Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner

Türe erweckt. Er schlug die Vorhänge seines Bettes zurück und sah,

daß die Sonne schon ziemlich hoch stehe. Es wurde wieder und stärker

gepocht, und sein freundlicher Wirt, schon völlig im Putz, trat ein.

Nach den ersten Erkundigungen, wie sein Gast geschlafen habe, kam Herr

Dietrich gleich auf die Ursache seines frühen Besuches. Der große Rat

hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der Bundesgenossen

auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend auf dem Rathause

abgehalten werden sollte. Ihm, als dem Ratsschreiber, kam es zu,

alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehörte: er mußte die

Stadtpfeifer bestellen, die ersten Familien feierlich und im Namen

des Rates dazu einladen, er mußte vor allem zu seinen lieben Mühmchen

eilen, um ihnen dieses seltene Glück zu verkündigen.

Er erzählte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gaste und versicherte

ihm, daß er vor dem Drang der Geschäfte nicht wisse, wo ihm der Kopf

stehe. Doch Georg hatte nur für _eines_ Sinn; er durfte hoffen, Marien

zu sehen und zu sprechen, und darum hätte er gerne Herrn Dietrich für

seine gute Botschaft an das freudig pochende Herz gedrückt.

»Ich sehe es Euch an,« sagte dieser, »die Nachricht macht Euch Freude,

und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen. Doch Ihr sollt ein

paar Tänzerinnen haben, wie Ihr sie nur wünschen könnt; mit meinen

Bäschen sollt Ihr mir tanzen, denn ich bin ihr Führer bei solchen

Gelegenheiten und werde es schon zu machen wissen, daß Ihr und kein

anderer zuerst sie aufziehen sollet; und wie werden sie sich freuen,

wenn ich ihnen einen so flinken Tänzer verspreche!« Damit wünschte er

seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er ausgehe, sein

Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versäumen.

Herr Dietrich hatte, als sehr naher Verwandter, schon so frühe am Tag

Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn seine

vielen Geschäfte bei diesem Morgenbesuche entschuldigten.

Er fand die Mädchen noch beim Frühstück. Wohl hätte dort manche

unserer heutigen Damen ein elegantes Dejeuner von gemaltem Porzellan

und den nach den schönsten antiken Vasen geformten Schokoladenbecher

vermißt. Aber wenn es wahr ist, daß natürliche Anmut und Würde auch

im geringsten Kleide sich dem Auge nicht verhüllen, so dürfen wir

schon mit mehr Mut gestehen, daß Marie und die fröhliche Bertha an

jenem Morgen ein Biersüppchen verspeisten. Ob aber dieses Geständnis

der ästhetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag tut? Es mag sein;

wer übrigens Marien und Bertha in dem weißen Morgenhäubchen, in dem

reinlichen Hauskleide gesehen hätte, würde gewiß auch, wie Vetter

Kraft, Verlangen getragen haben, dieses Frühstück mit den holden

Mädchen zu teilen.

»Ich sehe dir es an, Vetter,« begann Bertha, »du möchtest gar zu gerne

von unserer Suppe kosten, weil dir deine Amme heute einen Kinderbrei

vorgesetzt hat; aber schlage dir diese Gedanken nur gleich aus dem

Sinne; du hast Strafe verdient und mußt fasten --«

»Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben,« unterbrach sie

Marie.

