Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung
dessen, was sie über ihn gesprochen, Berthas angenehme Züge mit hoher
Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte,
ließ sie nicht bemerken, welches Entzücken ihm aus Mariens Auge
entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mühsam nach Atem suchte, wie
ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.
»Da bringe ich euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast,«
begann der Ratsschreiber, »der um die Gunst bittet, mit euch zu tanzen.«
»Wenn ich nicht schon diesen Tanz an meinen Vetter zugesagt hätte,«
antwortete Bertha, schneller gefaßt als ihre Base, »so solltet Ihr ihn
haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen.«
»So seid Ihr noch nicht versagt, Fräulein von Lichtenstein?« fragte
Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.
»Ich bin an Euch versagt,« antwortete Marie. So hörte er denn zum
erstenmal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den süßesten Namen
genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so hold
anblickten wie vormals.
Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg
Truchseß, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner
Tänzerin vor, die Fackelträger folgten, die Paare ordneten sich, und
auch Georg ergriff Mariens Hand und schloß sich an. Jetzt suchten
ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten;
und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen
nicht so glücklich wie ihn, denn noch immer lag eine düstere Wolke von
Schwermut oder Trauer um ihre Stirne. Sie sah sich um, ob Dietrich und
Bertha, das nächste Paar nach ihnen, nicht allzunahe seien. -- Sie
waren ferne.
»Ach Georg,« begann sie, »welch unglücklicher Stern hat dich in dieses
Heer geführt?«
»Du warst dieser Stern, Marie,« sagte er; »dich habe ich auf dieser
Seite geahnet, und wie glücklich bin ich, daß ich dich fand! Kannst
du mich tadeln, daß ich die gelehrten Bücher beiseite legte und
Kriegsdienste nahm? Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines
Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, daß der deinige sehen
soll, daß seine Tochter keinen Unwürdigen liebt.«
»Ach Gott! Du hast doch dem Bunde noch nicht zugesagt?« unterbrach sie
ihn.
»Aengstige dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht
völlig zugesagt; aber es muß nächster Tage geschehen. Willst du denn
deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gönnen? Warum magst du um
mich so bange haben? Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit aus.«
»Ach, mein Vater, mein Vater!« klagte Marie, »er ist ja -- doch brich
ab, Georg, brich ab -- Bertha belauscht uns; aber ich muß dich morgen
sprechen, ich muß, und sollte es meine Seligkeit kosten. Ach! wenn ich
nur wüßte, wie?«
»Was ängstigt dich denn nur so?« fragte Georg, dem es unbegreiflich
war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben,
nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe? »Du stellst dir
die Gefahren größer vor, als sie sind,« flüsterte er ihr tröstend zu.
»Denke an nichts, als daß wir uns jetzt wiederhaben, daß ich deine
Hand drücken darf, daß Auge in Auge sieht wie sonst. Genieße jetzt die
Augenblicke, sei heiter!«
»Heiter? O diese Zeiten sind vorbei, Georg! Höre und sei standhaft --
mein Vater ist nicht bündisch!«
»Jesus Maria! was sagst du?« rief der Jüngling und beugte sich, als
habe er das Wort des Unglücks nicht gehört, herab zu Marien; »o sage,
ist denn dein Vater nicht hier in Ulm?«
Sie hatte sich stärker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen;
bei dem ersten Laut wären ihre Tränen unaufhaltsam geflossen; sie
antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging, mit gesenktem
Haupt nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekämpfen, neben Georg her.
Endlich siegte der starke Geist dieses Mädchens über die Schwäche ihrer
Natur, die einem so tiefen Kummer beinahe erlegen wäre. »Mein Vater,«
flüsterte sie, »ist Herzog Ulrichs wärmster Freund, und sobald der
Krieg entschieden ist, führt er mich heim auf den Lichtenstein!«
Betäubend wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tönen schmetterten
die Trompeten, sie begrüßten den Truchseß, der eben an dem Musikchor
vorüberzog; er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstücke zu,
und von neuem erhob sich ihr betäubender Jubel.
Das leise Gespräch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt
dieser Töne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer Liebe
um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein Geflüster
über sie im Saal erging, das sie als das schönste Paar pries.
