sich und sprach mit freierem Mute: »Ich habe Euch meine Dienste
angeboten, um ehrlich zu fechten, nicht aber, um mich in Feindesland zu
schleichen und hinterrücks nach seinen Gedanken zu spähen. Es ist wahr,
ich bin jung und unerfahren, aber so viel weiß ich doch, um mir von
meinen Schritten Rechenschaft geben zu können; und wer von Euch, der
Vater eines Sohnes ist, möchte ihm zu seiner ersten Waffentat raten,
den Kundschafter zu machen?«
Der Truchseß zog die dunkeln, buschigen Augenbrauen zusammen und schoß
einen durchdringenden Blick auf den Jüngling, der so kühn war, anderer
Meinung zu sein als er. »Was fällt Euch ein, Junker!« rief er. »Eure
Reden helfen Euch jetzt zu nichts, es handelt sich nicht darum, ob es
sich mit Eurem kindischen Gewissen verträgt, was wir Euch auftragen; es
handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr _müßt_!«
»Und ich _will_ nicht!« entgegnete ihm Georg mit fester Stimme. Er
fühlte, daß mit dem Zorn über Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut von
Minute zu Minute wachse, er wünschte sogar, der Truchseß möchte noch
weiter in seinen Reden fortfahren, denn jetzt glaubte er sich jeder
Entscheidung gewachsen.
»Ja freilich, freilich!« lachte Waldburg in bitterem Grimm, »das Ding
hat Gefahr, so allein in Feindesland herumzureiten. Ha! Ha! Da kommen
die Junker von Habenichts und Binnichts und bieten mit großen Worten
und erhabenen Gesichtern ihren Kopf und ihren tapfern Arm an, und wenn
es drauf und dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will, so fehlt
es an Herz. Doch Art läßt nicht von Art, der Apfel fällt nicht weit vom
Stamme -- und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht verloren.«
»Wenn dies eine Beleidigung für meinen Vater sein soll,« antwortete
Georg erbittert, »so sitzen hier Zeugen, die ihm bezeugen können,
daß er in ihrem Gedächtnisse als ein Tapferer lebt. Ihr müßt viel
getan haben in der Welt, daß Ihr Euch herausnehmt, auf andere so tief
herabzusehen!«
»Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben, was ich reden soll?«
unterbrach ihn Waldburg. »Was braucht es da das lange Schwatzen? Ich
will wissen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln und Euch
nach unseren Befehlen richten wollt oder nicht!«
»Herr Truchseß,« antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er sich selbst
zugetraut hatte, »Ihr habt durch Eure scharfen Reden nichts gezeigt,
als daß Ihr wenig wisset, wie man mit einem Edelmann, der dem Bunde
seine Dienste anbot, wie man mit dem Sohn meines tapfern Vaters reden
müsse. Ihr habt aber als Oberster dieses Rates im Namen des Bundes zu
mir gesprochen und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer ärgster
Feind wäre, darum kann ich nichts tun als, wie Ihr selbst befehlet,
mein Roß satteln, aber gewiß nicht zu Eurem Dienst. Es ist mir nicht
länger Ehre, diesen Fahnen zu folgen, nein, ich sage mich los und ledig
von euch für immer; gehabt euch wohl!«
Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen und wandte
sich, zu gehen.
»Georg,« rief Frondsberg, indem er aufsprang, »Sohn meines Freundes! --«
»Nicht so rasch, Junker!« riefen die übrigen und warfen mißbilligende
Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem
Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schloß, und
die gewaltigen Flügel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihm
und dem wohlmeinenden Nachruf der besser gesinnten Männer; sie schieden
Georg von Sturmfeder auf ewig von dem schwäbischen Bunde.
10.
O wenn die Nacht des Grames dich umschlinget,
Mit schwerem Leid dein wundes Herz oft ringet,
Wenn nur der Stern, der nach der Sonne stehet
Der Liebe Stern in dir nicht untergehet.
_P. Conz._
Georg fühlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer über das
Vorgefallene nachdachte. Jetzt war ja entschieden, was zu _entscheiden_
er so lange gezögert hatte, entschieden auf eine Weise, wie er sie
besser nicht hätte wünschen können. So hatte er jetzt einen guten
Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und der Oberst-Feldleutnant
mußte die Schuld sich selbst beimessen.
Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie
verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog,
von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben! Damals, als der
Donner der Geschütze, der feierliche Klang aller Glocken, die lockenden
Töne der Trompeten ihn begrüßten, wie schlug da sein Herz dem Kampf
entgegen, um Marien zu verdienen! Und als er das erste Mal vor jenen
Frondsberg geführt wurde, wie erhebend war der Gedanke, unter den Augen
dieses Mannes zu streiten, aus seinem Munde sich Ruhm zu erwerben! --
Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der Bund in seinen Augen
jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche Phantasie umgeben
hatte; wie schämte er sich, sein Schwert für die zu ziehen, die, nur
von Eigennutz und Habgier getrieben, das schöne Land sich zur Beute
ausersehen hatten! Wie schrecklich der Gedanke, Marie und die Ihrigen
auf der feindlichen Seite zu wissen, treuergeben dem unglücklichen
Fürsten, den auch er aus seinen Grenzen jagen helfen sollte? Um eine
solche Sache sollte er jenes teure Herz brechen, das unter jedem
Wechsel treu für ihn schlug? »Nein! Du hast es wohl mit mir gemeint,«
sprach er, indem sein Auge dem Strahl der Abendsonne, der durch die
runden Scheiben hereinfiel, hinauf zu dem blauen Himmel folgte; »du
hast es wohl mit mir gemeint; was jedem andern, der heute an meiner
Stelle stand, zum Verderben gewesen wäre, hast du für mich zum Heil
gelenkt!« Jene Heiterkeit, die, seit er wußte, wie furchtbar sich das
Geschick zwischen ihn und die Geliebte stellte, einem trüben Ernst
gewichen war, kehrte wieder auf seine Stirne, um seinen Mund zurück; er
sang sich ein frohes Lied, wie in seinen _frohesten_ Augenblicken. --
Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft. »Nun, das
ist doch sonderbar,« sagte er; »ich eile nach Haus, um meinen Gast in
seinem gerechten Schmerz zu trösten, und finde ihn so fröhlich wie nie;
wie reime ich das zusammen?«
»Habt Ihr noch nie gehört, Herr Dietrich,« entgegnete Georg, der für
geratener hielt, seine Fröhlichkeit zu verbergen, »habt Ihr nie gehört,
daß man auch aus Zorn lachen und im Schmerz singen kann?«
»Gehört hab' ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick,«
antwortete Kraft.
»Nun, und Ihr habt also auch von der verdrießlichen Geschichte gehört?«
fragte Georg. »Man erzählt es sich gewiß schon auf allen Straßen?«
»O nein,« antwortete der Ratsschreiber, »man weiß nirgends etwas davon,
man hätte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Württemberg damit
ausposaunen müssen. Nein! Ich habe, Gott sei Dank, so meine eigenen
Quellen und erfahre manches noch in _der_ Stunde, wo es getan oder
gesprochen wurde. Aber nehmt mir's nicht übel, Ihr habt da einen dummen
Streich gemacht!«
»So,« antwortete Georg lächelnd, »und warum denn?«
»Bot sich Euch nicht die schönste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen? Wem
wären die Bundesobersten mehr Dank schuldig als --«
»Sagt es nur heraus,« unterbrach ihn Georg, »als dem Kundschafter in
des Feindes Rücken. Es ist nur schade, daß mein Vater und die Ehre
meines Namens mich _vor_, und nicht _hinter_ den Feind bestimmt haben,
es sei denn, daß er vor mir fliehe.«
»Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht hätte.
Wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend wäre wie Ihr, man hätte
es mir nicht zweimal sagen dürfen.«
»Ihr habt hier zu Lande vielleicht andere Grundsätze über diesen
Punkt,« sagte Georg, nicht ohne Spott, »als wir in unserem Franken, das
hätte Truchseß von Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen.«
»Ihr bringt mich da eben recht noch auf etwas anderes. Der
Oberst-Feldleutnant! Wie habt Ihr ihn Euch so zum Feinde machen mögen?
