konnte sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trübe Augen nicht
verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nähe ihres schönen Gastes
teurer geworden sein, als sie vielleicht selbst wußte. »Do mueß i von
Uich gehe, gnädiger Herr,« sagte sie, »so gern i au no weiters mitging;
aber d'Mueter will's so; dort in dem Dörfle am Berg hanne a Baas und
bei der bleibe heut, und morga gange wieder nach Hardt. Jetzt b'hüet
Uich Gott der Herr und d'heilig Jungfrau, und älle seine Heilige nemmet
Uich in Schutz. Grüeßet mer de Vater und au,« setzte sie lächelnd
hinzu, indem sie schnell eine Träne abschüttelte, »grüeßet mer sell
Frähla, die Er so gern hent.«
»Dank dir, Bärbele,« entgegnete Georg und reichte ihr die Hand zum
Abschied vom Pferd herab. »Ich kann dir deine treue Pflege nicht
vergelten; aber wenn du nach Haus kommst, so schau' in den geschnitzten
Schrank, dort wirst du etwas finden, das vielleicht zu einem neuen
Mieder oder zu einem Röckchen für den Sonntag reicht. Nun, und wenn
du es dann zum erstenmal anhast und dein Schatz dich darin küßt, so
gedenke an Georg von Sturmfeder!«
Der junge Mann gab seinem Pferde die Sporen und trabte über die grüne
Ebene hin dem Städtchen zu. Zweihundert Schritte weit entfernt schaute
er sich noch einmal nach der Tochter des Spielmannes um. Sie stand
noch dort, wo er sie verlassen hatte, im roten Mieder, im kurzen
Röckchen, mit langen Zöpfen und weißen Strümpfen; sie war es und keine
andere; aber sie hielt die Hand vor die glänzenden Augen, und Georg war
ungewiß, ob sie die Strahlen der Sonne dadurch abhalten wolle, indem
sie ihm nachblickte, oder ob sie vielleicht jene Träne verwische, die
er in ihren Wimpern blinken sah, als sie Abschied nahm.
Bald war er am Tor der kleinen Stadt angelangt. Er fühlte sich ermüdet
und durstig und fragte daher auf der Straße nach einer guten Herberge.
Man wies ihn nach einem kleinen düsteren Haus, wo ein Spieß über der
Türe und ein Schild, mit einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr
einluden. Ein kleiner barfüßiger Junge führte sein Pferd in den Stall,
ihn selbst aber empfing in der Türe eine junge, freundliche Frau und
führte ihn zur Trinkstube.
Es war dies ein weites, finsteres Zimmer, an dessen Wänden sich
schwere eichene Tische und Bänke hinzogen. Die ungeheure Mengen von
Kannen und Bechern, die blank gescheuert von den Gestellen am Getäfel
herabblinkte, bewies, daß die Herberge zum Hirsch sehr besucht sein
müsse. In der Tat saßen auch, obgleich es erst Mittag war, schon viele
Gäste beim Wein. Sie schauten den stattlichen jungen Ritter prüfend an,
als er an ihren Tischen vorüber zum Ehrenplatz, in ein sechseckiges,
wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein geführt wurde;
doch ließen sie sich in ihrem Gespräch durch den vornehmen Gast nicht
lange stören, sondern schwatzten weiter über Krieg und Frieden, über
Schlachten und Belagerungen, wie ehrsame Spießbürger in so unruhigen
Zeiten, wie Anno 1519, zu tun pflegten.
Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden. Sie schaute mit
lächelnder Miene nach ihm herüber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging,
und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen
Becher vorsetzte, zog sich ihr etwas großer Mund zu holdseliger
Freundlichkeit. Sie versprach ihm auch, ein junges Huhn zu braten
und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig gedulden
wolle; einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen. Das
laternenförmige Erkerlein lag um zwei Stufen höher als die übrige
Trinkstube; Georg konnte daher mit Muße die Tische übersehen und
trinkend die Gäste mustern. Obgleich er nicht viel in Herbergen und
Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht
dadurch, daß er weniger sprach als beobachtete, einen eigenen Takt
in Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei seinen
jetzigen Beobachtungen unterstützte.
