Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben

Stunde ergangen sein. Bald war die Frist abgelaufen, die er ihr

gegeben hatte, und noch immer war keine Antwort da; man hörte nur ein

ängstliches Hin- und Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder gute

noch böse Zeichen deuten konnte.

Der Herzog ritt zu den Landsknechten vor, die erwartungsvoll auf ihren

Hellebarden und Donnerbüchsen lehnten. Die drei Ritter, welche sie

führten, standen am Graben und hielten durch ihre Anwesenheit die

Knechte in Ruhe und Ordnung. Beim Schein des Mondes betrachtete Georg

ängstlich Ulrichs Züge. Die Ader auf seiner Stirne war aufgelaufen,

eine tiefe Röte lag auf seinen Wangen, und seine Augen brannten in

düsterer Glut.

»Hewen! Laßt Leitern anschleppen!« sagte er mit dumpfer Stimme. »Der

Donner und das Wetter! Es ist mein eigen Haus, vor dem ich stehe, und

die Hunde wollen mich nicht einlassen. Ich laß noch einmal blasen,

machen sie dann nicht sogleich auf, so schmeiß' ich Feuer in die Stadt,

daß ihre Käfige zusammenbrennen.«

»~Bassa manelka~, waz mich daz freut!« sagte der lange Peter, der in

der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden:

»Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit den

Hellebarden über die Mauer gestochen, daß die Kerl' heruntermüssen, mit

den Büchsen dreingepfeffert, ~canto cacramento~!«

»Dat will ik meenen!« flüsterte der Magdeburger, »und dann hinunter in

die Stadt, angezündet an den Ecken, geplündert, gebürstet, da will ik

man ooch bei sin.«

»Um Gottes willen, Herr Herzog,« rief Georg von Sturmfeder, welcher

die Reden des Herzogs und die greuliche Freude der Landsknechte wohl

vernommen hatte; »wartet nur noch ein kleines Viertelstündchen, es ist

ja Eure eigene Residenzstadt. Sie beraten sich vielleicht noch.«

»Was haben sie sich lange zu beraten?« entgegnete Ulrich unwillig. »Ihr

Herr ist hier außen vor dem Tore und fordert Einlaß. Ich habe schon zu

lange Geduld gehabt. Georg! Breite mein Panier aus im Mondschein, laß

die Trompeter blasen, fordere die Stadt zum letztenmal auf! Und wenn

ich dreißig zähle nach deinem letzten Wort, und sie haben noch nicht

aufgemacht, beim heiligen Hubertus, so stürmen wir. Spute dich, Georg!«

»O Herr! Bedenket, eine Stadt, Eure beste Stadt! Wie lange habt Ihr in

diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal aufrichten?

Gebt noch Frist!«

»Ha!« lachte der Herzog grimmig und schlug mit dem Stahlhandschuh auf

den Brustharnisch, daß es weithin tönte durch die Nacht, »ich sehe,

dich gelüstet nicht sehr, in Stuttgart einzuziehen und dein Weib zu

verdienen. Aber bei meiner Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von

Sturmfeder. Schnell ans Werk! Ich sag', roll' mein Panier auf! Blast,

Trompeter, blast! Schmettert sie auf aus dem Schlaf, daß sie merken,

ein Württemberger ist vor dem Tor und will trotz Kaiser und Reich in

sein Haus. Ich sag', fordere sie auf, Sturmfeder!«

Georg folgte schweigend dem Befehl. Er ritt bis dicht vor den Graben

und rollte das Panier von Württemberg auf. Die Strahlen des Mondes

schienen es freundlich zu begrüßen, sie beleuchteten es deutlich und

zeigten seine Felder und Bilder. Auf einer großen Fahne von roter Seide

war Württembergs Wappen eingewoben. Der Schild zeigte vier Felder. Im

ersten waren die württembergischen Hirschhörner angebracht, im zweiten

die Würfel von Teck, im dritten die Reichssturmfahne, die dem Herzog

als Reichsbannerträger zukam, und im vierten die Fische von Mömpelgard,

der Helm aber trug die Krone und das Uracher Jägerhorn. Der junge

Mann schwenkte das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter

ritten neben ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die

verschlossene Pforte.

