»Hallo, sa! sa! trinkt! Junker, trinkt!« rief der Geächtete und lachte,

daß die Höhle dröhnte. »Aus bis auf den Boden, aus! Sie soll blühen und

leben für Euch! Das hast du gut gemacht, Hans! Sieh nur, wie unserem

Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen blitzen, als küsse

er schon ihren Mund. -- Dürft Euch nicht schämen! Auch ich habe geliebt

und gefreit, und weiß, wie einem fröhlichen Herzen von vierundzwanzig

Jahren zu Mute ist!«

»Armer Mann!« sagte Georg. »Ihr habt geliebt und gefreit und mußtet

vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurücklassen?« Er fühlte

sich, während er dies sprach, heftig am Mantel gezogen, er sah sich

um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei dies

ein Punkt, worüber man mit dem Ritter nicht sprechen müsse. Und den

Jüngling gereuten auch seine Worte, denn die Züge des unglücklichen

Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden Blick auf Georg,

indem er sagte: »Der Frost im September hat schon oft verderbt, was

im Mai gar herrlich blühte, und man fragt nicht, wie es geschehen

sei. Meine Kinder habe ich in den Händen rauher, aber guter Ammen

gelassen, sie werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder

heimkommt.« Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch

als wolle er die trüben Gedanken aus dem Gedächtnis abwischen, fuhr er

mit der Hand über die Stirne, und wirklich glätteten sich die Falten,

die sich dort zusammengezogen hatten, augenblicklich; er blickte wieder

heiterer um sich her und sprach:

»Der Hans hier kann mir bezeugen, daß ich schon oft gewünscht habe,

Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder. Er hat mir von Eurer sonderbaren

Verwundung erzählt, wo man Euch wahrscheinlich für einen der

Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit

gewann, zu entfliehen.«

»Das soll mir lieb sein,« antwortete Georg. »Ich möchte fast glauben,

man hat mich für den Herzog selbst gehalten, denn diesem paßten sie

damals auf; und ich will gerne die tüchtige Schlappe bekommen haben,

wenn er dadurch gerettet wurde.«

»Ei, das ist doch viel. Wisset Ihr nicht, daß der Hieb, der nach Euch

geführt wurde, ebenso gut tödlich werden konnte?«

»Wer zu Feld zieht,« entgegnete Georg, »der muß seine Rechnung mit der

Welt so ziemlich abgeschlossen haben. Es ist zwar schöner, in einer

Feldschlacht vor dem Feinde bleiben, wenn die Freunde jubeln und die

Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu erweisen.

-- Aber doch wäre ich damals auch gestorben, wenn es hätte sein müssen,

um die Streiche dieser Meuchelmörder von dem Herzog abzulenken.«

Der Geächtete sah den Jüngling mit Rührung an und drückte seine Hand.

»Ihr scheint großen Anteil an dem Herzog zu nehmen,« sagte er, indem

er seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, »das hätte ich kaum

gedacht; man sagte mir, Ihr seiet bündisch.«

»Ich weiß, Ihr seid ein Anhänger des Herzogs,« antwortete Georg, »aber

Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten. Seht, der Herzog

hat manches getan, was nicht recht ist; zum Beispiel die Huttische

Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, hätte er unterlassen können.

Sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen sein, und Ihr müßt selbst

gestehen, er ließ sich doch zu sehr vom Zorne bemeistern, als er

Reutlingen sich unterwarf --«

Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser

schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann,

fortzufahren. »Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bündisch

wurde, so und nur etwas stärker sprach man von ihm im Heere. Aber eine

große Fürsprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch vielleicht

bekannt, daß ich mich auf ihr Zureden lossagte. Nun bekamen die Sachen

bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es, weil ich von Natur

mitleidig bin und niemand ungerecht mißhandelt sehen kann, oder auch,

weil ich die Absichten der Bündischen besser durchschaute, -- ich

sah, daß dem Herzog zu viel geschehe; denn der Bund hatte offenbar

kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen und sogar von

seinem Fürstenstuhl zu vertreiben und ihn ins Elend zu jagen. Und

da gewann der Herzog wieder in meinen Augen. Er hätte ja vielleicht

noch eine Schlacht wagen können, aber er wollte nicht das Blut seiner

Württemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen. Er hätte können den

