Wieder ließ ich die Zeit der Siesta vergehen, ehe ich meine

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Beatrice

Paul Heyse

(1867)

Wir hatten bis in die tiefe Nacht hinein geplaudert, unser drei, bei

einigen Flaschen Astiweins, die wir durch einen glücklichen Zufall

aufgetrieben hatten und nun im kühlen Gartenhaus auf das Wohl des eben

aus Italien heimgekehrten Freundes leerten. Er war der älteste von

uns und schon ein fertiger Mann, als wir ihn vor zwölf Jahren auf

einer Reise im Süden kennenlernten. Auf den ersten Blick hatte uns

seine männliche Gestalt, der Adel seines Wesens und eine gewisse

melancholische Anmut seines Lächelns für ihn eingenommen. Sein

Gespräch, seine ungewöhnliche Bildung und die Bescheidenheit, mit der

er sie geltend machte, gewannen uns vollends, und die drei Wochen, die

wir miteinander in Rom zubrachten, befestigten eine so warme

Freundschaft, wie sie nur je zwischen Ungleichaltrigen bestanden hat.

Dann mußte er plötzlich nach Genf, seiner Heimat, zurück, wo er an der

Spitze eines ansehnlichen Handlungshauses stand. Aber in den

folgenden Jahren hatten wir keine Gelegenheit versäumt, uns

wiederzusehen, und auch jetzt war ihm der Umweg über unsere Stadt

nicht zu weit gewesen, um uns wenigstens auf vierundzwanzig Stunden zu

begrüßen.

Wir fanden ihn in seinem Aussehen unverändert; er war noch immer ein

schöner Mann, das Haar kaum mit dem ersten Grau angesprengt, die hohe

Stirn glatt und weiß. Aber er schien uns schweigsamer als bei unserem

letzten Begegnen, manchmal so in sich versinkend, daß er unsere Fragen

überhörte, während er minutenlang unverwandt die Perlen des Weins im

Glase aufquellen sah oder ein Stück Eis langsam am Kerzenlicht

zertauen ließ. Wir dachten ihn gesprächig zu machen, wenn wir ihn

nach seiner letzten Reise ausfragten. Aber als auch dieses

Lieblingsthema nicht sonderlich einschlug, ließen wir ihn gewähren und

sprachen unter uns, froh, daß wir ihn wenigstens leiblich bei uns

hatten, und ruhig abwartend, wann er auch geistig zu uns zurückkehren

würde.

Indessen kramte ich allerlei Gedanken aus, die mich seit kurzem

lebhaft beschäftigt hatten und die, unreif und schroff, wie ich sie

hinwarf, den Widerspruch unseres Freundes, der ein scharfer

Dialektiker war, zu jeder anderen Zeit gereizt haben würden. Der

Zustand des Theaters in Italien hatte den Anstoß gegeben. Ich

behauptete, es sei durchaus nicht wunderbar, daß es die Italiener, so

pathetisch und leidenschaftlich sie sich gebärdeten, nicht zu einer

tragischen Literatur gebracht hätten, die sich neben die griechische,

englische und deutsche stellen könnte. Im Grunde sei es bei den

Spaniern und Franzosen, trotz ihrer hochberühmten dramatischen

Blüteperioden, nicht viel besser damit bestellt. Denn das Temperament

der Romanen, ihre Natur wie ihre Kultur, seien nun einmal so streng an

das Konventionelle gebunden, daß die eigentlichsten tragischen

Probleme, die alle auf der Selbstherrlichkeit des Individuums beruhten,

ihnen kaum verständlich würden; dazu komme noch, daß sie auch in der

Form sich nie zu befreien und die rücksichtslosen Naturlaute

anzuschlagen wagten, die allein den tragischen Schauder in uns erregen

könnten? Wie jedes ästhetische Gespräch, das nicht bloß an der

Schale herumtastet, führte auch dieses bald in die rätselhaften Tiefen

der Menschennatur, und während Amadeus scheinbar teilnahmslos mit

seinem silbernen Stift Figuren in den verschütteten Wein zeichnete,

nahm Otto lebhaft Partei für das, was ich als Konvention zu verdammen

schien, er aber als das strengwaltende Sittengesetz auch in der

Dichtung obenan stellte. Mein Satz schien ihm gefährlich, daß jeder

tragische Fall das Naturrecht der Ausnahme gegen das bürgerliche Recht

der Regel verherrlichen müsse, daß demnach der Begriff einer

tragischen Schuld auf das Verbrechen hinauslaufe, einen Dämon im Busen

zu haben, der den einzelnen über die engen Schranken der

Alltagssatzung hinaushöbe und ihn darin bestärke, mit nichts sich

abzufinden, nichts zu dulden, nichts zu verehren, was dem innersten

Gefühl widerstreite. Damit lösest du, sagte er, die ganze Weltordnung,

die doch wohl ihre guten Gründe hat, zu Gunsten eines unbegrenzten

Individualismus auf und scheinst nur dem wahren Wert für die Poesie

zuzuerkennen, was sich außer das Gesetz stellt.--Ich suchte ihn dabei

festzuhalten, daß es sich hier nur um die eigentlich tragischen

Kollisionsfälle handle, und daß große und starke, mit einem Wort,

heroische Seelen den Streit der Pflichten anders zu lösen pflegten als

der ängstliche, von kleinen Gewohnheiten und Rücksichten eingeengte

Mittelschlag der Philister. Geniale Naturen, sagt' ich, die auf sich

selbst beruhten, erweitern durch ihre Handlungen, indem sie das Maß

ihrer innern Kraft und Größe als ein Beispiel vorleuchten lassen,

ebensosehr die Grenzen des sittlichen Gebiets, wie geniale Künstler

die hergebrachten Schranken ihrer Kunst durchbrechen und weiter

hinausrücken. Und was an Obermaß und Übermut des Selbstgefühls in

jenen heroischen Seelen sich rühren mag, wird es nicht eben durch den

tragischen Untergang geläutert und gebüßt? Wenigstens nach der

Meinung der Philister, denen das Leben das höchste Gut ist, die also

auch schwerlich von Handlungen und Gesinnungen zu verführen sind, auf

die nach dem Weltlauf der Tod gesetzt ist. Der Dichter aber und die,

die ihn verstehn, wird sich das Recht nicht verkümmern lassen, sich

der hohen Erscheinungen zu erfreuen, für welche die üblichen

Zollstöcke der Moral nicht passen wollen. Und wer das unsittlich

schilt, was bei unseren traurig mangelhaften bürgerlichen

Einrichtungen starken und freien Menschen als eine heilige Notwehr

übrig bleibt, für den ist Schönes nie geschaffen worden, und vom Guten

kennt er nur das Nützliche.

