einen Hand, in der andern hielt er ein Pergament, das mit schwarzer,

roter und blauer Tinte in vielen zierlichen Schnörkeln beschrieben war.

Der Herzog spielte mit einem großen Sigill, das er in der Hand hielt;

er schien mit sich zu kämpfen, er sah bald seinen Kanzler durchdringend

an, bald heftete sich sein Blick wieder auf das Sigill. Sie waren

beide so vertieft, daß Lichtenstein einige Minuten im Zimmer stand,

ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit großer Teilnahme

die edlen Züge Ulrichs von Württemberg. Er sah, wie auf seiner Stirne,

in seinen sprechenden Augen so verschiedene Empfindungen wechselten.

Bald runzelte sich seine Stirne, seine Augenbrauen zuckten, sein Auge

rollte, dann glätteten sich diese Falten, aus seinen Blicken strahlte

nur ein tiefer Ernst, der in Nachdenken überging, und oft schien ein

Anflug von Güte den strengen Ausdruck seiner Züge zu mildern. Aber der

im gelben Mäntelein, mit der Schwanenfeder in der Hand, stand wie der

Versucher vor ihm! Er wand und drehte sich vor ihm wie die Schlange im

Paradies, und das ewig stehende Lächeln, der Ausdruck von Ehrlichkeit,

den er seinen grünen Aeuglein zu geben wußte, wenn ihn sein Herr scharf

ansah, sollten einladen, den Apfel anzubeißen.

»Ich kann nicht begreifen,« sprach er mit heiserer, feiner Stimme,

»warum Ihr es nicht tun möget. Hat wohl Cäsar so lange gezaudert, als

er über den Rubikon ging? Ein großer Mann hat große Mittel nötig, und

die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preisen, daß Ihr diese Fesseln

von Euch geworfen.«

»Weißt du dies so gewiß, Ambrosius Volland?« entgegnete der Herzog,

indem er ihn düster anblickte. »Man wird sagen: ›Herzog Ulrich war ein

Tyrann. Er hat die alte Ordnung umgestoßen, die seinen Vätern heilig

war, er hat den Vertrag, den er selbst aufgerichtet, gebrochen, er hat

sein Land wie ein fremdes behandelt, er hat die Gesetze nicht gehalten,

die‹ --«

»Erlaubet,« unterbrach ihn jener, »es kommt nur allein auf die Frage

an: Wer ist Herr? Der Herzog oder das Land? Wenn das Land Herr ist,

dann ist's was anderes, dann freilich sind allerlei Pakten, Verträge,

Klauseln und dergleichen nötig. Die Ritterschaft, die Prälaten und

die Landschaft sind dann Meister, und Euer Durchlaucht -- nun, sind

dann der, welcher den Namen dazu hergibt. Seid Ihr aber, was man so

eigentlich Herr nennt, dann seid _Ihr_ es auch, der Gesetze gibt. Jetzt

habt Ihr das Heft in der Hand, jetzt noch seid Ihr Herr und Meister.

Drum fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues -- da, nehmt in

Gottes Namen die Feder, unterzeichnet!«

Der Herzog stand noch eine Weile unschlüssig, seine Wangen glühten,

seine ganze Gestalt richtete sich höher auf, aber sein Auge haftete

noch am Boden. Jetzt schlug er es auf, und es blitzte vom Gefühl

seiner Würde. »Ich heiße Württemberg,« sagte er, »_ich_ bin das Land

und das Gesetz -- ich unterschreibe.« Er streckte die Rechte aus, die

Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu empfangen, aber mit

sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und

weggezogen. Erstaunt sah er sich um und blickte in die ruhigen, aber

ernsten Züge des Ritters von Lichtenstein.

»Ha! Willkommen!« rief er, »mein getreuer Lichtenstein! Sogleich steh'

ich Euch Rede, lasset mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 24 / 32 段