Und dann jene anmutsvolle Stufe zwischen Kind und Jungfrau! Wo ist wohl

das stille Plätzchen, wo sich das fünfzehnjährige Fräulein, wenn sie

in dem Garten und Feld nach Kinderweise getobt hatte, sich ernst und

feierlich hinsetzte, die Kunkel zur Hand nahm und goldne Fäden zog,

während ihr der Vater von der Mutter und von den Tagen seiner Jugend

erzählte oder durch weise Lehren und gewichtige Sprüche den Geist der

Jungfrau zu erheben suchte?

Wo ist das Lieblingsfenster, wohin sie sich, immer höher und schöner

heranwachsend, gerne setzte und mit unbewußter, dunkler Sehnsucht in

die Ferne sah, über das Leben und ihre eigene Zukunft nachsann und

sich in freundliche Träume versenkte?

Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war _ihr_ Geist,

der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war,

freundlich begrüßte. Dieses Gärtchen, auf einem schmalen Raum am

Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem Topf

auf dem Tische standen, hatte sie vielleicht heute schon gepflückt. Er

ging hin, diese Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu begrüßen.

Er beugte sich herab über die Blumen, er führte die duftenden Veilchen

zum Mund. In diesem Augenblick glaubte er ein Geräusch vor der Türe zu

vernehmen. Er sah sich um -- sie war es, es war Marie, die staunend und

regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Türe stand. Er flog

zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine Lippen erst schienen

sie zu überzeugen, daß es nicht der Geist des Geliebten sei, der ihr

hier erscheine. Wie viel hatten sie sich zu fragen, bei weitem mehr,

als sie nur antworten konnten! Es gab Augenblicke, wo sie, wie aus

einem Traum erwacht, sich ansahen, sich überzeugen mußten, ob sie denn

wirklich sich wiederhaben?

»Wieviel habe ich um dich gelitten,« sagte Marie, und ihre Wangen

straften sie nicht Lügen; »wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus

Ulm scheiden mußte. Zwar hattest du mir gelobt, vom Bunde abzulassen,

aber hatte ich denn Hoffnung, dich so bald wiederzusehen? -- Und dann,

wie mir Hans die Nachricht brachte, daß du mit ihm nach Lichtenstein

kommen wolltest, aber du seist überfallen, verwundet worden. Das Herz

wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu dir, konnte dich

nicht pflegen!«

Wie beschämt war Georg, wenn er an seine törichte Eifersucht

zurückdachte, wie fühlte er sich so klein und schwach Mariens zarter

Liebe gegenüber. Er suchte sein Erröten zu verbergen, er erzählte, oft

unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles so gefügt habe, wie er

dem Bunde abgesagt, wie er überfallen worden, wie er der Pflege der

Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.

Georg war zu ehrlich, als daß ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder

in Verlegenheit gesetzt hätten. Besonders als sie mit Verwunderung

fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein

aufgebrochen sei, wußte er sich nicht zu raten. Die schönen klaren

Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, daß

er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht hätte.

»Ich will es nur gestehen,« sagte er mit niedergeschlagenen Augen, »die

Wirtin in Pfullingen hat mich betört. Sie sagte mir etwas von dir, was

ich nicht mit Gleichmut hören konnte.«

»Die Wirtin von mir?« rief Marie lächelnd. »Nun was war denn dies, daß

es dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?«

»Laß es doch! Ich weiß ja, daß ich ein Tor war. Der geächtete Ritter

hat mich ja schon längst überzeugt, daß ich völlig unrecht hatte.«

»Nein, nein,« entgegnete sie bittend, »so entgehst du mir nicht. Was

wußte die Schwätzerin wieder von mir? Gestehe nur gleich --«

»Nun, lache mich nur recht aus. Sie erzählte, du habest einen Liebsten

und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die Burg.«

Marie errötete. Unwille und die Lust, über diese Torheit zu lachen,

kämpften in ihren schönen Zügen. »Nun, ich hoffe,« sagte sie, »du hast

ihr darauf geantwortet, wie es sich gehört, und aus Unmut über eine

solche Verleumdung ihr Haus verlassen? Dachtest vielleicht, du könntest

unser Schloß noch erreichen und hier übernachten?«

»Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht. Siehe, ich war noch halb

krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewiß nicht; aber deine Amme, die

alte Frau Rosel, wurde aufgeführt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie

hatte mich selbst ins Spiel gebracht und bedauert, daß ich um meine

Liebe betrogen sei, da -- o sieh nicht weg, Marie, werde mir nicht

böse! -- ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schloß herauf, um

ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben.«

»Das konntest du glauben?« rief Marie, und Tränen stürzten aus ihren

Augen. »Daß Frau Rosel solche Sachen ausgesagt, ist unrecht, aber sie

ist ein altes Weib, klatscht gerne; daß die Frau Wirtin solche Sachen

nachsagt, nehme ich ihr nicht übel, denn sie weiß nichts Besseres zu

tun; aber du, _du_ Georg, konntest nur einen Augenblick so arge Lügen

glauben? Du wolltest dich überzeugen, daß --« von neuem strömten ihre

Tränen, und das Gefühl bitterer Kränkung erstickte ihre Stimme.

Georg zürnte sich selbst, daß er so töricht hatte sein können, aber er

fühlte auch, daß, wenn er ein großes Unrecht an der Geliebten begangen

hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete. »Verzeihe mir nur

diesmal,« bat er; »sieh, wenn ich dich nicht so lieb gehabt hätte, ich

hätte gewiß nicht geglaubt; aber wenn du wüßtest, was Eifersucht ist!«

»Wer recht liebt, kann gar nicht eifersüchtig sein,« sagte Marie

unmutig; »aber schon in Ulm hast du etwas solches gesagt, und schon

damals hat es mich recht tief betrübt. Aber du kennst mich gar nicht;

wenn du mich recht gekannt hättest, wenn du mich geliebt hättest wie

ich dich, wärest du nicht auf solche Gedanken gekommen.«

»Nein! Ungerecht mußt du doch nicht werden,« rief Georg und faßte ihre

Hand. »Wie kannst du mir vorwerfen, daß ich dich nicht liebe wie du

mich? Hätte es denn nicht möglich sein können, daß ein Würdigerer als

ich erschienen, daß der arme Georg durch irgend einen bösen Zauber aus

deinem Herzen verdrängt worden wäre? Es ist ja doch alles möglich auf

der Erde!«

»Möglich?« unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit

Lächeln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte,

schien sie allein zu beseelen. »Möglich? Wenn Ihr nur einen Augenblick

so Arges von mir für möglich gehalten hättet, ich wiederhole es, Herr

von Sturmfeder! so habt Ihr mich nie geliebt. Ein Mann muß sich nicht

wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er muß feststehen auf seiner

Meinung, und wenn er liebt, so muß er auch glauben.«

»Diesen Vorwurf habe ich von dir am wenigsten verdient,« sagte der

junge Mann, indem er unmutig aufsprang; »wohl bin ich ein Rohr, das vom

Winde hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum verachten --«

»Es könnte sein!« flüsterte sie, doch nicht so leise, daß es sein Ohr

nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies.

»Auch du willst mich also darum verachten, und doch bist du es,

was mich hin und her bewegt! Ich habe dich auf bündischer Seite

gesucht, ich war selig, als ich dich dort fand. Du batest mich, davon

abzulassen, ich ging. Ich tat noch mehr. Ich kam zu euch herüber,

es kostete mich beinahe das Leben, und doch ließ ich mich nicht

abschrecken. Ich ergriff Württembergs Partei, ich kam zu deinem Vater,

er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, daß ich sein Freund

geworden -- aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom Winde hin

und her bewegt wird! Aber noch einmal will ich mich -- zum letztenmal

-- von dir bewegen lassen: ich will fort, weil du meine Liebe so

vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!«

Er gürtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein

Barett und wandte sich zur Türe.

