Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine

Musterung über das neugeworbene Heer zu halten. Der dumpfe Schall

der ungeheuren Trommeln tönte durchs Tal und weckte die Schläfer

aus ihrer Ruhe. Noch schien Frondsbergs kriegerischer Geist und

sein strenger Ordnungssinn über ihnen zu schweben, denn in wenigen

Augenblicken hatten sie sich zu drei großen Kreisen gebildet, die je

aus vier Fähnlein bestanden. Einem Auge, das an die schnelle taktmäßige

Bewegung, die schöne Haltung und die gleiche Farbe der Regimenter

unserer Zeit gewöhnt ist, möchte wohl jener Anblick überraschend,

ja lächerlich erschienen sein. Die Landsknechte waren nach ihrem

Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein wenig

Gleichförmigkeit in ihren Anzug gebracht. Sie trugen gewöhnlich enge

Wämser von Leder oder auch Lederwesten mit Aermeln von grobem Tuch. Die

Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die, am Knie zugebunden,

durch ihre Litzenschwere noch etwas tiefer herunterhingen. Die vollen

Waden umgaben grobe Strümpfe von hellen Farben, und die Füße waren

mit groben Bundschuhen von ungefärbtem Leder bekleidet. Ein Hut, eine

Tuch- oder Ledermütze, eine erbeutete oder für eigene Rechnung gekaufte

Blechhaube bedeckte den Kopf, und die bärtigen Gesichter dieser

Männer, die oft zwanzig Jahre unter allen Heeren und Himmelsstrichen

Europas dienten, hatten einen kühnen, martialischen Ausdruck. Ihre

Bewaffnung bestand in einem langen Dolch und einer Hellebarde; ein Teil

war auch mit Donnerbüchsen bewaffnet, die man mit Lunten losbrannte.

So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fuß an Fuß geschlossen,

wie ein festes Bollwerk, und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der

Anblick dieser kampfgeübten Männer, die wohl zu wissen schienen, daß

sie vereinzelt nichts, aber in Massen verbunden auch einer zahlreichen

Schar von Feinden furchtbar seien.

Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort ihrer

früheren Anführer wohl im Gedächtnis behalten. Sie traten daher mit dem

jungen Ritter in einen dieser Kreise, und der tiefe, weit tönende Baß

des langen Peters befahl: »Gebt acht, ihr Leute! Kehrt euch um!«

Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen nun

die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs

von Württemberg auseinandersetzten. Ein freudiges Gemurmel zeigte, daß

sie mit diesen Bedingungen zufrieden seien und Ulrich von Württemberg

so eifrig dienen wollten, als sie vorher gegen ihn gedient hatten.

Die Hauptleute ließen jetzt auch einige Uebungen machen, und Georg

bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte und glaubte fest,

man werde es in der Kriegskunst auf Erden schwerlich noch viel weiter

bringen. Er täuschte sich! Doch sein Irrtum ist so verzeihlich als

jener unserer Großväter, welche die Heroen des großen Friedrich für

unübertrefflich hielten und den gottlosen Spott ihrer Enkel über Zopf-

und Gamaschendienst nicht ahneten. Und wird nicht eine Zeit kommen, wo

man auch über die guten alten Zeiten von 1829 lächeln wird? Freilich,

so schlanke Taillen wie heutzutage sah man bei den Landsknechten und

ihren Hauptleuten Anno 1519 nicht. Doch hätten jene martialischen

Figuren einem ganzen heutigen Heere mit Normalbärten aushelfen können.

Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, daß man unten im Tale,

von der Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man

das Ohr auf die Erde lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu

vernehmen.

»Das ist der Herzog,« rief Georg, »führt mein Pferd vor, ich will ihm

entgegenreiten.«

Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die Hauptleute

und ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und

Gewandtheit, mit welcher er in der schweren Rüstung aufs Pferd

gesprungen war, lobten seinen Anstand und seine Haltung, so lange

sie ihn noch sehen konnten. Bald mischte sich sein Helmbusch mit den

Büschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte. Sie kamen

näher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um

die Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen

Anhöhe, und man konnte die ganze Schar übersehen. Der Pfeifer von Hardt

schaute mit blitzenden Augen in die Ferne. Seine Brust hob und senkte

sich, die Freude schien ihn des Atems zu berauben, sprachlos nahm er

den Obersten an der Hand und deutete auf die Reiterschar.

