der von Tränen glänzte, lange und schweigend an. Wie du bleich bist!
sagte sie dann. All das hab' ich dir zuleide getan. Aber nun ist es
vorbei. Ich habe Wort gehalten: hier bin ich, dein Weib, keines
Menschen sonst, und wenn ich darüber hier und dort verderben müßte! O
Amadeo, warum ist die Welt so voll böser Menschen! Warum werfen sie
Schmutz auf das Reinste und lästern das Heiligste! Warum zwingen sie
uns vor dem Angesicht Gottes zu Lüge und Meineid, daß wir Ja mit den
Lippen sagen, wenn unser Herz Nein ruft! Nun haben sie es dahin
gebracht, daß ich nur zu wählen hatte zwischen zwei Sünden: mich dem
zu ergeben, den ich verachte, oder wie ein Dieb in der Nacht zu dem zu
schleichen, der vor der Welt nie mehr der Meine sein soll. Aber nicht
wahr, Amadeo, Gott mißt mit anderem Maß als diese selbstsüchtigen
Menschen? Er will nicht, daß ich dir die Treue breche. Er kann auch
nicht wollen, daß wir beide zugrunde gehen, ich im Kloster vergraben,
du lieblos und freudenlos in der einsamen Welt. Er hat dich für mich
geschaffen, mich für dich. Nun nimm mich hin, denn dir gehöre ich!
Der andere hat mich mit keinem Finger berühren dürfen. Als man uns
allein gelassen, hab' ich ihm gesagt: Wenn Ihr es je versucht, mir zu
nahen, heute oder wann es immer sei, so ermordet Ihr mich. Denn ich
habe es Gott zugeschworen, die Stunde nicht zu überleben, wo Ihr Euch
erfrecht hättet zu glauben, daß Ihr Rechte auf mich besäßet. Ich
habe Euch all dies vorausgesagt. Ihr habt dennoch Euern Willen
durchgesetzt. So will ich nun meinen durchsetzen.--Und damit ließ
ich ihn stehen und verschloß mich in meinen Zimmern, bis ich
wußte, daß alles im Hause schlief. Dann half mir Nina in diese
Männerkleider--und nun bin ich hier! O Amadeo, das Glück, dir zu
gehören, wäre zu groß, hätte ich es nicht durch Kampf und Gefahr
erkaufen müssen!
Sie stürzte mir an den Hals und verbarg ihre glühenden Wangen an
meiner Schulter. Alle Glut und Leidenschaft, die ihr Mädchenstolz in
den Wochen unseres Brautstandes zurückgedrängt und kaum mit einem
Blick verraten hatte, brach in hoher Flamme aus und schlug über meinem
schwindelnden Haupte zusammen.
Als wir wieder zu denken und zu sprechen vermochten, erzählte sie mir
alles, was seit der Trennung sich zugetragen hatte, die Ränke der
Mutter, die hilflosen Versuche des Vaters, sich und sein Kind gegen
die geistliche Obermacht zu verteidigen, ihr vergebenes Bemühen, durch
unerschütterliche Wahrhaftigkeit die Feinde zu beschämen und endlich
zu entwaffnen. Erst als sie gesehen, daß alles umsonst sei, daß man
sie ohne Erbarmen dem Vater entreißen und in ein entlegenes Kloster
einschließen würde, von wo sie nicht einmal einen Brief an mich
gelangen lassen könnte, habe sie plötzlich sich entschlossen, zum
Schein in alles zu willigen, um sich und mich zu retten. Sie haben es
gewußt und gewollt, sagte sie. Am Ende ist es ihnen auch nur um den
Schein des Sieges zu tun. Ob meine Seele darüber zugrunde geht, was
liegt ihnen daran? Haben sie der Frau, der mein armer Vater den Namen
gab, je darüber gezürnt, daß sie jeder Leidenschaft den Zügel schießen
läßt? Sie sind alle Knechte des Scheins, weil sie den Anblick der
Wahrheit, der sie beschämen würde, nicht ertragen können! O Amadeo,
wie hundertmal habe ich Pläne gefaßt, zu dir zu fliehen und dann offen
vor der Welt zu bekennen, daß ich dein Weib bin und sein werde bis in
alle Ewigkeit. Aber du weißt nicht, wie mächtig sie sind. Wenn wir
jetzt fortreisten Tag und Nacht, sie holten uns ein, und es wäre dein
sicherer Tod. Und dann--mein armer Vater! Er überlebte es nicht,
sich von mir zu trennen, und so! Aber sei nicht traurig. Wir gehören
uns nun, und die darum wissen, sind treu. Vergib, daß ich dir nicht
heute früh schon schrieb, ich würde kommen. Ich wußte nicht, ob ich
es ausführen könnte, ob er mich nicht niederstieße, der Elende, wenn
ich mich weigerte, ihn als meinen Herrn anzuerkennen. Und wäre ich
dann ausgeblieben, hättest du nicht noch furchtbarer gelitten als so
im Ungewissen, da du doch mein Wort hattest, ich sei dir treu und
würde niemand angehören als dir? Nun komme ich jede Nacht. Nina
bleibt indessen zurück und spielt meine Rolle, für den Fall, daß man
mich doch einmal suchte und vermißte, und der Portier dort im Hause
ist ein braver Mann und haßt seinen Herrn, und für dich wäre er durchs
Feuer gegangen.
