was sie tun sollten. Hewen aber vermahnte sie nochmals. Da sagte Ludwig
von Stadion, ich komme schon zu spät. Achtundzwanzig der Ritterschaft
wollen sich der Fehde mit dem Bunde begeben und den Herzog solche
allein ausmachen lassen. Komme er wieder mit Heeresmacht ins Land,
so wollen sie getreulich zu ihm stehen, aber aufs ungewisse wollen
sie den Krieg nicht fortführen, denn ihre Burgen und Güter werden so
lange beschädigt und gebrandschatzt, bis sie nicht mehr gegen den
Bund dienen. Ich verlangte nun, sie sollen mich hinaufführen in den
Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht Männer da seien, das Schloß
zu halten, ich zählte auf, wen ich noch für treu halte, die Nippenburg,
die Gültlingen, die Ow, die beiden Berlichingen, die Westerstetten, die
Eltershofen, Schilling, Reischach, Welwart, Kaltental, -- der von Hewen
aber schüttelte den Kopf und sagte, ich habe mich in manchem geirrt.«
»Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, hast du sie
nicht gesehen?«
»O ja, sie saßen im Keller beim Stadion und tranken Euren Wein. Hinauf
wollten sie mich aber nicht lassen. Selbst Hewen, selbst Freiberg und
Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten, die zwei Parteien
seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der Stadion habe die
Mehrzahl für sich und auch den größten Teil der Knechte. Wenn ich
hinaufgehe, komme es im Schloßhof und im Rittersaal zum Kampfe, und
es bleibe ihnen, als den Geringeren, nichts übrig, als zu sterben. So
gerne sie nun auch für Euch den letzten Blutstropfen aufwenden, so
wollen sie doch lieber in der Feldschlacht gegen den Feind fallen,
als von ihren Landsleuten und Waffenbrüdern totgeschlagen werden. Da
blieb mir nichts übrig, als sie zu bitten, sie möchten sich des Prinzen
Christoph und Eures zarten Töchterleins annehmen und ihnen das Schloß
bei der Uebergabe erhalten. Einige sagten zu, andere schwiegen und
zuckten die Achsel, ich aber gab den Verrätern meinen Fluch als Christ
und Ritter, sagte fünf von ihnen auf und lud sie zum Kampf auf Leben
und Tod, wenn der Krieg zu Ende sei, dann wandte ich mich und ging auf
demselben Wege aus der Burg, wie ich gekommen war.«
»Herr Gott im Himmel! hätte ich dies für möglich gehalten!« rief
Lichtenstein. »Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste
Burg, und sie doch verraten! Unser guter Name ist beschimpft; noch
in späten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen, und wie sie ihr
Fürstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort: ›Treu und ehrlich wie
ein Württemberger‹, ist zum Hohn geworden!«
»Wohl konnte man einst sagen, treu wie ein Württemberger,« sprach der
Herzog Ulrich, und eine Träne fiel in seinen Bart. »Als mein Ahnherr
Eberhard einst hinabritt gen Worms und mit den Kurfürsten, Grafen und
Herren zu Tische saß, da sprachen und rühmten sie viel vom Vorzug ihrer
Länder. Der eine rühmte seinen Wein, der andere sprach von seiner
Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen in seinen
Bergen. Da kam es auch an Eberhard im Bart. ›Von Euren Schätzen weiß
ich nichts aufzuweisen,‹ sagte er, ›doch gehe ich abends durch den
dunkelsten Wald, und komm' ich nachts durch die Berge und bin müd' und
matt, so ist ein treuer Württemberger bald zur Hand, ich grüße ihn und
leg' mich in seinen Schoß und schlafe ruhig ein.‹ Des wunderten sich
alle und staunten und riefen: ›Graf Eberhard hat recht,‹ und ließen
treue Württemberger leben. Geht jetzt der Herzog durch den Wald, so
kommen sie und schlagen ihn tot, und leg' ich meine Treuen in die
Burgen, kaum wende ich den Rücken, so handeln sie mit dem Feind. _Die_
Treue soll der Kuckuck holen; -- doch fahre fort, gib mir den Kelch bis
auf die Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne Furcht den Grund zu sehen.«
»Nun, daß ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tübingen auf, bis ich
Gewißheit bekäme wegen der Uebergabe. Gestern, am Ostermontag, sind
sie zusammengekommen; sie haben die Pakten schriftlich aufgesetzt und
nachher durch den Herold auf den Straßen ausrufen lassen; um fünf Uhr
abends haben sie das Schloß übergeben. Ihr seid der Regierung förmlich
entsetzt. Prinz Christoph, Euer Söhnlein, behält Schloß und Amt
Tübingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner Vormundschaft, und
in das übrige, heißt es, werden sich die Herren teilen. Ich habe viel
Jammer erfahren in meinem Leben, ich habe einen Freund im Lanzenstechen
umgebracht, ein liebes Kind ist mir gestorben und mein Haus abgebrannt,
aber so wahr mir Gott gnädig sei und seine Heiligen, mein Schmerz war
nie so groß als in jener Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer
Durchlaucht Panieren aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Württembergs
Geweihe und den Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah!«
So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg. Die Sonne war während seiner
Erzählung völlig heraufgekommen, auch an den äußersten Bergen war
der Nebel gefallen, und was um die fernen Höhen von Asperg zog, war
ein Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die
Gegenden, über welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Lichte
durchschimmern ließ. Angetan mit dem sanften Grün der Saaten, mit den
dunkleren Farben der Wälder, geschmückt mit freundlichen Dörfern, mit
glänzenden Burgen und Städten lag Württemberg in seiner Morgenpracht.