»Jawohl,« fiel ihr Bertha in die Rede, »aber bilde dir nur nicht

ein, daß wir eigentlich dich erwarteten; nein, ganz allein deine

Neuigkeiten.«

Der Ratsschreiber war schon gewohnt, von Bertha so empfangen zu

werden; er wollte daher, um sie zu versöhnen, daß er nicht gestern

abend noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto

längerem Strome geben; aber Bertha unterbrach ihn. »Wir kennen,« sagte

sie, »deine breiten Erzählungen und haben auch das meiste vom Erker

aus selbst mit angesehen; von eurem Trinkgelage, wo es arg genug

hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte

mir auf meine Frage.« Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn

hin und fuhr fort: »Dietrich von Kraft, Schreiber eines wohledlen

Rates, habt Ihr unter den Bündischen keinen jungen, überaus höflichen

Herrn gesehen, mit langem, hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so

milchweiß wie das Eure, aber doch nicht minder hübsch, kleinem Bart,

nicht so zierlich wie der Eure, aber dennoch schöner, hellblauer

Schärpe mit Silber ...«

»Ach, das ist kein anderer als mein Gast!« rief Herr Dietrich. »Er ritt

einen großen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern geschlitzt

und mit Hellblau ausgelegt?«

»Ja, ja, nur weiter!« rief Bertha. »Wir haben unsere eigenen Ursachen,

uns nach ihm zu erkundigen.«

Marie stand auf und suchte ihr Nähzeug in dem Kasten, indem sie den

beiden den Rücken zukehrte; aber die Röte, die alle Augenblicke auf

ihren Wangen wechselte, ließ ahnen, daß sie kein Wort von Herrn

Dietrichs Erzählung verlor.

»Nun, das ist Georg von Sturmfeder,« fuhr der Ratsschreiber fort; »ein

schöner, lieber Junge. Sonderbar, auch ihr seid ihm gleich beim Einzug

aufgefallen« -- und nun erzählte er, was am Gastmahl vorgegangen sei,

wie ihm der hohe Wuchs, das Gebietende und Anziehende in des Jünglings

Mienen gleich anfangs aufgefallen, wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar

gemacht, wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein Haus

geführt habe.

»Nun, das ist schön von dir, Vetter,« sagte Bertha, als er geendet

hatte, und reichte ihm freundlich die Hand; »ich glaube, es ist das

erste Mal, daß du es wagst, Gäste zu haben. Aber das Gesicht der alten

Sabine hätte ich sehen mögen, als Junker Dieter so spät noch einen Gast

brachte.«

»O, sie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber als ich ihr ganz

verblümt zu verstehen gab, es könne wohl geschehen, daß ich bald eine

meiner schönen Basen heimführen würde ...«

»Ach, geh doch!« entgegnete Bertha, indem sie ihm hocherrötend ihre

Hand entreißen wollte; aber Herr Dietrich, dem sein Mühmchen noch nie

so hübsch als in diesem Augenblick geschienen hatte, drückte die weiche

Hand fester, und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde

an Gehalt, und die Wagschale der fröhlichen Bertha, die jetzt in holder

Verschämtheit vor ihm saß, stieg hoch in den Augen des glücklichen

Ratsschreibers.

Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen, und Bertha ergriff

mit Freuden diese Gelegenheit, ein anderes Gespräch einzuleiten.

»Da geht sie nun wieder,« sagte sie und sah Marien nach, »und ich

wollte darauf wetten, sie geht in ihre Kammer und weint. Ach, sie hat

gestern wieder so heftig geweint, daß ich auch ganz traurig geworden

bin.«

»Was hat sie nur?« fragte Dietrich teilnehmend.

»Ich habe so wenig wie früher die Ursache ihrer Tränen erfahren,« fuhr

Bertha fort. »Ich habe gefragt und immer wieder gefragt, aber sie

schüttelt dann nur den Kopf, als wenn ihr nicht zu helfen wäre. ›Der

unselige Krieg!‹ war alles, was sie mir zur Antwort gab.«

»So ist der Alte noch immer entschlossen, mit ihr nach Lichtenstein

zurückzugehen?«

»Jawohl,« war Berthas Antwort. »Du hättest nur hören sollen, wie der

alte Mann gestern beim Einzug auf die Bündischen schimpfte. Nun -- er

ist einmal seinem Herzog mit Leib und Seele ergeben, darum mag es ihm

hingehen. Aber sobald der Krieg erklärt ist, will er mit ihr abreisen.«

Herr Dietrich schien sehr nachdenklich zu werden. Er stützte den Kopf

auf die Hand und hörte seiner Muhme schweigend zu.

