begleiteten mich die beiden Mädchen ans Gitter. Ich ward ohne einen
Kuß des lieblichsten, geliebtesten Mundes hinausgeschoben und haschte
nur noch durch die Eisenstäbe ihre Hand, um eine Minute lang meine
Lippen darauf ruhen zu lassen.
Welch ein Abend und welch eine Nacht! Die Leute in meinem Gasthof
mochten denken, daß ich nicht recht gescheit oder ein Engländer sei,
was ihnen ziemlich das Gleiche bedeutet. Ich kam mit einem großen
Korbe frischer Blumen nach Hause, den mir die Verkäuferin nachtrug;
die verstreute ich oben in meinem Zimmer, bestellte mir Wein und warf
einem Geiger, der auf der Straße spielte, einen blanken
Fünffrankentaler hinunter. Dann schlief ich bei offenen Fenstern in
der gelinden Nachtkühle und entsinne mich noch deutlich, wie es mir
vorkam, als fühlte ich das Schüttern und Schwingen des Erdballs bei
meiner Reise durch den Sternenhimmel in meinem Herzschlag nachzittern.
Erst am folgenden Morgen besann ich mich, daß noch manches zu
überwinden war, bis ich besitzen durfte, was mein war. Wie sollte ich
in das Haus ihres Vaters kommen? Und würde er ebenso rasch Zutrauen
zu mir fassen wie seine Tochter? Indem ich eben unter den Arkaden
schlendernd darüber nachsann, kam mir wieder mein Glück zu Hilfe.
Jener Geschäftsfreund begegnete mir, den ich am zweiten Tage
aufgesucht, und staunte nicht wenig, mich noch hier zu finden. Ich
schützte vor, daß ich Briefe meines Schwagers abwarten müsse. Der
Plan sei aufgetaucht, in Italien eine Kommandite unseres Hauses zu
gründen, und es sei dabei zunächst von Bologna die Rede gewesen.
Jedenfalls müsse ich nun meinen Aufenthalt ins Unbestimmte verlängern
und Bekanntschaften machen. Dabei nannte ich neben anderen Namen
angesehener Familien das Haus des Generals. Unser Geschäftsfreund
kannte ihn nicht selbst. Aber ein junger Geistlicher, sein Vetter,
gehe dort ein und aus und werde mich gern einführen. Ich möge mich
nur vor den gefährlichen Augen der schönen Frau in acht nehmen; denn
obwohl sie nicht in dem Rufe stehe grausam zu sein, so würde ich doch
gerade jetzt meine Zeit sehr fruchtlos verschwenden, da ein junger
Graf ihr erklärter Galan sei und nicht geneigt scheine, so bald einem
neuen Prätendenten Platz zu machen.
Ich stimmte in diesen Ton mit ein, so gut ich konnte, und wir
verabredeten das Nähere. Schon am Abend dieses Tages traf ich mit dem
jungen Geistlichen in einem Café zusammen und ließ mich nach dem Hause
führen, das in einer stillen Straße lag; ein Palazzo, äußerlich ganz
unscheinbar, im Innern mit großem Luxus ausgestattet. Über schwere
Teppiche traten wir in das Zimmer, wo man allabendlich einen kleinen
Kreis von Habitués empfing, Prälaten von jedem Rang, Militärs, einige
alte Patrizier, immer nur Männer. Mein junger Abbate konnte nicht
genug sagen, welch ein Glück es sei, in diesem Hause Zutritt zu haben.
Welch eine Frau! seufzte er. Er schien die Hoffnung zu hegen, daß
auch an ihn noch einmal die Reihe kommen würde.
