II. Die Ursache der Eiszeit und die Veränderungen des Klimas.

Alles spricht dafür, daß merkwürdige Veränderungen und Wechsel in Bezug

auf das Klima in verschiedenen Gegenden unserer Erde vor sich gegangen

sind und wahrscheinlich auch in Zukunft noch stattfinden werden.

Um eine Erklärung hierfür zu finden, sind viele und verschiedene

Theorien aufgestellt worden, aber kaum eine davon ist wirklich

überzeugend, weswegen es sich bei dem beschränkten Raum nicht verlohnt,

hier weiter darauf einzugehen.

Um aber einen Begriff davon zu geben, auf was für verschiedenen

Gebieten man seine Gründe gesucht hat, will ich einige der bekanntesten

Theorien erwähnen, besonders diejenigen, welche zu erklären suchen,

weshalb die Eisperioden eintreten und wie man sich die Entstehung des

Inlandseises denkt.

Es würde das Natürlichste und Vernünftigste sein, wenn man, indem

man die Verhältnisse und Kräfte gruppirt, die jetzt auf der Erde

in Wirksamkeit sind, auf andere Weise die nothwendigen Bedingungen

hervorbringen könnte. Es sind auch verschiedene, bisher freilich

vergebliche Versuche in dieser Richtung gemacht worden.

Man hat gemeint, daß eine andere Vertheilung von Land und Wasser auf

der nördlichen Halbkugel Eisperioden hervorbringen könnte. Man hat die

Sahara oder auch Rußland, Finnland und große Theile von Deutschland

unter Wasser gesetzt und damit die Bedingungen für eine europäische

Eisperiode erfüllt zu haben geglaubt. Durch die Landenge von Panama

und Mittel-Amerika grub man einen gewaltigen Kanal und leitete durch

denselben den Golfstrom in den Stillen Ocean, in der Meinung, dadurch

die Bedingungen für eine Eisperiode in Amerika zu erfüllen. Mit anderen

Worten, man nahm an, daß eine größere Ausdehnung des Wassers und

eine Beschränkung des Landes genügen würde, um auf gewissen Theilen

der nördlichen Halbkugel eine Eisperiode hervorzubringen. In diesem

Falle müßte indessen die südliche Halbkugel augenblicklich günstigere

Bedingungen bieten, das Klima ist dort ja auch freilich kälter als

auf der nördlichen, aber weder in Patagonien noch auf Neuseeland hat

man Eisperioden, obwohl solche dort einmal gewesen sind. In der Nähe

des Poles auf dem antarktischen Kontinent scheint sich allerdings

ein Inlandseis zu befinden, dasselbe erreicht aber keine niedrigeren

Breitengrade als den südlichen Polarkreis, während wir es doppelt so

weit von dem Pol oder bis auf den 40° Südl. Br. verlegen müßten, um

eine der Ausdehnung des amerikanischen Inlandseises entsprechende

Fläche zu haben. Hiergegen könnte freilich der Einwand erhoben werden,

daß das antarktische Inlandseis sich möglicherweise weiter nach Norden

hin ausbreiten würde, wenn nur das Land, worauf es ruht, vergrößert

würde. Aber selbst wenn dieser Fall eintrete, würde eine solche

Ausdehnung, wie oben angedeutet, kaum denkbar sein, da die jährliche

Durchschnittstemperatur in dem südlichen Himmelsstrichen nicht

niedriger zu sein scheint als in den entsprechenden nördlichen.

Andere haben den ganz entgegengesetzten Weg eingeschlagen und gemeint,

daß man, indem man eine Ausdehnung des Landes auf der nördlichen

Halbkugel vornehme -- indem man durch eine Landbrücke Europa mit den

Faröern und Island, ja sogar mit Grönland verbände und den Golfstrom

in seinem Laufe hemmte -- die Bedingungen für eine Eisperiode zu

schaffen vermöge. Aber selbst wenn dies in Bezug auf Europa möglich

wäre, was keineswegs der Fall ist, so läßt sich dadurch doch immer die

amerikanische Eisperiode nicht erklären. Außerdem darf man nicht außer

acht lassen, daß für eine Bildung von Inlandeis starke Niederschläge

oder eine große Feuchtigkeit in der Luft erforderlich sind, welches

beides vom Meere herkommen muß, weshalb man sich hüten sollte,

allzuviel Land in die arktischen Gewässer hinauf zu legen, da dies auf

die Dauer keinen fördernden Einfluß auf die Gletscherbildung haben kann.

