Seine Augen schauen durch Mauer und Wand,
Seine Blicke bohren durch Fels und Stein!
Er schaut durch die Alb nach dem Lichtenstein!«
Als Bertha noch im Nachspiel zu ihrem Liedchen begriffen war, ging die
Gartenpforte. Männertritte tönten den Gang herauf, und die Mädchen
standen auf, die Erwarteten zu empfangen.
»Herr von Sturmfeder,« begann Bertha nach den ersten Begrüßungen,
»verzeihet doch, daß ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten
einzuladen. Aber meine Base Marie wünscht Euch Aufträge an eine
Freundin zu geben. -- Nun, und daß wir andern nicht zu kurz kommen,«
setzte sie, zu Herrn Kraft gewandt, hinzu, »so wollen wir eins plaudern
und den Abendtanz von gestern mustern.« Damit ergriff sie ihres Vetters
Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.
Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt. Sie lehnte sich
an seine Brust und weinte heftig. Die süßesten Worte, die er ihr
zuflüsterte, vermochten nicht, ihre Tränen zu stillen. »Marie,« sagte
er, »du warst ja sonst so stark, wie kannst du nun gerade jetzt allen
Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?«
»Hoffnung?« fragte sie wehmütig, »mit unserer Hoffnung, mit unserem
Glück ist es für ewig aus.«
»Sieh,« antwortete Georg, »eben dies kann ich nicht glauben, ich trage
die Gewißheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich sollte
jemals glauben, daß sie untergehen könnte?«
»Du hoffst noch? So höre mich ganz an. Ich muß dir ein tiefes Geheimnis
sagen, an dem das Leben meines Vaters hängt. Mein Vater ist so sehr
ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des Herzogs ist.
Er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind heimzuholen, nein, er
sucht die Pläne des Bundes zu erforschen und mit Geld und Rede zu
verwirren. Und glaubst du, ein so bitterer Gegner des Bundes werde
seine einzige Tochter einem Jüngling geben, der durch unser Verderben
sich emporzuschwingen sucht, einem, der sich an Menschen anschließt,
die kein Recht, sondern nur Raub suchen?«
»Dein Eifer führt dich zu weit, Marie,« unterbrach sie der Jüngling.
»Du mußt wissen, daß mancher Ehrenmann in diesem Heere dient!«
»Und wenn dies wäre,« fuhr jene eifrig fort, »so sind sie betrogen und
verführt, wie auch du betrogen bist.«
»Wer sagt dir dies so gewiß?« entgegnete Georg, welcher errötete, die
Partei, die er ergriffen, von einem Mädchen so erniedrigt zu sehen,
obgleich er ahnete, daß sie so unrecht nicht habe. »Wer sagt dir
dies so gewiß? Kann nicht dein Vater auch verblendet und betrogen
sein? Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen,
herrschsüchtigen Mannes führen, der seine Edlen ermordet, der seine
Bürger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes
verpraßt und seine Bauern verschmachten läßt?«
»Ja, so schildern ihn seine Feinde,« antwortete Marie, »so spricht
man von ihm in diesem Heere; aber frage dort unten an den Ufern des
Neckars, ob sie ihren angestammten Fürsten nicht lieben, wenngleich
seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht. Frage jene Männer, die
mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut für den Enkel
Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen
räuberischen Edlen, diesen Städtlern ihr Land abtreten.«[18]
Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich. »Aber wie entschuldigen denn
diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?« fragte er.
»Ihr sprecht immer von Eurer Ehre,« antwortete Marie, »und wollt
nicht leiden, daß ein Herzog seine Ehre verteidige? Hutten ist
nicht meuchelmörderisch gefallen, wie seine Anhänger in alle Welt
ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampfe, worin der Herzog
selbst sein Leben einsetzte. Ich will nicht alles verteidigen, was er
tat; aber man soll nur auch bedenken, daß ein junger Herr, wie der
Herzog, von schlechten Räten umgeben, nicht immer weise handeln kann.
