Wenn sie so sprach, sah ich wieder den Himmel offen und glaubte an

keine Gefahr oder auch nur einen Aufschub meines Glückes. Wir hatten

die Hochzeit auf den Oktober festgesetzt. Die zwei Monate bis dahin

hoffte ich auch noch zu überstehen. Nur das eine beunruhigte mich,

daß auf die Anzeige meiner Verlobung noch kein Brief weder meiner

Schwester noch meines Schwagers geantwortet hatte. Wie wir uns

kannten, hatte ich keinen Einspruch von ihnen zu befürchten. Ich

konnte mir ihr Schweigen nur mit Krankheit oder anderem Kummer

erklären, den sie mir vorenthalten wollten, und so hell mich das Leben

in nächster Nähe anlachte, diese Sorge quälte mich von Tag zu Tage

peinlicher. Endlich, nach drei Wochen der Ungeduld kam wirklich der

ersehnte Brief; nur mein Schwager hatte geschrieben. Blanche, meine

Schwester, sei nach einer gefährlichen Entbindung in eine schwere

Krankheit gefallen, und noch jetzt stehe es so ungewiß, daß er ihr die

aufregende Nachricht meiner Verlobung nicht habe mitteilen dürfen.

Wenn ich mich irgend losmachen könnte, so wäre es ihnen beiden ein

Trost, mich auf einige Tage wiederzusehen.

Du mußt reisen, sagte meine Liebste, als ich ihr den Brief ohne ein

Wort gegeben hatte. Du mußt gleich morgen fort. Ich werde schon

sehen, wie ich es fertigbringe, die Zeit ohne dich zu überleben.

Schreiben mußt du mir, sobald du zu Hause bist, viel und oft, sooft du

kannst. Wenn ich mit dir reisen könnte, was gäbe ich darum! Aber das

ist ja unmöglich. Grüße mir Blanche und sage ihr, daß ich sie liebe,

und bring ihr diesen Kuß von ihrer Schwester!

Sie umfing mich heftig und küßte mich auf den Mund, den ersten Kuß,

den sie mir gönnte. Denn auch wenn ich sie allein getroffen und im

Scherz und Ernst gebeten hatte, mich nicht so streng in Schranken zu

halten, war sie immer unerbittlich geblieben. Wie oft hatte mich

diese Zurückhaltung gekränkt. Dann brauchte sie nur ein Wort zu sagen

und mir mit ihrem unbeschreiblichen Lächeln die Hand zu reichen, und

jeder Hauch von Unmut oder Zweifel war augenblicklich zerstoben.

So nahm ich denn Abschied im vollsten Gefühl der Sicherheit, daß ich

alles wiederfinden würde, wie ich es verließ. Der alte Herr sah mich

mit sichtbarer Trauer scheiden und wollte mich gar nicht aus seinen

Armen lassen. Die Frau schien ein lebhaftes Interesse an dem Zustande

meiner Schwester zu nehmen und täuschte mich so vollständig, daß ich

ihr unterwegs, sooft ich zurückdachte, vieles abbat, was ich ihr

früher vorgeworfen hatte. Ich ließ einen Teil meines Gepäcks in der

Villa zurück, denn dort hatte ich seit meiner Verlobung gewohnt, von

dem Alten und meiner Freundin Nina aufs freundlichste verpflegt. Ich

rechnete, in höchstens vier Wochen wiederzukehren, vielleicht sogar

Schwester und Schwager mitzubringen, daß sie die Hochzeit mitfeierten.

Nina sollte in die Stadt ziehen, um meiner Liebsten. Gesellschaft zu

leisten. So war alles, wie es schien, aufs beste geordnet, und die

Trennung nur ein Opfer, das ich dem Neide der Götter zu bringen hatte,

ehe sie mich glücklich werden ließen.

Auch fand ich es zu Hause tröstlicher, als ich es mir in zaghaften

Stunden während der langen Fahrt vorgestellt hatte. Blanche war außer

Gefahr erklärt, und es schien, als ob die Freude des Wiedersehens und

alles Gute, was ich ihr zu berichten hatte, ihre Genesung rascher

förderte. Nur freilich war nicht daran zu denken, daß sie mich zur

Hochzeit zurückbegleitete, schon des Kindes wegen, von dem sie sich

nicht getrennt hätte. Auch mein Schwager wurde zu Hause festgehalten;

das Geschäft nahm gerade damals einen so lebhaften Aufschwung, daß wir

beide zu gleicher Zeit unmöglich fehlen konnten. Aber trotzdem

drängten sie mich selbst, bald wieder aufzubrechen, und allerdings war

unter diesen Umständen mein Bleiben auch für sie mehr eine Sorge als

eine Freude.