Aber nur zu wohl hatte Bertha diese Bemerkungen der Menge gehört.
Sie war zu gutmütig, als daß Neid darüber in ihre Seele gekommen
wäre, aber sie setzte sich doch im Geiste an Mariens Platz und fand,
daß man vielleicht das Paar nicht minder schön gefunden hätte. Auch
das Gespräch, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf.
Die ernste Base, die selten oder nie mit einem Manne lange sprach,
schien mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Tänzer. Die Musik
hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde, die man
vielleicht nicht mit Unrecht jungen Mädchen ausschließlich zuschreibt,
wurde in ihr rege, sie zog ihren Tänzer näher an das vordere Paar, um
-- ein wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gespräch
verstummte, als sie näher kam oder wurde so leise geführt, daß sie
nichts davon verstand.
Ihr Interesse an dem schönen jungen Mann wuchs mit diesen Hindernissen;
noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lästig geworden als in diesen
Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten, womit er ihr Herz zu
umspinnen gedachte, verhinderten sie, jene genauer zu beobachten. Sie
war froh, als endlich der Tanz sich endigte. Denn sie durfte hoffen,
daß der nächste an des jungen Ritters Seite desto angenehmer für sie
sein werde.
Sie täuschte sich nicht in ihrer Hoffnung; Georg kam, sie um den
nächsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hüpfte
fröhlich an seiner Seite in die Reihen. Aber es war nicht mehr
derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte.
Verstört, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann an
ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, daß er sich immer wieder erst
sammeln mußte, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.
War dies jener »höfliche Ritter,« welcher sie, ohne daß sie sich
je gesehen hatten, so freundlich grüßte? War es derselbe, welcher
so heiter, so fröhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen führte?
Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte? Oder sollte
diese --? Ja, es war klar. Marie hatte ihm besser gefallen, ach!
vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm tanzte. Je weniger
Bertha gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu sehen, um
so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr glaubte sie
sich beeifern zu müssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend zu machen. Sie
setzte daher mit ihrer heiteren Geschwätzigkeit das Gespräch über den
bevorstehenden Krieg, das sie mit Mühe angesponnen hatte, fort, als
sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem Ratsschreiber traten.
»Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem
Ihr jetzt beiwohnt?«
»Es ist mein erster,« antwortete dieser kurz abgebrochen, denn er war
unmutig darüber, daß jene ihn noch immer im Gespräch halte, da er mit
Marie so gern gesprochen hätte.
»Euer erster?« entgegnete Bertha verwundert. »Ihr wollt mir etwas
weismachen, da habt Ihr ja schon eine mächtige Narbe auf der Stirne.«
»Die bekam ich auf der hohen Schule,« antwortete Georg.
»Wie? Ihr seid ein Gelehrter?« fragte jene eifrig weiter. »Nun, und da
seid Ihr gewiß recht weit gewesen; etwa in Padua oder Bologna oder gar
bei den Ketzern in Wittenberg.«
»Nicht so weit, als Ihr meint,« entgegnete er, indem er sich zu Marien
wandte; »ich war in Tübingen.«
»In Tübingen!« rief Bertha voll Verwunderung. Wie ein Blitz erhellte
dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf
Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Röte der Scham auf
den Wangen vor ihr stand, überzeugte sie, daß die lange Reihe von
Schlüssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren
Grund haben. Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige Ritter
begrüßt, warum Marie weinte, die ihn gewiß gerne auf der feindlichen
Seite gesehen hätte, warum er so viel mit jener gesprochen, warum er
bei ihr selbst so einsilbig war. Es war keine Frage, sie kannten sich,
sie mußten sich längst gekannt haben.
