Er bot dem überraschten Jüngling die Hand unter dem Mantel hervor,

doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm

zwar gesagt, daß er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte und

mußte er seinen Worten trauen; aber sein Gemüt war noch so verwirrt

von allem, was er gehört und gesehen, daß er ungewiß war, ob er

den Handschlag dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen

bittersten Feind angesehen hatte, empfangen sollte oder nicht. »Wer ist

es, der mir die Hand beut?« fragte er. »Ich habe Euch meinen Namen

genannt und könnte wohl billigerweise dasselbe von Euch verlangen.«

Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander und schob das Barett

zurück; der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Würde, und Georg

begegnete einem glänzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit

trug. »Fraget nicht nach Namen,« sprach er, indem ein Zug von Wehmut

um seinen Mund blitzte, »ich bin ein Mann, und dies mag Euch genug

sein; wohl führte auch ich einst einen Namen in der Welt, der sich

mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen

Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hifthorns

lauschten viele hundert Knechte. Er ist verklungen; aber eines ist mir

geblieben,« setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem er die

Hand des jungen Mannes fester drückte, »ich bin ein Mann und trage ein

Schwert:

~Si fractus illabatur orbis,

Impavidum ferient ruinae~«.

Er drückte das Barett wieder in die Stirne, zog seinen Mantel hoch

herauf und ging vorüber in den Wald.

Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gestützt. Der Anblick

dieses Mannes -- es war ihm unbegreiflich -- hatte alle Gedanken der

Rache in seinem Herzen ausgelöscht. Dieser gebietende Blick, dieser

gewinnende, wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere, gewaltige Wesen

dieses Mannes erfüllten seine Seele mit Staunen, mit Achtung, mit

Beschämung. Er hatte geschworen, mit Marien in keiner Berührung zu

stehen, er hatte es bekräftigt mit jener tapferen Rechten, die noch

eben die gewichtige Klinge leicht wie im Spiel geführt hatte; er hatte

es bestätigt mit einem jener Blicke, deren Strahl Georg wie den der

Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine Bergeslast wälzte sich von

seiner Brust, denn er _glaubte_, er _mußte_ glauben.

Wenn man bedenkt, wie sehr zu jener Zeit körperliche Eigenschaften

gewogen und angeschlagen wurden, wie man Tapferkeit auch an dem Feinde

hochschätzte und achtete, wie das Wort eines anerkannt tapferen Mannes

so fest stand wie der Schwur auf die Hostie, wenn man ferner bedenkt,

wie groß die Wirkung eines anmutigen oder aber eines imponierenden

Aeußeren auf ein jugendliches Gemüt ist, so wird man sich über die

Veränderung nicht zu sehr wundern, welche in diesen kurzen Augenblicken

mit der Gesinnung des Jünglings vorging.

»Wer ist dieser Mann?« fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben

ihm stand.

»Ihr hörtet ja, daß er keinen Namen hat, und auch ich weiß ihn nicht zu

nennen.«

»Du wüßtest nicht, wer er ist?« entgegnete Georg; »und doch hast du ihm

beigestanden, als er mit mir focht? Geh! Du willst mich belügen!«

»Gewiß nicht, Junker,« antwortete der Pfeifer; »es ist, Gott weiß

es, wahr, daß jener Mann derzeit keinen Namen hat; wenn Ihr übrigens

durchaus erfahren wollet, was er ist, so wisset, er ist ein Geächteter,

den der Bund aus seinem Schloß vertrieb; einst aber war er ein

mächtiger Ritter im Schwabenland.«

»Der Arme! Darum also ging er so verhüllt? Und mich hielt er wohl für

einen Meuchelmörder! Ja, ich erinnere mich, daß er sagte, er wolle sein

Leben teuer genug verkaufen.«

»Nehmt mir nicht übel, werter Herr,« sagte der Bauer, »auch ich hielt

Euch für einen, der dem Geächteten auf das Leben lauern soll, darum

kam ich ihm zu Hilfe, und hätte ich nicht Eure Stimme noch gehört,

wer weiß, ob Ihr noch lange geatmet hättet. Wie kommt Ihr aber auch

um Mitternacht hierher, und welches Unheil führt Euch gerade dem

geächteten Mann in den Wurf! Wahrlich, Ihr dürft von Glück sagen, daß

er Euch nicht in zwei Stücke gehauen; es leben wenige, die vor seinem

Schwert standgehalten hätten. Ich vermute, die Liebe hat Euch da einen

argen Streich gespielt!«

Georg erzählte seinem ehemaligen Führer, welche Nachrichten ihm im

Hirsch zu Pfullingen mitgeteilt worden seien. Namentlich berief er sich

auf die Aussage der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so höchst

wahrscheinlich gelautet habe.