Als ich eintrat, fiel mein erster Blick auf den alten General, der in
einem Lehnstuhl saß, einem alten Kanonikus gegenüber, zwischen ihnen
ein Marmortischchen, auf dem die Dominosteine klapperten. Auf einem
Taburett neben ihm lagen Bilderbögen und Soldatenfiguren, und die
Schere, mit der er sie auszuschneiden pflegte, wenn gerade niemand da
war, der eine Partie mit ihm machen wollte. Eine Lampe hing über ihm
von der Decke herab, und von neuem überraschte mich in der scharfen
Beleuchtung die Ähnlichkeit mit meiner Beatrice. Mein Begleiter ließ
mich nicht lange bei ihm verweilen. Nach den ersten höflichen Worten
meinerseits, die der Greis mit einem kindlich gutmütigen Lächeln und
einem Händedruck erwiderte, mußte ich in ein kleines Kabinett nebenan
treten, wo die Frau vom Hause auf einem Diwan lag, ein langer,
geckenhaft geputzter junger Mann ihr gegenüber auf einem Schaukelstuhl,
beide, wie es schien, von ihrem Tête-à-tête ein wenig gelangweilt.
Er blätterte in einem Album, das er auf dem Schoß hatte, die schöne
Frau stickte ein buntes Kissen und streichelte dann und wann mit der
Spitze ihres kleinen brokatnen Pantoffels das Fell einer großen
Angorakatze, die schlafend zu ihren Füßen auf dem Polster lag. Bei
dem gedämpften Schein der Wandleuchter, die aus unzähligen
Spiegelgläsern zurückstrahlten, sah ich nicht sogleich, daß ich die
Schöne von der Frühmesse vor mir hatte, obwohl der kleine Fächer mit
dem Perlmuttergriff auf einem Seitentischchen lag. Sie aber mußte
mich auf den ersten Blick erkannt haben. Sie fuhr so hastig in die
Höhe, daß ihr der Kamm aus den vollen Haaren fiel und sie aufgelöst
über den Nacken rollten. Die Katze wachte auf und schnurrte mich an,
der lange junge Mensch warf mir einen stechenden Blick zu, und ich
selbst war, als ich sie erkannte, von der Überraschung so betroffen,
daß ich es der Zungenfertigkeit meines kleinen Begleiters Dank wußte,
als er mich nicht zu Worte kommen ließ. Auch sie sprach lange nichts,
sondern sah mich nur wieder mit demselben unverwandten Blick an, der
mir schon in der Kirche unheimlich gewesen war. Erst als sie die
steinerne Unhöflichkeit bemerkte, mit der der Graf meine Anwesenheit
völlig zu übersehen sich bemühte, belebte sich ihr Gesicht. Sie lud
mich mit einer leisen schmeichelnden Stimme, die das jugendlichste an
ihr war, ein, auf dem Sofa neben ihr Platz zu nehmen, nachdem sie die
Katze verjagt hatte. Ihr könnt indessen die Noten durchsehen, Graf,
die ich heute aus Florenz bekommen habe. Ich will hernach singen und
Ihr sollt mich begleiten.
Der junge Löwe wollte ein wenig murren, aber ein fester Blick aus den
blauen Augen bändigte ihn. Wir hörten bald, wie er im Saale nebenan
Akkorde auf dem Flügel griff. Währenddessen mußte sich der kleine
Abbate mit dem Aufschneiden neuer französischer Romane beschäftigen,
und ich blieb allein übrig, der Gebieterin den Hof zu machen. Gott
weiß, wie ich jeden der beiden andern, am meisten aber den Kanonikus
drinnen am Dominotisch beneidete! Vom ersten Wort, das ich mit dieser
Frau wechselte, fühlte ich eine feindselige Regung in mir, die sich
nur verstärkte, je sichtbarer sie mir entgegenkam. Ich mußte all
meine Klugheit aufbieten, um nur den Schein der Artigkeit zu wahren
und wirklich auf das zu hören, was sie sagte; denn meine Gedanken
waren draußen in dem Gartensaale, und durch alles gewandte, glatte
Geplauder hindurch hörte ich die sanfte Stimme meiner Geliebten und
sah ihre ernsten Augen traurig auf mich geheftet.
