Alles spricht dafür, daß merkwürdige Veränderungen und Wechsel in Bezug
auf das Klima in verschiedenen Gegenden unserer Erde vor sich gegangen
sind und wahrscheinlich auch in Zukunft noch stattfinden werden.
Um eine Erklärung hierfür zu finden, sind viele und verschiedene
Theorien aufgestellt worden, aber kaum eine davon ist wirklich
überzeugend, weswegen es sich bei dem beschränkten Raum nicht verlohnt,
hier weiter darauf einzugehen.
Um aber einen Begriff davon zu geben, auf was für verschiedenen
Gebieten man seine Gründe gesucht hat, will ich einige der bekanntesten
Theorien erwähnen, besonders diejenigen, welche zu erklären suchen,
weshalb die Eisperioden eintreten und wie man sich die Entstehung des
Inlandseises denkt.
Es würde das Natürlichste und Vernünftigste sein, wenn man, indem
man die Verhältnisse und Kräfte gruppirt, die jetzt auf der Erde
in Wirksamkeit sind, auf andere Weise die nothwendigen Bedingungen
hervorbringen könnte. Es sind auch verschiedene, bisher freilich
vergebliche Versuche in dieser Richtung gemacht worden.
Man hat gemeint, daß eine andere Vertheilung von Land und Wasser auf
der nördlichen Halbkugel Eisperioden hervorbringen könnte. Man hat die
Sahara oder auch Rußland, Finnland und große Theile von Deutschland
unter Wasser gesetzt und damit die Bedingungen für eine europäische
Eisperiode erfüllt zu haben geglaubt. Durch die Landenge von Panama
und Mittel-Amerika grub man einen gewaltigen Kanal und leitete durch
denselben den Golfstrom in den Stillen Ocean, in der Meinung, dadurch
die Bedingungen für eine Eisperiode in Amerika zu erfüllen. Mit anderen
Worten, man nahm an, daß eine größere Ausdehnung des Wassers und
eine Beschränkung des Landes genügen würde, um auf gewissen Theilen
der nördlichen Halbkugel eine Eisperiode hervorzubringen. In diesem
Falle müßte indessen die südliche Halbkugel augenblicklich günstigere
Bedingungen bieten, das Klima ist dort ja auch freilich kälter als
auf der nördlichen, aber weder in Patagonien noch auf Neuseeland hat
man Eisperioden, obwohl solche dort einmal gewesen sind. In der Nähe
des Poles auf dem antarktischen Kontinent scheint sich allerdings
ein Inlandseis zu befinden, dasselbe erreicht aber keine niedrigeren
Breitengrade als den südlichen Polarkreis, während wir es doppelt so
weit von dem Pol oder bis auf den 40° Südl. Br. verlegen müßten, um
eine der Ausdehnung des amerikanischen Inlandseises entsprechende
Fläche zu haben. Hiergegen könnte freilich der Einwand erhoben werden,
daß das antarktische Inlandseis sich möglicherweise weiter nach Norden
hin ausbreiten würde, wenn nur das Land, worauf es ruht, vergrößert
würde. Aber selbst wenn dieser Fall eintrete, würde eine solche
Ausdehnung, wie oben angedeutet, kaum denkbar sein, da die jährliche
Durchschnittstemperatur in dem südlichen Himmelsstrichen nicht
niedriger zu sein scheint als in den entsprechenden nördlichen.
Andere haben den ganz entgegengesetzten Weg eingeschlagen und gemeint,
daß man, indem man eine Ausdehnung des Landes auf der nördlichen
Halbkugel vornehme -- indem man durch eine Landbrücke Europa mit den
Faröern und Island, ja sogar mit Grönland verbände und den Golfstrom
in seinem Laufe hemmte -- die Bedingungen für eine Eisperiode zu
schaffen vermöge. Aber selbst wenn dies in Bezug auf Europa möglich
wäre, was keineswegs der Fall ist, so läßt sich dadurch doch immer die
amerikanische Eisperiode nicht erklären. Außerdem darf man nicht außer
acht lassen, daß für eine Bildung von Inlandeis starke Niederschläge
oder eine große Feuchtigkeit in der Luft erforderlich sind, welches
beides vom Meere herkommen muß, weshalb man sich hüten sollte,
allzuviel Land in die arktischen Gewässer hinauf zu legen, da dies auf
die Dauer keinen fördernden Einfluß auf die Gletscherbildung haben kann.