Dieses und ähnliches hatt' ich gesagt, als auf einmal Amadeus aus

seinem Hinbrüten zu mir aufsah und mir über den Tisch hinüber die Hand

reichte. Ich danke dir, sagte er; du hast da ein gutes Wort

gesprochen, das mir wohltut. Unter uns dreien kann ja auch kein

Streit darüber sein, daß die Sitte nicht das Maß der Sittlichkeit ist,

und daß die höchsten Aufgaben der Poesie an den Grenzen der Menschheit

liegen. Aber gegen eins muß ich Einsprache erheben: daß du den Mangel

eines wahrhaft großen tragischen Poeten in Italien aus der

konventionellen Gebundenheit des Volkscharakters erklären willst. Als

ob Gemüts- und Geschmacksanlagen, Sittliches und Ästhetisches sich

notwendig Hand in Hand entwickelten, nicht oft genug eins das andere

überholte! Wenn den Italienern das große tragische Talent geboren

würde, das sie in ihrem Alfieri freilich längst zu besitzen wähnen,

--der Genius des Volkes würde ihm auf halbem Wege entgegenkommen, und

die akademischen Vorurteile des Stils hielten gegen eine echte

Naturkraft so wenig stand, wie alle anerzogene konfessionelle Sitte

gegen das Recht und die Pflicht eines freigebornen Gemüts. Nein, fuhr

er in sichtbarer Erregung fort, und seine Augen schimmerten feucht,

das hohle Pathos ihrer Trauerspiele ist nicht der Grundton, auf den

die Seele dieser edlen Nation gestimmt ist. Ich wenigstens darf dies

nicht anhören, ohne Verwahrung einzulegen. Denn wenn es je ein Wesen

gab, das in seinem Gefühl und Handeln auf sich beruhte und seinem

Dämon gehorchte, so war es mein Weib, und mein Weib war eine

Italienerin.

Er schwieg und wir saßen in der wunderbarsten Erregung ihm gegenüber,

ebenfalls stumm und atemlos vor Überraschung. So gut wir ihn und all

seine Verhältnisse zu kennen meinten, zum ersten Male hörten wir heute,

daß er verheiratet gewesen sei, mit einer Frau, die er so hoch

stellte und die er uns doch verleugnet hatte, wie man eine Verirrung

verheimlicht.

Nun stand er auf und ging in dem engen, halbdunkeln Raum eine Weile

auf und ab, und wir störten ihn weder mit Fragen noch mit Blicken.

Endlich trat er zwischen uns und sagte mit seiner tiefen, klangvollen

Stimme: Ich habe es euch nicht erzählt, weil mich die Erinnerung zu

sehr übermannt und manchmal, wenn ich es nur mir selbst so recht

gegenwärtig machte, mich ein Fieber befiel, das mich eine Woche lang

nicht wieder verließ. Und doch ist es mir wie eine Schuld gegen euch

vorgekommen, daß ich auf alle eure Neckereien, warum ich keine Frau

genommen, nur immer mit Scherzen antwortete. Ihr könnt glauben,

hauptsächlich um dies endlich zwischen uns ins klare zu bringen, habe

ich diesmal, da ich wieder von ihrem Grabe komme, den Heimweg so

eingerichtet, daß ich euch treffen mußte. Laßt mich also alles

heraussagen, wie es mir auf die Zunge kommt. Wir wollen erst noch die

Fenster nach dem Garten öffnen; es ist hier so schwül, daß man schwer

Atem holt. So!--und nun trinkt und raucht, und ich will auf und ab

gehen. Ein Vierteljahrhundert ist darüber hingegangen, und doch steht

alles wie von gestern neben mir und läßt mich nicht ruhig bleiben.

Was er dann berichtete, bis an die Morgendämmerung--denn auch nachher

konnten wir uns nicht so bald trennen--, schrieb ich am folgenden Tage

auf, soviel ich konnte mit seinen eigenen Worten. Damals dachte ich

nicht, daß es in Wahrheit sein letztes Vermächtnis sein würde. Aber

er hatte nicht zu viel gesagt. Die Nacht, in der er es uns erzählte,

trug ihm ein Fieber ein, das ihn bis nach Hause begleitete. Eine

nächtliche Aufregung beim Löschen eines Hausbrandes trat hinzu.

Wenige Wochen, nachdem wir ihn zuletzt gesehen, kam die Nachricht, daß

wir ihn verloren hatten.

Nun sind mir diese Aufzeichnungen um so wertvoller, und kaum kann ich

mich entschließen, fremde Augen hineinblicken zu lassen. Dann wieder

empfinde ich es als eine Pflicht, das wundersame Geschick dieser

beiden Menschen nicht im Dunkeln zu lassen. Sollte nicht das, was

hohe und edle Menschen erleben, Eigentum der ganzen Menschheit sein?

So will ich ihn denn erzählen lassen.

Ich war eben fünfundzwanzig Jahre alt geworden, als mein Vater starb;

seit ich seinen schmerzlichen Todeskampf mit angesehen, schien ich mir

um zehn Jahre älter. Kurz vorher hatte meine einzige Schwester, die

ich sehr liebte, einen jungen Geschäftsfreund unseres Hauses

geheiratet, einen Franzosen, dessen Familie seit lang in Genf

angesiedelt war, und der nun seinen Namen unserer Firma hinzufügte.

Wir standen uns so nah wie Brüder, und als er und meine Schwester in

mich drangen, einige Monate auf Reisen zu gehen, um meine verstörten

Lebensgeister wieder ins Gleiche zu bringen, ließ ich mich hierin wie

in allen Dingen gern von ihnen bestimmen, zumal ich wohl fühlte, daß

ich einer Hilfe von außen sehr bedürftig war.

Auch wirkte die Luftveränderung bald, wie meine Lieben gehofft hatten.

Jugend und Lebensmut kehrten mir zurück; ich hatte wieder offene

Augen für alle Schönheiten der Natur, und mein Sinn für die Künste,

der schon auf früheren Reisen in Deutschland und Frankreich geweckt

worden war, fand reiche Nahrung in Mailand und Venedig, wohin ich mich

zunächst wandte, um dann in mäßigen Tagesreisen südlicher zu gehen.

Vor allem zog es mich nach Florenz, und die Herrlichkeiten, die ich

dort zu finden hoffte, machten mich gegen manches undankbar, was mir

auf dem Wege dahin begegnete. So hatt' ich mir auch für Bologna nicht

mehr als einen einzigen Tag festgesetzt, Kirchen und Galerien hastig

durchrannt und mich am Nachmittag in einen Wagen geworfen, um nach dem

alten Klosterhügel San Michele in Bosco hinauszufahren und mit einer

Rundschau von da oben herab mein Reisegewissen über diese merkwürdige

Stadt zu beruhigen.

Es war einer der heißesten Tage jenes Hochsommers, und obwohl ich

sonst gegen jede Temperatur ziemlich unempfindlich war, lähmte mich

doch heute die Schwüle bis zur Erschöpfung. Die Straße, die von San

Michele nach der Stadt zurückführt, war völlig öde. Über die

Mauern der Gärten ragten die Bäume und Büsche dickverstaubt herüber,

die Räder des Wagens gruben sich in den handhohen glühenden Staub

schwerfällig ein, mein Kutscher nickte so schlaftrunken auf dem Bock,

daß er sich kaum im Gleichgewicht hielt, und sein müdes Tier schlich

mit gesenkten Ohren ganz am Rande der Chaussee, um den schmalen

Schatten mitzunehmen, den hie und da eine Villa oder Gartenhecke über

die Straße warf. Ich hatte mich auf dem Rücksitz bequem ausgestreckt

und mir aus meinem Regenschirm ein Zelt gemacht, unter dem ich in

einer Art Halbschlaf hindämmerte.