Sie sah, daß ich mitten in allem Glück, da ich mein Weib auf dem
Schoße hielt, still und nachdenklich dasaß. Was hast du? fragte sie.
Du bist traurig!
Daß wir uns erschleichen müssen, sagt' ich, was unser heiliges Recht
ist; daß wir in Nacht und Geheimnis uns verstecken müssen, als wäre es
Verbrechen, zu halten, was wir uns gelobt haben!
Denke nicht daran, sagte sie und strich mir mit der Hand über die
Stirn. Was kommen mag, können wir es wissen? Wir haben nichts gewiß
als diese Stunde und unser Herz. Warum sollen wir nicht Gott dafür
danken, der wissen wird, daß es so besser ist? Komm, ich will hier
nicht sitzen wie dein Liebchen, die Hände in den Schoß legen und
anderen überlassen, für dich zu sorgen. Du wirst hungrig sein, und
auch ich habe seit gestern nacht keinen Bissen genossen. Ich weiß ja
noch, wo Fabio seine Vorräte hat. Laß mich von deinen Knien aufstehen,
mein geliebter Mann; ich will uns einen Hochzeitsschmaus rüsten, der
soll fröhlicher sein, als der andere heut, wo ich sah, wie meinem
armen Vater jeder Tropfen Wein zu Galle wurde.
Sie sprang auf und eilte hinaus in Kammern und Keller. Ich rückte
indes ein Tischchen mitten ins Zimmer und zündete alle Lichtstümpfchen
an, die auf den verstaubten Wandleuchtern steckten. Als sie wieder
hereinkam, Teller und Gläser tragend, blieb sie mit einem fröhlichen
Ausruf an der Schwelle stehen. Dann eilte sie, den Tisch zu decken,
und goß selbst aus der schweren Korbflasche unsere Gläser voll. Komm,
sagte sie, auf unser Glück! Wenn wir doch deine Schwester hier
hätten--andere Hochzeitsgäste wollt' ich gern entbehren!
Dann trank sie und fing darauf an, mich zu bedienen, indem sie mir
Fleisch und Oliven auf den Teller legte und das Brot schnitt und mir
zuredete, zu essen, wie ein Hausmütterchen. Ich genoß ihretwegen von
allem ein weniges, obwohl mich nicht nach Essen verlangte. Auch sie
naschte nur, bis ich sie fütterte wie ein Kind und ihr die zartesten
Schnitten des kalten Geflügels an den Mund hielt. Sie öffnete ihn
lachend und ließ mich gewähren. Nun aber bin ich wirklich satt, sagte
sie und stand auf. Nun will ich noch dafür sorgen, daß du ein
besseres Bett bekommst als die Polster da am Boden. Denn Fabio denkt
an so etwas nicht. So ein alter Soldat fühlt kaum, ob er auf der
nackten Erde liegt oder auf Federn. Das klügste freilich wird sein,
du schläfst in meinem Zimmer droben, wo noch mein Bett steht, statt
hier unten zu hausen, wo doch einmal einer hereinsieht und dich verrät.
