dem Bunde gehandelt.«
»Gott im Himmel!« rief Georg unwillkürlich aus.
»Seid still und weckt ihn nicht! Er wird es nur zu frühe erfahren,«
entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.
Georg sah dorthin. An einem Fenster der Seite, die gegen den jähen
Abgrund liegt, saß der geächtete Mann. Er hatte den Arm auf das Sims
gestützt, die sorgenvolle Stirne, das vom Wachen müde Auge lag in
der tapfern Hand -- er schlummerte. Sein grauer Mantel war über die
Schulter herabgefallen und ließ ein abgetragenes, unscheinbares
Lederkoller sehen, in das die kräftige Gestalt gehüllt war. Sein
krauses Haar fiel nachlässig um die Schläfe, und einige Büsche des
gerollten Bartes quollen unter der Hand hervor.
Zu seinen Füßen lag sein großer Hund; er hatte seinen Kopf auf den Fuß
seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem Haupt
des Geächteten.
»Er schläft,« sagte der Alte und zerdrückte eine Träne in den Augen.
»Die Natur fordert die Schuld an den Körper und umhüllt die Seele mit
einem wohltätigen Schleier. Er atmet leicht. O daß es beruhigende
Träume wären, die ihm vorschweben! Die Wirklichkeit ist so traurig, wer
sollte ihm nicht wünschen, daß er sie im Traume vergißt!«
»Es ist ein hartes Schicksal!« erwiderte Georg, indem er wehmütig auf
den Schlafenden blickte. »Vertrieben von Haus und Hof, geächtet, in die
Wüste hinausgejagt! Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in der
Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt! Bei Tag unter der Erde, bei Nacht
wie ein Dieb umherschleichen zu müssen! Wahrlich, es ist hart! Und
dies alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bündler nach seinen
Gütern gelüsteten.«
»Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben,« sprach der Ritter
von Lichtenstein mit tiefem Ernst. »Ich habe ihn beobachtet seit den
Tagen seiner Kindheit bis zu dieser Stunde; ich kann ihm das Zeugnis
geben, er hat das Gute und Rechte gewollt. Zuweilen waren die Mittel
falsch, die er anwandte, zuweilen verstand man ihn nicht, zuweilen ließ
er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreißen -- aber wo lebt der
Mensch, von dem man dies nicht sagen könnte? Und wahrlich, er hat es
grausam gebüßt!« Er hielt inne, als hätte er schon mehr gesagt, als er
sagen wollte, und umsonst suchte Georg über den Vertriebenen mehr zu
erfahren. Der Alte versank in Stillschweigen und tiefes Sinnen.
Die Sonne war über die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg
trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genießen. Unter dem Felsen
von Lichtenstein, wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich ein
liebliches Tal aus, begrenzt von waldigen Höhen, durchschnitten von
einem eilenden Waldbach. Drei Dörfer liegen freundlich in der Tiefe.
Dem Auge, das in dieses Tal hinabsieht, ist es, als schaue es aus dem
Himmel auf die Erde. Steigt das Auge vom tiefen Tale aufwärts an den
waldigen Höhen, so begegnet es malerisch gruppierten Felsen und den
Bergen der Alb; hinter dem Bergrücken steigt die Burg Achalm hervor und
begrenzt die Aussicht in der Nähe. Aber vorbei an den Mauern von Achalm
dringt rechts und links das Auge tiefer ins Land. Der Lichtenstein
liegt den Wolken so nahe, daß er Württemberg überragt. Bis hinab ins
tiefste Unterland können frei und ungehindert die Blicke streifen.
Entzückend ist der Anblick, wenn die Morgensonne ihre schrägen Strahlen
über Württemberg sendet. Da breiten sich diese herrlichen Gefilde wie
ein bunter Teppich vor dem Auge aus. In dunklem Grün, in kräftigem
Braun der Berge beginnt es, alle Farben und Schattierungen sind in
diesem wundervollen Gewebe, das in lichtem Blau sich endlich mit der
Morgenröte verschmilzt. Welche Ferne von Lichtenstein bis Asperg, und
welches Land dazwischen! Es ist kein Flachland, keine Ebene. Viele
Strömungen von Hügeln und Bergen ziehen sich hinauf und herunter, und
von Hügeln zu Hügeln, welche breite Täler und Ströme in ihrem Schoße
bergen, hüpft das Auge zu dem fernen Horizont.