»Welcher ist der Herzog?« fragte dieser. »Ist'z der auf dem

Mohrenschimmel?«

»Nein, das ist der edle Herr von Hewen. Seht Ihr das Banner von

Württemberg? Wie, seh' ich recht? Bei Gott, der Junker von Sturmfeder

darf es tragen!«

»Daz ist eine große Ehre! Mordblei, ist erst fünfundzwanzig und darf

die Fahne tragen! In Frankreich darf das nur der Connetabel tun, der

erste Mann nach dem König Franz. Dort heißt man'z Ohrenflamme und ist

aus lauter Gold. Aber welcher ist der Herzog Ulrich?«

»Seht Ihr den im grünen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf dem

Helm? Er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er reitet

einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns -- seht, das ist

der Herzog.«

Die Reiterschar mochte ungefähr vierzig Pferde betragen. Sie bestand

meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine

Verbannung nachgezogen waren oder, von seinem Einfall benachrichtigt,

an der Grenze seines Landes sich an ihn angeschlossen hatten. Sie waren

alle wohlberitten und bewaffnet. Georg von Sturmfeder trug Württembergs

Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog. Als dieser Zug

jetzt den Landsknechten etwa auf zweihundert Schritte nahe war, erhob

der lange Peter seine Stimme und sprach: »Gebt acht, ihr Leut'! Wann

Zeine Durchlaucht nahe ist und ich meinen Hut vom Scheitel reiße, zo

schreiet: ›Vivat Ulericus!‹ Schwenket die Fähnlein in der Luft, und

ihr Trommler rasselt auf euren Fellen, daß euch das Donnerwetter!

Schlagt den Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung; ~Bassa manelka!~

Haut drauf, und wenn der Schlegel bricht -- zo begrüßen die tapferen

Landsknecht' einen Fürsten.«

Diese kurze Anrede tat ihre vollkommene Wirkung; die kriegerische

Schar murmelte das Lob des Herzogs, sie schüttelten ihre Hellebarden,

stampften ihre Büchsen klirrend auf den Boden, und die Trommler

faßten ihre Schlegel krampfhaft in die Hand, und als jetzt Georg von

Sturmfeder, der Bannerträger von Württemberg, ansprengte und hinter

ihm hoch zu Roß, erhaben wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit

kühnen, gebietenden Blicken Herzog Ulrich von Württemberg sich zeigte,

da entblößte der lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die Trommeln

rasselten wie zum Sturm einer Feste, die Fähnlein neigten sich zum

Gruß, und die Landsknechte riefen ein tausendstimmiges »Vivat Ulericus!«

Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte nicht

auf diese kriegerischen Grüße gehört, seine ganze Seele schien nur in

seinem Auge zu liegen, das trunken an seinem Herrn hing. Der Herzog

hielt den Rappen an, blickte um sich, und es war tiefe Stille unter den

vielen Menschen. Da trat der Bauer vor, kniete nieder, hielt ihm den

Bügel zum Absteigen und sprach: »Hie gut Württemberg allweg!«

»Ha! Bist du es, Hans, mein Geselle im Unglück, der mir den ersten Gruß

von Württemberg bringt? Meine Edeln habe ich hier erwartet, daß sie

mich begrüßen bei meinem ersten Schritt auf württembergischen Grund,

meinen Kanzlar und meine Räte. Wo sind die Hunde? Die Stände meiner

Landschaft, wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in der

Heimat? Ist keiner von allen da, mir den Bügel zu halten als der Bauer?«

Seine Begleiter drängten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn

also sprechen hörten. Sie wußten nicht, war es Ernst oder bitterer

Scherz über sein Unglück. Sein Mund schien zu lächeln, aber sein Auge

blitzte mutig, und seine Stimme klang ernst und befehlend. Sie sahen

einander wegen dieser düsteren Laune zweifelhaft an, aber der Pfeifer

von Hardt erwiderte seinem Fürsten: »Diesmal ist's nur der Bauer, der

Euch auf Württembergs Boden hilft, aber verachtet nicht ein treues Herz

und eine feste Hand. Die andern werden schon auch kommen, wenn sie

hören, daß der Herr Herzog wieder im Lande sei.«

»Meinst du,« sprach Ulrich bitter lachend, indem er sich vom Pferde

schwang, »sie werden auch kommen? Bis jetzt haben wir wenig Kunde

davon; aber ich will anklopfen an ihren Türen, daß sie merken sollen,

es ist der _alte_ Herr, der in sein Haus will!