Denn daß dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht,
dürft Ihr gewiß sein.«
»Das ist mein geringster Kummer,« antwortete Georg, »aber eines tut mir
weh, daß ich den Uebermütigen, der schon meinem Vater Böses getan, wo
er konnte, nicht vor meine Klinge stellen und ihm zeigen kann, daß der
Arm nicht so ganz zu verachten ist, den er heute von sich gestoßen hat.«
»Um Gottes willen,« fiel Kraft ein, »sprecht nicht so laut, er könnte
es hören. Ueberhaupt müßt Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr ferner
im Heere unter ihm dienen wollt.«
»Ich will den Herrn Truchseß von meinem verhaßten Anblick bald
befreien. So Gott will, habe ich die Sonne zum letztenmal in Ulm
untergehen sehen!«
»So wäre es wahr,« fragte Herr von Kraft mit Staunen, »was man noch
dazusetzte, und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder will
wegen dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?«
»Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit,« antwortete Georg
ernst, »am wenigsten bei einem Stand wie der unsrige. Was aber Eure
gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, daß ich weder
für eine gute Sache, noch für eine gute Meinung, sondern für ein paar
große Herren und für ein paar Mauern voll Spießbürger mich schlagen
sollte.«
Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den
Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er seine
Hand ergriff und drückte, ruhiger fort: »Nehmet mir meine scharfen
Worte nicht übel, mein freundlicher Wirt, weiß Gott, ich habe Euch
nicht damit beleidigen wollen; aber aus Eurem eigenen Munde habe ich
die Gesinnungen und Zwecke der verschiedenen Parteien in diesem Heere
erfahren. Schreibt es Euch selbst zu, wenn ich meinen eigenen Weg
einschlage, da _Ihr_ mir die Binde von den Augen genommen habt.«
»Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker, es wird bunt hergehen,
wenn die Herren erst das schöne Land da drüben unter sich teilen; aber
da habe ich gedacht, es geht ja in einem hin, Ihr könntet Euch auch
Euer Scherflein dabei verdienen. Man sagt, Ihr dürft es mir aber nicht
übelnehmen, Euer Haus sei etwas herabgekommen, da meinte ich --«
»Nichts davon!« fiel Georg rasch ein, gerührt von der Gutmütigkeit
seines Gastfreundes. »Das Haus meiner Väter zerfällt, unsere Tore
hängen auf gebrochenen Angeln, auf der Zugbrücke wächst Moos, und auf
dem hohen Wartturm hausen Eulen. In fünfzig Jahren steht vielleicht
noch ein Turm oder ein Mäuerchen und erinnert den Wanderer, daß hier
einst ein ritterliches Geschlecht hauste. Aber wenn auch die morschen
Mauern über mir zusammenstürzen und den Letzten meines Stammes unter
ihren Trümmern begraben, niemand soll von mir sagen, ich habe für
ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen.«
»Jeder nach seiner Weise,« antwortete Dietrich, »es klingt dies alles
recht schön; aber ich für meinen Teil würde mir schon etwas gefallen
lassen, um mein Haus anständig und wohnlich wiederherzustellen. --
Möget Ihr übrigens Euren Entschluß ändern oder nicht, auf jeden Fall
hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch einige Tage bei mir gefallen lassen.«
»Ich erkenne Eure Güte,« antwortete Georg; »aber Ihr seht, daß ich
unter den gegenwärtigen Umständen nichts mehr in dieser Stadt zu tun
habe. Ich gedenke mit Anbruch des Morgens zu reiten.«
»Nun, und kann man Euch Grüße mitgeben?« sagte der Ratsschreiber mit
überaus schlauem Lächeln. »Ihr reitet doch den nächsten Weg nach
Lichtenstein?«
Der junge Mann errötete bis in die Stirne hinauf. Es war zwischen ihm
und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise dieser Gegenstand noch nicht
zur Sprache gekommen; um so mehr überraschte ihn jetzt die schlaue
Frage seines Gastfreundes. »Ich sehe,« sagte er, »daß Ihr mich noch
immer falsch verstehet. Ihr glaubet, ich habe dem Bunde nur deswegen
den Rücken zugewandt, um mich an die Feinde anzuschließen? Wie möget
Ihr nur so schlimm von mir denken!«
»Ach, geht mir doch!« entgegnete der kluge Ratsschreiber. »Niemand
anders als mein reizendes Bäschen hat Euch von uns abwendig gemacht.