Georg betrachtete bewundernd. Er strengte seine Augen mehr und mehr
an, er suchte in die Weite zu dringen und jedes Schloß, jedes Dorf
in der weiten Aussicht zu unterscheiden. Marie stand neben ihm. Sie
teilte seine Bewunderung, obgleich sie seit ihrer frühesten Kindheit
dieses Schauspiel genossen. Sie zeigte ihm flüsternd jeden Fleck, sie
wußte ihm jede Turmspitze zu nennen. »Wo ist eine Stelle in deutschen
Landen,« sprach Georg, in diesen Anblick versunken, »die sich mit
dieser messen könnte! Ich habe Ebenen gesehen und Höhen erstiegen, von
wo das Auge noch weiter dringt, aber diese lieblichen Gefilde zeigen
sie nicht. So reiche Saaten, Wälder von Obst, und dort unten, wo die
Hügel bläulicher werden, ein Garten von Wein! Ich habe noch keinen
Fürsten beneidet, aber hier stehen zu können, hinaus zu blicken von
dieser Höhe und sagen zu können, diese Gefilde sind _mein_!«
Ein tiefer Seufzer in ihrer Nähe schreckte Marien und Georg aus ihren
Betrachtungen auf. Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen stand
im Fenster der Geächtete und blickte mit trunkenen, glänzenden Blicken
über das Land hin, und Georg war ungewiß, ob jene Worte oder das
Andenken an sein Unglück die Brust dieses Mannes bewegt hatten.
Er begrüßte Georg und reichte ihm die Hand. Dann wandte er sich zu dem
Herrn des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da sei?
»Der von Schweinsberg ist noch nicht zurück,« antwortete dieser.
Der Geächtete trat schweigend an das Fenster zurück und schaute in die
Ferne. Marie füllte ihm einen Becher. »Seid getrosten Mutes, Herr,«
sagte sie, »schauet nicht mit so finstern Blicken auf das Land. Trinket
von diesem Wein, er ist gut württembergisch und wächst dort unten an
jenen blauen Bergen.«
»Wie kann man traurig bleiben,« antwortete er, indem er sich wehmütig
lächelnd zu Georg wandte, »wenn über Württemberg die Sonne so schön
aufgeht und aus den Augen einer Württembergerin ein so milder, blauer
Himmel lacht? Nicht wahr, Junker, was sind diese Berge und Täler, wenn
uns solche Augen, solche treue Herzen bleiben? Nehmt Euren Becher und
laßt uns darauf trinken! So lange wir Land besitzen in den Herzen, ist
nichts verloren: ›_Hie gut Württemberg allezeit_‹«.[35]
»Hie gut Württemberg allezeit,« erwiderte Georg und stieß an. Der
Geächtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit
wichtiger Miene hereintrat. »Es sind zwei Krämer vor der Burg,« meldete
er, »und begehren Einlaß.«
»Sie sind's, sie sind's,« riefen in einem Augenblick der Geächtete und
Lichtenstein. »Führ' sie herauf.«
Der alte Diener entfernte sich. Eine bange Minute folgte dieser
Meldung. Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit seinen
feurigen Augen die Türe durchbohren, der Geächtete seine Unruhe
verbergen zu wollen, aber die schnelle Röte und Blässe, die auf seinen
ausdrucksvollen Zügen wechselte, zeigten, wie die Erwartung dessen,
was er hören werde, sein ganzes Wesen in Aufruhr brachte. Endlich
vernahm man Schritte auf der Treppe, sie näherten sich dem Gemach. Der
gewaltige Mann zitterte, daß er sich am Tisch halten mußte, seine Brust
war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der Türe, als wolle er in den
Mienen der Kommenden sogleich Glück oder Unglück lesen -- jetzt ging
die Türe auf.
25.
-- -- Wie du nun so ganz
Verlassen dastehst und so ganz entblößt,
Und wie nun ich, dein einz'ger Lehensmann,
Der einz'ge bin, der dich noch Herzog nennt,
Und wie nun mir allein die Ehre bleibt,
Dir Dienst zu leisten bis zum letzten Hauch.