Sind dies die Landsknechte, die mir dienen wollen?« fuhr er fort,

indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete; »sie sind nicht übel

bewaffnet und sehen männlich aus. Wieviel sind es?«

»Zwölf Fähnlein, Euer Durchlaucht,« antwortete der Oberst Peter, der

noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen den

ungarischen Bart zwirbelte. »Lauter geübte Leut'; Gott straf' mein'

Zeel', tut mir leid, wenn ich geflucht hab', der König in Frankreich

hat sie nicht besser.«

»Wer bist denn du?« fragte ihn der Herzog, der die große dicke Figur

mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute.

»Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz, man nennt mich den

langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter --«

»Was, Oberst! Diese Narrheit muß aufhören. Ihr mögt mir wohl ein

tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht. Ich

selbst will Euer Oberst sein, und zu Hauptleuten werde ich einige

meiner Ritter machen.«

»~Bassa manelk~ -- tut mir leid, wenn ich geflucht hab', aber erlaubt,

Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort: daz ist gegen unsern Pakt mit

dem Goldgülden monatlich und den vier Maaz Wein tagtäglich. Da steht

zum Beispiel der Ztaberl aus Wien, 'z gibt keinen Tapferen unter dem

Mond --«

»Schon gut, Alter, schon gut! Auf die Goldgülden und den Wein soll

mir's nicht ankommen. Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig

bekommen. Nur den Befehl müßt Ihr abgeben. Habt ihr Pulver und Kugeln?«

»Das will ich meenen!« sagte der Magdeburger, »wir haben noch von Euer

Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, das wir in Tübingen mitgenommen.

Wir haben Munition auf achtzig Schuß für den Mann.«

»Gut! Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, ihr teilt euch in die

Knechte, jeder nimmt sechs Fähnlein. Ihr da, die ihr euch Hauptleute

nennet, könnet bei den einzelnen Fähnlein bleiben und den beiden Herren

an die Hand gehen. Ludwig von Gemmingen, seid so gut und nehmet den

Oberbefehl über das Fußvolk. Jetzt geradesweges auf Leonberg. Freu'

dich, mein treuer Bannerträger,« sagte Ulrich, als er sich aufs Pferd

schwang, »so Gott will, ziehen wir morgen in Stuttgart ein.«

Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog fürder. Der lange Peter

stand noch immer unverrückt auf dem Platz, den Hut mit der stolzen

Hahnenfeder in der Hand, und schaute den Reitern nach.

»Daz ist einmal ein Fürst!« sprach er zu den Hauptleuten, die neben ihm

standen. »Waz der für eine gewaltige Stimme hat, und wie er greulich

mit den Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird. Hu, ich

meinte, er woll' mich mit Haut und Haar verschlucken, alz er mich

fragte: Wer bist denn du?«

»Mir wor's g'rod, wie wenn einer siedend Wasser über mein Leib schütten

tät. In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so g'waltig wie

der do!«

»Also Hauptleut' sind wer g'wesen,« sprach der Hauptmann Muckerle,

»_die_ Herrlichkeit hat nit lang dauert.«

»Narr! daz ist mir recht. Würde bringt Bürde, zagt ein Sprichwort,

die anderen haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben;

Diavolo, hat doch erst heute einer mich ausgelacht. Hat allez einen

besseren Schick, wenn'z die Herren anführen. Den Goldgülden und die

vier Maaz haben wir ja doch, und daz bleibt die Hauptsache.«

»Dat meen' ich ooch! und dat haben wer dem langen Peter tu verdanken.