Denn so fest wir es auch abgeredet hatten, uns oft und viel zu

schreiben, so getreu ich Wort hielt und keinen Posttag versäumte--aus

Bologna kam keine Zeile. Eine Woche lang war ich unerschöpflich in

Vermutungen, dies ganz natürlich aufzuklären. Als ich aber volle

vierzehn Tage in Genf gewartet hatte und weder von meiner Liebsten

noch von irgendwem in ihrem Hause mir nur das geringste Lebenszeichen

zugekommen war, geriet ich in die peinlichste Angst. Mein letzter

Trost war, daß ein jähes Unglück unmöglich geschehen sein könne, da

sonst ja ohne Zweifel unser dortiger Geschäftsfreund mich

benachrichtigt hätte. Freilich, wer bürgte mir, daß er nicht selbst

abwesend war, daß, wenn überhaupt Briefe verloren oder gar

unterschlagen waren, nicht auch die seinigen darunter waren?

Ich mußte endlich aufbrechen, wenn ich nicht zu Grunde gehen wollte.

In welcher Verfassung ich Tag und Nacht im Wagen lag, ist nicht zu

beschreiben. Ich erschrak, als ich, eine Miglie vor der Stadt, meine

Morgentoilette machte und mich dabei im Spiegel sah. Mit solch einem

Bräutigamsgesicht zurückzukehren hatte ich nicht gedacht.

Es war ganz früher Morgen, als ich die wohlbekannte Straße im

schnellsten Jagen dahinrollte und dem Postillon zurief, an jenem

vergitterten Portal vor der Villa zu halten. Ich sprang mit

zitternden Knien hinaus und riß an der Glocke. Es dauerte eine Weile,

bis der Kopf meines guten alten Fabio aus dem Pförtchen vorsah. Als

er mich erkannte, erschrak er heftig, nahm sich nicht Zeit, das alte

Wams über der nackten Brust zuzuknöpfen, und rannte mir entgegen, mit

einer verstörten Miene, daß ich ihm schon aus der Ferne zurief: Sie

ist tot!

Er schüttelte den Kopf und schloß mir eilig auf, Aber der Schrecken

hatte ihm so den Atem versetzt, daß ich erst langsam und unvollständig

ihm alles abfragen konnte. Er sah mein bleiches überwachtes Gesicht

und glaubte mich schonen zu müssen, während er mich nicht grausamer

martern konnte als durch sein Zaudern.

Manches freilich, was im Dunkeln vorbereitet worden war, wußte er

selbst nicht, da er nur von Nina die Hauptsachen erfahren hatte. Ich

aber, der ich die Menschen kannte, blieb über die Triebfedern des

ganzen höllischen Ränkespiels keinen Augenblick im Zweifel.

Kaum hatte ich den Rücken gewandt, so war jener Vetter aus Rom

erschienen, der von früher her Ansprüche auf meine Braut zu haben sich

einbildete. Ob man ihn jetzt erst verschrieben, ob er auch ohne meine

Reise auf eigene Gefahr aufgetaucht wäre, darüber bin ich nie ins

klare gekommen. Er mache eine armselige Figur, sagte Fabio. Eine

Menge Abenteuer und Spiel und Schwelgerei hätten ihn sehr reduziert.

Aber da er der Neffe eines Kardinals und von altem Adel sei, gelte er

noch immer für eine gute Partie. Bicetta habe ihn nie leiden mögen.