Einige haben gemeint, daß es früher Zeiten gegeben hat, in denen die

Erdatmosphäre viel feuchter war als jetzt, und daß dies hinreichend

gewesen ist, um Eisperioden zu bilden; auf der einen Seite sind aber

keine positiven Gründe nachgewiesen worden, die eine so allgemeine

Zunahme der Feuchtigkeit verursachen könnten, und auf der anderen

Seite müßte in diesem Falle diese Feuchtigkeit als Schnee herabfallen.

So lange die Erde die gleiche eigene Wärme gehabt und die gleiche

Sonnenwärme wie jetzt empfangen hat, scheint sich dies indessen schwer

erklären zu lassen.

Endlich giebt es Leute, welche meinen, daß die mit Eis bedeckten Länder

vor der Eiszeit bedeutend höher gelegen haben als jetzt, wodurch die

Bedingungen zur Ansammlung von Gletschern günstiger gewesen sind. Man

hat auch an einzelnen Stellen Senkungen nach der präglacialen Zeit

nachweisen zu können vermeint und geglaubt, daß diese möglicherweise

auf die Eisschicht selber zurückzuführen seien, indem diese im Wachsen

mit ihrem Gewicht die Unterlage herabdrückte. Aber auch dies ist kaum

ein befriedigender Grund, denn für die Bildung eines so mächtigen

und südlich gelegenen Inlandseises wie das amerikanische und das

europäische, ist eine nicht geringe Hebung des ganzen nördlichen

Theils dieser Kontinente erforderlich, und eine solche ist keineswegs

nachgewiesen. Aber selbst wenn dies der Fall wäre, müßte man mindestens

zwei Hebungen und zwei Senkungen voraussetzen, um die beiden mit

Bestimmtheit bekannten Eisperioden erklären zu können. Und ehe eine

solche Erklärung anerkannt werden könnte, müßte die Ursache zu so

großen Niveau-Veränderungen oder das wirkliche Stattfinden derselben

erst nachgewiesen werden.

Wenn sich nun also durch diese verschiedenen Theorien die Eisperioden

wirklich erklären ließen, so haben wir dadurch immer noch keine

Erklärung für die wärmeren Klimate, die, wie oben nachgewiesen wurde,

u. a. einmal in Grönland geherrscht haben müssen. Mit Zuhülfenahme

aller günstigen Bedingungen, die aufgebracht werden können, ist und

bleibt es unter den jetzigen Verhältnissen doch unmöglich, üppige

Wälder auf Grinnell-Land (unter dem 82° Nördl. Br.) hervorzubringen,

oder Palmen in dem eisbedeckten Boden Grönlands und Spitzbergens keimen

zu lassen. Hierzu müssen andere Bedingungen, als wir sie jetzt kennen,

vorhanden gewesen sein.

Das Naheliegendste -- falls man annimmt, daß die Erde einst glühend

gewesen ist -- muß ja die Annahme sein, daß die Erde seit jener

glühenden Periode infolge der Wärmeausstrahlung in steter Abkühlung

begriffen war, und daß diese warmen Klimate der nördlichen Zonen in

eine Zeit gefallen sind, wo die Erdkruste so viel wärmer war, wie jene

Klimate vermuthlich wärmer gewesen sind als das jetzige; das würde also

-- für Nordgrönland -- einen Unterschied von 20-30° C. ausmachen. Dies

könnte möglicherweise das warme Klima jener Zeiten erklären, falls

man annehmen könnte, daß eine so reiche Vegetation, wie sie zu jener

Zeit z. B. auf Grinnell-Land stattgefunden hat, unter den dortigen

Lichtverhältnissen mit den monatelangen Winternächten und den ebenso

langen Sommertagen gedeihen könnte. Bedenkt man indessen, daß zwischen

diesen warmen Klimaten wahrscheinlich Eisperioden stattgefunden haben,

so verliert diese Annahme jeglichen Halt, und selbst abgesehen hiervon

ist sie garnicht danach angethan, eine Erklärung dafür zu geben,

weshalb jedenfalls nach jener letzten warmen Zeit Eisperioden mit einem

älteren Klima wie das jetzige eingetreten sind.