Sein unglücklicher Fürst überschaute es mit trüben Blicken. Die Natur
hatte ihm einen festen Mut und ein Herz gegeben, das Kummer und Elend
nicht zu brechen vermochte; nicht zu jeder Stunde, nicht jedem teilte
er seine Empfindungen mit, und wenn ein großes Unglück über ihn kam,
pflegte er zu schweigen und zu handeln.
Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten festen Burg
seine letzte Hoffnung gefallen war, verschloß er einen großen Schmerz
in einer tapferen Brust. Wer stand je an dem Sarg einer Mutter und
fühlte nicht, wenn er den letzten Blick auf die teuren, bleichen Züge,
auf den verstummten Mund warf, bittere Empfindungen in sich aufsteigen?
Es ist die Reue, was in solchen Augenblicken den Menschen übermannt.
Man erinnert sich, wie unendlich viel sie für uns getan, wie sie uns
als Kind so liebreich hegte, wie ihr kein Opfer zu schwer ward, das
sie dem Jüngling nicht gebracht hätte. Und wie haben wir vergolten?
wir waren gleichgültig gegen so viele rührende Liebe, wir glaubten, es
müsse nun einmal so sein, wir waren sogar undankbar und murrten, wenn
nicht alle unsere Wünsche schnell erfüllt wurden, wir verpraßten ihr
Gut und achteten nicht auf ihre stillen Tränen.
Jetzt, wo dieses liebevolle Auge uns nicht mehr sieht, wo dieses Ohr
auf immer verschlossen ist, das nur auf unsere Wünsche lauschte, wo
diese Hände unseren letzten Druck nicht mehr fühlen, diese Hände,
die uns mühsam nährten: jetzt bestürmen alle jene Gefühle von Reue,
Dankbarkeit, Liebe unsere Brust, deren eines hingereicht hätte in den
vorigen Tagen, sie glücklich zu machen!
Ein ähnliches Gefühl der Reue war es, was drückend auf der Brust
Ulrichs von Württemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das
auf ewig für ihn verloren schien. Seine edlere Natur, die er oft im
Gewühle eines prächtigen Hofes und betäubt von den Einflüsterungen
falscher Freunde verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht
sein Unglück allein, was ihn beschäftigte, sondern auch der Jammer des
okkupierten Landes.
Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu
seinen Freunden wandte, staunten sie über den Ausdruck seiner Züge. Sie
hatten erwartet, Zorn und Grimm über den Verrat seiner Edlen auf seiner
Stirne, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe Rührung, ein
stiller großer Schmerz, was seinen Mienen einen Ausdruck von Milde gab,
den sie nie an ihm gekannt hatten.
»Marx! Wie verfahren sie gegen das Landvolk?« fragte er.