_Uhland._
Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen. Er musterte mit schnellem
Blick die Eintretenden; in dem einen erkannte er sogleich den Pfeifer
von Hardt, der andere war -- jener Krämer, den er in der Herberge von
Pfullingen gesehen hatte. Der letztere warf einen Pack, den er auf dem
Rücken getragen, ab, riß das Pflaster weg, womit er ein Auge bedeckt
hatte, richtete sich aus seiner gebückten Stellung auf und stand nun
als ein untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen, kräftigen Zügen
vor ihnen.
»Marx Stumpf!« rief der Geächtete mit dumpfer Stimme, »wozu diese
finstere Stirne? Du bringst uns gute Botschaft, nicht wahr, sie wollen
uns das Pförtchen öffnen, sie wollen mit uns aushalten bis auf den
letzten Mann?«
Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekümmerten Blick auf ihn.
»Machet Euch auf Schlimmes gefaßt, Herr!« sagte er. »Die Botschaft ist
nicht gut, die ich bringe.«
»Wie,« entgegnete jener, indem die Röte des Zornes über seine Wangen
flog und die Ader auf seiner Stirne sich zu heben begann, »wie, du
sagst, sie zaudern, sie schwanken? Es ist nicht möglich, sieh dich wohl
vor, daß du nichts Uebereiltes sagst; es ist der Adel des Landes, von
dem du sprichst.«
»Und dennoch sage ich es,« antwortete Schweinsberg, indem er einen
Schritt weiter vortrat; »im Angesichte vor Kaiser und Reich will ich es
sagen, sie sind Verräter.«
»Du lügst!« schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme. »Verräter,
sagst du? Du lügst! Wie wagst du es, vierzig Ritter ihrer Ehre zu
berauben? Ha! gestehe, du lügst!«
»Wollte Gott, ich allein wäre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der
seinen Herrn verläßt; aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen, Ihr
habt Euer Land verloren, Herr Herzog! Tübingen ist über.«
Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er
bedeckte sein Gesicht mit den Händen, seine Brust hob und senkte sich,
als suche sie vergeblich nach Atem, und seine Arme zitterten.
Die Blicke aller hingen gerührt und schmerzlich an ihm, vor allen
Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel
erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war. Er war es
selbst, es war Ulrich von Württemberg! In einem schnellen Fluge zog es
an seiner Seele vorüber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen,
wie er ihn tief in der Erde Schoß besucht, welche Worte jener zu ihm
gesprochen, wie sein ganzes Wesen ihn schon damals überrascht und
angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, daß er nicht längst schon
von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.
Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen. Man hörte
nur die tiefen Atemzüge des Herzogs und das Winseln seines treuen
Hundes, der sein Unglück zu kennen und zu teilen schien. Endlich
winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich,
sie faßten sein Gewand und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb
unbeweglich und stumm. Marie hatte weinend in der Ferne gestanden, sie
nahte sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte ihre
schöne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn lange an, sie faßte
sich endlich ein Herz und flüsterte: »Herr Herzog! hie ist noch gut
Württemberg alleweg!«
Ein tiefer Seufzer löste sich aus seiner gepreßten Brust, aber seine
Hände drückten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf. Jetzt nahte
auch Georg. Unwillkürlich kam ihm der heldenmütige Ausdruck dieses
Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm, als er
ihn zum erstenmal gesehen, gezeigt hatte; jedes Wort, das er damals
gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm zu
sprechen: »Warum so kleinmütig, Mann ohne Namen: ~Si fractus illabatur
orbis, impavidum ferient ruinae!~«
Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Württemberg. Sei es
dieser sein Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengröße, Trotz und
wahrer Erhabenheit über das Unglück, was ihm bei seinen Zeitgenossen
den Namen des »_Unerschrockenen_« erwarb -- er zeigte sich von diesem
Augenblick an seines Namens würdig.