Im Tore öffnete sich ein Fenster; man fragte nach dem Begehr. Georg

von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: »Ulrich, von Gottes Gnaden

Herzog zu Württemberg und Teck, Graf zu Urach und Mömpelgard, fordert

zum zweiten- und letztenmal seine Stadt Stuttgart auf, ihm willig und

sogleich die Tore zu öffnen; widrigenfalls wird er die Mauer stürmen

und die Stadt als feindlich ansehen.«

Noch während Georg dieses ausrief, hörte man das verworrene Geräusch

vieler Tritte und Stimmen in der Stadt, es kam näher und näher und

wurde zum Tumult und Geschrei.

»Gott straf' mein' Zeel', zie machen einen Auzfall!« sagte der lange

Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden.

»Du könntest recht haben,« erwiderte dieser, indem er sich plötzlich

zu dem erschrockenen Landsknecht wandte. »Schließt dichter an, streckt

die Piken vor und haltet die Lunten bereit. Wir wollen sie empfangen

nach Verdienst.«

Die ganze Linie zog sich vom Graben zurück, nur die drei ersten

Fähnlein stellten sich da, wo die Zugbrücke sich ans Land legen mußte,

auf. Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff entgegen, und die

Schützen hatten die Donnerbüchsen aufgelegt und hielten die Lunten

über dem Zündloch. Tiefe Stille der Erwartung war auf dieser Seite,

desto brausender drang der Lärm aus der Stadt herüber. Die Brücke fiel

herab, aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall herüberdrangen,

sondern drei alte, graue Männer kamen aus dem Tor; sie trugen das

Wappen der Stadt und die Schlüssel.

Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu. Georg folgte

ihm und betrachtete diese Uebergabe. Zwei dieser Männer schienen

Ratsherren oder Bürgermeister zu sein. Sie beugten das Knie vor dem

Herrn und überreichten ihm die Zeichen ihrer Unterwerfung. Er gab

sie seinen Dienern und sagte zu den Bürgern: »Ihr habt uns etwas

lange warten lassen vor der Türe. Wahrhaftig, wir wären bald über die

Mauer gestiegen und hätten eigenhändig eure Stadt zu unserem Empfang

beleuchtet, daß euch der Rauch die Augen hätte beizen sollen. Der

Teufel! Warum ließet ihr so lange warten?«

»O Herr!« sagte einer der Bürger. »Was die Bürgerschaft betrifft, die

war gleich bereit, Euch aufzutun. Wir haben aber etliche vornehme

Herren vom Bunde hier, die hielten lange und gefährliche Reden an das

Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln. Das hat so lange verzögert.«

»Ha! Wer sind diese Herren? Ich hoffe nicht, daß ihr sie habt entkommen

lassen! Mich gelüstet, ein Wort mit ihnen zu sprechen.«

»Bewahre, Euer Durchlaucht! Wir wissen, was wir unserm Herrn schuldig

sind. Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden. Befehlt Ihr, daß

wir sie bringen?«

»Morgen früh ins Schloß! Will sie selbst verhören; schicket auch den

Scharfrichter; werde sie vielleicht köpfen lassen.«

»Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!« sprach hinter den beiden

Bürgern eine heisere, krächzende Stimme.

»Wer spricht da mir ins Wort?« fragte der Herzog und schaute sich um;

zwischen den beiden Bürgern heraus trat eine sonderbare Gestalt. Es war

ein kleiner Mann, der den Höcker, womit ihn die Natur geziert hatte,

unter einem schwarzen, seidenen Mantel schlecht verbarg. Ein kleines

spitziges Hütlein saß auf seinen grauen schlichten Haaren, tückische

Aeuglein funkelten unter buschigen, grauen Augenbrauen, und der dünne

Bart, der ihm unter der hervorspringenden Adlernase hing, gab ihm das

Ansehen eines sehr großen Katers. Eine widerliche Freundlichkeit lag

auf seinen eingeschrumpften Zügen, als er vor dem Herzog das Haupt zum

Gruß entblößte, und Georg von Sturmfeder faßte einen unerklärlichen

Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem Mann gleich beim ersten

Anblick.

Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: »Ha! Ambrosius

Volland, unser Kanzlar! Bist du auch noch am Leben? Hättest zwar früher

schon kommen können, denn du wußtest, daß wir wieder ins Land dringen

-- aber sei uns deswegen dennoch willkommen.«

»Allerdurchlauchtigster Herr!« antwortete der Kanzler Ambrosius

Volland, »bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, daß ich

beinahe nicht aus meiner Behausung kommen konnte; verzeihet daher,

Euer --«

»Schon gut, schon gut!« rief der Herzog lachend. »Will dich schon

kurieren vom Zipperlein. Komm morgen früh ins Schloß; jetzt

aber gelüstet uns, Stuttgart wiederzusehen. Heran, mein treuer

Bannerträger!« wandte er sich mit huldreicher Miene zu Georg. »Du hast

treulich Wort gehalten, bis an die Tore von Stuttgart. Ich will's

vergelten. Bei St. Hubertus, jetzt ist die Braut dein nach Recht und

Billigkeit. Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie aufpflanzen auf

meinem Schloß und jenes bündische Banner in den Staub treten! Gemmingen

und Hewen, Ihr seid heute nacht noch meine Gäste; wir wollen sehen, ob

uns die Herren vom Schwabenbund noch ein Restchen Wein übrig gelassen

haben!«

So ritt Herzog Ulrich, umgeben von den Rittern, die seinem Zuge gefolgt

waren, wieder in die Tore seiner Residenz. Die Bürger schrieen Vivat,

und die schönen Mädchen verneigten sich freundlich an den Fenstern zum

großen Aergernis ihrer Mütter und Liebhaber; denn alle dachten, diese

Grüße gelten dem schönen jungen Ritter, der des Herzogs Banner trug

und, beleuchtet vom Fackelschein, wie St. Georg, der Lindwurmtöter,

aussah.

29.

O Burg, von Geistern tapfrer Ahnen,

Die tatenfreudig hier gelebt,

Und wackrer Fürsten Ruhm umschwebt,

O, deren Bild mit frommem Mahnen

Sich in des Nahen Bilder webt.

_Ph. Conz._

Das alte Schloß zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von Sturmfeder

am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz die Gestalt,

wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, denn dieses Gebäude wurde

erst von Ulrichs Sohn, Herzog Christoph, aufgeführt. Das Schloß der

alten Herzoge von Württemberg stand übrigens an derselben Stelle und

war in Plan und Ausführung nicht sehr verschieden von Christophs Werk,

nur daß es zum größten Teil aus Holz gebaut war. Es war umgeben von

breiten und tiefen Gräben, über welche gegen Mitternacht eine Brücke

in die Stadt führte. Ein großer, schöner Vorplatz diente in früheren

Zeiten dem fröhlichen Hofe Ulrichs zum Tummelplatz für ritterliche

Spiele, und mancher Reiter wurde von des Herzogs eigener gewaltiger

Hand in den Sand geworfen. Die Zeichen dieses ritterlichen Sinnes

sprachen sich auch in andern Teilen des Gebäudes aus. Die Halle im

unteren Teile des Schlosses war hoch und gewölbt wie eine Kirche,

daß die Ritter in dieser »Tyrnitz« bei Regentagen fechten und Speere

werfen und sogar die ungeheuren Lanzen ungehindert darin handhaben

konnten. Von der Größe dieser fürstlichen Halle zeugt die Aussage der

Chronisten, daß man bei feierlichen Gelegenheiten dort oft zwei- bis

dreihundert Tische gedeckt habe. Von da führte eine steinerne Treppe

aufwärts, so breit, daß zwei Reiter nebeneinander hinaufreiten konnten.

Dieser großartigen Einrichtung des Schlosses entsprach die Pracht der

Zimmer, der Glanz des Rittersaales und die reichen, breiten Galerien,

die zum Tanz und Spiele eingerichtet waren.

Georg maß mit staunendem Auge diese verschwenderische Pracht der

Hofburg. Er verglich den kleinen Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen,

diesen Höfen, diesen Sälen; wie klein und gering kam es ihm vor! Er

erinnerte sich der Sage von der glänzenden Hofhaltung Ulrichs, von

seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in diesem Schloß siebentausend

Gäste aus allen Teilen des Deutschen Reiches speiste und tränkte, wo

in dem hohen Gewölbe der Tyrnitz und in dem weiten Schloßhofe einen

ganzen Monat lang Ritterspiel und Gelage gehalten wurden, und wenn der

Abend einbrach, hundert Grafen, Ritter und Edelleute mit Hunderten der

schönsten Damen in jenen Sälen und Galerien tanzten. Er blickte hinab

in den herrlichen Schloßgarten, das Paradies genannt. Seine Phantasie

bevölkerte diese Lustgehege und Gänge mit jenem fröhlichen Gewimmel

des fröhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter, mit den

festlich geputzten Fräulein, mit allem Jubel und Sang, der einst hier

erscholl. Aber wie öde und leer deuchten ihm diese Mauern und Gärten,

wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie verglich. Die

Gäste der Hochzeit, der glänzende, lustige Hof ist verschwunden, sprach

er zu sich, die fürstliche Gemahlin ist entflohen, der glänzende

Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich zerstreut, die Ritter und