Die Gesellschaft, die um einen der großen eichenen Tische saß, bestand
aus etwa zehn bis zwölf Männern. Sie unterschieden sich auf den ersten
Anblick nicht sehr voneinander; große Bärte, kurze Haare, runde Mützen,
dunkle Wämser gehörten dem einen so gut wie dem andern an; doch
sonderte ein schärferer Blick bald vorzüglich drei von den übrigen. Der
eine -- er saß Georg am nächsten, war ein kleiner, fetter, freundlicher
Mann. Sein Haar war im Nacken etwas länger als das der anderen, er
hatte es sorgfältiger gekämmt, auch schien sein dunkler Bart besser
gepflegt zu sein. Ein Mantel von feinem schwarzem Tuch und ein Filzhut
mit spitzigem Kopf und breiter Krempe, die hinter ihm an einem Nagel
hingen, bezeichneten einen Mann von einigem Gewicht, vielleicht gar
einen Ratsherrn. Er mochte auch eine bessere Sorte trinken als die
übrigen, denn er schlürfte bedächtig, und wenn er mit dem Deckel an
seinem Krug das Zeichen gab, daß er leer sei, tat er dies mit einem
gewissen Anstand und vernehmlicher als die übrigen. Er sah bei allem,
was gesprochen wurde, überaus fein und listig aus, als wisse er noch
manches, ohne es gerade hier preisgeben zu wollen. Auch hatte er das
Vorrecht, das Kellnermädchen in die Wangen zu kneipen oder ihren runden
Arm zu »tätscheln«, wenn sie ihm die gefüllte Kanne brachte.
Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches saß, stach
nicht minder gegen seine Umgebung ab als der Fette; alles war an ihm
länglich und hager. Sein Gesicht, von der Stirne bis zu dem langen,
zugespitzten Kinn, maß wohl eine gute Mannesspanne; seine Finger, mit
welchen er auf dem Tische den Takt eines Liedes spielte, das er leise
vor sich hinpfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als sich Georg
einmal zufällig bückte, gewahrte er zu seinem großen Erstaunen, daß
der hagere Mann lange, dünne Beine beinahe unter dem ganzen Tisch
hin ausgestreckt hatte. Er hatte um seine Nase etwas Hochfahrendes,
das sich auch in der Art, wie er allem, was die Bürger vorbrachten,
widersprach, ausdrückte; er sah aus wie einer, der viel mit vornehmen
Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen hat, aber doch
nicht recht bequem damit zurechtkommt. Er konnte nicht aus dem
Städtchen sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem Pferd gefragt.
Nach Georgs Mutmaßungen war er ein reisender Arzt, wie sie zu jener
Zeit im Lande umherzogen, um die Menschen künstlich umzubringen.
Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen und
zerlumpt aus; er hatte übrigens etwas Bewegliches, Listiges in seinem
Wesen, das ihn von der gutmütigen, behaglichen Ruhe der Spießbürger
merklich unterschied. Er hatte über dem einen Auge ein großes Pflaster,
das andere aber blickte kühn und offen um sich. Ein großer Reisestock
mit eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein lederbesetzter Rücken,
worauf er gewöhnlich einen Korb oder eine Kiste tragen mochte, ließen
schließen, daß er entweder ein Bote sei oder wahrscheinlicher noch
einer jener herumziehenden Krämer, die auf Märkte und Kirchweihen,
nebst wunderbaren Nachrichten aus fernen Landen, für die Weiber
wirksame Mittel gegen verhextes Vieh und für die Mädchen schöne bunte
Bänder und Tücher bringen.
Diese drei waren es auch, die das Gespräch führten, das nur hin und
wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit
den Krugdeckeln von den übrigen ehrsamen Bürgern unterbrochen wurde.
