»Ein Brieflein, Junker!« sprach der Bauer, indem er die breiten,

schwarzen Kniegürtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden

hatte, auflöste und einen Streifen Pergament hervorzog.

Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte,

mit glänzend schwarzer Tinte geschrieben; den Zügen der Schrift sah

man aber an, daß sie einige Mühe gekostet haben mochten, denn die

Mädchen von 1519 waren nicht so flink mit der Feder, um ihre zärtlichen

Gefühle auszudrücken, als die in unseren Tagen, wo jede Dorfschöne

ihrem Geliebten zum Regiment eine Epistel, so lang als die dritte

St. Johannis, schreiben kann. Die Chronik, woraus wir diese Historie

genommen, hat uns jene Worte aufbewahrt, welche Georgs gierige Blicke

aus den verworrenen Zügen des Pergaments entzifferten:

»Bedenk' deinen Eid, -- Flieh bei Zeit.

Gott dein Geleit. -- Marie dein in Ewigkeit.«

Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein

liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne

fliegen möchte, ein Auge voll Zärtlichkeit, umflort von einem Schleier

stiller Tränen, einen holden Mund, der das Blättchen noch einmal küßt,

verschämte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Gruße erröten, wer

dies hinzu denkt, der wird es Georg nicht verargen, daß er einige

Augenblicke wie trunken war. Ein freudiger, glänzender Blick, nach den

fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten für ihren tröstenden

Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner andern Zeit nötiger gewesen

als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des jungen Mannes zu heben.

Wußte er doch, daß ein Wesen, das teuerste, was für ihn auf der Erde

lebte, ihn nicht verkannte. Der Schluß jener Zeilen erhob sein Herz zur

alten Freudigkeit, er bot dem guten Boten die Hand, dankte ihm herzlich

und fragte, wie er zu diesen Zeilen gekommen sei.

»Dacht' ich's doch,« antwortete dieser, »daß das Blättchen keinen

bösen Zauberspruch enthalten müsse; denn das Fräulein lächelte so

gar freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand drückte. Es war

vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren kam, wo unser Kriegsvolk

stand. Es ist dort in der Klosterkirche ein prächtiger Hochaltar,

worauf die Geschichte meines Patrons, des Täufers Johannes, vorgestellt

ist. Vor sieben Jahren, als ich in großer Not und einem schmählichen

Ende nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine Wallfahrt

dahin. So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich der Heilige

durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat. Wenn ich nun mein Gebet

verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um ihm ein paar

schöne Gänse oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst gerade gern

hat. -- Aber ich mache Euch Langeweile mit meinem Geschwätz, Junker?«

»Nein, nein, erzähle nur weiter,« antwortete Georg, »komm, setze dich

zu mir auf jene Bank.«

»Das würde sich schön schicken!« entgegnete der Bote, »wenn ein Bauer

an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor aller

Augen so oft gegrüßt hat; erlaubt mir, daß ich mich vor Euch hinstelle.«

Georg ließ sich auf einen Steinsitz am Wege nieder, der Bauer aber

fuhr, auf seine Axt gestützt, in seiner Erzählung fort: »Ich hatte

diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber

›gebrochener Eid tut Gott leid‹, heißt es, und so mußte ich mein

Gelübde vollbringen. Wie ich vom Gebet aufstand, um dem Abt zu bringen,

was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, daß ich diesmal nicht zu

Seiner Ehrwürden könne, weil viele Herren und Ritter dort zu Besuch

seien. Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein leutseliger

Herr und hätte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht heimgesucht

hätte. Wenn ihr je ins Kloster hinauskommt, so vergesset nicht nach der

Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment führt. Sie geht durch

die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster schließt, und ist lang

und schmal. Dort war es, wo mir das Fräulein begegnet ist. Es kommt mir

nämlich ein feines Weibsbild im Schleier mit Brevier und Rosenkranz die

Treppe herab entgegen; ich drücke mich an die Wand, um sie vorbei zu

lassen, sie aber bleibt stehen und spricht: ›Ei Hans, woher des Weges?‹«

»Woher kennt Euch denn das Fräulein?« unterbrach ihn Georg.

»Meine Schwester ist ihre Amme und --«

»Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?« rief der junge Mann.