Plötzlich wurde ich, nicht eben sanft, aus meiner Ruhe aufgeschreckt

durch etwas, das mir gegen das Gesicht fuhr, als hätte mich im

Vorbeifahren ein herüberhangender Baum gestreift. Als ich hastig

aufsprang und mich umsah, fiel mein erster Blick auf einen blühenden

Granatzweig, der auf meinem Schoße lag und offenbar über die nahe

Mauer mir in den Wagen geworfen war. Die Bewegung, die ich machte,

schien dem Gaul ein Zeichen, daß er stillhalten sollte. Der Kutscher

schlief ruhig weiter. So hatte ich alle Muße, den Ort zu prüfen, von

woher der Wurf gekommen war, und ließ es mir um so mehr angelegen sein,

als ich hinter der hohen Gartenmauer deutlich ein verstohlenes

Kichern hörte, wie von einem übermütigen Mädchen, das heimlich über

eine gelungene Schelmerei triumphiert. Und richtig, noch hatte ich

nicht lange gewartet, aufrecht im Wagen stehend und die Mauer scharf

im Auge, als ein Lockenkopf unter einem großen Florentiner Strohhut

über dem Mauerrand auftauchte. Zwei dunkle mutwillige Augen unter

ernsthaften Augenbrauen richteten sich auf mich und schienen mich wie

ein fremdes Wundertier anzustaunen. Als ich aber den Granatzweig

erhob, die Blüten an meine Lippen drückte und sie dann gegen die junge

Wegelagerin schwenkte, übergoß das reizende Gesicht plötzlich eine

dunkle Röte, und im Nu war die Erscheinung wieder hinuntergetaucht,

daß ich, ohne den Zweig in meiner Hand, am Ende geglaubt hätte, alles

sei nur ein Traum gewesen.

Ich stieg nachdenklich aus dem Wagen und ging ein paar Schritte längs

der Mauer hin nach dem hohen Gitterportal, das den Garten verschloß.

Durch die alten Eisenstäbe von schwerer mittelalterlicher Arbeit

konnte ich ein Stück des Parks übersehen und das Haus, das mit

verschlossenen Jalousien mitten zwischen Ulmen und Akazien stand. Ich

rüttelte am Schloß, das nicht zu öffnen war, und meine Hand faßte

schon nach dem Klingelgriff, als mich eine geheime Scheu überfiel, das

Innere dieses fremden Bezirks zu betreten. Und was hätte ich für eine

Figur gemacht, wenn man mich um den Grund meines Eindringens befragt

hätte? So begnügte ich mich, ein Weilchen zu warten, ob die

Zweigwerferin sich nicht irgendwo blicken lassen würde, und

betrachtete indessen das Haus, an dem nichts Merkwürdiges war, so

genau, als ob ich es zeichnen wollte, bis die Sonne mir unerträglich

wurde und mich unter mein Schirmzelt zurücktrieb. Der Kutscher kam

darüber wieder zu sich, tat einen Ruck mit dem Zügel, und wir

schlichen unseres Weges weiter, ich immer noch den Kopf auf dem Rücken,

obwohl nichts Holdes mehr zu sehen war.

Als ich in meinen Gasthof "zu den drei Pilgern" zurückkam, brach ein

rascher Gewitterguß über diese schwüle Stadt herein, und es war die

Nacht darauf erquicklich kühl und feucht in den Straßen, so daß ich

nicht satt wurde, unter den langen Arkaden herumzuschlendern, bald

hier in einem Café Eiswasser zu trinken, bald dort ein Kirchenportal

im fahlen Laternenschein zu studieren. Aber sosehr ich mich mit

Stehen und Gehen abmüdete, ich konnte bis an den frühen Morgen nicht

zum Schlafen kommen. Daß es das junge Gesicht von der Gartenmauer

sein könnte, was mich wach hielt, glaubte ich selber nicht, obwohl ich

es beständig vor Augen hatte. Ich hatte es immer für eine Fabel

gehalten, daß der Funken eines Blickes genüge, ein Herz in Brand zu

stecken. Und so schob ich meine Unruhe auf die überreizten Nerven.

Nur am anderen Morgen, als man mir die schon abends bestellte Rechnung

brachte und ich nun mit der Abreise Ernst machen sollte und doch

merkte, es lasse mich nicht fort, wurde ich nachdenklich. Ich

erinnerte mich, daß ich einen Geschäftsfreund unseres Hauses hier in

Bologna aufzusuchen hatte. Mein Gewissen in diesem Punkt war sonst

nicht übermäßig zart. Jetzt aber schien es mir durchaus nötig, diese

Pflicht der Höflichkeit zu erfüllen. Auch machte ich mir Vorwürfe,

Raffaels heilige Cäcilien nur so flüchtig betrachtet zu haben, anderer

Unterlassungssünden zu geschweigen. Bologna kam mir auf einmal sehr

viel sehenswürdiger vor, und Florenz blieb mir ja aufgehoben.

Ich bildete mir zuletzt wirklich ein, die Zweigwerferin habe den

geringsten Anteil an meinem veränderten Entschluß. Seltsam, daß mir

die Umrisse des Gesichts, je mehr ich mich zurückbesann, immer mehr

entschwanden, und nur die Augen allgegenwärtig mir vorschwebten. Ich

merkte auch über Tag, während ich meinen Touristenpflichten nachging,

keine besondere Aufregung in mir. Doch als ich, da die größte Hitze

vorüber war, den Weg nach dem Landhause einschlug, als ob es sich von

selbst verstünde, war eine wunderliche Bangigkeit in mir, und ich weiß

noch genau, welche Lieder ich sang, um mir Mut zu machen.

Nun kam ich hinaus und fand alles wie gestern, das Haus im Garten nur

weniger öde, da die Jalousien geöffnet waren und auf dem Balkon ein

Hündchen stand, das, wie ich von dem Gitterportal nicht weichen wollte,

mich heftig anbellte. Auch jetzt noch faßte ich mir nicht das Herz,

anzuläuten. Es war, als warnte mich etwas, und fast wünschte ich

selbst, das Gesicht nicht wiederzusehen, um dann morgen leichten

Herzens abreisen zu können. Dennoch umging ich erst einmal die ganze

Mauer, die sich ziemlich weit herumzog und drüben im Feld an niedrige

Bauernhütten und Maisfelder grenzte. Auch dort war alles einsam. Als

ich an die Stelle kam, wo ein niedriger Heckenzaun an die Mauer stieß,

so daß ich bequem hinaufklettern und in den Garten sehen konnte, wagte

ich es ohne Bedenken, da kein Mensch in der Nähe war. Eine große

Steineiche ragte gerade dort von innen über die Mauer. Da stieg ich

hastig hinauf und ergriff den niedrigen Ast, mich in der Schwebe zu

halten.