Eine andere Betrachtungsweise muß uns indessen auch gar bald die

völlige Unhaltbarkeit dieser Theorie beweisen. Sollte nämlich die

Temperatur der Erdkruste in einem so kurzen Zeitraum wie von der

Tertiärperiode bis jetzt 21° C. gesunken sein, so brauchen wir wahrlich

nicht sehr lange in die geologische Zeit zurückzugreifen, ehe wir auf

eine Temperatur stoßen, die jegliches organische Leben unmöglich macht.

Gehen wir z. B. doppelt so lange zurück, so erhalten wir schon eine

wenigstens 42° höhere Temperatur, gehen wir den vierdoppelten Zeitraum

zurück, so steigt die Hitze auf 84° C., und damit wäre die Grenze für

das jetzige organische Leben bereits erreicht, während der Zeitraum,

den man damit erreicht hätte, z. B. im Verhältniß zu dem ungeheuren

Alter der Silurformationen, nur ein sehr geringer ist. Indessen

herrschte bereits damals ein bedeutendes organisches Leben, was darauf

schließen läßt, daß die Abnahme der Wärme infolge von Ausstrahlung nach

jener Zeit nicht sehr beträchtlich gewesen sein kann.

Am leichtesten würde es sein, die Eiszeit, ebenso wie die wärmeren

Klimate der verschiedenen Himmelsstriche zu erklären, wenn man nur

ein wenig an der geographischen Lage der Erdachse rütteln könnte.

Könnte man z. B. den Nordpol zwischen den 60° und 65° auf Grönlands

Westküste oder in die Nähe davon versetzen, so könnte man sehr leicht

eine Eisperiode in Europa wie in Amerika hervorbringen. Der Umstand,

daß bisher weder im östlichen Rußland noch in ganz Nordasien[98] eine

Eisperiode hat nachgewiesen werden können, scheint diese Annahme zu

stützen. Auch in Alaska scheinen die Beweise für eine Eisperiode

zweifelhaft zu sein. Hiernach hat sich die Eisperiode scheinbar

strichweise mit dem angegebenen Punkt als Centrum verbreitet. Man

hat auch die Ursachen zu einer etwaigen Verschiebung der Erdachse

nachweisen zu können geglaubt. Als solche hat man z. B. die Veränderung

und Versetzung der Stoffe theils durch Flüsse, theils durch Gletscher

und dergleichen angeführt. Es ist ganz sicher, daß solche Umwälzungen

ebenso wie große Ansammlungen von Eis den Schwerpunkt verrücken und

dadurch die Achse ein wenig verschieben können, aber man hat doch

nicht die Möglichkeit so gewaltsamer Umwälzungen oder Veränderungen

nachweisen können, die erforderlich wären, um die Erdachse 20-30° zu

verschieben.

Daß sie wirklich verschoben werden kann, scheint daraus hervorzugehen,

daß die Beobachtungen auf mehreren deutschen Observatorien

(Berlin, Potsdam, Prag und Straßburg) auf merkwürdige Weise darin

übereinstimmen, eine Pol-Verschiebung von mehr als einer halben Sekunde

im Laufe eines halben Jahres zu konstatiren;[99] außerdem scheinen

zuverlässige Observationen, die in Greenwich, Washington, Mailand,

Neapel, Pulkova und an anderen Orten gemacht sind, ebenfalls auf eine

Veränderung der Polarhöhe[100] hinzudeuten. Sollte es sich wirklich so

verhalten, daß sich der Pol z. B. ungefähr eine Sekunde im Laufe eines

Jahres bewegen kann, da bedarf es, von geologischem Standpunkt gesehen,

keines langen Zeitraums, um die Lage des Pols bedeutende Strecken zu

verändern, -- im Laufe von 3600 Jahren kann er sich einen ganzen Grad

bewegen, und zu den 20-30 Graden nach der Eisperiode bedurfte es nicht

mehr als 72000-108000 Jahre.

Wie es sich auch mit diesen Observationen einer Veränderung der

Polhöhe verhalten mag, so steht jedenfalls die Thatsache fest, daß die

Astronomen eine solche Möglichkeit nicht ableugnen können.