Grafen, die einst hier schmausten und ein reiches Leben voll Spiel und

Tanz verlebten, sind von dem Fürsten abgefallen, die zarten Sprossen

seiner Ehe sind in fernen Landen -- er selbst sitzt einsam in dieser

herrlichen Burg, brütet Rache an seinen Feinden und weiß nicht, wie

lange er nur in dem Hause seiner Väter bleiben wird; ob nicht aufs neue

seine Feinde noch mächtiger heranziehen; ob er nicht noch unglücklicher

wird als je zuvor.

Vergebens strebte der Jüngling, diese trüben Gedanken, welche der

Widerspruch der Pracht seiner Umgebungen mit dem Unglück des Herzogs in

ihm erweckt hatte, zu unterdrücken. Vergebens rief er das Bild jenes

holden Wesens herauf, das er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte,

vergebens malte er sich sein häusliches Glück an ihrer Seite mit den

lockendsten, reizendsten Farben aus; jene trüben Bilder kehrten immer

wieder. Sei es, daß jener Mann durch die Erhabenheit, die er im Unglück

gezeigt hatte, einen so großen Raum in der Brust des Jünglings gewonnen

hatte, sei es, daß ihn die Natur in einzelnen Augenblicken mit einem

unwillkürlichen Gefühl der Ahnung begabte, er blieb sinnend und ernst,

und es war ihm, als sei der Herzog nichts weniger als glücklich, als

müsse er ihn vor irgend einem drohenden Unglück warnen.

»So überaus ernst, junger Herr?« fragte eine heisere Stimme hinter

ihm und weckte ihn aus seinen Gedanken. »Ich dächte doch, Georg von

Sturmfeder hätte alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!«

Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab -- auf den

Kanzler Ambrosius Volland. War ihm dieser Mann schon gestern durch

seine widrige Freundlichkeit, durch sein katerhaftes schleichendes

Wesen unangenehm aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall,

da der Kanzler durch überladenen Putz seine Mißgestalt noch mehr

herausgehoben hatte. Sein dunkelgelbes, verwittertes Antlitz, mit

dem ewigen stehenden Lächeln, die grünen Aeuglein unter den langen,

grauen Wimpern, die roten entzündeten Ränder der Augenlider, der dünne

Katzenbart stachen grell ab gegen ein rotes Barett von Samt und gegen

einen Mantel von hellgelber Seide, der über den Höcker des kleinen

Mannes hinabfloß. Unter diesem trug er einen grasgrünen Anzug, rosenrot

ausgeschlitzt, und rosenrote Kniebänder mit ungeheuren Maschen. Sein

Kopf stak in den Schultern, und das rote Barett stieß hinten sogleich

auf den Höcker auf. Der Scharfrichter von Stuttgart pflegte daher zu

sagen, unter allen Menschen, die er kenne, sei niemand schwerer zu

köpfen als der Kanzler Ambrosius Volland.

Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit süßem Lächeln

hinaufsah und, da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen

fortfuhr: »Ihr kennet mich vielleicht nicht, wertgeschätzter junger

Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, Sr. Durchlaucht Kanzler. Ich

komme, um Euch einen guten Morgen zu wünschen.«

»Ich danke Euch, Herr Kanzler. Viele Ehre für mich, wenn Ihr Euch

deswegen herbemühtet.«

»Ehre, wem Ehre gebühret! Ihr seid der Ausbund und die Krone unserer

jungen Ritterschaft! Ja, wer meinem Herrn so treu beigestanden ist in

aller Not und Fährlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten Dank

und meine absonderliche Verehrung.«

»Ihr hättet das wohlfeiler haben können, wenn Ihr mitgezogen wäret

nach Mömpelgard,« erwiderte Georg, den die Lobsprüche dieses Mannes

beleidigten. »Treue muß man nie loben, eher Untreue schelten.«

Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grünen Augen des

Kanzlers, aber er faßte sich schnell wieder zur alten Freundlichkeit.