»Dacht' ich's doch, daß es so was sein müsse,« antwortete der Pfeifer.

»Die Liebe hat manchem noch ärger mitgespielt, und ich weiß nicht, was

ich in jungen Jahren im ähnlichen Fall getan hätte. Daran ist aber

wieder niemand schuld als meine alte Rosel, die alte Schwätzerin; was

hat sie nötig, der Wirtin im Hirsch, die auch nichts bei sich behalten

kann, zu beichten?«

»Es muß aber doch etwas Wahres an der Sache sein,« entgegnete Georg,

in welchem das alte Mißtrauen hin und wieder aufblitzte. »So ganz ohne

Grund konnte doch Frau Rosel nichts ersinnen!«

»Wahr? Etwas Wahres müsse daran sein? Allerdings ist alles wahr

nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte

Aufpasserin auch, um elf Uhr kommt _der Mann_ vor das Schloß, die

Zugbrücke fällt herab, die Tore tun sich ihm auf, das Fräulein empfängt

ihn und führt ihn in die Herrenstube --«

»Nun? Siehst du?« rief Georg ungeduldig; »wenn dieses alles wahr ist,

wie kann dann jener Mann schwören, daß er mit dem Fräulein --«

»Daß er mit dem Fräulein ganz und gar nichts wolle?« antwortete der

Pfeifer. »Allerdings kann er das schwören; denn es ist nur _ein_

Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans, die Rosel, freilich

nicht gewußt hat, nämlich, daß der Ritter von Lichtenstein in der

Herrenstube sitzt, das Fräulein aber sich entfernt, wenn sie ihre

heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat. Der Alte bleibt bei dem

geächteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen

und getrunken und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwärmt hat,

verläßt er das Schloß, wie er es betreten.«

»O ich Tor! daß ich dies alles nicht früher ahnete! Wie nahe lag die

Wahrheit, und wie weit ließ ich mich irre leiten! Aber verflucht sei

die Neugierde und Lästersucht dieser Weiber, die in allem noch etwas

ganz Besonderes zu sehen glauben und denen das Unwahrscheinlichste

und Grellste gerade das liebste ist! -- Aber sprich,« fuhr Georg nach

einigem Nachdenken fort, »auffallend ist es mir doch, daß dieser

geächtete Mann alle Nacht ins Schloß kommt; in welch unwirtlicher

Gegend wohnt er denn, wo er keine warme Kost, keinen Becher Weins und

keinen warmen Ofen findet? -- Höre, wenn du mich dennoch belögest!«

Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spöttischen Ausdruck auf

dem jungen Mann. »Ein Junker wie Ihr,« antwortete er, »weiß freilich

wenig, wie weh Verbannung tut; Ihr wißt es nicht, was es heißt, sich

vor den Augen seiner Mörder verbergen, Ihr wißt nicht, wie schaurig

sich's in feuchten Höhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr kennt

die Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk dem

gewährt, der bei den Eulen speist und bei dem Schuhu in der Miete ist;

aber kommt, wenn es Euch gelüstet; der Morgen bricht noch nicht an,

und in der Nacht könnet Ihr nicht nach Lichtenstein; ich will Euch

dahin führen, wo der geächtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht mehr

fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht!«

Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr

aufgeregt, als daß er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von

Hardt angenommen hätte, besonders auch, da er darin den besten Beweis

für die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussagen finden konnte. Sein

