Bärbele verließ etwas empfindlich das Fenster. Sie wußte, daß sie ihrer

Mutter nicht widersprechen dürfe, aber diesmal hatte sie offenbar

unrecht. Ging nicht das Mädchen schon seit einem Jahr in den Lichtkarz,

wo von den Mädchen des Dorfes über Schätzchen und Liebe viel gesprochen

und gesungen wurde? Hatten nicht einige ihrer Gespielinnen, die wenige

Wochen älter waren als sie, schon jede einen erklärten Schatz, und

sie allein sollte nicht davon sprechen, nicht einmal etwas davon

wissen dürfen? Nein, es war recht unbillig von der runden Frau, ihrem

Töchterlein, das, wenn sie sich auf die Zehen stellte, der Mutter über

die Schultern sehen konnte, solche Wissenschaft geradehin zu verbieten.

Aber wie es zu geschehen pflegt, das Verbot reizt gewöhnlich zur

Uebertretung, und Bärbele nahm sich vor, nicht eher zu ruhen, als bis

sie wisse, warum der junge Ritter mit so gar »fuirigen Augen« auf seine

Feldbinde hinschaue.

Das Frühstück des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte

nichts mehr als ein Becher guten alten Weines. Auch dieser war bald

herbeigebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer

Mann, aber nicht so arm, daß er nicht für feierliche Gelegenheiten

ein Fäßchen im Keller liegen hatte. Das Mädchen trug den Wein und das

Brot, und die runde Frau ging in vollem Sonntagsstaat, die Schüssel mit

Habermus in beiden Fäusten, ihrem holden Töchterlein voran in die Stube.

Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mühe, den vielen Knicksen der

Pfeifersfrau Einhalt zu tun. Sie hatte in ihrer Jugend einmal auf dem

Schlosse zu Neuffen gedient und wußte, was Lebensart war. Daher blieb

sie mit der rauchenden Schüssel an ihrer eigenen Schwelle stehen, bis

ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten. Die Tochter

aber stand errötend hinter der runden Frau, und ihr verschämtes Gesicht

ward nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die Mutter sich recht tief

verneigte. Auch sie machte die gehörige Anzahl Knickse, doch mochten

sie nicht so ungemein ehrerbietig sein, denn sie hatte ja schon ein

halbes Stündchen mit ihm geplaudert.

Das Mädchen deckte jetzt den Tisch mit frischen Linnen, setzte dem

Junker das Habermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der

Bank unter dem Kruzifix; dann steckte sie einen zierlich geschnitzten

hölzernen Löffel in das Mus. Er blieb aufrecht darin stehen, und es war

dies ein gutes Zeichen, daß das Frühstück delikat bereitet sei. Als der

Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich auch Mutter und Tochter

an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in bescheidener Entfernung

und nicht ohne das Salzfaß zwischen sich und ihren vornehmen Gast zu

stellen. Denn so wollte es die Sitte in den guten alten Zeiten.

Georg hatte, während sie das Frühmahl verzehrten, Muße genug, die

beiden Frauen zu betrachten. Er gestand sich, daß die Hausehre des

Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen

weniger kühnen Mann als seinen Führer und Erretter unter die Stelzen

ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffel hatte sie wohl nicht) gebracht

hätte. Auch das Kind des Spielmanns dünkte ihm eine liebliche Dirne,

und ein so schöner Kopf, solche freundlichen Augen hätten vielleicht in

seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wäre es nicht

von _einem_ Bilde schon ganz erfüllt gewesen, wäre nicht die Kluft so

unendlich groß gewesen, welche Geburt und Verhältnisse zwischen den

Erben des Namens Sturmfeder und die geringe Tochter des Pfeifers von

Hardt befestigt hatten. Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke mit

Wohlgefallen auf ihren reinen unschuldigen Zügen, und wäre die runde

Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschäftigt gewesen, so wäre ihr wohl die

Röte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes aufstieg, wenn

zufällig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des jungen Mannes

begegnete.

»Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen.« Dieser richtige

Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen war. Georg

lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: er mußte gewiß sein, wann

der Pfeifer von Lichtenstein zurückkommen würde, weil er nur seine

Nachrichten über die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu ihr

zu eilen; und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo das

Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe. Ueber das erstere konnte er

keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mädchen früher schon

gesagt hatte. Der Vater sei etwa seit sechs Tagen abwesend, habe aber

versprochen, am fünften Abend wieder hier zu sein, und sie erwarten ihn

daher stündlich. Die runde Frau vergoß Tränen, indem sie dem Junker

klagte, daß ihr Mann, seitdem dieser Krieg begonnen, kaum einige

Stunden zu Haus gewesen sei. Er sei von früheren Zeiten her schon als

ein unruhiger Mann berüchtigt, jetzt murmeln die Leute auch wieder

allerlei über ihn, und gewiß bringe er seine Frau und sein Kind durch

sein gefährliches Leben noch in Unglück und Jammer.

Georg suchte alle Trostgründe hervor, um ihre Tränen zu stillen; es

gelang ihm wenigstens insoweit, daß sie ihm seine Fragen nach dem

Bundesheer beantwortete.

»Ach Herr,« sagte sie, »es ist a Graus und a Jommer; 's ist g'rad, wie

wenn der wild Jäger uf de Wolka reitet und mit seine g'schpenstige Hund

übers Land wegzieht. 's ganz Unterland hent se schau, und jetzt goht's

mit em hella Haufa ge Tibenga.«

»So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?« fragte Georg

verwundert, »Höllenstein, Schorndorf, Göppingen, Teck, Urach? Sind sie

alle schon eingenommen?«

»Aelles hent se. A Mann von Schorndorf hot's g'sait, daß se de

Höllastoi, Schorndorf und Göppinga hent. Aber von Teck und Aurich kane

Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier Stund davo.«

Sie erzählte nun: am dritten April sei das Heer vor Teck gezogen. Sie

haben einen Teil des Fußvolkes vor das eine Tor gesetzt und sich mit

der Besatzung über die Uebergabe besprochen. Da seien alle Knechte

zu diesem Tor geeilt und haben zugehört, und indessen sei das andere

Tor von den Feinden bestiegen worden.[22] Im Schloß Urach aber seien

vierhundert herzogliche Fußknechte gewesen. Diese habe die Bürgerschaft

nicht in die Stadt lassen wollen, als der Feind anrückte. Es sei zum

Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin die Knechte auf den Markt

gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von einer Kugel getroffen und

nachher mit Hellebarden niedergestoßen worden. Die Stadt habe sich

dem Bunde ergeben. »Es ist koi Wunder,« schloß die runde Frau ihre

Erzählung, »älle Burga und Schlösser nehme se ei; denn se hent lange

Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se Kugla draus schießet, graißer

als mei Kopf, daß älle Maura zemabrecha und älle Tirn einfalla müeßet.«

Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, daß eine Reise von Hardt nach

Lichtenstein nicht minder gefährlich sein werde als jener Ritt über

die Alb, denn er mußte gerade die Linie zwischen Urach und Tübingen

durchschneiden. Doch war Urach schon seit mehreren Tagen von dem Heere

verlassen. Die Belagerung von Tübingen mußte notwendig viele Mannschaft

erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, daß keine eigentlichen

Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen hatte, besetzt

halten werden.

Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Führers. Seine

Kopfwunde war geheilt; sie war nicht tief gewesen, denn die Federn

seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hiebe, der nach ihm

geführt worden war, seine Schärfe benommen; doch war der Schlag noch

immer kräftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewußtseins

zu berauben. Auch seine übrigen Wunden an Arm und Beinen waren geheilt,

und die einzige körperliche Folge jener unglücklichen Nacht war

eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und dem

Wundfieber zuschrieb; doch auch diese schwand von Stunde zu Stunde,

denn ein frischer Mut und sehnsüchtige Gedanken in die Ferne verjagen

gar bald solche schlimmen Gäste.

Es gehörte übrigens dieser frische Mut und ein wenig jugendliche

Neugierde dazu, ihm die langsam hinschleichenden Stunden erträglich

zu machen. Es gehörte die muntere Tochter des Pfeifers dazu, um

ihn vergessen zu lassen, wie unerträglich lange ihr Vater auf sich

warten lasse. Er sah hier, was er sich schon lange zu sehen gewünscht

hatte, eine echte schwäbische Bauernwirtschaft. Wie drollig kamen ihm

ihre Sitten, ihre Sprache vor. Sein Franken, so nahe es an dieses

Württemberg grenzte, hatte doch wieder einen andern Schlag von Leuten.