Aber trotz meiner Geistes- und Herzensabwesenheit schien die schöne
Frau nicht unzufrieden mit diesem ersten Gespräch. Sie mochte meinem
beklommenen Wesen ganz andere Gründe unterschieben, und die Tatsache,
daß ich überhaupt mich hatte bei ihr einführen lassen, deutete sie
jedenfalls zu ihren Gunsten. Sie lobte mein Italienisch, nur habe es
einen piemontesischen Anflug, den ich nicht besser verlieren könne,
als wenn ich oft käme, jeden freien Abend, ihr Haus ganz wie das meine
betrachtete. Sie selbst habe traurige Pflichten zu erfüllen, seufzte
sie, mit einem Blick auf das Zimmer nebenan, von wo man eben das
gutmütige Lachen des alten Herrn über eine gewonnene Partie hörte.
Ihr Leben beginne erst in diesen Abendstunden. Ich sei freilich jung,
und die Unterhaltung einer melancholischen, früh schon ernst
gewordenen Frau könne kaum einen Reiz für mich haben. Aber eine
aufrichtige Freundschaft, wie ich sie hier fände, sei wohl ein Opfer
wert. Ich gliche einem ihrer Brüder, den sie sehr geliebt und früh
verloren habe. Das sei ihr schon in der Kirche aufgefallen, und darum
danke sie mir so innig, daß ich ihr Haus betreten.
Sie schlug mit einer sehr fein gespielten Verwirrung die Augen nieder.
Dabei reichte sie mir lächelnd die Hand, die ich flüchtig an meine
Lippen drückte. Auf gute Freundschaft! sagte sie halblaut. Zum Glück
überhob mich das Eintreten neuer Besucher einer Antwort, die nicht von
Herzen gekommen wäre. Es waren einige Geistliche, vollendete
Weltmänner, die mich sogleich wie einen alten Bekannten behandelten.
Auch der Graf trat wieder herein und flüsterte ihr einige Worte zu.
Man erhob sich und ging in den Saal, wo der Flügel stand. Nun sang
sie die neuen Sachen durch, während ihr Cicisbeo akkompagnierte. Ihre
schöne Stimme erging sich in den glänzendsten Läufen und Trillern, und
zwischendurch bemerkte ich wohl, wie sie nach der dunklen Ecke
hinübersah, wo ich an der Wand lehnte und mechanisch, sobald eine Arie
zu Ende war, in den allgemeinen Applaus einstimmte. Ich dachte
beständig an die andere Stimme, die ich draußen in der Villa gehört
hatte.
Diener in Livree traten leise herein und trugen auf silbernen
Brettchen Sorbett und Gefrornes. Der Gesang hörte auf, man plauderte
und lachte; der General erschien, auf seinen Stock gestützt, erzählte
vergnügt, daß er sechs Partien hintereinander gewonnen habe, und
fragte mich, ob ich auch spiele. Als ich es bejahte, lud er mich auf
morgen ein, seinen Gegner zu machen, und rief darin dem Kammerdiener,
da seine Schlafenszeit gekommen sei. Das war das Signal zum Aufbruch.
Ich erhielt noch ein bedeutsames Lächeln von der Frau vom Hause und
eilte, den Saal früher als die andern zu verlassen, da ich danach
schmachtete, in der Einsamkeit die widrigen Empfindungen, die mich
hier bestürmt, von mir abzuschütteln.