»Wie Räuber,« antwortete dieser; »sie verwüsten ohne Not die Weinberge,
sie hauen die Obstbäume nieder und verbrennen sie am Wachtfeuer,
Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld und treten nieder, was die
Pferde nicht fressen. Sie mißhandeln die Weiber und pressen den Männern
das Geld ab. Schon jetzt murrt das Volk allerorten, und lasset erst den
Sommer kommen und den Herbst! Wenn aus den zerstampften Fluren kein
Korn aufgeht, wenn auf den verwüsteten Bergen keine Weinbeere wächst,
wenn sie erst noch die ungeheure Kriegssteuer, die der Bundesrat
umlegen wird, bezahlen müssen, -- da wird das Elend erst recht angehen.«
»Die Buben!« rief der Herzog, und ein edler Zorn sprühte aus seinen
Augen, »sie rühmten sich mit großen Worten, sie kämen, um Württemberg
von seinem Tyrannen zu befreien, es zu entheben aller Not. Und sie
hausen im Lande wie im Türkenkrieg. Aber ich schwöre es, so mir Gott
eine fröhliche Urständ gebe und seine Heiligen gnädig sein wollen
meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwüsteten Tälern des
Neckars und auf seinen Höhen keine Traube reift, ich will kommen und
mähen und Garben schneiden -- in ihren Gliedern, ich will kommen
mit schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut
verzapfen. Ich will rächen, was sie an mir und meinem Land getan, so
mir der Herr helfe.«
»Amen!« sprach der Ritter von Lichtenstein. »Aber ehe Ihr hereinkommt,
müßt Ihr auf gute Art hinaus sein aus dem Land. Es ist keine Zeit zu
verlieren, wenn Ihr ungefährdet entkommen wollt.«
Der Herzog sann eine Weile nach und antwortete dann: »Ihr habt recht,
ich will nach Mömpelgard; von dort aus will ich sehen, ob ich so viele
Mannschaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu wagen.
Komm her, du treuer Hund, du wirst mir folgen ins Elend der Verbannung.
Du weißt nicht, was es heißt, die Treue brechen und den Eid vergessen.«
»Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt,« sagte Schweinsberg
und trat näher zu dem Herzog. »Ich will mit Euch ziehen nach
Mömpelgard, wenn Ihr meine Begleitung nicht verschmähet.«
Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer.
»Nehmt auch mich mit Euch, Herr!« sagte er. »Meine Knochen taugen
freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im
Rat.«
Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten. Ueber die Wangen
Georgs von Sturmfeder zog ein glühendes Rot, sein Auge leuchtete vom
Mut der Begeisterung.
»Herr Herzog!« sagte er. »Ich habe Euch meinen Beistand angetragen in
jener Höhle, als ich nicht wußte, wer Ihr wäret, Ihr habt ihn nicht
verschmäht. Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber könnet Ihr ein
Herz brauchen, das recht treu für Euch schlägt, ein Auge, das für
Euch wacht, wenn Ihr schlafet, und einen Arm, der die Feinde von Euch
abwehrt, so nehmt mich auf und lasset mich mit Euch ziehen!«
Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Manne ohne Namen gezogen hatten,
loderten in dem Jüngling auf, sein Unglück und die erhabene Art, wie
er es trug, vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten,
erhöhten diese Flammen zur Begeisterung und zogen ihn zu den Füßen des
Herzogs ohne Land.
Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen
jungen Gast, gerührt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand, hob
ihn auf von den Knieen und küßte ihn auf die Stirne.
»Wo solche Herzen für uns schlagen,« sagte er, »da haben wir noch feste
Burgen und Wälle und sind noch nicht arm zu nennen. Du bist mir lieb
und wert, Georg von Sturmfeder, du wirst mich begleiten, mit Freuden
nehme ich deine treuen Dienste an. Marx Stumpf von Schweinsberg,
dich brauche ich zu wichtigerem Geschäft, als meinen Leib zu decken.
Ich werde dir Aufträge geben nach Hohentwiel und der Schweiz. Eure
Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht annehmen. Ich ehre
Euch wie einen Vater, Ihr habt getreu an mir gehandelt, Ihr habt mir
allnächtlich Eure Burg geöffnet; ich will's vergelten. Wenn ich mit
Gottes Hilfe wieder ins Land komme, soll Eure Stimme die erste sein in
meinem Rat.«
Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demütig in der Ferne
stand: »Komm her, du getreuer Mann!« rief er ihm zu und reichte ihm
seine Rechte, »du hast dich einst _schwer an Uns verschuldet_, aber du
hast treu abgebüßt, was du gefehlt.«
»Ein Leben ist nicht so schnell vergolten,« sagte der Bauer, indem er
düster zum Boden blickte, »noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will
sie zahlen.«
»Gehe heim in deine Hütte, so ist mein Wille. Treibe deine Geschäfte
wie zuvor, vielleicht kannst du uns treue Männer sammeln, wenn wir
wieder ins Land kommen. Und Ihr, Fräulein, wie kann ich Eure Dienste
lohnen? Seit vielen Nächten habt Ihr den Schlaf geflohen, um mir die
Türe zu öffnen und mich zu sichern vor Verrat! Errötet nicht so, als
hättet Ihr eine große Schuld zu gestehen. Jetzt ist es Zeit zu handeln.