Sie hing sich an mich und führte mich, nachdem wir die Lichter
ausgelöscht hatten, in ihr kleines Zimmerchen hinauf. Als wir an
Fabios Schlafkammer vorbeikamen, horchte ich, ob er sich rühre. Sei
unbesorgt, flüsterte sie. Er weiß, daß ich hier bin. Vorhin, als ich
den Wein holte, begegnete ich ihm, wie er aus dem Garten kam, und da
hatte er die Früchte für unser Hochzeitsessen gepflückt. Er weinte
und küßte mir wie außer sich die Hände. Aber er kommt jetzt nicht zum
Vorschein, um uns nicht zu stören.--Der Morgen graute noch nicht, als
sie selbst daran erinnerte, daß wir uns trennen müßten. Ich bestand
darauf, sie in die Stadt zu begleiten, und als sie mich in der
Vermummung sah, in der ich mich schon bei Tage hinausgewagt hatte,
ließ sie es geschehen. Sie selbst drückte sich wieder den breiten Hut
in die Stirn, und ich wickelte sie dicht in ihren Mantel ein. So
verließen wir das Gittertor und wanderten der Stadt zu. Kein Mensch
war auf den Straßen zu sehen, kein Licht brannte, am Himmel stand nur
der Morgenstern im fahlen Blau, und der Wind kam frisch von Norden.
Wir sprachen kaum ein Wort auf dem ganzen Weg. Mein Herz war beklommen,
und auch sie schien das Unnatürliche unserer Lage jetzt erst zu
empfinden, da wir uns trennen sollten. Als wir an ihrem Hause
angekommen waren, hielt sie mich lange mit Tränen an sich gepreßt, ehe
sie dem Pförtner das verabredete Zeichen gab. Auf morgen! sagte sie
und löste sich von meinem Halse. Dann glitt sie in die halbgeöffnete
Tür, und ich stand in der Finsternis allein.
Ein bitteres Gefühl überkam mich. So hatte ich sie wieder hingeben
müssen, die Meine, die niemand als mir gehören wollte, in ein fremdes
Haus, dessen Tür mir ewig verschlossen bleiben sollte. Hier an der
Schwelle mußt' ich stehen und, wenn der Hausherr zufällig
herausgetreten wäre, mich in einen Winkel drücken wie ein Dieb, der
dem Häscher ausweicht. Und was sollte daraus werden? wie das Leben
ertragen werden, das solche Schleichwege ging? War das noch ein Glück,
das täglich mit Qual und Sorge erkauft werden mußte?
Ich war noch nicht wieder in der Villa angelangt, als mein Entschluß,
dem Unerträglichen ein Ende zu machen, schon unerschütterlich in mir
feststand. Sofort wurde mir leicht ums Herz, und ich konnte, während
ich im Morgengrauen auf der öden Straße dahinschritt, nun erst mich
meines Glückes freuen und bis ins kleinste alles überlegen, was zu tun
war, um es mir nie wieder entreißen zu lassen. Draußen fand ich den
Alten schon im Garten beschäftigt. Ich weihte ihn in mein Vorhaben
ein, und obwohl er es schwieriger ansah als ich, willigte er doch
endlich in alles, was ich von ihm verlangte: keine leichten Opfer, in
seinen Jahren, und da er sich von seiner Tochter trennen sollte. Er
hatte aber geradezu keinen Willen, wo es sich um Bicetta handelte.
Dann verbrachten wir den Tag mit Vorbereitungen, und ich hatte mehr
als einmal die Umsicht und Vorsorglichkeit des alten Soldaten zu
bewundern. Den Nachmittag verschlief ich.--Nachts, schon von zehn Uhr
an, war ich auf meinem Posten in der Nähe des Stadttores, durch das
sie kommen mußte. Wir hatten es nicht verabredet, daß ich ihr
entgegengehen sollte. Als ich darum aus meinem Lauerwinkel hervortrat
und leise ihren Namen rief, sah ich sie heftig zusammenfahren und nahm
rasch den Hut vom Kopf, und da erkannte sie mich und reichte mir unter
dem Mantel die Hand, die noch zitterte, und so gingen wir, uns stumm
anblickend, unseres Weges. Denn noch kamen einzelne Leute, die nach
der Stadt heimkehrten, an uns vorbei und hätten Verdacht schöpfen
können, wenn unter dem breiten Männerhut die zarte Stimme
hervorgeklungen wäre. Erst draußen in dem Gartensaal, wo es hell und
traulich war und ein ländliches Essen, von Fabio hergerichtet, uns
erwartete, löste sich ihre Zunge. Sie erzählte, wie ihr der Tag
vergangen war, wie langsam und unheimlich. Richino habe eine starre
Kälte zur Schau getragen, vielleicht in der Hoffnung, sie dadurch zu
demütigen und ihr ein Entgegenkommen abzutrotzen. Vor der Welt, den
Eltern, den vielen Besuchern spiele er die Rolle des glücklichen
jungen Ehemanns. Am Abend aber habe er sich, ohne eine Silbe zu
sprechen, gegen sie verneigt und sich sofort in sein Zimmer
zurückgezogen.
