die sonst außer dem Kreise des Landmanns liegen, klug und scharfsinnig
und mit einem so schlagenden Witz, daß er dem sonst ernsten, jungen
Mann, den seine zweifelhafte Lage oft trübe stimmte, unwillkürlich
ein Lächeln abnötigte. Von jeder Burg, die in der Ferne aus den
Wäldern auftauchte, wußte er eine Sage zu erzählen, und die Klarheit
und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, daß er bei manchem
Hochzeitsschmaus, bei manchem Kirchweihtanz neben seinem Amt als
Spielmann auch das eines Erzählers übernommen haben müsse. Nur so
oft Georg auf sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode kommen
wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine bedeutende Rolle in dem Aufruhr
des armen Konrad gespielt hatte, brach er düster ab oder wußte mit
mehr Geläufigkeit, als man dem schlichten Manne zugetraut hätte, das
Gespräch auf andere Gegenstände zu bringen.
So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist. Hans wußte immer voraus,
wann wieder ein Gehöfte kam, wo sie Erfrischung für sich und gutes
Futter für das Pferd finden würden. Ueberall war er bekannt, überall
wurde er freundlich, wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit
Staunen aufgenommen; er flüsterte dann gewöhnlich ein Viertelstündchen
mit dem Hausvater, während die Hausfrau dem jungen Ritter emsig und
freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem Apfelwein aufwartete,
und die »Büebla« und »Mädla« den hohen, schlanken Gast, seine schönen
Kleider, seine glänzende Schärpe, die wallenden Federn seines
Barettes bewunderten. War dann das kleine Mahl verzehrt, hatte Georgs
Pferd wieder Kräfte gesammelt, so begleitete das ganze Haus den
Scheidenden bis an die Türe, und der junge Reiter konnte zu seiner
Beschämung niemals die Gastfreundschaft der guten Leute belohnen.
Mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer von Hardt weigerten sie sich
standhaft, seine kleinen Gaben anzunehmen. Auch dieses Rätsel löste
ihm sein Begleiter nicht; denn seine Antwort: »Wenn die Leute nach
Hardt kommen, kehren sie auch wieder bei mir ein,« schien nur eine
ausweichende Antwort zu sein.
Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Höfe
zu, wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer
Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurecht machte, als sie ihm
zu Ehren ein paar Tauben geopfert und einen dickgeschmälzten Haferbrei
aufgetragen hatte.
Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur kam
es Georg vor, als ob sein Führer mit noch mehr Vorsicht als gestern zu
Werke gehe; denn er ließ, wenn sie sich einem Hof nahten, den Reiter
wohl fünfhundert Schritte davon Halt machen, nahte sich behutsam den
Gebäuden, und erst, nachdem er alles sorgfältig ausgespähet hatte,
winkte er dem Junker, zu folgen. Georg befragte ihn umsonst, ob es in
dieser Gegend gefährlicher sei, ob die Bundestruppen schon in der Nähe
seien? Er sagte nichts Bestimmtes darüber.
Doch gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der Weg sich mehr
gegen das ebene Land herabzuziehen schien, schien auch die Reise
gefährlicher zu werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von
jetzt an gar nicht mehr den Wohnungen nähern zu wollen, sondern hatte
sich in einem Hof mit einem Sack versehen, der Futter für das Pferd und
hinlängliche Viktualien für sie beide enthielt. Es schien, als ob er
meist noch einsamere Pfade als bisher aufsuche. Auch glaubte Georg zu
bemerken, daß sie nicht mehr dieselbe Richtung verfolgten wie früher,
sondern sehr stark zur Rechten ablenkten.
Am Rand eines schattigen Buchenwäldchens, wo eine klare Quelle und
frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie Halt. Georg stieg ab, und
sein Führer zog aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl. Nachdem er das
Pferd versehen hatte, setzte er sich zu den Füßen des jungen Ritters
und begann mit großem Appetit zuzugreifen.
Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit
aufmerksamem Auge die Gegend. Es war ein schönes, breites Tal,
in welches sie hinabsahen. Ein kleines Flüßchen eilte schnell
durchhin; die Felder, wovon es begrenzt war, schienen gut und fleißig
angepflanzt, eine freundliche Burg erhob sich auf einem Hügel am
andern Ende des Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der
Gebirgsrücken, über welchen sie gezogen waren.
»Es scheint, wir haben die Alb verlassen,« sagte der junge Mann, indem
er sich zu seinem Gefährten wandte. »Dieses Tal, jene Hügel sehen bei
weitem freundlicher aus als der Felsboden und die öden Weideplätze, die
wir durchzogen. Selbst die Luft weht hier milder und wärmer als oben,
wo uns die Winde oft so hart anfaßten.«
»Ihr habt recht geraten, Junker,« sagte Hans, indem er die Reste
ihrer Mahlzeit sorgfältig in den Sack legte; »diese Täler gehören zum
Unterland, und jenes Flüßchen, das Ihr sehet, strömt in den Neckar.«
»Wie kommt es aber, daß wir so weit vom Wege abbiegen?« fragte Georg.
»Es kam mir schon oben im Gebirge vor, als haben wir die alte Richtung
verlassen, aber du wolltest nie darauf hören. Dieser Weg muß, soviel
ich die Lage von Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts führen.«
»Nun, ich will es Euch jetzt sagen,« antwortete der Bauer, »ich wollte
Euch auf der Alb nicht unnötig bange machen, jetzt aber sind wir, so
Gott will, in Sicherheit; denn im schlimmsten Fall sind wir keine vier
Stunden mehr von Hardt, wo sie uns nichts mehr anhaben sollen.«
»In Sicherheit?« unterbrach ihn Georg verwundert. »Wer soll uns etwas
anhaben?«
»Ei, die Bündischen,« erwiderte der Spielmann. »Sie streifen auf der
Alb, und oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns.
Mir für meinen Teil wäre es nicht lieb gewesen, in ihre Hände zu
fallen; denn sie sind mir, wie Ihr wohl wisset, gar nicht grün. Und
auch Euch wäre es vielleicht nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn
Truchseß geführt zu werden.«
»Gott soll mich bewahren!« rief der Junker. »Vor den Truchseß? Lieber
lasse ich mich auf der Stelle totschlagen. Was wollen sie denn aber
hier? Es ist ja hier in der Nähe keine Feste von Württemberg, und du
sagtest mir ja doch, sie können ungehindert durchs Land ziehen; wonach
streifen sie denn?«
»Seht, Junker! es gibt überall schlechte Leute. Was ein rechter
Württemberger ist, der läßt sich eher die Haut abziehen, als daß er
den Herzog verrät, nach welchem die Bündler jetzt ein Treibjagen
halten. Aber der Truchseß soll unter der Hand einen ganzen Haufen
Gold versprochen haben, wenn man ihn fängt. Er hat seine Reiter
ausgeschickt, diese streifen jetzt überall, und die Leute sagen, es
gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen und den
Spürhunden alle Klingen und Schlupfwinkel zeigen.«[19]
»Nach dem Herzog sollen sie streifen? Der ist ja aus dem Lande geflohen
oder, wie andere sagen, in Tübingen auf seinem festen Schlosse, wo ihn
vierzig Ritter beschützen.«
»Ja, die vierzig Edlen sind dort,« antwortete der Bauer mit schlauer
Miene. »Auch des Herzogs Söhnlein, der Christoph, ist dort, das hat
seine Richtigkeit; ob aber der Herzog selbst dort ist, weiß niemand
recht. Im Vertrauen gesagt, wie ich ihn kenne, schließt er sich nur zur
höchsten Not in eine Feste ein; er ist ein kühner, unruhiger Herr, und
es ist ihm wohler in den Wäldern und Bergen, wenn es auch Gefahr hat.«
»Den Herzog also suchen sie? Also müßte er hier in der Nähe sein?«
»Wo er ist, weiß ich nicht,« erwiderte der Pfeifer von Hardt, »und
ich wollte wetten, dies weiß niemand als Gott; aber wo er sein wird,
weiß ich,« setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl von