Er (Fabio) entsinne sich, daß sie vor drei Jahren hier im Garten ihm

eine derbe Ohrfeige gegeben, weil er sich herausgenommen habe, die

kleine Cousine zu küssen. Da habe er lachend geschworen, für diesen

Schlag solle sie ihm büßen, wenn sie seine Frau geworden. Und jetzt

sei es so weit gekommen, daß er seine Drohung wahr machen könnte. Die

Leute, die die Gewalt hätten, seien alle auf seiner Seite, desgleichen

die Mutter, und den alten Herrn hätten sie so mit den Höllenstrafen

geängstigt, wenn er sein Kind einem Ketzer gäbe, daß er zu Kreuze

gekrochen sei und nichts mehr dreinzureden wage. Aber wenn er die

Bicetta ansehe, so gingen ihm die Augen über und er könne stundenlang

dasitzen und schluchzen wie ein Kind, und mit seiner Frau wechsle er

kein Wort, denn er wisse wohl, daß die an allem schuld sei.

Und Beatrice? fragte ich, während mir der Grimm in allen Adern kochte.

Ja die Bicetta! sagte der Alte. Wer aus der klug würde! Zuerst, als

man ihr zusetzte, sich von dem Lutheraner loszusagen, hat sie immer

wieder erwidert: Ich habe ihm vor Gott gelobt, daß ich sein Weib

werden will, den Eid will ich ihm halten und müßt' ich darum sterben.

--Und davon ist sie nicht abgegangen; nur wie der Vetter ihr seine

Aufwartung gemacht, hat sie ihm ganz kaltblütig gesagt: Gebt Euch

keine Mühe, Richino; und wenn ich auch Amadeo nie gesehen hätte, Euch

würde ich doch nie geliebt haben. Als er dann ihre Hand ergreifen

wollte und anfangen, ihr schöne Dinge zu sagen, habe sie sich, in

Gegenwart der Nina, hoch aufgerichtet und ihm nur erwidert: Ihr seid

ein Elender, Richino, daß Ihr die Hand ausstreckt nach dem, was einem

anderen gehört. Geht! ich verachte Euch!--Und dann hat sie ihn

durchaus nicht mehr sehen wollen. Aber was soll man davon denken,

lieber Herr, daß nun doch Hochzeit sein wird, und die Bicetta

herumgeht, wie Nina sagt, ohne eine Träne zu vergießen, auch nicht

mehr bittet und fleht, weder den Vater, noch die Mutter, noch

irgendeine Menschenseele, ja vielleicht nicht einmal unsern Herrgott?

Sie hat freilich von Euch so wenig einen Brief bekommen wie Ihr die

vielen, die sie an Euch geschrieben und die ich oft selbst nach der

Post getragen habe. Denn es scheint, daß die Herren auf dem

Postbureau wissen, was ihre Schuldigkeit ist, wenn der Neffe eines

Kardinals einem Fremden die Braut wegfischen will. Aber doch ist es

wundersam, daß sie sich so rasch ergeben hat. Denn an Euch und Eurer

Treue konnte sie doch nicht zweifeln. Nina sagt, man habe ihr gedroht,

sie in ein Kloster zu sperren, wenn sie den Vetter nicht nehme. Ein

Kloster ist freilich kein Ort für unsere Bicetta. Aber ich sollte

meinen, immer noch besser, als diesen Mann zu heiraten, da sie Euch

doch lieb hatte, und wie gesagt, mein bißchen Verstand steht mir dabei

still, und auch meine Tochter kann nicht aufhören, sich zu verwundern.

Während der gute Alte das alles sagte und sich nicht getraute, mich

dabei anzusehen, lag ich in einer furchtbaren Betäubung auf einem der

Sessel dem Kamin gegenüber, wo wir damals Hand in Hand gesessen hatten,

als wir uns verlobten. Ich war geradezu unfähig, einen Gedanken zu

fassen, ja auch die Kraft zu empfinden, zu lieben und zu hassen,

schien plötzlich gelähmt und alle Lebensregung zu stocken, wie wenn

die Feder in einer Uhr durch einen Schlag gesprengt ist. Erst nach

einer ganzen Weile fand ich die Besinnung, zu fragen, wann denn die

Hochzeit sein solle. Heute nachmittag, sagte der Alte mit furchtsamer

Stimme. Da sprang ich in die Höhe, von der Nähe der furchtbaren

Entscheidung aus meiner Ohnmacht aufgerüttelt.

Der Graubart faßte mich an beiden Händen und sah mir erschrocken ins

Gesicht. Um Gottes Barmherzigkeit, sagte er, was wollt Ihr tun? Ihr

wißt nicht, wie mächtig sie sind. Wenn Ihr Euch öffentlich auf der

Straße sehen ließet, wer weiß, ob Ihr den Abend noch erlebtet.