Es deuchte ihm, seine Bauern seien pfiffiger, verschlagener, in

manchen Dingen weniger roh als diese; aber die gutmütige Ehrlichkeit

dieser Leute, die aus ihren Augen, aus ihrer Sprache, aus ihrem ganzen

Wesen hervorblitzte; ihre muntere, unverdrossene Arbeitsamkeit; ihre

Reinlichkeit, die ihrer Armut ein ehrbares, sogar schmuckes Ansehen

gab, dies alles machte, daß er zu fühlen glaubte, es haben diese Leute

als Menschen mehr inneren Gehalt als die, welche er in seinen Gauen

kennen gelernt hatte, wenn sie auch in manchen Dingen nicht so viel

Verschlagenheit zeigten.

Bewundern mußte er auch die trauliche gutmütige Geschwätzigkeit des

Mädchens. Die runde Frau mochte schmälen, wie sie wollte, mochte sie

noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie

ließ es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da

sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die

Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben

hatte. Sie hatte hierüber noch ihre ganz besonderen Gedanken. Als

nämlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch

lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bette

des Verwundeten wachte; doch bald schlief sie über ihrer Arbeit ein. Es

mochte ungefähr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem Geräusch

im Zimmer aufgeschreckt wurde. Sie sah einen Mann mit dem Vater

angelegentlich sprechen; seine Züge entgingen ihr nicht, obgleich er

sich in eine große Kappe gehüllt hatte; sie glaubte einen Diener des

Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle Weise zu dem

Pfeifer von Hardt gekommen war, und bei dessen Anwesenheit sie immer

das Zimmer hatte verlassen müssen, in ihm zu erkennen.

Neugierig, endlich einmal zu hören, was dieser Mann bei dem Vater

zu tun habe, schloß sie ihre Augen wieder fest zu; denn es war ihr

wahrscheinlich, daß ihr Vater sie nur im Zimmer ließ, weil er sie für

fest eingeschlafen hielt. Der Mann erzählte von einem Fräulein, die

über eine gewisse Nachricht untröstlich sei. Sie habe den fremden Mann

gebeten und gefleht, nach Hardt zu gehen und Nachricht einzuziehen,

sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe, ihrem Vater

alles zu sagen und zur Pflege des Kranken selbst zu kommen. Solches

hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der Vater hatte darauf

das Fräulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen Zustand des Kranken

geschildert und versprochen, daß er, sobald sich der Kranke gebessert

habe, selbst kommen werde, um dem Fräulein diesen Trost zu bringen. Der

fremde Mann hatte sodann dem Kranken ein Löckchen von seinen langen

Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch geschlagen und unter dem Wams wohl

verwahrt; darauf war er, vom Vater geführt, aus der Stube gegangen, und

kurz nachher hörte sie ihn bei Nacht und Nebel wieder wegreiten.

Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschäfte der folgenden Tage

bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des

Pfeifers von Hardt verdrängt, sie erwachte aber jetzt aufs neue,

aufgeregt durch das, was Bärbele durchs Küchenfenster gesehen hatte.

Sie wußte, daß der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn die

Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme. Und dieses Fräulein mußte

es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um sich so

angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar selbst kommen

wollte, um ihn zu pflegen.

Alle Sagen von liebenden Königstöchtern, von Rittern, die krank in

Gefangenschaft gelegen und von holden Fräulein errettet wurden, alles,

was über dieses Kapitel jemals in der traulichen Spinnstube erzählt

worden war -- und es gab viele »grausige« Geschichten hierüber -- kam

ihr in das Gedächtnis. Sie wußte nun zwar nicht, wie es mit der Minne

so vornehmer Leute beschaffen sei, aber sie dachte, es werde dem hohen

Fräulein wohl ungefähr ebenso ums Herz sein wie den Mädchen von Hardt,

wenn sie an einen schmucken Burschen von Ober-Ensingen oder Köngen ihr

Herz verschenkt haben. Und in dieser Hinsicht kam ihr das Verhältnis,

dem sie in Gedanken nachspürte, gar reizend vor, besonders dachte sie

sich den Schmerz des Fräuleins auf ihrer fernen, hohen Burg recht

grausam und rührend, wie sie nicht wisse, ob ihr Schatz lebendig oder

tot sei, wie sie nicht zu ihm könne, um ihn zu sehen und zu pflegen.