Begeisterung aus dem Auge dieses Mannes breche; »wo er sein wird, wenn
die Not am höchsten ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden werden,
wo manche treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in der Not
gegen diese Bündler zu schützen. Denn ist er auch ein strenger Herr, so
ist er doch ein Württemberger, und seine schwere Hand ist uns lieber
als die gleißenden Worte des Bayern und des Oesterreichers.«
»Und wenn sie den unglücklichen Fürsten erkennen, wenn sie auf ihn
stoßen? Hat er nicht seine Gestalt verhüllt und unkenntlich gemacht? Du
hast mir einmal sein Gesicht beschrieben, und ich glaube ihn beinahe
vor mir zu sehen, besonders sein gebietendes, glänzendes Auge. Aber wie
ist seine Gestalt?«
»Er mag kaum acht Jahre älter sein als Ihr,« entgegnete jener; »er
ist nicht so groß als Ihr, aber in vielem Euch ähnlich an Gestalt;
besonders wenn Ihr zu Pferd saßet und ich hinter Euch ging, da gemahnte
es mich oft, und ich dachte: so, gerade so sah der Herzog aus in den
Tagen seiner Herrlichkeit.«
Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen; die Worte des
Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah
jetzt erst ein, wie töricht er gehandelt, in diesem Kriegsstrudel
sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu wollen. Es wäre ihm höchst
unangenehm gewesen, in diesem Augenblick gefangen zu werden; zwar
konnte er nach seinem Eide reisen, wohin er wollte, wenn er nur in den
nächsten vierzehn Tagen keinen _tätlichen_ Anteil an dem Kampfe gegen
den Bund nahm; aber er fühlte, welch nachteiliges Licht es dennoch
auf ihn werfen müßte, in dieser Gegend, so weit von dem Wege nach
seiner Heimat, aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft
eines Mannes, der den Bundesobersten sehr verdächtig, sogar gefährlich
geschienen hätte. Umzukehren war keine Möglichkeit, denn es ließ sich
beinahe mit Gewißheit annehmen, daß die Bundestruppen bereits die
ganze Breite der Alb eingenommen hatten; das sicherste schien, sich zu
beeilen, über die äußersten Posten des Heeres hinauszukommen; man hatte
dann die Gefahr im Rücken, vor und neben sich aber freie Bahn.
Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn über diese Gefahren hinaus
tragen sollte, hing die Ohren; die große Eile und die ermüdenden,
steinigen Fußpfade hatten seine Kraft geschwächt; zu seinem großen
Verdruß bemerkte Georg sogar, daß es auf dem linken Vorderfuß nicht
gerne auftrete, was nach einem achtstündigen Weg über scharfe, eckige
Felsen nicht zu verwundern war. Der Bauer bemerkte die Verlegenheit
des Junkers; er untersuchte das Tier und riet, es noch einige Stunden
stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er sei der Gegend so
kundig, daß sie eine große Strecke in der Nacht zurücklegen könnten.
14.
Es ziehen vom Schwabenbunde
Die Jäger durchs Gefild,
Sie spüren in die Runde
Nach einem Fürstenwild.
_G. Schwab._
Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal und suchte Zerstreuung in
der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen
Augen öffnete, als ihn der Bauer etwa fünfzig Schritte höher geführt
hatte. Sie standen auf einer Felsenecke, die einen schönen Ausläufer
der schwäbischen Alb begrenzte. Ein ungeheures Panorama breitete
sich vor den erstaunten Blicken Georgs aus, so überraschend, von so
lieblichem Schmelz der Farben, von so erhabener Schönheit, daß seine
Blicke eine geraume Zeit wie entzückt an ihnen hingen. Und wirklich,
wer je mit reinem Sinn für Schönheiten der Natur, ohne himmelhohe
Alpen, ohne Täler wie das Rheingau zu suchen, die schwäbische Alb
bestiegen hat, dem wird die Erinnerung eines solchen Anblickes unter
die lieblichsten der Erde gehören.