»Habt Ihr sie auch gekannt?« sagte der Bote. »Ei, seh' doch einer! Aber

daß ich weiter sage: Ich hatte eine große Freude, sie wiederzusehen,

denn ich besuchte meine Schwester häufig in Lichtenstein und habe

das Fräulein gekannt, als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel

gehen lernte. Aber ich hätte sie kaum wiedererkannt, so groß war sie

geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am ersten

Mai. Ich weiß nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr Anblick in der

Seele, und ich mußte fragen, was ihr fehle, und ob ich ihr nicht etwas

helfen könne? Sie besann sich eine Weile und sagte dann: ›Ja, wenn du

verschwiegen wärest, Hans, könntest du mir wohl einen großen Dienst

leisten!‹ Ich sagte zu, und sie bestellte mich bis nach der Vesper.«

»Aber wie kommt sie nur in das Kloster?« fragte Georg. »Sonst darf ja

doch kein Weiberschuh über die Schwelle.«

»Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in

Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben als im Städtchen,

wo es toll genug zugeht. Nach der Vesper, als alles still war, kam

sie ganz leise in den Kreuzgang. Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben

unsereins versteht, da gab sie mir dies Blättchen und bat mich, Euch

aufzusuchen.«

»Ich danke dir herzlich, guter Hans,« sagte der Jüngling. »Aber hat sie

dir sonst nichts an mich aufgetragen?«

»Ja,« antwortete der Bote, »mündlich hat sie mir noch etwas

aufgetragen; Ihr sollt Euch hüten, man habe etwas mit Euch vor.«

»Mit mir?« rief Georg, »das hast du nicht recht gehört, wer und was

soll man mit mir vorhaben?«

»Da fragt Ihr mich zu viel,« entgegnete jener; »aber wenn ich es

sagen darf, so glaube ich, die Bündischen. Das Fräulein setzte noch

hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg

Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, daß sich

jedermann darob verwunderte? Glaubt nur, es hat allemal etwas zu

bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist.«

Georg war überrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten Bauers;

er entsann sich auch, daß Mariens Vater tief in die Geheimnisse der

Bundesobersten eingedrungen sei und vielleicht etwas erfahren habe, was

sich zunächst auf ihn bezöge. Aber er mochte sinnen, wie er wollte, so

konnte er doch nichts finden, was zu dieser geheimnisvollen Warnung

Mariens gepaßt hätte. Mit Mühe riß er sich aus diesem Gewebe von

Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er ihn so schnell gefunden

habe?

»Dies wäre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen,« antwortete er;

»ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen. Wie ich aber

die Straße hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen. Ich dachte,

eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin, um das

Fußvolk zu betrachten. Wahrlich, der Frondsberg hat es weit gebracht.

-- Nun, da war mir's, als hörte ich nahe bei mir Euren Namen nennen;

ich sah mich um, es waren drei alte Männer, die sprachen von Euch und

deuteten auf Euch hin, ich aber merkte mir Eure Gestalt und folgte

Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz gewiß war,

so gab ich Euch das Rätsel von Sturm und Licht auf.«

»Das hast du klug gemacht,« sagte Georg lächelnd; »aber dennoch komm

in mein Haus, daß man dir etwas zu essen reiche. Wann kehrst du wieder

heim?«

Hans bedachte sich eine Weile; endlich aber sagte er, indem ein

schlaues Lächeln um seinen Mund zog: »Nichts für ungut, Junker; aber

ich habe dem Fräulein versprechen müssen, nicht eher von Euch zu

weichen, als bis Ihr dem bündischen Heer Valet gesagt habt.«

»Und dann?« fragte Georg.

»Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr die gute

Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen! Alle Tage steht sie wohl

im Gärtchen auf dem Felsen und sieht ins Tal hinab, ob der alte Hans

noch nicht kommt!«

»Die Freude soll ihr bald werden,« antwortete Georg, »vielleicht reite

ich schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Brieflein.«

»Aber greifet es doch klug an,« sagte der Bote, »das Pergament darf

nicht breiter sein als jenes, das ich brachte; denn ich muß es wieder

im Kniegürtel verstecken. Man weiß nicht, was einem in so unruhiger

Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand.«

»Es sei so,« antwortete Georg, indem er aufstand. »Für jetzt lebe

wohl; um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Münster. Gib

dich für meinen Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind den

Württembergern nicht grün.«

»Sorget nicht, Ihr sollt zufrieden sein,« rief Hans dem Scheidenden

zu. Er sah dem schlanken Jüngling nach und gestand sich, daß das holde

Pflegekind seiner Schwester keine üble Wahl getroffen habe, wenn auch

die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas

von ihren blühenden Farben verloren hatten.