Einige haben gemeint, daß es früher Zeiten gegeben hat, in denen die
Erdatmosphäre viel feuchter war als jetzt, und daß dies hinreichend
gewesen ist, um Eisperioden zu bilden; auf der einen Seite sind aber
keine positiven Gründe nachgewiesen worden, die eine so allgemeine
Zunahme der Feuchtigkeit verursachen könnten, und auf der anderen
Seite müßte in diesem Falle diese Feuchtigkeit als Schnee herabfallen.
So lange die Erde die gleiche eigene Wärme gehabt und die gleiche
Sonnenwärme wie jetzt empfangen hat, scheint sich dies indessen schwer
erklären zu lassen.
Endlich giebt es Leute, welche meinen, daß die mit Eis bedeckten Länder
vor der Eiszeit bedeutend höher gelegen haben als jetzt, wodurch die
Bedingungen zur Ansammlung von Gletschern günstiger gewesen sind. Man
hat auch an einzelnen Stellen Senkungen nach der präglacialen Zeit
nachweisen zu können vermeint und geglaubt, daß diese möglicherweise
auf die Eisschicht selber zurückzuführen seien, indem diese im Wachsen
mit ihrem Gewicht die Unterlage herabdrückte. Aber auch dies ist kaum
ein befriedigender Grund, denn für die Bildung eines so mächtigen
und südlich gelegenen Inlandseises wie das amerikanische und das
europäische, ist eine nicht geringe Hebung des ganzen nördlichen
Theils dieser Kontinente erforderlich, und eine solche ist keineswegs
nachgewiesen. Aber selbst wenn dies der Fall wäre, müßte man mindestens
zwei Hebungen und zwei Senkungen voraussetzen, um die beiden mit
Bestimmtheit bekannten Eisperioden erklären zu können. Und ehe eine
solche Erklärung anerkannt werden könnte, müßte die Ursache zu so
großen Niveau-Veränderungen oder das wirkliche Stattfinden derselben
erst nachgewiesen werden.
Wenn sich nun also durch diese verschiedenen Theorien die Eisperioden
wirklich erklären ließen, so haben wir dadurch immer noch keine
Erklärung für die wärmeren Klimate, die, wie oben nachgewiesen wurde,
u. a. einmal in Grönland geherrscht haben müssen. Mit Zuhülfenahme
aller günstigen Bedingungen, die aufgebracht werden können, ist und
bleibt es unter den jetzigen Verhältnissen doch unmöglich, üppige
Wälder auf Grinnell-Land (unter dem 82° Nördl. Br.) hervorzubringen,
oder Palmen in dem eisbedeckten Boden Grönlands und Spitzbergens keimen
zu lassen. Hierzu müssen andere Bedingungen, als wir sie jetzt kennen,
vorhanden gewesen sein.
Das Naheliegendste -- falls man annimmt, daß die Erde einst glühend
gewesen ist -- muß ja die Annahme sein, daß die Erde seit jener
glühenden Periode infolge der Wärmeausstrahlung in steter Abkühlung
begriffen war, und daß diese warmen Klimate der nördlichen Zonen in
eine Zeit gefallen sind, wo die Erdkruste so viel wärmer war, wie jene
Klimate vermuthlich wärmer gewesen sind als das jetzige; das würde also
-- für Nordgrönland -- einen Unterschied von 20-30° C. ausmachen. Dies
könnte möglicherweise das warme Klima jener Zeiten erklären, falls
man annehmen könnte, daß eine so reiche Vegetation, wie sie zu jener
Zeit z. B. auf Grinnell-Land stattgefunden hat, unter den dortigen
Lichtverhältnissen mit den monatelangen Winternächten und den ebenso
langen Sommertagen gedeihen könnte. Bedenkt man indessen, daß zwischen
diesen warmen Klimaten wahrscheinlich Eisperioden stattgefunden haben,
so verliert diese Annahme jeglichen Halt, und selbst abgesehen hiervon
ist sie garnicht danach angethan, eine Erklärung dafür zu geben,
weshalb jedenfalls nach jener letzten warmen Zeit Eisperioden mit einem
älteren Klima wie das jetzige eingetreten sind.