Man denke sich eine Kette von Gebirgen, die von der weitesten
Entfernung dem Auge kaum erreichbar, durch alle Farben einer herrlichen
Beleuchtung, von sanftem Grau, durch alle Nüancen von Blau, am Horizont
sich herzieht, bis das dunkle Grün der näherliegenden Berge mit seinem
sanften Schmelz die Kette schließt. Auf diesen Gipfeln eines langen
Gebirgsrückens erkennt das Auge Schlösser und Burgen ohne Zahl, die wie
Wächter auf diese Höhen sich lagern und über das Land hinschauen. Jetzt
sind ihre Türme zerfallen, ihre stattlichen Tore sind gebrochen, den
tiefen Burggraben füllen Trümmer und Moos, und die Hallen, in welchen
sonst laute Freude erscholl, sind verstummt; aber damals, als Georg
auf dem Felsen von Beuren stand, ragten sie noch fest und herrlich;
sie breiteten sich wie eine undurchbrochene Schar gewaltiger Männer
zwischen den Heldengestalten von Staufen und Hohenzollern aus.
»Ein herrliches Land, dieses Württemberg!« rief Georg, indem sein Auge
von Hügel zu Hügel schweifte. »Wie kühn, wie erhaben diese Gipfel und
Bergwände, diese Felsen und ihre Burgen! Und wenn ich mich dorthin
wende gegen die Täler des Neckar, wie lieblich jene sanften Hügel, jene
Berge mit Obst und Wein besetzt, jene fruchtbaren Täler mit schönen
Bächen und Flüssen, dazu ein milder Himmel und ein guter, kräftiger
Schlag von Menschen!«
»Ja,« fiel der Bauer ein, »es ist ein schönes Land; doch hier oben will
es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das wahre
Unterland, Herr! da ist es eine Freude, im Sommer oder Herbst am Neckar
hinabzuwandeln; wie da die Felder so schön und reich stehen, wie der
Weinstock so dicht und grün die Berge überzieht, und wie Nachen und
Flöße den Neckar hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so fröhlich an
der Arbeit sind und die schönen Mädchen singen wie die jungen Lerchen!«
»Wohl sind jene Täler an der Rems und dem Neckar schöner,« entgegnete
Georg; »aber auch dieses Tal zu unsern Füßen, auch diese Höhen um uns
her haben eigenen, stillen Reiz. Wie heißen jene Burgen auf den Hügeln,
sprich, wie heißen jene fernen Berge?«
Der Bauer überblickte sinnend die Gegend und zeigte auf die hinterste
Bergwand, die dem Auge kaum noch sichtbar aus den Nebeln ragte. »Dort
hinten, zwischen Morgen und Mittag, ist der Roßberg; in gleicher
Richtung herwärts, jene vielen Felsenzacken sind die Höhen von Urach.
