Wer Grönland jetzt in seinem öden Zustand mit seinen mächtigen
Gletschern erblickt, wird sich schwerlich eine Vorstellung davon machen
können, daß es Zeiten gegeben hat, in denen von Schnee und Eis keine
Spur vorhanden war. Die Felsen geben uns indessen an verschiedenen
Stellen einen nicht zu verkennenden Beweis, daß ihr Boden einstmals mit
üppigen Wäldern, mit Palmen und anderen tropischen Pflanzen bedeckt war
wie man sie jetzt an den Ufern Aegyptens findet.
Das Land besteht zum größten Theil aus Bergarten, welche der ältesten
Bildung der Erde, dem Grundgebirge angehören. Dasselbe besteht aus
Gneis, Glimmerschiefer, Hornblende u. a., außerdem aus Graniten,
Syeniten und anderen nicht in Schichten getheilten Bergarten. Da
diese einen ganz überwiegenden Theil des Landes bilden, das nicht mit
Eis bedeckt ist, so ist es anzunehmen, daß dasselbe der Fall mit dem
eisbedeckten Lande ist. Diese Felsen sind bekanntlich zu alt, um irgend
welche Aufklärung über das Klima und das Pflanzenleben früherer Zeit zu
geben.
Indessen kommen an einzelnen Stellen weit jüngere Bergarten vor, die zu
den Kreide- und Tertiärformationen gehören, welche ihrer prachtvollen
Pflanzenversteinerungen wegen berühmt sind. Da dies von bedeutenden
Veränderungen in dem Klima Grönlands wie dem der Erde zeugt, so will
ich die Schichten hier in aller Kürze besprechen.
Die größte Ausdehnung in dem bekannten Theil Grönlands haben die an
der Westküste zwischen dem 69° 15′ N. Br. und 72° 15′ N. Br. gelegenen
Sandstein- und Schieferschichten, zwischen denen sich hie und da
Kohlenschichten befinden; besonders auf der Disko-Insel, wie auf den
Halbinseln Nugsuak und Svartenhuk bilden sie einen großen Theil des
festen Landes. Diese Bergarten sind verhältnißmäßig lose und infolge
ihrer geringen Widerstandsfähigkeit würden sie dem Scheuern des Eises
wohl nicht widerstanden haben, wenn nicht mächtige vulkanische
Basaltdecken sich über sie gelegt und sie vor der allgemeinen
Zerstörung geschützt hätten.
An den Küsten des Vaigatts z. B. kann man die unterste Schicht sehen,
die dieser jüngeren Formation angehört und die einen Höhendurchschnitt
von 600-900 ~m~ hat, darüber liegt dann der Basalt, so daß sich das
Land hier bis zu einer Höhe von 1700-1800 ~m~ erhebt. In den unter dem
Basalt liegenden Schiefer- und Sandsteinen, die außer Kohlenschichten
auch Thon- und Thoneisensteinschichten enthalten, findet man die
fossilen Pflanzen, und zwar in einer solchen Mannigfaltigkeit so
wohlerhalten, und an vielen Stellen, daß Nordgrönland wohl der beste
Fundort für fossile Pflanzen aus der Kreidezeit und der tertiären Zeit
genannt werden kann.
Die Kohlen in Nordgrönland sind schon aus alten Zeiten bekannt gewesen.
Der bekannte deutsche Geolog +Gisecke+, der, wie bereits früher
erwähnt wurde, Grönland von 1806-1813 bereiste, wies nach, daß sich
in den kohlenhaltigen Schichten fossile Pflanzen befänden. Spätere
Beobachter wie +Rink+, +Olrik+, +Whymper+, +Brown+ und +Pfaff+ haben
Versteinerungen aus diesen Schichten gesammelt, namentlich aber haben
+Nordenskjöld+ und +K. J. V. Steenstrup+ zahlreiche fossile Pflanzen
mitgebracht, und diese sind von dem jetzt verstorbenen Professor +O.
Heer+ untersucht worden. +Heer+ theilt die Schichten in
+Komeschichten+ aus unterer Kreide mit 88 Arten von
Pflanzenversteinerungen,
+Ataneschichten+ aus oberer Kreide mit 177 Arten,
+Patootschichten+ aus der obersten Kreideperiode mit 118 Arten.