Ich wurde sie aber nicht eher los, als bis ich am anderen Tag, wieder
um die Dämmerung, nach der Villa hinauswanderte. Ich wußte wohl, daß
mir der Eintritt verboten war; ich wollte auch nur durch das Gittertor
hineinspähen, ob ich nicht einen Streifen ihres Kleides oder das Band
ihres Strohhutes erblicken könnte. Da stand sie selbst auf dem Balkon,
allein und den Blick der Straße zugekehrt, als hätte sie mich
erwartet. Eine Weile begnügten wir uns, mit Augen und Händen uns
zuzuwinken. Dann machte sie mir ein Zeichen, daß sie herunterkommen
wolle, und gleich darauf trat sie aus der kleinen Tür und kam auf mich
zu, das Gesicht dunkelglühend von Freude und Liebe. Sie reichte mir
die Hand hinaus. Als ich fragte, ob ich wirklich draußen bleiben
müsse, nickte sie ernsthaft und sagte, die Hand aufs Herz legend: Du
bist darum doch hier drinnen!--Dann vertieften wir uns lange in ein
kindisches süßes Liebesgeschwätz, bis ich ihr erzählte, daß ich
gestern bei ihren Eltern gewesen war. Als ich ein herzliches Wort
über ihren armen Vater sagte, ergriff sie rasch meine Hand und küßte
sie, eh' ich es wehren konnte. Von der Mutter und all ihrem Unwesen
sagte ich kein Wort; sie verstand mein Schweigen wohl. Geh nur wieder
hin, sagte sie, und tu ihm alles zuliebe, was du kannst. Es kann
nicht fehlen, daß er dich lieb gewinnt. Dann hielt sie mir, als ich
sie um einen Kuß bat, die Wange dicht ans Gitter und entriß sich mir
eilig, als sie Reiter heransprengen hörte. Ich mußte fort, alle
ungestillte Sehnsucht im Herzen. Ich gestehe, daß mich damals zuerst
Zweifel über die Wärme ihres Gefühls für mich beschlichen. Ich wußte
wohl, wie streng im allgemeinen die Mädchen in Italien sich selbst im
Zaum halten, um hernach als Frauen sich oft um so zügelloser
gehenzulassen. Aber nicht einmal durch das Gitter hindurch mir den
Mund zu gönnen! Dann dacht' ich wieder an alles, was sie mir gesagt
hatte, und ihren Blick dabei, und war getröstet.
Natürlich stellte ich mich am Abend pünktlich bei meinem alten General
ein, der mich sogleich an das Spieltischchen kommandierte. Es kamen
heut weniger Besucher als gestern. Der alte Kanonikus saß in der
Fensternische und schlief mit lautem Schnarchen, da ich ihn beim
Domino ablöste. Diesmal hatte sich die Frau nicht in ihr Kabinett
zurückgezogen, sondern saß auf einem Kanapee unweit unseres Tisches,
der lange Galan um so übellauniger ihr gegenüber. Sie hatte ihm einen
Roman in die Hand gegeben, aus dem er vorlesen mußte. Er versprach
sich oft und warf endlich das Buch mit einem landesüblichen Fluch
beiseite, den man sonst nicht in gute Gesellschaft mitbringt. Seine
Gebieterin stand auf und winkte ihm, ihr ins Nebenzimmer zu folgen, wo
sich ein halblaut geführtes leidenschaftliches Gespräch entspann. Ich
verstand nur so viel, daß sie ihm drohte, ihm das Haus zu verschließen,
wenn er sein Betragen nicht ändere.--Der Alte, der über sein
Spielglück sehr fröhlich war, horchte einen Augenblick auf. Was haben
sie nur? sagte er. Ich zuckte die Achseln. Ein wunderlich
ängstlicher Zug ging über sein Gesicht. Er seufzte und schien einen
Augenblick unschlüssig, ob er sich einmischen solle. Dann sank er in
sich zusammen und schien zu träumen.--Der Kanonikus wachte auf und
nahm eine Prise und bot auch dem alten Herrn die Dose. Das brachte
ihm seinen Gleichmut wieder, und wir setzten unser Spiel eifrig fort.
Er sagte mir, als ich endlich ging, ich möchte ja wiederkommen, er
spiele noch lieber mit mir als mit Don Vigilio, dem Kanonikus. Diese
Worte begleitete er mit einem herzlichen Händedruck und der
liebenswürdigsten Freundlichkeit, wie er überhaupt bei all seiner
Schwäche die Formen eines Kavaliers aus der alten Schule noch immer
beherrschte.--Die Frau entließ mich kälter als gestern, doch, wie mir
schien, nur des Grafen wegen, mit dem inzwischen eine Aussöhnung
stattgefunden hatte.