Dort, mehr gegen Abend, ist Achalm, nicht weit davon, doch könnt Ihr
ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von Lichtenstein.«
»Dort also,« sagte Georg stille vor sich hin, und sein Auge tauchte
tief in die Nebel des Abends, »dort, wo jenes Wölkchen in der Abendröte
schwebt, dort schlägt ein treues Herz für mich; jetzt auch steht sie
vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und sieht herüber in diese Welt
von Bergen, vielleicht nach diesem Felsen hin. O, daß die Abendlüfte
dir meine Grüße brächten, und jene rosigen Wolken dir meine Nähe
verkündeten!«
»Weiter hin, Ihr sehet doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck; unsere
Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute feste Burg;
wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg war einst
die Wohnung berühmter Kaiser, es ist Hohenstaufen.«
»Aber wie heißt jene Burg, die hier zunächst aus der Tiefe
emporsteigt?« fragte der junge Mann; »sieh nur, wie sich die Sonne an
ihren hellen weißen Wänden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft
zu tauchen scheinen, wie ihre Türme in rötlichem Lichte erglänzen.«
»Das ist Neuffen, Herr! auch eine starke Feste, die dem Bunde zu
schaffen machen wird.«
Die Sonne des kurzen, schönen Märztages begann während dieses
Zwiegesprächs der Wanderer hinabzusinken. Die Schatten des Abends
rollten dunkle Schleier über das Gebirge und verhüllten dem Auge die
ferneren Gipfel und Höhen. Der Mond kam bleich herauf und überschaute
sein nächtliches Gebiet. Nur die hohen Mauern und Türme von Neuffen
rötete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei dieser Felsen
ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide. Sie sank, auch diese
Mauern hüllten sich in Dunkel, und durch die Wälder zog die Nachtluft,
geheimnisvolle Grüße flüsternd, dem heller strahlenden Mond entgegen.
»Jetzt ist die wahre Tageszeit für Diebe und für flüchtige Reisende wie
wir,« sagte der Bauer, als er des Junkers Pferd aufzäumte; »sei es noch
um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll uns, bis
die Sonne wieder aufgeht, kein bündischer Reiter ausspüren!«
»Glaubst du, es habe Gefahr?« fragte Georg, indem er seine Hand nach
dem Helm ausstreckte und das dünne Barett abnahm. »Meinst du nicht, wir
sollten uns besser wappnen?«
»Laßt hängen, Junker,« rief der Bauer lachend, »solch eine Sturmhaube
ist an sich schon kalt und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr
warm; laßt immer Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den
Herzog nicht, und wollten sie kommen, wir zwei fürchten ihrer viere
nicht.«
Der junge Mann ließ zögernd seinen schönen Helm am Sattelknopf hängen,
er schämte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der
unberitten, nur durch eine dünne lederne Mütze geschützt und mit einer
einfachen Axt schlecht bewaffnet war. Er schwang sich auf. Sein Führer
ergriff die Zügel des Rosses und schritt voran den Berg hinab.
»Du meinst also?« fragte Georg nach einer Weile, »bis hierher werden
sich die bündischen Reiter nicht wagen?«
»Es ist nicht wohl möglich,« antwortete der Pfeifer, »Neuffen ist ein
starkes Schloß und hat gute Besatzung; sie werden es zwar in kurzer
Zeit mit Heeresmacht belagern, aber Gesindel, wie die Handvoll Reiter
des Truchseß, wagt sich doch nicht in die Nähe einer feindlichen Burg.«
»Schau! Wie hell und schön der Mond scheint,« rief der Jüngling, der,
noch immer erfüllt von dem Anblick auf dem Berge, die wunderlichen
Schatten der Wälder und Höhen, die hellglänzenden Felsen betrachtete;
»sieh, wie die Fenster von Neuffen im Mondlicht schimmern!«
»Es wäre mir lieber, er schiene heute nacht nicht,« entgegnete sein
Führer, indem er sich zuweilen besorgt umsah; »dunkle Nacht wäre besser
für uns, der Mond hat schon manchen braven Mann verraten. Doch jetzt
steht er gerade über den Reissenstein, wo der Riese gewohnt hat; es
kann nicht mehr lange dauern, so ist er hinunter.«
»Was schwatzest du da von einem Riesen, der auf dem Reissenstein
gewohnt hat?«
»Ja, dort hat vor langer Zeit ein Riese gewohnt,[20] das hat seine
Richtigkeit; dort über dem Berg, gerade wo jetzt der Mond steht,
liegt ein Schloß, das heißt der Reissenstein; es gehört jetzt den
Helfensteinern; es liegt auf jähen Felsen, weit oben in der Luft,
und hat keine Nachbarschaft als die Wolken und bei Nacht den Mond.