Führer ergriff die Zügel des Rosses und führte es einen engen Waldweg

bergab. Georg folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern

des Lichtensteins zurückgeworfen hatte. Sie zogen schweigend immer

weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm

zu sein, denn er machte keinen Versuch, es zu unterbrechen. Er hing

seinen Gedanken nach über den Mann, zu dessen geheimnisvoller Wohnung

er geführt wurde. Unablässig beschäftigte ihn die Frage, wer dieser

Geächtete sein könnte. Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum,

daß mehrere Anhänger des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen

gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge zu

Pfullingen während seines teilnahmlosen Hinbrütens von einem Ritter,

Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem die

Bündischen fahnden. Die Tapferkeit und ausgezeichnete Stärke dieses

Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich Georg

die zwar nicht überaus große, aber kräftige Gestalt, die gebietende

Miene, das heldenmütige, ritterliche Wesen des Mannes ins Gedächtnis

zurückrief, ward es ihm immer mehr zur Gewißheit, daß der Geächtete

kein anderer als der treueste Anhänger Ulrichs von Württemberg, Marx

Stumpf von Schweinsberg sei.

Besonders schmeichelhaft für die Phantasie des jungen Mannes war auch

der Gedanke, einen gefährlichen Gang mit diesem Tapfern gemacht und in

einem Gefecht seine Klinge mit der seinigen gemessen zu haben, dessen

Ausgang zum wenigsten sehr unentschieden war.

So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre

nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekämpfte, längst wieder

in seine Rechte eingesetzt war und seinem Hifthorn wieder Hunderte

folgten, rechnete er es unter seine schönsten Waffentaten, dem tapfern,

gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu sein.

Die Wanderer waren während dieses Selbstgesprächs des jungen Mannes

auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das

Pferd seitwärts an und winkte Georg, zu folgen. Die Waldwiese brach in

eine schroffe, mit dichtem Gesträuch bewachsene Abdachung ab; dort

schlug der Pfeifer einige verschlungene Zweige zurück, hinter welchen

ein schmaler Fußpfad sichtbar wurde, welcher abwärts führte. Nicht ohne

Mühe und Gefahr folgte Georg seinem Führer, der ihm an einigen Stellen

kräftig die Hand reichte. Nachdem sie etwa achtzig Fuß hinabgestiegen

waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber umsonst suchte

der junge Mann nach der Stätte des geächteten Ritters. Der Pfeifer ging

nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen hohl sein mußte,

denn jener brachte zwei große Kienfackeln daraus hervor; er schlug

Feuer und zündete mit einem Stückchen Schwefel die Fackeln an.

Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, daß sie vor einem großen

Portal stehen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte; und

dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Geächtete, wie

sich der Pfeifer ausdrückte, bei dem Schuhu zur Miete war. Der Mann

von Hardt ergriff eine der Fackeln und bat den Jüngling, die andere

zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr.

Nachdem er diese Warnung geflüstert, schritt er voran in das dunkle Tor.

Georg hatte eine niedrige Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem

Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin

und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen

eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten. Er hatte

in seiner Kindheit aus dem Munde eines Knappen, dessen Urgroßvater

in Palästina in Gefangenschaft geraten war, ein Märchen gehört, das

von Geschlecht zu Geschlecht überliefert worden war; dort war ein

Knabe von einem bösen Zauberer unter die Erde geschickt worden, in

einen Palast, dessen erhabene Schönheit alles übertraf, was der

Knabe je über der Erde gesehen hatte; was die kühne Phantasie des

Morgenlandes Prachtvolles und Herrliches ersinnen konnte, goldene

Säulen mit kristallenen Kapitälern, gewölbte Kuppeln mit Smaragden

und Saphiren, diamantene Wände, deren vielfach gebrochene Strahlen

das Auge blendeten; alles war jener unterirdischen Wohnung der Genien

beigelegt. Diese Sage, die sich der kindischen Einbildungskraft tief

eingedrückt, lebte auf und verwirklichte sich vor den Blicken des

staunenden Jünglings. Alle Augenblicke stand er still, von neuem

überrascht, hielt die Fackel hoch und staunte und bewunderte, denn in

hohen, majestätischen Bogen zog sich der Höhlengang hin und flimmerte

und blitzte wie von tausend Kristallen und Diamanten. Aber noch größere

Ueberraschung stand ihm bevor, als sich sein Führer links wandte und

ihn in eine weite Grotte führte, die wie der festlich geschmückte Saal

des unterirdischen Palastes anzusehen war.