Leuten Geld abpressen und die Schweizer damit halten, aber er war

größer als sein Unglück. Seht -- das hat mich zu seinem Freunde

gemacht.«

Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien höher zu schlagen,

seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah Georg lange an

und drückte seine Hand an sein pochendes Herz. »Wahrlich,« sagte er,

»es lebt eine heilige, reine Stimme in dir, junger Freund! Ich kenne

den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen, wie du sagtest, er

ist größer als sein Unglück und -- besser, als der Ruf von ihm sagt.

Aber er hat wenige gefunden, die ihm Probe gehalten haben! Ach, daß

er nur hundert gehabt hätte, wie du bist, und es hätte kein Fetzen

der bündischen Paniere auf einer württembergischen Zinne geweht.

Daß du sein Freund werden könntest! Doch es sei ferne von mir, dich

einzuladen, sein Unglück mit ihm zu teilen, es ist genug, daß deine

Klinge und ein Arm wie der deinige nicht mehr seinen Feinden gehört.

Mögen deine Tage heiterer sein als die seinigen, möge der Himmel dir

deine guten Gesinnungen gegen einen Unglücklichen belohnen!«

Es wehte ein Geist in den Worten des geächteten Ritters, der manch

verwandte Saite in dem Herzen des Jünglings anschlug. War es die

Anerkennung seines persönlichen Wertes, der ihm aus dem Munde eines

Tapferen so ermunternd klang, war es die Aehnlichkeit des Schicksals

dieses Unglücklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Unglück

seines Hauses, war es die romantische Idee, nicht für das siegende

Unrecht, sondern für die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten

Unglück war, sich zu erklären -- Georg fühlte sich unwiderstehlich

zu diesem geächteten Mann, zu der Sache, für die er litt, hingezogen;

begeistert faßte er seine Hand und rief: »Es spreche mir keiner von

Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das Unglück anzuschließen!

Mögen andere dieses schöne Land dort oben teilen und in den Gütern

dieses unglücklichen Fürsten schwelgen -- ich fühle Mut in mir, mit ihm

zu tragen, was er trägt, und wenn er sein Schwert zieht, seine Lande

wieder zu erobern, so will ich der erste sein, der sich an seine Seite

stellt. Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es auch

komme, Ulrichs Freund für immer!«

Eine Träne glänzte in dem Auge des Geächteten, indem er den Handschlag

zurückgab. »Du wagst viel, aber du bist viel, wenn du Ulrichs Freund

bist. Das Land da oben gehört jetzt den Räubern und Dieben, aber hier

unten ist noch gut Württemberg. Hier vor mir sitzt der Ritter und

der Bürger, vergesset einen Augenblick, daß ich ein armer Ritter und

ein unglücklicher geächteter Mann bin, und denket, ich sei Fürst des

Landes, wie ich Herr der Höhle bin. Ha! noch gibt es ein Württemberg,

wo diese drei zusammenhalten, und sei es auch tief im Schoß der Erde.

Fülle den Becher, Hans, und lege deine rauhe Hand in die unsrigen, wir

wollen den Bund besiegeln!«

Hans ergriff den vollen Krug und füllte den Becher. »Trinkt, edle

Herren, trinkt,« sagte er, »Ihr könnet Euch in keinem edleren Wein

Bescheid tun als in diesem Uhlbacher.«

Der Geächtete trank in langen Zügen den Becher aus, ließ ihn wieder

füllen und reichte ihn Georg. »Wie ist mir doch?« sagte dieser. »Blühet

nicht dieser Wein um Württembergs Stammschloß? Ich glaube, man nennt

also den Wein, der auf jenen Höhen wächst?«

»Es ist so,« antwortete der Geächtete, »Rothenberg heißt der Berg,

an dessen Fuß dieser Wein wächst, und auf seinem Gipfel steht das

Schloß, das Württembergs Ahnen gebaut haben. -- O, ihr schönen Täler

des Neckars, ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein! Von euch, von

euch auf immer?« Er rief es mit einer Stimme, die aus einem gebrochenen

Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die Wehmut hatte die

Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn dieses Mannes seine

kummervolle Seele verhüllt hatte.

Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus

dem düsteren Hinbrüten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben

hatte. »Seid stark, guter Herr! Ihr werdet sie wiedersehen, fröhlicher,

als Ihr sie verlassen habt.«

»Ihr werdet sie wiedersehen, die Täler Eurer Heimat,« rief Georg,

»wenn der Herzog einrückt in sein Land, wenn er einziehet in die Burg

seiner Ahnen, wenn die Täler des Neckars und seine weinreichen Höhen

widerhallen vom Jubel des Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung

wieder entgegenziehen. Verscheuchet die trüben Gedanken, ›~nunc vino

pellite curas~‹ trinket, vergesset nicht, was wir vorhin gesprochen

haben, ich tue Euch Bescheid in diesem Württemberger Wein, -- ›der

Herzog und seine Treuen!‹«

Ein angenehmes Lächeln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten

auf den düstern Zügen des Ritters auf. »Ja!« rief er, »Treue ist das

Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein kühler Trank

dem einsamen Wanderer in der Wüste. Vergesset meine Schwäche, Junker,

verzeihet sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt.

Aber wenn Ihr je vom Gipfel des Rotenberges hinabgesehen hättet auf

das Herz von Württemberg, wie der Neckar durch grüne Ufer zieht, wie

manneshohe Halmen in den Feldern wogen, wie sanfte Hügel am Fluß sich

hinaufziehen, bepflanzt mit köstlichem Wein, wie dunkle, schattige

Forsten die Gipfel der Berge bekränzen, wie Dorf an Dorf mit den

freundlichen roten Dächern aus den Wäldern von Obstbäumen hervorschaut,

wie gute, fleißige Menschen, kräftige Männer, schöne Weiber auf diesen

Höhen, in diesen Tälern walten und sie zu einem Garten anbauen, --

hättet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen mit _meinen_ Augen und säßet

jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht, vertrieben, umgeben von

starren Felsen, tief im Schoß der Erde! O, der Gedanke ist schrecklich

und oft zu mächtig für ein Männerherz!«

Georg bangte, der Ritter möchte durch die traurige Gegenwart und seine

schöneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurückgeführt werden,

daher suchte er schnell dem Gespräch eine andere Wendung zu geben: »Ihr

waret also oft um den Herzog, Herr Ritter? O sagt mir, ich bin ja jetzt

sein Freund, sagt mir, wie ist er im Umgang? Wie sieht er aus? Nicht

wahr, er ist sehr veränderlich und hat viele Launen?«

»Nichts davon,« antwortete der Geächtete, »Ihr werdet ihn sehen und

lernet ihn am besten ohne Beschreibung kennen. Aber schon zu lange

haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen. Von Euren eigenen

saget Ihr gar nichts? Nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise,

nichts von dem schönen Fräulein von Lichtenstein? -- Ihr schweiget und

schlaget die Augen nieder? Glaubet nicht, daß es Neugierde sei, warum

ich frage. Nein, ich glaube Euch in dieser Sache nützlich sein zu

können.«

»Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist,« antwortete

Georg, »ist von meiner Seite keine Zurückhaltung, kein Geheimnis mehr

nötig. Es scheint auch, Ihr wußtet längst, daß ich Marien liebe,

vielleicht auch, daß sie mir hold ist?«

»O ja,« entgegnete der Ritter lächelnd, »wenn ich anders die Zeichen

der Liebe verstehe und richtig deuten kann; denn sie schlug, wenn von

Euch die Rede war, die Augen nieder und errötete bis in die Stirne;

auch nannte sie Euren Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gäben alle

Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an.«

»Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen will

ich nach Lichtenstein. Ich war von Anfang willens, als ich mich vom

Bunde lossagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon halbwegs

von Franken hieher, da dachte ich, ich könnte das Fräulein noch einmal

zuvor sehen. Der Mann hier führte mich über die Alb. Ihr wisset, was

meine Reise um acht Tage verzögerte. Sobald der Morgen herauf ist, will

ich oben im Schloß einsprechen, und ich hoffe, ich komme dem alten

Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet verlassen und zu

seiner Farbe mich geschlagen habe.«

»Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs

kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben. Doch könnte es sein,

daß er Euch nicht traute, denn er soll ein wenig mißtrauisch und

grämlich gegen fremde Menschen sein. Ihr wisset, wie ich mit ihm stehe,

denn er ist der barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus

meiner Höhle steige, mit warmer Speise und mit noch wärmerem Trost für

die Zukunft labt. Ein paar Zeilen von mir mögen Euch bei ihm besser

empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen für ihn und

manchen andern nehmt diesen Ring und traget ihn zum Andenken an diese

Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache Württembergs

verkünden.« Er zog bei diesen Worten einen breiten Goldreif vom

Finger. Ein roter Stein war in die Mitte gefaßt, und in den drei

Hirschgeweihen[31] mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, die darin

eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen Württembergs. Um

den Ring standen erhabene eingeprägte Buchstaben, deren Sinn er nicht

verstand. Sie hießen ~UHZWUT~.

»Uhzwut? Was bedeutet dieser Name?« fragte er. »Ist es etwa ein

Feldgeschrei für die Anhänger des Herzogs?«

»Nein, mein junger Freund,« antwortete der geächtete Ritter. »Diesen

Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr

wert, ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm und konnte

dieses an keinen Besseren abtreten. Die Zeichen heißen Ulrich Herzog zu

Württemberg und Teck!«

»Er wird mir ewig teuer sein,« erwiderte Georg, »als ein Andenken

an den unglücklichen Herrn, dessen Namen er trägt, und als schöne

Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Höhle.«

»Wenn Ihr an die Zugbrücke von Lichtenstein kommet,« fuhr der Ritter

fort, »so gebet dem nächsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch

schreiben werde, und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu

bringen, und Ihr werdet gewiß empfangen werden, als wäret Ihr des

Herzogs eigener Sohn. Doch für das Fräulein müßt Ihr Eure eigenen

Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht; etwa ein

herzlicher Händedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder ein

süßer Kuß auf ihren roten Mund; doch, um gehörig vor ihr zu erscheinen,

habt Ihr Ruhe nötig, denn Eure Augen möchten nach einer durchwachten

Nacht etwas trübe sein. Daher folget meinem Beispiel, strecket Euch auf

die Rehfelle nieder und legt Euren Mantel als Kopfkissen unter. Und du,

würdiger Majordomus, oberster Kämmerer und Mundschenk, Hans, getreuer

Gefährte im Unglück, reiche diesem Paladin noch einen Becher zum

Schlaftrunk, daß ihm jene Felle zum weichen Pfühl, diese Felsengrotte

zum Schlafklosett werde, und ihn der Gott der Träume mit seinen

lieblichsten Bildern besuche!«

Die Männer tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans setzte sich, wie

ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer. Bald kam Morpheus

mit leisen Tritten zu dem Lager des Jünglings und streute seine

Schlummerkörner über ihn, und er hörte nur noch halb im Traume, wie der

geächtete Mann sein Nachtgebet sprach und mit frommer Zuversicht zu dem

Lenker der Schicksale flehte, über ihn und jenes unglückliche Land,

in dessen tiefem Schoß er jetzt ruhte, seinen Schutz und seine Hilfe

herabzusenden.

21.

