besten messen konnte; aber wenn er dir ihn nicht selbst gesagt hat,
so darf ich ihn auch nicht nennen, das wäre gegen mein Wort, das ich
darauf gegeben. Herr Georg muß sich also schon noch gedulden,« setzte
sie lächelnd hinzu, »so hart es ihm auch ankommt, denn er ist ein
neugieriger Herr.«
»Mir kannst du es ja doch sagen,« unterbrach sie Georg; »sind wir nicht
_eins_? Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne daß es der andere Teil
wissen muß? Schnell! antworte, wer ist der Mann in der Höhle?«
»Werde nicht böse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis wäre, so müßtest du
es auch wissen und könntest es mit Recht verlangen, aber so -- ich weiß
zwar, daß es bei dir so sicher wäre als bei mir, aber ich darf nicht.«
Sie sprach noch, als die Türe aufsprang und eine Dogge von ungeheurer
Größe hereinstürzte.[34] Georg fuhr unwillkürlich auf, denn einen Hund
von solcher Größe und Stärke hatte er nie gesehen. Der Hund stellte
sich ihm gegenüber, schaute ihn mit rollenden Augen an und fing an
zu murren. Es tönte aus seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl
wie ein nahender Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zähne,
die er vorwies, zeigte ihn als einen Kämpfer, dessen Zorn man nicht
reizen dürfe. Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und besänftigt
zu ihren Füßen zu legen. Sie streichelte seinen schönen Kopf, aus
welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr, bald nach dem Junker
spähten. »Er hat Menschenverstand!« sagte sie lächelnd. »Er kommt, um
mich zu warnen, daß ich den Mann in der Höhle nicht verraten soll.«
»Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen! Wie er den Kopf so
stolz aus dem goldnen Halsband hervorträgt, als gehöre er einem Kaiser
oder König!«
»Er gehört _ihm_, dem Vertriebenen,« erwiderte Marie, »und weil ich
auf dem Sprunge war, den Namen seines Herrn zu nennen, kam er, mich zu
warnen.«
»Warum aber führt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich? Wahrlich,
ein Arm wie der seine, unterstützt von einem solchen Tier, darf sechs
Mörder nicht fürchten.«
»Das Tier ist wachsam,« antwortete sie, »aber wild. Wenn er es in der
Höhle unten hätte, so hätte er zwar einen sicheren Schutz, wie aber,
wenn durch Zufall ein Mensch in jene Höhle käme? Sie ist so groß, daß
man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge würde ihn verraten.
Sie würde knurren und anschlagen, sobald sie Tritte hörte, und sein
Aufenthalt wäre entdeckt. Darum hat er ihm befohlen, als er wegging,
hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge für ihn. Er hat
ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die Freude solltest du
sehen, wenn es Nacht wird; er weiß, daß dann sein Herr bald ins Schloß
kommt, und wenn die Zugbrücke niederfällt und die Schritte des Mannes
auf dem Hofe tönen, da ist er nicht mehr zu halten; er würde sechsfache
Ketten zerreißen, um bei ihm zu sein.«
»Ein schönes Bild der Treue! doch ein schöneres noch ist der Mann, dem
dieser Hund gehört. Hing er doch eben so treu an seinem Herrn und ließ
sich verbannen und ins Elend jagen; es ist töricht von mir,« setzte
Georg hinzu, »ich weiß, Neugierde steht einem Manne nicht an, aber
wissen möchte ich, wer er ist.«
»So gedulde dich doch, bis es Nacht wird! Wenn der Mann kommt, will
ich ihn fragen, ob du es wissen darfst; ich zweifle nicht, er wird es
erlauben.«
»Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick muß ich an ihn
denken; wenn du mir es nicht sagst, so muß ich mich an den Hund wenden,
vielleicht ist er gütiger als du.«
»Versuche es immer,« rief Marie lächelnd, »wenn er sprechen kann, so
soll er es nur gestehen.«
»Hör' einmal, du ungeheurer Geselle,« wandte sich Georg zu dem Hund,
der ihn aufmerksam ansah, »sage mir, wie heißt dein Herr?«
Der Hund richtete sich stolz auf, riß den weiten Rachen auf und brüllte
in schrecklichen Tönen: »U -- u -- u!«
Marie errötete. »Laß doch die Possen,« sagte sie und rief den Hund
zu sich; »wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher
Gesellschaft ist!«
Georg schien nicht darauf zu hören. »U! hat er gesagt, der gute Hund?
Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten, es ist nicht das
erste Mal, daß man ihn fragt: wie heißt dein Herr?«
Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit
noch greulicheren Tönen als vorher sein U -- u -- u! zu heulen an. Aufs
neue errötete Marie, sie hieß beinahe unwillig den Hund schweigen; er
legte sich ruhig zu ihren Füßen.
»Da haben wir's,« rief Georg lachend, »der Herr heißt U! Und fing das
sonderbare Wort auf dem Ringe, den mir der Ritter gab, nicht auch mit
U an? Ungeheuer! Heißt dein Herr vielleicht _Uffenheim_? Oder Uxküll?
Oder Ulm? Oder vielleicht gar --«
»Unsinn! Der Hund hat gar keinen andern Laut als U; wie magst du dir
nur Mühe geben, daraus etwas zu folgern! Doch hier kommt der Vater
den Berg herauf; willst du, daß es ihm verborgen bleibe, so nimm dich
zusammen und verrate dich nicht. Ich gehe jetzt; denn es ist nicht gut,
wenn er uns beisammen antrifft.«
Georg gelobte es. Er umarmte noch einmal die Geliebte und versah sich
von ihrem süßen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der Erinnerung
sich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede zärtliche
Annäherung unmöglich machte. Der Hund des Herrn U -- sah verwundert auf
die liebliche Gruppe; doch sei es, daß er wirklich Menschenverstand
hatte oder daß er bei seinem Herrn schon Aehnliches erlebt hatte und
einsah, daß der Junker das Fräulein nicht umbringen wolle, er machte
keine Miene, seiner Dame zu Hilfe zu kommen, und erst der Hufschlag,
der von der Brücke heraufscholl, schreckte die Errötende aus den Armen
des glücklichen Jünglings.
24.
Der Herzog schaut hinunter lang
Und spricht mit einem Seufzer bang:
Wie fern, ach! von mir abgewandt,
Wie tief, wie tief liegst du, mein Land.
_G. Schwab._
Karfreitag und Osterfest waren vorübergegangen, und Georg von
Sturmfeder befand sich noch immer in Lichtenstein. Der Herr dieses
Schlosses hatte ihn eingeladen, bei ihm zu verweilen, bis etwa der
Krieg eine andere Wendung nehmen würde oder Gelegenheit da wäre, der
Sache des Herzogs wichtige Dienste zu leisten. Man kann sich denken,
wie gerne der junge Mann diese Einladung annahm. Unter _einem_ Dach mit
der Geliebten, immer in ihrer Nähe, oft ein Stündchen mit ihr allein,
von ihrem Vater geliebt -- er hatte in seinen kühnsten Träumen kein
ähnliches Glück ahnen können. Nur eine Wolke trübte den Himmel der
Liebenden, die düstere Wolke, die zuweilen auf der Stirne des Vaters
lag. Es schien, als habe er nicht die besten Nachrichten von seinem
Herzog und dem Kriegsschauplatz. Es kamen zu verschiedenen Tageszeiten
Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen, ohne daß der Ritter
seinem Gast eröffnete, was sie gebracht haben. Einigemal glaubte Georg
in der Abenddämmerung sogar den Pfeifer von Hardt über die Brücke
schleichen zu sehen; er hoffte, von diesem vielleicht etwas erfahren
zu können; er eilte hinab, um ihm zu begegnen, aber wenn er bis an die
Brücke kam, war jede Spur von ihm verschwunden.
Der junge Mann fühlte sich etwas beleidigt über diesen Mangel an
Zutrauen, wie er es bei sich und in seinen Aeußerungen gegen Marie
nannte. »Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar
angeboten, obgleich ihre Partie nicht viel Lockendes hat; der Mann in
der Höhle und der Ritter von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft
und Vertrauen, aber warum nur bis auf diesen Punkt? Warum darf ich
nicht erfahren, wie es mit Tübingen steht? Warum nicht, wie der Herzog
operiert, um sein Land wiederzuerobern? Bin ich nur zum Dreinschlagen
gut? Verschmäht man mich im Rat?«
Marie suchte ihn zu trösten. Es gelang oft ihren schönen Augen, ihren
freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen, aber
dennoch kehrten sie in manchem Augenblicke wieder, und die sorgenvolle
Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er
beigetreten war.
Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen nicht
länger ertragen. Er fragte auf die Gefahr hin, für unbescheiden zu
gelten, wie es mit dem Herzog und seinen Plänen stehe, ob man nicht
auch seiner endlich einmal bedürfe? Aber der Ritter von Lichtenstein
drückte ihm freundlich die Hand und sagte: »Ich sehe schon lange,
wackerer Junge, wie es dir das Herz beinahe abdrücken will, daß du
nicht teilnehmen kannst an unseren Mühen und Sorgen; aber gedulde
dich noch einige Zeit, vielleicht nur _einen_ Tag noch, so wird sich
manches entscheiden. Was soll ich dich mit ungewissen Nachrichten,
mit traurigen Botschaften plagen? Dein heiterer Jugendsinn ist
nicht gemacht, bedächtlich in ein Gewebe von Bosheit zu schauen
und die künstlich geschlungenen Fäden wieder los zu machen. Wenn
die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst du ein willkommener
Genosse sein, bei Rat und Tat. Nur so viel brauchst du zu wissen, es
steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch bald muß es sich
entscheiden.«
Der junge Mann sah ein, daß der Alte recht haben könne, und doch war
er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort. Auch erfuhr er den
Namen des Geächteten nicht. Marie hatte ihn, als er in der nächsten
Nacht ins Schloß gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast seinen Namen
nennen dürfe, er hatte nichts darauf gesagt, als: »Noch ist's nicht an
der Zeit!«
Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam.
Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann in
der Höhle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als recht
oft in dessen Nähe zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit einem
Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gaste zuzubringen.
Er war zu stolz, sich aufzudrängen, er wartete von Nacht zu Nacht, ob
man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen; es geschah
nicht, er beschloß, wenigstens einmal uneingeladen zuzusehen, wie der
Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich deswegen die Gelegenheit
genau. Seine Kammer, wohin er regelmäßig um acht Uhr geführt wurde, lag
gegen das Tal hinaus, gerade entgegengesetzt der Seite, wo die Brücke
über den Abgrund führte. Von hier war es also nicht möglich, ihn kommen
zu sehen. Das große Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt
von seiner Kammer lag, wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus
konnte er also auch nicht hinabsehen. Auf dem Vorplatz, der die Kammern
umher und den Saal verband, gingen zwar zwei Fenster gegen die Brücke
hinaus, sie waren aber vergittert und hoch, so daß man zwar ins Freie
hinüber, aber nicht hinab auf die Brücke sehen konnte.
Es blieb ihm daher nichts übrig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn
er den nächtlichen Besuch sehen wollte. Im ersten Stock war dies nicht
möglich, weil dort so viele Leute wohnten, daß er leicht entdeckt
werden konnte. Doch als er den Torweg und die Ställe musterte, die
unter dem Schloß in den Felsen gehauen waren, bemerkte er an der
Zugbrücke eine Nische, die von den Torflügeln bedeckt wurde, welche man
nur, wenn der Feind vor den Toren war, verschloß. Dies war der Ort,
der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewähren schien, um zu
beobachten, was um ihn her vorging. Links vor der Nische schloß sich
die Zugbrücke an das Tor, rechts war die Treppe, die hinaufführte, vor
ihm der Torweg, den jeder gehen mußte, der ins Schloß kam. Dorthin
beschloß er in der kommenden Nacht sich zu schleichen.
Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewöhnlich ins
Bett zu leuchten. Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten ihm
freundlich gute Nacht. Er stieg hinan in seine Kammer, er entließ den
Knecht, der ihn sonst entkleidete, und warf sich angekleidet auf das
Bette. Er lauschte auf jeden Glockenschlag, den die Nachtluft aus dem
Dorf hinter dem Walde herübertrug. Oft schlossen sich seine Augen,
oft schwebte er schon auf jener unsicheren Grenze zwischen Wachen
und Schlafen, wo sich die Seele nur mit ermatteten Kräften gegen die
Bande des Schlummers sträubt, aber immer wieder rang er sich los, wenn
seine Gedanken klar genug waren, um ihm seinen Zweck ins Gedächtnis
zurückzuführen.