Sein Führer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses

Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jünglings machte. Er nahm ihm

die Fackel aus der Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen und

beleuchtete so einen großen Teil dieser Grotte.

Glänzend weiße Felsen faßten die Wände ein, kühne Schwibbogen,

Wölbungen, über deren Kühnheit das irdische Auge staunte, bildeten die

glänzende Kuppel; der Tropfstein, aus dem diese Höhle gebildet war,

hing voll von vielen Millionen kleiner Tröpfchen, die in allen Farben

des Regenbogens den Schein zurückwarfen und als silberreine Quellen in

kristallenen Schalen sich sammelten. In grotesken Gestalten standen

Felsen umher, und die aufgeregte Phantasie, das trunkene Auge glaubte

bald eine Kapelle, bald große Altäre mit reicher Draperie und gotisch

verzierte Kanzeln zu sehen. Selbst die Orgel fehlte dem unterirdischen

Dome nicht, und die wechselnden Schatten des Fackellichtes, die an den

Wänden hin und her zogen, schienen geheimnisvoll erhabene Bilder von

Märtyrern und Heiligen in ihren Nischen bald auf-, bald zuzudecken.

So schmückte die christliche Phantasie des jungen Mannes, voll

Ehrfurcht vor dem geheimnisvollen Wirken der Gottheit, das

unterirdische Gemach zur Kirche aus, während jener Aladdin mit der

Wunderlampe die Säle des Paradieses und die ewig glänzenden Lauben der

Huris geschaut hätte.

Der Führer stieg, nachdem er das Auge des Jünglings für hinlänglich

gesättigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen. »Das ist

die Nebelhöhle,« sprach er; »man kennt sie wenig im Land, und nur

den Jägern und Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele

hereinzugehen, weil man allerlei böse Geschichten von diesen Kammern

der Gespenster weiß. Einem, der die Höhle nicht genau kennt, möchte

ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat tiefe Schlünde und

unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt. Auch gibt

es geheime Gänge und Kammern, die nur fünf Männern bekannt sind, die

jetzt leben.«

»Und der geächtete Ritter?« fragte Georg.

»Nehmt die Fackel und folget mir,« antwortete jener und schritt voran

in einen Seitengang. Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen,

als Georg die tiefen Töne einer Orgel zu vernehmen glaubte. Er machte

seinen Führer darauf aufmerksam.

»Das ist Gesang,« entgegnete er, »der tönt in diesen Gewölben gar

lieblich und voll. Wenn zwei oder drei Männer singen, so lautet es,

als sänge ein ganzer Chor Mönche die Hora.« Immer vernehmlicher tönte

der Gesang; je näher sie kamen, desto deutlicher wurden die Wendungen

einer angenehmen Melodie. Sie bogen um eine Felsenecke, und von oben

herab ertönte ganz nahe die Stimme des Singenden, brach sich an den

zackigen Felsenwänden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend

mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln

eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle,

geheimnisvolle Tiefe ergoß.

»Hier ist der Ort,« sprach der Führer, »dort oben in der Felswand ist

die Wohnung des unglücklichen Mannes; hört Ihr sein Lied? Wir wollen

warten und lauschen, bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt,

unterbrochen zu werden, als er noch oben auf der Erde war.«

Die Männer lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel der

Wasser etwa folgende Worte, die der Geächtete sang:

»Vom Turme, wo ich oft gesehen

Hernieder auf ein schönes Land,

Vom Turme fremde Fahnen wehen,

Wo meiner Ahnen Banner stand.

Der Väter Hallen sind gebrochen,

Gefallen ist des Enkels Los,

Er birgt, besiegt und ungerochen,

Sich in der Erde tiefem Schoß.

Und wo einst in des Glückes Tagen

Mein Jagdhorn tönte durchs Gefild,

Da meine Feinde gräßlich jagen,

Sie hetzen gar ein edles Wild,

Ich bin das Wild, auf das sie birschen,

Die Bluthund' wetzen schon den Zahn,

Sie dürsten nach dem Schweiß des _Hirschen_,

Und sein Geweih[29] steht ihnen an.