»Das war das rechte Wort, mein junger Freund,« sprach er zur
Verwunderung aller mit fester Stimme, indem er seine Hände sinken ließ,
sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte kriegerische Feuer aus
seinen Augen loderte; »das war das rechte Wort. Ich danke dir, daß du
mir es zugerufen. Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von Schweinsberg, und
berichtet mir über Eure Sendung. Doch reiche mir zuvor einen Becher,
Marie!«
»Es war letzten Donnerstag, daß ich Euch verließ,« hob der Ritter an;
»Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich
zu benehmen habe. In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob
man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgültig einen
Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in Ihrem Leben nie gesehen,
und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tüchtig ausgescholten
hatte, trank mit mir, als hätte ich zeitlebens den Kram auf dem Rücken
getragen. Der junge Herr dort war auch in der Schenke.«
Der Herzog schien sich an dieser Erzählung zu zerstreuen; munterer, als
man bei so großem Unglück hätte denken sollen, fragte er: »Nun, Georg,
du hast ihn gesehen; sah er so recht aus wie ein schäbiger, filziger
Krämer? Wie?«
»Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt,« antwortete der junge Mann
lächelnd.
»Von Pfullingen zog ich abends noch fürbaß bis nach Reutlingen.
Dort war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bündischer: Augsburger,
Nürnberger, Ulmer, alle mögliche Städtler, und jubilierten mit den
Reutlingern, daß man die Hirschgeweihe wieder von ihrem Wappen
genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt. Sie schimpften und sangen
Spottlieder über Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer
fürchten. Am Karfreitag früh ging ich nach Tübingen, das Herz pochte
mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schöne Neckartal vor
meinen Blicken lag, und die festen Türme und Zinnen von Tübingen vom
Berg herüberragten.«
Der Herzog preßte die Lippen zusammen, wandte sich ab und sah hinaus
ins Weite. Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend auf
seinen Herrn, doch jener winkte ihm, fortzufahren.
»Ich stieg hinab ins Tal und wandelte weiter nach Tübingen. Die Stadt
war schon seit vielen Tagen von den Bündischen besetzt, und nur wenige
Truppen standen mehr im Lager, das sie über dem Ammertal auf dem Berge
geschlagen hatten. Ich beschloß, mich in die Stadt zu schleichen
und hinzuhorchen, wie es mit dem Schloß stehe, ehe denn ich auf dem
geheimen Wege zur Besatzung ginge. Ihr kennet die Herberge in der obern
Stadt, nicht weit von der St. Georgenkirche; dort trat ich ein und
setzte mich zum Weine. Die bündischen Ritter, so erfuhr ich unterwegs,
kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der beste Platz zu meinem
Zweck.«
»Ihr wagtet viel,« unterbrach ihn Herr von Lichtenstein; »wie leicht
konnten Leute da sein, die Euch abkaufen wollten, und da wäre der
Krämer bald entdeckt gewesen!«
»Ihr vergeßt, daß es Festtag war,« entgegnete jener, »ich hatte also
guten Grund, mein Bündel nicht auszupacken und anzupreisen nach
Krämersitte. Doch so leicht wäre ich wohl nicht entdeckt worden, habe
ich doch an Georg von Frondsberg ein Büchslein mit Wundbalsam verkauft!
Weiß Gott, ich hätte lieber mit ihm gestritten, daß er es gleich hätte
brauchen können. -- Es war noch das Hochamt in der Kirche, daher war
niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, daß die Ritter im
Schloß einen Waffenstillstand bis Ostermontag früh gemacht haben. Als
die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir gedacht hatte, viele
Ritter und Herren in die Herberge zum Frühtrunk. Ich setzte mich in
einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten geziemt in Gegenwart
so großer Herren.«
»Wen sahst du dort?« fragte der Herzog.
»Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gespräch, das sie
führten. Es war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen, Sickingen
und noch viele; bald trat auch der Truchseß von Waldburg ein. Ich zog
die Kappe tiefer ins Gesicht, als ich ihn sah, denn er wird noch nicht
vergessen haben, wie ich ihn vor fünfzehn Jahren im Lanzenstechen zu
Nürnberg von der Mähre warf.«
»Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?« unterbrach
ihn Georg.
