Georg schlug verwirrt die Augen nieder. »So kamen Euch die Gründe

nicht genügend vor, die ich angab?« sagte er. »Was wollt Ihr denn so

Geheimnisvolles von mir wissen?«

»Geheimnisvoll? Nun, so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn

merke für die Zukunft: wenn man nicht verraten sein will, so muß man

weder bei Abendtänzen sich gebärden wie einer, der vom St. Veitstanz

befallen ist, noch nachmittags um drei Uhr zu schönen Mädchen gehen.

Ja, mein Sohn, ich weiß allerlei,« setzte er hinzu, indem er lächelnd

mit dem Finger drohte, »ich weiß auch, daß dieses ungestüme Herz gut

württembergisch ist.«

Georg errötete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht

auszuhalten. »Württembergisch?« entgegnete er, nachdem er sich mit Mühe

gefaßt hatte, »da tut Ihr mir unrecht; nicht mit Euch zu Feld ziehen

zu wollen, heißt noch nicht, sich an den Feind anschließen; gewiß, ich

schwöre Euch --«

»Schwöre nicht,« fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort, »ein Eid ist ein

leichtes Wort, aber es ist doch eine drückend schwere Kette, die man

bricht oder von der man zerbrochen wird. Was du tun wirst, das wird so

sein, daß es sich mit deiner Ehre verträgt. Nur eines mußt du dem Bunde

an Eidesstatt geloben, und dann erst wirst du deiner Haft entlassen: in

den nächsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu kämpfen.«

»So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?« sprach Georg

bewegt. »Das hätte ich nicht gedacht; und wie unnötig ist dieser

Schwur! Für wen, und mit wem sollte ich denn auf jener Seite kämpfen?

Die Schweizer sind abgezogen, das Landvolk hat sich zerstreut, die

Ritterschaft liegt in den Festungen und wird sich hüten, den nächsten

besten, der vom Bundesheer herüberläuft, in ihre Mauern aufzunehmen,

der Herzog selbst ist entflohen --«

»Entflohen?« rief Frondsberg aus. »Entflohen? Das weiß man noch nicht

so gewiß; warum hätte der Truchseß denn die Reiter ausgeschickt?«

setzte er hinzu. »Und überhaupt, wo hast du diese Nachrichten alle her?

Hast du den Kriegsrat belauscht? Oder sollte es wahr sein, was einige

behaupten wollen, daß du verdächtige Verbindungen nach Württemberg

hinüber unterhältst?«

»Wer wagt dies zu behaupten?« rief Georg erblassend.

Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prüfend auf den Zügen des

jungen Mannes. »Höre, du bist mir zu jung und ehrlich zu einem

Bubenstücke,« sagte er, »und wenn du etwas solches im Schilde führtest,

hättest du dich wohl nicht vom Bunde losgesagt, sondern auch ferner

Württembergs Spion gemacht.«

»Wie? spricht man so von mir?« unterbrach ihn Georg. »Wenn Ihr nur ein

Fünkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der so

von mir spricht!«

»Nur nicht gleich wieder so aufbrausend!« entgegnete Frondsberg

und drückte die Hand des jungen Mannes. »Du kannst denken, daß,

wenn ein solches Wort öffentlich gesprochen würde oder ich an diese

Einflüsterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu dir käme, aber

etwas muß denn doch an der Sache sein. Zu dem alten Lichtenstein kam

öfters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er fiel nicht auf zu

einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind. Aber man gab uns

geheime Winke, daß dieser Bauer ein verschlagener Mann und ein geheimer

Botschafter aus Württemberg sei. Der Lichtensteiner zog ab, und der

Bauer und sein geheimnisvolles Treiben war vergessen. Diesen Morgen

hat er sich wieder gezeigt. Er soll vor der Stadt lange Zeit mit dir

gesprochen haben, auch wurde er in deinem Haus gesehen. Wie verhält

sich nun diese Sache?«

Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehört. »So wahr ein Gott über

mir ist,« sagte er, als Frondsberg geendet hatte, »ich bin unschuldig.

Heute früh kam ein Bauer zu mir und --«

»Nun, warum verstummst du auf einmal?« fragte Frondsberg, »du glühst ja

über und über, was ist es denn mit diesem Boten?«

»Ach! ich schäme mich, es auszusprechen, und dennoch habt Ihr ja schon

alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von -- meinem Liebchen!«

Der junge Mann öffnete bei diesen Worten sein Wams und zog einen

Streifen von Pergament hervor, den er dort verborgen hatte. »Seht, dies

ist alles, was er brachte,« sagte er, indem er es Frondsberg bot.

