mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in
demselben Augenblick sah er sich von fünf Männern angefallen, während
sein Gefährte schon mit drei andern im Handgemenge war.
Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen und
zur Seite auszubiegen. Einer packte die Zügel seines Rosses, doch in
demselben Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirne, daß er ohne
Laut niedersank; doch die andern, wütend gemacht durch den Fall ihres
Genossen, drangen noch stärker auf ihn ein und riefen ihm zu, sich zu
ergeben; aber Georg, obgleich er schon am Arm und Fuß aus mehreren
Wunden blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe.
»Lebendig oder tot,« rief einer der Kämpfenden, »wenn der Herr Herzog
nicht anders will, so mag er's haben!« Er rief's, und in demselben
Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb über den
Kopf getroffen, nieder. In tödlicher Ermattung schloß er die Augen,
er fühlte sich aufgehoben und weggetragen und hörte nur das grimmige
Lachen seiner Mörder, die über ihren Fang zu triumphieren schienen.
Nach einer kleinen Weile ließ man ihn auf den Boden nieder, ein Reiter
sprengte heran, saß ab und trat zu denen, die ihn getragen hatten.
Georg raffte seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch einmal
zu öffnen; er sah ein unbekanntes Gesicht, das sich über ihn beugte.
»Was habt ihr gemacht?« hörte er rufen. »Dieser ist es nicht, ihr habt
den Falschen getroffen. Macht, daß ihr fortkommt, die von Neuffen
sind uns auf den Fersen.« Matt zum Tode schloß Georg sein Auge, nur
sein Ohr vernahm wilde Stimmen und das Geräusch von Streitenden,
doch auch dieses zog sich ferne; feuchte Kälte drang aus dem Boden
des Wiesentales und machte seine Glieder erstarren, aber ein süßer
Schlummer senkte sich auf den Verwundeten herab, und mit dem letzten
Gedanken an die Geliebte entschwanden seine Sinne.
15.
Von vieler Burgen Walle
Des Bundes Fahnen wehn;
Die Städte huld'gen alle,
Kein Schloß mag widerstehn,
Nur Tübingen, die Feste,
Verspricht noch Wehr und Trutz.
_Schwab._
Der schwäbische Bund war mit Macht in Württemberg eingedrungen, von
Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere
furchtbarer. Zuerst war nach langer, mutiger Gegenwehr der Höllenstein,
das feste Schloß von Heidenheim, gefallen. Ein tapferer Mann, Stephan
von Lichow, hatte dort befehligt; aber mit seinen paar Feldschlangen,
mit einer Handvoll Knechte konnte er den Tausenden des Bundes und der
Kriegskunst eines Frondsberg nicht widerstehen. Bald nachher fiel
Göppingen. Nicht minder tapfer, als der von Lichow, hatte sich Philipp
von Rechberg gewehrt, hatte sogar für sich und seine Knechte freien
Abzug erfochten; aber das Schicksal des Landes vermochte er nicht
abzuwenden. Teck, damals noch eine starke, feste Burg, fiel durch
Unvorsichtigkeit der Besatzung; am mutigsten hielt sich Möckmühl; es
schloß einen Mann in seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig
der Belagerer geschlagen hätte; sein eiserner Wille war oft nicht
minder schwer als seine eiserne Hand auf ihnen gelegen. Auch diese
Mauern wurden gebrochen, und Götz von Berlichingen fiel in des Bundes
Hand. Auch Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht
widerstehen; es war die festeste Stadt gewesen; mit ihr fiel das
Unterland.[21]
So war nun ganz Württemberg bis herauf gegen Kirchheim in der
bündischen Gewalt, und der Bayern Herzog brach sein Lager auf, um
mit Ernst an Stuttgart zu gehen. Da kamen ihm Gesandte entgegen nach
Denkendorf, die um Gnade flehten. Sie durften zwar nicht wagen, vor
dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen; aber sie gaben
zu bedenken, daß ja er, die Ursache des Krieges, nicht mehr unter
ihnen sei, daß man nur gegen seinen unschuldigen Knaben, den Prinzen
Christoph, und gegen das Land Krieg führe. Aber vor der ehernen Stirne
Wilhelms von Bayern, vor den habgierigen Blicken der Bundesglieder
fanden diese Bitten keine Gnade. Ulrich habe diese Strafe verdient, gab
man zur Antwort, das Land habe ihn unterstützt, also mit gefangen, mit
gehangen -- auch Stuttgart mußte seine Tore öffnen.
Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollständig; der größte
Teil des Oberlandes hielt noch zu dem Herzog, und es schien nicht,
als ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wolle. Dieses höher
gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Plätzen, Urach und Tübingen,
beherrscht; so lange diese sich hielten, wollten auch die Lande umher
nicht abfallen. In Urach hielt es die Bürgerschaft mit dem Bunde, die
Besatzung mit dem Herzog. Es kam zum Handgemenge, worin der tapfere
Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich den Bündischen.
Und so war in der Mitte des April nur Tübingen noch übrig; doch
dieses hatte der Herzog stark befestigt, dort waren seine Kinder
und die Schätze seines Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackern,
kampfgeübten Rittern, und zweihundert der tapfersten Landeskinder
war das Schloß anvertraut. Diese Feste war stark, mit Kriegsvorräten
wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Württemberger;
denn aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schöne und Herrliche
hervorgegangen, von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem
angestammten Fürsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis
er Entsatz herbeibrachte. Und dorthin wandten sich jetzt die Bündischen
mit aller Macht. Ihrer Gewappneten Schritte tönten durch den Schönbuch,
die Täler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag ihrer Rosse; auf
den Feldern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren Feldschlangen,
Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der ganze
furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.
Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht
gesehen. Ein tiefer, aber süßer Schlummer hielt wie ein mächtiger
Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem
Zustand wohl zumut, wie einem Kinde, das an dem Busen seiner Mutter
schläft, nur hin und wieder die Augen ein wenig öffnet, um in eine Welt
zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf lange zu
verschließen. Schöne, beruhigende Träume aus besseren Tagen gaukelten
um sein Lager, ein mildes, seliges Lächeln zog oft über sein bleiches
Gesicht und tröstete die, welche mit banger Erwartung seiner pflegten.
Wir wagen es, den Leser in die niedere Hütte zu führen, die ihn
gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten Tages,
nachdem er verwundet wurde.
Die Morgensonne dieses Tages brach sich in farbigen Strahlen an den
runden Scheiben eines kleinen Fensters und erhellte das größere Gemach
eines dürftigen Bauernhauses. Das Geräte, womit es ausgestattet war,
zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und Sinn für Ordnung.
Ein großer, eichener Tisch stand in einer Ecke des Zimmers, auf zwei
Seiten von einer hölzernen Bank umgeben. Ein geschnitzter, mit hellen
Farben bemalter Schrein mochte den Sonntagsstaat der Bewohner oder
schöne, selbstgesponnene Leinwand enthalten; das dunkle Getäfel der
Wände trug ringsum ein Brett, worauf blanke Kannen, Becher und Platten
von Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen Reimen bemalt, und allerlei
musikalische Instrumente eines längst verflossenen Jahrhunderts, als
Zimbeln, Schalmeien und eine Zither, aufgestellt waren. Um den großen
Kachelofen, der weit vorsprang, waren reinliche Linnen zum Trocknen
aufgehängt, und sie verdeckten beinahe dem Auge eine große Bettstelle
mit Gardinen von großgeblümtem Gewebe, die im hintersten Teile der
Stube aufgestellt war.
An diesem Bette saß ein schönes, liebliches Kind von etwa sechzehn bis
siebzehn Jahren. Sie war in jene malerische Bauerntracht gekleidet,
die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben erhalten hat. Ihr
gelbes Haar war unbedeckt und fiel in zwei langen, mit bunten Bändern
durchflochtenen Zöpfen über den Rücken hinab. Die Sonne hatte ihr
freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebräunt, doch nicht so sehr,
daß es das schöne, jugendliche Rot auf der Wange verdunkelt hätte;
ein munteres blaues Auge blickte unter den langen Wimpern hervor.