»Breitenstein? daß ich nicht wüßte, doch ja, so hieß wohl jener, der
den Hammelschlegel auf _einem_ Sitz verzehrte. Jetzt fingen sie an, von
der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand. Sie sprachen hin und
her, oft flüsterten sie auch untereinander, doch ich habe gute Ohren
und vernahm, was mir nicht lieb war. Der Truchseß nämlich erzählte, daß
er einen Pfeil in die Burg habe schießen lassen mit einem Brieflein an
Ludwig von Stadion. Es muß dies schon mehreremal geschehen sein, denn
die Ritter verwunderten sich nicht, als er weiter fortfuhr und sagte,
wie er auf demselben Weg eine Antwort erhalten habe.«
Des Herzogs Stirne verfinsterte sich. »Ludwig von Stadion!« rief er
schmerzlich. »Ich hätte Häuser auf ihn gebaut! Er war mir so lieb, ich
tat ihm alles, was ich ihm an den Augen absehen konnte -- er hat mich
zuerst verraten?«
»Im Brieflein stand, daß er, der Stadion, und noch zwölf andere der
Fehde müde, auch schon halb und halb willens seien, sich zu ergeben;
Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten.«
»Um den hab' ich's nicht verdient,« sagte Ulrich; »ich war ihm gram,
weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinne tat.
Wie man sich irren kann in den Menschen! Hätte man mich gefragt,
wer mich verraten würde und wer dagegen spreche, ich hätte hier den
Stadion, dort vielleicht Georg von Hewen genannt!«
»Im Brieflein stand auch noch weiter, daß Euer Durchlaucht vielleicht
Entsatz bringen oder, wenn dies nicht möglich, auf geheimen Wegen
in die Burg sich begeben wollen. Die Bündischen sprachen mancherlei
hierüber; sie waren aber darin einig, daß man die Besatzung zu einem
Vergleich bringen müsse, ehe Ihr heranrücktet oder gar ins Schloß
kämet; denn dann, meinten sie, könnten sie noch lange belagern müssen.
Wie ich nun dies alles hörte, schien es mir nicht geraten, durch den
geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu entdecken; denn
wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen haben, und dann
war ich verraten. Ich beschloß, den Tag noch zu warten; hörte ich bis
Samstag früh nichts Schlimmeres über die Besatzung, so wollte ich ins
Schloß dringen und Ew. Durchlaucht Schreiben übergeben. Ich streifte
im Lager und in der Stadt umher, und niemand hielt mich an; auch
suchte ich mich immer in der Nähe der Obersten zu halten. So kam der
Nachmittag.«
»Das war noch Freitags, an dem Fest?« fragte Lichtenstein.
»Am heiligen Freitag war's. Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von
Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte an dem
Schloß und schrie hinauf, ob sie im Schlosse bauen? Ich stand nicht
weit davon und sah, wie Stadion auf den Wall kam und antwortete: ›Nein,
denn es wäre wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe, daß Ihr im
Feld bauet.‹ Georg von Frondsberg rief: ›So es geschehen, ist es ohne
meinen Befehl geschehen; wer bist du?‹ Da antwortete der im Schloß:
›Ich bin Ludwig von Stadion.‹ Drauf lächelte der Bündische und strich
sich den Bart. ›Ist's also, wie du sagst,‹ rief er, ›so will ich's
wenden,‹ ritt zu ein paar Schanzkörben und warf sie um. Dann rief er
dem Stadion zu, mit einigen Rittern herabzukommen und miteinander
einen Trunk zu tun.«
»Und sie kamen?« rief der Herzog. »Die Ehrvergessenen kamen?«
»Auf dem Schloßberg vor dem äußersten Graben ist ein Platz, dort
sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach,
hinüber an die Alb und Zollern, und viele Burgen schmücken die
Aussicht. Dorthin ließen sie einen Tisch bringen und Bänke, und
die Bundesobersten setzten sich zum Wein. Dann ging das Tor von
Hohen-Tübingen auf, die Brücke fiel über den Graben, und Ludwig von
Stadion mit noch sechs anderen kamen über die Brücke; sie brachten Eure
silbernen Deckelkrüge, sie brachten Eure goldenen Becher und Euren
alten Wein, sie grüßten die Feinde mit Gruß und Handschlag und setzten
sich, besprachen sich mit ihnen beim kühlen Wein.«
»Der Teufel gesegne es ihnen allen!«[36] unterbrach ihn der Ritter von
Lichtenstein und schüttete seinen Becher aus. Der Herzog aber lächelte
schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink, fortzufahren.