Geradeüber von der Burg, auf einem Berge, worauf jetzt der Heimenstein
steht, liegt eine Höhle, und darinnen wohnte vor alters ein Riese.
Er hatte ungeheuer viel Gold und hätte herrlich und in Freuden leben
können, wenn es noch mehr Riesen und Riesinnen außer ihm gegeben hätte.
Da fiel es ihm ein, er wolle sich ein Schloß bauen, wie es die Ritter
haben auf der Alb. Der Felsen gegenüber schien ihm gerade recht dazu.
»Er selbst war ein schlechter Baumeister; er grub mit den Nägeln
haushohe Felsen aus der Alb und stellte sie auf einander, aber sie
fielen immer wieder ein und wollten kein geschicktes Schloß geben. Da
legte er sich auf den Beurener Felsen und schrie ins Tal hinab nach
Handwerkern; Zimmerleute, Maurer und Steinmetze, Schlosser, alles solle
kommen und ihm helfen, er wolle gut bezahlen.
»Man hörte sein Geschrei im ganzen Schwabenlande, vom Kocher hinauf bis
zum Bodensee, vom Neckar bis an die Donau, und überallher kamen die
Meister und Gesellen, um dem Riesen das Schloß zu bauen. -- Reitet aus
dem Mondschein, Junker, hierher in den Schatten; Euer Harnisch glänzt
wie Silber und könnte leicht den Spürhunden in die Augen glänzen!
»Nun, um wieder auf den Riesen zu kommen, so war es lustig anzusehen,
wie er vor seiner Höhle im Sonnenschein saß und über dem Tal drüben
auf dem hohen Felsen sein Schloß bauen sah; die Meister und Gesellen
waren flink an der Arbeit und bauten, wie er ihnen über das Tal hinüber
zuschrie; sie hatten allerlei fröhlichen Schwank und Kurzweil mit ihm,
weil er von der Bauerei nichts verstand. Endlich war der Bau fertig,
und der Riese zog ein und schaute aus dem höchsten Fenster aufs Tal
hinab, wo die Meister und Gesellen versammelt waren, und fragte sie, ob
ihm das Schloß gut anstehe, wenn er so zum Fenster hinausschaue. Als er
sich aber umsah, ergrimmte er, denn die Meister hatten geschworen, es
sei alles fertig, aber an dem obersten Fenster, wo er heraussah, fehlte
noch ein Nagel.
»Die Schlossermeister entschuldigten sich und sagten: es habe sich
keiner getraut, vors Fenster hinaus in die Luft zu sitzen und den Nagel
einzuschlagen. Der Riese aber wollte nichts davon hören, sondern zahlte
den Lohn nicht aus, bis der Nagel eingeschlagen sei.
»Da zogen sie alle wieder in die Burg, die wildesten Burschen
vermaßen sich hoch und teuer, es sei ihnen ein geringes, den Nagel
einzuschlagen; wenn sie aber an das oberste Fenster kamen und
hinausschauten in die Luft und hinab in das Tal, das so tief unter
ihnen lag, und ringsum nichts als Felsen, da schüttelten sie den Kopf
und zogen beschämt ab. Da boten die Meister zehnfachen Lohn, wer den
Nagel einschlage, und es fand sich lange keiner.
»Nun war ein flinker Schlossergeselle dabei, der hatte die Tochter
seines Meisters lieb, und sie ihn auch, aber der Vater war ein harter
Mann und wollte sie ihm nicht zum Weibe geben, weil er arm war. Der
faßte sich ein Herz und dachte, er könne hier seinen Schatz verdienen
oder sterben; denn das Leben war ihm verleidet ohne sie. Er trat vor
den Meister, ihren Vater, und sprach: ›Gebt Ihr mir Eure Tochter, wenn
ich den Nagel einschlage?‹ Der aber gedachte seiner auf diese Art
loszuwerden, wenn er auf die Felsen hinabstürze und den Hals breche,
und sagte ja.