So kann es nicht fortgehen, sagte ich plötzlich, nachdem ich lange
geschwiegen hatte. Es ist deiner so unwürdig wie meiner. Wir müssen
ein Ende machen; es kostet nichts mehr als deinen Entschluß; der meine
ist schon gefaßt.
Amadeo! sagte sie und sah mich groß an. Was kannst du meinen?
Trennung? Lieber töte mich!
Nein, sagt' ich; du darfst nicht erschrecken. Ich mute uns nichts
Übermenschliches zu, weder dir noch mir. Dich verlassen--mein
Weib--mein anderes Ich--, du hast recht, das wäre der Tod! Aber was
wir jetzt haben, ist schlimmer als Tod, ist ein Leben, das die
Freiheit und den Adel unserer Seele mordet und uns beide, früher oder
später, zugrunde richten wird. Und wenn es glückte, was undenkbar ist,
daß ich hier verborgen bliebe, Jahr für Jahr, in welchem Zustande
schleppte ich meine Tage hin, müßig und öde, von allen Menschen, außer
dir, abgeschnitten, von meinen Lebenszielen verbannt, verzehrt von der
Qual, in dieser Verschollenheit ein wertloses Dasein zu fristen! Aber
auch unter günstigeren Umständen--wenn ich frei zu dir ins Haus kommen
könnte und als dein Kavalier gelten--, ich bin nun einmal unfähig,
Lüge und Halbheit zu ertragen. Was ich fühle, muß ich bekennen, was
ich besitze, als mein anerkennen dürfen. Begreifst du, was ich meine?
Sie nickte und sah nachdenklich vor sich nieder.
Ich weiß, daß es dir schwer wird, fuhr ich fort und nahm ihre Hand,
die ganz kalt und leblos war. Du sollst nun für immer fort, deinen
Vater nie wiedersehen, wenn er sich nicht das Herz faßt, zu uns zu
kommen, deine Heimat verlassen und alles, was dir von Jugend auf lieb
gewesen, nicht mehr in der Kirche knien, an derselben Stelle, wo deine
Mutter gebetet hat. Und nun graut dir vor der Fremde, um so mehr, da
du dahin fliehen sollst, statt mit Freuden und Ehren deinen Einzug zu
halten, und du glaubst, auch vor den Menschen, die dich lieben, die
Augen niederschlagen zu müssen. Ist es nicht so, Beatrice?
Sie nickte wieder. Aber dann schlug sie die Augen zu mir auf und
sagte: Ich will alles ertragen, wenn es dich glücklich macht!
Liebes Herz, sagt' ich und schloß sie in meine Arme, du traust mir
zu--nicht wahr?--, daß ich sorgfältig abgewogen habe, was ich dir und
mir schuldig bin, und daß mich kein Opfer schrecken würde, solange es
meine Ehre nicht anficht und mich in deinen Augen nicht erniedrigt.
Und hier ist nur ein Ausweg aus den Schlingen und Banden, in die uns
die Feinde verstrickt haben. Du hast ganz recht gehabt, daß eine
Flucht auch mit den schnellsten Pferden uns nicht gerettet haben würde.
Wir müssen es behutsamer angreifen, wenn man uns nicht einholen soll.
Ich habe mit Fabio gesprochen, er kennt die Wege und Stege nach
Ancona so genau wie seinen Garten. Er will uns führen, wir gehen zu
Fuß, nur bei der Nacht, alle drei in Bauerntracht, und schiffen uns
von da nach Venedig ein. Auch er läßt alles zurück, was ihm hier lieb
und teuer ist, nur um uns frei und glücklich machen zu helfen. Hast
du den Mut, mein Weib, und traust dir die Kraft zu, den weiten Weg mit
deinem Manne anzutreten?
Bis ans Ende der Welt! sagte sie und drückte meine Hand. Du sollst
nicht über mich zu klagen haben. Ich kann alles, was du mir zutraust.