»Das ist also alles?« lachte dieser, nachdem er gelesen hatte; »armer

Junge! und du kennst also diesen Mann nicht näher? Du weißt nicht, wer

er ist.«

»Nein, er ist auch weiter nichts als unser Liebesbote, dafür wollte ich

stehen!«

»Ein schöner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften

soll; weißt du denn nicht, daß es der gefährlichste Mann ist? es ist

der Pfeifer von Hardt.«

»Der Pfeifer von Hardt?« fragte Georg. »Zum erstenmal höre ich diesen

Namen; und was ist es denn, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?«

»Das weiß niemand recht; er war im Aufstand vom armen Konrad einer der

schrecklichsten Aufrührer, nachher wurde er begnadigt; seit der Zeit

führt er ein unstätes Leben und ist jetzt ein Kundschafter des Herzogs

von Württemberg.«

»Und hat man ihn aufgefangen?« forschte Georg weiter, denn

unwillkürlich nahm er wärmeren Anteil an seinem neuen Diener.

»Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als

möglich die Anzeige, daß er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem

Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz im geheimen

aufheben wollten, war er über alle Berge. Nun, ich glaube deinem Wort

und deinen ehrlichen Augen, daß er in keinen andern Angelegenheiten

zu dir kam. -- Du kannst dich übrigens darauf verlassen, daß er, wenn

es derselbe ist, den ich meine, nicht allein deinetwegen sich nach

Ulm wagte. Und solltest du je wieder mit ihm zusammentreffen, so nimm

dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu trauen. Doch der Wächter

ruft zehn Uhr. Lege dich noch einmal aufs Ohr und verträume deine

Gefangenschaft. Vorher aber gib mir dein Wort wegen der vierzehn Tage,

und das sage ich dir, wenn du Ulm verläßt, ohne dem alten Frondsberg

lebewohl zu sagen --«

»Ich komme, ich komme,« rief Georg, gerührt von der Wehmut des

verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer lächelnden Miene zu

verbergen suchte. Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat verlangte;

der Ritter aber verließ mit langsamen Schritten die Totenkammer.

12.

Nur einmal noch laß leuchten

Mir deiner Augen Strahl,

Laß hören deine Stimme

Nur noch ein einzigmal!

_K. Grüneisen._

Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drückende Strahlen auf

einen Reiter, welcher über den Teil der schwäbischen Alb, der gegen

Franken ausläuft, hinzog. Er war jung, mehr schlank als fest gebaut,

und ritt ein hochgewachsenes Pferd von dunkelbrauner Farbe; er war

wohl bewaffnet mit Brustharnisch, Dolch und Schwert; einige andere

Stücke seiner Armatur, als der Helm und die aus Eisenblech getriebenen

Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt. Die hellblau und

weißgestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter sich über die

Brust zog, ließ erraten, daß der junge Mann von Adel war, denn diese

Auszeichnung war damals ein Vorrecht höherer Stände.

Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht

ins Tal hinab gewährte. Er hielt sein schnaubendes Roß an, wandte es

zur Seite und genoß nun den schönen Anblick, der sich vor seinem Auge

ausbreitete. Vor ihm eine weite Ebene, von waldigen Höhen begrenzt,

durchströmt von den grünen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die

Hügelkette der württembergischen Alp, zu seiner Linken in weiter,

weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen. In freundlichem Blau

spannte der Himmel seinen Bogen über diese Szene, und seine sanften,

lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwärzlichen Mauern

Ulms, das am Fuße des Berges lag, mit seinem dunkelgrauen ungeheuren

Münsterturm. Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche begannen in

diesem Augenblick den Mittag einzuläuten; ihre Töne zogen in langen,

beruhigenden Akkorden über die Stadt, über die weite Ebene, bis sie

sich an den fernen Bergen brachen und zitternd in das Blau der Lüfte

verschwebten, als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter die Wünsche

der Menschen zum Himmel tragen.

»So begleitet ihr also den Scheidenden, wie ihr seinen Eintritt begrüßt

habt,« rief der junge Reiter, »mit denselben Tönen, mit denselben

feierlichen Akkorden sprechet ihr zu ihm, wann er kommt und geht; wie

anders, wie so ganz anders deutete ich eure ehernen Stimmen, als mein

Ohr euch zum erstenmal lauschte. Da vernahm ich in euch verwandte Töne,

es klang mir wie ein Ruf zur Geliebten! Und jetzt, da ich scheide, ohne

Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir dieselben Töne entgegen?

Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr ebenso eingeläutet wie

jetzt das Grabgeläute meiner Hoffnung. Das Bild des Lebens!« setzte er

wehmütig hinzu, indem er nach einem langen Abschiedsblick auf dieses

Tal, auf diese Mauern sein Pferd wandte. »Das Bild des Lebens! Um

Wiege und Sarg schweben sie in gleichen Tönen, und die Glocken meiner

Hauskapelle haben an jenem fröhlichen Tage, wo man mich zur Taufe trug,

mir ebenso getönt, wie sie mir tönen werden, wenn man den letzten

Sturmfeder zu Grabe trägt!«

Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als diesen haben

unsere Leser den jungen Reiter schon längst erkannt, Georg ließ sein

Pferd langsam hinschreiten, indem er seinen Gedanken nachhing. Es war

der Weg nach seiner Heimat, und die Vergleichungen, die er zwischen

dieser Heimkehr und dem fröhlichen Auszug anstellte, mochten nicht dazu

beitragen, seine düsteren Gefühle aufzuhellen. Der gestrige Tag, der

schnelle Wechsel heftiger Empfindungen, seine Verhaftung, zuletzt noch

heute der Abschied von Männern, die ihm wohlwollten, hatten ihn heftig

angegriffen.

Wie treuherzig und gutmütig hatte Dietrich von Kraft, sein zierlicher

Gastfreund, seine Abreise bedauert. Wie gleich war sich dieser gute

Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben, vom ersten Becher an,

den er mit ihm im Rathaussaale geleert, bis zum Abschiedstrunk, den

er seinem Gast noch auf das Pferd hinauf kredenzte. Und wie hatte er

ihm gelohnt? Beschäftigt mit sich selbst, hatte er ihn wenig geachtet,

übersehen. Wie hatte er dem biedern Breitenstein, wie dem Helden

Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie seinen Liebling

ausgezeichnet hatte, wie hatte er ihnen vergolten? Wahrlich, es ist

für ein edles Gemüt kein Gedanke drückender als der, für undankbar zu

gelten bei Männern, in deren Augen wir geachtet sein möchten.

Er hatte unter diesen trüben Gedanken eine gute Strecke auf dem

Gebirgsrücken zurückgelegt. Die Strahlen der Märzsonne wurden immer

drückender, die Pfade rauher, und er beschloß, unter dem Schatten einer

breiten Eiche sich und seinem Pferde Mittagsruhe zu gönnen. Er stieg

ab, schnallte den Sattelgurt leichter und ließ das ermüdete Tier die

sparsam hervorkeimenden Gräser aufsuchen. Er selbst streckte sich unter

der Eiche nieder, und so gerne er sich dem Schlafe überlassen hätte,

wozu nach dem ermüdenden Ritte ihn der kühle Schatten einlud, so hielt

ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten in einem Lande, das so

nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um sein Roß und vielleicht gar

um seine Waffen zu kommen, einige Zeit wach, bis er in jenen Zustand

versank, wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen umsonst mit dem

Körper kämpft, der ungestüm seine Rechte fordert.

Er mochte wohl ein Stündchen so geschlummert haben, als ihn das Wiehern

seines Pferdes aufschreckte. Er sah sich um und gewahrte einen Mann,

der, ihm den Rücken gekehrt, sich mit dem Tier beschäftigte. Sein

erster Gedanke war, daß man seine Unachtsamkeit benützen und das Pferd

entführen wolle. Er sprang auf, zog sein Schwert und war in drei

Sprüngen dort. »Halt! Was hast du da mit dem Pferd zu schaffen!« rief

er, indem er seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des Mannes legte.

»Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, Junker?«

antwortete dieser und wandte sich zu ihm. In den listigen, kühnen

Augen, an dem lächelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten, den

ihm Marie gesandt hatte. Er war noch unschlüssig, wie er sich gegen ihn

benehmen sollte, denn Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab, Mariens

Zuversicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem er ihm eine

gute Handvoll Heu vorzeigte: »Ich konnte mir wohl denken, daß Ihr

keinen Futtersack mitnehmen werdet. Auf den Bergen da oben sieht es

noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem Braunen einen

Armvoll Heu mitgebracht. Es hat ihm trefflich behagt.« So sprach der

Bauer und fuhr ganz gelassen fort, dem Pferd das Futter hinzureichen.