9.

Was unter dieser Sonne kann es geben,

Das ich nicht hinzuopfern eilen will,

Wenn Sie es wünschen? -- Fliehen Sie!

_Schiller._

Georg war es von Anfang bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem

Kraftischen Hause benehmen werde. Er fürchtete nicht ohne Grund, jener

möchte sich durch seine Mundart, durch unbedachte Aeußerungen verraten,

was ihm höchst unangenehm gewesen wäre; denn je fester er bei sich

beschlossen hatte, das Bundesheer in den nächsten Tagen zu verlassen,

um so weniger mochte er in den Verdacht geraten, in Verbindung mit

Württemberg zu stehen. Konnte und durfte er ja doch im schlimmen Falle,

wenn der Bote entdeckt würde, wenn er bekannte, an ihn geschickt

worden zu sein, die Geliebte nicht verraten. Er wollte umkehren und

den Mann aufsuchen, ihn bitten, sich sobald als möglich zu entfernen,

aber als er bedachte, daß dieser schon längst von dem Platz ihrer

Unterredung sich entfernt haben müsse, daß er indes zu Kraft kommen

könne, schien es ihm geratener, dahin vorauszueilen, um jenem dort die

nötigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit zu bewahren.

Und doch, wenn er sich das kühne Auge, die kluge, verschlagene Miene

des Mannes ins Gedächtnis rief, glaubte er hoffen zu dürfen, daß Marie,

obgleich ihr keine große Wahl übrig blieb, keinem unsicheren Mann diese

Botschaft anvertraut haben konnte.

Und wirklich traute er seinem Auge, seinem Ohr kaum, als ihm um Mittag

ein Landsmann aus Franken gemeldet und sein Liebesbote hereingeführt

ward. Welche Gewalt mußte dieser Mensch über sich haben! Es war

derselbe, und doch schien er ein ganz anderer. Er ging gebückt, die

Arme hingen schlaff an dem Körper herab, selten schlug er die Augen

auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von Blödigkeit, der Georg ein

unwillkürliches Lächeln abnötigte. Und als er dann zu sprechen anfing,

als er ihn in fränkischer Mundart begrüßte und mit der geläufigen

Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf seine mancherlei

Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an übernatürliche Dinge

zu glauben, die Märchen seiner Kindheit stiegen in seinem Gedächtnisse

auf, wo ein freundlicher Zauberer oder eine huldreiche Fee in allerlei

Gestalten dem Dienst zweier Liebenden sich widmet und sie glücklich

mitten durch das feindselige Schicksal hindurchführt.

Der Zauber war bald gelöst, als er mit dem Boten auf seinem Zimmer

allein war und ihn der gute Schwabe von seiner Persönlichkeit

versicherte; aber doch konnte er ihm seine Bewunderung nicht versagen

über die Rolle, die er so gut gespielt.

»Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit,« antwortete der

Bauer; »man wird oft genötigt, von Jugend auf durch solche Künste sich

fortzuhelfen, sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie kann.«

Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote

aber bat dringend, er möchte doch jetzt auch auf seine Abreise denken,

er möchte bedenken, wie sehr sich das Fräulein nach dieser Nachricht

sehne, daß er nicht früher heimkehren dürfe, als bis er diese Gewißheit

bringen könne.

Georg antwortete ihm, daß er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres

abwarten wolle, um in seine Heimat zurückzukehren.