Ihr hättet wohl zu allem, was der Bund getan, ein Auge zugedrückt, wenn
der alte Lichtenstein auch mitgemacht hätte; nun er auf der andern
Seite steht, glaubt Ihr auch schnell umsatteln zu müssen!«
Georg mochte sich verteidigen, wie er wollte, der Ratsschreiber war
zu fest von seiner eigenen Klugheit überzeugt, als daß er sich diese
Meinung hätte ausreden lassen. Er fand diesen Schritt auch ganz
natürlich und sah nichts Böses oder Unehrliches darin. Mit einem
herzlichen Gruß an die Base in Lichtenstein verließ er das Zimmer
seines Gastes. Doch auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um.
»Fast hätte ich das Wichtigste vergessen,« sagte er, »ich begegnete
Georg von Frondsberg auf der Straße. Er läßt Euch bitten, heute abend
noch zu ihm in sein Haus zu kommen.«
Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, daß ihn Frondsberg nicht ohne
Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem Anblick
dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint, und dessen freundliche
Pläne er so schnell durchkreuzt hatte. Er schnallte unter den Gedanken
an diesen schweren Gang sein Schwert um und wollte eben seinen Mantel
zurechtlegen, als ein sonderbares Geräusch von der Treppe her seine
Aufmerksamkeit auf sich zog. Schwere Tritte vieler Menschen näherten
sich seiner Türe, er glaubte Schwerter und Hellebarden auf dem Estrich
seines Vorsaales klirren zu hören. Er machte schnell einige Schritte
gegen die Türe, um sich von dem Grund seiner Vermutung zu überzeugen.
Aber noch ehe er die Türe erreicht hatte, ging diese auf. Das matte
Licht einiger Kerzen ließ ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen,
die seine Türe umstellt hatten. Jener alte Kriegsmann, der ihn heute
vor dem Kriegsrat empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor.
»Georg von Sturmfeder!« sprach er zu dem Jüngling, der mit Staunen
zurücktrat, »ich nehme Euch auf Befehl eines hohen Bundesrats gefangen.«
»Mich, gefangen?« rief Georg mit Schrecken. »Warum? Wessen beschuldigt
man mich denn?«
»Das ist nicht meine Sache,« antwortete der Alte mürrisch, »doch wird
man Euch vermutlich nicht lange in Ungewißheit lassen. Jetzt aber seid
so gut und reicht mir Euer Schwert und folget mir auf das Rathaus.«
»Wie? Euch soll ich mein Schwert geben?« entgegnete der junge Mann mit
dem Zorn beleidigten Stolzes. »Wer seid Ihr, daß Ihr mir meine Waffen
abfordern könnet? Da muß der Rat ganz andere Leute schicken als Euch,
so viel verstehe ich auch von Eurem Handwerk!«
»Um Gottes willen, gebt doch nach,« rief der Ratsschreiber, der
sich bleich und verstört an seine Seite gedrängt hatte, »gebt nach!
Widerstand kann Euch wenig nützen. Ihr habt es mit dem Truchseß zu
tun,« flüsterte er heimlicher; »das ist ein böser Feind, bringt ihn
nicht noch ärger gegen Euch auf.«
Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflüsterungen des Ratsschreibers.
»Es ist wahrscheinlich das erste Mal, Junker,« sagte er, »daß Ihr in
Haft genommen werdet, deswegen verzeihe ich Euch gern die unziemlichen
Worte gegen einen Mann, der oft in einem Zelt mit Eurem Vater schlief.
Euer Schwert möget Ihr auch immerhin behalten. Ich kenne diesen Griff
und diese Scheide und habe den Stahl, den sie verschließt, manchen
rühmlichen Kampf ausfechten sehen. Es ist löblich, daß Ihr viel darauf
haltet und es nicht in jede Hand kommen lassen möget; aber aufs Rathaus
müßt Ihr mit, denn es wäre töricht, wenn Ihr der Gewalt Trotz bieten
wolltet.«
Der Jüngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich
schweigend in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich
auf, zu Frondsberg zu gehen und diesen von seiner Gefangenschaft zu
unterrichten. Er wickelte sich tiefer in seinen Mantel, um auf der
Straße bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu werden, und folgte
dem ergrauten Führer und seinen Landsknechten.
11.