Ich hätte es mir nicht besser aussuchen können; denn kaum hundert

Schritte von mir entfernt sah ich auf einem verbrannten Rasenplatz,

der aber jetzt im Schatten lag, zwei junge Mädchen, die Federball

spielten und nicht ahnten, daß sie belauscht wurden. Die eine trug

ein weißes Kleid und den großen Strohhut, den ich gestern schon

gesehen hatte. Sie war nicht groß, nicht klein, schlank aufgewachsen

wie ein Mandelbäumchen, dabei von einer raschen Anmut wie ein junger

Vogel, daß ich ähnliches nie gesehen zu haben meinte. Die schwarzen

Haare fielen ihr während des lebhaften Spiels frei um die Schultern,

das Gesichtchen war blaß, nur Zähne und Augen leuchteten, und dann und

wann lachte sie hell auf, wenn ein ungeschickter Wurf geschehen war;

dann klopfte mir jedesmal heftig das Herz, und die Hecke unter meinen

Füßen zitterte. Ihre Gespielin war fast gleich gekleidet, nur minder

zierlich, und schien von geringerem Stande. Ich sah sie kaum, da ich

genug zu tun hatte, allen Bewegungen der reizenden Gestalt zu folgen.

Wie sie den Arm hob, um den Ball zu schlagen, wie sie mit

scharfgespannten Augen fest in die Höhe sah, um den niedersausenden zu

erwarten, ihr Jubel, wenn ihr ein Wurf hoch im Bogen geglückt war, ihr

Kopfschütteln bei einem Fehlschlag--jede Gebärde ein Bild der

reizendsten Jugendkraft und Lebensfülle! Ich fühlte deutlich, daß es

um mich geschehen war, und gab mich, zum ersten Male in meinem Leben,

einem Gefühle hin, das mich ganz und gar überstürzte und verschlang.

Mitten in dieser Hingerissenheit überlegte ich eben, wie ich es

anfangen sollte, mich ihr zu nähern, ohne sie zu erschrecken, als mir

der Zufall--nein, mein guter Stern zu Hilfe kam. Der Federball, den

sie hoch in die Luft geschlagen, überflog den Wipfel der alten

Steineiche, unter dem ich verborgen stand, und fuhr noch weit ins

benachbarte Feld hinüber. Sie sah ihm ängstlich nach--ich weiß nicht,

ob sie mich sogleich erblickte. Als ich aber eilig herabgesprungen

und mit dem glücklich geretteten wieder über die Mauer aufgetaucht war,

sah ich ihre schwarzen Augen erstaunt, aber nicht unwillig, nach der

Stelle gerichtet, wo ich Posto gefaßt hatte. Die andere tat einen

leichten Schrei, lief zu ihr hin und sprach hastig allerlei, was ich

nicht hören konnte. Aber an ihren Gebärden merkte ich, daß sie ihr

zur Flucht ins Haus zuredete. Das schöne Wesen schien nicht auf sie

zu hören, sondern ruhig abzuwarten, wann es dem Fremden belieben würde,

den Fund zurückzuerstatten. Als ich zögerte, immer im Anschauen

versunken, nahmen ihre Augen einen vornehm trotzigen Ausdruck an, sie

warf die Locken zurück und wollte sich eben mit einer kalten Miene von

mir abwenden, als ich den Federball in die Höhe hob und sie mit einer

raschen Gebärde noch zu warten bat. Dann nahm ich ein goldenes

Medaillon in Herzform, das Haare meiner Schwester enthielt, mit dem

Samtband, an dem ich es trug, vom Hals, befestigte es sorgfältig an

das buntbefiederte Bällchen und warf es so glücklich hinüber, daß es

unweit von ihren Füßen auf den hellen Kies des Gartens niederfiel.

Sie tat, mit der stolzesten Haltung von der Welt, einige Schritte mir

entgegen, hob den Federball auf und warf mir, als sie das Medaillon

bemerkte, einen raschen leuchtenden Blick zu, der mir bis ins Mark

drang. Ihre Gespielin kam herzu und schien sie etwas zu fragen. Aber

sie antwortete nicht, schob den Federball samt dem goldenen Anhängsel

in die Tasche und bewegte darin, mit einer unnachahmlichen Hoheit, die

Rakette, die sie in der Hand hatte, gegen mich, wie sich eine Fürstin

für eine Huldigung bedankt. Dann wandte sie sich und ging mit

langsamen Schritten, ohne noch einmal nach mir umzublicken, dem Hause

zu.

Ich hatte nun freilich da oben nichts mehr zu suchen, und heute noch

einen Versuch zu wagen, schien mir zu kühn. Was konnt' ich auch für

jetzt mehr gewinnen? Sie hatte mich offenbar wiedererkannt. Mein

neues Auftauchen mußte ihr sagen, wie ich es meinte; mein Herz hatte

ich ihr zu Füßen geworfen, sie hatte es aufgehoben und es ruhte jetzt

in ihrer Hand. Sollte ich ihr nicht Zeit lassen, sich zu besinnen?

Ich war auch in einem Fieberzustand, daß ich irre geredet hätte, wenn

ich ihr jetzt begegnet wäre.

Auch diese Nacht schlief ich wenig, aber ich habe nie in größeren

Freuden aufgesessen und die Stunden schlagen hören. Als es dann

wieder Tag geworden war, ging ich, sobald nur geöffnet wurde, in die

Galerie und setzte mich der heiligen Cäcilia gegenüber, wohl zwei

Stunden lang. Da prüfte ich mein Inneres wie vor einem reinen Spiegel.

Ich empfand, daß mich kein Spuk der Sinne verwirrte, daß der Funken,

der mir ins Herz gefallen war, wirklich vom himmlischen Feuer stammte.

Dieser Morgen war wundervoll. Alles noch Ahnung und Vorgefühl, und

doch ein überschwengliches Entzücken, als säße sie dicht neben mir und

ich fühlte ihr Herz an meinem schlagen. Die Heilige mit ihrem stillen

Emporblicken konnte den Himmel nicht offener sehen.

Wieder ließ ich die Zeit der Siesta vergehen, ehe ich meine Wanderung

nach der Villa antrat. Aber diesmal begnügte ich mich nicht, durchs

Gitter zu sehen; ich zog herzhaft an der Glocke und erschrak nicht

einmal, als sie einen endlosen Lärm machte. Das Hündchen kam zornig

auf den Balkon gelaufen, unten im Hause öffnete sich ein

Seitenpförtchen neben der hohen Glastüre, und ein kleiner Mann, dessen

gutmütiges Gesicht durch einen mächtigen grauen Knebelbart einen

lächerlich martialischen Anstrich bekam, schritt in sichtbarer

Verwunderung über den unerwarteten Besuch auf das Gitter zu. Ich

sagte das Sprüchlein, das ich mir eingeübt, ohne Stocken, daß ich ein

Fremder sei, ein Reisebuch über Italien im Werk habe und auch die

Landhäuser um Bologna mit aufzunehmen denke. Es sei mir darum sehr

wichtig, die Erlaubnis zu erhalten, auch hier nur einen raschen

Umblick zu tun, da dieses Haus im alten Stil erbaut und in vieler

Hinsicht merkwürdig sei.