Und ich täuschte mich nicht. Denn am Abend darauf, wo der Graf durch
einen kleinen Ausflug von seinem Posten ferngehalten war, verdoppelte
sie ihre Anstrengungen, mich in ihr Netz zu ziehen. Ich spielte die
Rolle des arglosen jungen Menschen, der in aller Ehrerbietung nichts
hört und sieht und versteht, und sah wohl, daß sie doch nicht ganz
daran glaubte. Aber der geringe Erfolg ihrer Bemühungen mochte sie
beleidigen und zu dem Vorsatz treiben, um jeden Preis meine wirkliche
oder angenommene Kälte zu besiegen. Sie ließ sich von ihrem Ärger so
sehr fortreißen, daß sie auch, als der Graf wiedergekehrt war, sich
durchaus keinen Zwang antat. Auch die anderen Hausfreunde sahen, wie
die Dinge standen. Ich hörte nur zu bald durch meinen Geschäftsfreund,
daß man schon in der Stadt von mir sprach; er wünschte mir Glück zu
dieser Eroberung und ahnte nicht, wie mir dabei zu Mut war. Ich sah
ein, daß ich keinen Tag mehr zögern durfte, meine wahren Absichten zu
erklären.
Ein Gespräch mit dem jungen Grafen gab den Ausschlag.
Er erwartete mich eines Abends, als ich in mein Hotel zurückkehrte,
begrüßte mich mit eisiger Höflichkeit und bat mich kurz und bündig,
entweder meine Besuche in jenem Hause einzustellen, oder mich auf ein
Rencontre anderer Art gefaßt zu machen. Ich sei fremd und mit den
Landessitten wohl nicht hinlänglich bekannt, sonst würde er sich nicht
die Mühe genommen haben, mir erst noch diese Warnung zu erteilen.
Ich erwiderte, daß ich ihn noch vierundzwanzig Stunden zu warten bäte,
er werde dann erkennen, daß nichts lächerlicher sei als eine Rivalität
zwischen uns beiden. Er sah mich groß an; aber da ich keine Miene
machte zu weiteren Eröffnungen, verneigte er sich und ging.
Am anderen Tag schon in der Frühe--denn ich wußte, daß der alte Herr
zeitig aufstand--ließ ich mich bei ihm melden und traf ihn in seinem
Schlafzimmer, aus einer langen türkischen Pfeife rauchend, im größten
Behagen. Er hatte seinen ganzen Schatz an ausgeschnittenen Figuren in
vielen Pappschachteln um sich her stehen und kramte darin herum. Als
er mich sah, streckte er mir mit sichtbarer Freude die Hand entgegen,
lobte mich, daß ich ihn auch einmal am Morgen besuchte, bot mir eine
Pfeife an und wollte mir, da ich sie ablehnte, mit Gewalt ein paar
Reiterfiguren zum Andenken verehren, auf die er besonderen Wert legte.
Das Herz wurde mir schwer, da ich daran dachte, daß mein Glück in der
Hand dieses armen Alten ruhe. Aber als ich das erste Wort von seiner
Tochter gesagt hatte, verwandelte sich zu meinem Erstaunen der
Ausdruck seines Gesichts vollständig. Er ward ernst und still; nur
ein gespannter Zug auf der Stirn verriet, daß er selbst bei diesem
Thema Mühe hatte, seine Gedanken zu sammeln. Ich verschwieg ihm
nichts, von unserem ersten Begegnen an bis zu dieser Stunde. Er
nickte dann und wann zustimmend; wenn ich von meiner Neigung sprach,
glänzten ihm die Augen, und er sah gen Himmel mit einer feierlichen
Rührung, die seine edlen Züge wahrhaft verklärte. Dann schilderte ich
ihm meine Verhältnisse, den natürlichen Wunsch, wenn er mir sein Kind
anvertraute, meine junge Frau mit in meine Heimat zu nehmen, wie ich
aber auch bereit sei, einige Jahre in seiner Nähe zu bleiben, um sie
ihm nicht zu entreißen. Da faßte er meine beiden Hände und drückte
sie mit einer Kraft, die ich dem welken Invaliden nicht mehr zugetraut
hatte. Dann zog er mich an sich und küßte mich herzlich, ohne daß er
ein Wort sagen konnte, bis die Kraft ihn verließ und er in den Sessel
zurücksank. Aber nach einer kurzen Pause machte er mir ein Zeichen,
daß ich ihn aufrichten sollte, und als er auf seinen Füßen stand,
sagte er: Du sollst mein Kleinod haben, mein Sohn, und ich danke Gott,
daß ich diese Stunde noch erlebt habe. Komm! ich will hinüber und es
meiner Frau sagen. Es war mir gleich, als ich dich sah, als ob du ein
gutes Herz haben müssest. Und wenn ich zehn Töchter hätte, ich
wünschte sie nicht besser versorgt. Sieh nur, sieh! das böse Kind,
die Bicetta! sich einen Liebhaber anschaffen hinter dem Rücken des
babbo! Aber so sind sie alle. Wenn sich's um eine Liebschaft handelt,
kann man keiner trauen, keiner!--Dabei nahm sein Gesicht einen halb
kummervollen, halb ängstlichen Ausdruck an und er seufzte; vielleicht
fuhr ihm eine Erinnerung durch den Kopf. Gleich darauf umarmte er
mich wieder, zupfte mich am Ohr, nannte mich einen Räuber, einen
Heuchler und Verräter und zog mich an der Hand hinaus, um mich zu
seiner Frau zu führen, die ihre Zimmer auf dem anderen Flügel des
Hauses hatte.