Weiße, faltenreiche Aermel bedeckten bis an die Hand den schönen
Arm, ein rotes Mieder, mit silbernen Ketten geschnürt, mit blendend
weißen, zierlich genähten Linnen umgeben, schloß eng um den Leib; ein
kurzes schwarzes Röckchen fiel kaum bis über die Knie herunter; diese
schmucken Sachen, und dazu noch eine blanke Schürze und schneeweiße
Zwickelstrümpfe mit schönen Kniebändern, wollten beinahe zu stattlich
aussehen zu dem dürftigen Gemach, besonders da es Werktag war.
Die Kleine spann emsig feine glänzende Fäden aus ihrer Kunkel, zuweilen
lüftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen verstohlenen Blick
hinein; doch schnell, als wäre sie auf bösen Wegen erfunden worden,
schlug sie die Vorhänge wieder zu und strich die Falten glatt, als
sollte niemand merken, daß sie gelauscht habe.
Die Türe ging auf, und eine runde, ältliche Frau, in derselben Tracht
wie das Mädchen, aber ärmlicher gekleidet, trat ein. Sie trug eine
dampfende Schüssel Suppe zum Frühstück auf und stellte Teller auf dem
Tisch zurecht. Indem fiel ihr Blick auf das schöne Kind am Bette, sie
staunte sie an, und wenig hätte gefehlt, so ließ sie den Krug mit gutem
Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt.
»Was fällt der aber um Gotteswilla ei', Bärbele?« sagte sie, indem sie
den Krug niedersetzte und zu dem Mädchen trat. »Was fällt der ei',
daß de am Wertich da nuia rauta Rock zum Spinna anziehst? und au 's
nui Mieder hot se an, und, ei daß di! -- au a silberne Kette! und en
frischa Schurz und Strümpf no so mir nix dir nix aus em Kasta reißa?
Wer wird denn en solcha Hochmut treiba, du dummes Ding, du? Woißt du
net, daß mer arme Leut sind? und daß du es Kind voma onglückliche Mann
bist?« --
Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie
schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lächeln, das über
ihr Gesicht flog, zeigte, daß die Strafpredigt nicht sehr tief gehe.
»Ei, so lasset Uich doch b'richta,« antwortete sie, »was schadet's
denn dem Rock, wenn i ihn au amol ama christlicha Wertich ahan? An der
silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo wieder
wäscha!«
»So? als wemma et immer gnuag z'wäscha und z'putza hätt? So sag mer no,
was ist denn in de g'fahra, daß de so strählst und schöa machst?«
»Ah was!« flüsterte das errötende Schwabenkind, »wisset Er denn net,
daß heut der acht' Tag ist? Hot et der Aetti g'sait, der Junker werd'
am heutiga Morga verwacha, wenn sei Tränkle guete Wirking häb? Und do
hanne eba denkt --«
»Ist's um dui Zeit?« entgegnete die Hausfrau freundlicher. »Da host
wärle reacht; wenn er verwacht und sieht älles so schluttich und
schlampich, se ist's et guot und könnt Verdruß gä beim Aette. Ih sieh
au aus wia na Drach. Gang, Bärbele, hol mer mei schwarz Wammes, mei
rauts Miader und en frischa Schurz.«
»Aber Muater,« gab die Kleine zu bedenken, »Er wendt Uich doch et do
atan wölla? Wenn der Junker jetzt no grad verwacha tät! Ganget lieber
uffe und teant Uich droban a, i bleib derweil bei em.«
»Da host au reacht, Mädle,« murmelte die Alte, ließ selbst das
Frühstück stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen. Die
Tochter aber öffnete das Fenster der frischen erquickenden Morgenluft,
sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und Sperlinge
flogen heran und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr Frühstück;
die Lerchen in den Bäumen vor den Fenstern antworteten in einem
vielstimmigen Chorus, und das schöne Mädchen sah, von der Morgensonne
umstrahlt, lächelnd ihren kleinen Kostgängern zu.