Hierzu kommen noch die +tertiären+ Schichten mit 282 Pflanzenarten.
Von den in den Komeschichten auftretenden 88 Pflanzenarten gehören 43
zu den Farren, 10 zu den Cykadeen, 21 zu den Koniferen (Nadelhölzern),
5 zu den Monokotyledonen (Pflanzen mit einem Keimblatt) und nur 1 zu
den Dikotyledonen (Pflanzen mit zwei Keimblättern).
Die Farren, die überwiegend sind, gehören zum Theil Arten an, die mit
den in der gemäßigten Zone vorkommenden Farren nahe verwandt sind.
Die Koniferen mit den wichtigsten Familien Sequoia und Pinus scheinen
stellenweise ganze Wälder gebildet zu haben. Von Laubhölzern findet
sich nur die Pappel vor.
Durch Vergleichung dieser Flora mit der jetzigen der Erde ist +Heer+
zu dem Resultat gekommen, daß die mittlere Temperatur Nordgrönlands
zu jener Zeit, als sich die Komeschichten ablagerten, zwischen +21
und +22° C. gewesen sein muß. Er zieht diesen Schluß hauptsächlich
aus dem Vorhandensein der Cykadeen und mehrerer Farrenarten, auch die
Nadelbäume zeugen von einem subtropischen Klima oder doch von einem
Klima, wie es in dem wärmeren Theil der gemäßigten Zone herrscht.
Gehen wir höher hinauf durch die Schichtenreihen bis zu den
+Ataneschichten+ mit ihren 177 Arten, so finden wir, daß die Flora
hier eine bedeutende Veränderung durchgemacht hat. Von den 96 Arten,
die von dem Fundort am +unteren Atanikerdluk+ stammen, gehören nicht
weniger als 57 zu den Dikotyledonen. Die Laubhölzer treten jetzt in
Unmengen auf -- der Feigenbaum, der Lorbeerbaum und andere erstreckten
zu jener Zeit ihre Zweige über den grönländischen Erdboden. Die Farren
sind mehr in den Hintergrund gedrängt und treten nur mit 14 Arten bei
Atanikerdluk auf, die Nadelhölzer mit 14 und die Cykadeen mit 4 Arten.
Noch läßt sich keine merkliche Abnahme der Temperatur mit Sicherheit
nachweisen.
Wenn wir zu den +Patootschichten+ hinaufgelangen, so sind die
Cykadeen verschwunden, die Nadelhölzer treten mit 18 Arten auf und
die Dikotyledonen mit 69 Arten, so daß diese mehr als die Hälfte der
Pflanzen ausmachen. Die Eichen in 7 Abarten und die Platane kommen
jetzt am häufigsten vor, dann die Birke, der Erlen-, Ahorn-, der
Feigen-, Wallnuß- und Lorbeerbaum. Man findet hier Pflanzenarten, die
nämlich der temperirten Zone angehören, daneben aber auch tropische
und subtropische Formen, so daß die Flora in diesen Schichten auf eine
Temperatur schließen läßt, die sich derjenigen nähert, welche während
der Bildung der Kome- und der Ataneschichten herrscht, wenngleich sie
auch ein wenig abgenommen hat.
Für tertiäre Pflanzen kennt man in Nord-Grönland zwanzig Fundorte
mit 282 Arten, von denen 31 zu den Kryptogamen und 251 zu den
Blumenpflanzen gehören. Unter den letzteren befinden sich nach +Heer+
von Nadelhölzern: Sumpfcypressen, Mammuthbäume, breitblätterige
Ginkgo, Fichten- und Tannenarten. Und noch zahlreicher sind die
Laubhölzer, es gab damals nicht allein Pappeln, Birken, Erlen, Ulmen,
Platanen, Eschen, Ahornbäume, Buchen und Kastanien, sondern auch einen
wunderbaren Reichthum an Eichen und Wallnußbäumen. Dazu kamen vier
verschiedene Lorbeerarten, 3 Ebenholzbäume, 6 Magnolien, 1 Seifenbaum
und 2 Fächerpalmen. (?) Daß es zu jenen Zeiten in den Urwäldern auch
nicht an Schlingpflanzen gefehlt hat, beweisen 2 Arten von Weinranken
und 1 Smilax.