Alter Herr,« wandte er sich zu Mariens Vater, »ich erscheine als
Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht verschmähen, den ich
Euch zuführe?«
»Wie soll ich Eure Reden verstehen, gnädigster Herr?« sagte der Ritter,
indem er verwundert auf seine Tochter sah.
Der Herzog ergriff Georgs Hand und führte ihn zu jenem. »_Dieser_ liebt
Eure Tochter, und das Fräulein ist ihm nicht abhold; wie wäre es, alter
Herr, wenn Ihr ein Pärlein aus ihnen machtet? Zieht nicht die Stirne
so finster zusammen, es ist ein ebenbürtiger Herr, ein tapferer Kämpe,
dessen Arm ich selbst versuchte, und jetzt mein treuer Geselle in der
Not.«
Marie schlug die Augen nieder, auf ihren Wangen wechselte hohe Röte
mit Blässe, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters. Dieser sah sehr
ernst auf den jungen Mann. »Georg,« sagte er, »ich habe Freude an Euch
gehabt seit der ersten Stunde, daß ich Euch sah; sie möchte übrigens
nicht so groß gewesen sein, hätte ich gewußt, _was_ Euch in mein Haus
führte.«
Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede:
»Ihr vergesset, daß _ich_ es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief
und Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnet
Ihr Euch so lange? Ich will ihn ausstatten wie meinen Sohn, ich will
ihn belohnen mit Gütern, daß Ihr stolz sein sollet auf einen solchen
Schwiegersohn.«
»Gebt Euch keine Mühe weiter, Herr Herzog,« sagte der junge Mann
gereizt, als der Alte noch immer unschlüssig schien. »Es soll nicht
von mir heißen, ich habe mir ein Weib erbettelt und ihrem Vater mich
aufdrängen wollen. Dazu ist mein Name zu gut.« Er wollte im Unmut das
Zimmer verlassen, der Ritter von Lichtenstein aber faßte seine Hand:
»Trotzkopf,« rief er, »wer wird denn gleich so aufbrausen? Da, nimm
sie, sie sei dein, aber -- denke nicht daran, sie heimzuführen, so
lange ein fremdes Banner auf den Türmen von Stuttgart weht. Sei dem
Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn du
treulich aushältst: am Tag, wo ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo
Württemberg seine Fahnen wieder aufpflanzt und seine Farben von den
Zinnen wehen, will ich dir mein Töchterlein bringen, und du sollst mir
ein lieber Sohn sein!«
»Und an jenem Tag,« sprach der Herzog, »wird das Bräutchen noch viel
schöner erröten, wenn die Glocken tönen von dem Turme und die Hochzeit
in die Kirche ziehet! Dann werde ich zum Bräutigam treten und zum Lohn
fordern, was mir gebührt. Da, guter Junge, gib ihr den Brautkuß; es ist
zu vermuten, daß es nicht der erste ist, herze sie noch einmal, und
dann gehörst du mein, bis an den fröhlichen Tag, wo wir in Stuttgart
einziehen. Lasset uns trinken, Ihr Herren, auf die Gesundheit des
Brautpaars!«
Auf Mariens holden Zügen stieg ein Lächeln auf und kämpfte mit den
Tränen, die noch immer aus den schönen Augen perlten. Sie goß die
Becher voll und kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren
Blicken, mit so lieblicher Anmut, daß er Georg glücklich pries und sich
gestehen mußte, manch anderer möchte um solchen Preis selbst sein Leben
wagen.
Die Männer ergriffen ihre Becher und erwarteten, daß ihnen der Herzog
einen guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise. Aber Ulrich
von Württemberg warf einen langen Abschiedsblick auf das schöne Land,
von dem er scheiden mußte, einen Augenblick wollte sich eine Träne in
seinem Auge bilden, er wandte sich kräftig ab. »Ich habe hinter mich
geworfen,« sagte er, »was mir einst teuer war, ich werde es wiedersehen
in besseren Tagen. Doch hier in diesen Herzen besitze ich noch Länder.
Beklaget mich nicht, sondern seid getrosten Mutes, wo der Herzog ist
und seine Treuen: _hie gut Württemberg alleweg_!«
26.