Ich will hin, sagt' ich, verkleidet, dem Schurken unter die Augen

treten und ihm sagen, daß einer von uns in der Welt überflüssig sei.

Du hast ja wohl deine alten Reiterpistolen noch im Stande, Fabio. Ich

brauche nichts weiter. Laß mich!

Erst müßt Ihr mich damit über den Haufen schießen, sagte er und

umklammerte so fest meinen Arm, daß ich wohl sah, im guten würde ich

nicht loskommen. Und dann, sagte er, wißt Ihr denn, was unsere

Bicetta dazu sagen würde?

Da hast du recht, sagte ich und fühlte, wie alle Kraft wieder von mir

wich. Das weiß ich freilich nicht. Aber wissen muß ich es, oder ich

werde toll. Laß meinen Arm los, gib mir meinen Hut, ich will in ihr

Haus, ich sprenge alle Türen, die man mir verriegeln will, das übrige

wird sich finden, wenn ich sie sehe!

Aber er ließ mich nicht los. Er führte mich in den Sessel zurück und

sagte: Ihr wißt, daß es niemand besser mit Euch meinen kann und mit

der Signorina und dem alten Herrn als Euer alter Fabio. Darum laßt

Euch sagen und raten und rennt nicht Hals über Kopf ins Unglück. Wenn

Ihr Euch einbildet, man werde Euch zu ihr lassen, so irrt Ihr Euch.

Das Haus ist voll neuer Dienerschaft, wegen der Hochzeit. Da kämt Ihr

übel an, wenn Ihr mit diesem Gesicht plötzlich nach der Braut fragtet.

Laßt mich hingehen, mich werden sie nicht hinauswerfen, obwohl mich

die Frau Mutter nicht gerade liebt; aber schlimmstenfalls kann ich

meine Tochter rufen lassen, und wenn Ihr mir ein paar Zeilen mitgebt,

sie sollen sicherer besorgt werden als durch die päpstlichen Posten.

Setzt Euch da ans Fenster und schreibt, und wie ich unsere Bicetta

kenne, so wird sie Euch antworten.

Er lief, mir Feder und Papier zu holen, aber mein Zustand war so

kläglich, daß ich die Feder nicht zu halten imstande war und vor dem

Sturm, der mir durchs Herz tobte, mein eigenes Wort nicht verstehen

konnte. Laßt es nur sein, sagte der Alte. Was braucht Ihr auch zu

schreiben? Genug, wenn sie erfährt, daß Ihr da seid. Wenn sie darin

noch Hochzeit halten will, so hülfen ja hundert Briefe nichts.

Damit verließ er mich. Aber erst mußte ich ihm einen Eid schwören,

daß ich mich hier im Hause, wo sonst niemand war, verborgen halten

wollte und nur ihm wieder meine Tür öffnen. Der Tag war darüber

angebrochen; der Alte kam noch einmal zurück und brachte nur Wein und

Brot, da er meine Schwäche sah. Darin blieb ich in dem totenstillen

Haus allein.

Ich konnte nicht an einer Stelle bleiben, ich schleppte mich in den

Garten hinaus zu den Orangenbäumen, von deren Früchten sie mir

gepflückt hatte, zu dem Granatbusch, deren Blüten mir das erste

Liebeszeichen gewesen waren. Überall sah ich ihre Gestalt, und je

leibhaftiger sie mir entgegentrat, desto unbegreiflicher war es mir,

daß sie mich vergessen haben sollte. Ich brachte, obwohl ich von der

Nachtfahrt erschöpft war, weder Wein noch Brot über die Lippen; nur

den Saft einer Orange sog ich begierig aus und fühlte mich davon

erquickt, als ob ich Hoffnung und Mut damit eingeschlürft hätte. Dann

stieg ich im Hause die Treppen hinauf und schlich durch alle Zimmer.

In ihrem Stübchen lag noch alles, wie sie es verlassen hatte, das Buch

noch aufgeschlagen, worin sie zuletzt gelesen. Ich las auf demselben

Blatte weiter, Kanzonen Petrarcas, deren stille Musik mich kühlte und

besänftigte. Ihren kleinen Rohrsessel, auf dem sie schon als Kind mit

dem Püppchen gespielt, hatte ich an den Balkon geschoben und sah nach

jeder Strophe auf die Straße hinaus, ob noch keine Botschaft komme.

