Höhle zum Licht herausstiegen. Georg atmete freier und leichter in
der kühlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst, der in den Gängen
und Grotten der Höhle umzieht, und wovon sie vielleicht den Namen
Nebelhöhle trägt, lagert sich beengend auf die Brust. Sie fanden das
Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle angebunden, munter
und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstücke, die am Sattel
befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten, wie
Georg befürchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein grobes
Tuch, das ihm beim Unwetter gegen Regen und Kälte dienen mochte, über
den Rücken des Pferdes ausgebreitet. Georg machte seine Kleidung und
das Zeug des Rosses zurecht, während der Bauer diesem einige Hände voll
Heu zum Morgenbrot reichte, und dann ging es weiter den Berg hinan. Sie
waren erst wenige Schritte vorgerückt, als der Klang einer Glocke aus
dem Tal herauftönte und die feierliche Stille des Morgens unterbrach;
eine andere antwortete, drei bis vier stimmten ein, bis die melodischen
Töne von wenigstens zwölf Glocken von den Höhen umher und aus den
Tälern aufstiegen. Ueberrascht hielt der junge Mann sein Pferd an: »Was
ist das?« rief er. »Brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir heute ein
Fest im Kalender haben? Weiß Gott, ich bin durch meine Krankheit so aus
aller Zeit herausgekommen, daß ich den Sonntag nur daran erkenne, daß
die Mädchen neue Röcke und frische Schürzen anhaben.«
»Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen,« antwortete Hans der
Spielmann; »ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen müssen,
wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte als Mess' und Predigt; aber
heute ist es ein anderes Ding,« setzte er ernster hinzu und schlug ein
Kreuz, »heut ist Karfreitag. Gelobt sei Jesus Christus!«
»In Ewigkeit!« erwiderte der Jüngling. »Es ist das erste Mal in meinem
Leben, daß ich den Tag nicht würdig begehe, wie ich soll, und dieser
Tag erinnert mich an manche schöne Stunde meiner Kindheit. Damals
lebte noch mein Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und ein ganz
kleines Schwesterlein. Wir beide freuten uns immer, wenn der Karfreitag
kam; wir wußten nichts von der Bedeutung des Tages, aber wir rechneten
dann, daß es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo uns die Mutter
schöne Sachen bescherte. »~Requiescant in pace!~« setzte er hinzu,
indem er seitwärts blickte, um eine Träne zu verbergen; »sie sind
drüben alle drei und feiern dort ihren heiligen Freitag.«
»Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen,« sagte der Pfeifer
nach einigem Stillschweigen, »aber mein Beichtiger mag es mir schon
vergeben. Ich denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker! Denen, die
schlafen, ist es wohl, und die, die wachen, sollen vorwärts und nicht
rückwärts sehen. So würde ich an Eurer Stelle daran denken, wie Ihr
einst auch Euren Kindlein das Ostern bescheren könnet, und wie sie sich
freuen werden am Karfreitag. Seid Ihr nicht auf der Brautfahrt, und
wird ein gewisses Fräulein nicht auch eine gute, sanfte Mutter werden?«
Georg suchte umsonst ein Lächeln zu unterdrücken, das dieser sonderbare
Trostspruch hervorgelockt hatte. »Höre, guter Freund,« entgegnete er,
»dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt; doch möchte ich keinem
anderen raten, meine Ohren durch solche sündigen Gedanken zu entweihen.«
»Nichts für ungut, Herr! Ich wollte weder Euch noch das Fräulein damit
beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen. Aber sehet Ihr nicht dort
schon den Turm aus den Wipfeln ragen? Noch eine kleine Viertelstunde,
und wir sind oben.«
»Soviel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schloß auf
einen einzelnen jähen Felsen hinausgestellt. Bei Gott, ein kühner
Gedanke, da konnte wohl niemand hinüberkommen, wer nicht mit den Geiern
im Bunde war und fliegen gelernt hatte; freilich jetzt könnte man ihm
mit Stückschüssen sehr zusetzen.«
»Meint Ihr? Nun es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle, die
auch ein Wörtchen antworten würden. Wenn Ihr recht gesehen habt, so