Diese Männer handelten übrigens eine Materie ab, die Georgs Interesse
sehr in Anspruch nahm: sie sprachen über die Unternehmungen des
Bundes im württembergischen Unterland. Der Krämer mit dem ledernen
Rücken hatte erzählt, daß Möckmühl, worin sich Götz von Berlichingen
eingeschlossen, von den Bündischen erstürmt und jener tapfere Mann
gefangen worden sei.[23]
Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelächelt und einen
guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere ließ aber
den Lederrücken nicht aussprechen, er schlug den Takt mit den langen
Fingern etwas vernehmlicher und sagte mit hohler Stimme: »Das ist
erstunken und erlogen, Freund! seht, das ist gar nicht möglich, denn
der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest, das muß ich
wissen, und überdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in mancher
Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er sich denn
fangen lassen?«
»Mit Verlaub,« unterbrach ihn der fette Herr, »dem ist nicht also,
sondern Götz ist in der Tat gefangen und sitzt in Heilbronn. Aber
nicht, weil er erlegen ist, denn sein Schloß in Möckmühl ist nicht
erstürmt worden, sondern die Bündischen haben ihm und den Seinigen
freien Abzug versprochen; wie er aber aus dem Tor kam, wurde er
überfallen, seine Knechte getötet und er gefangen. Seht, das ist nicht
recht, und da hat der Bund schändlich gehandelt.«
»Da muß ich doch bitten, Herr!« sprach der Lange, »daß man nicht also
von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau, wie
zum Beispiel Herr Truchseß von Waldburg mein geneigter Herr und Freund
ist.«
Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, spülte aber das, was
ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter. Jedoch die Bürger
brachen bei Erwähnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel des
Staunens aus und lüfteten ehrerbietig ihre Mützen.
»Nun, wenn Ihr bei dem Bunde so gut bekannt seid,« sagte der Zerlumpte
mit etwas trotziger Miene, »so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben
können, wie es um Tübingen aussieht.«
»Es pfeift auf dem letzten Loche,« antwortete der Gefragte; »ich war
vor kurzer Zeit dort und sah die fürtrefflichen und schrecklichen
Anstalten zur Belagerung.«
»Ei, -- So, -- Wie,« flüsterten die Bürger und rückten näher zusammen,
als erwarteten sie wichtige Kunde.
Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurück, steckte
die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um einige
Zoll länger aus und sprach: »Ja, ja, ihr Leute, dort sieht es arg aus;
alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in großem Schaden, denn die
Obstbäume sind alle abgehauen, man schießt mit aller Macht auf Stadt
und Schloß, und die Stadt hat sich schon ergeben; im Schloß liegen
vierzig Ritter, aber sie können die paar Mäuerlein nicht mehr lange
halten!«
»Was? Ein paar Mäuerlein?« rief der fette Herr und setzte seine Kanne
klirrend auf den Tisch. »Wer je das Schloß von Tübingen gesehen hat,
kann nicht von ein paar Mäuerlein reden. Hat es nicht auf den Seiten,
wo es an den Berg stößt, zwei tiefe Graben, daß die Bündler mit keiner
Leiter hinauf können, und Mauern zwölf Schuh dick, und Türme, aus
welchen sie ihre Feldschlangen nicht übel spielen lassen?«
»Umgeschossen, umgeschossen!« rief der lange Mann mit so greulich
hohler Stimme, daß die erschrockenen Bürger die Türme von Tübingen
krachen zu hören glaubten; »den neuen Turm, den der Ulrich neulich
aufbaute, hat der Frondsberg umgeschossen, wie wenn er nie dagestanden
wäre.«[24]
»Aber damit ist noch nicht alles hin,« antwortete der Zerlumpte. »Und
die Ritter machen Ausfälle aus dem Schloß und haben schon manchen auf
dem Wörth am Neckar schlafen gelegt. Und dem Frondsberg haben sie den
Hut vom Kopf geschossen, daß er heute noch Ohrensummen hat.«[25]
»Da seid Ihr falsch berichtet,« sprach der Hagere nachlässig;
»Ausfälle? Dafür haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel;
es sind Griechen, ich weiß nicht vom Ganges oder Epiros, man heißt
sie Stratioten; die haben einen Obersten, den Georg Samares, der läßt
keinen Hund aus dem Loch ausfallen.«[26]
»Der hat halt auch ins Gras beißen müssen,« entgegnete der zerlumpte
Mann mit einem höhnischen Seitenblicke; »die Hunde, wie Ihr sie nennt,
sind dennoch ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand, und
haben ihn gebissen und gefangen, und --«
»Gefangen? Den Samares?« rief der Lange, aus seiner vornehmen Ruhe
aufgeschreckt; »Freund, das habt Ihr falsch gehört!«
»Nein,« antwortete jener sehr ruhig, »ich habe die Glocken läuten
hören, als man ihn in Sankt Jörgenkirche begraben hat.«
Die Bürger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden, um zu
erforschen, was für einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache. Er
ließ seine buschigen Augenbrauen herab, daß von seinen Augen nichts
mehr zu sehen war, zwirbelte seinen langen dünnen Knebelbart, schlug
mit der knöchernen Hand auf den Tisch und sagte: »Und wenn sie ihn auch
in zehn Stücke zerhauen hätten, den Griechen, es hilft doch nichts! das
Schloß muß über, da hilft nichts, und hat man Tübingen, dann gute Nacht
Württemberg! Der Ulrich ist zum Land hinaus, und meine gnädigen Herren
und Gönner sind Meister.«
»Wer steht Euch davor, daß er nicht wiederkommt? Und dann? -- --« sagte
der kluge, fette Herr und klappte den Deckel zu.