Aber ich war auf einmal ruhig und gefaßt geworden und fürchtete mich

nicht mehr vor der Entscheidung.

Und doch fuhr ich wie vom Blitz getroffen auf meinem Sitz, als

plötzlich drunten am Portal der Alte wieder erschien. Was bringst du?

schrie ich ihm zu. Aber ich sah genug an dem kummervollen Blick, mit

dem er zu mir hinaufgrüßte. Mit zitternden Gliedern stürzte ich die

Treppe hinunter ihm entgegen. Lest selbst, sagte er. Vielleicht wißt

Ihr besser, was sie meint.

Ich riß ihm das offene Blättchen aus der Hand, auf das sie mit

Bleistift in großer Hast folgende Worte geschrieben hatte: "Mein ewig

Geliebter--was geschieht, muß geschehn. Suche es nicht zu hindern,

aber glaube an mich; ich gehöre niemand als Dir. Du wirst alles

begreifen, wenn wir uns wiedersehen, vielleicht bald; wann es aber

auch sei, immer als die Deine."--Dann noch am Rand des Zettels: "Halte

Dich verborgen. Alles ist verloren, wenn Du Dich sehen lässest."

Während ich noch auf die wenigen Worte starrte, berichtete mir der

Alte, daß er sie nicht selbst habe sprechen können; Nina sei die

Vermittlerin gewesen, und auch aus ihr habe er nicht mehr

herausgebracht, als daß die Signorina kaum überrascht gewesen sei

durch die Nachricht von meiner Rückkehr. Ich habe ihn längst erwartet,

habe sie gesagt. Dann, da schon die Kammerjungfer mit dem

Brautschmuck gekommen, habe sie den Zettel stehend am Fenster

geschrieben und der Nina aufgetragen, ihrem Vater ja die größte

Verschwiegenheit und alle Sorge um mich auf die Seele zu binden.

Darauf habe sie ganz ruhig angefangen, sich die Haare aufzuflechten,

um sich für die Trauung frisieren zu lassen. So ruhig schrieb sie das

Billett, sagte die Nina, als wenn jemand sterben will, weil die

Schmerzen ihn nicht leben lassen, und schreibt noch seinen letzten

Willen auf. Sie habe immer geglaubt, sie zu kennen wie sich selbst;

aber in der letzten Zeit verstehe sie nicht mehr von ihr wie von der

himmlischen Vorsehung.

Und ich, der ich sie besser als irgend ein Mensch zu kennen glaubte,

was verstand ich von ihr, während ich ihre Worte hundertmal wieder

durchlas? Wenn sie niemand als mir angehören wollte, warum floh sie

nicht zu mir hinaus, warum war ihr nicht das Kloster eine Zuflucht,

bis ich Mittel und Wege fände, sie zu befreien? Warum erschien der

abenteuerlichste Plan nicht möglicher und natürlicher als diese

Ergebung in ein aufgedrungenes Schicksal, in eine Fessel, die nur der

Tod zerreißen konnte?

Und doch war in den schlichten Worten etwas, das mich aufrecht hielt,

wenn ich verzweifeln wollte, und mich still machte, sooft mir ein

Ausbruch des Grimms und der Verzweiflung auf die Lippen kam. Ich

schlief sogar ein paar Stunden und konnte dann etwas Speise zu mir

nehmen, die mir mein treuer Pfleger bereitete. Gesprochen wurde

nichts zwischen uns. Nur als die Stunde der Trauung herankam, hatten

wir einen heftigen Streit. Ich bestand darauf, daß ich dabei sein

wollte, er widersetzte sich aufs äußerste. Zuletzt, als er meinen

unerschütterlichen Willen sah, half er mir selbst, mich in seinen

Kleidern zu vermummen, und drückte mir einen alten zerrissenen

Strohhut, mit dem er im Garten zu arbeiten pflegte, tief in die Stirn.

Ich gehe aber mit, Herr Amadeo, sagte er. Ich fürchte, es ist einer

nötig, der Euch am Arm zurückhält, wenn Ihr den Kopf verliert.