Eine andere Betrachtungsweise muß uns indessen auch gar bald die
völlige Unhaltbarkeit dieser Theorie beweisen. Sollte nämlich die
Temperatur der Erdkruste in einem so kurzen Zeitraum wie von der
Tertiärperiode bis jetzt 21° C. gesunken sein, so brauchen wir wahrlich
nicht sehr lange in die geologische Zeit zurückzugreifen, ehe wir auf
eine Temperatur stoßen, die jegliches organische Leben unmöglich macht.
Gehen wir z. B. doppelt so lange zurück, so erhalten wir schon eine
wenigstens 42° höhere Temperatur, gehen wir den vierdoppelten Zeitraum
zurück, so steigt die Hitze auf 84° C., und damit wäre die Grenze für
das jetzige organische Leben bereits erreicht, während der Zeitraum,
den man damit erreicht hätte, z. B. im Verhältniß zu dem ungeheuren
Alter der Silurformationen, nur ein sehr geringer ist. Indessen
herrschte bereits damals ein bedeutendes organisches Leben, was darauf
schließen läßt, daß die Abnahme der Wärme infolge von Ausstrahlung nach
jener Zeit nicht sehr beträchtlich gewesen sein kann.
Am leichtesten würde es sein, die Eiszeit, ebenso wie die wärmeren
Klimate der verschiedenen Himmelsstriche zu erklären, wenn man nur
ein wenig an der geographischen Lage der Erdachse rütteln könnte.
Könnte man z. B. den Nordpol zwischen den 60° und 65° auf Grönlands
Westküste oder in die Nähe davon versetzen, so könnte man sehr leicht
eine Eisperiode in Europa wie in Amerika hervorbringen. Der Umstand,
daß bisher weder im östlichen Rußland noch in ganz Nordasien[98] eine
Eisperiode hat nachgewiesen werden können, scheint diese Annahme zu
stützen. Auch in Alaska scheinen die Beweise für eine Eisperiode
zweifelhaft zu sein. Hiernach hat sich die Eisperiode scheinbar
strichweise mit dem angegebenen Punkt als Centrum verbreitet. Man
hat auch die Ursachen zu einer etwaigen Verschiebung der Erdachse
nachweisen zu können geglaubt. Als solche hat man z. B. die Veränderung
und Versetzung der Stoffe theils durch Flüsse, theils durch Gletscher
und dergleichen angeführt. Es ist ganz sicher, daß solche Umwälzungen
ebenso wie große Ansammlungen von Eis den Schwerpunkt verrücken und
dadurch die Achse ein wenig verschieben können, aber man hat doch
nicht die Möglichkeit so gewaltsamer Umwälzungen oder Veränderungen
nachweisen können, die erforderlich wären, um die Erdachse 20-30° zu
verschieben.
Daß sie wirklich verschoben werden kann, scheint daraus hervorzugehen,
daß die Beobachtungen auf mehreren deutschen Observatorien
(Berlin, Potsdam, Prag und Straßburg) auf merkwürdige Weise darin
übereinstimmen, eine Pol-Verschiebung von mehr als einer halben Sekunde
im Laufe eines halben Jahres zu konstatiren;[99] außerdem scheinen
zuverlässige Observationen, die in Greenwich, Washington, Mailand,
Neapel, Pulkova und an anderen Orten gemacht sind, ebenfalls auf eine
Veränderung der Polarhöhe[100] hinzudeuten. Sollte es sich wirklich so
verhalten, daß sich der Pol z. B. ungefähr eine Sekunde im Laufe eines
Jahres bewegen kann, da bedarf es, von geologischem Standpunkt gesehen,
keines langen Zeitraums, um die Lage des Pols bedeutende Strecken zu
verändern, -- im Laufe von 3600 Jahren kann er sich einen ganzen Grad
bewegen, und zu den 20-30 Graden nach der Eisperiode bedurfte es nicht
mehr als 72000-108000 Jahre.
Wie es sich auch mit diesen Observationen einer Veränderung der
Polhöhe verhalten mag, so steht jedenfalls die Thatsache fest, daß die
Astronomen eine solche Möglichkeit nicht ableugnen können.