müßt Ihr bemerkt haben, daß der Felsen ringsum durch ein breites Tal
von den Bergen umher gesondert ist, dorther könnte man nicht viel
Schaden tun; die einzige Seite, die näher an dem Berge liegt, ist die,
wo die Zugbrücke herübergeht. Pflanzet einmal dort Geschütz auf und
sehet zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund schießt, ehe
Ihr nur ein Fenster aufs Korn genommen habt. Und wie wollt Ihr Geschütz
heraufführen in diesen Schluchten und Bergen, ohne daß Euch wenige
entschlossene Männer mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?«
»Da habt Ihr recht,« antwortete Georg; »ich möchte wissen, wer den
Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schloß zu bauen.«
»Das will ich Euch sagen,« erwiderte der Spielmann, der mit allen
Sagen seines Landes vertraut war; »es lebte einmal vor vielen Jahren
eine Frau, die mußte viele Verfolgung dulden und wußte sich nicht
mehr zu raten. Da kam sie an diesen Felsen und sah, wie ein großer
Geier mit seiner Familie und allem Haushalt dort lebte und gegen alle
Nachstellung sicher war. Da beschloß sie, den Geier zu verdrängen. Sie
ließ das Schloß dorthin bauen, und als alles fertig war, ließ sie die
Brücke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach: ›Nun bin
ich Gottes Freund und aller Welt Feind.‹ Und es konnte ihr keiner mehr
etwas anhaben. Aber sehet, da sind wir schon. Lebet wohl, vielleicht,
daß ich Euch schon heute nacht wiedersehe. Ich steige jetzt ins Land
hinab und bringe dann dem Herrn in der Höhle Kundschaft, wie es dort
unten aussieht. Vergesset nicht, an der Brücke Brief und Ring dem Herrn
des Schlosses zu senden, und hütet Euch, das Siegel selbst zu brechen.«
»Sei ohne Sorgen! Ich danke dir für dein Geleite, und grüße meinen
werten Gastfreund in der Höhle.« Georg sprach es, trieb sein Pferd an,
und in wenigen Augenblicken war er vor der äußeren Verschanzung von
Lichtenstein angelangt.
Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und
rief einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring
zu übergeben. Georg hatte indes Zeit genug, das Schloß und seine
Umgebungen zu betrachten. War ihm schon in der Nacht, beim ungewissen
Schein des Mondes und in einer Gemütsstimmung, die ihn nicht zum
aufmerksamsten Beobachter machte, die kühne Bauart dieser Burg
aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom hellen Tag
beleuchtet anschaute. Wie ein kolossaler Münsterturm steigt aus einem
tiefen Alptal ein schöner Felsen, frei und kühn, empor. Weitab liegt
alles feste Land, als hätte ihn ein Blitz von der Erde weggespalten,
ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine Wasserflut vor uralten Zeiten
das weichere Erdreich ringsum von seinen festen Steinmassen abgespült.
Selbst an der Seite von Südwest, wo er dem übrigen Gebirge sich nähert,
klaffte eine tiefe Spalte, hinlänglich weit, um auch den kühnsten
Sprung einer Gemse unmöglich zu machen, doch nicht so breit, daß nicht
die erfinderische Kunst des Menschen durch eine Brücke die getrennten
Teile vereinigen konnte.
Wie das Nest eines Vogels, auf die höchsten Wipfel einer Eiche oder
auf die kühnsten Zinnen eines Turmes gebaut, hing das Schlößchen
auf dem Felsen. Es konnte oben keinen sehr großen Raum haben, denn
außer einem Turm sah man nur eine befestigte Wohnung, aber die
vielen Schießscharten im unteren Teil des Gebäudes und mehrere weite
Oeffnungen, aus denen die Mündungen von schwerem Geschütz hervorragten,
zeigten, daß es wohl verwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine
nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen Fenster
des oberen Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so zeigten
doch die ungeheuren Grundmauern und Strebepfeiler, die mit dem Felsen
verwachsen schienen und durch Zeit und Ungewitter beinahe dieselbe
braungraue Farbe wie die Steinmasse, worauf sie ruhten, angenommen
hatten, daß es auf festem Grunde wurzle und weder vor der Gewalt der
Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde. Eine schöne
Aussicht bot sich schon hier dem überraschten Auge dar, und eine noch
herrlichere, freiere ließ die hohe Zinne des Wartturms und die lange
Fensterreihe des Hauses ahnen.