Der Graubart schien von alledem nicht viel zu verstehen. Es tut mir

leid, sagte er, aber ich darf den Herrn durchaus nicht einlassen. Die

Villa gehört dem General Alessandro P., unter dem ich selbst gedient

habe, und die Schweiz, wo der Herr herstammt, kenne ich wohl, denn da

bin ich selbst durchgekommen unter dem Bonaparte. Hernach, wie alles

zu Ende war und ich mit meinen Wunden zu schaffen hatte, kommandierte

mich mein General auf diesen Ruheposten, und da er noch einmal

heiratete, gab er mir seine Tochter hier aufzuheben, denn der Herr

weiß wohl, wie es geht, wenn die junge Tochter schöner ist als die

junge Mutter. Nun, da leben wir hier ganz friedlich, und der

Signorina fehlt es auch an nichts, denn der Papa schickt ihr fast jede

Woche irgend was Hübsches, und Lehrer im Singen und in den Sprachen

hat sie auch die besten und an meiner eigenen Tochter eine

Gesellschaft, wie sie sie nur wünschen kann. Nur in die Stadt kommt

sie nicht, und die Mutter fragt nichts nach ihr, und das macht ihr

auch weiter keinen Kummer, da der Vater doch alle Monat einmal sie

besuchen darf. Aber jedesmal, wenn er kommt, schärft er mir wieder

ein, daß ich das Kind hüten soll wie meinen Augapfel, und sonntags,

wenn sie in die Messe geht, gehn Nina und ich selbst mit ihr und

lassen kein Auge von ihr. Was wollt Ihr auch in dem alten Hause sehn?

Ich versichere Euch, es ist wie hundert andere, und auch im Garten

wächst nichts Besonderes. Das fehlte noch, daß Ihr in einem Buch von

uns erzähltet; da würde es Händel setzen mit meinem Herrn, und am Ende

jagte er mich, so alt ich bin, aus dem Dienst.

Ich suchte ihn nach Möglichkeit zu beruhigen, aber mehr als alle guten

Worte wirkte ein Goldstück, das ich ihm durchs Gitter in die Hand

drückte.--Ich sehe, Ihr seid ein honetter junger Mann, sagte er, und

werdet einen alten Soldaten nicht unglücklich machen. Wenn Ihr so

hitzig darauf besteht, so kommt und ich führe Euch herum, daß Ihr Eure

Neugier büßt. Auch kann ich es um so eher, da die Signorina gerade

Singstunde hat; so wird sie also gar nichts davon erfahren, daß ich

einen Fremden eingelassen habe.

Er schloß mir mit einem schweren Schlüssel die Gittertür auf und

führte mich ins Haus. Im Erdgeschoß war ein großer kühler Saal, mit

Jalousien und schweren Vorhängen gegen die Sonne verwahrt. Ich bat,

meiner Rolle getreu, ein Fenster zu öffnen, um die Bilder betrachten

zu können, die an den Wänden hingen. Es waren Familienporträts von

geringem Wert, nur eins, über dem Kamin, fesselte mich länger. Das

ist die Mutter unserer Signorina, sagte der Alte; ich meine die rechte,

die nun schon fünfzehn Jahr tot ist. Sie war eine schöne Frau, man

nannte sie die schöne Heilige; die Tochter gleicht ihr sehr, nur daß

sie lustiger ist und wie ein Vogel im Bauer beständig auf und ab

springt.

Sie hat auch eine Vogelkehle, warf ich scheinbar gleichgültig hin.

Ist sie das nicht, die da über uns singt?

Jawohl, sagte der Alte. Der Kapellmeister von unserem Theater kommt

zweimal die Woche. Wenn darin der Papa (il babbo, sagte er) seinen

Besuchstag hat--er bleibt dann immer viele Stunden--, singt sie ihm

ihre neuen Arien, und dann ist der arme Herr wie im Paradiese. Er hat

sonst auch wenig Freude, und ohne das Kind wäre ihm wohl besser in

einer anderen Welt.

Was ist mit ihm? fragte ich. Ist er krank?

Wie man's nimmt, lieber Herr, sagte der Alte mit Achselzucken. Ich

wenigstens wäre lieber tot, als so lebendig. Wer ihn gekannt hat, als

er noch bei der Armee war--der Riese des Giovanni da Bologna auf dem

Markt sieht nicht vornehmer und ritterlicher in die Welt, als mein

General tat. Und jetzt--es ist herzbrechend. Den ganzen Tag sitzt er

im Lehnstuhl am Fenster, schneidet Bilderbogen aus oder spielt Domino,

und es ist, als hörte und sähe er nichts, und wenn seine Frau ihm

etwas sagt, schielt er sie ganz schüchtern an und nickt ja zu allem.

Nur was die Signorina angeht, da ist er noch ganz der alte, da darf

ihn niemand hinters Licht führen wollen, oder er erfährt, daß der alte

Löwe Tatzen hat, wenn ihm auch die Klauen beschnitten sind.

Und wie ist er in diesen Zustand gekommen?

Niemand weiß es, Herr. Es sind Dinge in dem Hause vorgefallen, von

denen man nur gemunkelt hat. Ich meine immer, es muß ihm einmal von

dem Weibe, will sagen Ihrer Exzellenz der jungen Frau Generalin, ein

Schlag aufs Herz geschehen sein, von dem er sich nicht wieder ganz hat

erholen können. Nun trägt er den Packen, den er sich selbst

aufgeladen hat, wie ein alter standhafter Soldat Hunger und Durst

erträgt, wenn er auch darüber zum Schatten einschrumpft. Ja, ja, das

sind Geschichten!

Indessen stiegen wir die Treppe hinauf und kamen dem Gesang immer

näher. Die Stimme hatte etwas Herbes, Ungeschmeidiges; ein hoher,

jugendlicher Sopran, fast knabenhaft, und es schien, als singe sie nur,

weil sie etwas auf dem Herzen habe, durchaus unbekümmert um ihren

eigenen Wohllaut.

Wie heißt die Signorina? fragte ich, als wir oben waren.

Beatrice. Wir im Haus nennen sie Bicetta. O welch ein goldenes Herz!

Meine Nina sagt oft: Vater, sagt sie, wenn sie warten soll, bis sie

einen Mann findet, der sie wert ist, wird sie eine Jungfer bleiben.

Seht, Herr, da ist ihr kleines Zimmer. Da liegen ihre Bücher; sie

liest oft die halbe Nacht, sagt Nina, und in allen Sprachen. Da

nebenan ist die Kammer, wo sie beide schlafen. Das Bild über ihrem

Bett stellt meinen armen Herrn vor in der Generalsuniform, wie er uns

in die Schlacht führt. Da hinten der Kleine, der die Muskete schwingt,

das soll ich sein, sagt die Signorina. Sie hat ihm selbst erst den

Schnurrbart gemalt, um es ähnlicher zu machen. Aber kommen Sie nur,

hier ist nichts Merkwürdiges. Die Möbel sind alt, sehen Sie. Der

General hat schon einmal neue herausschicken wollen, aber das Kind

will es nicht leiden. Denn so sah hier alles aus, als die Selige hier

ihren ersten Sommer als junge Frau zubrachte. Da auf dem Balkon saß

sie immer in der Abendkühle und schaukelte die Wiege und sah nach der

Stadt hinüber, ob ihr Gemahl noch nicht bald komme, wenn er Geschäfte

hatte.