Wer weiß, ob er nicht recht behalten hätte! Aber als wir nach der

Kirche kamen, waren die Hochzeitsgäste samt dem Brautpaar bereits

drinnen und der Andrang der Menschen so ungeheuer, daß sie zu den

Portalen hinaus bis weit über den Platz Kopf an Kopf geschart standen,

um wenigstens den Zug herauskommen zu sehen. Ich machte dem Alten

bittere Vorwürfe, daß er mich getäuscht durch eine falsche Angabe der

Stunde. Er verteidigte sich hartnäckig, er habe es nicht anders

gewußt. So warteten wir unter dem Volk, und die Glocken, die stark

geläutet wurden, umdröhnten mich wohltätig, daß ich wieder in meine

dumpfe Betäubung zurückfiel, bis es plötzlich hieß: Nun kommen sie!

Da wäre ich umgesunken, wenn ich mich nicht auf Fabio gestützt hätte.

Aber ich hielt mich gleichsam mit dem Blick an der hohen Pforte

aufrecht, durch die sie heraustreten sollte. Und nun kam sie wirklich,

und ich wunderte mich, daß ich den Anblick ertrug, daß er mir sogar

die Ruhe wiedergab, obwohl sie neben ihrem Gatten ging. Der war ganz,

wie ich ihn nach Fabios Schilderung erwartet hatte, ein Mensch, den

ich auf einen Schlag mit meiner Faust zu Boden zu strecken mir getraut

hätte; ein Lächeln auf dem welken Gesicht, das mir das Blut sieden

machte. Er grüßte triumphierend mit vornehmem Kopfnicken links und

rechts hin und strich das blonde Bärtchen auf der dünnen Oberlippe.

Sie dagegen schritt ohne irgend jemand anzusehen durch das Volk, die

Züge rätselhaft verschlossen, die Augen still vor sich hin gerichtet.

Ein Kind gab ihr einen Blumenstrauß. Da hob sie es auf und küßte es,

und ich sah deutlich, daß sie sogar lächelte. Wenn ich nicht so fern

gestanden hätte und Fabio hinter mir, bei diesem Lächeln hätte ich

mich durch die Menge durchgedrängt und sie laut gefragt, wie sie

lächeln könne an diesem Tage. Aber es verschwand rascher, als ich es

erzähle. Sie stiegen in den Wagen und rollten fort. Ihnen nach die

Eltern, mein armer alter General völlig gebrochen neben seiner stolzen

jungen Frau, dann die Gäste und alles, was an hoher Geistlichkeit in

dem Hause aus und ein ging. Der Erzbischof selbst hat sie getraut,

sagten Weiber neben mir. Sie hat ihn erst nicht nehmen wollen, aber

der heilige Vater selbst soll ihr zugeredet haben. Von dem anderen,

dem Lutheraner, ist es ganz still geworden.--Ja, ja, sagte eine, dem

soll seine Schwester gestorben sein, das ist die Strafe dafür, daß er

seinen Ketzerglauben nicht hat abschwören wollen.--Und so schwirrte es

auf allen Seiten von albernem Gerede. Fabio zog mich fort. Er führte

mich auf großen Umwegen nach der Villa zurück. Ich ließ ihn machen--,

meine Kraft war zu Ende; ich fühlte nicht mehr von mir selbst als ein

Fieberkranker oder Schlafwandler.

Noch jetzt, wenn ich zurückdenke, ist es mir unbegreiflich, wie ich

diesen Tag überstand. Meine sonst immer ungestüm ausbrechende Natur

mußte wohl durch die körperliche Ermattung der schlaflosen Fahrt von

Genf hierher so gezähmt sein, daß ich das Entsetzlichste mit einer Art

Stumpfsinn geschehen ließ. Ich taumelte, als ich nach Hause kam.

Fabio nötigte mich einige Gläser Wein rasch hinunterzustürzen; sie

wirkten so stark, daß ich umfiel und nichts mehr von mir wußte.

Ich kam erst wieder zu mir, als es Nacht geworden war. Lange mußte

ich mich besinnen, wo ich war und was ich erlebt hatte. Der klare

Himmel sah durch die hohen Scheiben der Glastür herein, und ein leiser

Schimmer der Mondsichel streifte das Bild von Beatrices Mutter, das

traurig, wie mir schien, von seinem Platz über dem Kamin auf mein

niederes Lager herabsah. Da begriff ich erst, in welcher Nacht ich

mich befand, was diese Stunden für mein Leben bedeuteten. Es brach

gewaltsam in mir aus, eine Qual, die mich dem Wahnsinn nahe brachte.