»Der flinke Schlossergeselle nahm den Nagel und seinen Hammer, sprach
ein frommes Gebet und schickte sich an, zum Fenster hinauszusteigen
und den Nagel einzuschlagen für sein Mädchen. Da erhob sich ein
Freudengeschrei unter den Bauleuten, daß der Riese vom Schlaf aufwachte
und fragte, was es gebe, und als er hörte, daß sich einer gefunden
habe, der den Nagel einschlagen wolle, kam er, betrachtete den jungen
Schlosser lange und sagte: ›Du bist ein braver Kerl und hast mehr Herz
als das Lumpengesindel da; komm, ich will dir helfen.‹ Da nahm er ihn
beim Genick, daß es allen durch Mark und Bein ging, hob ihn zum Fenster
hinaus in die Luft und sagte: ›Jetzt hau' drauf zu! ich lasse dich
nicht fallen.‹
»Und der Geselle schlug den Nagel in den Stein, daß er fest saß;
der Riese aber küßte und streichelte ihn, daß er beinahe ums Leben
kam, führte ihn zum Schlossermeister und sprach: ›Diesem gibst du
dein Töchterlein.‹ Dann ging er hinüber in seine Höhle, langte
einen Geldsack heraus und zahlte jeden aus bei Heller und Pfennig.
Endlich kam er auch an den flinken Schlossergesellen; zu diesem sagte
er: ›Jetzt gehe heim, du herzhafter Bursche, hole deines Meisters
Töchterlein und ziehe ein in diese Burg, denn sie ist dein.‹
»Des freuten sich alle; der Schlosser ging heim, und --«
»Horch! Hörtest du nicht das Wiehern von Rossen?« rief Georg, dem es
in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz unheimlich wurde. Der Mond
schien noch hell, die Schatten der Eichen bewegten sich, es rauschte im
Gebüsch, und oft wollte es ihm bedünken, als sehe er dunkle Gestalten
im Wald neben sich hergehen.
Der Pfeifer von Hardt blieb stehen, ungeduldig, daß ihn der Junker
nicht bis zum Ende erzählen lasse: »Es kam mir vorhin auch so vor, aber
es war der Wind, der in den Eichen ächzt, und der Schuhu schrie im
Gebüsch. Wären wir nur das Wiesental noch hinüber, da ist es so offen
und hell wie bei Tag; jenseits fängt wieder der Wald an, da ist es dann
dunkel und hat keine Not mehr. Gebt Eurem Braunen die Sporen und reitet
Trab über das Tal hin, ich laufe neben Euch her.«
»Warum denn jetzt auf einmal Trab?« fragte der junge Mann. »Meinst du,
es habe Gefahr? Gestehe nur, nicht wahr, du hast sie auch gesehen, die
Gestalten im Wald, die neben uns herschlichen. Glaubst du, es sind
Bündische?«
»Nun ja,« flüsterte der Bauer, indem er sich umsah, »mir war es auch,
als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, daß wir aus dem
verdammten Hohlweg herauskommen, und dann im Trab über das Tal hinüber,
weiterhin hat es keine Gefahr.«
Georg machte sein Schwert locker in der Scheide und nahm die Zügel
seines Rosses kräftiger in die Faust. Schweigend zogen sie die Schlucht
hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein, daß der junge Mann jeden
Zug seines Gefährten erkennen konnte und deutlich sah, daß er seine Axt
auf die Schulter nahm und ein Messer, das er im Wams verborgen hatte,
herauszog und in den Gürtel steckte.
Sie wollten eben am Ausgang des Hohlweges in das Tal einbiegen, da
rief eine Stimme im Gebüsch: »Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf
Gesellen, der dort auf dem Roß muß der Rechte sein!«