Wir können auch auf ein anderes Verhältniß hinweisen, dessen
Ursache wir ebensowenig kennen, über dessen Vorgang wir jedoch
keinen Augenblick im Zweifel sind, nämlich auf die Wanderungen des
magnetischen Pols. Es muß wohl als wahrscheinlich angesehen werden,
daß diese ihren Ursprung irgend welchen Veränderungen in der Erde
selbst verdanken, welcher Art diese Veränderungen aber sind, haben wir
bisher nicht erforschen können. Dies alles bildet eine große Lücke
in unserem Wissen, aber ~a priori~ kann man kaum sagen, daß das Eine
unwahrscheinlicher ist als das Andere.
Das Schwierige bei dieser Theorie ist indessen außer dem Mangel an
genügenden Gründen für die Bewegung der Achse auch der Umstand,
daß viele solche Veränderungen stattgefunden haben müssen. Um eine
hinreichende Erklärung für die warmen Klimate auf Grönland, Spitzbergen
und Nowaja Semlja zu geben, muß der Nordpol fast ganz nach der
Beringsstraße oder nach einem noch südlicheren Ort verlegt werden.
Hier geräth man jedoch in Zwiespalt mit der tertiären Flora in Alaska
und an anderen Orten. Daß er in der Tertiärperiode 20° weiter nach
der Küste von Sibirien zu oder ungefähr auf dem 70° Nördl. Br. und
dem 120° Oestl. L. gelegen haben soll, meint Professor +Nathorst+
daraus erkennen zu können, das Japans tertiäre Flora auf ein bedeutend
kälteres Klima schließen läßt, als wie es ungefähr um dieselbe Zeit
z. B. in Grönland geherrscht hat. Was außerdem dafür sprechen könnte,
ist der Umstand daß u. a. auch Spitzbergen und Grinnell-Land damals
ein kälteres Klima gehabt haben, als die nordgrönländische Westküste.
Das Einzige, was nach Professor +Nathorsts+ Ansicht gegen eine solche
Lage des Poles in der Tertiärzeit sprechen könnte, sind die letzten
auf den neusibirischen Inseln gemachten Funde, die aus tertiären
Pflanzenversteinerungen bestehen, die möglicherweise auf ein wärmeres
Klima schließen lassen, als es sich in der Nähe des Poles denken läßt.
Diese Versteinerungen sind indessen so schlecht erhalten, und die ganze
Sache ist so wenig untersucht worden, daß sich augenblicklich mit
Sicherheit nicht viel darüber sagen läßt.
Es läßt sich bei einer solchen Lage des Poles auch nicht recht
erklären, daß man die Fundstätten für tertiäre Pflanzenversteinerungen
an der Lena bei Tsjirimyi-Kaja[101] auf dem 85° Nördl. Br., auf
Kamschatka auf dem 68-69° Nördl. Br., auf Sachalin auf dem 67°, auf
Spitzbergen zwischen dem 64° und 65° Nördl. Br. etc. haben würde.
Man ersieht hieraus also, daß die tertiäre Flora die Fähigkeit besessen
haben muß, sich weit höher nach dem Pol hinauf zu verbreiten, als
es die entsprechenden Pflanzen unter unseren jetzigen klimatischen
Verhältnissen zu thun vermögen. Daß sich aber die Pflanzen im Laufe der
Zeit so entwickelt haben sollten, daß sie jetzt in geringerem Maße als
früher ein arktisches Klima und die nördlichen Lichtverhältnisse zu
ertragen vermögen, widerstreitet allen biologischen Gesetzen; infolge
dieser Gesetze muß man im Gegentheil annehmen, daß sie mehr und mehr
die Fähigkeit erlangen sollten, sich über die Erde zu verbreiten. Wir
werden hierdurch zu der Annahme gezwungen, daß auf der ganzen Erde eine
wärmere Temperatur geherrscht haben muß, und erhalten keine Erklärung
dafür.