In diesem Augenblick öffneten sich die Gardinen des Bettes, der Kopf
eines schönen jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.
Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit, lag auf
seinen Wangen; sein Blick war wieder glänzend wie sonst, sein Arm
stemmte sich kräftig auf das Lager. Erstaunt blickte er auf seine
Umgebungen; dieses Zimmer, dieses Geräte waren ihm fremd, er selbst,
seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor. Wer hatte ihm diese Binde um
das Haupt gebunden? Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt? Es war ihm wie
einem, der mit fröhlichen Brüdern eine Nacht durchjubelt, die Besinnung
endlich verloren hat und auf einem fremden Lager aufwacht.
Lange sah er dem Mädchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das ihm
bei seinem Erwachen aus langem Schlafe entgegentrat, war so freundlich,
daß er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich siegte die
Neugierde, über das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser zu werden;
er machte ein Geräusch, indem er die Gardinen des Bettes noch weiter
zurückschlug.
Das Mädchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um,
über ein schönes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche, blaue
Augen staunten ihn an; ein roter, lächelnder Mund schien vergebens
nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Rückkehr ins Leben zu
begrüßen. Sie faßte sich und eilte mit kurzen Schritten an das Bette,
doch machte sie unterwegs mehreremal Halt, als besinne sie sich, ob er
denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch schicke, daß sie
zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein anderer Mensch.
Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schönen Kindes lächelnd
zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen.
»Sag' mir, wo bin ich? Wie kam ich hierher?« fragte Georg. »Wem gehört
dieses Haus, worin ich, mir scheint, aus einem langen Schlaf erwacht
bin?«
»Sind Er wieder ganz bei Uich?« rief das Mädchen, indem sie vor Freude
die Hände zusammenschlug. »Ach, Herr Jeses, wer hett' es denkt? Er
gucket oin doch au wieder g'scheit an und et so duselig, daß oims
ällemol angst und bang wora ist.«
»Ich war also krank?« forschte Georg, der das Idiom des Mädchens nur
zum Teil verstand. »Ich lag einige Stunden ohne Bewußtsein?«
»Ei, wie schwätzet Er doch!« kicherte das hübsche Schwabenkind und nahm
das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen zu
verbeißen: »a paar Stund' saget Er? Heit nacht wird's g'rad nei Tag, da
se Uich brocht hent.«
Der Jüngling staunte sie mit ernsten Blicken an. Neun Tage, ohne zu
Marien zu kommen! Zu Marien? Mit diesem himmlischen Bilde kehrte wie
mit _einem_ Schlage seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, daß
er vom Bunde sich losgesagt; daß er sich entschlossen habe, nach
Lichtenstein zu reisen, daß er über die Alb auf geheimen Wegen gezogen
sei, daß -- er und sein Führer überfallen, vielleicht gefangen wurden.
»Gefangen?« rief er schmerzlich. »Sage, Mädchen, bin ich gefangen?«
Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke
des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen
Züge ernst, beinahe wild wurden; sie glaubte, er falle in jenen
schrecklichen Zustand zurück, wo er, vom Wundfieber hart angefallen,
einige Stunden lang gerast hatte, und der schwermütige Ton seiner Frage
konnte ihre Furcht nicht mindern. Unschlüssig, ob sie bleiben oder um
Hilfe rufen sollte, trat sie einen Schritt zurück.
Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die
Bestätigung seiner Frage zu lesen. »Gefangen, vielleicht auf lange,
lange Zeit,« dachte er, »vielleicht weit von ihr entfernt, ohne
Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!« Sein Körper war
noch zu erschöpft, als daß er der trauernden Seele widerstanden hätte;
eine Träne stahl sich aus dem gesenkten Auge.
Das Mädchen sah diese Träne, ihre Angst löste sich augenblicklich in
Mitleiden auf, sie trat näher, sie setzte sich an sein Bett, sie wagte
es, die herabhängende Hand des Jünglings zu ergreifen. »Er müesset et
greina,« sagte sie; »Euer Gnada sind jo jetzt wieder g'sund, und -- Er
kennet jo jetzt bald wieder fortreita,« setzte sie, wehmütig lächelnd,
hinzu.