Eine Kammerjungfer kam uns im Vorzimmer entgegen, sah mich mit großen
Augen an und ließ den General erst zu ihrer Herrin hinein, nachdem sie
bei ihr angefragt hatte. Mich zu empfangen, sei es noch zu früh. Ich
war sehr froh darüber, obwohl mir die Zeit des Wartens unerträglich
deuchte. Ich hörte kein Wort von dem, was drinnen verhandelt wurde,
nur daß die Stimme des alten Herrn mit der Zeit lauter und
gebieterischer wurde, Töne, wie ich sie nie aus seinem Munde vernommen.
Dann wieder ein langes, hastiges Flüstern, bis die Tür aufging und
der Alte hochaufgerichtet wie nach einer gewonnenen Schlacht herauskam.
Sie ist dein, mein Sohn, sagte er; es bleibt dabei. Meine Frau läßt
dich grüßen. Sie kam mir erst mit dummen Einreden. Es ist da ein
Vetter in Rom, ein junger Laffe, der vor einem Jahr, als er fortging,
sagte: Hebt mir die Bicetta auf, ich will sie heiraten. Aber das war
Spaß, und ich und du, wir meinen es im Ernst, und du sollst sie haben,
Amadeo. Es ist wahr, seufzte er, ich lasse manches gehn, wie's Gott
gefällt. Wenn man ein alter Mann ist, fallen einem die Zügel aus der
Hand. Aber es gibt Dinge, Amadeo, die mich wieder unter Waffen
bringen bis an die Zähne. Da hast du meine Hand darauf, sie wird
deine Frau. Komm heute abend; du sollst sie hier finden. Umarme mich,
mein Sohn! mache sie glücklich; sie hat es tausendmal um ihren alten
Vater verdient.
Wir trennten uns, nachdem er mich noch oben an der Treppe lange an
sich gedrückt hatte. Als ich dann am Abend wiederkam, fand ich das
Haus heller als sonst erleuchtet, schon im Vorzimmer eine Menge
Menschen, die mich neugierig betrachteten. Im Salon saß der General
auf seinem gewöhnlichen Platz, der Kanonikus ihm wieder gegenüber,
aber die Dominosteine lagen unangerührt auf der Marmorplatte. Denn
auf dem Schoß des Vaters saß das Mädchen, ganz ohne Putz und Schmuck,
nur Granatblüten im Haar, die Arme um den Hals des Alten gelegt, als
sei es ihr unheimlich in diesem Kreise und sie suche Zuflucht bei
ihrem einzigen Freunde. Sobald sie mich sah, glitt sie von ihrem
Platz herab und stand ruhig wie eine Bildsäule da, bis ich ihr die
Hand bot. Sie warf einen raschen Blick nach dem Sofa hinüber, wo die
Mutter saß, in glänzender Toilette; die Haare fielen auf die schönen
entblößten Schultern zurück, der volle weiße Arm stützte sich auf das
rote Seidenkissen; sie hatte es offenbar darauf abgesehen, die
schlanke jungfräuliche Schönheit des Mädchens zu überstrahlen. Neben
ihr saß der lange Graf, wieder im phlegmatischen Hochmut des
Alleinherrschers, und nickte mir gönnerhaft wohlwollend zu. Als ich,
meine Braut an der Hand, zu den beiden trat, sah ich wohl, daß die
Frau leicht erblaßte. Aber sie begrüßte und beglückwünschte mich mit
ihrem gewinnendsten Lächeln, bot mir die Hand zum Kuß und küßte
Bicetta auf die Stirn, was diese wie leblos hinnahm. Nur das Zittern
ihrer Hand sagte mir, wie ihr dabei zu Mute war.