Aus einem tiefen grünen Tal

Steigt auf ein Fels als wie ein Strahl,

Drauf schaut das Schlößlein Lichtenstein

Vergnüglich in die Welt hinein.

_Schwab._

Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und die

Gegenstände umher besinnen, als er von dem Pfeifer von Hardt aus dem

Schlaf aufgeschüttelt wurde; allmählich aber kehrten die Bilder der

vergangenen Nacht in seine Seele zurück, und er erwiderte freudig den

Handschlag, mit welchem ihn der geächtete Ritter begrüßte. »So gerne

ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen würde,« sprach

dieser, »so möchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein aufzubrechen,

wenn Ihr anders ein warmes Frühstück haben wollet. In meiner Höhle kann

ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir machen niemals Feuer

an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten könnte.«

Georg stimmte seinen Gründen bei und dankte ihm für seine Beherbergung.

»Wahrlich,« sagte er, »ich habe selten eine fröhlichere Nacht beim

Becher verlebt als in dieser Höhle. Es hat etwas Reizendes, so

tief unter den Füßen der Menschen zu atmen und mit Freunden sich

zu besprechen. Ich gebe nicht den herrlichsten Saal des schönsten

Schlosses um diese Felsenwände!«

»Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist,« entgegnete der

Bewohner der Höhle; »aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang einsam

in diesen Kellern über sein Unglück zu brüten, wenn das Herz sich

hinaussehnt in den grünen Wald, unter den blauen Himmel, wenn das

Auge, müde dieser unterirdischen Pracht, hineintauchen möchte in die

reizende Landschaft, hinüber schweifen möchte über lachende Täler zu

den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betäubt von dem eintönigen

Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den Wänden rieseln

und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstürzen, sich hinaussehnt, den

Gesang der Lerche zu hören, zu lauschen, wie das Wild in den Büschen

rauscht!«

»Armer Mann! Es ist wahr, eine solche Einsamkeit muß schrecklich sein!«

»Und dennoch,« fuhr jener fort und richtete sich höher auf, indem ein

stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, »und dennoch preise ich mich

glücklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben.

Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden tief hinabsteigen, wo die

Brust keine Luft mehr zu atmen findet, als in die Hände meiner Feinde

fallen und ihr Gespötte werden; und wenn sie dahin mir nachkämen, die

blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen Nägeln

weiter hineinscharren in die härtesten Felsen, ich wollte hinabsteigen

tiefer und immer tiefer, bis wo der Mittelpunkt der Erde ist. Und

kämen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lästern, die mich

verlassen haben, und wollte dem Teufel rufen, daß er die Pforten

der Finsternis aufreiße und mich berge gegen die Verfolgung dieses

übermütigen Gesindels.« Der Mann war in diesem Augenblick so furchtbar,

daß Georg unwillkürlich vor ihm zurückbebte. Seine Gestalt schien

größer, alle seine Muskeln waren angespannt, seine Wangen glühten,

seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen Feind, den sie

vernichten sollten, seine Stimme dröhnte hohl und stark, und das Echo

der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tönen seine Verwünschungen nach.

Obgleich diese Gradation dem Jüngling zu stark vorkommen mochte, so

konnte er doch die Gefühle eines Mannes nicht tadeln, den man, weil er

seinem Herrn treu geblieben war, aus seinen Besitzungen hinausgeworfen

hatte, den man wie ein angeschossenes Wild suchte, um ihn zu töten. »Es

liegt ein Trost in dieser Gesinnung,« sagte er zu dem Geächteten, »und

Ihr werdet Euer Unglück leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz recht

scharf ins Auge fasset. Ich bewundere Euch um Eure Seelenstärke, Herr

Ritter; aber eben dieses Gefühl der Bewunderung nötigt mir eine Frage

ab, die vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt

mich in der letzten Nacht zu oft Freund genannt, als daß ich sie nicht

wagen dürfte: nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?«

Es mußte etwas Lächerliches in dieser Frage liegen, das Georg nicht

finden konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zügen des Ritters

gelegen, war wie weggeblasen; er lachte zuerst leise vor sich hin,

dann aber brach er in lautes Gelächter aus, in welches, wie auf ein

gegebenes Zeichen, auch der Spielmann einstimmte.

Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine

verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Männer noch mehr

zu reizen. Endlich faßte sich der Geächtete: »Verzeihet, werter Gast,

daß ich das Gastrecht so gröblich verletzte und mir nicht lieber die

Zunge abgebissen habe, ehe ich etwas von Euch lächerlich fand; aber

wie kommt ihr nur auf den Marx Stumpf? Kennt Ihr ihn denn?«

»Nein, aber ich weiß, daß er ein tapferer Ritter ist, daß er wegen des

Herzogs vertrieben wurde, und daß die Bündischen auf ihn lauern, und

paßt dieses nicht alles ganz gut auf Euch?«

»Danke Euch, daß Ihr mich für so tapfer haltet, aber das möchte

ich Euch doch raten, daß Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg

kommet wie mir, denn dieser hätte Euch ohne weiteres zu Kochstücken

zusammengehauen. Der Schweinsberg ist ein kleiner, dicker Kerl, einen

Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen.

Uebrigens ist er ein ehrenwerter Mann und einer von den wenigen, die

ihren Herrn im Unglück nicht verließen.«

»So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?« entgegnete Georg traurig, »und

ich muß gehen, ohne zu wissen, wer mein Freund ist?«

»Junger Mann!« sagte der Geächtete mit Hoheit, die nur durch den

gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde, »Ihr habt

einen Freund gefunden durch Euer tapferes, ehrenvolles Wesen, durch

Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Teilnahme an dem

unglücklichen Herzog. Es sei Euch genug, diesen Freund gewonnen zu

haben; fraget nicht weiter, ein Wort könnte vielleicht dieses trauliche

Verhältnis zerstören, das mir so angenehm ist. Lebet wohl, denket an

den geächteten Mann ohne Namen und seid versichert, ehe zwei Tage

vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hören.« Es wollte Georg

dünken, als stehe dieser Mann, trotz seines unscheinbaren Kleides,

vor ihm wie ein Fürst, der seinen Diener huldreich entläßt, so groß

war jene unbeschreibliche Hoheit, die ihm auf der Stirne thronte, so

erhaben der Glanz, der aus seinem Auge drang.

Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezündet und stand

erwartend am Eingang der Grotte; der geächtete Ritter drückte einen

Kuß auf die Lippen des Jünglings und winkte ihm, zu gehen. Er ging und

wußte nicht, wie ihm geschah; noch nie war ihm ein Mensch so freundlich

nahe, und doch zugleich so unendlich hoch über ihm gestanden; noch nie

hatte er gefühlt, wie in jenen Augenblicken, daß ein Mann, entkleidet

von jenem irdischen Glanze, der das Leben schmückt, selbst in ärmlicher

Hülle und Umgebung eine Erhabenheit und Größe von sich strahlen könne,

die das Auge blendet und das Gefühl des eigenen Ichs so plötzlich

überrascht und hinabdrückt. Mit diesem Gedanken beschäftigt, ging

er durch die Höhle; die erhabene Pracht der Natur, die beim Eintritt

sein Auge überrascht und gefesselt hatte, ging für ihn verloren; er

staunte nicht mehr, daß sie im Schoße eines unscheinbaren Berges

sich so herrlich und großartig ausgesprochen habe. War ja doch sein

inneres Auge mit einem Gegenstand beschäftigt, in welchem sie sich noch

imposanter und großartiger aussprach als in der nächtlichen Pracht

dieser Felsen; denn er bewunderte die Erhabenheit des menschlichen

Geistes über jedes irdische Verhältnis und dachte nach über die

Majestät einer großen Seele, die auch im Gewande eines Bettlers ihren

angeborenen Adel nicht verleugnen kann.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 15 / 32 段