Beschämung war das erste Gefühl, das bei dieser Entdeckung Berthas
Herz bestürmte; sie errötete vor sich selbst, wenn sie sich gestand,
nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen
Seele ein ganz anderer Gegenstand beschäftigte. Unmut über Mariens
Heimlichkeit verfinsterte ihre Züge. Sie suchte Entschuldigung für ihr
eigenes Betragen und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base. Hätte
diese ihr gestanden, in welchem Verhältnis sie zu dem jungen Manne
stehe, sie hätte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wäre ihr
dann, meinte sie, höchst gleichgültig geblieben, sie hätte nie diese
Beschämung erfahren. Wir haben es von guter Hand, daß junge Damen große
Beleidigungen, tiefere Schmerzen im Gefühl ihrer Würde mit Anstand
zu ertragen wissen; daß sie aber oft, wenn es sich um geringe Dinge
handelt, nicht Gleichmut genug besitzen, um das Wahre vom Falschen zu
unterscheiden, nicht Großmut genug, um zu vergessen.
Bertha hatte an diesem Abend den unglücklichen jungen Mann keines
Blickes mehr gewürdigt, was ihm übrigens über dem größeren Schmerz, der
seine Seele beschäftigte, völlig entging. Sein Unglück wollte es auch,
daß er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und ungestört
zu sprechen; der Abendtanz ging zu Ende, ohne daß er über Mariens
Schicksal und über die Gesinnungen ihres Vaters gewisser wurde, und
Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm zuzuflüstern, er
möchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie vielleicht irgend eine
Gelegenheit finden würde, ihn zu sprechen.
Verstimmt kamen die beiden Schönen nach Hause. Bertha hatte auf alle
Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, daß
sie ahnete, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst
ein großer Schmerz beschäftigte, war nach und nach immer düsterer,
einsilbiger geworden.
Aber auf beiden lastete die Störung ihres bisherigen freundschaftlichen
Verhältnisses erst recht schwer, als sie ernst und schweigend in
ihr Gemach traten. Sie hatten sich bisher alle jene kleinen Dienste
geleistet, welche junge Mädchen nur zu noch engerer Freundschaft
verbinden. Wie ganz anders war es heute! Bertha hatte die silberne
Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, daß es in langen
Ringellocken über den schönen Nacken herabströmte. Sie versuchte,
es unter das Nachthäubchen zu stecken; ungewohnt, diese Arbeit ohne
Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zustande, aber zu
stolz, ihre Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinne nannte, ihre
Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Häubchen in die Ecke und
ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.
Schweigend nahm Marie das verworfene Häubchen wieder auf und trat
hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und
aufzubinden.
»Hinweg, du Falsche!« rief die erzürnte Bertha, indem sie die
hilfreiche Hand zurückstieß.
»Bertha, hab' ich dies um dich verdient?« sprach Marie mit Ruhe und
Sanftmut. »O, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin, du würdest
sanfter gegen mich sein!«
»Unglücklich?« lachte jene laut auf, »unglücklich! vielleicht weil der
artige Herr nur einmal mit dir tanzte?«
»Du bist recht hart, Bertha;« antwortete Marie, »du bist böse auf mich
und sagst mir nicht einmal, warum.«
»So? Du willst also nicht wissen, daß du mich betrogen hast? Nicht
wissen, wie mich deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschämung
aussetzen? Ich hätte nie geglaubt, daß du so schlecht, so falsch an mir
handeln würdest!«
Von neuem erwachte in Bertha das kränkende Gefühl, sich hintangesetzt
zu sehen; ihre Tränen strömten, sie legte die heiße Stirne in die Hand,
und die reichen Locken flossen über ihr zusammen und verhüllten die
Weinende.
