»Ja, lachet nur,« fuhr der Ratsschreiber fort, dem der ungewohnte

Geist des Weines zu Kopfe stieg, »wenn Ihr wüßtet, wie sie sich

beide um mich reißen. -- Zwar -- die Lichtenstein hat eine verdammte

Art, freundlich zu sein; sie tut so vornehm und ernst, daß man nicht

recht wagt, in ihrer Gegenwart Spaß zu machen, noch weniger läßt sie

ein wenig mit sich schäkern wie Bertha; aber gerade das kommt mir

so wunderhübsch vor, daß ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch

zehnmal fortgeschickt hat. Das macht aber,« murmelte er nachdenklicher

vor sich hin, »weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut

sie sich; laßt nur den einmal über der Ulmer Markung sein, so soll sie

schon kirre werden.«

Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als sonderbare

Stimmen ihn unterbrachen. Schon vorher hatte er mitten durch das

Geräusch der Speisenden diese Stimmen zu hören geglaubt, wie sie in

schleppendem, einförmigem Ton ein paar kurze Sätze hersagten, ohne zu

verstehen, was es war. Jetzt hörte er dieselben Stimmen ganz in der

Nähe, und bald bemerkte er, welchen Inhaltes ihre eintönigen Sätze

waren. Es gehörte nämlich in den guten alten Zeiten, besonders in

Reichsstädten, zum Ton, daß der Hausvater und seine Frau, wenn sie

Gäste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden und bei

jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkömmlichen Sprüchlein zum

Essen und Trinken zu nötigen.

Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, daß der hohe Rat beschloß,

auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern ~ex officio~

einen Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu üben.

Die Wahl fiel auf den Bürgermeister und den ältesten Ratsherrn.

Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel »nötigend« umgangen, kein

Wunder, daß ihre Stimmen durch die große Anstrengung endlich rauh und

heiser geworden waren und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie

Drohung klang. Eine rauhe Stimme tönte in Georgs Ohr: »Warum esset Ihr

denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« erschrocken wandte sich der

Gefragte um und sah einen starken großen Mann mit rotem Gesicht; ehe

er noch auf die schrecklichen Töne antworten konnte, begann an seiner

andern Seite ein kleiner Mann mit einer hohen dünnen Stimme:

»So esset doch und trinket satt,

Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«

»Hab' ich's doch schon lange gedacht, daß es so kommen würde,« fiel

der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung, mit

welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.

»Da sitzt er und schwatzt, statt die köstlichen Braten zu genießen, die

uns die Herren in so reichlicher Fülle vorgesetzt haben.«

»Mit Verlaub,« unterbrach ihn Dietrich von Kraft, »der junge Herr ißt

nichts, er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab' ich's

nicht gleich weg gehabt, daß er gerne zu tief ins Glas guckt? Darum

tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher hält.«

Georg wußte gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam;

er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick

überraschte. Breitenstein hatte sich jetzt über den Schweinskopf mit

der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem Rachen

des Tieres operiert und begann mit großem Behagen und geübter Hand die

weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Bürgermeister auch zu ihm, und

eben als er an einem guten Bissen kaute, hub er an: »Warum esset Ihr

denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?« Dieser sah den Nötigenden

mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine Sprachorgane keine

Zeit. Er nickte daher mit dem Haupte und deutete auf die Reste des

Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme ließ sich aber nicht

irre machen, sondern sprach freundschaftlichst:

»So esset doch und trinket satt,

Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat.«

So war es nun in den »guten alten Zeiten!« Man konnte sich wenigstens

nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu sein. Bald

aber bekam die Tafel eine ganz andere Gestalt. Die großen Schüsseln

und Platten wurden abgetragen und geräumigere Humpen, größere Kannen,

gefüllt mit edlem Wein, aufgesetzt. Die Umtränke und das in Schwaben

schon damals sehr häufige Zutrinken begann, und nicht lange, so äußerte

auch der Wein seine Wirkungen. Dietrich Spät und seine Gesellen sangen

Spottlieder auf Herzog Ulrich und bekräftigten jeden Fluch oder

schlechten Witz, den einer ausbrachte, mit Gelächter oder einem guten

Trunke. Die fränkischen Ritter würfelten um die Güter des Herzogs und

tranken einander das Tübinger Schloß im Weine ab. Ulrich von Hutten

und einige seiner Freunde hielten in lateinischer Sprache eine laute

Kontrovers mit einigen Italienern wegen des Angriffs auf den römischen

Stuhl, den kurz zuvor ein unberühmter Mönch in Wittenberg unternommen

hatte; die Nürnberger, Augsburger und einige Ulmer Herren, die sich

zusammengetan hatten, waren über den Glanz ihrer Republiken in Streit

geraten, und so füllte Gelächter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang

der silbernen und zinnernen Becher den Saal.

Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anständigere, ruhigere

Fröhlichkeit. Dort saßen Georg von Frondsberg, der alte Ludwig Hutten,

Waldburg Truchseß, Franz von Sickingen und noch andere ältliche,

gesetzte Herren.

Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein,

nachdem er sich genugsam gesättiget hatte, seine Blicke und sprach zu

Georg: »Das Lärmen um uns her will mir gar nicht behagen; wie wäre es,

wenn ich Euch jetzt dem Frondsberg vorstellte, wie Ihr in den letzten

Tagen gewünscht habt?«

Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu

werden, stand freudig auf, um dem alten Freunde zu folgen. Wir werden

ihn nicht tadeln, daß sein Herz bei diesem Gange ängstlicher pochte,

seine Wangen sich höher färbten, seine Schritte, je näher er kam,

ungewisser und zögernder wurden. Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn

er einem glänzenden, ruhmbekränzten Vorbild nahte, ähnliche Gefühle

bestürmt? Wem sank da nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit

zusammen, während der Gefeierte zum Riesen wuchs? Georg von Frondsberg

galt schon damals für einen der berühmtesten Feldherren seiner Zeit.

Italien, Frankreich und Deutschland erzählten von seinen Siegen, und

die Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der

Stifter und Gründer eines geordneten, in Reihen und Gliedern fechtenden

Fußvolkes. Sagen und Chroniken erhielten das Bild dieses Helden bis

auf unsere Tage, und wer gedenkt nicht unwillkürlich jener homerischen

Helden, wenn er von diesem Manne liest: »Er war so stark an Gliedern,

wenn er den Mittelfinger der rechten Hand ausstreckte, daß er damit

den stärksten Mann, so sich steif stellte, vom Platz stoßen, ein

rennendes Pferd beim Zaum ergreifen und stellen, die großen Büchsen und

Mauerbrecher allein von einem Ort zum andern führen konnte?« Zu ihm

führte Breitenstein den Jüngling.

»Wen bringt Ihr uns da, Hans?« rief Georg von Frondsberg, indem er den

hochgewachsenen, schönen, jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.

»Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr,« antwortete Breitenstein,

»ob Euch nicht beifällt, in welches Haus er gehören mag?«

Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte Truchseß

von Waldburg wandte prüfend sein Auge herüber. Georg war schüchtern

und blöde vor diese Männer getreten; aber sei es, daß die freundliche,

zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es, daß er fühlte,

wie wichtig der Augenblick für ihn sei, er bekämpfte die Scham, den

Blicken so vieler berühmter Männer ausgesetzt zu sein und sah ihnen

entschlossen und mutig ins Gesicht.

»Jetzt, an diesem Blick erkenne ich dich,« sagte Frondsberg und bot ihm

die Hand, »du bist ein Sturmfeder?«

»Georg Sturmfeder,« antwortete der junge Mann, »mein Vater war Burkhard

Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer Seite.«

»Er war ein tapferer Mann,« sprach der Feldhauptmann, dessen Auge immer

noch sinnend auf Georgs Zügen ruhte, »an manchem warmen Schlachttag

hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, sie haben ihn allzu frühe

eingescharrt! Und du,« setzte er freundlicher hinzu, »du hast dich

eingestellt, um seiner Spur zu folgen? Was treibt dich schon so frühe

aus dem Neste, und bist kaum flügg?«

»Ich weiß schon,« unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer

Stimme; »das Vöglein will sich ein paar Flöckchen Wolle suchen, um das

alte Nest zu flicken!«

Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte

eine hohe Glut auf die Wange des Jünglings. Er hatte sich nie seiner

Dürftigkeit geschämt, aber dieses Wort klang so höhnend, daß er sich

zum erstenmal dem reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte. Da fiel

sein Blick über Truchseß Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes

wohlbekannte Erkerfenster, er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken, und

sein alter Mut kehrte wieder, »Ein jeder Kampf hat seinen Preis, Herr

Ritter,« sagte er, »ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen; _was_

mich dazu treibt, kann _Euch_ gleichgültig sein.«

»Nun, nun!« erwiderte jener, »wie es mit dem Arm aussieht, werden wir

sehen, im Kopfe muß es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus Spaß

gleich Ernst macht.«

Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg

aber nahm ihn freundlich bei der Hand; »Ganz wie dein Vater, lieber

Junge; nun, du willst zeitlich zu einer Nessel werden.[13] Und wir

werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Flecke sitzt. Daß du

dann nicht der Letzte bist, darfst du gewiß sein.«

Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit und

Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten Mannes übten so

besänftigende Gewalt über Georg, daß er die Antwort, die ihm auf der

Zunge schwebte, zurückdrängte und sich schweigend von der Tafel in ein

Fenster zurückzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stören, teils

um sich genauer zu überzeugen, ob die flüchtige Erscheinung, die er

vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei.

Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu

Waldburg: »Das ist nicht die Art, Herr Truchseß, wie man tüchtige

Gesellen für unsere Sache gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb

soviel Eifer für die Sache von uns, als er zu uns brachte.«

»Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?« fuhr jener

auf. »Was braucht es da? Er soll einen Spaß von seinem Obern ertragen

lernen.«

»Mit Verlaub,« fiel ihm Breitenstein ins Wort, »das ist kein Spaß, sich

über unverschuldete Armut lustig zu machen; ich weiß aber wohl, Ihr

seid seinem Vater auch nie grün gewesen.«

»Und,« fuhr Frondsberg fort, »sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch

nicht. Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet, also kann er noch

immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen

Fahnen diente, so möchte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hänseln, er

sieht mir nicht danach aus, als ob er sich viel gefallen ließe!«

Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch, den er in seinem Leben nie

ertragen konnte, blickte Truchseß den einen und den andern an, mit

so wutvollen Blicken, daß sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel

schlug, um noch ärgeren Streit zu verhüten: »Laßt doch die alten

Geschichten!« rief er. »Ueberhaupt wäre es gut, wir heben die Tafel

auf. Es dunkelt draußen schon stark, und der Wein wird zu mächtig.

Dietrich Spät hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht,

und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine

Schlösser niederbrennen oder verteilen soll.«

»Laßt sie immer,« lachte Waldburg bitter, »die Herren dürfen ja heute

machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden.«

»Nein,« antwortete Ludwig Hutten, »wenn einer von so etwas reden

darf, bin ich es, als der Bluträcher meines Sohnes; aber ehe noch

der Krieg erklärt ist, müssen solche Reden unterbleiben. Mein Vetter

Ulrich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern über den Mönch von

Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn gerät.

Laßt uns aufbrechen.«

Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als die

nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch allgemein.

4.

Wollt ihr wissen, was die Augen sein,

Womit ich sie sehe durch alle Land'?

Es sind die Gedanken des Herzens mein,

Damit schau ich durch die Mauer und Wand.

_Walther von der Vogelweide._

Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurückgezogen, nicht so

entfernt gestanden, daß er nicht jedes Wort der Streitenden gehört

hätte. Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg

sich des unberühmten, verwaisten Jünglings angenommen hatte, zugleich

aber konnte er es sich nicht verbergen, daß sein erster Schritt in

die kriegerische Laufbahn ihm einen mächtigen, erbitterten Feind

zugezogen hatte. Der Truchseß war zu bekannt im Heere wegen seines

unversöhnlichen Stolzes, als daß Georg hätte glauben dürfen, Huttens

vermittelnde und besänftigende Worte haben jede Erinnerung an diesen

Streit verlöscht, und daß Männer von Gewicht wie Waldburg, in solchen

Fällen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld

nicht erlassen, war ihm aus manchen Fällen wohl bekannt. Ein leichter

Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken, und er sah, als

er sich umwandte, seinen freundlichen Nebensitzer, den Schreiber des

großen Rats, vor sich.

»Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen,« sprach

Dietrich von Kraft, »und es möchte Euch auch jetzt etwas schwer werden,

denn es ist bereits dunkel, und die Stadt ist überfüllt.«

Georg gestand, daß er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber, in

einer der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen zu bekommen.

»Darauf möchte ich doch nicht so sicher bauen,« entgegnete jener,

»und gesetzt, Ihr fändet auch in einer solchen Schenke einen Winkel,

so dürft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, daß Ihr schlecht genug

bedient seid. Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint, so

steht sie Euch mit Freuden offen.«

Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, daß Georg

nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe

befürchtete, die gastfreundliche Einladung möchte seinen Wirt gereuen,

wenn die gute Laune zugleich mit den Dünsten des Weines verflogen sein

werde. Jener aber schien über die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch

erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und führte

ihn aus dem Saal.

Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick

dar. Die Tage waren noch kurz, und die Abenddämmerung war während

der Tafel unbemerkt hereingebrochen, man hatte daher Fackeln und

Windlichter angezündet; ihr dunkelroter Schein erhellte den großen

Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern

der gegenüberstehenden Häuser und auf den blanken Helmen und

Brustharnischen der Ritter. Wildes Rufen nach Pferden und Knechten

scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden

Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in

das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen

Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht vom Feinde überfallenen

Posten als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahle glich.

Ueberrascht blieb Georg unter der Halle stehen. Der Anblick so vieler

fröhlicher Gesichter, der kräftigen Gestalten, die in jugendlichem Mute

ansprengten, kühne Reiterkünste übten und dann singend und jubelnd

in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden; dieser

nächtliche, flüchtige Anblick erinnerte ihn, wie ungewiß, wie schnell

auch diese Tage vorübergehen werden, wie alle diese fröhlichen Gesellen

dem tiefen Ernste des Krieges entgegenziehen, wie mancher noch ehe der

Frühling völlig herauf ginge, mit seinem Körper den grünenden Rasen

decken werde, wie sie gefallen sein werden, ohne mit ihrem Blute etwas

eingelöst zu haben, als die Träne eines Kameraden und den kurzen Ruhm,

als brave Männer vor dem Feinde geblieben zu sein.

Unwillkürlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen

Kampfpreis wußte. Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen, aber

der schwärzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke über den Platz

hinzog, verhüllte die Gegenstände wie mit einem Schleier und ließ sie

nur wie ungewisse Schatten sehen; unbefriedigt wandte er sein Auge ab.

»So ist auch meine Zukunft,« sagte er zu sich; »das Jetzt ist helle,

aber wie dunkel, wie ungewiß das Ziel!«

Sein freundlicher Wirt riß ihn aus diesem düstern Sinnen mit der Frage,

wo seine Knechte mit seinen Pferden seien? Wenn der Platz, worauf sie

standen, heller erleuchtet gewesen wäre, so hätte vielleicht der gute

Kraft eine flüchtige, aber brennende Röte, die bei dieser Frage über

Georgs Wangen zog, bemerken können. »Ein junger Kriegsmann,« antwortete

er schnell gefaßt, »muß sich so viel wie möglich selbst zu helfen

wissen, daher habe ich keinen Diener bei mir; mein Pferd aber habe ich

Breitensteins Knechten übergeben.«

Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen

Mannes gegen sich selbst, gestand aber, daß er, wenn er einmal zu Felde

ziehe, den Dienst nicht so strenge lernen werde. Ein Blick auf sein

zierlich geordnetes Haar und den fein gekräuselten Bart überzeugte

Georg, daß sein Begleiter aus voller Seele spreche, und die zierliche

bequeme Wohnung, in welcher sie bald darauf anlangten, widersprach

diesem Glauben nicht.

Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte

Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren längst

abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in seinen

Posten beim großen Rate eintrat. Er hätte sich vielleicht längst um

eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen, wenn nicht die Anmut

des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil, von allen

jungen Damen der Stadt als eine gute Partie (nach heutigen Begriffen)

angesehen und honoriert zu werden, vor allem aber, wie man sich ins

Ohr flüsterte, die entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und

Haushälterin vor einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem

Schritte abgehalten hätte.

Herr Dietrich hatte ein großes Haus, nicht weit vom Münster, einen

schönen Garten am Michelsberg, sein Hausgeräte war im besten Stande,

die großen eichenen Kasten voll des köstlichen Linnenzeuges, das

die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den

langen Winterabenden zusammengesponnen hatten; die eiserne Truhe

im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgülden,

Herr Dietrich selbst war ein hübscher, solider Herr, ging immer

geschniegelt und gebügelt, mit gesetztem, anständigem Gang in den

Rat, hatte einen guten Haus- und Ratsverstand, war aus einer alten

Familie; war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und

jedes hübsche Ulmer Stadtkind sich glücklich geschätzt hätte, in diesen

bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen?