Ich trat hinaus und bückte mich in wundersamer Bewegung, um das

Hündchen zu streicheln, das mir wedelnd die Hand leckte. Jedes Wort

des braven Alten war ein Tropfen Öl in mein Feuer. Und dann die

Stimme nebenan, deren Hauch die Flamme hoch und höher anfachte!-Um

mich nicht zu verraten, sprach ich allerlei über den Stil, in welchem

der Park angelegt war, über den Mosaiktisch, der mitten in dem großen

Zimmer stand, und das verblichene Freskobild am Plafond. Ich konnte

mich nicht entschließen, wieder auf den Flur hinauszugehen, obwohl

mein Führer ungeduldig zu werden schien. Plötzlich brach nebenan der

Gesang ab, im nächsten Augenblick flog die Tür auf, und sie selbst

stand, das Notenblatt in der Hand, an der Schwelle.

So nah hatte ich sie noch nicht gesehn. Aber dennoch sah ich sie

nicht viel deutlicher als an den vorigen Tagen, denn es schwamm mir

vor den Augen. Nur hatte ich gleich auf den ersten Blick erkannt, daß

sie mein Medaillon am Halse trug.

Der Alte war einen Schritt zurückgefahren und stammelte jetzt eine

linkische Entschuldigung, wobei er mich verstohlen am Rock zupfte.

Es tut nichts, Fabio, sagte sie. Führe den Herrn nur herum, wenn er

das Haus sehen will und den Garten. Geh mit, Nina, wandte sie sich an

ihre Freundin, die auf einem niedrigen Sessel neben dem Klavier mit

einer Stickerei saß; und höre, ich will dir noch etwas sagen.

Sie flüsterte ihr ein Wort ins Ohr, immer dabei den Blick auf mich

geheftet, und verneigte sich dann mit der reizendsten Anmut gegen mich,

der ich kein Wort vorbringen konnte. Dabei legte sie wie

unwillkürlich die rechte Hand auf das Medaillon und wandte sich dann

wieder zu ihrem Lehrer, der dem ganzen Intermezzo mit neugierigen

Augen zugesehen hatte.

Auch schien die Stunde ruhig ihren Fortgang zu nehmen, während wir

drei, die Tochter des Alten voran, die Treppe hinunterstiegen. Das

Mädchen musterte mich nachdenklich bei jeder Wendung der Stufen von

neuem, sprach aber kein Wort. Erst als wir im Garten waren, wandte

sie sich zu ihrem Vater.

Ich soll dem Herrn zwei Orangen pflücken, hat Bicetta mir aufgetragen.

Er werde durstig sein von dem weiten Gang. Wir wollen bei der

Fontäne vorübergehen, da stehen die reifsten.

Ich folgte den beiden wie im Traum und sah nach dem Hause zurück, nach

dem Fenster, aus dem ihre Stimme noch immer herabklang. Die Jalousie

war halb aufgezogen, da konnte ich sie im Halbschatten stehen sehen

und glaubte deutlich zu erkennen, daß sie uns nachsah. Nina sah auch

hinauf und dann wieder auf mich. Mir war es nicht darum zu tun, mich

vor ihr zu verstecken; am liebsten hätte ich ihr mein ganzes Herz

offenbart. Aber da der Vater dabei war, konnte ich ihr nur zuletzt,

als wir am Gitter anlangten und sie mir die Orangen gab, zuflüstern:

Grüße sie und sag ihr, sie würde von mir hören. Und diese eine Frucht

gib ihr, und wenn sie sie ißt--Da kam der Alte dazwischen, der mich

minder freundlich verabschiedete, als er mich eingelassen hatte. Ich

wiederholte mein Versprechen, zu schweigen. Aber er schien einen

anderen Argwohn zu haben, und sein ehrliches Gesicht blieb verfinstert.

Die Nacht brachte ich damit zu, einen langen Brief an sie zu schreiben,

in dem ich ihr meinen ganzen Zustand schilderte und mein Wohl und

Wehe in ihre Hände gab. Wenn mir dann und wann der Schritt, den ich

wagte, mitten in der unsinnigsten Leidenschaft allzu abenteuerlich

vorkam, nahm ich die Orange, die neben dem Blatt auf meinem

Schreibtisch lag, und drückte sie gegen die Lippen, schloß dabei die

Augen und dachte an sie, wie sie sich auf der Schwelle mit jenem

langen holdseligen Blick verneigt und die Hand an das goldene Herz

gelegt hatte.

Hernach schlief ich sehr ruhig und bis in den hellen Tag hinein, ließ

aber wieder den Mittag vorübergehen, eh ich als mein eigener Briefbote

den entscheidenden Gang antrat. Das Glück wollte mir wohl. Ich hatte

mir eine lange eindringliche Rede ausgedacht, mit der ich den Alten

gewinnen wollte, wenn er Anstand nähme, meinen Brief zu besorgen.

Aber statt seiner kam, als ich läutete, Nina ans Gitter; da konnt' ich

die vielen Worte sparen. Das kluge Kind schien durchaus nicht

überrascht, mich wiederzusehen. Auch nahm sie den Brief unbedenklich

an. Aber auf meine Frage, ob sie glaube, daß die Signorina mir

antworten würde, machte sie eine diplomatische Miene und sagte: Wer

kann es wissen?--Ich würde jedenfalls am anderen Tage wiederkommen,

sagt' ich, genau zu derselben Zeit, und bäte sie, mich hier am Gitter

zu erwarten, daß ich nicht anzuläuten und ihren Vater ins Geheimnis zu

ziehen brauchte.

Der Vater? sagte sie und lachte. Den fürchten wir nicht. Er tut

immer, als wäre er ein Menschenfresser, und Bicetta braucht ihn nur

anzusehn, so ist er um den Finger zu wickeln. Aber kommt morgen

lieber eine Stunde später. Wir haben Zeichenstunde und können

Euretwegen den Professor doch nicht wegschicken. Wollt Ihr?

Eine Kutsche rollte auf der Landstraße heran, ich hatte nur Zeit, der

Kleinen noch ein Ja zuzurufen, dann war sie mir schon entschlüpft, und

ich selbst floh rasch die Mauer entlang, um nicht hier am Gitter

betroffen zu werden. Der Wagen hielt richtig am Portal, mein alter

graubärtiger Freund, der Hausverwalter, sprang vom Sitz neben dem

Kutscher herab und half einem hochgewachsenen schlohweißen alten Herrn

aus dem Wagen, in dem ich sogleich, an Augen, Stirn und Nase,

Beatrices Vater erkannte. Er ging etwas gebückt und mit trippelnden

Schritten, sich die Hände reibend und über das ganze Gesicht lachend.

Ein Diener hob einen Korb mit Blumen und allerlei eingewickelten

Sachen aus dem Wagen und trug ihn dem Alten nach. Ich hatte mich so

an die Mauer gedrückt, daß keiner mich bemerkte. Ich selbst aber

übersah die ganze Szene. Ehe noch einer geläutet hatte, flog die

Gitterpforte weit auf, und die schlanke weiße Gestalt der Tochter hing

sich an den Hals des alten Herrn, der sie mit einer rührenden

Heftigkeit in seine Arme schloß und dann halb schwebend hineintrug.