Sie wußte ein Lied, das man oft im Lichtkarz sang; es hatte eine schöne

Weise und kam ihr unwillkürlich auch jetzt in den Sinn; es hieß:

»Wenn i im Bett lieg' und bi krank,

Wer führt mer mei Schätzle zum Tanz;

Und wenn i im Grab lieg' und faule,

Wer kußt no ihr Honigmaule?«

Tränen traten ihr in die sonst so fröhlichen Augen, als sie bedachte,

wie leicht der Junker seinem Liebchen hätte wegsterben können, und

wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wäre, und doch war sie

gewiß recht schön und eines vornehmen reichen Ritters Kind. Doch ist

nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das gutherzige

Schwabenkind weiter; dem Fräulein hat ja der Vater jetzt Nachricht von

ihm gebracht, aber er, er wußte ja seit vielen Tagen kein Wörtchen von

ihr; denn früher wußte er nichts von sich selbst, und seit er wieder

ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen; darum hatte er wohl

die Binde, die er gewiß von ihr hatte, so beweglich angeschaut und ans

Herz und den Mund gedrückt? Sie nahm sich vor, ihm zu erzählen, was

in jener Nacht vorgegangen sei; vielleicht ist es ihm doch ein Trost,

dachte sie.

Georg hatte bemerkt, wie die fröhliche Miene des spinnenden Bärbeles

nach und nach ernster geworden war, wie sie über etwas nachzusinnen

schien, ja er glaubte sogar eine Träne in ihrem Auge bemerkt zu haben.

»Was hast du, Mädchen,« fragte er, als die Mutter gerade das Zimmer

verlassen hatte; »warum wirst du auf einmal so still und ernst und

netzest ja sogar deine Fäden mit Tränen?«

»Send denn Ihr so lustig, Junker?« fragte Bärbele und sah ihm recht

fest ins Auge; »i han g'moint, es sei vorig ebbes aus Eure Auga

g'rollt, was selle Binde dort g'netzt hot. Sell hent Er gewiß vo Eurem

Schätzle, und jetzt tuet Uichs loid, daß Er et bei er send.«

Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann errötete

tief über ihre Frage. »Du hast vielleicht recht,« sagte er lächelnd,

»doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig, ich werde sie bald

wiedersehen.«

»Ach, was des für a Freud sein wird in Lichtastoi!« entgegnete Bärbele

mit einem schelmischen Seitenblick.

Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe

etwas gesagt haben? »In Lichtenstein?« fragte er sie, »was weißt du von

mir und Lichtenstein?«

»Ach, i mag's dem gnädigen Fräule wohl gönna, daß se wieder a Mol a

Freud hot; mer hot mer g'sait, se häb rechtschaffa g'jommeret, wie Er

so krank gwe send.«

»Gejammert, sagst du?« rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat.

»So wußte sie um meine Krankheit? O sage, was weißt du von Marie?

Kennst du sie? Was sagte der Vater von ihr?«

»Der Vater hot koi sterbes Wörtle zu mer g'sait, und i wißt au net,

daß es a Fräule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wär. Aber

Er müeßet mer's et übel nemma, Junker, dasse a bissele g'horcht hau;

gucket, des Ding ist so ganga.« Sie erzählte dem Junker, wie sie hinter

das Geheimnis gekommen sei, und daß der Vater, wahrscheinlich um guten

Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei.

Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis

jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit

der tröstlichen Kunde seiner Genesung erhalten, und jetzt mußte er

erfahren, daß sie mehrere bange Tage in Ungewißheit geschwebt habe:

in der schrecklichen Ungewißheit, ob er nicht hier noch entdeckt

werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen würde; er

kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer

denken! Wahrlich, sein eigenes Unglück schien ihm gering und nicht zu

beachten, wenn er sich den Jammer des teuren Mädchens vorstellte.