»Was? Wiederkommen!« schrie jener, »der Bettelmann! Wer sagt das, daß
er wiederkommt? Wer wagt es? He?«
»Was geht es uns an?« murmelten die Gäste unmutig, »wir sind friedliche
Bürger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur die Steuern
anders werden. -- Wenn man in der Herberg ist, wird doch auch noch ein
Wort erlaubt sein.« So sprachen sie, und der Hagere schien zufrieden,
daß ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete. Er sah einen um den andern
mit stechendem Blicke an, zog dann sein Gesicht in freundlichere Falten
und sagte: »Es war nur zur Erinnerung, daß wir den Herzog fürder nicht
mehr brauchen; mein' Seel', mir ist er wie Gift und Operment, darum
gefällt mir auch das Paternoster so gut, das einer auf ihn gemacht
hat;[27] ich will es einmal singen.« Die Bürger sahen finster vor sich
hin und schienen nicht sehr begierig auf den Spottgesang, der ihrem
unglücklichen Herzog galt. Jener aber befeuchtete seine Kehle mit einem
guten Trunk und sang mit heiserer, unangenehmer Stimme:
»Vater Unser,
Reutlingen ist unser:
Der du bist,
Eßlingen hat nicht lange Frist.
Geheiligt werde dein Nam',
Heilbronn und Weil wollen wir han;
Zukomm' uns dein Reich,
Ulm sieht uns auch gleich;
Dein Will' geschehe,
Die Münz hat gereit ein anderes Geprähe;
Unser täglich Brot,
Wir haben Geschütz für alle Not;
Gib uns heut, und vergib uns unsere Schuld,
Wir haben des Königs in Frankreich Huld;
Als wir vergeben unseren Schuldigern,
Wir wollen dem Bund das Maul zusperr'n!
Laß uns nicht versucht werden,
Wir wollen bald Kaiser werden.
Sondern erlös' uns vom Uebel. Amen.
So behalten wir des Kaisers Namen.«
Er schloß seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnörkel,
der weiter keinen Effekt hervorbrachte, als daß die Bürger einander
heimlich anstießen und über die jämmerlichen Töne des Sängers die
Achsel zuckten. Er aber schaute stolz in dem Kreise umher, als wolle er
in den Mienen seiner Zuhörer den gerechten Beifall lesen.
»Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen,« sagte der Zerlumpte; »so
fein kann ich's nicht, aber doch weiß ich auch ein neues Lied und will
es mit Eurem Verlaub singen.«
Der Hagere sah ihn scheel und spöttisch an, die Bürger aber nickten ihm
zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen halb
zuschloß, aber doch hin und wieder auf den jungen Mann hinüberschielte,
als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache:[28]
»O weh, wo bleibet deine Kraft,
Württemberg, du arme Landschaft;
Ich klag' dich billig hart und sehr,
Denn der Bader von Ulm, der ist dein Herr.
Der zu Nürnberg die Wetschger macht,
Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,
Der Salzsieder von Schwäbisch Hall,
Von Ravensburg die Krämer all.
Von Rotweil die neuen Schweizerknaben
Wollten der Gans auch ein Feder haben,
Und der Schneider von Memming ist in der Sach'
Und auch der Kürschner von Biberach.«
Lärmender Beifall und Gelächter unterbrach den Sänger; sie langten über
den Tisch herüber, schüttelten dem Zerlumpten die Hand und lobten sein
Lied. Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere Blicke auf
die Gesellschaft; man war ungewiß, ob er den Beifall des Zerlumpten
beneidete, oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte. Der fette
Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des Liedes mit und
nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.
Der Sänger mit dem ledernen Rücken fuhr fort:
»Den Saymer von Kempten ich euch meld'
Und Holzhauer von dem Herdtfeld
Und andere, die ich nit nennen will,
Der Haufen ist groß und wird gar zu viel.