Aber er ist gewiß gut, und wenn du wüßtest, wie mild, wie leutselig er
sein kann!«
»Es fehlt nur noch, daß du ihn auch den schönen Herzog nennst,« sagte
Georg, bitter lächelnd. »Du wirst reichen Ersatz finden für den armen
Georg, wenn er es der Mühe wert hält, mein Bild aus deinem Herzen zu
verdrängen.«
»Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich dich nicht fähig
gehalten,« antwortete Marie, indem sie sich mit Tränen des Unmuts,
im Gefühl gekränkter Würde, abwandte. »Glaubst du denn, das Herz
eines Mädchens könne nicht auch warm für die Sache ihres Vaterlandes
schlagen?«
»Sei mir nicht böse,« bat Georg, der mit Reue und Beschämung einsah,
wie ungerecht er sei, »gewiß, es war nur Scherz!«
»Und kannst du scherzen, wo es unser ganzes Lebensglück gilt?«
entgegnete Marie. »Morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der Krieg
entschieden ist! Wir sehen uns vielleicht lange, lange nicht mehr, und
du magst scherzen? Ach, wenn du gesehen hättest, wie ich so manche
Nacht mit heißen Tränen zu Gott flehte, er möge dein Herz hinüber auf
unsere Seite lenken, er möge uns vor dem Unglück bewahren, auf ewig
getrennt zu sein, gewiß! du könntest nicht so grausam scherzen!«
»Er hat es nicht zum Heil gelenkt,« antwortete Georg, düster vor sich
hinblickend.
»Und sollte es nicht noch möglich sein?« sprach Marie, indem sie
seine Hand faßte und mit dem Ausdruck bittender Zärtlichkeit, mit der
gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah; »sollte es nicht
noch möglich sein? Komm mit uns, Georg, wie gerne wird der Vater einen
jungen Streiter seinem Herzog zuführen! Ein Schwert wiegt viel in
solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es dir hoch anschlagen, wenn du
ihm folgst, an seiner Seite wirst du kämpfen, mein Herz wird dann nicht
zerrissen, nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits; mein
Gebet, wenn es um Glück und Sieg fleht, wird nicht zitternd zwischen
beiden Heeren irren!«
»Halt ein!« rief der Jüngling und bedeckte seine Augen, denn der
Sieg der Ueberzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der
Wahrheit hatte sich auf ihren süßen Lippen gelagert. »Willst du mich
bereden, ein Ueberläufer zu werden? Gestern zog ich mit dem Heere
ein, heute wird der Krieg erklärt, und morgen soll ich zu dem Herzog
hinüberreiten? Kann dir meine Ehre so gleichgültig sein?«
»Die Ehre?« fragte Marie, und Tränen entstürzten ihrem Auge. »Sie ist
dir also teurer als deine Liebe? Wie anders klang es, als mir Georg
ewige Treue schwur! Wohlan. Sei glücklicher mit ihr als mit mir! Aber
möge dir, wenn dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld zum
Ritter schlägt, weil du in unsern Fluren am schrecklichsten gewütet,
wenn er dir ein Ehrenkettlein umhängt, weil du Württembergs Burgen am
tapfersten gebrochen, möge dir der Gedanke deine Freude nicht trüben,
daß du ein Herz brachst, das dich so treu, so zärtlich liebte!«
»Geliebte!« antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefühle
zerrissen, »dein Schmerz läßt dich nicht sehen, wie ungerecht du bist.
Doch es sei! daß du siehest, daß ich den Ruhm, der mir so freundlich
winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen weiß, so höre mich: Hinüber zu
euch darf ich nicht, aber ablassen will ich von dem Bunde, möge kämpfen
und siegen, wer da will -- mein Kampf und Sieg war ein Traum, er ist zu
Ende!«
Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte
des jungen Mannes mit süßem Lohne. »O! glaube mir,« sagte sie, »ich
fühle, wieviel dich dieses Opfer kosten muß; aber sieh mir nicht so
traurig an dein Schwert hinunter: wer frühe entsagt, der erntet schön,
sagt mein Vater; es muß uns doch auch einmal die Sonne des Glückes
scheinen. Jetzt kann ich getrost von dir scheiden; denn wie auch der
Krieg sich enden mag, du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und
wie wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch schweres Opfer du
gebracht hast!«
Berthas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, daß der
Ratsschreiber nicht mehr zurückzuhalten sei, schreckte die Liebenden
auf. Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Tränen und trat mit Georg
aus der Laube.