»Und denke,« fuhr diese fort, »da hat sie nun gestern nach dem Einritte

der Bündischen so heftig geweint. Du weißt, sie war zwar vorher schon

immer ernst und düster, und ich habe sie an manchem Morgen in Tränen

gefunden. Aber als habe schon dieser Einzug über das ganze Schicksal

des Krieges entschieden, so untröstlich gebärdete sie sich. Ich glaube,

Ulm liegt ihr nicht so am Herzen, aber ich vermute,« setzte sie

geheimnisvoll hinzu, »sie hat eine heimliche Liebe im Herzen.«

»Ach freilich, ich habe es schon lange gemerkt,« seufzte Herr Dietrich,

»aber was kann ich denn dafür?«

»Du? Was du dafür kannst?« lachte Bertha, auf deren Gesicht bei diesen

Worten alle Trauer verschwunden war. »Nein! Du bist nicht schuld an

ihrem Schmerz. Sie war schon so, ehe du sie nur mit einem Auge gesehen

hast!«

Der ehrliche Ratsschreiber war sehr beschämt durch diese Versicherung.

Er glaubte in seinem Herzen nicht anders, als der Abschied von ihm gehe

der armen Marie so nahe, und fast schien ihr wehmütiges Bild in seinem

wankelmütigen Herzen wieder das Uebergewicht zu bekommen. Bertha aber

ließ nicht ab, ihn mit seiner törichten Vermutung zu höhnen, bis ihm

auf einmal der Zweck seines Besuches wieder einfiel, den er während

des Gespräches ganz aus den Augen verloren hatte. Sie sprang mit

einem Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht von dem

Abendtanz mitteilte.

»Marie, Marie!« rief sie in hellen Tönen, daß die Gerufene, bestürzt

und irgend ein Unglück ahnend, herbeieilte. »Marie, ein Abendtanz

auf dem Rathaus!« rief ihr die beglückte Bertha schon unter der Tür

entgegen.

Auch diese schien freudig überrascht von dieser Nachricht. »Wann?

Kommen auch die Fremden dazu?« waren ihre schnellen Fragen, indem ein

hohes Rot ihre Wangen färbte und aus dem ernsten Auge, das die kaum

geweinten Tränen nicht verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang.

Bertha und der Vetter waren erstaunt über den schnellen Wechsel von

Schmerz und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht

unterdrücken, daß Marie eine leidenschaftliche Tänzerin sein müsse.

Doch wir glauben, er habe sich hierin nicht weniger geirrt, als wenn er

Georg für einen Weinkenner hielt.

Als der Ratsschreiber sah, daß er jetzt, wo die Mädchen sich in eine

wichtige Beratung über ihren Anzug verwickelten, eine überflüssige

Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren Geschäften

nachzugehen. Er beeilte sich, seine Anordnungen zu treffen und die

hohen Gäste und die angesehensten Häuser zu laden. Ueberall erschien er

als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzählt, ist die Freude am

Tanzen nicht erst in unseren Tagen über die Mädchen gekommen.

Auch seine Anordnungen waren bald getroffen. Es war noch nicht zum

Grundsatz geworden, daß man nur in einer langen Reihen von Zimmern,

bei flimmernden Lüstern, umgeben von jenen unzähligen, unwesentlichen

Dingen, welche die Mode als notwendig preist, fröhlich sein könne. Der

Rathaussaal gab hinlänglichen Raum, und die kunstlosen Lampen, die an

den Wänden aufgehängt waren, hatten bisher Helle genug verbreitet, die

schönen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu sehen.

Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen,

er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspäht, die bis jetzt

nur der engere Ausschuß des Rates mit den Bundesobersten teilte.

Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschäfte, kam er gegen

Mittag nach Hause, und sein erster Gang war, nach seinem Gaste zu

sehen. Er traf ihn in sonderbarer Arbeit. Georg hatte lange in

einem schöngeschriebenen Chronikbuch, das er in seinem Zimmer

gefunden hatte, geblättert. Die reinlich gemalten Bilder, womit die

Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzüge und

Schlachtenstücke, welche, mit kühnen Zügen entworfen, mit besonderem

Fleiße ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten

ihn geraume Zeit. Dann fing er an, erfüllt von den kriegerischen

Bildern, die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch und das vom

Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er zu

großem Aergernis der Frau Sabine bald lustige, bald ernstere Weisen

dazu sang.

So traf ihn sein Gastfreund. Schon unten an der Treppe hatte er

die angenehme Stimme des Singenden vernommen. Er konnte sich nicht

enthalten, noch einige Zeit an der Türe zu lauschen, ehe er den Gesang

unterbrach.

Es war eine jener ernsten, beinahe wehmütig tönenden Weisen, wie sie,

durch ihren innern Wert erhalten und fortgetragen, bis auf unsere Tage

herabkamen. Noch heute leben sie in dem Munde der Schwaben, und oft

und gerne haben wir, ergriffen von ihrer einfachen Schönheit, von den

gehaltenen Klängen ihrer vollen Akkorde, an den lieblichen Ufern des

Neckars sie belauscht.

Der Sänger begann von neuem:

»Kaum gedacht,

War der Lust ein End' gemacht;

Gestern noch auf stolzen Rossen,

Heute durch die Brust geschossen,

Morgen in das kühle Grab.

»Doch was ist

Aller Erden Freud' und Lüst'!

Prangst du gleich mit deinen Wangen

Die wie Milch und Purpur prangen,

Sieh, die Rosen welken all.

»Darum still

Geb' ich mich, wie Gott es will.

Und wird die Trompete blasen,

Und muß ich mein Leben lassen,

Stirbt ein braver Reitersmann.«

»Wahrlich, Ihr habt eine schöne Stimme,« sagte Herr von Kraft, als er

in das Gemach eintrat. »Aber warum singt Ihr so traurige Lieder? Ich

kann mich zwar nicht mit Euch messen, aber was ich singe, muß fröhlich

sein, wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt.«

Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreund die

Hand. »Ihr möget recht haben,« sagte er, »was Euch betrifft. Aber wenn

man zu Feld reitet wie wir, da hat ein solches Lied große Gewalt und

Trost, denn es gibt auch dem Tode eine milde Seite.«

»Nun, das ist ja gerade, was ich meine,« entgegnete der Schreiber

des großen Rates. »Wozu soll man das auch noch in schönen Verslein

besingen, was leider nur zu gewiß nicht ausbleibt? Man soll den Teufel

nicht an die Wand malen, sonst kommt er, sagt ein Sprichwort. Uebrigens

hat es damit keine Not, wie jetzt die Sachen stehen.«

»Wie? Ist der Krieg nicht entschieden?« fragte Georg neugierig. »Hat

der Württemberger Bedingungen angenommen?«

»_Dem_ macht man gar keine mehr,« antwortete Dietrich mit wegwerfender

Miene. »Er ist die längste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das

Regieren auch einmal an uns. Ich will Euch etwas sagen,« setzte er

wichtig und geheimnisvoll hinzu, »aber bis jetzt bleibt es noch unter

uns. Die Hand darauf. Ihr meint, der Herzog habe 14000 Schweizer? Sie

sind wie weggeblasen. Der Bote, den wir nach Zürich und Bern geschickt

haben, ist zurück. Was von Schweizern bei Blaubeuren und auf der Alb

liegt -- muß nach Haus.«

»Nach Haus zurück?« rief Georg erstaunt. »Haben die Schweizer selbst

Krieg?«

»Nein,« war die Antwort, »sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld.

Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die das

ganze Heer nach Haus zurückrufen.«

»Und werden sie gehen?« unterbrach ihn der Jüngling, »sie sind auf ihre

eigene Faust dem Herzog zu Hilfe gezogen, wer kann ihnen gebieten,

seine Fahnen zu verlassen?«

»Das weiß man schon zu machen. Glaubt Ihr denn, wenn an die Schweizer

der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Güter und bei Leib- und Lebensstrafe

nach Haus zu eilen,[14] sie werden bleiben? Ulrich hat zu wenig Geld,

um sie zu halten, denn auf Versprechungen dienen sie nicht.«

»Aber ist dies auch ehrlich gehandelt?« bemerkte Georg, »heißt das

nicht, dem Feinde, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen

stehlen und ihn dann überfallen?«

»In der Politika, wie wir es nennen,« gab der Ratsschreiber zur

Antwort und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenüber kein

geringes Ansehen geben zu wollen; »in der Politika wird die Ehrlichkeit

höchstens zum Schein angewandt. So werden die Schweizer z. B. dem

Herzog erklären, daß sie sich ein Gewissen daraus machen, ihre Leute

gegen die freien Städte dienen zu lassen. Aber die Wahrheit ist, daß

wir dem großen Bären mehr Goldgülden in die Tatze drückten als der

Herzog.«

»Nun, und wenn die Schweizer auch abziehen,« sagte Georg, »so hat doch

Württemberg noch Leute genug, um keinen Hund über die Alb zu lassen.«

»Auch dafür wird gesorgt,« fuhr der Schreiber in seiner Erläuterung

fort, »wir schicken einen Brief an die Stände von Württemberg und

ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken,

demselben keinen Beistand zu tun, sondern dem Bunde zuzuziehen.«[15]

»Wie?« rief Georg mit Entsetzen, »das hieße ja den Herzog um sein Land

betrügen. Wollt ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen und

sein schönes Württemberg mit dem Rücken anzusehen?«

»Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter, als etwa

Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen? Von was soll denn Hutten

seine zweiundvierzig Gesellen und ihre Diener besolden? Wovon denn

Sickingen seine tausend Reiter und zwölftausend zu Fuß, wenn er nicht

ein hübsches Stückchen Land damit erkämpft? Und meint Ihr, der Herzog

von Bayern wolle nicht auch sein Teil? Und wir? Unsere Markung grenzt

zunächst an Württemberg --«

»Aber die Fürsten Deutschlands,« unterbrach ihn Georg ungeduldig;

»meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, daß ihr ein schönes Land

in kleine Fetzen reißet? Der Kaiser, wird er es dulden, daß ihr einen

Herzog aus dem Lande jagt?«

Auch dafür wußte Herr Dietrich Rat. »Es ist kein Zweifel, daß Karl

seinem Vater als Kaiser folgt. Ihm selbst bieten wir das Land zur

Obervormundschaft an, und wenn Oesterreich seinen Mantel darauf deckt,

wer kann dagegen sein? Doch sehet nicht so düster aus. Wenn Euch nach

Krieg gelüstet, dazu kann Rat werden. Der Adel hält noch zum Herzog,

und an seinen Schlössern wird sich noch mancher die Zähne einbrechen.

Wir verschwatzen übrigens das Mittagsmahl. Kommt bald nach, daß

wir erfahren, was Frau Sabine uns gekocht hat.« Damit verließ der

Schreiber des großen Rates von Ulm so stolzen Schrittes, als wäre er

selbst schon Obervormund von Württemberg, das Zimmer seines Gastes.

Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach. Zürnend schob

er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mute

zu seinem ersten Kampf geschmückt hatte, in die Ecke. Mit Wehmut

betrachtete er sein altes Schwert, diesen treuen Stahl, den sein Vater

in manchem guten Streite geführt, den er sterbend seinem verwaisten

Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesendet hatte. »Ficht

ehrlich!« war das Symbolum, das der Waffenschmied in die schöne Klinge

gegraben hatte, und er sollte sie für eine Sache führen, die ihre

Ungerechtigkeit an der Stirne trug? Wo er der Kriegskunst erfahrener

Männer, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung zutraute, da

sollten geheime Ränke, die Politika, wie Herr Dietrich sich ausdrückte,

entscheiden? Wo ihn der fröhliche Glanz der Waffen, die Aussicht

auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er nur den habgierigen Plänen

dieser Menschen dienen? Ein altes Fürstenhaus, dem seine Ahnen gerne

gedient hatten, sollte er von diesen Spießbürgern vertreiben sehen?

Unerträglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen, von diesem Kraft

sich belehren lassen zu müssen.

Doch dem Unmut über seinen gutmütigen Wirt konnte er nicht lange Raum

geben, wenn er bedachte, daß ja jene Pläne nicht in seinem Kopfe

gewachsen seien, und daß Menschen, wie dieser politische Ratsschreiber,

wenn sie einmal ein Geheimnis, einen großen Gedanken in Erfahrung

gebracht haben; ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; daß sie sich

mit dem adoptierten Kinde brüsten, als wäre es Minerva, aus ihrem

eigenen harten Kopfe entsprungen.

Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu Tisch

rief.

Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei

weitem erträglicher, als er sich erinnerte, daß ja auch Mariens Vater

dieser Partei folge. Es war ihm, als möchte die Sache doch nicht so

schwarz sein, welcher Männer wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.

Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort,

Das schwer sich handhabt wie des Messers Schneide;

Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig,

Bös oder gut.

Dieses wahre Wort des Dichters möge die Gesinnung Georgs bezeichnen,

die Gesinnung Georgs, der vielleicht allzuschnell seine Ansicht über

jene Dinge ändert. Und wie die düsteren Falten des Unmuts auf einer

jugendlichen Stirne sich schneller glätten, wie selbst schmerzliche

Eindrücke in des Jünglings Seele von freundlichen Bildern leicht

verdrängt werden, so erhellte auch Georgs Seele der freudige Gedanke an

den Abend.

Man hat uns erzählt, daß unter die schönsten Stunden im Leben der Liebe

die gehören, wo die Erwartung sich an schöne Erinnerungen knüpft. Der

Geist sei da ahnungsvoller, das Herz gehobener. So mochte auch Georg

fühlen. Er träumte von den schönen Augenblicken, wo es ihm vergönnt

sein werde, die Geliebte zu sehen, sie zu sprechen, ihre Hand zu fassen

und in ihrem Auge zu lesen.

6.

Und als er sie schwingt nun im luftigen Reigen,

Da flüstert sie leise, sie kann's nicht verschweigen.

_Uhland._

Wenn es möglich gewesen wäre, auf einem Trödelmarkt oder in der Auktion

eines Antiquars ein »Taschenbuch zum geselligen Vergnügen, mit neuen

Tanztouren vom Jahr 1519« aufzufinden, wir hätten nicht leicht so

angenehm überrascht werden können, als durch einen Fund ähnlicher Art,

den uns der Zufall in die Hände spielte.

Wir waren nämlich in vorliegender Historie bis an dieses Kapitel

gekommen, das, um der Sage zu folgen, von einem Abendtanz handeln soll;

da fiel uns auf einmal der Gedanke schwer aufs Herz, daß wir ja nicht

einmal wissen, wie und was man in jenen Zeiten getanzt habe.