Vergleicht man diesen üppigen Reichthum mit der jetzigen kümmerlichen
Flora Grönlands, die keinen einzigen Baum aufzuweisen hat, da ist der
Unterschied wirklich auffallend. Es ist eine Flora, die völlig von
der jetzigen arktischen abweicht, und wir müssen 20-25 Breitengrade
südlicher gehen, um in Europa, Nordamerika und Asien eine ähnliche
Pflanzenwelt anzutreffen.
+Heer+ hat hieraus geschlossen, daß die durchschnittliche
Jahrestemperatur in der Tertiärzeit ungefähr auf dem 70° in
Nordgrönland nicht niedriger als +12° gewesen sein kann. Prof.
+Nathorst+, die größte Autorität der Jetztzeit auf dem Gebiete der
tertiären Pflanzen, meint indessen, daß diese Temperatur ein wenig zu
hoch gegriffen ist, denn die Blätter, die +Heer+ für Palmenblätter
gehalten, sind ganz sicher keine solche. Hierzu kommt noch, sagt er,
daß Grönlands tertiäre Flora, nicht wie +Heer+ meint, einem einzigen
Horizont angehört, sondern mehreren, und man thut am besten, wenn man
die grönländische Tertiärflora, die vor der Bildung der Basaltschicht
vorhanden war, von derjenigen trennt, die sich unter derselben befand.
Beide Perioden haben freilich verschiedene Arten gemeinsam, aber der
basaltischen Flora fehlen bereits alle die Arten, welche +Heer+ als
Beweise für ein wärmeres Klima anführt. Aber wenn auch die basaltische
Flora in Grönland von einer etwas niedrigeren Temperatur zeugt als die
vorbasaltische, so ist das Klima doch auch zu der Zeit ziemlich warm
gewesen, so reiften doch auch z. B. noch Wallnüsse auf dem 70° 25′
N. Br.
Tertiäre Pflanzen, wie die hier erwähnten, sind z. B. noch auf
Grinnell-Land unter dem 82° N. Br. zu finden und sind auch an der
grönländischen Ostküste auf dem 70° N. Br. wie auf der Sabineinsel
auf dem 73⅓° N. Br. nachzuweisen. Nach dieser Ausdehnung kann man
ziemlich sicher darauf schließen, daß weite Strecken des jetzt unter
Eis begrabenen Landes noch in der tertiären Zeit, also in der letzten
geologischen Periode vor der jetzigen mit einer reichen Flora bewachsen
waren, die ein Klima mit einer Temperatur wie die vorhin erwähnte von
12° C. erfordert.
Die jährliche Durchschnittstemperatur an dem Theil der
nordgrönländischen Westküste, wo die fossilen Pflanzen gefunden werden,
muß jetzt auf ungefähr -9° C. angeschlagen werden, und hiernach wäre
also die Temperatur Nordgrönlands seit der tertiären Zeit um 21°
gefallen. Das Land hat sich in jener Periode eines Klimas erfreut,
das dem jetzt in Neapel herrschenden gleicht, und noch früher, in der
Kreidezeit, war die Temperatur subtropisch wie jetzt etwa in Aegypten.
Es ist übrigens eine bekannte Sache, daß nicht Grönland allein in der
tertiären Zeit in klimatischer Beziehung so begünstigt war. Sowohl
Spitzbergen als Island haben ähnliche Fundstätten für tertiäre Pflanzen
aufzuweisen, und diese sind zum Theil ganz analog mit denen Grönlands.
Interessant ist es allerdings, daß die tertiäre Flora an den
verschiedenen Orten nicht auf das völlig gleiche Klima schließen
läßt. So kann z. B. angeführt werden, daß +Heer+ zu dem Resultat
gelangt ist, daß Spitzbergen auf dem 78° N. Br. eine Temperatur von
+9° C. hatte zu einer Zeit, wo die Durchschnittstemperatur an der
Westküste Nordgrönlands (ungefähr beim 70° N. Br.) +12° C. betrug, und
Grinnell-Land auf dem 81° 44′, wo zu jenen Zeiten noch Sumpfcypressen
wuchsen, sollte damals eine Temperatur von +8° C. gehabt haben.