»Georg!« rief Marie mit den süßesten Tönen der Liebe, indem sie

aufsprang und seine Hand faßte. Ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des

Unmuts war verschwunden, selbst die Tränen hemmten ihren Lauf, und nur

bittende Liebe blickte aus ihrem Auge. »Um Gottes willen, Georg! ich

meinte es nicht so böse; bleibe bei mir, ich will alles vergessen, ich

schäme mich, daß ich so unwillig werden konnte.«

Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besänftigen,

er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lächeln

gewonnen zu werden; denn sein Entschluß stand fest, das Schloß

zu verlassen. »Nein!« rief er, »du sollst das Rohr nicht mehr

zurückwenden. Aber deinem Vater kannst du sagen, wie du seinen Gast aus

seinem Haus vertrieben hast.« Die runden Fensterscheiben zitterten vor

seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entriß seine Hand der

Geliebten, gefolgt von ihr schritt er fort, er riß die Türe auf, um auf

ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine Erscheinung fesselte,

die wir im nächsten Kapitel näher beschreiben werden.

23.

Herrengunst, Aprilenwetter,

Frauenlieb' und Rosenblätter,

Würfel, Karten, Federspiel

Verkehren sich oft, wer's glauben will.

_Altes Sprichwort._

Als Georg die Tür öffnete, richtete sich aus einer sehr gebückten

Stellung die hagere, knöcherne Gestalt der Frau Rosel auf. Es war

dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von früher Jugend an

in einer Familie bleiben, sich einbürgern, in die Familie verwachsen

und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden. Sie hatte ihre

Nützlichkeit besonders nach dem Tode der Frau von Lichtenstein erprobt,

wo sie Marie mit großer Sorgfalt pflegte und aufzog. Sie war so von

einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushälterin, von

diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauter avanciert. Sie

hatte aber, wie ein kluger Feldherr, sich den Rücken gesichert, sie

hatte jene Posten, aus denen sie in die höheren Stellen vorgerückt war,

nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle zusammen, wie

sie behauptete, mit großer Gewissenhaftigkeit, und weil es doch sonst

niemand verstehe. Sie hatte durch diesen Kunstgriff und durch ihre

lange Dienstzeit die Zügel der häuslichen Regierung an sich gebracht,

das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab zu verstehen,

daß sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine Gnade nur darin bestand,

daß er sie nicht in Gegenwart der übrigen auszankte.

Mit dem Fräulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr im besten

Verhältnis. Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend ihr

ganzes Vertrauen besessen. Noch in Tübingen war sie wenigstens halb ins

Geheimnis ihrer Liebe gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich so tätigen

Anteil an allem, was ihr Fräulein betraf, daß sie gesagt hätte: »Wir

lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zärtlichste,« oder -- »_uns_ will

das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden müssen.«

Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende. Das Fräulein

bemerkte, daß Frau Rosel zu gerne schwatze, sie war ihr auf der Spur,

daß sie sogar von ihrem Verhältnis zu Georg geplaudert habe. Sie war

daher von jetzt an kälter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte im

Augenblick, warum dies geschehe. Als aber bald darauf die Reise nach

Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen

Rock von Fries und eine köstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt

hatte, auf höheren Befehl in Lichtenstein bleiben mußte, da wurde die

Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Fräulein habe es beim

Vater dahin gebracht, daß sie nicht nach Ulm mitreisen dürfe.

Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurückkehrte.

Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft als dem Gesinde lebte,

suchte einigemal Erkundigungen über Herrn Georg einzuziehen und so das

alte Verhältnis wieder anzuknüpfen, doch Mariens Herz war so voll, die

Amme ihr zu verdächtig, als daß sie etwas gesagt hätte. Als daher der

geächtete Ritter nächtlicherweise ins Schloß kam, als das Fräulein so

geheimnisvoll Speisen für ihn bereitete und, wie Frau Rosel glaubte,

mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins Geheimnis gezogen

wurde, da schüttete sie ihr Herz gegen die Frau Wirtin in Pfullingen

aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken, daß er jenen Worten

traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als Vertraute ihres Fräuleins,

wußte er ja doch nicht, wie dieses Verhältnis indessen so anders sich

gestaltet habe.

Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die

Kirche gewallfahrtet. Sie hatte ihre Sünden, worunter Neugierde

ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution

dafür erhalten und war mit so viel leichterem Herzen und Gewissen

auf den Lichtenstein zurückgekehrt, als sie vorher schwer und unter

der Last der Sünden seufzend, hinabgestiegen war. Die salbungsvollen

Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um

ihre Sünden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr Kämmerlein

hinaufstieg, um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen, hörte sie ihr

Fräulein und eine tiefe Männerstimme heftig miteinander sprechen, es

wollte ihr sogar bedünken, ihr Fräulein weine.

»Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?« dachte

sie. Die natürliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefühl zog ihr Auge

und Ohr ans Schlüsselloch, und sie vernahm in abgebrochenen Worten den

Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind.

Der junge Mann hatte die Türe so rasch geöffnet, daß sie nicht mehr

Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer

gebückten Stellung am Schlüsselloch auftauchen konnte. Doch sie wußte

sich zu helfen in solchen mißlichen Fällen, sie ließ Georg nicht an

sich vorüber, ließ beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die Hände

des jungen Mannes und überströmte ihn mit einem Schwall von Worten:

»Ei, du meine Güte! hätt' ich glaubt, daß meine alten Augen den Junker

von Sturmfeder noch schauen würden! Und ich mein', Ihr seid noch

schöner worden und größer, seit ich Euch nimmer sah! Hätt' ich das

gewußt! Steh' da, wie ein Stock an der Tür', denke, ei! wer spricht

jetzt mit dem gnädigen Fräulein? Der Herr ist's nicht; von den Knechten

ist's auch keiner! Ei, was man nicht erlebt! Jetzt ist's der Junker

Georg, der da drin spricht!«

Georg hatte sich während dieser Rede der Frau Rosel vergeblich von ihr

loszumachen gesucht. Er fühlte, daß es sich nicht gezieme, vor ihr zu

zeigen, daß er auf Marien zürne, und doch glaubte er keinen Augenblick

mehr bleiben zu können. Er rang endlich eine Hand aus der knöchernen

Faust der Alten, aber indem er sie frei fühlte, hatte sie auch schon

Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels höhnisches Lächeln

zu achten, an ihr Herz gedrückt. Er war bei dieser Bewegung einem

ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu bannen schienen. Jetzt aber

erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine neue Verlegenheit. Er fühlte

seinen Unmut schwinden, er fühlte, daß es Marie nicht so bös mit ihm

gemeint habe. -- Wie sollte er aber jetzt mit Ehren zurückkehren?

Wie sollte er so ganz ungekränkt scheinen? Wäre er mit Marien allein

gewesen, so war es vielleicht noch eher möglich, aber vor diesem

Zeugen, vor der wohlbekannten Frau Rosel umzukehren, sich durch einen

Händedruck, durch einen Blick erweichen lassen und gefangen geben? Er

schämte sich vor diesem Weib, weil er sich vor sich selbst schämte, und

wir haben gehört, daß dieses Gefühl der Scham, die Ungewißheit, _wie_

man, ohne zu erröten, zurückkehren könne, schon oft aus einer kurzen

Trennung in Unmut eine dauernde gemacht und die schönsten Verhältnisse

gebrochen habe.

Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram

ihres Fräuleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborene

Gutmütigkeit über die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen

war. Sie faßte die Hand des Junkers fester: »Ihr werdet uns doch

nicht schon wieder verlassen wollen, nachdem Ihr kaum ein Stündchen

auf dem Lichtenstein verweilt habt? Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen,

läßt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte

des Schlosses. Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht

begrüßt?«

Es war schon ein großer Gewinn für Mariens Sache, daß Georg _sprach_:

»Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir

zusammen leerten.«

»Nun,« fuhr die Alte fort, »da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm

Abschied genommen haben?«

»Nein, ich sollte ihn im Schloß erwarten.«

»Ei, wer wird dann gehen wollen?« sagte sie und drängte ihn sanft in

das Zimmer zurück. »Das wär' mir eine schöne Sitte. Der Herr könnte ja

Wunder meinen, was für einen sonderbaren Gast er beherbergte. Wer bei

_Tag_ kommt,« setzte sie mit einem stechenden Blick auf das Fräulein

hinzu, »wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und darf sich

nicht _wegschleichen_ wie der Dieb _in der Nacht_.«

Marie errötete und drückte die Hand des Jünglings, und unwillkürlich

mußte dieser lächeln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die

strafenden Blicke sah, die sie auf Marien warf.