Wir können auch auf ein anderes Verhältniß hinweisen, dessen

Ursache wir ebensowenig kennen, über dessen Vorgang wir jedoch

keinen Augenblick im Zweifel sind, nämlich auf die Wanderungen des

magnetischen Pols. Es muß wohl als wahrscheinlich angesehen werden,

daß diese ihren Ursprung irgend welchen Veränderungen in der Erde

selbst verdanken, welcher Art diese Veränderungen aber sind, haben wir

bisher nicht erforschen können. Dies alles bildet eine große Lücke

in unserem Wissen, aber ~a priori~ kann man kaum sagen, daß das Eine

unwahrscheinlicher ist als das Andere.

Das Schwierige bei dieser Theorie ist indessen außer dem Mangel an

genügenden Gründen für die Bewegung der Achse auch der Umstand,

daß viele solche Veränderungen stattgefunden haben müssen. Um eine

hinreichende Erklärung für die warmen Klimate auf Grönland, Spitzbergen

und Nowaja Semlja zu geben, muß der Nordpol fast ganz nach der

Beringsstraße oder nach einem noch südlicheren Ort verlegt werden.

Hier geräth man jedoch in Zwiespalt mit der tertiären Flora in Alaska

und an anderen Orten. Daß er in der Tertiärperiode 20° weiter nach

der Küste von Sibirien zu oder ungefähr auf dem 70° Nördl. Br. und

dem 120° Oestl. L. gelegen haben soll, meint Professor +Nathorst+

daraus erkennen zu können, das Japans tertiäre Flora auf ein bedeutend

kälteres Klima schließen läßt, als wie es ungefähr um dieselbe Zeit

z. B. in Grönland geherrscht hat. Was außerdem dafür sprechen könnte,

ist der Umstand daß u. a. auch Spitzbergen und Grinnell-Land damals

ein kälteres Klima gehabt haben, als die nordgrönländische Westküste.

Das Einzige, was nach Professor +Nathorsts+ Ansicht gegen eine solche

Lage des Poles in der Tertiärzeit sprechen könnte, sind die letzten

auf den neusibirischen Inseln gemachten Funde, die aus tertiären

Pflanzenversteinerungen bestehen, die möglicherweise auf ein wärmeres

Klima schließen lassen, als es sich in der Nähe des Poles denken läßt.

Diese Versteinerungen sind indessen so schlecht erhalten, und die ganze

Sache ist so wenig untersucht worden, daß sich augenblicklich mit

Sicherheit nicht viel darüber sagen läßt.

Es läßt sich bei einer solchen Lage des Poles auch nicht recht

erklären, daß man die Fundstätten für tertiäre Pflanzenversteinerungen

an der Lena bei Tsjirimyi-Kaja[101] auf dem 85° Nördl. Br., auf

Kamschatka auf dem 68-69° Nördl. Br., auf Sachalin auf dem 67°, auf

Spitzbergen zwischen dem 64° und 65° Nördl. Br. etc. haben würde.

Man ersieht hieraus also, daß die tertiäre Flora die Fähigkeit besessen

haben muß, sich weit höher nach dem Pol hinauf zu verbreiten, als

es die entsprechenden Pflanzen unter unseren jetzigen klimatischen

Verhältnissen zu thun vermögen. Daß sich aber die Pflanzen im Laufe der

Zeit so entwickelt haben sollten, daß sie jetzt in geringerem Maße als

früher ein arktisches Klima und die nördlichen Lichtverhältnisse zu

ertragen vermögen, widerstreitet allen biologischen Gesetzen; infolge

dieser Gesetze muß man im Gegentheil annehmen, daß sie mehr und mehr

die Fähigkeit erlangen sollten, sich über die Erde zu verbreiten. Wir

werden hierdurch zu der Annahme gezwungen, daß auf der ganzen Erde eine

wärmere Temperatur geherrscht haben muß, und erhalten keine Erklärung

dafür.