Wie viel hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der

Abschied von ihm geworden; und kaum hatte ihr Herz wieder freier

geatmet in dem Gedanken, daß er des Bundes Fahnen verlassen werde,

kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so kam ihr

die Schreckensbotschaft von der tödlichen Wunde. Und dieses alles vor

den Blicken des Vaters verschließen zu müssen, diesen großen Schmerz

allein tragen zu müssen, ohne eine, auch nur _eine_ Seele zu haben, bei

welcher sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte. Jetzt fühlte

er erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu eilen, und

seine Ungeduld wurde zum Unmut, daß jener sonst so kluge Mann gerade in

diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe.

Das Mädchen mochte seine Gedanken erraten: »I sieh wohl, Er möchtet

gern von uns fort; wenn no der Vater do wär, den alloi fendet Er da Weg

nach Lichtastoi net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch,

und do kennet Er leicht verirra. Wisset Er was? I lauf em Vater entgege

und mach, daß er bald kommt.«

»Du wolltest ihm entgegengehen?« sagte Georg, gerührt von der

Gutmütigkeit des Mädchens. »Weißt du denn, ob er schon in der Nähe ist?

Vielleicht ist er noch stundenweit entfernt, und in einer Stunde wird

es Nacht!«

»Und wär's so Nacht, daß mer da Weg mit de Händ' greifa müeßt, und

müeßt e laufa bis Lichtastoi, i wett's gern dauh, Er kommet jo no

bälder zu --« Errötend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie auch

ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so schämte

sie sich doch, jenes zarte Verhältnis, das ihr heute so klar wie noch

nie zuvor einleuchtete, zu berühren.

»Und willst du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wäre es ja töricht

von mir, zurückzubleiben und erst deinen Vater zu erwarten. Ich sattle

geschwind mein Roß und reite neben dir her, und du zeigst mir den Weg,

bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann.«

Das Mädchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem

langen Zopfband. »Aber es wird jo scho en era Stund Nacht,« flüsterte

sie kaum hörbar.

»Ei, was schadet das? Dann bin ich um den Hahnenschrei in

Lichtenstein,« antwortete Georg; »du wolltest dich ja vorhin selbst bei

Nacht und Nebel auf den Weg machen.«

»Ja, i wohl,« entgegnete Bärbele, ohne aufzusehen, »aber Euch ist's

gewiß et g'sund, wo ner erst krank gwä sent, so in der kühla Nacht en

Weg von sechs Stund z'macha.«

»Das kann ich nicht beachten,« rief Georg, »und die Wunde ist ja

geheilt, ich bin gesund wie zuvor: nein! rüste dich immer, gutes Kind,

wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu satteln.« Er nahm den

Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehängt war, und schritt zur

Türe.

»Herr! Euer Gnaden!« rief ihm das Mädchen ängstlich nach; »lasset's

lieber geh. Gucket, 's tuet se et, daß mer so selbander in der Nacht

fortganget. D'Leut in Hardt send so gar wunderlich, und mer tät mer

gewiß ebbes abhänga, wenne -- Wartet lieber bis morga früh, so wille

Uich meinetwega führa bis Pfullinga.«

Der Junker ehrte die Gründe des guten Mädchens und hing schweigend

den Zaum wieder an die Wand. Es möchte ihm freilich lieber gewesen

sein, wenn die Leute von Hardt weniger geneigt wären, Böses zu denken;

doch es war hier nichts zu tun, als sich schweigend in sein Schicksal

zu ergeben. Er beschloß daher, diesen Abend und die folgende Nacht

noch auf den Pfeifer zu warten; käme er nicht, so wollte er mit dem

frühesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung seiner schönen Tochter

nach Lichtenstein aufbrechen.

17.

Die linden Lüfte sind erwacht,

Sie säuseln und weben Tag und Nacht,

Sie schaffen an allen Enden.

O frischer Duft, o neuer Klang!

Nun, armes Herze, sei nicht bang!

Nun muß sich alles, alles wenden.