Diese Bemerkungen drängten sich Georg auf, als er erwartend an der
äußeren Pforte stand, die wohlverschanzt herwärts über der Kluft, auf
dem Lande den Zugang zu der Brücke deckte. Jetzt tönten Schritte über
die Brücke, das Tor tat sich auf, und der Herr des Schlosses erschien
selbst, seinen Gast zu empfangen. Es war jener ernste, ältliche Mann,
den Georg in Ulm mehremal gesehen, dessen Bild er nicht vergessen
hatte; denn die düsteren, feurigen Augen, die bleichen, aber edlen
Züge, seine große Aehnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich tief in
die Seele des Jünglings eingeprägt.
»Ihr seid willkommen in Lichtenstein!« sagte der alte Herr indem
er seinem Gast die Hand bot und eine gütige Freundlichkeit den
gewöhnlichen strengen Ernst seiner Züge milderte. »Was steht ihr
müßig da, ihr Schlingel!« wandte er sich nach dieser ersten Begrüßung
zu seinen Dienern. »Soll etwa der Junker sein Roß mit hinaufführen in
die Stube? Schnell, hinein mit in den Stall; das Rüstzeug traget auf
die Kammer am Saal! -- Verzeihet, werter Herr, daß man Euch so lange
unbedient stehen ließ, aber in diese Bursche ist kein Verstand zu
bringen. Wollet Ihr mir folgen?«
Er ging voran über die Zugbrücke, Georg folgte. Sein Herz pochte bei
diesem Gange voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen röteten sich
vor Liebe und vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die Gefühle
zurückdachte, die ihn zuerst vor diese Burg geführt hatten. Sein Auge
suchte an den Fenstern umher, ob es nicht die Geliebte erspähe, sein
Ohr schärfte sich, um vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn auch
ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war. Aber umsonst suchten seine
Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes Ohr
jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu wollen.
Sie gelangten jetzt an das innere Tor. Es war nach alter Art tief,
stark gebaut und mit Fallgattern, Oeffnungen für siedendes Oel und
Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen,
womit man in den guten alten Zeiten den stürmenden Feind, wenn er
sich der Brücke bemeistert haben sollte, abhielt. Doch die ungeheuren
Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an rings um das Haus
zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein, sondern auch der
Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie gezogen, und selbst
der schöne, geräumige Pferdestall und die kühlen Kammern, die statt
des Kellers dienten, waren in den Felsen eingehauen. Ein bequemer,
gewundener Schneckengang führte in die oberen Teile des Hauses, und
auch dort waren kriegerische Verteidigungen nicht vergessen; denn
auf dem Vorplatz, der zu den Zimmern führte, wo in anderen Wohnungen
häusliche Gerätschaften aufgestellt sind, waren hier furchtbare
Doppelhaken und Kisten mit Stückkugeln aufgepflanzt. Das Auge des
alten Ritters ruhte mit einem gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem
sonderbaren Hausrat, und in der Tat konnten diese Geschütze damals für
ein Zeichen von Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht
jeder Privatmann war imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen
Stücken zu versehen.
Von hier ging es noch einmal aufwärts in den zweiten Stock, wo ein
überaus schöner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von
Lichtenstein und seinen Gast aufnahm.[32] Der Hausherr gab einem
Diener, der ihnen gefolgt war, mehr durch Zeichen als Worte einige
Befehle, die ihn aus dem Saale entfernten.
22.
-- Und der Graf, gerührt von solches
Hohen Opfers hohem Geiste
Bei der Freude süßer Regung,
Kann der Freundschaft mildem Taue,
Der durchs Herz ihm, der durchs Auge
Schon ihm schleicht, nicht widerstehen.
_P. Conz._
Als die beiden Männer in dem weiten Saale von Lichtenstein allein
waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und schaute ihn an, als messe
er prüfend seine Züge. Ein Strahl von Begeisterung und Freude drang aus
seinen Augen, und die Melancholie seiner Stirne war verschwunden, er
war heiter, fröhlich sogar, wie der Vater, der einen Sohn empfängt, der
von langen Reisen zurückkehrt. Endlich stahl sich eine Träne aus seinem
glänzenden Auge, aber es war eine Träne der Freude, denn er zog den
überraschten Jüngling an sein Herz.
»Ich pflege nicht weich zu sein,« sprach er nach dieser feierlichen
Umarmung zu Georg; »aber solche Augenblicke überwinden die Natur, denn
sie sind selten. Darf ich denn wirklich meinen alten Augen trauen?