»So taten sie sich gütlich bis in die Nacht und zechten, bis sie rote
Köpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht ferne, und keine ihrer
verräterischen Reden entging mir. Als sie aufbrachen, nahm der Truchseß
den Stadion bei der Hand: ›Herr Bruder,‹ sagte er, ›in Eurem Keller
ist ein guter Wein, lasset uns bald ein, daß wir ihn trinken.‹ Jener
aber lachte darüber, schüttelte ihm die Hand und sagte: ›Kommt Zeit,
kommt Rat.‹ Wie ich nun sah, daß die Sachen also stehen, beschloß ich
mit Gott, mein Leben dran zu setzen und in die Burg zu den Verrätern
zu gehen. Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der kleinere
unterirdische Gang beginnt. Ungesehen stieg ich hinab und drang bis
in die Mitte. Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen und einen
Knecht hingestellt, er legte an auf mich, als er mich durch die
Finsternis kommen hörte, und fragte nach der Losung. Ich sprach, wie
Ihr befohlen, das Losungswort Eures tapfern Ahnherrn, Eberhards im
Bart: »~Atempto~;« der Kerl machte große Augen, zog aber das Gatter auf
und ließ mich durch. Jetzt ging ich schnellen Schrittes weiter vor und
kam heraus im Keller. Ich schöpfte einige Augenblicke Luft, denn der
Atem war mir schier ausgeblieben in dem engen Gang.«
»Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird dir schwer,« sagte
Ulrich. Willig befolgte jener das gütige Geheiß seines Fürsten und
sprach dann mit frischer Stimme weiter: »Im Keller hörte ich viele
Stimmen, und es war mir, als zanke man sich. Ich ging den Stimmen nach
und sah eine ganze Schar der Besatzung vor dem großen Faß sitzen und
trinken. Es waren einige von Stadions Partei und Hewen und mehrere der
Seinigen. Sie hatten Lampen aufgestellt und große Humpen vor sich; es
sah schauerlich aus, fast wie das Femgericht. Ich barg mich in ihrer
Nähe hinter ein Faß und hörte, was sie sprachen. Georg von Hewen sprach
mit rührenden Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er
sagte, wie sie ja gar nicht nötig haben, sich zu ergeben, wie sie
auf lange mit Vorräten versehen seien, wie Euer Durchlaucht ein Heer
sammeln werden, Tübingen zu entsetzen, wie eher die Belagerer in Not
kommen als sie.«
»Ha! wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?«
»Sie lachten und tranken. ›Da hat es eine gute Weile, bis _der_ ein
Heer sammelt! Wo das Geld hernehmen, und nicht stehlen?‹ sagte einer;
Hewen aber fuhr fort und sagte, wenn es auch nicht so bald möglich sei,
so müßten sie sich doch halten bis auf den letzten Mann, wie sie Euch
zugeschworen, sonst handeln sie als Verräter an ihrem Herrn. Da lachten
sie wieder und tranken und sagten: ›Wer will auftreten und uns Verräter
nennen?‹ Da rief ich hinter meinem Faß hervor: ›Ich, ihr Buben! Ihr
seid Verräter am Herzog und am Land!‹ Alle waren erschrocken, der
Stadion ließ seinen Becher fallen, ich aber trat hervor, nahm meine
Kappe ab und den falschen Bart, stellte mich hin und zog Euren Brief
aus dem Wams. ›Hier ist ein Brief von Eurem Herzog,‹ sagte ich, ›er
will, ihr sollet euch nicht übergeben, sondern zu ihm halten; er selbst
will kommen und mit euch siegen oder in diesen Mauern sterben.‹«
»O Tübingen!« sagte der Herzog mit Seufzen, »wie töricht war ich, daß
ich dich verließ! Zwei Finger meiner Linken gäbe ich um dich; was sage
ich, zwei Finger? Die Rechte ließ ich mir abhauen, könnte ich dich
damit erkaufen, und mit der Linken wollte ich dem Bund den Weg zeigen!
Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?«