Er soll leben!«

»Dank' schön; aber daz zag' ich, _der_ Herr wird dem Bund aufzünden,

Mordblei! Wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die

Städtler allein auz dem Land! Und zeine Räte und Kanzlar und die

Landschaft! Habt ihr gehört, wie greulich er über die geflucht hat? Ich

möcht' in keinez Haut stecken.«

Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gespräch dieser tapferen

Krieger. Diese Töne erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der

lange Peter war in seinen vielen Feldzügen so sehr an den Wechsel

von Glück und Unglück, von Hoheit und Niedrigkeit gewöhnt worden,

daß er über den Sturz seines Regiments nicht trauerte. Gelassen nahm

er die Hahnenfeder von dem großen Hut, legte die rote Schärpe und

den langen Hieber, die Zeichen seiner Würde, ab und ergriff eine

Hellebarde. »Gott straf' mein' Zeel', ez ist schwer für einen Kerl

wie ich, zwölf Fähnlein zu regieren,« sagte er, als er sich wieder

als guter Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte. »Aber

bei Sankt Petruz, dem trefflichen Landsknecht -- er muß jetzt auch

Oberst zein in den himmlischen Heerscharen ~Kyrie eleizon!~ -- der

Mensch muß allez probieren auf Erden.« Die Landsknechte schüttelten

ihm die Hand und bestätigten es. Es tat seinem tapferen Herzen wohl,

zu hören, er habe sein Kommando trefflich verwaltet. Die drei Ritter,

ihre Anführer, saßen auf und stellten sich zu ihren Fähnlein, die

Landsknechte richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch, und Ludwig

von Gemmingen ließ die Trommeln rühren zum Aufbruch.

28.

Erstiegen ist der Wall, wir sind im Lager!

Jetzt werft die Hülle der verschwiegnen Nacht

Von euch, die euren stillen Zug verhehlte,

Und macht dem Feinde eure Schreckensnähe

Durch lauten Schlachtruf kund!

_Schiller._

Es war in der Nacht vor Mariä Himmelfahrt, als Herzog Ulrich vor dem

Rotenbildtore in Stuttgart anlangte. Er hatte auf seinem Zuge schnell

das Städtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter

gedrungen. Vieles Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die

Nachricht verbreitet, daß der Herzog wieder im Lande sei. Jetzt erst

zeigte es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn

überall wurde die Freude laut, daß das gehässige Regiment des Bundes

ein Ende habe, daß das angestammte Fürstenhaus wieder in seine alten

Rechte sich einsetze.

Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte die

verschiedensten Empfindungen dort erregt. Der Adel, der sich in der

Stadt befand, wußte nicht, was er sich vom Herzog zu versehen hatte.

Die Uebergabe von Tübingen war noch in zu frischem Gedächtnis, als daß

er ganz unbesorgt gewesen wäre. Aber die Erinnerung an den glänzenden

Hof Ulrichs von Württemberg, an die fröhlichen Tage, die sie dort

verlebt hatten, die Vergleichung dieser Zeit mit dem freudenlosen Leben

der Bundesräte mochte sie günstig für den Herzog stimmen, wenn auch

mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht gerade herbeizuwünschen.

Die Bürgerschaft konnte ihre Freude über diese Nachrichten kaum

verbergen; sie verließen ihre Häuser, traten haufenweise auf den

Straßen zusammen und besprachen sich über die Dinge, die ihrer

warteten. Sie schimpften leise, aber weidlich auf den Bund, ballten

grimmig ihre Fäuste in der Tasche und waren überaus patriotisch

gesinnt. Sie erinnerten sich der erlauchten Ahnen des vertriebenen

Fürsten, es war sein Name Württemberg, den auch sie trugen, sie zählten

so manchen wackeren Herrn aus der Familie auf, unter welchem sie und

ihre Väter glücklich gelebt, der Württembergs Namen berühmt gemacht

hatte. Auch der Gedanke tat ihnen wohl, daß von ihrer Entscheidung für

den einen oder den anderen Teil so viel abhänge, weil man im ganzen

Lande auf die Stuttgarter sehe. Sie waren zwar weit entfernt, gegen die

bündische Besatzung auf ihre eigene Faust einen Aufruhr zu unternehmen,

aber sie sprachen zu einander: »Gevatter, wartet nur, bis es Nacht

wird, da wollen wir den Reichsstädtlern zeigen, wo sie her sind, wir

Stuttgarter.«

Dem bündischen Statthalter, Christoph von Schwarzenberg, entging diese

Bewegung unter den Bürgern nicht. Zu spät sah er ein, wie töricht man

getan habe, das Heer zu entlassen. Er wandte sich an die Bundesstände,

die noch zu Nördlingen versammelt waren, und begehrte Hilfe, aber er

selbst gab die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten zu können, bis

ein neues Heer im Feld erschienen sei. Er traf zwar einige Anstalten

zur Gegenwehr; aber die Blitzesschnelle, mit welcher der Herzog

erschien, vereitelte alle seine Bemühungen. Als er sah, daß er den

Bürgern nicht trauen könne, daß ihm der Adel nicht beistehe, daß die

Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore hinreiche, entwich er bei

Nacht und Nebel mit den Bundesräten nach Eßlingen. Ihre Flucht war so

eilig und geheim, daß sie sogar ihre Familien zurückließen und niemand

in der Stadt ahnte, daß der Statthalter und die Räte nicht mehr in den

Mauern seien; daher waren die Anhänger des Bundes noch immer getrosten

Mutes und glaubten nicht an die Gerüchte von der schnellen Annäherung

des Herzogs.

Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart, zwar

hatten sich schon zwei große Vorstädte, die Sankt Leonhards- und die

Turnieracker-Vorstadt um sie gelagert, welche, mit Graben, Mauern und

starken Toren versehen, das Ansehen eigener Städte bekommen hatten.

Aber noch standen die Ringmauern und Tore der Altstadt, und ihre Bürger

sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstädtler. Der Marktplatz war

es, wo nach alter Sitte bei jeder besonderen Gelegenheit die Bürger

sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend vor Mariä Himmelfahrt

strömten sie dorthin zusammen. Zur Zeit, wo der Bürger noch mit der

Wehre an der Seite auftreten durfte, hatte sein öffentlich gesprochenes

Wort auch mehr zu bedeuten als in späteren Tagen, wo Tinte, Feder und

Papier die Oberhand gewannen. Und wahrlich, die Bürger von Stuttgart

waren, bei Nacht und in Massen versammelt, ganz andere Leute als

morgens. Mancher, der, hätte man ihn vormittags um seine Meinung

wegen des Herzogs gefragt, antwortete: »Was geht es mich an, bin ein

friedlicher Bürgersmann,« erhob jetzt seine Stimme und schrie: »Wir

wollen dem Herzog die Tore öffnen, fort mit den Bündischen! Wer ist ein

guter Württemberger?«

Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin

und her wogte. Ein verworrenes Gemurmel drang von ihr in die Lüfte.

Noch schienen sie unschlüssig, vielleicht weil keiner kühn genug

war, sich an die Spitze zu stellen. Aus den hohen Giebelhäusern, die

den Platz einschlossen, schauten viele hundert Köpfe auf den Markt

hernieder. Es waren die Weiber und Töchter der Versammelten, die

ängstlich und gespannt auf das Gemurmel lauschten; denn die Stuttgarter

Mädchen waren damals ein neugieriges Völkchen und hielten es im Herzen

aus Mitleiden mit dem Herzog.

Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verständlicher; der

Ruf: »Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und dem Herzog die Stadt

auftun,« immer deutlicher, da sah man einen langen, hageren Mann auf

eine Bank am Brunnen springen, wo er die ganze Menge überragte. Er

focht mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher, tat einen weiten

Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehör. Es wurde nach und

nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne Worte aus seiner Rede:

»Was? Die ehrsamen Bürger von Stuttgart wollen ihren Eid brechen --

habt ihr nicht dem Bunde geschworen? Wem wollet ihr die Tore öffnen?

Dem Herzog? Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja kein

Geld, um Leute zu bezahlen, und da müsset dann ihr wieder den Beutel

auftun und blechen! Da wird's heißen, Stuttgart zahlt zehntausend

Gulden, weil es von Uns abgefallen ist. Hört ihr? Zehntausend Gulden

sollt ihr zahlen!«

»Wer ist denn der lange Kerl?« fragten sich die Männer. -- »Er hat

nicht unrecht -- werden tüchtig zahlen müssen.« -- »Ist er ein Bürger,

der da oben? Wer seid Ihr?« rief einer der kühnsten, »woher wollt Ihr

wissen, was wir zahlen müssen?«

»Ich bin der berühmte Doktor Calmus,« sprach der Redner mit feierlicher

Stimme, »und weiß das ganz genau. Und wen wollt ihr vertreiben? Den

Kaiser, das Reich, den Bund? So viele reiche Herren wollt ihr vor den

Kopf stoßen? Und warum? Wegen dem Utz, der euch das Fell über die Ohren

zieht; denkt nur an das geringere Gewicht, an die harten Jagdfrevel.

Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er ist ein Lump, hat alles verspielt

in Mömpelgard --«

»Halt Er sein Maul!« schrieen die Bürger. »Was geht das ihn an? Er ist

kein hiesiger Bürger; fort mit dem Kahlmäuser -- schlagt ihn tot --

werft ihn als Fisch in den Brunnen -- der Herzog soll leben!«

Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme, aber die Bürger

überschrieen ihn.