Die anderen folgten. Ich sah mit Neid das Tor hinter ihnen ins Schloß

fallen.

Wie ich die Stunden dieses Tages und der folgenden Nacht hinbrachte,

weiß ich selber nicht. Es war ein beständiges Zwielicht um mich her,

eine süße Betäubung, eine Schlaftrunkenheit, die mir die Augen

zudrückte, während es beständig in mir sang und klang wie Flöten und

Geigen. Denn sonderbar! so wenig zuversichtlich ich von jeher Frauen

und Mädchen gegenüber mich gefühlt hatte, obwohl ich wußte, daß ich

für einen schmucken jungen Mann galt, so getrost sah ich diesmal

meinem Schicksal entgegen, als wäre mir das Herz dieses Mädchens so

gewiß, wie daß morgen die Sonne aufgehen würde. Nur die Zeit, bis ich

es von ihren Lippen hören sollte, schien unüberwindlich lang und

langsam.

Noch muß ich hier eine seltsame Begegnung erwähnen, die ich am anderen

Tage in einer Kirche hatte. Ich war absichtslos hineingetreten, bloß

um den Ort meiner Ungeduld zu verändern. Denn weder Bilder noch

Säulen, noch die Menschen, die vor den Altären knieten, interessierten

mich nur im geringsten. Ich war so zerstreut, daß ich meinen Schritt

zu dämpfen vergaß, da doch eben Messe war. Erst ein unwilliges

Gemurmel eines alten Weibes erinnerte mich, daß ich mich unschicklich

betrug. Da blieb ich am ersten besten Pfeiler stehen, horchte auf das

Gesumme der Orgel und das Klingeln des Glöckchens und atmete den

Weihrauch behaglich ein. Aber wie ich so die Augen mit abwesendem

Geist über die kniende Menge schweifen lasse--ich selbst als Sohn

eines strengen Calvinisten enthielt mich natürlich dieses andächtigen

Brauches--, bemerke ich in einem Seitenstuhl mir gerade gegenüber zwei

dunkelblaue Augen unter einer weißen, von lichtbraunem Haar

überhangenen Stirn, die sich unbeweglich auf mich heften und auch

nicht ihre Richtung ändern, solange die Messe dauerte. Ich gestehe,

daß mir zu jeder anderen Zeit diese stumme Anrede eine Erwiderung

abgelockt hätte. An jenem Morgen blieb ich ganz unempfindlich und

wäre am liebsten fortgegangen, wenn ich nicht eine neue Störung hätte

vermeiden wollen. Als aber alles sich erhob, sah ich, wie die schöne

Frau rasch aufstand, den schwarzen Spitzenschleier über den Kopf zog

und durch den schmalen Gang gerade auf mich zu kam. Sie war tadellos

gewachsen, ein wenig zu voll, aber von einer Leichtigkeit der

Bewegungen, die sie noch jugendlich erscheinen ließ. In ihrer weißen

Hand, die ohne Handschuh den Schleier zusammenhielt, trug sie einen

kleinen Fächer mit Perlmuttergriff. Den öffnete sie halb und bewegte

ihn nachlässig, als sie in meine Nähe kam, und sah mir dabei mit einem

ruhigen, aber vielsagenden Blick voll ins Gesicht. Dann, da ich keine

Miene machte, als ob ich irgend etwas zu verstehen glaubte, warf sie

den Kopf ein wenig zurück, lächelte vornehm, daß ihre schönen Zähne

schimmerten, und rauschte an mir vorbei.

Im nächsten Augenblick schon hatte ich dies Intermezzo vergessen.

Aber meine Freudigkeit war plötzlich verschwunden. Je näher der Abend

rückte, je bänger wurde mir der Mut, und in der verabredeten Stunde

schleppte ich, wie ein schwerer Verbrecher, der vor seinen Richter

treten soll, meine Schritte nach der Villa hinaus.

Ich erschrak heftig, als ich statt der Nina, die ich am Gitter zu

treffen dachte, ihren Vater am Portal stehen sah. Aber der Alte,

obwohl er mürrisch genug aussah, nickte mir doch schon von weitem zu

und machte ein Zeichen, daß ich nähertreten sollte.

Ihr habt der Signorina einen Brief geschrieben, sagte er, den Kopf

schüttelnd. Ei, ei, warum habt Ihr das getan? Wenn ich das von Euch

gedacht hätte, mit meinem Willen hättet Ihr keinen Fuß in das Haus

gesetzt. Und mein armer Herr, und alles, was ich ihm versprochen habe,

und was alles noch kommen kann--ich darf gar nicht daran denken!

Tapfrer alter Freund, sagt' ich, es sollte nicht hinter Eurem Rücken

geschehen. Wärt Ihr gestern zu Haus gewesen, gewiß, ich hätte den

Brief Euch selbst gegeben und allenfalls hättet Ihr ihn lesen können,

um zu sehn, daß ich nichts als Ehrenhaftes im Sinn habe. Aber sagt um

Gottes willen-Kommt, unterbrach er mich. Wir wollen die Zeit nicht

verderben. Ihr seid ein honetter junger Herr, und übrigens: wie

sollt' ich alter Tropf es hindern, wenn ich's auch wollte? Sie ist

die Herrin, glaubt es mir, so jung sie ist. Wenn sie sagt: das will

ich! so widersteht ihr niemand. Und sie will Euch sehn, sogleich, sie

will selbst mit Euch sprechen.

Mir taumelten alle Sinne bei diesen Worten. Ich hatte nur auf einen

Brief gehofft; nun das!

Der Alte schien selbst gerührt, als ich ihm stürmisch die Hand drückte,

Er führte mich nach dem Hause und wie vorgestern durch die Seitentür

hinein in den Saal des Erdgeschosses. Nur waren heut alle Läden und

Vorhänge geöffnet, um das Abendrot einzulassen; zwei Sessel standen

dem Kamin gegenüber, und von dem einen erhob sich, als wir eintraten,

die geliebte Gestalt des Mädchens und tat einige Schritte mir entgegen.

Sie hatte ein Buch in der Hand, in dem ich meinen Brief stecken sah.

Ihre reichen Haare waren aufgebunden und mit einem schwarzen Samtband

durchzogen. Auf ihrer Brust sah ich wieder mein Medaillon.

Fabio, sagte sie, mach die Tür nach dem Garten auf und bleib auf der

Terrasse, für den Fall, daß ich dir etwas aufzutragen hätte.

Der Alte verneigte sich ehrerbietig und tat, was sie ihn geheißen

hatte. Währenddessen standen wir uns unbeweglich gegenüber, und ich

konnte vor Herzklopfen kein Wort hervorbringen.

Ihr Blick ruhte mit unerschütterlichem Ernste, halb fragend, halb

staunend, auf meinen Augen. Endlich schien sie sich gefaßt zu haben

und klar zu wissen, was ihr noch eben rätselhaft gewesen war. Sie

reichte mir die Hand, die ich rasch ergriff, aber nicht an meine

Lippen zu drücken wagte.