In Schwaben, wo dein Vater Herzog war,
Wo ihn und dich ein biedres Volk geliebt,
Wo mancher jetzt auf seiner Feste haust,
Der unter deinem Banner einst gekämpft.
Dort muß von dir noch ein Gedächtnis sein,
Dorthin sei unser irrer Pfad gelenkt,
Des Schwarzwalds dichter Schatten neh'm uns auf.
_Uhland._
Wohl nie so schwül hat ein Sommer über Württemberg gelegen als der
des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem Bunde gehuldigt und meinte,
es werde jetzt Ruhe haben. Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder
deutlich, daß es nicht die Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen
sei, was sie zusammenführte. Sie wollten bezahlt sein, sie wollten
Entschädigung haben für ihre Mühe. Die einen wollten, man solle
Württemberg unter sie teilen, die anderen, man solle es an Oesterreich
verkaufen, die dritten wollten es Ulrichs Kindern erhalten, -- aber
unter des Bundes Obervormundschaft. Sie stritten sich um den Besitz
des Landes, auf das weder der eine noch der andere gerechte Ansprüche
machen konnte. Das Land selbst war in Spaltung und Parteien. Es sollte
die Kriegskosten decken, und doch war niemand da, der zahlen wollte.
Die Ritterschaft hielt es für eine erwünschte Gelegenheit, sich ganz
vom Lande loszusagen und sich für unabhängig zu erklären. Die Bürger
und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwüstet und zertreten,
sie sahen nirgends eine Aussicht, sich zu erholen; die Geistlichkeit
wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles in Hader und
Streit. Es ging auch vielen tief zu Herzen, daß ihr angeborener Fürst
so schnöde behandelt worden war. Manchem kam jetzt, da der Herzog fern
von dem Lande seiner Väter in Verbannung hauste, Reue und Sehnsucht an.
Sie verglichen sein Regiment mit dem jetzigen. Es war nicht besser,
wohl aber schlimmer geworden; aber sie lebten unter zu hartem Zwang,
als daß sie ihre Schmerzen hätten offenbaren können.
Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes
nicht; sie mußte, wie sich in alten Berichten findet, »manche seltsame
und böse Rede« hören; sie suchte durch geschärfte Strenge sich
Anhänglichkeit zu erwerben, sie streute Lügen über den Herzog aus.[37]
Man gebot den Priestern, gegen ihn zu predigen; wer von ihm Gutes rede,
soll gefangen werden, wer ihn heimlich unterstütze, soll der Augen
beraubt, sogar enthauptet werden.
Aber Ulrich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf
geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Württemberg stehe. Er saß in
seiner Grafschaft Mömpelgard und harrte dort mit den Männern, die ihm
ins Unglück gefolgt waren, auf günstige Gelegenheit, in sein Land zu
kommen. Er schrieb an viele Fürsten, er beschwor sie, ihm zu Hilfe zu
kommen; aber keiner nahm sich seiner sehr tätig an. Er schrieb an die
zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfürsten -- sie halfen nicht. Das
einzige, was sie taten, war, dem neuen Kaiser in seiner Kapitulation
eine Klausel anzuhängen, die Württemberg und den Herzog betraf, --
er hat sie nicht geachtet. Als sich der Herzog von aller Welt also
verlassen sah, wankte er dennoch nicht, sondern setzte alles daran,
sein Land mit eigener Macht wiederzuerobern. Es waren einige Umstände,
die für ihn sehr günstig schienen. Der Bund hatte nämlich, als er Kunde
bekam, daß sich niemand des Vertriebenen annehmen wolle, seine Völker
entlassen. Die meisten Städte und Burgen behielten nur sehr schwache
Besatzungen, und selbst in Stuttgart waren nur wenige Fähnlein Knechte
gelassen worden.