Ich umarmte sie in heftiger Bewegung. Komm! sagte ich dann und stand
auf. Wir wollen etwas essen, uns für die Wanderung zu stärken.
Sie fuhr zusammen. Heute schon, Amadeo? Ich bitte dich, sosehr ich
kann, fordere nur das nicht, daß ich fortgehe, ohne meinen armen Vater
noch einmal gesehen zu haben, ohne die Andenken an meine Mutter, die
ich zu Hause verwahre. Ich verspreche dir, daß mich nichts mehr
wankend machen soll, daß ich mit keiner Träne mich verraten will, wenn
ich meinen Vater zum letzten Male küsse. Aber ich fühle es: ohne das,
ohne ihm wenigstens ein stummes Lebewohl zu sagen, würde ich nirgends
in der Weit zur Ruhe kommen, und das Heimweh zehrte mich auf. Was ist
auch dabei gewagt? Niemand ahnt, daß du hier bist, niemand sieht mich
gehn und kommen. Auch der Nina will ich kein Wort sagen, und wenn ich
morgen abend aus meinem Hause gehe, soll alles für immer hinter mir
liegen, das verspreche ich dir. Nur die wenigen Stunden laß mir noch,
mit allem fertig zu werden. Dann sollst du mich haben, als wäre ich
gerade vom Himmel in deinen Arm gefallen und hätte keine Heimat als
deine Liebe.
Sie sah mich mit einem Blick an, dem ich nicht widerstehen konnte,
obwohl mir jeder Aufschub unheimlich war. So willigte ich ein, und
ihre Heiterkeit, die darauf zurückkehrte, riß auch mich bald aus allen
trüben Gedanken. Wir aßen zusammen, Fabio bediente uns, von unserem
Vorhaben ward weiter kein Wort gesprochen. Dann schickte ich den
Alten zu Bett und trug selbst den Nachtisch herein und eine kleine
Flasche eines süßen Weins, den sie gern trank, nur fingerhutweise,
aber schon wenige Tropfen röteten ihr blasses Gesichtchen. Wer uns so
gesehen hätte, wie wir an dem kleinen Tisch nebeneinander saßen, sie
immer noch in ihren Männerkleidern, nur das Haar frei über die
Schultern herabfallend, wie sie mir das Glas vom Munde wegnahm, um
daraus zu trinken, von meinem Teller aß, dann das Kätzchen, das
herbeischlich, mit Orangenschalen bewarf, und wenn es sich damit jagte,
mich plötzlich küßte, als hätte nun eine dritte Person den Rücken
gewendet und wir brauchten uns keinen Zwang mehr anzutun--wer hätte da
geglaubt, daß wir, von Gefahren umgeben, diese Stunden uns nur
verstohlen erobert hatten und nur auf den Raub genossen!
Sie stand dann auf und zog mich in den Garten hinaus. Laß mich noch
Abschied nehmen, sagte sie, von meinen lieben Bäumen, dem
Granatstrauch, den Orangenbäumchen und der Fontäne. Morgen ist dazu
keine Zeit.--Wir gingen, Arm in Arm. Sie trank noch einmal aus dem
Marmorbecken, steckte eine Orange zu sich und brach einen Granatzweig.
Die müssen auch mit, sagte sie. Im Norden bei dir wächst so etwas
nicht. Da lerne ich es auch wohl entbehren. Und diesen
Federball--sie hob ihn auf, da sie ihn vergessen im Grase liegen
sah--will ich nicht zurücklassen. Unsere Kinder, setzte sie leiser
hinzu, indem sie sich an mich drückte, unsere Kinder sollen damit
spielen, und dann erzählst du ihnen, daß du dein Herz gegen einen
solchen Ball vertauscht hast.-Wir waren an die Stelle gekommen, wo ich
damals über die Mauer gesehen hatte. Da unter den hohen Zweigen hatte
sich der Rasen noch frisch und weich erhalten, und man atmete die
reinste Luft, die kein Staub beschwerte. Laß uns nicht ins Haus
zurückgehn, sagte ich. Ich will eine Decke bringen und hier unter dem
Laubdach ausbreiten, da wird die Ruhe süßer sein als in unserm
schwülen Zimmer.