»Jawohl, das mein' ich auch. Was mich betrifft, so lag ich am

Zipperlein hart danieder und konnte also nicht wohl nach Mömpelgard

reisen, werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das mir der Himmel

verliehen, dem Herrn desto tätlicher zur Hand gehen.«

Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten; aber

der Jüngling schwieg und maß ihn nur hin und wieder mit einem Blick,

den er nicht recht ertragen konnte. »Nun, Euch wird die Freude erst

recht angehen. Der Herzog hält erstaunlich viel auf Euch! Natürlich,

Ihr verdient es auch im höchsten Grad, und der Herzog hat seinen

Liebling gut gewählt. Wollet doch erlauben, daß Ambrosius Volland Euch

auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige. Seid Ihr Freund von schönen

Waffen? Kommet in meine Behausung auf dem Markt, wählet Euch aus meiner

Armatur, was Euch beliebt. Vielleicht dienen Euch schöne Bücher, habe

einen ganzen Kasten voll; wählet Euch aus, was Ihr wollet, wie es unter

Freunden gebräuchlich. Esset auch zuweilen bei mir zu Mittag; meine

Base, ein feines Kind von siebzehn Jahren, hält mir Haus. Sehet ihr

nur, hi, hi, hi -- sehet ihr nur nicht zu tief in die Augen.«

»Seid ohne Sorgen, bin schon versehen.«

»So? Ei, das ist recht christlich gedacht; das muß ich loben. Man

trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen

Jugend. Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das ist ein Ausbund

von Tugenden. Nun, was ich noch sagen wollte, wir sind bis jetzt so

miteinander die einzigen von des Herzogs Hofstaat; stehen wir zusammen,

so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen. Verstehet mich schon!

hi, hi, eine Hand wäscht die andere. Darüber läßt sich noch sprechen.

Ihr beehret mich doch zuweilen mit einem Besuche?«

»Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler.«

»Würde mich gerne noch länger bei Euch aufhalten, denn in Eurer

Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz; muß aber jetzt zum Herrn. Er

will heute früh Gericht halten über die zwei Gefangenen, die gestern

nacht das Volk aufwiegeln wollten. Wird was geben, der Beltle ist schon

bestellt.«

»Der Beltle?« fragte Georg, »wer ist er?«

»Das ist der Scharfrichter, wertgeschätzter junger Freund.«

»Ich bitte Euch! der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner neuen

Regierung mit Blut beflecken wollen!«

Der Kanzler lächelte greulich und antwortete: »Was das wieder Eurem

fürtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum Blutrichter taugt Ihr nicht.

Man muß ein Exempel statuieren. Der eine,« fuhr er mit zarter Stimme

fort, »der eine wird geköpft, weil er von Adel ist, der andere wird

gehängt. Behüt' Euch Gott, Lieber!«

So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten

die Galerie entlang den Gemächern des Herzogs zu. Georg sah ihm mit

düsteren Blicken nach. Er hatte gehört, daß dieser Mann früher durch

seine Klugheit, vielleicht auch durch unerlaubte Künste großen Einfluß

auf Ulrich gewonnen hatte. Er hatte den Herzog selbst oft mit großer

Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen hören; aber

er wußte nicht warum, er fürchtete für den Herzog, wenn er sich dem

Kanzler vertraue, er glaubte Tücke und Falschheit in seinen Augen

gelesen zu haben.

Er sah gerade den Höcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke

schweben, als eine Stimme neben ihm flüsterte: »Trauet dem Gelben

nicht!« Es war der Pfeifer von Hardt, der sich unbemerkt an seine Seite

gestellt hatte.

»Wie? Bist du es, Hans?« rief Georg und bot ihm freundlich die Hand:

»Kommst du ins Schloß; uns zu besuchen? Das ist schön von dir, bist mir

wahrhaftig lieber als der mit dem Höcker. Aber was wolltest du mit dem

Gelben, dem ich nicht trauen solle?«

»Das ist eben der mit dem Höcker, der Kanzler, der ist ein falscher

Mann. Ich habe auch den Herzog verwarnt, er soll nicht alles tun, was

er ihm rät; aber er wurde zornig, und -- es mag wahr sein, was er

sagte.«

»Was sagte er denn? Hast du ihn heute schon gesprochen?«

»Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach

Hardt zu Weib und Kind. Der Herr war erst gerührt und erinnerte sich an

die Tage seiner Flucht und sagte, ich solle mir eine Gnade ausbitten.