Ich schrie auf, daß meine Stimme, mir selbst zum Entsetzen, in dem

öden Hause widerhallte. Dann warf ich mich auf den kalten Steinboden

des Saals und wälzte mich, das Gesicht gegen die Fliesen gedrückt, mit

den Händen mir das Haar zerrend, als könnte ein Körperschmerz den

Jammer, der in mir wütete, übertäuben. Vor meinen Augen wurde es

dunkel von Tränen, die mir, wie das Blut aus frischen Wunden,

vorstürzten, ohne daß ich wußte, ich weinte. So lag ich und raste wie

ein Tier und hätte gern mein Menschentum hingegeben, wenn ich mir

damit Bewußtlosigkeit hätte erkaufen können. Alles, was von Gedanken

in mir auftauchte, stieß ich heftig wieder in den großen Strudel

zurück, der mein Innerstes durchbrauste. Ich wollte nichts fühlen und

denken als das Furchtbarste, daß mein Kleinod zu dieser Stunde in

fremder Hand sei. Immer wieder bohrte ich diesen Gedanken wie eine

giftige Waffe gegen mein Herz, als könnte ich es daran verbluten

lassen. Und erst, als ich mich an allen Sinnen und Gliedern zu Tode

abgemattet fühlte, ließ ich ab von meiner selbstzerstörerischen Wut

und lag nun regungslos im Staube und empfand die Steinkälte des Bodens

wohltätig an meiner Schläfe, und die Tränen hörten von selber zu

fließen auf.

Dann ermannte ich mich endlich so weit, daß ich aufstehn und mich in

den Garten hinausschleppen konnte. An der Fontäne unter den

Steineichen wusch ich mir den Staub und die Tränen vom Gesicht und

trank dann in tiefen Zügen von dem schlechten Wasser, das mir aber das

Blut erfrischte.

Ich konnte nun auch überlegen, was ich beginnen sollte. Aber freilich,

soviel ich herumdachte, an einen Entschluß war noch nicht zu denken.

Nur das nahm ich mir fest vor, daß ich ihr morgen schreiben, sie

anflehen wollte, wenigstens die Qual der Ungewißheit zu enden und das

Band, das mich an sie fesselte, vollends zu zerreißen. Die Worte

ihres Billetts tauchten wieder in mir auf. Aber was konnten sie mir

geben, seit ich sie aus der Kirche hatte kommen sehen und dieser Tag

und die halbe Nacht so trostlos vergangen waren!

Als ich Mitternacht schlagen hörte und der Mond unterging, konnte ich

es in dem schauerlich öden Garten nicht länger aushalten und kehrte in

den Saal zurück. Ich zündete mir ein Licht an und stellte es auf den

Sims des Kamins. Dann rückte ich einen Sessel vor, zog eine kleine

Ausgabe des Dante aus der Tasche und vertiefte mich in die finstersten

Gesänge seiner Hölle.

So mochte eine Stunde vergangen sein, da war mir's, als hörte ich

draußen am Gitter des Portals einen Ton, als wenn ein Schlüssel im

Schloß umgedreht würde. Das Haar stand mir zu Berg; ich dachte

wahrhaftig im ersten Schrecken, meine arme Geliebte habe sich

umgebracht, und ihr ruheloser Geist besuche mich, um mir das Blut

auszusaugen. Aber sofort faßte ich mich, stand auf und horchte

sorgfältiger in die Nacht hinaus. Die Gitterpforte klang, dann kamen

Schritte über den Kiesgrund, im nächsten Augenblick tastete eine Hand

draußen am Griff der kleinen Saaltür, sie öffnete sich, und eine

Jünglingsgestalt im schwarzen Hut und Mantel stand an der Schwelle.

Nun fiel ihr der Hut in den Nacken, da erkannte ich sie. Mit einem

Schrei stürzten wir uns in die Arme und umklammerten uns, als sollten

wir nie wieder Brust von Brust, Mund von Mund gerissen werden.

Beatrice(#9065) · 第 3 / 5 段