Durch diese Maßregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben, den
man gering schätzte, der aber viel zur Aenderung der Dinge beitrug,
-- es waren dies die Landsknechte.[A] Diese Menschen, aus allen
Enden und Orten des Reiches zusammengelaufen, boten gewöhnlich dem
ihre Hilfe an, der sie am besten zahlte; für was und gegen wen sie
kämpften, war ihnen gleichgültig. Um sie zu halten, mußte man ihnen
vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plünderung, Brandschatzen führten
sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschädigen, wenn sie
den Sold nicht richtig bekamen. Georg von Frondsberg war der erste
gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heere, durch tägliche Uebungen
und unerbittliche Strenge einigermaßen im Zaum hielt. Er hatte sie in
regelmäßige Rotten und Fähnlein eingeteilt, er hatte ihnen bestimmte
Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt, geordnet und in Reihen und in
Gliedern zu fechten. Sie zeigten aber jetzt, daß sie aus einer guten
Schule kamen; denn als sie vom Bund entlassen waren, liefen sie nicht
wie früher zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen, sondern
rotteten sich zusammen, richteten zwölf Fähnlein auf, erwählten aus
_ihrer Mitte_ Hauptleute[38] und selbst einen Obersten in der Person
des _langen Peters_. Sie waren schwierig auf den Bund, nährten sich von
Raub und Brandschatzen im Land und führten Krieg auf eigene Rechnung.
Die Anarchie war in Württemberg so groß, daß ihnen niemand die Spitze
bot. Der Bund hatte sich an Streitkräften entblößt und war zu sehr mit
seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt, als daß er das arme Land
von dieser Bande befreit hätte. Die Ritterschaft war uneinig, sie saßen
auf den Schlössern und sahen ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der
Städte war zu gering, um ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Bürger
und Bauern sahen sogar diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen
nur nicht allzu groß waren, denn die Landsknechte schimpften weidlich
auf den Bund, dem niemand hold war. Ja es ging sogar die Sage, diese
Kriegsmänner seien nicht abgeneigt, dem Herzog wieder zu seinem Land zu
verhelfen.
[A] Landsknechte schreiben wir, nicht Lanzknechte, wie man in
neuerer Zeit getan, und berufen uns auf die »Historia des Herrn
Frondsberg« etc.
Es war ein schöner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute
in einem Wiesentale gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunächst
gelegen war. Die riesigen, schwarzen Tannen und Föhren, die das Tal auf
drei Seiten einschlossen, gehörten noch dem Schwarzwald an, und das
Flüßchen, das durch das Tal eilte, war die Würm. Halb überschattet vom
Wald, halb in den Weidenbüschen des Tales versteckt, lag das kleine
Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe. In der Entfernung
von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt, deren blitzende
Lanzen oder rotglühende Lunten schon von weitem Furcht einjagten. In
der Mitte des Tales, im Schatten einer Eiche, saßen fünf Männer um
einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch gebrauchten, um ein Spiel
auf ihm zu spielen, das heute noch den Namen Landsknecht führt. Diese
Männer zeichneten sich vor ihren übrigen Genossen durch breite rote
Binden aus, die sie über die Schulter und Brust herabhängen hatten,
sonst aber hatte ihre Bekleidung auch das zerrissene und morsche
Aussehen wie das der übrigen Soldateska. Einige hatten Sturmhauben
auf, andere große Filzhüte, mit eisernen Bändern beschlagen, dazu
Lederkoller, welche von Regen, Staub und Biwaks alle möglichen
Schattierungen erhalten hatten.
Bei näherem Blick erkannte man übrigens noch zwei Dinge, durch welche
sie sich von ihren Kameraden unterschieden. Sie führten nämlich keine
Donnerbüchsen oder Spieße, wie sie die Landsknechte gewöhnlich trugen,
sondern Raufdegen von ungemeiner Länge und Breite. Auch hatten sie,
wie es damals die Edelleute und Anführer trugen, auf ihren Hüten und
Sturmhauben bunte, wallende Federbüsche aus Hahnenschwänzen, um sich
ein ritterliches Ansehen zu geben.
Die fünf Männer schienen große Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen,
vorzüglich aber einer, der sich mit dem Rücken an die Eiche lehnte.
Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann. Er hatte einen Hut auf,
dessen Rand sich wie ein bedeutender Mühlstein um den Kopf zog. Der
Hut war mit einer Goldtresse besetzt, auf der Stirnseite war er mit
dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmückt, aus welchem zwei
ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten. Dieser Mann mußte weit in der
Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf französisch, italienisch,
ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch, er hatte ihn
nämlich mit Pech so zusammengedreht, daß er wie zwei eiserne Stacheln
auf beiden Seiten der Nase eine Spanne in die Luft hinausstarrte.
»~Canto cacramento!~« rief dieser große Mann mit einem dröhnenden
Baß, »der kleine Wenzel ist mein. Drauf! Ich stech' ihn mit dem
Eichel-König.«
»Mein ist er, mit Verlaub,« rief sein Nebenmann, »und der König dazu.
Da liegt die Eichel-Sau!«