Ich aber habe keine verdient, denn was ich getan, ist eine alte Schuld,

die ich abgetragen. Da sagte ich, weil ich nichts anders wußte, er

soll mich meinen Fuchs frei schießen lassen und es nicht strafen als

Jagdfrevel. Des lachte er und sprach: das könne ich tun, das sei

aber keine Gnade; ich solle weiter bitten. Da faßte ich ein Herz und

antwortete: ›Nun, so bitt' ich, Ihr möget dem schlauen Kanzler nicht

allzuviel trauen und folgen; denn ich meine, wenn ich ihn sehe, er

meint es falsch.‹«

»So geht es mir gerade auch,« rief Georg. »Es ist, als wolle er mir die

Seele ausspionieren mit den grünen Augen, und ich wette, er meint es

falsch. Aber was gab dir der Herzog zur Antwort?«

»›Das verstehst du nicht,‹ sagte er und wurde bös. ›In Klüften und

Höhlen magst du wohl bewandert sein, aber im Regiment kennt der Kanzler

die Schliche besser als du.‹ Kann sein, ich habe unrecht, und es soll

mir lieb sein um den Herzog. Nun lebet wohl, Junker, Gott sei mit Euch!

Amen.«

»Und wolltest du also gehen? Wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit

bleiben? Ich erwarte den Vater und das Fräulein heute. Bleibe noch ein

paar Tage. Du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht fehlen!«

»Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit eines Ritters?

Zwar könnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und auch eines

aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun andere ebensogut als ich, und

mein Haus verlangt nach mir.«

»Nun, so lebe wohl! Grüße mir dein Weib und Bärbele, dein schmuckes

Töchterlein, und besuche uns fleißig auf Lichtenstein. Gott sei mit

dir!«

Dem Jüngling hing eine Träne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum

Abschied bot, denn er hatte in ihm einen kräftigen, biedern Mann,

einen treuen Diener seines Fürsten, einen mutigen Genossen in Gefahren

und einen heitern Gesellen im Unglück erkannt. Wohl schwebte ihm

noch manche Frage über das geheimnisvolle Walten dieses Mannes, über

seine wunderbare Anhänglichkeit an den Herzog auf den Lippen; aber

er unterdrückte sie, überwältigt von jener unerklärlichen Macht, von

jener natürlichen Größe und Würde, welche den Pfeifer von Hardt auch im

unscheinbaren Gewand des Bauers umgab.

»Noch eins!« rief Hans, als er eben nach dem letzten Händedruck

des Junkers scheiden wollte. »Wisset Ihr auch, daß Euer ehemaliger

Gastfreund und zukünftiger Vetter, Herr von Kraft, hier ist?«

»Der Ratsschreiber? Wie sollt' der hieher kommen? Er ist ja bündisch!«

»Er ist hier und nicht gerade im anmutigsten Klosett, denn er sitzt

gefangen. Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs,

soll er für den Bund öffentlich gesprochen haben.«

»Gott im Himmel! Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber? Da muß ich

schnell zum Herzog, er richtet schon über ihn, und der Kanzler will ihn

köpfen lassen. Gehab' dich wohl!«

Mit diesen Worten eilte der Jüngling den Korridor entlang zu den

Gemächern des Herzogs. Er war in Mömpelgard zu allen Tageszeiten zum

Herzog gegangen, daher machten ihm auch jetzt die Türhüter ehrerbietig

Platz. Er trat hastig in das Gemach. Der Herzog sah ihn verwundert und

etwas unwillig an, der Kanzler aber hatte das ewige süße Lächeln wie

eine Larve vorgehängt.

»Guten Morgen, Sturmfeder!« rief der Herzog, der in einem grünen,

goldgestickten Kleide, den grünen Jagdhut auf dem Kopf, am Tische saß.

»Hast du gut geschlafen in meinem Schlosse? Was führt dich schon so

früh zu Uns? Wir sind beschäftigt.«

Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer

umhergestreift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke

gefunden. Er war blaß wie der Tod, sein sonst so zierliches Haar hing

in Verwirrung herab, und ein rosenfarbnes Mäntelein, das er über ein

schwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerrissen. Er warf einen rührenden

Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum Himmel, als wollte

er sagen: »Mit mir ist's aus!« Neben ihm standen noch einige Männer

und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon gesehen zu haben sich

erinnerte. Die Gefangenen wurden von Peter, dem tapferen Magdeburger

und dem Staberl aus Wien bewacht. Sie standen mit ausgespreizten

Beinen, die Hellebarden auf den Boden gestemmt, kerzengerade auf ihrem

Posten.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 23 / 32 段