Die Eisentür geht auf, des Kerkers schwarze Wand
Erhellt ein blasser Schein, er höret jemand gehen
Und stemmt sich auf, und sieht --
_Wieland._
Die Truppe, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem
Rathaus zu. Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg
dankte dem Himmel, daß sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er
glaubte, alle Menschen, die ihm begegneten, müßten es ihm ansehen,
daß er ins Gefängnis geführt werde. Nächst diesem beschäftigte ihn
unterwegs vorzüglich _ein_ Gedanke: es war das erste Mal in seinem
Leben, daß er in ein Gefängnis geführt wurde, er dachte daher nicht
ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker. Das Burgverließ in
seinem alten Schlosse, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam ihm
immer vor das Auge. Er war einigemal im Begriff, seinen Führer darüber
zu befragen, doch drängte der Gedanke, man möchte es für kindische
Furcht ansehen, seine Frage immer wieder zurück.
Nicht wenig war er daher überrascht, als man ihn in ein geräumiges,
schönes Zimmer führte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es
enthielt nur eine leere Bettstelle und einen ungeheuren Kamin, aber in
Vergleichung mit den Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach
als einem Gefängnis glich. Der alte Kriegsmann wünschte dem Gefangenen
gute Nacht und zog sich mit seinen Knechten zurück. Ein kleiner,
hagerer, sehr ältlicher Mann trat ein. Der große Schlüsselbund, welcher
an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit Kettengerassel
bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schließer kund. Er legte
schweigend einige große Scheite Holz ins Kamin, und bald loderte ein
behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der kalten Märznacht
sehr zu statten kam. Auf die Bretter der breiten, leeren Bettstelle
breitete der Schließer eine große wollene Decke, und das erste Wort,
das Georg aus seinem Munde hörte, war die freundliche Einladung an den
Gefangenen, sich's bequem zu machen. Die harten Brettchen, nur mit
einer dünnen Decke überlegt, mochten nun freilich nicht sehr einladend
aussehen, doch lobte Georg die Bemühungen des Alten und sein Gefängnis.
»Das ist halt die Ritterhaft,« belehrte ihn der Schließer. »Die für den
gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schön, doch ist sie dafür
desto besuchter.«
»Hier war wohl seit langer Zeit niemand?« fragte Georg, indem er das
öde Gemach musterte.
»Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in jenem
Bett verschieden. Gott sei seiner armen Seele gnädig! Es schien ihm
aber hier zu gefallen, denn er ist schon in mancher Mitternacht aus
seiner Bahre heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu besuchen.«
»Wie?« sagte Georg lächelnd, »hieher soll er sich nach seinem Tode noch
bemüht haben?«
Der Schließer warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die,
von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald
vor-, bald zurückzudrängen schienen. Er legte das Holz mehr zurecht und
brummte: »Man spricht so mancherlei.«
»Und auf jener Decke ist er verschieden?« rief Georg, den bei allem
jugendlichen Mut doch ein unwillkürlicher Schauder überlief.
»Ja, Herr!« flüsterte der Schließer leise, »dort auf jener Decke ist er
abgefahren. Gott gebe, daß es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging. Wir
nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber heißt
des Ritters Totenkammer!« Mit leisen Schritten, als fürchte er, durch
jeden Laut den Toten zu erwecken, schlich er aus dem Gemach, desto
vernehmlicher rauschten außen seine Schlüssel in dem Türschloß, als
feierten sie seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein.
»Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?« dachte Georg
und fühlte, wie sein Herz lauter pochte. Man hatte zwar damals
das menschliche Gemüt noch nicht wie in unsern Tagen durch eigene
Gespenster- und Schauerbücher für das Grauenhafte empfänglich gemacht;
doch hatten Ammen und alte Knechte hinlänglich dafür gesorgt, den Geist
des Junkers Georg mit diesem reichlich wuchernden Unkraut anzupflanzen.
Er war daher unschlüssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte
oder nicht. Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen
Totenkammer, der Boden, mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch
kälter als das kalte, feuchte Leichentuch. Er begann, sich dieser
Untersuchungen, dieses Zögerns zu schämen, und bald nahm ihn das
gastliche Lager des Verstorbenen auf.