Komm, sagte sie, und setz dich. Ich habe dir viel zu sagen. Siehst

du das Bild? Das ist meine liebe Mutter, die ist lange tot. Als ich

deinen Brief gelesen hatte, hab' ich mich hierher gesetzt und sie

gefragt, was ich dir antworten sollte. Dann schien mir's, als ob sie

zu nichts ihre Zustimmung geben könnte, als zu der Wahrheit. Und die

Wahrheit ist, daß ich, seit ich dich damals im Wagen gesehn, keinen

anderen Gedanken gehabt habe als an dich, und daß ich bis an meinen

Tod nicht aufhören werde, an dich zu denken.

Ich wußte nicht, wie mir geschah, als ich diese schlichten Worte hörte.

Ich stürzte nieder neben ihrem Sessel, ergriff ihre beiden Hände und

bedeckte sie mit Küssen und Tränen.

Warum weinst du nun? sagte sie und suchte mich aufzuheben. Bist du

nicht glücklich? Ich bin es. Ich habe schon viel Schmerzen gehabt,

aber in diesem Augenblick ist alles ausgelöscht; ich weiß nur, daß du

bei mir bist und ich bei dir, und daß ich nun nie mehr unglücklich

werden kann.

Sie stand auf und ich riß mich in die Höhe. Ich wollte sie im Taumel

des Glücks in die Arme schließen, aber sie trat sanft einen Schritt

zurück. Nein, Amadeo, sagte sie, das darf nicht sein. Du weißt nun,

daß ich dein bin und nie eines anderen sein werde. Aber laß uns ruhig

bleiben. Ich habe alles bedacht in dieser langen Nacht. Du darfst

nun nicht mehr in dies Haus kommen, ich hab' es dem guten Fabio

versprochen, daß ich dich heute hier zum ersten und letzten Male sehen

wollte. Denn wenn du öfter kämest, hätt' ich bald keinen Willen mehr

als deinen, und ich will meinem Vater keine Schande machen. Höre, du

mußt zu ihm gehn, du wirst keine Mühe haben, im Hause eingeführt zu

werden; es gehen ja, fügte sie mit einem Seufzer hinzu, so viele junge

Leute dort ein und aus, auch Fremde genug. Wenn er dich dann ein

wenig kennengelernt und Zutrauen zu dir gefaßt hat, dann halte um mich

an, und du magst ihm auch sagen, daß wir uns kennen und daß ich

niemand zum Mann haben will als dich. Das andere überlaß nur mir, und

versprich mir auch, seine Frau nicht ins Vertrauen zu ziehn. Das wäre

das Allerschlimmste, weil sie mich nicht liebt und es nicht gern sähe,

wenn ich glücklich würde. Ach, Amadeo, ist es denn möglich, daß du

mich liebst, ganz so, wie ich dich liebe? War dir's denn auch so an

jenem ersten Tage, als wenn der Blitz neben dir einschlüge und die

Erde bebte und Bäume und Büsche umher stünden in Feuer? Ich weiß

nicht, wie es kam, daß mich der Mutwille trieb, dem Fremden, der unter

dem Schirme schlief, den Zweig zuzuwerfen. Ich sah nicht einmal dein

Gesicht; es war eine Kinderei, und sie reute mich fast im selben

Augenblick. Aber dann zog mich's unwiderstehlich, ich mußte noch

einmal über die Mauer sehen, und da standst du aufrecht im Wagen und

grüßtest mich mit den Granatblüten, und da überlief es mich heiß und

kalt, und seitdem stehst du immer vor mir, was ich auch tue oder lasse!

Ich hatte sie wieder zu den Sesseln geführt und hielt beständig ihre

Hand, während ich ihr erzählte, wie mir diese Tage vergangen waren.

Sie sah mich dabei nicht an, so daß ich nur das reizende junge Profil

vor mir hatte; aber alles war ausdrucksvoll an diesem Gesicht, bis auf

die seelenvolle Blässe und die zarten, bräunlichen Schatten unter den

langen Wimpern. Dann schwieg ich auch wieder und fühlte nur in den

feinen Adern ihres Händchens, das ich in meinen hielt, das rasche Blut

klopfen. Der alte Fabio sah einmal bescheidentlich herein und fragte:

ob er Früchte bringen sollte?

Hernach! sagte sie. Oder bist du durstig?

Nach deinen Lippen, flüsterte ich.

Da schüttelte sie wieder den Kopf, und ihre feinen Brauen wurden

ernsthaft.

Du liebst mich nicht! sagte ich.

Viel zu sehr! erwiderte sie mit einem Seufzer. Dann stand sie auf.

Wir wollen noch durch den Garten gehen, eh die Sonne ganz hinunter ist.

Ich will dir Orangen pflücken. Diesmal brauch' ich es nicht der

Nina aufzutragen.

So gingen wir, und sie hielt meine Hand fest und fragte allerlei, nach

meiner Heimat, meinen Eltern, und ob das Haar in dem Medaillon mein

eigenes sei. Als ich sagte, meine Schwester habe mir's gegeben, mußt'

ich von der erzählen. Ich will sie sehen, sagte sie; sie muß mich

lieben, denn ich liebe sie schon jetzt. Dann aber können wir dort

nicht bleiben, weil es mein Vater nicht überlebte, sich von mir zu

trennen. Er hat keine Freude außer mir. Nicht wahr, du kehrst dann

wieder mit mir nach Bologna zurück?

Ich versprach, was sie nur verlangte. Was wäre mir auch unmöglich

erschienen, seit sich dieses Wunder begeben und das holde Gesicht mich

mit Liebesaugen ansah!--Nun wurde sie immer heiterer, wir lachten

endlich zusammen wie die Kinder und warfen uns mit den Orangen, die

sie von den Bäumen am Glashause gebrochen hatte. Komm, sagte sie, wir

wollen Federball spielen. Nina soll mitspielen, obwohl ich fast

eifersüchtig werden möchte, denn sie spricht nur von dir. Sieh, wie

sie sich beiseite schleicht, weil sie glaubt, sie störe uns. Was

haben wir uns zu sagen, das nicht die ganze Welt und Himmel und Erde

hören könnten?

Sie rief nach ihrer Gespielin, und das gute Kind kam mit glühendem

Gesicht heran, gab mir die Hand und sagte: Ich hoffe, Ihr verdient

Euch Euer Glück. Niemand als Euch hätte ich sie gegönnt. Aber wenn

Ihr sie nicht glücklich macht, Herr Amadeo--wehe Euch!

Sie begleitete ihre Drohung mit einer so lebhaften tragischen Gebärde,

daß wir beide lachen mußten, und sie selbst lachte mit. Auf dem

Rasenplatz, wo ich die Mädchen damals belauscht hatte, ließen wir nun

zu dreien den bunten Federball fliegen und waren bald so fortgerissen

von unserem Spiel, als hätten wir gar keine wichtigeren

Angelegenheiten und nicht vor einer halben Stunde über unser

Lebensglück entschieden.

Beatrice(#9065) · 第 1 / 5 段