Die Mörder han in Berg und Heide

Auf mich die Armbrust aufgespannt,

Drum in des Bettlers rauhem Kleide

Durchschleich' ich nachts mein eigen Land;

Wo ich als Herr sonst eingeritten

Und meinen hohen Gruß entbot,

Da klopf' ich schüchtern an die Hütten

Und bettle um ein Stückchen Brot.

Ihr warft mich aus den eignen Toren,

Doch einmal klopf' ich wieder an;

Drum Mut! Noch ist nicht all' verloren,

Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann.

Ich wanke nicht; ich will es tragen;

Und ob mein Herz darüber bricht,

So sollen meine Feinde sagen:

Er war ein Mann und wankte nicht.«

Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden

Tönen seines Liedes nachsandte, ließ ahnen, daß er im Gesang nicht

viel Trost gefunden habe. Dem rauhen Manne von Hardt war während dem

Liede eine große Träne über die gebräunte Wange gerollt, und Georg war

es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste Fassung

wiederzuerhalten und dem Bewohner der Höhle eine heitere Stirne und ein

ungetrübtes Auge zu zeigen. Er gab dem Junker auch die zweite Fackel

in die Hand und klimmte den glatten schlüpfrigen Felsen hinan, der zu

der Grotte führte, woraus der Gesang erklungen war. Georg dachte sich,

daß er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und bald sah er ihn mit

einem tüchtigen Strick zurückkehren. Er klimmte die Hälfte des Felsens

wieder herab und ließ sich die Fackeln geben, die er geschickt in eine

Felsenritze an der Seite steckte; dann warf er Georg den Strick zu

und half ihm so die Felsenwand zu erklimmen, was ihm ohne diese Hilfe

schwerlich gelungen wäre. Er war oben, und wenige Schritte noch, so

stand er vor dem Felsengemach des Geächteten.[30]

20.

-- In wunderbaren Gestalten

Ragt aus der dunkeln Nacht das angestrahlte Gestein,

Mit wildem Gebüsch versetzt, das aus den schwarzen Spalten

Herabnickt und im Widerschein

Als grünes Feuer brennt. Mit Furcht vermengtem Grauen

Bleibt unser Ritter stehn, den Zauber anzuschauen.

_Wieland._

Der Teil jener großen Höhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied

sich merklich von den übrigen Grotten und Kammern. Er war von Sandstein

und hatte, weil dieser Stein die Feuchtigkeit einschluckt, ein

trockenes, wohnlicheres Ansehen. Der Boden war mit Binsen und Stroh

bestreut, eine Lampe, die an der Wand angebracht war, verbreitete ein

hinreichendes Licht auf die Breite und den größten Teil der Länge

dieser Grotte. Gegenüber saß jener Mann auf einem breiten Bärenfelle,

neben ihm stand sein Schwert und ein Hifthorn; ein alter Hut und der

graue Mantel, mit welchem er sich verhüllt hatte, lagen am Boden. Er

trug ein Wams von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem blauem

Tuche, ein unscheinbarer Anzug, der aber seinen kräftigen Körperbau und

seine feinen edlen Züge nur noch mehr heraushob. Er mochte ungefähr

vierunddreißig Jahre haben, und sein Gesicht war noch immer hübsch und

angenehm zu nennen, obgleich die erste Blüte der Jugend von Gefahren

und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte Bart ihm zuweilen

etwas Furchtbares verlieh; diese flüchtigen Bemerkungen drängten sich

Georg auf, als er am Eingang der Grotte stillstand.

»Willkommen in meinem Palatium, Georg von Sturmfeder!« rief der

Bewohner der Höhle, indem er sich von dem Bärenfelle aufrichtete, dem

Jünglinge die Hand bot und ihm winkte, auf einen ebenso kunstlosen

Sitz von Rehfellen sich niederzulassen. »Seid herzlich willkommen. Es

war kein übler Einfall unseres Spielmanns, Euch in diese Unterwelt

herabzuführen und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu bringen.