»Und woher kommst du denn?« fragte Georg, nachdem er sich ein wenig von

seinem Erstaunen erholt hatte.

»Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, daß ich Euch nicht

gleich folgen konnte,« antwortete jener.

»Lüge nicht,« unterbrach ihn der junge Mann. »Sonst kann ich dir fürder

nicht vertrauen. Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her.«

»Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, daß ich mich etwas früher

auf den Weg machte als Ihr?« sagte der Bauer und wandte sich ab. Doch

entging Georg nicht, daß jenes listige Lächeln wieder über sein Gesicht

zog.

»Laß mein Pferd jetzt stehen,« rief Georg ungeduldig, »und komm mit

mir unter die Eiche dort. Da setze dich hin und sprich, aber ohne

auszuweichen, warum hast du gestern abend so plötzlich die Stadt

verlassen?«

»An den Ulmern lag es nicht,« entgegnete jener; »sie wollten mich sogar

einladen, länger bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie Kost und

Wohnung geben.«

»Ja, ins tiefste Verließ wollten sie dich stecken, wo weder Sonne noch

Mond hinscheint, und wohin die Kundschafter und Späher gehören.«

»Mit Verlaub, Junker,« erwiderte der Bote, »da wäre ich, wiewohl ein

paar Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung gekommen wie Ihr.«

»Hund von einem Aufpasser!« rief der Junker ungeduldig, indem Zorn

seine Wange rötete. »Willst du meines Vaters Sohn in eine Reihe stellen

mit dem Pfeifer von Hardt?«

»Was sprecht Ihr da!« fuhr der Mann an seiner Seite mit wilder Miene

auf. »Was nennt Ihr für einen Namen? Kennt Ihr den Pfeifer von Hardt?«

Er hatte vielleicht unwillkürlich bei diesen Worten die Axt, die

neben ihm lag, in seine nervige Rechte gefaßt. Seine gedrungene feste

Gestalt, seine breite Brust gaben ihm, trotz seiner nicht ansehnlichen

Größe, doch das Ansehen eines nicht zu verachtenden Kämpfers; sein wild

rollendes Auge, sein eingepreßter Mund möchten manchen einzelnen Mann

außer Fassung gebracht haben.

Der Jüngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes Haar zurück,

und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finstern Auge jenes

Mannes. Er legte seine Hand an den Griff seines Schwertes und sagte

ruhig und fest: »Was fällt dir ein, dich so vor mich hinzustellen

und mit dieser Stirne mich zu fragen? Du bist, wenn ich nicht irre,

der, den ich nannte, du bist dieser Meuterer und Anführer von

aufrührerischen Hunden. Pack' dich fort, auf der Stelle, oder ich will

dir zeigen, wie man mit solchem Gesindel spricht!«

Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen; er hieb die Axt mit

einem kräftigen Schwung in den Baum und stand nun ohne Waffe vor dem

zürnenden jungen Mann. »Erlaubet,« sagte er, »daß ich Euch für ein

andermal warne, daß Ihr Euren Gegner, und sei er auch nur ein geringer

Bauersmann wie ich, nicht zwischen Euch und Eurem Braunen stehen

lasset; denn wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, hätte aufs

schnellste befolgen wollen, wäre er mir trefflich zu statten gekommen.«

Ein Blick dahin überzeugte Georg, daß der Bauer wahr gesprochen habe.

Errötend über diese Unvorsichtigkeit, die beweisen konnte, wie wenig

er noch Erfahrung im Kriege besitze, ließ er seine Hand von dem Griff

seines Schwertes sinken und setzte sich, ohne etwas zu erwidern, auf

die Erde nieder. Der Bauer folgte, jedoch in ehrerbietiger Entfernung,

seinem Beispiel und sprach: »Ihr habt ganz recht, daß Ihr mir grollt,

Herr von Sturmfeder, aber wenn Ihr wüßtet, wie weh mir jener Name tut,

würdet Ihr vielleicht meine schnelle Hitze verzeihen! Ja, ich bin der,

den man so nennt; aber es ist mir ein Greuel, mich also rufen zu hören.