»Ja, ja, wie ich sagte,« fuhr Frau Rosel fort, »braucht Euch nicht

wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht. Wäre vielleicht besser gewesen,

Ihr wäret schon früher gekommen. Im Sprichwort heißt es: Sieh für dich,

irren ist mißlich; und: wer will haben Ruh', bleib' bei seiner Kuh!

Aber ich will nichts gesagt haben.«

»Nun ja,« sagte Marie, »du siehst, er bleibt da; was willst du nur mit

deinen Reden und Sprüchlein? Du weißt selbst, sie passen nicht immer.«

»So? Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist. Aber

Reu' und guter Rat ist unnütz nach geschehener Tat. Ich weiß schon,

Undank ist der Welt Lohn, ich kann ja schweigen. Wer will haben gute

Ruh', der seh' und hör' und schweig' dazu.«

»Nun, so schweige immerhin,« entgegnete das Fräulein etwas gereizt;

ȟbrigens wirst du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu merken

läßt, daß du Herrn von Sturmfeder schon kennst. Es wäre möglich, er

könnte glauben, er sei wegen uns nach Lichtenstein gekommen.«

Frau Rosel kämpfte zwischen guter und böser Laune. Es tat ihr wohl,

daß man sie brauche, daß man Stillschweigen von ihr erbitten müsse;

auf der andern Seite war sie noch unwillig darüber, daß das Fräulein

seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen in sie gesetzt habe. Sie murmelte

daher nur einige unverständliche Worte vor sich hin, indem sie die

Stühle wieder an die Wände stellte, die Becher von dem Tisch nahm und

die Flecken abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit der

Tisch eingelegt war, zurückgelassen hatte. Marie gab Georg, der sich

an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht völlig mit sich und der

Geliebten ausgesöhnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet ließ.

Ihm selbst war viel daran gelegen, daß Mariens Vater noch nichts um

ihre Liebe wußte; er fürchtete, jener möchte es als einziges Motiv

seines Uebertrittes zu Württemberg ansehen, er möchte ihn darum weniger

günstig beurteilen, als er bisher getan. Dies erwägend, näherte sich

Georg der alten Frau Rosel. Er klopfte ihr traulich auf die Schultern,

und ihre Züge hellten sich zusehends auf. »Man muß gestehen,« sagte er

freundlich, »Frau Rosel hat eine schöne Haube; aber dies Band paßt doch

wahrlich nicht dazu, es ist alt und verschossen.«

»Ei was!« sagte die Alte etwas ärgerlich, denn sie hatte sich wohl auf

eine freundliche Rede gefaßt gemacht; »was kümmert Euch meine Haube,

ein jeder fege vor seiner Tür. Sieh auf dich und auf die Deinen,

danach schilt mich und die Meinen. Ich bin ein armes Weib und kann

nicht Staat machen wie eine Reichsgräfin. Wenn alle Leute wären gleich,

und wären alle sämtlich reich, und wären all' zu Tisch gesessen, wer

wollt' auftragen Trinken und Essen?«

»Nun, so hab' ich's nicht gemeint,« sagte Georg besänftigend, indem

er eine Silbermünze aus seinem Beutelein zog. »Aber mir zu Gefallen

ändert Frau Rosalie schon ihr Band; und daß meine Forderung nicht gar

zu unbillig klingt, wird sie diesen Dicktaler nicht verschmähen!«

Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne

durchdringen und Gewölk und Nebel verjagen sehen? So ging es auch am

Horizont der Frau Rosel freundlich auf. Die artige Weise des Junkers,

ihr Lieblingsname Rosalie, der ihr viel wohltönender dünkte als das

verdorbene Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf des

Herzogs und dem Wappen von Teck -- wie konnte sie so vielen Reizen

widerstehen? »Ihr seid doch der alte freundliche Junker!« sagte sie,

indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne

Tasche an ihrer Seite gleiten ließ und den Saum von Georgs Mantel zum

Munde führte. »Gerade so wußtet Ihr es in Tübingen zu machen. Stand

ich am Jörgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt,

richtig rief es hinter mir: ›Guten Morgen, Frau Rosalie! und wie geht

es dem Fräulein?‹ Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beschenkt;

wenigstens zwei Dritteile von dem Rock, den ich hier trag', verdank'

ich Eurer Gnade!«

»Laßt das, gute Frau,« unterbrach sie Georg. »Und was den Herrn

betrifft, so wirst du --«

»Was meint Ihr!« erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrückte.

»Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen. Nein, da könnt Ihr Euch drauf

verlassen. Was ich nicht weiß, macht mir nicht heiß, und was mich nicht

brennt, das blase ich nicht!«

Sie verließ bei diesen Worten das Zimmer und stieg in den ersten Stock

hinab, um dort in der Küche ihr Regiment zu verwalten.

Dankbar und freudig zog sie den Taler aus der Ledertasche und besah ihn

hin und her; sie pries bei sich die Freigebigkeit des wackern Junkers

und bedauerte ihn im stillen, daß seine Liebe so schlecht vergolten

werde, denn daß es ihr Fräulein mit einem andern habe, war ihr

ausgemachte Sache. Vor der Küche stand sie gedankenvoll still. Sie war

in Zweifel mit sich, ob sie der Sache ihren Lauf lassen solle, oder

ob es nicht besser wäre, dem Junker einige Winke über den nächtlichen

Besucher zu geben. »Doch, kommt Zeit, kommt Rat, vielleicht sieht er es

selbst und braucht mich nicht dazu. Ueberdies -- ein Rater in zweier

Feinde Mitten, kann es leicht mit beiden verschütten; man kann warten

und zusehen, denn Hitz' im Rat, Eil' in der Tat, gebären nichts als

Schad'. Wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und -- schweig'

dazu!«

Solchen Rat pflog mit sich selbst Frau Rosel vor der Küche; die

Liebenden aber, denen diese Beratung galt, hatten sich nach ihrem

Abzug bald wiedergefunden. Georg vermochte nicht den bittenden Blicken

Mariens zu widerstehen; und als sie mit den süßesten Tönen der Liebe

ihn fragte, ob er ihr wieder gut sei, da vermochte er nicht nein zu

sagen, und der Friede war, was selten der Fall ist, in kürzerer Zeit

wieder geschlossen, als die Fehde begonnen hatte.

Mit hohem Interesse hörte Marie auf Georgs fernere Erzählung, und

es gehörte der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und

sein Vertrauen in das Wort des Geächteten dazu, um nicht von neuem

außer Fassung zu kommen. Denn als er beschrieb, wie er auf den

Ritter getroffen und sich mit ihm geschlagen habe, da errötete sie,

sie richtete sich stolzer auf und drückte die Hand des Geliebten,

sie gestand ihm, daß er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn

jener Mann sei ein tapferer Kämpe. Und als er erzählte, wie sie

hinabgestiegen in die Nebelhöhle, wie sie den Geächteten besuchten,

wie er tief unter der Erde in ärmlicher Umgebung doch so groß und

erhaben geschienen, da stürzten Tränen aus ihren Augen, sie blickte

hinauf zum Himmel, als bete sie im stillen, er möchte das traurige

Geschick dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und sagte, was sie

gesprochen, und wie der Mann der Höhle sich seinen Freund genannt,

wie er sich zu Württembergs Sache, zu der Sache der Unterdrückten und

Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte

Mariens Auge von wunderbarem Glanze; sie sah Georg lange an, er glaubte

eine Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zügen zu lesen, die nicht die

Freude, daß er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein vollbrachte.

»Georg!« sagte sie, »es werden viele sein, die dich einst um diese

Nacht beneiden werden. Du darfst es dir auch zur Ehre rechnen, denn

glaube mir, nicht jeden hätte Hans zu dem Vertriebenen geführt.«

»Du kennst ihn,« erwiderte Georg; »du weißt um sein Geheimnis? O sag

mir doch, wer ist er? Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen Auge,

dessen Miene, dessen ganzes Wesen mich so beherrscht hätte wie dieser.

Wo lagen seine Besitzungen, wo ist das Schloß, aus dem er vertrieben

ist? Er sagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben als ›der Mann‹,

aber sein Arm, dessen Stärke ich gefühlt, sein heller Blick verbürgte

mir, daß er einst einen berühmten Namen in der Welt gehabt haben müsse.«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 17 / 32 段