Wir hätten zwar schlechthin sagen können, »sie tanzten«, aber wie

leicht wäre geschehen gewesen, daß eine unserer freundlichen Leserinnen

einen Anachronismus gemacht und etwa Georg von Frondsberg in ihren

Gedanken einen Kotillon hätte vortanzen lassen. In dieser Verlegenheit

stießen wir auf das sehr selten gewordene Buch: »Vom Anfang, Ursprung

und Herkommen der Turniere im heiligen römischen Reich. Frankfurth

1564.« Wir fanden in diesem teuern Folianten unter andern trefflichen

Holzschnitten einige, die einen solchen Abendtanz vorstellen, wie

er zuzeiten Kaiser Maximilians, etwa ein Jahr vor dieser Historie,

gehalten wurde.

Wir dürfen beinahe mit Gewißheit annehmen, daß der Abendtanz im Ulmer

Rathaussaal sich in nichts von jenem Angeführten unterschied, und man

wird sich den deutlichsten Begriff von einem solchen Vergnügen machen,

wenn wir eines dieser Bilder beschreiben.

Den Vordergrund nehmen Zuschauer und die Pfeifer, Trommler und

Trompeter ein, die, nach dem Ausdrucke des Turnierbuches, »eins

aufblasen«. Zu beiden Seiten, mehr dem Hintergrunde zu, steht die

tanzlustige Jugend, in reiche, schwere Stoffe gekleidet. In unseren

Tagen sieht man bei solchen Gelegenheiten nur zwei Grundfarben,

schwarz und weiß, worein sich die Herren und Damen, wie in Nacht und

Tag geteilt haben; anders zu jenen Zeiten. Ein überraschender Glanz

der Farben strahlt uns aus jenem Bilde entgegen. Das herrlichste Rot,

vom brennendsten Scharlach bis zum dunkelsten Purpur, jenes brennende

Blau, das uns noch heute an den Gemälden alter Meister überrascht,

sind die freudigen Farben ihrer malerisch drapierten Gewänder. Die

Mitte der Szene nimmt der eigentliche Tanz ein. Er hat am meisten

Aehnlichkeit mit der Polonaise, denn er ist ein Umzug im Saale. Den Zug

eröffnen vier Trompeter mit langen Wappenfahnen an den Instrumenten;

diesen folgt der Vortänzer und seine Dame; diese Stelle bekleidet bei

jedem Tanze wieder ein anderer, und es entschied hiebei nicht die

Geschicklichkeit, sondern der Rang des Tänzers. Auf diese folgen zwei

Fackelträger und dann Paar um Paar der lange Zug der Tanzenden. Die

Damen schreiten ehrbar und züchtig einher, die Männer aber setzen ihre

Füße wunderlich, wie zu kühnen Sprüngen, einige scheinen auch mit den

Absätzen den Takt zu stampfen, wie wir auf jeder Kirchweihe in Schwaben

noch heutzutage sehen können.

So war der Abendtanz zu Ulm. Man blies schon längst zum ersten auf,

als Georg von Sturmfeder in den Rathaussaal eintrat. Seine Blicke

schweiften durch die Reihen der Tanzenden, und endlich trafen sie

Marien. Sie tanzte mit einem jungen, fränkischen Ritter seiner

Bekanntschaft, schien aber der eifrigen Rede, die er an sie richtete,

nicht Gehör zu geben. Ihr Auge suchte den Boden, ihre Miene konnte

Ernst, beinahe Trauer ausdrücken; ganz anders als die übrigen Fräulein,

die, in der wahren Tanzseligkeit schwimmend, ein Ohr der Musik,

das andere dem Tänzer liehen, und die freundlichen Augen bald ihren

Bekannten, um den Beifall in ihren Mienen zu lesen, bald ihren Tänzern

zuwandten, um zu prüfen, ob ihre Aufmerksamkeit auch ganz gewiß auf sie

gerichtet sei.

In gehaltenen Tönen hielten jetzt die Zinken und Trompeten aus und

endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam,

ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu führen. Er flüsterte

ihm zu, daß er selbst schon für den nächsten Tanz mit Bäschen Bertha

versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand für seinen Gast

geworben.

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 3 / 32 段