Es will mir indessen durchaus nicht als bewiesen erscheinen, daß
die tertiären Schichten sich an allen Orten der Erde gleichzeitig
abgelagert haben. Das häufige Auftreten einzelner Pflanzen und
Thierarten hat wahrscheinlich Veranlassung dazu gegeben; weshalb diese
aber gleichzeitig an verschiedenen Orten aufgetreten sein sollen,
läßt sich schwerlich nachweisen. Wenn man bedenkt, wie lange sich
verschiedene Thierarten oder doch jedenfalls Thierfamilien, während
verschiedener geologischer Perioden gehalten haben, wie z. B. einzelne
Fische (~Ceratodus~) sich seit der fernen Kohlenzeit bis zur Gegenwart
gehalten haben, wenn auch nicht in derselben Art, wie Viele gemeint
haben, so doch jedenfalls in derselben Familie, oder die einzelne
Brachiopoden (die Familie ~terebratula~) sich von der allerältesten
Versteinerungsschicht bis auf den heutigen Tag gehalten haben, -- da
kann man sehr wohl zu der Annahme gelangen, daß eine ausgeprägte Fauna
ihren Charakter einigermaßen während einer langen Periode aufrecht zu
erhalten vermag. Daß die Tertiärzeit wirklich sehr lang gewesen ist,
und daß es innerhalb derselben große Zeitabschnitte giebt, scheint ja
außerdem nachgewiesen zu sein.
Meiner Ansicht nach spricht nichts dagegen, daß die Erdachse, falls
sie sich überhaupt auf größere Verschiebungen eingelassen hat,
genügend Zeit hatte um mehrere solche in dem Rahmen der Tertiärperiode
vorzunehmen. Die Schichten auf den neusibirischen Inseln, welche
tertiäre Versteinerungen enthalten, können in diesem Falle während
+einer+ Stellung der Erdachse abgelagert sein, während ähnliche
Schichten in Japan und an andern Orten während anderer Achsenstellungen
abgelagert wurden.
Es ist einleuchtend, daß die Flora, besonders aber die Fauna sich
leicht nach anderen Orten und unter andere Himmelsstriche begeben
haben kann, je nachdem der Pol seine Lage wechselte und das Klima sich
veränderte; und sie würden infolgedessen den Schichten, die sich an
Orten ablagerten, wohin sie jetzt gekommen waren, denselben Charakter
verleihen, den sie den an andern Orten früher abgelagerten Schichten
verliehen hatten.
Aber selbst wenn man die Möglichkeit einräumt, daß der Pol während der
Tertiärperiode verschiedene Lagen gehabt hat, so muß er sich in einer
verhältnißmäßig späten Zeit zweimal ganz nach Grönland hinüberbewegt
und zweimal wieder zurückbewegt haben, um die bekannten Eisperioden
erklären zu können. Das werden ziemlich weitläufige Bewegungen, und
befriedigende Ursachen dazu kann man wie bereits erwähnt, nicht
nachweisen.
Man hat es deswegen versucht, die Ursachen zu den klimatischen
Veränderungen außerhalb der Erde zu suchen. Als das Zunächstliegende
hat man an die Möglichkeit gedacht, daß die Ausstrahlung unserer
Wärmequelle, der Sonne, Wechseln unterworfen ist oder mit anderen
Worten, daß die Sonne ein veränderlicher Stern ist. Einige Gelehrte
sind der Ansicht, daß die Wärme der Sonne durch ein ständiges
Bombardement von Meteoren aufrecht erhalten wird, das durch seine
Geschwindigkeit und die dadurch hervorgebrachte Reibung Wärme erzeugt.
Ist dies der Fall, so könnte man wohl annehmen, daß es Zeiten mit
größerem und kleinerem Bombardement gäbe, wie wir ja auch bestimmte
Zeiträume mit größerem Sternenfall haben, je nachdem wir die
verschiedenen Kometenbahnen passiren. Dergleichen Behauptungen sind
indessen zu unbegründet, um sich darauf stützen zu können.
Infolge der +Kant-Laplace+schen Theorie müssen wir annehmen, daß die
Wärmeausstrahlung der Sonne in stetem Sinken begriffen ist, je nachdem
sie mehr und mehr erkaltet. Dies ist indessen ebensowenig wie der
eigene Wärmeverlust durch Ausstrahlung (siehe oben) geeignet, die
vorliegenden Thatsachen zu erklären.
Andere sind der Ansicht, daß die kälteren und wärmeren Klimate ihren
Grund darin haben, daß der Raum oder das Universum, durch das unser
ganzes Sonnensystem sich bewegt, einen kälteren oder wärmeren Strich
hat. Hierauf können wir nur antworten, daß wir, wenn dies auch
sehr unwahrscheinlich ist, doch die Unmöglichkeit nicht beweisen
können, es ist aber nichts nachgewiesen, was diese Annahme stützen
könnte, folglich bleibt sie einstweilen nur ein unterhaltendes
Gedankenexperiment.