Zehn Uhr war längst vorüber. Die Burg war still und tot, Georg raffte
sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hüllte sich in
seinen Mantel und öffnete behutsam die Türe seiner Kammer. Er hielt
den Atem an, um sich nicht durch Schnauben zu verraten, die Angeln
seiner Türe knarrten, er hielt an, er lauschte, ob niemand diese
verräterischen Töne gehört habe. Es blieb alles still. Der Mond fiel
in mattem Schein auf den Vorplatz. Georg pries sich glücklich, daß
ihn dieses trügerische Licht nicht zum zweitenmal verraten werde. Er
schlich weiter an die Wendeltreppe. Noch einmal hielt er an, um zu
lauschen, ob alles stille sei. Er hörte nichts als das Sausen des
Windes und das Rauschen der Eichen über der Brücke. Er stieg behutsam
hinab. In der Stille der Nacht tönt alles lauter, und Dinge erwecken
die Aufmerksamkeit, die man am Tage nicht beachtet hätte. Wenn Georgs
Fuß auf ein Sandkörnchen trat, so rauschte es auf der gewöhnlichen
Wendeltreppe, daß er erschrak und glaubte, man müsse es im ganzen Hause
gehört haben. Er kam an dem ersten Stock vorüber. Er lauschte, er hörte
niemand, aber aus dem Herd in der Küche flackerte ein lustiges Feuer.
Jetzt war er unten. Zu dem Weg von seiner Kammer bis zum Tor, den er
sonst in einem Augenblicke zurücklegte, hatte er eine Viertelstunde
verwandt.
Er stellte sich in die Nische und zog den Torflügel noch näher zu sich
her, so daß er völlig von ihm bedeckt war. Eine Spalte in der Türe
war groß genug, daß er durch sie alles beobachten konnte. Noch war
alles still im Schloß. Nur flüchtige Schritte glaubte er über sich zu
vernehmen, es war wohl Marie, die geschäftig hin und her ging.
Nach einer tödlichen langen Viertelstunde schlug es im Dorfe elf Uhr.
Dies war die Zeit des nächtlichen Besuches, Georg schärfte sein Ohr,
um zu vernehmen, wann er komme. Nach wenigen Minuten hörte er oben
den Hund anschlagen, zugleich rief über dem Graben eine tiefe Stimme:
»Lichtenstein!«
»Wer da?« fragte man aus der Burg.
»Der Mann ist da!« antwortete jene Stimme, die Georg von seinem Besuche
in der Höhle so wohl bekannt war.
Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den
Grundfelsen gehauen war. Er öffnete mit einem wunderlich geformten
Schlüssel das Schloß der Zugbrücke. Indem er noch damit beschäftigt
war, stürzte in großen Sprüngen der Hund die Treppe herab, er winselte,
er wedelte mit dem Schwanz, er hüpfte an dem Burgwart hinauf, als wolle
er ihm behilflich sein, die Brücke für seinen Herrn herabzulassen. Und
jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und leuchtete damit dem
Alten, der mit seinem Aufschließen nicht zurechtzukommen schien.
»Spute dich, Balthasar!« flüsterte sie. »Er wartet schon eine gute
Weile, und draußen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind.«
»Jetzt nur noch die Kette los, gnädiges Fräulein,« antwortete er, »dann
sollt Ihr gleich sehen, wie schön meine Brücke fällt. Ich habe auch,
wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit Oel geschmiert, daß sie nicht mehr
knarren und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf aufwecken.«
Die Ketten rauschten in die Höhe, die Brücke senkte sich langsam nach
außen und legte sich über den Abgrund. Der Mann aus der Höhle, in
seinen groben Mantel eingehüllt, schritt herüber. Georg hatte sich das
Bild dieses Mannes tief ins Herz geprägt, und doch überraschten ihn
aufs neue seine auffallend kühnen Züge, sein gebietendes Auge, seine
freie Stirne, das Kräftige, Gewaltige in seinen Bewegungen.
Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange
Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe. Die schlanke
Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen
waren und nun um den zierlichen Hals herabströmten, die blendende
Stirne, das sinnige, blaue Auge, dem die langen, dunklen Wimpern und
die schöngeschwungenen Bogen der Brauen einen eigentümlichen Reiz
gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles
überstrahlt von dem Lichte, das sie in der Hand hielt, bewirkte, daß
Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben als in
diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, kräftigen Formen
des Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen noch mehr
hervorhob.