»O, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten,« antwortete der Bote;

»wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es übermorgen, denn das Land

ist offen bis ins Herz hinein. Ich darf Euch trauen, Junker, darum sag'

ich Euch dies.«

»Ist es denn wahr, daß die Schweizer abgezogen sind,« fragte Georg,

»und daß der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?«

Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, öffnete behutsam

die Türe, und als er sah, daß kein Lauscher in der Nähe sei, begann er:

»Herr! ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse, und wenn

ich neunzig Jahre alt werde! Schon unterwegs waren mir auf der Alb

große Scharen der heimziehenden Schweizer begegnet; ihre Räte und

Landammänner hatten sie heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch

über achttausend Mann, jedoch lauter gute Württemberger und nichts

anderes drunter.«

»Und der Herzog,« unterbrach ihn Georg, »wo war denn dieser?«

»Der Herzog hat in Kirchheim zum letztenmal mit den Schweizern

unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte.[16]

Da kam er gen Blaubeuren, wo sich sein Landvolk gelagert hatte.

Gestern morgen wurde durch Trommelschlag bekannt gemacht, daß sich bis

neun Uhr alles Volk auf den Klosterwiesen einstellen solle. Es waren

viele Männer, die dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und

dasselbe. Seht, Junker! der Herzog Ulrich ist ein gestrenger Herr und

weiß den Bauer nicht für sich zu gewinnen. Die Steuern sind hart, der

Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verpraßt, was man

uns genommen hat. Aber wenn ein solcher Herr im Unglück ist, da ist

es gleich ein anderes Ding. Jetzt fiel uns allen nur ein, daß er ein

tapferer Mann und unser unglücklicher Herzog sei, dem man das Land mit

Gewalt entreißen wolle. Es ging ein Gemurmel unter uns, der Herzog

wolle eine Schlacht liefern, und jeder drückte das Schwert fester in

der Hand, grimmig schüttelten sie ihre Speere und riefen den Bündlern

Verwünschungen zu. Da kam der Herzog --«

»Du sahst den Herzog, du kennst ihn?« rief Georg neugierig. »O sprich,

wie sieht er aus?«

»Ob ich ihn kenne?« sagte der Bote mit sonderbarem Lächeln.

»Wahrhaftig, ich sah ihn, als es ihm nicht wohl war, mich zu sehen. Der

Herr ist noch ein junger Mann, wenn es viel ist, ist er zweiunddreißig

Jahr. Er ist stattlich und kräftig, und man sieht ihm an, daß er die

Waffen zu führen weiß. Augen hat er wie Feuer, und es lebt keiner,

der ihm lange hineinschaute. -- Der Herzog trat in den Kreis, den das

bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war Totenstille unter den

vielen Menschen. Mit vernehmlicher Stimme sprach er, daß er sich, also

verlassen, nimmer zu helfen wüßte.[17] Diejenigen, worauf er gehofft,

seien ihm benommen, seinen Feinden sei er ein Spott; denn ohne die

Schweizer könne er keine Schlacht wagen. Da trat ein alter, eisgrauer

Mann hervor, der sprach: ›Herr Herzog! Habt Ihr unsern Arm schon

versucht, daß Ihr die Hoffnung aufgebt? Schaut, diese alle wollen für

Euch bluten; ich habe Euch auch meine vier Buben mitgebracht, hat jeder

einen Spieß und ein Messer, und so sind hier viele Tausend; seid Ihr

des Landes so müde, daß Ihr uns verschmäht?‹ Da brach dem Ulrich das

Herz; er wischte sich Tränen aus dem Auge und bot dem Alten seine Hand.

›Ich zweifle nicht an eurem Mut,‹ sprach er mit lauter Stimme; ›aber

wir sind unserer zu wenig, so daß wir nur sterben können, aber nicht

siegen. Geht nach Haus, ihr guten Leute, und bleibet mir treu. Ich muß

mein Land verlassen und im bitteren Elend sein. Aber mit Gottes Hilfe

hoffe ich auch wieder hereinzukommen.‹ So sprach der Herzog, unsere

Leute aber weinten und knirschten mit den Zähnen und zogen ab in Trauer

und Unmut.«[18]

»Und der Herzog?« fragte Georg.

»Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin, weiß man nicht. In den

Schlössern aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen, bis der

Herzog vielleicht andere Hilfe bekommt.« --

Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, daß der Junker

auf zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, der in Frondsbergs

Quartier gehalten werde; Georg war nicht wenig erstaunt über diese

Nachricht, was konnte man von ihm im Kriegsrat wollen? Sollte

Frondsberg schon ein Mittel gefunden haben, ihn zu empfehlen?