»Vetter Kraft will aufbrechen,« sagte Bertha, »er fragt, ob der Junker
ihn begleiten wolle?«
»Ich muß wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll,«
antwortete Georg. So teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer langen
Trennung von Marie gewesen wären, so kannte er doch die strenge Sitte
seiner Zeit zu gut, als daß er, ohne den Vetter, als Landfremder bei
den Mädchen geblieben wäre.
Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dietrich führte
das Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb,
daß seine Base morgen schon Ulm verlassen werde. Aber Bertha mochte
in Georgs Augen gelesen haben, daß ihm noch etwas zu wünschen übrig
bleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge überflüssig war. Sie zog den
Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig über eine Pflanze, die
gerade zu seinen Füßen mit ihren ersten Blättern aus der Erde sproßte,
daß er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem Rücken
vorgehe.
Schnell benützte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein
Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem seidenen
Gewande, Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus
seinen botanischen Betrachtungen. Er sah sich um, und o Wunder! er
erblickte die ernste, züchtige Base in den Armen seines Gastes.
»Das war wohl ein Gruß an die liebe Base in Franken?« fragte er,
nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.
»Nein, Herr Ratsschreiber,« antwortete Georg, »es war ein Gruß an mich
selbst, und zwar von der, die ich einst heimzuführen gedenke. Ihr habt
doch nichts dagegen, Vetter?«
»Gott bewahre! Ich gratuliere von Herzen,« antwortete Herr Dietrich,
der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens
Tränen etwas eingeschüchtert wurde. »Aber der Tausend, das heiß' ich
~veni, vidi, vici~. Ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die Schöne
und habe mich kaum eines Blickes erfreuen können, und heute muß ich nun
gar den Marder selbst herausführen, der mir das Täubchen vor dem Mund
wegstiehlt.«
»Verzeihe den Scherz, Vetter, den wir uns mit dir machten,« fiel ihm
Bertha ins Wort, »sei vernünftig und laß dir die Sache erklären.«
Sie sagte ihm, was er zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu
schweigen. Mehr durch die freundlichen Blicke Berthas besänftigt,
versprach er zu schweigen; unter der Bedingung, setzte er schalkhaft
hinzu, daß sie etwa auch einen solchen Gruß an ihn bestelle.
Bertha verwies ihm, wiewohl nicht allzu strenge, seine unartige
Forderung, und fragte ihn neckend an der Gartentüre noch einmal um
die Naturgeschichte des ersten Veilchens, das die Sonne hervorgelockt
hatte. Er war gutmütig genug, eine lange und gelehrte Erklärung darüber
zu geben, ohne weder durch Mariens leises Weinen, noch durch Georgs
klirrendes Schwert sich unterbrechen zu lassen. Ein dankender Blick
Mariens, ein freundlicher Handschlag von Bertha belohnte ihn dafür beim
Scheiden, und noch lange wehten die Schleier der schönen Bäschen über
den Gartenzaun hin, den Scheidenden nach.
8.
Im stillen Klostergarten
Eine bleiche Jungfrau ging;
Der Mond beschien sie trübe,
An ihrer Wimper hing
Die Träne zarter Liebe.
_Uhland._
Ulm glich in den nächsten Tagen einem großen Lager. Statt der
friedlichen Landleute, der geschäftigen Bürger, die sonst ehrbaren und
ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Straßen gingen, sah
man überall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und Eisenhüten,
mit Lanzen, Armbrüsten und schweren Büchsen. Statt der Ratsherren, in
ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter, mit wehenden
Helmbüschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer großen Schar
bewaffneter Dienstleute, über die Plätze und Märkte. Noch lebhafter war
dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt; auf einem Anger an der
Donau übte Sickingen seine Reiterei, auf einem großen Blachfelde gegen
Söflingen hin pflegte Frondsberg sein Fußvolk zu tummeln.