Trügen die Züge dieses Briefes nicht? Ist dieses Siegel echt, und darf
ich ihm glauben? Doch -- was zweifle ich! Hat nicht die Natur Euch ihr
Siegel auf die freie Stirne gedrückt? Sind die Züge nicht echt, die sie
auf den offenen Brief Eures Gesichtes geschrieben? Nein, Ihr könnet
nicht täuschen -- die Sache meines unglücklichen Herrn hat einen Freund
gefunden?«
»Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meinet, so habt Ihr recht
gesehen, sie hat einen warmen Anhänger gefunden. Der Ruf bezeichnet mir
längst den Herrn von Lichtenstein als einen treuen Freund des Herzogs,
und ich wäre vielleicht auch ohne den Rat jenes unglücklichen Mannes,
der mich zu Euch schickte, gekommen, Euch zu besuchen.«
»Setzet Euch zu mir, junger Freund,« sagte der Alte, dessen Augen
immer noch mit Liebe auf dem Jüngling zu ruhen schienen; »setzet Euch
her und höret, was ich sage. Ich liebe es sonst nicht, wenn die Leute
ihre Farbe ändern, ich habe in meinem langen Leben gelernt, daß man
die Ueberzeugung eines jeden ehren müsse, und daß ein Mann, wenn er
nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen sei,
weil er anderer Meinung ist als wir. Aber wenn man seine Farbe mit so
uneigennützigen Absichten ändert wie Ihr, Georg von Sturmfeder, wenn
man dem Glück den Rücken kehrt, um sich an das Unglück anzuschließen,
da hat die Aenderung großen Wert, denn sie trägt das Gepräge einer
edlen Tat an der Stirne.«
Georg errötete über sich selbst, als er hörte, wie der Lichtensteiner
seine uneigennützigen Absichten pries. War es denn nicht auch die
schöne Tochter, was ihn zu der Fahne des Vaters führte? Und mußte
er nicht in der Achtung dieses Mannes sinken, wenn über kurz oder
lang dieses Motiv seines Uebertrittes ans Licht kam? »Ihr seid zu
gütig,« antwortete er; »die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer
verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert, daß
mein Uebertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem empörten Gefühl
des Rechtes geleitet wurde; doch könnte es auch einen irdischeren
Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich möchte nicht, daß Ihr mich
für zu gut hieltet, es würde mir um so weher tun, wenn Ihr nachher
ungünstiger von mir urteiltet.«
»Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr,« entgegnete
der Herr des Schlosses und drückte seinem Gast die Hand. »Doch traue
ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch
will ich kühn behaupten, daß, wenn Euch auch noch eine andere Absicht
leitet als das Gefühl des Rechtes, diese Absicht doch keine schlechte
sein kann. Wer Schlechtes im Schilde führt, ist feig, und wer feig ist,
wagt es nicht, den Truchseß, den Herzog von Bayern und den schwäbischen
Bund vor den Kopf zu stoßen und so aufzutreten, wie Ihr aufgetreten
seid.«
»Was wisset Ihr von mir?« rief Georg mit freudigem Erstaunen, »habt Ihr
denn je von mir gehört vor diesem Augenblick?«
Der Diener, welcher bei diesen Worten die Türe öffnete, unterbrach
die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildbret und volle Becher vor
Georg hin und schickte sich an, den Gast zu bedienen. Doch ein Wink
seines Herrn entfernte ihn aufs neue. »Verschmähet diesen Morgenimbiß
nicht,« sagte er zu dem jungen Manne; »den ersten Becher sollte zwar
die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die
meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, die an
ihrer Stelle das Hauswesen versieht, ist ins Dorf hinabgegangen, um am
hohen Feste eine Predigt zu hören und die Messe. Nun, Ihr fraget mich,
ob ich noch nie von Euch gehört hatte? Ihr seid ja jetzt unser, daher
darf ich Euch wohl sagen, was man sonst verschweigt. Ich war zur Zeit,
als Ihr in Ulm einrücktet, in jener Stadt, um meine Tochter abzuholen,
die sich dort aufhielt, hauptsächlich aber, um manches zu erfahren, was
für den Herzog zu wissen wichtig war; Gold öffnet alle Pforten,« setzte
er lächelnd hinzu, »auch die des hohen Rates, und so hörte ich täglich,
was die Bundesobersten beschlossen. Als der Krieg erklärt wurde, war
ich genötigt, abzureisen; ich hielt aber treue Männer in jener Stadt,