Tu's, sagte sie. Ich habe hier schon als Mädchen manche Nacht
geschlafen; Nina legte mir ihren Arm unter den Kopf, dann sah ich die
Sterne durch die Zweige blitzen, bis mir die Augen zufielen.
Ich brachte ein paar Kissen hinaus und ihren Mantel, da legte sie sich
bequem zurecht und gab mir die Hälfte von allem ab. Über uns regte
sich kein Laut, die Blätter hingen müde vom Sonnenbrand an den Zweigen,
nur die Fontäne plätscherte fort, und ich selbst konnte noch keinen
Schlaf finden, obwohl schon längst die stillen Atemzüge meines jungen
Weibes neben mir mich zur Ruhe einluden. Ein paarmal sprach sie aus
dem Traum, ich konnte die Worte nicht verstehen, aber noch jetzt hör'
ich den unschuldig süßen Klang und sehe dabei das Gesicht, das mit
geschlossenen Augenlidern gegen die graue Luft hinaufsah, die Brauen
wie fragend ein wenig gespannt, die Lippen geheimnisvoll lächelnd, als
träume sie Dinge, die sie selbst überraschten, die aber seliger seien
als alles, was sie je erlebt.
Zuletzt überkam auch mich der Schlaf.
Als ich aufwachte--ich weiß nicht, nach wieviel Stunden, aber der
Himmel hatte sich noch nicht gerötet--, fand ich mich allein und mußte
einen Augenblick mich besinnen, wie ich hier herausgekommen war. Dann
erschrak ich, daß sie nicht mehr neben mir ruhte. Warum hatte sie
sich fortgeschlichen? Ich sprang auf, um im Hause nachzusehen, ob sie
wenigstens den Alten zur Begleitung mitgenommen habe. Aber kaum hatte
ich einige Schritte getan, da höre ich, wie die Glocke draußen am
Portal heftig angezogen wird, und es überfiel mich im Nu die
entsetzlichste Ahnung, daß ich alle Vorsicht vergaß und quer durch den
Garten um das Haus herum nach dem Gitter hinstürzte. Dennoch war der
Alte mir zuvorgekommen. Als ich um die Ecke des Hauses bog, sah ich
ihn schon vorn am Portal, bemüht, eine dunkle Gestalt aufzuheben, die
draußen vor der Schwelle zusammengesunken war. Beatrice! schrie ich
und stürzte hinzu. Eben schlug sie, von Fabio gestützt, die Augen auf
und sah mich mit einem Blick der tiefsten Angst und Hoffnungslosigkeit
an. Gleich darauf versuchte sie wieder zu lächeln.
Es ist nichts, Amadeo, hauchte sie mühsam, die Hand aufs Herz gepreßt.
Ich fühle keinen Schmerz, ängstige dich nicht. Bist du mir böse, daß
ich fortging, ohne dich zu wecken? Ich sah dich so sanft schlafen,
und ich dachte auch, es hätte keine Gefahr. Woher sie es nur wissen,
daß du zurückgekehrt bist? Ach ja, ich vergaß dir zu erzählen, daß
Richino gestern mittag plötzlich sagte, auf französisch, damit es
niemand als ich verstehen sollte: Glauben Sie an Gespenster, Madame?
Wenn es welche gibt, so mögen sie spuken, soviel sie wollen. Aber
wenn Lebende sich einfallen lassen, revenants zu spielen, bei meiner
Ehre, so will ich dafür sorgen, sie zu wirklichen Schatten zu machen!
--Ich dachte, es sei nur so geredet. Ach, Amadeo, nun kann ich
freilich nicht reisen, nun mußt du allein fort, noch in dieser Stunde.
--Die zwei, die draußen lauerten, haben freilich gedacht, du kämst
vorbei. Sie riefen mich an, als ich kaum zehn Schritte vom Gitter
fort war. Meinen Namen sollt' ich nennen. Als ich schwieg, taten sie,
was man sie geheißen hatte. Aber es ist nicht gelungen; sieh, ich
kann noch gehen und sogar sprechen. Laß mich hier ohne Sorge, ich
werde gewiß nicht sterben, wenn ich weiß, daß du in Sicherheit bist.