Hans! Du treue Seele, du warst bisher unser Majordomus, Truchseß

und Kanzler, wir ernennen dich jetzt zu unserem Kellermeister und

Obermundschenk. Sieh, dort hinter jener Säule des schönsten Granit muß

ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet. Nimm

meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das wir

jetzt führen, gieß ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn unserem

ehrenwerten Gaste!«

Georg sah erstaunt auf den geächteten Mann. Er hatte nach dem

Schicksal, das ihn betroffen, nach seinen unwirtlichen Umgebungen,

zuletzt noch nach dem Klaggesang, den er gehört hatte, einen Mann

erwartet, der zwar unbesiegt von den Stürmen des Lebens, aber ernst,

vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde, und er fand ihn

heiter, unbesorgt, scherzend über seine Lage, als habe ihn auf der Jagd

ein Sturm überfallen und genötigt, eine kleine Weile in dieser Höhle

Schutz gegen das Wetter zu suchen. Und doch war es ein schrecklicherer

Sturm als der furchtbarste Orkan der Natur, der ihn aus der Burg seiner

Väter vertrieb, und doch war er ja das gejagte Wild, das gegen die

Geschosse der mordlustigen Jäger hier eine Zuflucht fand!

»Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast,« sagte der Ritter, als

Georg bald ihn, bald seine Umgebungen mit verwunderten Blicken maß.

»Vielleicht habt Ihr erwartet, daß ich Euch etwas weniges vorjammern

werde? Aber über was soll ich klagen? Mein Unglück kann in diesem

Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, daß man heitere Miene

zum bösen Spiel macht. Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie

Fürsten selten wohnen? Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten

Säle meines Palastes? Glänzen nicht ihre Wände wie Silber? Wölben

die Decken sich nicht, wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt?

Werden sie nicht getragen von Säulen, die von Smaragden und Rubinen

und allen Edelsteinen der Erde prangen? Doch hier kommt Hans, mein

Obermundschenk, mit dem Weine. Sprich, mein Getreuer! ist das all unser

Getränk, was in diesem Becher ist?«

»Wasser, so klar als Kristall, hat Eure Wohnung,« sprach der Pfeifer,

der mit der heiteren Laune seines Gefährten schon vertraut war, »aber

auch ein Restchen Wein, das wenigstens noch drei Becher füllt, ist im

Krug, und -- nun wir haben ja heute einen Gast und können schon etwas

draufgehen lassen -- ich will es nur gestehen, ich habe heute nacht

einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem

andern.«

»Das hast du wohl gemacht,« rief der geächtete Ritter, und ein Strahl

der Freude drang aus seinem glänzenden Auge. »Glaubet nicht, Herr

Georg, daß ich ein Schlemmer und Säufer bin; aber guter Wein ist

ein edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen

Becher rund gehen zu lassen. Pflanze die Krüge nur hier auf, werter

Kellermeister, wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glücks. Ich

bring' es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!«

Georg dankte und trank. »Ich sollte die Ehre erwidern,« sagte er, »und

doch weiß ich Euren Namen nicht, Herr Ritter. Doch ich bringe es Euch!

Möget Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Väter einziehen, möge

Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grünen und blühen -- es lebe!« Georg

hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen und wollte eben

den Becher ansetzen, als das Geräusch vieler Stimmen, vom Eingang der

Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich, »es lebe! lebe!«

riefen. Verwundert setzte er den Becher nieder. »Was ist das?« sagte

er, »sind wir nicht allein?«

»Es sind meine Vasallen, die Geister,« antwortete der Ritter lächelnd,

»oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Rufe

beistimmt. Ich habe oft,« setzte er ernster hinzu, »in den Zeiten des

Glanzes das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen hören, doch

hat es mich nie so erfreut und gerührt als hier, wo mein einziger Gast

es ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es beantworteten. Fülle

den Becher, Hans, und trinke auch du, und weißt du einen guten Spruch,

so gib ihn preis.«

Der Pfeifer von Hardt füllte sich den Becher und blickte Georg mit

freundlichen Blicken an: »Ich bring' es Euch, Junker, und etwas recht

Schönes dazu: Das Fräulein von Lichtenstein!«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 14 / 32 段