Es will mir indessen durchaus nicht als bewiesen erscheinen, daß

die tertiären Schichten sich an allen Orten der Erde gleichzeitig

abgelagert haben. Das häufige Auftreten einzelner Pflanzen und

Thierarten hat wahrscheinlich Veranlassung dazu gegeben; weshalb diese

aber gleichzeitig an verschiedenen Orten aufgetreten sein sollen,

läßt sich schwerlich nachweisen. Wenn man bedenkt, wie lange sich

verschiedene Thierarten oder doch jedenfalls Thierfamilien, während

verschiedener geologischer Perioden gehalten haben, wie z. B. einzelne

Fische (~Ceratodus~) sich seit der fernen Kohlenzeit bis zur Gegenwart

gehalten haben, wenn auch nicht in derselben Art, wie Viele gemeint

haben, so doch jedenfalls in derselben Familie, oder die einzelne

Brachiopoden (die Familie ~terebratula~) sich von der allerältesten

Versteinerungsschicht bis auf den heutigen Tag gehalten haben, -- da

kann man sehr wohl zu der Annahme gelangen, daß eine ausgeprägte Fauna

ihren Charakter einigermaßen während einer langen Periode aufrecht zu

erhalten vermag. Daß die Tertiärzeit wirklich sehr lang gewesen ist,

und daß es innerhalb derselben große Zeitabschnitte giebt, scheint ja

außerdem nachgewiesen zu sein.

Meiner Ansicht nach spricht nichts dagegen, daß die Erdachse, falls

sie sich überhaupt auf größere Verschiebungen eingelassen hat,

genügend Zeit hatte um mehrere solche in dem Rahmen der Tertiärperiode

vorzunehmen. Die Schichten auf den neusibirischen Inseln, welche

tertiäre Versteinerungen enthalten, können in diesem Falle während

+einer+ Stellung der Erdachse abgelagert sein, während ähnliche

Schichten in Japan und an andern Orten während anderer Achsenstellungen

abgelagert wurden.

Es ist einleuchtend, daß die Flora, besonders aber die Fauna sich

leicht nach anderen Orten und unter andere Himmelsstriche begeben

haben kann, je nachdem der Pol seine Lage wechselte und das Klima sich

veränderte; und sie würden infolgedessen den Schichten, die sich an

Orten ablagerten, wohin sie jetzt gekommen waren, denselben Charakter

verleihen, den sie den an andern Orten früher abgelagerten Schichten

verliehen hatten.

Aber selbst wenn man die Möglichkeit einräumt, daß der Pol während der

Tertiärperiode verschiedene Lagen gehabt hat, so muß er sich in einer

verhältnißmäßig späten Zeit zweimal ganz nach Grönland hinüberbewegt

und zweimal wieder zurückbewegt haben, um die bekannten Eisperioden

erklären zu können. Das werden ziemlich weitläufige Bewegungen, und

befriedigende Ursachen dazu kann man wie bereits erwähnt, nicht

nachweisen.

Man hat es deswegen versucht, die Ursachen zu den klimatischen

Veränderungen außerhalb der Erde zu suchen. Als das Zunächstliegende

hat man an die Möglichkeit gedacht, daß die Ausstrahlung unserer

Wärmequelle, der Sonne, Wechseln unterworfen ist oder mit anderen

Worten, daß die Sonne ein veränderlicher Stern ist. Einige Gelehrte

sind der Ansicht, daß die Wärme der Sonne durch ein ständiges

Bombardement von Meteoren aufrecht erhalten wird, das durch seine

Geschwindigkeit und die dadurch hervorgebrachte Reibung Wärme erzeugt.

Ist dies der Fall, so könnte man wohl annehmen, daß es Zeiten mit

größerem und kleinerem Bombardement gäbe, wie wir ja auch bestimmte

Zeiträume mit größerem Sternenfall haben, je nachdem wir die

verschiedenen Kometenbahnen passiren. Dergleichen Behauptungen sind

indessen zu unbegründet, um sich darauf stützen zu können.

Infolge der +Kant-Laplace+schen Theorie müssen wir annehmen, daß die

Wärmeausstrahlung der Sonne in stetem Sinken begriffen ist, je nachdem

sie mehr und mehr erkaltet. Dies ist indessen ebensowenig wie der

eigene Wärmeverlust durch Ausstrahlung (siehe oben) geeignet, die

vorliegenden Thatsachen zu erklären.

Andere sind der Ansicht, daß die kälteren und wärmeren Klimate ihren

Grund darin haben, daß der Raum oder das Universum, durch das unser

ganzes Sonnensystem sich bewegt, einen kälteren oder wärmeren Strich

hat. Hierauf können wir nur antworten, daß wir, wenn dies auch

sehr unwahrscheinlich ist, doch die Unmöglichkeit nicht beweisen

können, es ist aber nichts nachgewiesen, was diese Annahme stützen

könnte, folglich bleibt sie einstweilen nur ein unterhaltendes

Gedankenexperiment.