An einem schönen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem Marie
von Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine
ungeheure Menge Menschen aus allen Ständen auf jener Wiese versammelt,
um diesen Uebungen Frondsbergs zuzusehen. Sie betrachteten diesen
Mann, dem ein so großer Ruf vorangegangen war, vielleicht mit
nicht geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder
königlichen Söhne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten
sehen. Knüpft sich ja doch gerade an die Person eines ausgezeichneten
Führers das Interesse, das dem ganzen Heere gilt, ja wir meinen oft,
die Schlachten, von denen uns die Sage oder öffentliche Blätter
erzählen, um so deutlicher zu verstehen, wenn wir die Gestalt des
Heerführers vor das Auge zurückrufen können.
So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zu Mute sein, wenn
sie ihre engen Straßen verließen, um den Mann des Tages in seinem
Handwerk zu sehen. Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fußvolk, das
sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen Massen
vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Winke nach
allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und Donnerbüchsen
starrende Kreise zusammenzogen; seine mächtige Stimme, die selbst die
Trommeln übertönte, seine erhabene, kriegerische Gestalt, dies alles
gewährte ein so neues anziehendes Bild, daß auch die bequemsten Bürger
es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf dem Anger zu stehen und
unbeweglich dieses Schauspiel zu genießen.
Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und
fröhlicher zu sein als sonst. Mochte ihn der warme Anteil, den die
guten Ulmer an ihm nahmen, und der auf allen Gesichtern geschrieben
stand, erfreuen? mochte ihm hier außen an dem schönen Morgen, unter
seinen Waffenübungen wohler sein als in den engen, kalten Straßen der
Stadt? Er blickte so freundlich auf die Menge hin, daß jeder glaubte,
von ihm besonders beachtet und begrüßt zu werden, und der Ausruf: »Ein
wackerer Herr, ein braver Ritter!« jedem seiner Schritte folgte.
Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er
vorübersprengte, so durfte man gewiß sein, daß er dort mit dem Schwert
oder der Hand herüber grüßte und traulich nickte.
Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner
freundlichen Winke zu sehen; die Näherstehenden sahen sich fragend
an und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Bürger schien
dieser Auszeichnung würdig. Als Frondsberg wieder vorübersprengte und
die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen recht
genau acht, und es fand sich, daß die Grüße einem großen, schlanken,
jungen Manne gelten mußten, der in der vordersten Reihe der Zuschauer
stand. Das Wams von feinem Tuch und Seidenschlitzen, die hohen
Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes Schwert
und eine Feldbinde oder Schärpe zeichneten ihn auf den ersten Blick
vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmückt als er, auch durch
untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem Vorteil
von ihm unterschieden.
Der Jüngling schien aber zum Aergernis der guten Spießbürger nicht sehr
erfreut über die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil ward. Schon
seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme über die Brust gekreuzt,
schien nicht anständig genug für einen feinen Junker, wenn er von einem
alten Kriegshelden gegrüßt wurde. Ueberdies errötete er bei jedem Gruß
des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein leichtes Neigen und sah ihm
mit so düsteren Blicken nach, als gälte es ein langes Scheiden, und
dieser Gruß wäre der letzte eines lieben Freundes gewesen.