Einen krassen Gegensatz zu der Ueppigkeit jener Zeiten bildet Grönlands
Gegenwart mit seiner mächtigen Eisdecke, seinem schmalen Landstreifen
an den Küsten entlang und seiner kümmerlichen Flora. Man kennt aus
Nordgrönland 260 jetzt vorkommende, dagegen aber 600 fossile Pflanzen,
und die uns erhaltenen sind doch wohl nur ein kleiner Bruchtheil der
damaligen Flora. Nicht eine einzige Art hat sich nach +Heer+ von der
tertiären Zeit bis jetzt erhalten, und auch die meisten Gattungen sind
andere. Es scheint also, als wenn kein direkter Zusammenhang zwischen
der damaligen grönländischen Flora und der jetzigen existirt, daß
ein Zeitraum zwischen der Ausrottung der ursprünglichen und der neu
eingewanderten liegen muß. Wie dies vor sich gegangen ist, werden wir
bald sehen.
Eben so sicher wie wir uns darüber sind, daß es einstmals wärmer
in Grönland gewesen ist als jetzt, ebenso bestimmt können wir auch
behaupten, daß es seit jener Zeit ein oder mehrere Perioden gegeben
hat, in denen das Klima +kälter+ gewesen ist als das jetzige.
Wenn wir nämlich die Form der Felsen, die Seiten der Fjorde und den
Bau der losen Erdschichten in dem äußeren Küstenlande studiren, so
werden wir bald einsehen, daß auch dies alles einstmals mit Eis bedeckt
gewesen ist, das sich vorwärts bewegte, die Felsen abrundete und seine
Spuren selbst ganz weit hinaus an den am Meeresrande belegenen Insel
hinterließ. In jener Zeit ragte auf weiten Strecken auch nicht ein
einziger Stein über die Schnee- und Eisdecke empor, und selbst die
höchsten Berggipfel waren sicher nur an einzelnen Stellen sichtbar.
Daß die üppige Flora jener warmen Zeit vor dem vorwärtsrückenden Eise
fliehen und einer arktischen Flora das Feld räumen mußte, liegt auf
der Hand, und die letzten Ueberreste mußten bereits ganz untergegangen
sein, ehe das Eis seine größte Ausdehnung erreichte.
Dann aber ist eine Periode eingetreten, in der die Gletscher anfingen
zurückzuweichen und das äußere Küstenland frei blieb, auf das dann eine
neue Flora aus den südlicheren Ländern einwanderte, möglicherweise
haben sich auch auf den Nunataks einzelne von den Pflanzen von
früherher erhalten können, die sich dann, sobald mehr Land eisfrei
wurde, ausbreiteten. So kann man sich die Entstehung der jetzigen
Ordnung der Dinge denken.
Es giebt indessen, wie bereits früher erwähnt, auch an anderen Stellen
der Erde große Landstrecken, die einst mit einem ähnlichen Inlandseis
bedeckt waren. Als der wesentlichste dieser Striche kann das ganze
nördliche Amerika bis zu dem 40° und zum Theil noch weiter südlich
gelten, ebenso das nördliche Europa, wo das Inlandseis Skandinavien
vollständig bedeckte und sich von dort über einen großen Theil von
Rußland, über das ganze nördliche Deutschland bis ungefähr zum
50° N. Br. sowie über England mit Ausnahme des südlichen Theils
verbreitete. Ferner waren gleichzeitig große Theile der Alpen und der
ringsumherliegenden Flachländer mit Eis bedeckt. Von andern Ländern,
die ihr Inlandseis gehabt haben, mögen noch die Faröer, Island,
Patagonien und Neu-Seeland erwähnt werden.
Es kann wunderbar erscheinen, daß die verschiedenen Länderstriche eine
so große Temperaturveränderung durchgemacht haben, noch wunderbarer
ist es, daß man in verschiedenen der hier genannten Länder zwei
verschiedene Eisperioden mit einem dazwischenliegenden wärmeren
Zeitraum hat nachweisen können, in welchem z. B. Löwen, Nashörner und
Flußpferde die Wälder Südenglands durchstreift haben sollen.
Es giebt sogar Geologen, welche fest überzeugt sind, daß sie noch
die Spuren weit früherer Eisperioden auf der Erde nachweisen können,
und einzelne dieser Spuren scheinen ganz untrüglich zu sein, so
verdienen diejenigen der Erwähnung, die auf eine Eiszeit während der
Kohlenperiode hindeuten.[97]