»Nehmt Euch in acht, Junker,« sprach der Bote, als der alte Johann

das Gemach verlassen hatte, »und bedenkt das Versprechen, das Ihr dem

Fräulein gegeben; vor allem erinnert Euch, was sie Euch sagen ließ: Ihr

sollt Euch hüten, weil man etwas mit Euch vorhabe. Mir aber erlaubt,

als Euer Diener in diesem Haus zu bleiben; ich kann Euer Pferd

besorgen und bin zu jedem Dienst erbötig.«

Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit Dank an, und Hans trat

auch sogleich in seinen Dienst, denn er band seinem jungen Herrn das

Schwert um und setzte ihm das Barett zurecht. Er bat ihn noch unter der

Türe, seines Schwures und jener Warnung eingedenk zu sein.

Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar zutreffenden

Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg dem bezeichneten Hause zu; man

wies ihn dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er in der ersten Türe

rechts die Kriegsobersten versammelt finden sollte. Aber der Eingang in

dieses Heiligtum ward ihm nicht so bald verstattet; ein alter bärtiger

Kriegsmann fragte, als er die Tür öffnen wollte, nach seinem Begehr und

gab ihm den schlechten Trost, es könne höchstens noch eine halbe Stunde

dauern, bis er vorgelassen werde; zugleich ergriff er die Hand des

jungen Mannes und führte ihn, einen schmalen Gang hindurch, nach einem

kleinen Gemach, wo er sich einstweilen gedulden solle.

Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der Marterbank

eines Vorzimmers saß, der kennt die Qual, die Georg in jener Stunde

auszustehen hatte. Das ungeduldige Herz pocht der Entscheidung

entgegen, alle Nerven sind gespannt, das Auge möchte die Tür

durchbohren, das Ohr schärft sich, wenn in der Ferne eine Türe

knarrt, Schritte über den Hausgang rauschen oder undeutliche Stimmen

im anstoßenden Zimmer lauter werden. Aber die Türen haben umsonst

getönt, die Schritte, immer näher und näher kommend, gehen vorüber,

der ungleiche Ton der Stimmen sinkt zum Geflüster herab. Die Bretter

des Fußbodens und die Fenster des Nachbarhauses sind bald gezählt, und

schon wieder zeigt der helle Ton der Glocke eine umsonst verlebte halbe

Stunde an. Das Ohr begleitet alle Glocken und Uhren der Stadt, bemerkt

ihre hohen und tiefen Töne -- auch sie haben ausgeschlagen; man steht

auf, macht einen Gang durch das enge Gemach, horch! da geht wieder eine

Türe, gewichtige Schritte kommen den Gang herauf, die Klinke der Türe

bewegt sich nach so langer Zeit wieder.

»Georg von Frondsberg läßt Euch seinen Gruß vermelden,« sprach der alte

Kriegsmann, der nach so langer Zeit wieder zu Georg kam, »es könne

vielleicht noch eine Weile dauern; doch sei dies ungewiß, darum sollet

Ihr hier bleiben. Er schickt Euch hier einen Krug Wein zum Vespern.«

Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims des Zimmers,

denn ein Tisch war nicht vorhanden, und verließ das Gemach.

Georg sah ihm staunend nach; er hätte dies nicht für möglich gehalten;

über eine Stunde war schon verschwunden, und noch nicht? Er griff zu

dem Wein, er war nicht übel, aber wie konnte ihm in seiner traurigen

Einsamkeit das Glas munden?

Es ist ein gewöhnlicher Fehler junger Leute in Georgs Jahren, daß sie

sich für wichtiger halten, als es ihre Stellung in der Welt eigentlich

mit sich bringt. Der gereifte Mann wird eine Beeinträchtigung seiner

Würde eher verschmerzen oder wenigstens sein Mißfallen zurückhalten,

während der Jüngling, empfindlicher über den Punkt der Ehre, leichter

und schneller aufbraust. Kein Wunder daher, daß Georg, als er nach zwei

tödlich langen Stunden in den Kriegsrat abgeholt wurde, nicht in der

besten Laune war. Er folgte schweigend dem ergrauten Führer, der ihn

hieher geleitet hatte, den langen Gang hin.

An der Türe wandte sich jener um und sagte freundlich: »Verschmäht den

Rat eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige finstere

Miene ab; es tut nicht gut bei den gestrengen Herrn da drinnen.«

Georg war in dem Augenblick zu wenig Herr über sich, als daß er den

wohlgemeinten Rat hätte befolgen können, er dankte ihm durch einen

Händedruck, ergriff dann rasch die gewaltige eiserne Türklinke, und die

schwere eichene Zimmertüre drehte sich ächzend auf.

Um einen großen schwerfälligen Tisch saßen acht ältliche Männer, die

den Kriegsrat des Bundes bildeten. Einige davon kannte Georg. Jörg

Truchseß, Freiherr von Waldburg, nahm als Oberst-Feldleutnant den

obersten Platz an dem Tische ein, zu beiden Seiten von ihm saßen

Frondsberg und Franz von Sickingen, von den übrigen kannte er keinen

als den alten Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre Namen

treulich aufbewahrt; es saßen dort noch Christoph Graf zu Ortenberg,

Alban von Closen, Christoph von Frauenberg und Diepolt von Stein,

bejahrte, im Heere angesehene Männer.

Georg war an der Türe stehen geblieben, Frondsberg aber winkte

ihm freundlich, näher zu kommen. Er trat nun bis an den Tisch und

überschaute nun mit dem freien kühnen Blick, der ihm so eigen war, die

Versammlung. Aber auch er wurde von den Versammelten beobachtet, und

es schien, als fänden sie Gefallen an dem schönen, hochgewachsenen

Jüngling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf ihm, einige

nickten ihm sogar freundlich zu.

Der Truchseß von Waldburg hob endlich an: »Georg von Sturmfeder,

wir haben uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule in Tübingen

gewesen, ist dem also?«

»Ja, Herr Ritter,« antwortete Georg.

»Seid Ihr in der Gegend von Tübingen genau bekannt?« fuhr jener fort.

Georg errötete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, die ja nur

wenige Stunden von jener Stadt entfernt auf ihrem Lichtenstein war;

doch er faßte sich bald und sagte: »Ich kam zwar nicht viel auf die

Jagd, auch habe ich sonst die Gegend wenig durchstreift, doch ist sie

mir im allgemeinen bekannt.«

»Wir haben beschlossen,« fuhr Truchseß fort, »einen sicheren Mann

in jene Gegend zu schicken, auszukundschaften, was der Herzog

von Württemberg bei unserm Anzug tun wird. Es soll auch über die

Befestigung des Schlosses Tübingen, über die Stimmung des Landvolkes in

jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden; ein solcher Mann kann

dem Württemberger durch Klugheit und List mehr Abbruch tun als hundert

Reiter, und wir haben -- Euch dazu ausersehen.«

»Mich?« rief Georg voll Schrecken.

»Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehört Uebung und Erfahrung zu einem

solchen Geschäft, aber was Euch daran abgeht, möge Euer Kopf ersetzen.«

Man sah dem Jüngling an, daß er einen heftigen Kampf mit sich

kämpfte. Sein Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine Lippen fest

zusammengeklemmt. Die Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar;

aber wie fest er auch bei sich beschloß, den Antrag auszuschlagen, wie

erwünscht beinahe diese Gelegenheit erschien, um dem Bunde zu entsagen,

so kam ihm die Entscheidung doch zu überraschend, er scheute sich, vor

den berühmten Männern seinen Entschluß auszusprechen.

Der Truchseß rückte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der

junge Mann so lange mit seiner Antwort zögerte: »Nun, wird's bald?

Warum besinnet Ihr Euch so lange?« rief er ihm zu.

»Verschonet mich mit diesem Auftrag,« sagte Georg nicht ohne Zagen;

»ich kann, ich darf nicht.«

Die alten Männer sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren

nicht. »Ihr dürft nicht, Ihr könnt nicht?« wiederholte Truchseß

langsam, und eine dunkle Röte, der Vorbote seines aufsteigenden

Zornes, lagerte sich auf seine Stirne und um seine Augen.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 6 / 32 段