Auch das härteste Lager ist weich für den, der mit gutem Gewissen
zur Ruhe geht. Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald
entschlummert. Aber aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Träume
auf und lagerten sich bange über den jungen Mann. Er sah deutlich,
wie der alte Schließer zu dem großen Schlüsselloch hereinguckte und
sich segnete, daß er auf der andern Seite der Türe stehe, denn in
der Totenkammer begann es recht unheimlich zu werden. Es fing an,
wunderlich umher zu rauschen, auf den Backsteinen schlurften alte
Sohlen in häßlichen Tönen. Georg glaubte zu träumen; er ermannte sich,
er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Täuschung. Schwere
Schritte tönten im Gemach; jetzt wurde das Feuer heller angeschürt,
der ungewisse Schein der Flamme spielte um eine große, dunkle Gestalt;
sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bette war gar nicht weit. Die
Schritte kommen näher, das Leichentuch wird angefaßt und geschüttelt.
Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drückt die Augen zu, aber
als die Decke gerade neben seinem Haupte gefaßt wurde, als eine kalte,
schwere Hand sich auf seine Stirne legte, da riß er sich los aus
seiner Angst, er sprang auf und maß mit ungewissen Blicken jene dunkle
Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand. Hell flackerten die Flammen im
Kamine, sie beleuchteten die wohlbekannten Züge Georgs von Frondsberg.
»Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?« rief Georg, indem er freier atmete
und seinen Mantel zurecht legte, um den Ritter nach Würde zu empfangen.
»Bleibt, bleibt,« sagte jener und drückte ihn sanft auf sein Lager
nieder. »Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir plaudern noch ein
halb Stündchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr, und in
Ulm schläft noch niemand als dieser Sprudelkopf, den man zur Abkühlung
heute nacht recht hart gebettet hat.« Er faßte Georgs Hand und setzte
sich zu seinen Füßen auf das Bett.
»O, wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!« sprach Georg, »stehe
ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer Wohlwollen
zurückstößt und, was Ihr gütig für ihn angesponnen, mit rauher Hand
zerreißt?«
»Nein, mein junger Freund!« antwortete der freundliche Mann, »du stehst
vor meinen Augen als der echte Sohn deines Vaters. Gerade so schnell
fertig mit Lob und Tadel, mit Entschluß und Rede war er. Daß er ein
Ehrenmann dabei war, weiß ich wohl, aber ich weiß auch, wie unglücklich
ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er für Festigkeit
ausgab, machten.«
»Aber sagt selbst, edler Herr!« entgegnete Georg. »Konnte ich heute
anders handeln? Hatte mich nicht der Truchseß aufs Aeußerste gebracht?«
»Du konntest anders handeln, wenn du die Weise und Art dieses Mannes
beachtetest, welche sich dir letzthin schon kundgab. Auch hättest du
denken können, daß Leute genug da waren, die dir kein Unrecht geschehen
ließen. Du aber schüttetest das Kind mit dem Bade aus und liefst weg.«
»Das Alter soll kälter machen,« erwiderte der junge Mann, »aber in der
Jugend hat man heißes Blut. Ich kann alles ertragen, Härte und Strenge,
wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht kränken. Aber kalter Spott,
Hohn über das Unglück meines Hauses kann mich zum wütenden Wolf machen.
Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran haben, einen so zu quälen?«
»Auf diese Art äußert sich immer sein Zorn,« belehrte ihn Frondsberg.
»Je kälter und schärfer er aber von außen ist, desto heißer kocht in
ihm die Wut. Er war es, der auf den Gedanken kam, dich nach Tübingen
zu senden, teils weil er sonst keinen wußte, teils auch, um dir das
Unrecht, das er dir angetan, wieder gut zu machen; denn in seinem
Sinn war diese Sendung höchst ehrenvoll. Du aber hast ihn durch deine
Weigerung gekränkt und vor dem Kriegsrat beschämt.«
»Wie?« rief Georg. »Der Truchseß hat mich vorgeschlagen? So kam also
jene Sendung nicht von Euch?«
»Nein,« gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lächeln zur
Antwort, »nein! Ich habe ihm sogar mit aller Mühe abgeraten, dich zu
senden, aber es half nichts, denn die wahren Gründe konnte ich ihm doch
nicht sagen. Ich wußte, ehe du eintratst, daß du dich weigern würdest,
dies Amt anzunehmen. -- Nun, reiße doch die Augen nicht so auf, als
wolltest du mir durch das lederne Koller ins Herz hineinschauen. Ich
weiß allerlei Geschichten von meinem jungen Trotzkopf da!«