»Fortreiten?« fragte Georg, »also bin ich nicht gefangen?«
»G'fanga? Noi, g'fanga send Er net; es hätt zwor a paarmol sei kenna,
wia dia vom schwäbischa Bund vorbeizoga send; aber mer hent Uich
allemol guet versteckt; der Vater hot g'sait, mer solla da Junker koin
Menscha seha lau.«
»Der Vater?« rief der Jüngling; »wer ist der gütige Mann? Wo bin ich
denn?«
»Ha, wo werdet Er sei?« antwortete Bärbele, »bei aus send Er in Hardt.«
»In Hardt?« Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wände gab ihm
Gewißheit, daß er Freiheit und Leben jenem Manne zu verdanken habe, der
ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war. »Also in Hardt? Und
dein Vater ist der Pfeifer von Hardt? Nicht wahr?«
»Er hot's et gern, wemmer em so ruaft,« antwortete das Mädchen; »er ist
freile sei's Zoiches a Spielma, er hairts am gernsta, wemmer Hans zua
nem sait.«
»Und wie kam ich denn hierher?« fragte jener wieder.
»Ja wisset Er denn au gar koi Wörtle meh?« lächelte das hübsche Kind
und bediente sich des Zopfbandes. Sie erzählte, ihr Vater sei schon
seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einesmals vor
neun Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht,
bis sie erwacht sei. Sie habe seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt,
um ihm zu öffnen. Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch
vier andere Männer bei ihm, die eine, mit einem Mantel verdeckte,
Tragbahre in die Stube niedergelassen haben. Der Vater habe den Mantel
zurückgeschlagen und ihr befohlen zu leuchten, sie aber sei heftig
erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf der Bahre
gelegen. Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell zu wärmen,
indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern nach für
einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht. Der Vater
habe ihm seine Wunden mit Kräutern verbunden, habe ihm dann auch selbst
einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf die Arzneien
für Tiere und Menschen. Zwei Tage lang seien sie alle besorgt gewesen,
denn der Junker habe gerast und getobt; nach dem zweiten Tränklein
aber sei er stille geworden, der Vater habe gesagt, am achten Morgen
werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich sei es auch so
eingetroffen.
Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mädchens
zugehört. Er hatte sie oft unterbrechen müssen, wenn er ihre
zierlichen Ausdrücke nicht recht verstand, oder wenn sie in ihrer Rede
abschweifte, um die Kräuter zu beschreiben, woraus der Pfeifer von
Hardt seine Arzneien bereitet hatte.
»Und dein Vater,« fragte er sie, »wo ist er?«
»Was wisset mir, wo er ist!« antwortete sie ausweichend, doch als
besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: »Uich kammes jo
saga, denn Ihr müesset guet Freund sei mit em Vater. Er ist nach
Lichtastoi.«
»Nach Lichtenstein?« rief Georg, indem sich seine Wangen höher färbten.
»Und wann kommt er zurück.«
»Ja er _sott_ schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot. Wenn em no
nix g'scheha ist. D'Leut saget, dia bündische Reiter bassen em uff.«
Nach Lichtenstein -- dorthin zog es ja auch ihn. Er fühlte sich kräftig
genug, wieder einen Ritt zu wagen und die Versäumnis der neun Tage
einzuholen. Seine nächste und wichtigste Frage war daher nach seinem
Roß, und als er hörte, daß es sich ganz wohl befinde und im Kuhstall
seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm gewichen. Er
dankte seiner holden Pflegerin für seine Wartung und bat sie um sein
Wams und seinen Mantel. Sie hatte längst alle Spuren von Blut und
Schwerthieben aus den schönen Gewändern vertilgt; mit freundlicher
Geschäftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem geschnitzten und
gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck geruht hatte.