_Uhland._

Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach Haus

zurück, und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht mehr

länger zügeln konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein Pferd. Die

runde Frau hatte nach einigen harten Kämpfen mit ihrem Töchterlein

erlaubt, daß sie den Junker geleiten dürfe. Sie wußte zwar, daß ein so

unerhörtes Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in den Spinnstuben

von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht ganz gerne; wenn sie

aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem jungen Ritter gelegen

sein müsse, weil er ihn in sein Haus aufgenommen und wie einen Sohn

gepflegt hatte, so glaubte sie doch, diesen letzten Dienst ihrem Gast

nicht abschlagen zu dürfen; doch machte sie die Bedingung, daß Bärbele

vorausgehen und ihn eine Viertelstunde hinwärts an einem Markstein

erwarten müsse.

Georg nahm gerührt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm

zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte

in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges

Geschenk für die damalige Zeit und eine bedeutende Summe für die

Reisekasse Georgs von Sturmfeder. Der Pfeifer von Hardt soll übrigens

nie etwas von diesem Depositum erfahren haben; sei es nun, daß die

gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat, oder daß sie ihrem

Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er möchte den Junker durch

die Rückgabe des Geschenkes beleidigen. Nur soviel ist gewiß, daß die

Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit einem nagelneuen

Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller Weiber in der

Gegend, und daß ihre Tochter Bärbele ein schönes Mieder von feinem Tuch

mit Goldborden auf der nächsten Kirchweih trug, das man früher nie an

ihr gesehen. Auch soll sie jedesmal errötet sein, wenn die Mädchen das

neue Mieder befühlten und lobten. Welch großen Staat konnte man in den

guten Zeiten um einen Goldgulden machen!

Georg fand seine Führerin auf dem bezeichneten Markstein sitzend. Sie

sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben ihm

her. Das Mädchen kam ihm heute noch viel hübscher vor als gestern.

Ihre Wangen hatte der frische Aprilmorgen mit hohem Rot bedeckt, und

ihre Augen glänzten freundlich. Ihre Tracht eignete sich ganz gut zu

einem weiten Marsch, denn das kurze Röckchen hinderte den Fuß nicht,

flink auszuschreiten. Sie hatte ein Körbchen an den Arm gehängt, als

wolle sie zum Markt in die Stadt gehen. Sie trug aber weder Gemüse noch

Früchte darin, was sie wohl sonst in die Stadt zu bringen pflegte,

sondern ein Regentuch, mit dem sie sich gegen die wechselnden Launen

eines Apriltages versehen hatte. Der Junker dachte bei sich, als sie

so schmuck und rüstig neben ihm hinging, daß das Mädchen wohl einmal

eine gute tüchtige Hausfrau zu werden verspreche, und pries den jungen

Burschen glücklich, der einst das Kleinod des Spielmannes von Hardt für

sich gewinnen werde.

Sie hatte unstreitig viel von dem lebhaften Geiste ihres Vaters geerbt;

denn, wie auch jener bei der Reise über die Alb seinem vornehmen

Gefährten durch Erzählungen und Hindeutungen auf die Gegend den Weg zu

verkürzen bemüht gewesen war, so wußte auch sie, so oft das Gespräch

zu stocken begann, entweder auf einen schönen Punkt in den Tälern und

Bergen umher aufmerksam zu machen, oder sie teilte ihm unaufgefordert

eine und die andere Sage mit, die sich an ein Schloß, an ein Tal oder

einen Bach knüpfte.

Sie wählte meistens Nebenwege und führte den Reiter höchstens zwei- bis

dreimal durch Dörfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie Halt.

Endlich nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung von einer

kleinen halben Stunde ein Städtchen liegen; der Weg schied sich hier,

und ein Fußpfad führte links ab in ein Dorf. An diesem Scheidepunkt

blieb das Mädchen stehen und sagte: »Was Er dort sehet, ist Pfullinga,

von dort kann Uich jedes Kind da Weg nach Lichtestoi zeiga.«

»Wie? Du willst mich schon verlassen?« fragte Georg, der sich an die

munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewöhnt hatte, daß ihn

der Abschied überraschte. »Warum gehst du nicht wenigstens mit mir bis

Pfullingen? Dort kannst du in der Herberge etwas essen und trinken; du

willst doch nicht geradezu nach Hause laufen?«

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 11 / 32 段