Georg kamen übrigens diese Verhältnisse bei näherer Besichtigung

nichts weniger als lockend vor. Die einzigen Hausgenossen des

Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener, zwei große Katzen

und die unförmig dicke Amme. Diese vier Geschöpfe starrten den Gast

mit großen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen, wie ungewohnt

ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei. Die Katzen umgingen

ihn schnurrend, mit gekrümmtem Rücken, die Amme schob unmutig an der

ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie für zwei

Personen das Abendessen zurichten solle? Als sie aber nicht nur ihre

Frage bestätigen hörte, sondern auch den Auftrag (man war ungewiß,

war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten Stock für

den Gast zuzurichten, da schien ihre Geduld erschöpft; sie ließ einen

wütenden Blick auf ihren jungen Gebieter schießen und verließ mit

ihrem Schlüsselbund rasselnd das Gemach. Georg hörte noch lange die

hohltönenden Treppen unter ihren schweren Tritten erbeben, und die öde

Stille des großen Hauses gab in vielfältigem Echo das Gepolter der

Türen zurück, welche sie im Grimme hinter sich zuwarf.

Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei große Armstühle an

den ungeheuren Ofen gerückt; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen

Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen

silbernen Becher mit Wein und entfernte sich dann, nachdem er einige

leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte. Herr Dietrich lud seinen

Gast ein, an seiner gewöhnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen. Er

öffnete den schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel.

Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm

erzählte, daß er seit seinem zehnten Jahre alle Abende mit der Amme

an diesem Spiele sich ergötze. Wie öde, wie unheimlich kam ihm das

Haus vor. Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und

Bewegung erinnert, jetzt aber lag Grabesstille über den weiten Gängen

und Gemächern, nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom Ticken des

Holzwurmes im schwärzlichen Getäfel und von dem eintönigen Rollen

der Würfel unterbrochen. Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes für

ihn gehabt, seine Gedanken waren auch ferne davon, und die tiefe

Melancholie der öden Gemächer und der Gedanke, nur wenige Straßen von

ihr entfernt, doch den lang ersehnten Anblick der Geliebten entbehren

zu müssen, breitete düstere Schatten über seine Seele. Nur die

ungeheuchelte Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle Spiele zu gewinnen,

die seinem gutmütigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh, entschädigte

ihn für den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden.

Mit dem Schlage der achten Stunde führte Dietrich seinen Gast zum

Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet hatte,

denn sie wollte der Ehre des Kraftischen Hauses nichts vergeben.

Hier öffnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner

Beredsamkeit, indem er seinem Gaste das Mahl durch Gespräch zu würzen

suchte. Aber umsonst spähete dieser, ob er nicht von seinem schönen

Mühmchen reden werde; nur _eine_ Ausbeute bekam er: Kraft zählte unter

den württembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den

Ritter von Lichtenstein auf. Doch schon dieses Wort erweckte dankbare

Gefühle gegen die Wendung seines Schicksals in ihm. Jetzt erst freute

er sich, einer Partei beigetreten zu sein, die ihm sonst, außer den

berühmten Namen, die sie an der Spitze trug, ziemlich gleichgültig

war. So aber hatte auch ihr Vater sich in dem Sammelplatze des Heeres

eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen, daß ihm das Glück

vergönnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu fechten, so trug er

doch die Gewißheit in der Brust, ihm beweisen zu können, daß Georg von

Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im Heere sei.

Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach

und schied von ihm mit einem herzlichen Glückwunsch für seine Ruhe.

Georg sah sich das Gemach, das man ihm angewiesen hatte, näher an

und fand, daß es ganz zu dem öden Hause passe. Die runden, vom Alter

geblendeten Scheiben der Fenster, das dunkle Täfelwerk an Wand und

Decke, der große, weit vorspringende Ofen, selbst das ungeheure Bette

mit breitem Himmel und steifen schweren Gardinen, sie gewährten ein

düsteres, beinahe trauriges Ansehen. Aber dennoch war alles zu seiner

Bequemlichkeit eingerichtet. Frische, schneeweiße Linnen blinkten ihm

einladend aus dem Bette entgegen, als er die Vorhänge zurückschlug;

der Ofen verbreitete eine angenehme Wärme, eine Nachtlampe war an der

Decke aufgehängt, und selbst der Schlaftrunk, ein Becher wohlgewürzten,

warmen Weines, war nicht vergessen. Er zog die Gardinen vor und

ließ die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele vorüberziehen.

Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorüber, dann aber verwirrten

sie sich, in buntem Gedränge führten sie seine Seele in das Reich der

Träume, und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild

der Geliebten.

5.

-- Ist's kein Wahn?

Will der Holde, Vielgetreue,

Dem ich Herz und Leben weihe,

Heute noch zu Gruß und Kusse nahn?

_F. Haug._

Wilhelm Hauffs sämtliche Werke in sechs Bänden. Bd. 3 · 第 2 / 32 段