Nun hatten wir eine große Cour anzunehmen, und ich bewunderte, mit wie
vollendeter Haltung meine Geliebte dieser Flut von Redensarten
standhielt. Der Vater sah uns in der höchsten Glückseligkeit
beständig an. Dann winkte er uns, daß wir uns in die Fensternische
setzen möchten, wo zwei Sessel einander gegenüberstanden, und er
selbst vertiefte sich mit Don Vigilio in seine Partie. Bald hatten
wir ganz vergessen, wo wir waren. Von dem schwirrenden Geräusch um
uns her drang nichts an unser Ohr. Draußen an einer über die Gasse
gezogenen Kette hing eine trübe Öllaterne. Aber sie leuchtete mir
genug, um meinem Glück in die Augen zu sehen und mich an seinem
Lächeln zu berauschen.
Später als gewöhnlich verließ man heute das Haus. Es wurde Champagner
getrunken und von einem alten Erzbischof, der gerade auf einer
Hirtenreise die Stadt besuchte, das Wohl der Verlobten ausgebracht.
Der würdige alte Herr schien mich ganz besonders in Affektion zu
nehmen. Ich mußte in seinen Wagen steigen und mich von ihm in meinen
Gasthof fahren lassen. Aber kaum waren wir allein miteinander, als
der Grund dieser ausgesuchten Freundlichkeit zum Vorschein kam. Sie
sind Lutheraner? fragte er. Als ich es bejahte, bemerkte er mit einem
milden Lächeln: Sie werden es nicht bleiben. Sie werden durch das
Liebesglück, das Sie hier gefunden, noch ein größeres Heil gewinnen.
Besuchen Sie mich morgen; wir sprechen weiter davon.
Ich versäumte nicht, mich einzufinden: aber von der Linie, die ich mir
vorgezeichnet hatte, ließ ich mich keinen Zollbreit abdrängen. Ich
nahm für mich selbst die volle Gewissensfreiheit in Anspruch, die ich
auch meiner Braut gewähren wollte. Was die Kinder betraf, so sollte
die Mutter darüber entscheiden, bis sie selbst in der Frage über ihr
Seelenheil eine Stimme haben würden.--Der feine alte, Herr schien
einstweilen mit meiner Stimmung ganz wohl zufrieden und auf die
Zukunft zu rechnen. Da er aber wieder abreisen mußte, übergab er mich
einem jüngeren Seelsorger, einem Ordensgeistlichen, der die Sache viel
ungeschickter und leidenschaftlicher angriff, so daß ich endlich, um
nicht selbst mich zu Unartigkeiten fortreißen zu lassen, den Verkehr
mit ihm ganz und gar abbrach. Man verdachte mir das schwer; ich
konnte es im Salon meiner Schwiegereltern deutlich an gewissen Mienen
bemerken. Aber da der Vater unverändert herzlich blieb und auch die
Herrin des Hauses mir, wenigstens scheinbar, ihre kühle Freundlichkeit
nicht entzog, so war das Unglück zu ertragen.
Meine Geliebte selbst, gegen die ich aus meiner Stimmung kein
Geheimnis machte, war einverstanden mit meinem Entschluß, in Zukunft
alle solche Zumutungen von vornherein abzuwehren. Was wollen sie nur?
sagte sie. Für uns gibt es nur einen Himmel und eine Hölle. Nicht
wahr, Amadeo? Wenn ich ins Paradies käme und fände dich nicht dort,
würde ich umkehren und nicht ruhen, bis ich dich gefunden hätte.