Und auch der ist in dem Strauß,
Der richt' alles mit Ungeld aus,
Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind,
Des reichen Barchetwebers Kind.«
»Daß Euch der Kuckuck in den Hals fahr', Ihr Lumpenhund!« fuhr der
lange Mann auf, als er die letzten Worte hörte. »Ich weiß wohl, wen
Ihr mit dem Barchetweber meint; meinen gnädigen Gönner, den Herrn
von Fugger. Den soll mir ein solcher Landläufer verunglimpfen?« Er
begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit
schrecklicher Gebärde.
Doch der mit dem ledernen Rücken ließ sich nicht einschüchtern; er
stellte seine ungemein muskulöse Faust vor sich hin und sagte: »Den
Landläufer könnt Ihr für Euch behalten, Herr Calmus, man weiß wohl, wer
Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so will
ich Euch Eure Rührlöffel-Arme vom Leibe schlagen.«
Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, daß er in so gemeine
Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen
Schrittes aus der Trinkstube.
18.
Weh mir, ich habe die Natur verändert.
Wie kommt der Argwohn in die freie Seele?
Vertrauen, Glaube, Hoffnung ist dahin,
Denn alles log mir, was ich hochgeachtet.
_Schiller._
Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gäste erstaunt
einander an; es war ihnen zu Mut, als hätten sie ein schweres Gewitter
aufsteigen sehen, es hätte gekracht, als ob die Erde bersten wolle, ja,
als wäre ein erschrecklicher, tötender Blitz auf sie herabgefahren, und
siehe da, es war nur ein »kalter Schlag«. Dem Mann mit dem Lederrücken
dankten sie, daß er den ungezogenen, übermütigen Gast so schnell
entfernt habe, und fragten, was er wohl von dem hageren Fremden wisse?
»Den kenne ich wohl,« antwortete dieser; »das ist unseres Herrgotts
Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen
die Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die
Mädchen von dicken Hälsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt,
daß sie blind werden. Er heißt eigentlich Kahlmäuser, aber weil er ein
Gelehrter sein will, heißt er Doktor Calmus. Er nistet sich bei allen
großen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel geheißen hat,
so meint er schon, er sei sein bester Freund.«
»Mit dem Herzog muß er aber nicht gut stehen,« bemerkte der schlaue
Herr; »denn er hat doch lästerlich über ihn geschimpft.«
»Ja, mit Herrn Ulrich steht er freilich nicht gut; das ging aber so:
der Herzog hatte einen schönen dänischen Jagdhund, der hatte sich im
Schönbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten. Den Herzog dauerte
der Hund; er forschte nach einem geschickten Mann, der das Tier heilen
könnte, und zufällig war der Kahlmäuser da und bot sich mit wichtigem
Gesicht dazu an. Er bekam im Schloß in Stuttgart alle Tage gut zu
essen und eine Maß Wein; das schmeckte ihm nun so gut, daß er über
ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte. Da ließ ihn eines Tages
der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet habe.
Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr hat nicht
darauf geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und da fand es
sich, daß sie schon ganz schwarz und brandig war. Da nahm der Herzog
den Kahlmäuser, so lang er war, trug ihn an die lange Treppe, auf der
man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und warf ihn hinunter,
daß er halb tot unten ankam. Und seit der Zeit ist der Doktor Calmus
nicht gut auf den Herzog zu sprechen. Andere sagen auch, er sei der
Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und der Frau Sabina und habe
nur deswegen den Hund übernommen, weil er dadurch ins Schloß kam.«
»So? Mit dem Hutten hat er es gehalten?« sagte einer der Bürger. »Das
hätten wir wissen sollen, so hätten wir ihm das Fell recht gegerbt, dem
Lumpendoktor! Der Hutten ist doch an all dem unseligen Kriege schuld
mit seiner Liebelei, und der dürre Kahlmäuser hat ihm dazu geholfen!«
»~De mortuis nil nisi bene~; man muß die Toten schonen, sagen die
Lateiner,« entgegnete der fette Herr; »der arme Teufel hat es mit dem
Leben teuer genug bezahlt.«
»Aber es ist ihm recht geschehen,« rief jener Bürger mit großer Hitze;
»an des Herzogs Stelle hätt' ich's gerade auch so gemacht, ein jeder
Mann muß sein Hausrecht wahren.«
»Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?« fragte der fette Herr
mit überaus schlauem Lächeln. »Da habt Ihr die beste Gelegenheit; ein
Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch finden, wohin Ihr
seinen Leichnam hängen könnet.«
Ein schallendes Gelächter der Bürger von Pfullingen belehrte den Gast
im Erker, daß jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem
eigenen Hause nicht so ganz strenge Justiz üben müsse. Er errötete und
murmelte einige unverständliche Worte in seinen Becher hinein.
Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich
seiner an: »Jawohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er hätte den
Hutten auf der Stelle hängen können, ohne daß er erst mit ihm focht; er
ist ja Freischöff vom westfälischen Stuhl, vom heimlichen Gericht und
darf einen solchen Ehrenschänder ohne weiteres abtun. Und er hatte die
besten Beweise gleich bei der Hand; kennt Ihr das schöne Liedlein? Ich
will einmal ein paar Verse daraus singen:
Und im Wald er sich zum Hutten wandt':
›Was flimmert dort an deiner Hand?‹ --
›Herr Herzog, 's ist ein Ringelein,
Das hab' ich von meiner Liebsten fein.‹
›Ei, Hans, du bist ein stattlich Mann,
Hast auch ein gülden Kettlein an!‹ --
›Das hat mir auch mein Schatz geschenkt,
Zum Zeichen, daß sie mein gedenkt.‹
Dann heißt es weiter:
O Hutten, gib dei'm Gaul die Sporn,
Des Herzogs Auge rollt voll Zorn,
O Hutten, fleuch, noch ist es Zeit,
Er reißt das Schwert schon aus der Scheid'.«
»Laßt es lieber gut sein,« unterbrach ihn der fette Herr mit ernster
Miene; »es ist nicht gut, daß man in solchen Zeiten dies Lied in
der Herberge singt; dem Herzog kann es nicht mehr nützen, und die
Bündischen sind rings um uns; es könnte leicht einer etwas davon
hören,« setzte er mit einem stechenden Blick auf Georg hinzu, »und dann
hieße es gleich: Pfullingen zahlt hundert Gulden Brandsteuer mehr.«
»Weiß Gott, Ihr habt recht,« sagte der Zerlumpte; »es ist nicht mehr
wie früher, wo man ein freies Wort sprechen und singen durfte beim
Wein in der Trinkstube; da muß man immer umschauen, ob nicht dort ein
Herzoglicher und auf der andern Seite ein Bündler sitzt; aber den
letzten Vers will ich noch singen, trotz Bayern und dem Schwabenbund:
Es steht eine Eich' im Schönbuchwald,
Gar breit in den Aesten und hoch gestalt't;
Die wird zum Zeichen Jahrhunderte stahn;
Dort hing der Herzog den Hutten dran.«
Er hatte ausgesungen, das Gespräch der Bürger sank jetzt zum Geflüster
herab, und Georg glaubte zu bemerken, daß sie über ihn ihre Glossen
machten. Auch die freundliche Wirtin schien neugierig, zu wissen, wen
sie in ihrem Erkerlein beherberge. Sie setzte die Speisen, die sie
ihm bereitet hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schönes Tafeltuch
über den runden Tisch ausgebreitet hatte; dann nahm sie selbst an
der entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr
bescheiden, über das Woher? und Wohin?
Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr über den eigentlichen Zweck
seiner Reise genaue Auskunft zu geben. Das Gespräch der Gäste an der
langen Tafel hatte ihn belehrt, daß es hier nicht minder gefährlich
sei, zu gar keiner Partei zu gehören, als sich für irgend eine
bestimmt zu erklären, er sagte daher, er komme aus Franken und werde
noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und
schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu bescheiden,
als daß sie sich den Ort, wohin er gehe, noch näher hätte bezeichnen
lassen. Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich nach Marien zu
erkundigen, denn er war glücklich, wenn ihm die Wirtin zum goldenen
Hirsch auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres Kleides
beschreiben würde. Er fragte daher nach den Burgen umher und nach den
ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen.
Die Wirtin schwatzte gerne. Sie gab ihm in weniger als einer
Viertelstunde die Chronik von fünf bis sechs Schlössern aus der Gegend,
und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe. Der junge Mann holte
tiefer Atem bei diesem Namen und schob die Schüssel weit hinweg, um
seine Aufmerksamkeit ganz der Erzählerin zu widmen.