Der nächtliche Gast half mit beinahe übermenschlicher Kraft dem alten
Pförtner die Brücke wieder aufziehen. Dann zog sich der Alte zurück,
und Georg vernahm folgendes Gespräch:
»Ist Nachricht da von Tübingen? Ist Marx Stumpf zurück? Ich lese
Unglück in Euren Mienen!«
»Nein, Herr, er ist noch nicht zurück,« sagte Marie, »der Vater
erwartet ihn aber noch diese Nacht.«
»Daß ihm der Teufel Füße mache! Ich muß warten, bis er kommt, und
sollte es Tag darüber werden. -- Hu! _eine kalte Nacht_, Fräulein,«
sagte der Geächtete, »meine Schuhu und Käuzlein in der Nebelhöhle muß
es auch gewaltig frieren, denn sie schrieen und jammerten in kläglichen
Tönen, als ich heraufstieg.«
»Ja, es ist kalt,« antwortete sie, »um keinen Preis möchte ich mit
Euch hinabsteigen. Und wie schauerlich muß es sein, wenn die Käuzlein
schreien. Mir graut, wenn ich nur daran denke.«
»Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit,« erwiderte
jener lächelnd, indem er das errötende Gesicht des Mädchens am Kinn ein
wenig in die Höhe hob. »Nicht wahr, mit _dem_ ginget Ihr in die Hölle?
Was das für eine Liebe sein muß! Weiß Gott, Euer Mund ist ganz wund.
Gar zu arg müßt Ihr es doch nicht machen mit Küssen.«
»Ach, Herr!« flüsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Röte
über die zarten Wangen goß; »wie mögt Ihr nur so sprechen? Wißt Ihr,
daß ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn Ihr
so von mir und dem Junker denket?«
»Nun, einen Scherz müßt Ihr mir schon gelten lassen,« sagte der
Ritter und kniff sie in die errötenden Wangen; »ich habe ja in meiner
Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen. Aber
was gebt Ihr mir, wenn ich für den Junker ein gutes Wort einlege beim
Vater, daß er ihn Euch zum Mann gibt? Ihr wißt, der Alte tut, was ich
haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, nimmt er ihn
unbesehen.«
Marie schlug die schönen Augen auf und sah ihn mit freundlichen Blicken
an. »Gnädiger Herr,« antwortete sie, »ich will es Euch nicht wehren,
wenn Ihr für Georg ein gutes Wort sprechet; übrigens ist ihm der Vater
schon sehr gewogen.«
»Ich frage, was ich für ein gutes Wort bekomme? Alles hat seinen Preis.
Nun, was wird mir dafür?«
Marie schlug die Augen nieder. »Ein schöner Dank,« sagte sie; »aber
kommt, Herr, der Vater wird schon längst auf uns warten.«
Sie wollte vorangehen, der Geächtete aber ergriff ihre Hand und hielt
sie auf. Georgs Herz pochte beinahe hörbar, es wurde ihm bald heiß,
bald kalt, er faßte den Torflügel und wäre nahe daran gewesen, diese
Fürsprache um einen fixen Preis zu verbitten.
»Warum so eilig?« hörte er den Mann der Höhle sagen. »Nun, sei
es um ein Küßchen, so will ich loben und preisen, daß dein Vater
sogleich den Pfaffen holen läßt, um das heilige Sakrament der Ehe an
euch zu vollziehen.« Er senkte sein Haupt gegen Marie herab, Georg
schwindelte es vor den Augen, er war im Begriff, aus seinem Hinterhalt
hervorzubrechen; das Fräulein aber sah jenen Mann mit einem strafenden
Blick an. »Das kann unmöglich Euer Gnaden Ernst sein,« sagte sie,
»sonst hättet Ihr mich zum letztenmal gesehen.«
»Wenn Ihr wüßtet, wie erhaben und schön Euch dieser Trotz steht,«
sagte der Ritter mit unerschütterlicher Freundlichkeit, »Ihr ginget
den ganzen Tag im Zorn und in der Wut umher. Uebrigens habt Ihr recht,
wenn man schon einen andern so tief im Herzen hat, darf man keine
solche Gunst mehr ausspenden. Aber feurige Kohlen will ich auf Euer
Haupt sammeln, ich will dennoch den Fürsprecher machen und an Eurem
Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Kuß anhalten, dann
wollen wir sehen, wer recht behält.«
»Das könnet Ihr!« sagte Marie, indem sie ihm lächelnd ihre Hand
entzog und mit dem Licht voranging; »aber machet Euch immer auf eine
abschlägige Antwort gefaßt, denn über diesen Punkt spaßt er nicht
gerne.«
»Ja, er ist verdammt eifersüchtig,« entgegnete der Ritter im
Weiterschreiten. »Ich könnte Euch davon eine Geschichte erzählen,
die mir selbst mit ihm begegnet ist; aber ich habe versprochen zu
schweigen. --«
Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden undeutlicher. Georg
schöpfte wieder freier Atem. Er lauschte und harrte noch in seiner
Nische, bis er niemand mehr auf den Treppen und Gängen hörte. Dann
verließ er seinen Platz und schlich nach seiner Kammer zurück. Die
letzten Worte Mariens und des Geächteten lagen noch in seinen Ohren.