die mir auch das Geheimste berichteten, was vorging.«
»War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt,« fragte Georg, »den ich
bei dem Geächteten traf?«
»Und der Euch über die Alp führte? Jawohl! Diese brachten immer
Kundschaft. So erfuhr ich denn auch, daß man beschloß, einen Späher
hinter den Rücken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von
Tübingen, um dem Bunde sogleich Nachricht von unseren Schritten zu
erteilen. Ich erfuhr auch, daß die Wahl auf Euch gefallen sei. Nun
muß ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich
gleichgültig, nur bedauerte ich Euch, als ich hörte, daß Ihr noch
solch ein junges Blut seid, denn sobald Ihr über die Alb kamet als
Kundschafter, wäret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen
oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond
hinscheint. Um so überraschender war mir und vielen Männern die
Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen und wie tapfer Ihr vor jenen
Herren gesprochen. Auch daß Ihr absagtet und auf vierzehn Tage Urfehde
schwören mußtet, erfuhr ich. Und wie freut es mich, daß Ihr nun gar
unser Freund geworden seid!«
Die Wangen des jungen Mannes glühten, sein Auge strahlte vor Freude;
brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die Verhältnisse
zwischen ihm und Marie gezogen hatten. Sein langer Wunsch, dessen
Erfüllung oft so weit in die Ferne hinausgerückt schien, war in
Erfüllung gegangen; er hatte unbewußt Mariens Vater für sich gewonnen.
»Ja, ich habe ihnen abgesagt,« antwortete Georg, »weil ich ihr Wesen
nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund geworden; doch wäre
es möglich, ich hätte mich nicht so bald zu Eurer Sache bekannt;
aber als ich unten in der Höhle neben jenem geächteten Mann saß, als
ich bedachte, wie man mit den Edeln und selbst mit dem Herrn des
Landes umgehe, wie seine gewaltigen Reden so mächtig an meiner Brust
anklopften, da war es mir auf einmal hell und klar, hierher müsse ich
stehen, hier müsse ich streiten. Und glaubt Ihr, es werde bald etwas zu
tun geben? Denn ich bin nicht zu Euch herübergeritten, um die Hände in
den Schoß zu legen!«
»Das konnte ich mir denken,« sagte der Ritter lächelnd; »vor vierzig
Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es ließ mich nicht lange
auf einem Fleck. Wie die Sachen stehen, wißt Ihr; man kann sagen, eher
schlimm als gut. Sie haben das Unterland, sie haben den ganzen Strich
von Urach herauf. Auf _eines_ kommt alles an: hält Tübingen fest, so
siegen wir.«
»Die Ehre von vierzig Rittern bürgt dafür,« rief Georg mit Unmut;
»das Schloß ist stark, ich habe kein stärkeres gesehen, Besatzung ist
hinlänglich da, und vierzig Männer von Adel werden sich so leicht nicht
ergeben. Es kann nicht sein, es darf nicht sein. Haben sie nicht des
Herzogs Kinder bei sich und den Schatz des Hauses? Sie _müssen_ sich
halten.«
»Wohl, wenn sie alle dächten wie Ihr. Es kommt gar viel auf Tübingen
an. Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tübingen einen
festen Punkt, von wo aus er sein Land wiedererobern kann; es sind große
Kriegsvorräte dort, es ist ein großer Teil des Adels; solange sie zu
seiner Partei halten, ist Württemberg nur dem Boden nach gewonnen, dem
Geiste nach ist es noch des Herzogs; aber ich fürchte, ich fürchte!«
»Wie? Unmöglich können sich die Vierzig ergeben!«
»Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt,« erwiderte der Alte; »Ihr
wißt nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann
straucheln machen können; und es ist mancher in der Burg, dem der
Herzog zu viel getraut hat. Er merkt auch wohl, daß es nicht ganz
lauter und rein hergeht, denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von
Schweinsberg an sie mit einem beweglichen Schreiben[33], das Schloß
nicht zu übergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe
zu kommen, weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott über ihn
verhänge.«
»Der arme Herr!« rief Georg bewegt. »Aber ich kann nicht glauben,
daß der Landesadel so schändlich freveln könnte; sie werden ihn
einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird
Ausfälle machen, er wird sie schlagen, die Belagerer, trotz Bayern und
Frondsberg; wir werden uns an ihn anschließen, wir werden fechtend
durch das Land ziehen und diese Bündler verjagen.«
»Marx Stumpf ist noch nicht zurück,« sagte der Ritter von
Lichtenstein mit besorgter Miene; »auch haben sie seit gestern das
Schießen eingestellt. Sonst hörte man jeden Stückschuß hier auf dem
Lichtenstein, aber seit gestern ist es still wie im Grabe.«
»Vielleicht schweigt das Geschütz wegen des Festes; gebt acht, sie
werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, daß es durch
Eure Felsen hallt.«
»Was da!« entgegnete jener. »Wegen des Festes? Seinem Herzog treu
zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es wäre den Heiligen im
Himmel vielleicht lieber, sie hörten den Donner der Feldschlangen von
Tübingens Wällen, als daß sie die Ritter müßig sehen. Müßiggang ist
aller Laster Anfang! Aber wenn nur der Stumpf in das Schloß kommt, der
wird sie aufrütteln aus ihrem Schlummer.«
»Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tübingen geschickt,
sagt Ihr? Der Herzog will ins Schloß, weil die Besatzung seit einigen
Tagen zu wanken scheint? Da kann also Ulrich nicht bis Mömpelgard
entflohen sein, wie die Leute sagen; da ist er vielleicht in der
Nähe? O daß ich ihn sehen könnte, daß ich mich mit ihm nach Tübingen
schleichen könnte!«
Ein sonderbares Lächeln zog flüchtig über die ernsten Züge des Alten.
»Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist,« sagte er. »Ihr werdet ihm
angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt. Und ist das Glück gut,
so sollt Ihr auch mit ihm nach Tübingen kommen, Ihr habt mein Wort
drauf. -- Doch jetzt muß ich Euch bitten, Euch ein Stündchen allein
zu gedulden. Mich ruft ein Geschäft, das aber bald abgetan sein wird.
Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schauet Euch um in meinem
Haus; ich würde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn ein
solches Vergnügen zum Karfreitag paßte.«
Der alte Herr drückte seinem Gast noch einmal die Hand und verließ das
Zimmer. Bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlosse dem Walde zu reiten.
Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug
ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen
Aufenthalt in der Höhle etwas außer Ordnung gekommen war. Wer je unter
solchen Umständen in die Nähe der Geliebten kam, wird es ihm nicht
übelnehmen, wenn er vor einem kleinen Spiegel von poliertem Metall,
den er in diesem Gemach vorfand und der wohl zu Mariens Gerätschaften
gehören mochte, Bart und Haare ordnete, das Wams ein wenig reinigte und
jede Spur von Unordnung aus seinem Anzug zu verbannen suchte. Er erging
sich dann in dem großen Zimmer und suchte unter den vielen Fenstern
eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den
Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mußte.
Es waren fröhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele
vorüberdrängten, schnell und flüchtig wie ein Zug heller Wölkchen,
die am blauen Gewölb des Himmels dahingleiten. Dies war die Burg,
die er seit mehr als einem Jahre im Wachen geträumt, in Träumen klar
gesehen hatte, dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft
erzählte, dies die Gemächer ihrer Kindheit! Es hat etwas Anziehendes,
in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte groß geworden ist. Man
träumt sich um Jahre zurück, man sieht sie als kleines Mädchen in
diesen Kammern, in diesen Gängen sich umtreiben; man geht um einige
Jahre vorwärts, man sieht sie noch klein, aber verständig, der Mutter
jene kleinen Künste der Haushaltung abspähen, die sie viele Jahre
nachher als Hausfrau nötig hat. Doch in dem kleinen Köpfchen gestaltet
sich schon jetzt ein eigenes Hauswesen. Es ist vielleicht jene Ecke,
dachte Georg lächelnd, wo sie in kindischer Geschäftigkeit, was sie
von den Brosamen der Küche erbeutete, zu Speisen von eigener Erfindung
bereitete, wo sie das hölzerne Wesen, das ein Knecht kunstreich
schnitzelte und die Amme mit einigen bunten Fetzen behängt hat, für ein
wackeres Kind hält und es mit wichtiger Miene zu füttern gedenkt.