Und dann--ich komme dir nach, sobald ich geheilt bin. Geh, mein
geliebter Mann--eh' es Tag wird--deine Hand--deinen Mund-Da versagte
ihr die Stimme, die Knie brachen ein, wir trugen sie bewußtlos in den
Saal und legten sie auf das niedere Ruhebett. Als wir den Mantel
zurückschlugen und das Röckchen öffneten, überströmte das Blut unsere
Hände. Ich beugte mich über sie, da atmete sie mit einem heftigen
Stöhnen auf und sah mich noch einmal an, und sank dann zurück--und war
stumm für immer.
Von diesem Morgen will ich schweigen.
Als die Sonne durch die Glastür hereinschien, lag ich noch auf der
Erde vor ihrem Ruhebett und starrte in ihr blasses Gesicht. Der Alte
kauerte in einem Winkel und schluchzte still in sich hinein, da hörten
wir draußen ihren Namen rufen, und die Nina kam hereingerannt und fiel
mit einem Schrei über die Tote und gebärdete sich, wie wenn sie selbst
zu Tode getroffen wäre. Dann, im heftigsten Krampf ihres Jammers,
faßte sie sich gewaltsam und wandte sich zu mir. Ihr müßt fort! sagte
sie. Ich bin nur herausgeeilt, sie und Euch zu warnen, denn eben ist
Richino in ihr Schlafzimmer gedrungen und hat sie gesucht, jetzt weiß
ich warum: um ihr zu sagen, daß ihr Geliebter nicht mehr lebe. Denn
daß es so kommen würde, hat er wohl nicht gedacht. Wie er sie nicht
fand, ist er totenblaß geworden und wieder gegangen. Aber glaubt mir,
er wird sie auch hier suchen, und wenn er die gräßliche Spur draußen
findet--horch! da kommen Schritte. Er ist es! Flieht, oder Ihr seid
des Todes!
Ich antwortete ihr nicht. Ich stand auf und blieb neben meinem toten
Weibe stehen. Da öffnete sich die Tür und er trat ein.
Was er auch hatte sagen wollen, als er hereinkam,--der Anblick
versteinerte ihn. Er wankte zurück und mußte sich am Türpfosten
halten. Sein fahles Gesicht verzerrte sich von ratlosem Entsetzen,
ich sah, wie er vergebens nach Atem rang.
Was suchen Sie hier? sagte ich endlich. Sie haben gehofft, mich in
meinem Blute zu finden; Ihre Leute haben Sie schnell bedient, aber sie
vergriffen sich leider in der Person. Nun sind Sie um die
Schadenfreude betrogen worden, Ihr Werk zu krönen und dieses arme Herz,
von dem Ihnen nie ein Blutstropfen gehört hat, mit der Nachricht zu
wecken, daß ihr Geliebter tot sei und nicht wiederkommen würde.--Was
hält mich ab, fuhr ich fort und näherte mich ihm, die Hände in Wut und
wahnsinnigem Schmerz geballt, was hält mich ab, dich jetzt zu
zermalmen, Elender, und dich mit dem Fuße über diese Schwelle
hinauszustoßen, daß du die Luft in diesem heiligen Haus des Todes mit
deinem Atem nicht länger entweihst? Wenn du sie noch geliebt hättest,
Jämmerlicher, daß doch eine menschliche Regung dein Tun beschönigte!
Aber sie an dich reißen, dies königliche Wesen zu dir herabziehen
wollen--nur einem elenden Gelüste zu liebe, und weil andere dich dazu
aufstachelten--geh, sag' ich, verstecke dein Gesicht in ewiges Dunkel,
Mörder! denn das schwöre ich dir: wenn du nur die Hand nach dieser
Toten ausstreckst, nur noch einen Blick auf sie richtest--mit diesen
Händen zerreiße ich dich! Fort!-Mitten in diesem Ausbruch meiner
fassungslosen Wut wurde ich plötzlich gebändigt durch den Anblick
seines Gesichts, auf dem ein Zug des tiefsten Jammers aufzuckte, als
wanke ihm die Erde unter den Füßen und wolle sich auftun, ihn zu
verschlingen. Er sah niemand an, versuchte sich aufzurichten, sank
wie zerschmettert auf der Schwelle zusammen und lag so einige Minuten.
Ich mußte mich abwenden, eine Art Mitleid wollte sich meiner
bemächtigen, das mir noch ein Verbrechen schien. Als ich mich so weit
gesammelt hatte, um ein letztes Wort an ihn zu richten, sah ich, daß
er mit gebrochener Kraft wie ein Trunkener nach dem Gittertor wankte
und den Garten verließ.