Er schämte sich seiner Eifersucht, die ihn auch in dieser Nacht wieder
unwillkürlich hingerissen hatte, wenn er bedachte, in welch unwürdigem
Verdacht er die Geliebte gehabt und wie rein sie in diesem Augenblick
vor ihm gestanden sei. Er verbarg sein errötendes Gesicht tief in den
Kissen, und erst spät entführte ihn der Schlummer diesen quälenden
Gedanken.
Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um sieben
Uhr gewöhnlich die Familie zum Frühstück versammelte, kam ihm Marie mit
verweinten Augen entgegen. Sie führte ihn auf die Seite und flüsterte
ihm zu: »Tritt leise ein, Georg! Der Ritter aus der Höhle ist im
Zimmer. Er ist vor einer Stunde ein wenig eingeschlummert. Wir wollen
ihm diese Ruhe gönnen!«
»Der Geächtete!« fragte Georg staunend, »wie kann er es wagen, noch bei
Tag hier zu sein? Ist er krank geworden?«
»Nein!« antwortete Marie, indem von neuem Tränen in ihren Wimpern
hingen; »nein! Es muß in dieser Stunde noch ein Bote von Tübingen
anlangen, und diesen will er erwarten. Wir haben ihn gebeten,
beschworen, er möchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf
gehört. Hier will er ihn erwarten.«
»Aber könnte denn der Bote nicht auch in die Höhle hinabkommen?« warf
Georg ein. »Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus.«
»Ach, du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich einmal
etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab, und nur
zu leicht wird er mißtrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht sehr
zureden, wegzugehen; er hätte glauben können, wir tun es nur wegen
uns. Sein Hauptgrund zu bleiben ist, daß er sich gleich mit dem Vater
beraten will, sobald er Nachricht bekommt.«
Sie waren während dieser Rede an die Türe der Herrenstube gekommen,
Marie schloß so leise als möglich auf und trat mit Georg ein.
Die Herrenstube unterschied sich von dem großen Gemach im obern Stock
nur dadurch, daß sie kleiner war. Auch sie hatte die Aussicht nach drei
Seiten, durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch welche sich
die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach. Decke und Wände umzog
ein Getäfel von schwarzbraunem Holz, mit farbigen Hölzern kunstreich
ausgelegt. Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner schmückten die Wand,
welche keine Fenster hatte, und Tische und Gerätschaften zeigten, daß
der Ritter von Lichtenstein ein Freund alter Sitten und Zeiten sei und
seinen Hausrat, wie er ihn vom Großvater empfangen hatte, auch auf die
Tochter vererben wolle. Vor einem großen Tisch in der Mitte des Zimmers
saß der Herr des Schlosses. Er hatte sein Kinn mit dem langen Bart auf
die Hand gestützt und schaute finster und regungslos in einen Becher,
der vor ihm stand. Die Weinkannen und Deckelkrüge auf dem Tisch, der
Becher vor dem alten Herrn machte, daß man ungewiß war, ob er die Nacht
beim Becher zugebracht habe, oder ob er so frühe am Tage sich durch
einen guten Trunk Kräfte sammeln wolle.
Er grüßte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten
war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, indem ein kaum bemerkliches
Lächeln um seinen Mund zog. Er wies auf einen Becher und einen Stuhl zu
seiner Seite. Marie verstand den Wink, schenkte einen Becher voll und
kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut, die allem, was sie
tat, einen eigentümlichen Stempel aufdrückte. Georg setzte sich an die
Seite des Alten und trank.
Dieser rückte ihm näher und flüsterte ihm mit heiserer Stimme zu: »Ich
fürchte, es steht schlimm!«
»Habt Ihr Nachricht?« fragte Georg ebenso heimlich.