Die +Croll+sche Theorie, welche annimmt, daß die Wechsel in der
Excentrizität der Erdbahn die Ursache zu den klimatischen Wechseln sein
sollen, hat die meisten Anhänger gefunden. Die Erdbahn ist bekanntlich
zu verschiedenen Zeiten mehr oder weniger elliptisch, und nun ist
+Croll+ der Ansicht, daß dies erstens für das Klima jeder Halbkugel
von großer Bedeutung ist, mag der Winter derselben auf den Theil der
Erdbahn fallen, welcher der Sonne zunächst liegt (~Perihelion~) oder
auf den, der ihr am fernsten liegt (~Aphelion~). In dem letzteren
Falle würde nämlich der Winter mit der jetzigen Erdbahn sieben Tage
länger werden als der Sommer. Die Wärme der Sonnenstrahlen in dieser
Jahreszeit wird infolge des Abstandes vermindert, dies aber wird völlig
dadurch aufgewogen, daß die Sonnenstrahlen im Sommer um so viel wärmer
sind; dagegen wird der kürzere Sommer kaum die Wärme aufwiegen, welche
die Erdoberfläche in den langen Winternächten durch den sieben Tage
längeren Winter ausstrahlt. Deswegen würde eine solche Periode bessere
Bedingungen für Gletscherbildung gewähren als eine andere; dies ist
augenblicklich der Fall mit der südlichen Halbkugel, weshalb deren
Temperatur jetzt niedriger ist als die der nördlichen.
Fällt indessen eine solche Periode mit verlängertem Winter mit einer
Zeit zusammen, in der die Erdbahn ihre höchste Excentrizität oder
die am längsten gestreckte Ellipsenform erreicht hat, so wird der
Unterschied zwischen Winter und Sommer derartig erhöht werden, daß der
Winter auf der einen Halbkugel 36 Tage oder mehr als einen Monat länger
wird als der Sommer, und da, meint nun +Croll+, müssen alle Bedingungen
für das Eintreten einer ausgeprägten Eiszeit vorhanden sein.
Er hat ausgerechnet, daß hiernach die günstigsten Bedingungen für die
Bildung von großen Inlandseisen vor 200000 Jahren vorhanden gewesen
sein müssen, ferner ist dies der Fall gewesen vor 750000, 850000,
2500000 und 2600000 Jahren. In Zukunft werden solche Eisperioden in
500000, 800000 und 900000 Jahren eintreten. Falls diese Theorie haltbar
wäre, ließe sich also auf diese Weise eine Art Haltepunkt für eine
geologische Zeitrechnung gewinnen, indem wir von den verschiedenen
bekannten Eisperioden ausgehen würden.
Bei dieser Theorie ist jedoch auch der Fehler, daß sie, wenngleich
sie auch die eine Art von Klimawechseln erklären könnte, doch für die
andere Art keine Erklärung zu geben vermag. Wenn man sich hiernach auch
denken kann, daß wir auf diese Weise zu bestimmten Zeiten Eisperioden
haben können, so können doch auf diesem Wege nicht genügend günstige
Verhältnisse hervorgebracht werden, um ein subtropisches Klima zu
erklären, wie es doch einmal z. B. auf Grönland geherrscht hat.
Wir sehen hieraus, daß wir, von welcher Seite wir auch die bekannten
Thatsachen betrachten mögen, dennoch nicht im stande sind, einen
befriedigenden Grund für sie alle zu finden. Wir müssen das der
Zukunft anheimstellen und uns vorläufig mit dem Bewußtsein begnügen,
daß es einstmals so gewesen ist, und daß wir doch auch jetzt noch
ein Inlandseis besitzen, das sich ganz bis an den 60° N. Br. herab
erstreckt bis an denselben Breitengrad, unter dem Kristiania liegt und
zwar, obgleich unsere Halbkugel gerade augenblicklich sehr ungünstig
für eine Gletscherbildung gestellt ist.
Dies Inlandseis ist auch hinreichend groß genug, um mit guter Ausbeute
die verschiedenen mit den Eisperioden verbundenen Verhältnisse studiren
zu können, und eine Wanderung durch Grönland bietet daher, wie
Nordenskjöld sagt, ein ebenso großes Interesse für den Geologen, wie es
die Durchwanderung einer wohlerhaltenen Stadt aus der Pfahlbautenzeit
für den Alterthumsforscher bieten würde.