In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Bürger aus der oberen Stadt

herabgerannt. »Der Herzog ist vor dem Rotenbildtor,« riefen sie, »mit

Reitern und Fußvolk! Wo ist der Statthalter? Wo sind die Bundesräte? Er

will in die Stadt schießen, wenn man nicht aufmacht! -- Fort mit den

Bündischen! Wer ist gut württembergisch?«

Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde. Die Bürger schienen noch

unschlüssig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner

Herr, der durch sein schmuckes Aeußere einen Augenblick den Bürgern

imponierte: »Bedenket, ihr Männer,« rief er mit feiner Stimme, »was

wird der durchlauchtige Bundesrat dazu sagen, wenn ihr --«

»Was scheren wir uns um den Durchlauchtigen!« überschrie man ihn.

»Fort! Reißt ihn herab mit dem rosenfarbenen Mäntelein und dem glatten

Haar, das ist ein Ulmer! Fort mit ihm -- auf ihn, er ist von Ulm!«

Aber ehe sie noch diesen Entschluß ausführten, trat ein kräftiger Mann

hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer mit dem

rosenfarbenen Mäntelein links von der Bank und winkte mit der Mütze in

die Luft. »Still! Das ist der Hartmann,« flüsterten die Bürger, »der

versteht's, hört, was er spricht!«

»Höret mich!« sprach dieser. »Der Statthalter und die Bundesräte sind

nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich gelassen,

darum greifet die beiden da, wir wollen sie als Geißeln behalten. Und

jetzt hinauf ans Rotebildtor! Dort steht unser rechter Herzog, 's ist

besser, wir machen selbst auf, als daß er mit Gewalt eindringt. Wer ein

guter Württemberger ist, folgt mir nach.«

Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge. Die

beiden Fürsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahen,

gebunden und fortgeführt. Jetzt ergoß sich der Strom der Bürger

vom Marktplatz zum oberen Tor hinaus über den breiten Graben der

alten Stadt in die Turnieracker-Vorstadt, am Bollwerk vorbei zum

Rotenbildtor. Die bündischen Knechte, die das Tor besetzt hielten,

wurden schnell übermannt, das Tor ging auf, die Zugbrücke fiel herab

und legte sich über den Stadtgraben.

Dort hatten indessen die Anführer des Fußvolkes ihre besten Truppen

aufgestellt, denn man wußte nicht genau, wie die Bündischen sich bei

Annäherung des Herzogs benehmen würden. Ulrich selbst hatte die Posten

beritten. Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu überzeugen, daß

die Besatzung von Stuttgart so schwach sei, daß sie ihnen nicht die

Spitze bieten könne, vergeblich stellte er ihm vor, daß die Bürger ihn

zurücksehnen und willig ihre Tore öffnen werden. Der Herzog schaute

finster in die Nacht hinaus, preßte die Lippen zusammen und knirschte

mit den Zähnen.

»Das verstehst du nicht,« murmelte er dem Jüngling zu. »Du kennst die

Menschen nicht; sie sind alle falsch; traue niemand als dir selbst. Sie

drehen den Mantel nach jedem Wind! -- Aber diesmal will ich sie fassen.

Meinst du, ich habe mein Land umsonst mit dem Rücken angesehen?«

Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen. Im Unglück

war er fest, sogar mild und sanft gewesen, hatte von manchem schönen

Brauch gesprochen, den er einführen wolle, wenn er wieder ins Land

komme, hatte selten Zorn über seine Feinde, beinahe nie Unmut über die

Untertanen gezeigt, die von ihm abgefallen waren; aber sei es, daß mit

dem Anblick der vaterländischen Gegenden auch das Gefühl der Kränkung

stärker als zuvor in ihm erwachte, sei es, daß es ihm unangenehm

auffiel, daß der Adel und die Stände noch nichts hatten von sich hören

lassen: er war, seit er die Grenzen Württembergs überschritten, nicht

freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein stolzer Trotz blitzte aus

seinen Augen, seine Stirne war finster, und eine gewisse Strenge und

Härte im Urteil fiel seinen Umgebungen, besonders Georg von Sturmfeder

auf, der sich in diese neue Seite von Ulrichs Charakter nicht gleich

zu finden wußte.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 22 / 32 段