Tränen sind die Zeichen milderen Schmerzes. Marie kannte diese
Tränen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: »Bertha! Du schiltst meine
Heimlichkeit. Ich sehe, du hast erraten, was ich nie von selbst
sagen konnte. Setze dich selbst in meine Lage. Ach, du selbst, so
heiter und offen du bist, du selbst hättest mir dein Geheimnis nicht
vertrauen können. Aber jetzt ist es ja aus. Du weißt, was meine Lippen
auszusprechen sich scheuten. Ich liebe ihn, ja ich werde geliebt, und
nicht erst von gestern her. Willst du mich hören? Darf ich dir alles
sagen?«
Berthas Tränen flossen noch immer. Sie antwortete nicht auf jene
Fragen, aber Marie hub an zu erzählen, wie sie Georg im Hause der
seligen Muhme kennen gelernt habe; wie sie ihm gut gewesen, lange ehe
er ihr seine Liebe gestanden. Alle jene schönen Erinnerungen lebten
in ihr auf, mit glühenden Wangen, mit strahlendem Auge führte sie die
Vergangenheit herauf. Sie erzählte von so mancher schönen Stunde, vom
Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied. »Und jetzt,« fuhr sie mit
wehmütigem Lächeln fort, »jetzt hat ihn dieser unglückliche Krieg auf
diese Seite geführt. Er hört, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht
anders, als mein Vater sei dem Bunde beigetreten, er hofft, mich durch
sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm! O Bertha, du
kennst meinen Vater. Er ist so gut, aber auch so strenge, wenn etwas
seiner Meinung widerspricht. Wird er einem Manne seine Tochter geben,
der sein Schwert gegen Württemberg gezogen hat? Siehe, das waren meine
Tränen! Ach, ich wollte dir so oft sagen, warum sie fließen, aber eine
unbesiegbare Scham schloß meine Lippen. Kannst du mir noch zürnen? Muß
ich mit dem Geliebten auch die Freundin verlieren?«
Auch Mariens Tränen flossen, und Bertha fühlte den eigenen Schmerz von
dem größeren Kummer der Freundin besiegt. Sie umarmte Marien schweigend
und weinte mit ihr.
»In den nächsten Tagen,« fuhr diese fort, »will mein Vater Ulm
verlassen, und ich muß ihm folgen. Aber noch einmal muß ich Georg
sprechen, nur ein Viertelstündchen. Bertha, du kannst gewiß Gelegenheit
geben. Nur ein ganz kleines Viertelstündchen!«
»Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?« fragte
Bertha.
»Was nennst du die gute Sache?« antwortete Marie. »Des Herzogs Sache
ist vielleicht nicht minder gut als die eure. Du sprichst so, weil ihr
bündisch seid. Ich bin eine Württembergerin, und mein Vater ist seinem
Herzoge treu. Doch sollen wir Mädchen über den Krieg entscheiden? Laß
uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu sehen.«
Bertha hatte über der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer
Base zugehört hatte, ganz vergessen, daß sie ihr jemals gram gewesen
war. Sie war überdies für alles Geheimnisvolle eingenommen, daher kamen
ihr diese Mitteilungen erwünscht. Sie fühlte, wie wichtig und ehrenvoll
der Posten einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle mögliche Mühe,
dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen.
»Ich hab's gefunden,« rief sie endlich aus, »wir laden ihn geradezu in
den Garten.«
»In den Garten?« fragte Marie schüchtern und ungläubig, »und durch wen?«
»Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, muß ihn selbst bringen;«
antwortete sie, »das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wörtchen
davon merken, laß mich nur dafür sorgen.«
Marie, entschlossen und stark bei großen Dingen, zitterte doch bei
diesem gewagten Schritte. Aber ihre mutige, fröhliche Base wußte ihr
alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit zurückgekehrter Hoffnung und
befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mädchen, ehe
sie sich zur Ruhe legten.
7.
Und wie ein Geist schlingt um den Hals
Das Liebchen sich herum:
»Willst mich verlassen, liebes Herz,
Auf ewig?« und der bittre Schmerz
Macht's arme Liebchen stumm.
_Schubart._
Sinnend und traurig saß Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in
seinem Gemach. Er hatte Breitenstein besucht und wenig Tröstliches für
seine Hoffnungen erfahren. Der Kriegsrat hatte sich an diesem Morgen
versammelt, und unwiderruflich war der Krieg beschlossen worden.
Zwölf Edelknaben waren, die Absagebriefe des Herzogs von Bayern,
der Ritterschaft und gesamter Städte an ihre Lanzen geheftet, zum
Gögglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem Württemberger
nach Blaubeuren zu bringen. Auf den Straßen rief man einander fröhlich
diese Nachricht zu, und die Freude, daß es jetzt endlich ins Feld gehen
werde, stand deutlich auf allen Gesichtern geschrieben. Nur _einen_
traf diese Kunde wie das schreckliche Machtwort seines Schicksals. Der
Gram trieb ihn aus dem Kreise der fröhlichen Gesellen, die jetzt den
Weinstuben zuzogen, um in lautem Jubel das Geburtsfest des Krieges
zu begehen und das Los künftiger Siege im Würfelspiel zu belauschen.