»Ein sonderbarer Kauz der Junker dort,« sagte der Obermeister aller
Ulmer Weber zu seinem Nachbar, einem wackeren Waffenschmied; »ich gäbe
mein Sonntagswams um einen solchen Gruß von dem Frondsberger, und
dieser da muckt nicht darüber. Hieße es nicht in der ganzen Stadt: Was
hat der Meister Kohler mit dem Frondsberg? Waren ja neulich miteinander
wie zwei Brüder. O, die kennen einander schon lange, hieß es dann, und
sind gute Freunde von alters her. Ich kann mich ordentlich ärgern,
daß ein so gescheiter und gewaltiger Herr solch einen Laffen alle
Paternoster lang grüßt.«
Der Waffenschmied, ein kleiner, alter Kerl, hatte ihm seinen Beifall
zugenickt. »Gott straf' mich, Ihr habt recht, Meister Kohler! Stehen
nicht dort ganz andre Leut', die er grüßen könnte? Ist nicht der Herr
Bürgermeister auf dem Platz, und steht dort nicht mein Gevatter, der
Herr von Besserer, am Eck? Ich wollt' dem Junker den Kopf beugen
lernen, wenn ich Herr wäre; aber glaubt mir, der da beugt seinen Nacken
nicht, und wenn der Kaiser selbst käme. Er muß auch etwas Rechtes sein,
denn der Ratsschreiber, mein Nachbar, der sonst allen Gästen feind ist,
hat ihn in seiner Behausung.«
»Der Kraft?« fragte der Weber verwundert. »Ei, ei! Aber halt, dahinter
steckt ein Geheimnis. Das ist gewiß so ein junger Potentat oder gar des
Bürgermeisters von Köln sein Sohn, der auch unter dem Heer mitreiten
soll. Steht nicht dort des Kraften alter Johann?«
»Weiß Gott, er ist's,« fiel der Waffenschmied ein, den die Vermutungen
des Webers neugierig gemacht hatten; »er ist's, und ich will ihn
beichten lassen, trotz dem Propst von Elchingen.« Aber so klein
auch der Raum zwischen den beiden Bürgern und dem alten Diener des
Kraftischen Hauses war, so konnte doch der Schmied nicht zu ihm
durchkommen, so dicht standen die Zuschauer. Endlich drang die
gewichtige Miene des Obermeisters aller Weber durch, denn er war reich
und angesehen in der Stadt; er erwischte den alten Johann und zog
ihn zu dem Schmied. Doch auch der alte Johann konnte wenig Bescheid
geben, er wußte nichts, als daß sein Gast ein Herr von Sturmfeder sei.
»Uebrigens muß er nicht ›weit her‹ sein,« setzte er hinzu, »denn er
reitet ein Landpferd und hat keine Dienstleute mit sich; meinem Herrn
aber wird der Gast übel bekommen, denn unsere alte Sabine, die Amme,
ist wie ein Drache, daß er die Hausordnung stört und ungefragt, nur so
mir nichts dir nichts, ein fremdes Menschenkind mit Stiefeln und Sporen
ins Haus schleppt.«
»Nichts für ungut,« fiel ihm der Obermeister in die Rede, »Euer Herr,
Johann, ist ein Narr! Die alte Hexe -- Gott verzeih mir's -- hätte ich
schon lange auf die Straße geworfen, wo sie hingehört. Hat der Herr
doch sein gutes Alter, und soll sich behandeln lassen, als läge er noch
in den Windeln.«
»Ihr habt gut reden, Meister Kohler,« antwortete der alte Diener, »aber
das versteht Ihr doch nicht recht. Auf die Gasse werfen? Wer soll denn
nachher haushalten?«
»Wer?« schrie der erhitzte Weber. »Wer? Ein Weib soll er nehmen,
eine Hausfrau wie ein anderer Christ und Ulmer Bürger auch; was hat
er nötig, als Junggeselle zu leben und allen Mädchen in der Stadt
nachzulaufen? Hab' ich ihn nicht neulich angetroffen, wie er meiner
Katharine schön getan hat? Schiff und Geschirr hätte ich ihm mögen an
den Kopf werfen, dem gestrengen Herrn, so aber -- seine Mutter selig
hat manch schönes Tafelstück bei mir weben lassen, die brave Frau -- so
mußt' ich meine Mütze abziehen und sagen: ›Gehorsamen guten Abend, und
was befehlen Euer Wohledlen?‹ Daß dich der --«
»Ei, schau' einer!« sagte Johann mit unmutigem Gesicht; »ich habe
immer gedacht, ein Herr wie der Ratsschreiber, mein Herr, könne in
allen Ehren mit Eurem Töchterlein ein Wort wechseln, ohne daß die böse
Welt --«
»So? Ein Wort wechseln, und abends nach der Vesperglock' im März? Er
heiratet sie doch nicht, und meint Ihr, meines Kindes guter Ruf müsse
nicht so rein sein wie Eures Herrn weiße Halskrause? Das könnt' ich
brauchen!«
Der Obermeister hatte während seiner eifrigen Reden den alten Johann
an der Brust gepackt und seine Stimme so erhoben, daß die Umstehenden
aufmerksam wurden; der Meister Schmied hielt es daher für das beste,
den Erzürnten mit Gewalt wegzuziehen, und er verhütete so zwar weitere
Streitigkeiten, doch konnte er nicht verhüten, daß es schon mittags in
der ganzen Stadt hieß: Herr von Kraftens Johann habe noch in seinen
alten Tagen eine Liebschaft mit des Obermeisters Töchterlein und sei
von dem erzürnten Vater auf der Wiese darüber zur Rede gestellt worden.
Die Uebungen des Fußvolks waren indes zu Ende gegangen, das Volk
verlief sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu
jenem Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden;
sein Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als
sonst, seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit
dem Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen
Bergen, den Grenzmauern von Württemberg.
Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglücklich gefühlt als
in diesen Stunden. Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte ihn
noch einmal beschwören lassen, seinem Versprechen treu zu sein, und wie
unglücklich machte ihn dieses Versprechen! Wohl hatte es ihn damals
nicht geringen Kampf gekostet, es zu geben; aber der betäubende Schmerz
des Abschiedes, der Gram des geliebten Mädchens hatten überwunden.
Doch jetzt, wo er mit festerem Blicke seinen Umgebungen, seiner
Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig erschien ihm seine
Lage! Nichts davon zu sagen, daß alle seine goldenen Träume, alle jene
kühnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit einem Mal verschwanden; nichts
davon zu sagen, daß auch sein Ziel, das so nahe lag, Marien durch
Kriegsdienste zu verdienen, ungewiß in die Weite hinausgerückt war --
er sollte auf die Gefahr hin, von Männern, deren Achtung ihm teuer war,
verkannt zu werden, diese Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick,
wo man der Entscheidung entgegenging. Von Tag zu Tag, solange es ihm
nur möglich war, verschob er diese Erklärung; wo sollte er Gründe, wo
Worte hernehmen, vor dem alten, tapfern Degen Breitenstein, seinem
väterlichen Freunde, seinen Abzug zu rechtfertigen? Mit welcher Stirne
sollte er vor den edlen Frondsberg treten! Ach! jene freundlichen
Grüße, womit er den Sohn seines tapfern Waffengenossen zu freudigem
Kampfe aufzumuntern schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert.
An seiner Seite war sein Vater gefallen, er hatte gehört, wie der
Sterbende den Ruhm seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als
einziges Erbe dem unmündigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der
ihm jetzt so liebevoll die Schranken öffnete, und auch ihm mußte er in
so zweideutigem Lichte erscheinen.
Er hatte sich unter diesen trüben Gedanken langsam dem Tore der Stadt
genähert, als er sich plötzlich am Arm ergriffen fühlte; er sah sich
um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.
»Was willst du?« fragte Georg, etwas unwillig, in seinen Gedanken
unterbrochen zu werden.
»Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid,« antwortete der Mann.
»Sagt einmal, was gehört zu _Licht_ und _Sturm_?«
Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen
genauer. Er war nicht groß, aber kräftig; seine Brust war breit, seine
Gestalt gedrungen. Das Gesicht, von der Sonne braun gefärbt, wäre
flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von List und
Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Mut und Verwegenheit
geleuchtet hätten. Sein Haar und Bart war dunkelgelb und gerollt; er
trug einen langen Dolch im ledernen Gurt, in der einen Hand hielt er
eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mütze von Leder, wie man
sie noch heute bei dem schwäbischen Landvolk sieht.
Während Georg diese flüchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine
Züge lauernd beobachtet.
»Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter,« fuhr
jener nach kurzem Stillschweigen fort; »was paßt zu Licht und Sturm,
daß es zwei gute Namen gibt?«
»Feder und Stein!« antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klar
wurde, was unter jener Frage verstanden sei; »was willst du damit?«
»So seid Ihr Georg von Sturmfeder,« sagte jener, »und ich komme von
Marien von --«
»Um Gottes willen sei still, Freund, und nenne keinen Namen,« fiel
Georg ein, »sage schnell, was du mir bringst.«