Meine Freunde nennen mich Hans, aber meinen Feinden gefällt jener Name,

weil ich ihn hasse.«

»Was hat dir dieser unschuldige Name getan?« fragte Georg, »warum nennt

man dich so? Warum willst du dich nicht so nennen lassen?«

»Warum man mich so nennt?« antwortete jener. »Ich bin aus einem Dorf,

das heißt Hardt und liegt im Unterland, nicht weit von Nürtingen.

Meinem Gewerbe nach bin ich ein Spielmann und musiziere auf Märkten und

Kirchweihen, wenn die ledigen Burschen und die jungen Mägdlein tanzen

wollen. Deswegen nannte man mich den Pfeifer von Hardt. Aber dieser

Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in einer bösen Zeit, darum

habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden.«

Georg maß ihn mit einem durchdringenden Blicke, indem er sagte: »Ich

weiß wohl, in welcher bösen Zeit: Als ihr Bauern gegen euren Herzog

rebelliert habt, da warst du einer von den Aergsten. Ist's nicht also?«

»Ihr seid wohlbekannt mit dem Schicksal eines unglücklichen Mannes,«

sagte der Bauer, finster zu Boden blickend. »Ihr müßt aber nicht

glauben, daß ich noch derselbe bin. Der Heilige hat mich gerettet und

meinen Sinn geändert, und ich darf sagen, daß ich jetzt ein ehrlicher

Mann bin.«

»O, erzähle mir,« unterbrach ihn der Jüngling, »wie ging es zu in jenem

Aufruhr? Wie wurdest du gerettet? Wie kommt's, daß du jetzt dem Herzog

dienst?«

»Das alles will ich auf ein andermal versparen,« entgegnete jener;

»denn ich hoffe nicht, zum letztenmal an Eurer Seite zu sein. Erlaubt

mir dafür, daß ich auch Euch etwas frage: Wo soll Euch denn dieser Weg

hinführen? Da geht nicht die Straße nach Lichtenstein!«

»Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein!« antwortete Georg

niedergeschlagen. »Mein Weg führt nach Franken zu dem alten Oheim. Das

kannst du dem Fräulein vermelden, wenn du nach Lichtenstein kommst.«

»Und was wollt Ihr beim Oheim? Jagen? Das könnt Ihr anderswo ebensogut.

Langeweile haben? Die kauft Ihr allerorten wohlfeil. Kurz und gut,

Junker,« setzte er gutmütig lächelnd hinzu, »ich rate Euch, wendet Euer

Roß und reitet so ein paar Tage mit mir in Württemberg umher. Der Krieg

ist ja so gut als beendigt. Man kann ganz ungehindert reisen.«

»Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn Tagen nicht gegen ihn

zu fechten; wie kann ich also nach Württemberg gehen?«

»Heißt denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Straße ziehet?

So also, vierzehn Tage lang? In vierzehn Tagen glauben sie den Krieg

vollendet? Wird noch mancher nach vierzehn Tagen den Kopf verstoßen an

den Mauern von Tübingen. Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!«

»Und was soll ich in Württemberg?« rief Georg schmerzlich, »soll ich

recht in der Nähe sehen, wie meine Kriegsgesellen bei Eroberung der

Festen sich Ruhm erwerben? Soll ich den Bundesfahnen, denen ich auf

ewig lebewohl gesagt und den Rücken gekehrt, noch einmal begegnen?

Nein! Nach Franken will ich ziehen, in meine Heimat,« sagte er düster,

indem er die umwölkte Stirn in die Hand stützte; »in meine alten Mauern

will ich mich begraben und träumen, wie ich hätte glücklich sein

können!«

»Das ist ein schöner Entschluß für einen jungen Mann von Eurem Schrot

und Korn! Habt Ihr denn in Württemberg gar nichts zu tun, als des armen

Herzogs Burgen zu stürmen? Nun, reitet immerhin,« fuhr er fort, indem

er den Jüngling mit listigem Lächeln anblickte, »versucht einmal, ob

der Lichtenstein nicht mit Sturm genommen werden könne?«

Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. »Wie magst du nur

jetzt deinen Scherz treiben,« sagte er halb in Unmut, halb lächelnd,

»wie magst du mit meinem Unglück spaßen?«

»Fällt mir nicht ein, Scherz mit meinem gnädigen Junker zu treiben,«

antwortete sein Gefährte; »es ist mein voller Ernst, daß ich Euch

bereden möchte, dorthin zu ziehen.«

»Und was dort tun?«

»Nun! den alten Herrn für Euch gewinnen und die Tränen des bleichen

Fräuleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!«

»Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen? Der Vater kennt mich

nicht, wie soll ich mit ihm bekannt werden?«

»Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der Väter eine freie

Zehrung in einem Schloß fordert? Lasset nur mich dafür sorgen, so sollt

Ihr bald auf den Lichtenstein kommen!«

Der Jüngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Gründe für und wider,

er bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, statt vom Schauplatz

des Krieges sich zu entfernen, in eine Gegend zu reisen, wohin sich

der Krieg notwendig ziehen mußte. Doch als er bedachte, wie milde die

Bundesobersten selbst seinen Abfall angesehen hatten, wie sie sogar

im Fall seines völligen Uebertrittes zum Feinde nur vierzehn Tage

Frist angesetzt hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre stille

Sehnsucht auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da neigte sich

die Schale nach Württemberg.

»Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen,« dachte

er. -- »Nun wohlan!« rief er endlich, »wenn du mir versprichst, daß nie

davon die Rede sein soll, mich an die Württemberger anzuschließen, daß

ich nicht als Anhänger eures Herzogs, sondern als Gast in Lichtenstein

behandelt werde, wenn du dies versprichst, so will ich folgen.«

»Für mich kann ich dies wohl versprechen,« antwortete der Bauer, »aber

wie kann ich etwas geloben für den Ritter von Lichtenstein?«

»Ich weiß, wie du mit ihm stehest, und daß du oft zu ihm nach Ulm

kamst, und er sein Vertrauen in dich setzt. So gut du ihm geheime

Botschaft aller Art bringen konntest, nicht minder kannst du ihm auch

dies beibringen.«

Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend an. »Woher

wißt Ihr dies?« rief er. »Doch -- die, welche mich verfolgten, können

auch dies gesagt haben. Nun gut, ich verspreche Euch, daß Ihr überall

so angesehen sein sollt, als Ihr wollet. Besteiget Euer Roß, ich will

Euch führen, und Ihr sollt willkommen sein auf Lichtenstein!«

13.

Da spricht der arme Hirte: »Des mag noch werden Rat;

Ich weiß geheime Wege, die noch kein Mensch betrat.

Kein Mensch mag sie ersteigen, nur Geißen klettern dort;

Wollt ihr sogleich mir folgen, ich bring' Euch sicher fort.«

_Uhland._

Von jenem Bergrücken, wo Georg den Entschluß gefaßt hatte, seinem

geheimnisvollen Führer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von

Reutlingen, wo Mariens Bergschloß, der Lichtenstein, lag. Der eine war

die offene Heerstraße, welche von Ulm nach Tübingen führt. Sie führte

durch das schöne Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den Fuß

der Alb kommt, von da quer über dieses Gebirge, vorbei an der Feste

Hohen-Urach, gegen St. Johann und Pfullingen hin. Dieser Weg war sonst

für Reisende, die Pferde, Sänften oder Wagen mit sich führten, der

bequemere. In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem Pfeifer von Hardt über

das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu wählen. Die Bundestruppen

hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre Posten dehnten sich über die

ganze Straße bis gegen Urach hin und verfuhren gegen jeden, der nicht

zum Heere gehörte oder zu ihnen sich bekannte, mit großer Strenge und

Erbitterung. Georg hatte seine Gründe, diese Straße nicht zu wählen,

und sein Führer war zu sehr auf seine eigene Sicherheit bedacht, als

daß er dem jungen Mann von diesem Entschluß abgeraten hätte.

Der andere Weg, eigentlich ein Fußpfad und nur den Bewohnern des Landes

genau bekannt, berührte auf einer Strecke von beinahe zwölf Stunden

nur einige einzelnstehende Höfe, zog sich durch dichte Wälder und

Gebirgsschluchten und hatte, wenn er auch hie und da, um die Landstraße

zu vermeiden, einen Bogen machte und für Pferde ermüdend und oft

beinahe unzugänglich war, doch den großen Vorteil der Sicherheit.

Diesen Pfad wählte der Bauer von Hardt, und der Junker willigte mit

Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bündischen zu

stoßen. Sie zogen rasch fürbaß, der Bauer war immer an Georgs Seite.

Wenn die Stellen schwierig wurden, führte er sorgsam sein Pferd und

bewies überhaupt so viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt für Reiter und

Roß, daß in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Manne

immer mehr an Gewicht verloren und er nur einen treuen Diener in ihm

sah.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 8 / 32 段