Ach! ihm waren ja schon die Würfel gefallen! Ein blutiges Schlachtfeld
dehnte sich zwischen ihm und seiner Liebe aus, sie war ihm auf lange,
vielleicht auf ewig verloren.
Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstürmten, weckten ihn aus seinem
Brüten. Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Türe. »Glück auf,
Junker!« rief er, »jetzt hebt der Tanz erst recht an. Aber Ihr wißt es
vielleicht noch gar nicht? Der Krieg ist angekündigt, schon vor einer
Stunde sind unsere Absageboten ausgeritten.«
»Ich weiß es,« antwortete sein finsterer Gast.
»Nun, und hüpft Euch das Herz nicht freier? Habt Ihr auch gehört
-- nein, das könnt Ihr nicht wissen,« fuhr Dietrich fort, indem er
zutraulich näher zu ihm trat, »daß die Schweizer bereits abziehen?«
»Wie, sie ziehen?« unterbrach ihn Georg. »Also hat der Krieg schon ein
Ende?«
»Das möchte ich nicht gerade behaupten,« fuhr der Ratsschreiber
bedenklich fort, »der Herzog von Württemberg ist noch ein junger,
mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute genug. Zwar wird er
wohl keine offene Feldschlacht mehr wagen, aber er hat feste Städte
und Burgen. Da ist einmal der Höllenstein, und darin Stephan von
Lichow, ein Mann wie Eisen; da ist Göppingen, das Philipp von Rechberg
auch nicht auf den ersten Stückschuß ergeben wird; da ist Schorndorf,
Rothenburg und Asperg, da ist vor allem Tübingen, das er tüchtig
befestigt hat. Es wird noch mancher ins Gras beißen, bis ihr eure Rosse
im Neckar tränket.
Nun, nun!« fuhr er fort, als er sah, daß seine Nachrichten die finstere
Stirne seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten, »wenn Ihr
diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmet, so schenkt
Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes Ohr. Sagt
einmal, habt Ihr nicht irgendwo eine Base?«
»Base? Ja, warum fragt Ihr?«
»Nun sehet, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin
Bertha vorbrachte. Als ich aus dem Rathause kam, winkte sie mir hinauf
und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der
Donau zu führen, Marie habe Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base, die
sie sehr gut kenne, aufzutragen. Ihr müßt mir schon den Gefallen tun,
mitzugehen. Solche Geheimnisse und Aufträge sind zwar gewöhnlich nicht
weit her, und ich wollte wetten, sie geben Euch ein Müsterlein für den
Webstuhl oder eine Probe feiner Wolle oder ein tiefes Geheimnis der
Kochkunst oder gar ein paar Körnlein von einer seltenen Blume mit, denn
Marie ist eine große Gärtnerin -- doch, wenn Ihr gestern an dem Mädchen
Gefallen gefunden habt, gehet Ihr wohl selbst gerne mit.«
Mitten in den schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde mußte Georg
über die List der Mädchen lachen. Freundlich bot er dem guten Boten die
Hand und schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten.
Dieser lag an der Donau, ungefähr zweitausend Schritte unter der
Brücke. Er war nicht groß, zeugte aber von Sorgfalt und Fleiß.
Die schönen Obstbäume waren zwar noch nicht belaubt, und die in
wunderlichen Formen abgestochenen Beete hatten noch keine Blumen, aber
ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses sich hinzog und
in einer geräumigen Laube endete, gab durch sein helles Grün einen
lebhaften Anblick und hinlänglichen Schutz gegen die einem weißen Hals
und schönen Armen so gefährlichen Strahlen der Märzsonne. Dort, auf
dem breiten, bequemen Steinsitze, wo die Lücken der Laube eine freie
Aussicht die Donau hinauf und hinab gewährten, hatten die Mädchen unter
mancherlei Gesprächen der jungen Männer geharrt.