Lächelnd breitete sie Stück für Stück vor ihm aus und schien sein Lob,
daß sie alles so schön gemacht habe, gerne zu hören, dann enteilte sie
dem Gemach, um die frohe Botschaft, daß der Junker ganz genesen sei,
der Mutter zu verkündigen.
Ob sie der Mutter auch gestanden, daß sie schon seit einer halben
Stunde mit dem schönen freundlichen Herrn geplaudert habe, wissen wir
nicht. Wir haben aber Ursache, daran zu zweifeln, denn jene ältliche,
runde Frau hatte Erfahrung aus ihrer Jugend und glaubte, ihrem
Töchterlein die Warnung nie genug wiederholen zu können, sie solle sich
wohl hüten, mit einem jungen Burschen länger als ein Ave Maria lang zu
sprechen.
16.
-- Was kümmert's dich? Du fragst
Nach Dingen, Mädchen, die dir nicht geziemen.
_Schiller._
Als die runde Frau und Bärbele von der Bodenkammer herabstiegen, war
ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach der
Küche, und zwar aus zweierlei Gründen: einmal, weil jetzt dem Gast ein
kräftiges Habermus gekocht werden mußte, und dann -- von der Küche ging
ein kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die Mutter, um
die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.
Bärbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter über die
Schultern durchs Fensterlein. Sie staunte, und ihr Herz pochte seit
siebzehn Jahren zum erstenmal recht ungestüm; denn so hübsch hatte
sie sich doch den Junker nicht gedacht. Sie war zwar oft von seinem
Anblick bis zu Tränen gerührt gewesen, wenn er mit starren Augen,
ohne Bewußtsein, beinahe ohne Leben dalag. Seine bleichen, noch im
Kampfe mit dem Tode so schönen Züge hatten sie oft angezogen, wie ein
rührendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer Betenden anzieht; aber
jetzt, sie fühlte es, jetzt war es was ganz anderes. Die Augen waren
wieder gefüllt von schönem, mutigen Feuer; es wollte dem Bärbele auf
den Zehen bedünken, als habe sie, so alt sie geworden, noch gar keine
solche gesehen. Das Haar lag nicht mehr in unordentlichen Strängen um
die schöne Stirne; es fiel geordnet und reich auf den Nacken hinab.
Seine Wangen hatten sich wieder gerötet, seine Lippen waren so frisch
wie die Kirschen an Petri und Paul; und wie ihn das seidengestickte
Wams gut kleidete und der breite weiße Halskragen, den er über das
Kleid herausgelegt hatte! Aber das konnte das Mädchen nicht ergründen,
warum er wohl immer auf eine aus weiß und blauer Seide geflochtene
Schärpe niedersah, so fest, so eifrig, als wären geheimnisvolle Zeichen
eingewoben, die er zu entziffern bemüht sei. Ja, es kam ihr sogar vor,
als drücke er die Feldbinde an das Herz, als führe er sie an die Lippen
voll Andacht und Inbrunst, wie man Reliquien zu verehren pflegt.
Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein
vollendet. »'s ist a Herr wie na Prinz,« sagte sie, indem sie das
Habermus umrührte. »Was er a Wammes a hot! Dia Herra z'Stuagert
kennet's et schöner hau. Was duet er no mit dem Fetza, won er in der
Hand hot? Er guckt a jo schier ausenander! Es ist, ka sei a bißle Bluat
na kommt, daß ens verzirnt.«
»Noi, sell isch et,« entgegnete Bärbele, die jetzt bequemer das Zimmer
übersehen konnte, »aber wisseter, Muater, wia mer's fürkommt? Er macht
so gar fuirige Auga druf na: sell ist gewiß ebbes von seim Schatz.«
Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, über die richtige Vermutung
ihres Kindes etwas weniges zu lächeln, doch schnell nahm sie ihre
mütterliche Würde wieder zusammen, indem sie entgegnete: »A, was woist
du von Schätz! So na Kind wia du muaß gar a nix so denka! Gang jetzt
weg vom Fensterle dort, lang mir sell Häfele her. Der Herr wird a
fürnehms Fressa g'wohnt sei, i muaß am a bißle viel Schmalz in de Brei
dauh!«