Die +Croll+sche Theorie, welche annimmt, daß die Wechsel in der

Excentrizität der Erdbahn die Ursache zu den klimatischen Wechseln sein

sollen, hat die meisten Anhänger gefunden. Die Erdbahn ist bekanntlich

zu verschiedenen Zeiten mehr oder weniger elliptisch, und nun ist

+Croll+ der Ansicht, daß dies erstens für das Klima jeder Halbkugel

von großer Bedeutung ist, mag der Winter derselben auf den Theil der

Erdbahn fallen, welcher der Sonne zunächst liegt (~Perihelion~) oder

auf den, der ihr am fernsten liegt (~Aphelion~). In dem letzteren

Falle würde nämlich der Winter mit der jetzigen Erdbahn sieben Tage

länger werden als der Sommer. Die Wärme der Sonnenstrahlen in dieser

Jahreszeit wird infolge des Abstandes vermindert, dies aber wird völlig

dadurch aufgewogen, daß die Sonnenstrahlen im Sommer um so viel wärmer

sind; dagegen wird der kürzere Sommer kaum die Wärme aufwiegen, welche

die Erdoberfläche in den langen Winternächten durch den sieben Tage

längeren Winter ausstrahlt. Deswegen würde eine solche Periode bessere

Bedingungen für Gletscherbildung gewähren als eine andere; dies ist

augenblicklich der Fall mit der südlichen Halbkugel, weshalb deren

Temperatur jetzt niedriger ist als die der nördlichen.

Fällt indessen eine solche Periode mit verlängertem Winter mit einer

Zeit zusammen, in der die Erdbahn ihre höchste Excentrizität oder

die am längsten gestreckte Ellipsenform erreicht hat, so wird der

Unterschied zwischen Winter und Sommer derartig erhöht werden, daß der

Winter auf der einen Halbkugel 36 Tage oder mehr als einen Monat länger

wird als der Sommer, und da, meint nun +Croll+, müssen alle Bedingungen

für das Eintreten einer ausgeprägten Eiszeit vorhanden sein.

Er hat ausgerechnet, daß hiernach die günstigsten Bedingungen für die

Bildung von großen Inlandseisen vor 200000 Jahren vorhanden gewesen

sein müssen, ferner ist dies der Fall gewesen vor 750000, 850000,

2500000 und 2600000 Jahren. In Zukunft werden solche Eisperioden in

500000, 800000 und 900000 Jahren eintreten. Falls diese Theorie haltbar

wäre, ließe sich also auf diese Weise eine Art Haltepunkt für eine

geologische Zeitrechnung gewinnen, indem wir von den verschiedenen

bekannten Eisperioden ausgehen würden.

Bei dieser Theorie ist jedoch auch der Fehler, daß sie, wenngleich

sie auch die eine Art von Klimawechseln erklären könnte, doch für die

andere Art keine Erklärung zu geben vermag. Wenn man sich hiernach auch

denken kann, daß wir auf diese Weise zu bestimmten Zeiten Eisperioden

haben können, so können doch auf diesem Wege nicht genügend günstige

Verhältnisse hervorgebracht werden, um ein subtropisches Klima zu

erklären, wie es doch einmal z. B. auf Grönland geherrscht hat.

Wir sehen hieraus, daß wir, von welcher Seite wir auch die bekannten

Thatsachen betrachten mögen, dennoch nicht im stande sind, einen

befriedigenden Grund für sie alle zu finden. Wir müssen das der

Zukunft anheimstellen und uns vorläufig mit dem Bewußtsein begnügen,

daß es einstmals so gewesen ist, und daß wir doch auch jetzt noch

ein Inlandseis besitzen, das sich ganz bis an den 60° N. Br. herab

erstreckt bis an denselben Breitengrad, unter dem Kristiania liegt und

zwar, obgleich unsere Halbkugel gerade augenblicklich sehr ungünstig

für eine Gletscherbildung gestellt ist.

Dies Inlandseis ist auch hinreichend groß genug, um mit guter Ausbeute

die verschiedenen mit den Eisperioden verbundenen Verhältnisse studiren

zu können, und eine Wanderung durch Grönland bietet daher, wie

Nordenskjöld sagt, ein ebenso großes Interesse für den Geologen, wie es

die Durchwanderung einer wohlerhaltenen Stadt aus der Pfahlbautenzeit

für den Alterthumsforscher bieten würde.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band · 第 27 / 28 题