Marie saß traurig in sich gekehrt. Sie hatte den schönen Arm auf eine
Lücke der Laube aufgestützt und das von Gram und Tränen müde Köpfchen
in die Hand gelegt. Ihr dunkles, glänzendes Haar hob die Weiße ihres
Teints um so mehr heraus, als stiller Kummer ihre Wangen gebleicht
und schlaflose Nächte dem lieblichen blauen Auge seinen sonst so
überraschenden Glanz geraubt und ihm einen matteren, vielleicht nur
um so anziehenderen Schimmer von Melancholie gegeben hatten. Das
vollendete Bild fröhlichen Lebens, saß die frische, runde, rosige
Bertha neben ihr. Wie ihre gelblichen Locken mit Mariens dunklen
Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den ovalen, schärferen
Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen, beweglichen hellbraunen Augen
in auffallendem Kontrast standen mit dem sinnenden, geistvollen Blick
Mariens: so wurde auch jede ihrer raschen, lebhaften Bewegungen zum
Gegensatz gegen jene stille Trauer.
Bertha schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base
zu trösten oder doch ihren großen Schmerz zu zerstreuen. Sie erzählte
und schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebärde und Sprache vieler
Leute nach, sie versuchte alle jene tausend kleinen Künste, womit die
Natur ihre fröhliche Tochter ausstattete. Aber wir glauben, daß sie
wenig ausrichtete, denn nur hie und da gleitete ein wehmütiges, schnell
verschwebendes Lächeln über Mariens feine Züge hin.
Endlich ergriff sie, als gar nichts mehr helfen wollte, ihre Laute, die
in der Ecke stand. Marie besaß auf diesem Instrument große Fertigkeit,
und Bertha hätte sich sonst nicht so leicht bewegen lassen, vor der
Meisterin zu spielen. Doch heute hoffte sie durch ihr Geklimper
wenigstens ihrer Base ein Lächeln zu entlocken. Sie setzte sich mit
großem Ernste nieder und begann:
»Fragt mich jemand, was ist Minne?
Wüßt' ich gern auch darum meh(r).
Wer nun recht darüber sinne,
Sag' mir, warum tut sie weh?
Minne ist Liebe, tut sie wohl;
Tut sie weh, heißt sie nicht Minne,
O, dann weiß ich, wie sie heißen soll.«
»Wo hast du dies alte schwäbische Liedchen her?« fragte Marie, die der
einfachen Musik und dem lieblichen Text gern ihr Ohr lieh.
»Nicht wahr, es ist hübsch? Aber es kommt noch viel hübscher, wenn
du hören willst,« antwortete Bertha. »Das hat mich in Nürnberg ein
Meistersänger, Hans Sachs, gelehrt; es ist übrigens nicht von ihm,
sondern von Walther von der Vogelweide, der wohl vor dreihundert Jahren
gelebt und geliebt hat. Höre nur weiter:
Ob ich recht erraten könne,
Was die Minne sei? So sprecht ja.
Minne ist zweier Herzen Wonne;
Teilen sie gleich, so ist sie da.
Doch -- soll ungeteilt sein,
So kann ein Herz allein sie nicht enthalten.
Willst du mir helfen, traute Jungfrau mein?«
»Nun, hast du geteilt mit dem armen Junker?« fragte die schelmische
Bertha ihre errötende Base. »Vetter Kraft möchte gerne auch mit mir
teilen, einstweilen kann er aber seinen ganzen Part allein tragen.
Doch du wirst wieder ernst, ich muß noch ein Liedchen des alten Herrn
Walther singen:
Ich weiß nicht, wie es damit geschah,
Meinem Auge ist's noch nie geschehen,
Seit ich sie in meinem Herzen sah,
Kann ich sie auch ohne Augen sehen.
Da ist doch ein Wunder mit geschehen,
Denn wer gab es, daß es ohne Augen
Sie zu aller Zeit mag sehen?
Wollt ihr wissen, was die Augen sein,
Womit ich sie sehe durch alle Land'?
Es sind die Gedanken des Herzens mein,
Damit schau' ich durch Mauer und Wand,
Und hüten diese sie noch so gut,
Es schauen sie mit vollen Augen
Das Herz, der Wille und mein Mut.«
Marie lobte das Lied des Herrn Walther von der Vogelweide als einen
guten Trost beim Scheiden. Bertha bestätigte es. »Ich weiß noch einen
Reim,« sagte sie lächelnd und sang: