III. Die wissenschaftliche Ausbeute der Expedition.

Das nähere Eingehen auf die wissenschaftliche Ausbeute, welche diese

Expedition gebracht hat, würde außerhalb des Rahmens dieses Buches

liegen, deswegen werden wir anderweitig darauf zurückkommen. Ich will

hier nur einige Beobachtungen anführen, denen ich die größte Bedeutung

beilegen zu können glaube.

Durch unsere Expedition ist also endlich unumstößlich nachgewiesen

worden, daß sich das Inlandseis, jedenfalls in dem von uns bereisten

Theil Grönlands als zusammenhängende Decke über das Land, von einer

Küste bis zur andern, erstreckt. Hieraus muß man schließen können,

daß dasselbe der Fall mit dem ganzen südlichen Theil von Grönland

unterhalb des 75. Breitengrades ist; denn es ist kein Grund vorhanden,

etwas anderes anzunehmen, als daß hier durchgehends überall im

Innern dieselben atmosphärischen Verhältnisse herrschen, und soweit

die Untersuchungen reichen, scheint sich dies auch zu bestätigen.

Wir können jetzt also mit großer Sicherheit sagen, daß sich keine

schneefreie Oasen innerhalb dieser ganzen ausgedehnten Schneefläche

befinden, wenn auch die Möglichkeit nicht ganz ausgeschlossen ist, daß

auch in dem Innern ganz vereinzelte Felsgipfel über die Schneedecke

hervorragen, obwohl bisher in Grönland nichts beobachtet worden ist,

was darauf schließen ließe. Die letzten Nunataks, die wir in der Nähe

der Ostküste fanden, lagen nicht mehr als 52 ~km~ vom Rande des

Inlandseises entfernt und können ebensogut als Küstenfelsen betrachtet

werden.

Die Raben, welche Nordenskjölds Lappen auf ihrer Schneeschuhfahrt

ungefähr 120 Kilometer von den Küstenfelsen entfernt erblicken, und

die dieser für einen möglichen Beweis hält, daß sich im Norden Oasen

befinden müssen, woher sie gekommen sind, können in der Beziehung

kaum einen weiteren Werth haben, wenn man bedenkt, daß wir ungefähr

in derselben Entfernung von der Küste auf Schneesperlinge stießen,

die wohl kaum von Oasen hergekommen sind und die doch weit weniger

umherzustreifen pflegen als Raben.

Wie weit sich das grönländische Inlandseis als zusammenhängende

Decke bis nach Norden erstreckt, ist bei unserer jetzigen Kenntniß

des Landes nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Nur so viel wissen wir,

daß es bis nördlich vom 75. Breitengrad reicht, denn, an der ganzen

Westküste entlang nach Norden zu schieben sich mächtige Wandergletscher

ins Meer hinaus, von denen wir den +Upernivik+ (auf ca. 73° N. Br.)

anführen wollen, der sich mit einer Geschwindigkeit von bis zu 99 Fuß

in 24 Stunden bewegt. Diese Wandergletscher erheischen eine mächtige

zusammenhängende Eisdecke im dem Innern des Landes, von der sie die

großen Eismassen holen, die sie mit sich führen. Es muß ja nämlich

jetzt einem Jedem, der die neueren Untersuchungen über die Gletscher

verfolgt hat, klar sein, daß die Wandergletscher ihr Material aus den

inneren Gletschermassen, dem inneren Schnee- und Eisreservoir beziehen

und daß die Ausdehnung dieser Eismassen im wesentlichen ihre Größe

und Schnelligkeit bedingt, nicht aber die schräge Lage, wie man es

merkwürdigerweise oft behauptet sieht, besonders von Geologen, die

nur die kleinen Gletschermassen der Alpen gesehen haben. Es ist im

Gegentheil gewöhnlich so, daß die kleineren Wandergletscher stärker

nach innen zu ansteigen als die größeren, und wenn man sieht, daß ein

Wandergletscher eine sehr große Senkung hat, so kann man mit ziemlicher

Sicherheit darauf schließen, daß er verhältnißmäßig unbedeutend ist.

Wir kennen nichts oder nur wenig von dem Rand des Inlandseises von

Grönlands Ostküste nördlich vom 66. Breitengrade, wir wissen nur, daß

er an vielen Stellen das Meer erreichen muß, weil sich Eisberge bilden.

Hieraus wie aus dem, was oben von der Westküste gesagt worden ist,

müssen wir schließen, daß das Inlandseis eine zusammenhängende Decke

über ganz Grönland südlich von 75° N. Br. bildet.

Daß diese Eisdecke auch nördlich von diesem Breitengrade das Land

bedeckt, erscheint annehmbar, wenn wir sehen, daß sich z. B. in dem

Smithsund ein so gewaltiger Wandergletscher wie der Humboldtgletscher

(zwischen 79° und 80° N. Br.) ergießt. Ueber seine Bewegungen wissen

wir indessen nur wenig und da er ziemlich stark nach innen zu

anzusteigen scheint, können wir vorläufig kaum annehmen, daß er seine

Speisung von so großen Gletschermassen empfängt, wie man das auf den

ersten Blick glauben sollte. Da ferner Grinnell-Land, das zum Theil

dieselben Bedingungen für ein zusammenhängendes Inlandseis zu haben

scheint, wie der gegenüberliegende Theil von Grönland, aber nicht

ganz mit Eis bedeckt ist, so können wir jetzt nicht mit Sicherheit

behaupten, daß der nördlichste Theil von Grönland ganz von dem

Inlandseis bedeckt ist, -- möglicherweise sind die Niederschläge zu

gering dazu.

Von der regelmäßigen Weise, in der sich die Oberfläche des Inlandseises

von der einen Küste bis zur andern wölbt, wird man sich hoffentlich

leicht ein Bild machen können, wenn man die Karte mit dem Querschnitt

des Landes betrachtet. Sie ist von Prof. +Mohn+ nach den zahlreichen

verschiedenartigsten Observationen gezeichnet worden, welche gemacht

sind, sowie was die kleineren Variationen betrifft, nach meinen

Tagebuchaufzeichnungen. Die Höhe ist der Anschaulichkeit halber im

Verhältniß zu der Länge im Querschnitt zwanzigmal vergrößert. Der

höchste Punkt, den wir erreichten, sollte unseren Beobachtungen zufolge

ungefähr 2718 ~m~ über dem Meeresspiegel liegen. Nördlich von unserer

Route wurde die Schneefläche indessen scheinbar höher, so daß man dort

vermuthlich bedeutendere Höhen finden kann.

Wie man aus der Querschnittszeichnung ersehen wird, steigt die

Oberfläche des Eises zu beiden Seiten verhältnißmäßig steil vom Meere

auf, besonders an der Ostküste, während sie im Innern ziemlich flach

ist. Im Großen und Ganzen kann man wohl sagen, daß die Steigung

allmählich abnimmt, je weiter man sich von den Küsten entfernt, und

die Oberfläche des Eises hat infolgedessen die Gestalt eines Schildes,

der jedoch nicht ganz regelmäßig ist, indem sich die Oberfläche in

schwachen, dem Auge fast unsichtbaren Wellen bewegt, deren Kämme

ungefähr in süd-nördlicher Richtung gehen, und indem der Höhenrücken

nicht ganz mitten im Lande zu liegen scheint, sondern sich mehr der

Ostküste nähert.

Wir erreichten unsern höchsten Punkt ungefähr 180 ~km~ von dem Ort

entfernt, wo wir die Küste verließen und ungefähr 270 ~km~ vom Ende

des Ameralikfjordes, wo wir abermals das Niveau des Meeresspiegels

erreichten. Berücksichtigt man, daß das Ende des Ameralikfjordes

ungefähr 90 ~km~ von dem äußeren Scheerenkreis oder der äußeren

Küstenlinie des Landes liegt, während unser Aufsteigeort an der

Ostküste nur ungefähr 20 ~km~ davon entfernt lag, so erhalten wir

also -- in einem Schnitt den wir in der Richtung unserer Route durch

das Land vornehmen -- folgendes Verhältniß zwischen dem Abstand des

Höhenrückens von beiden Küsten: +von der äußeren Ostküste ca. 200 ~km~

und von der äußeren Westküste ca. 360 ~km~+.

Hier muß man indessen zweierlei mit in Betrachtung ziehen. Erstens

ging unsere Route nicht quer über die Längenachse des Landes, wenn

diese in der Mitte von der Breite des Landes aus gelegt wird, und

zweitens steigt das Inlandseis nach Norden zu an. Da wir uns im Anfang

unserer Eiswanderung weiter nach Norden zu befanden als später

und auch unser Kurs nördlicher ging, folglich lothrechter auf der

Längenachse des Landes, haben wir natürlich eine Steigung gehabt, die

verhältnißmäßig größer ist als die Abschrägung während des übrigen

Theils unserer Wanderung, die in ein wenig südlicher Richtung ging,

also auf verhältnißmäßig niedrigere Theile des Inlandseises zu. Wir

müssen auf derselben auch früher an unsern höchsten Punkt gelangt

sein, als dies sonst der Fall gewesen wäre, mit andern Worten, der

Höhenrücken muß in Wirklichkeit näher nach der Mitte des Landes zu

liegen, als es nach unserer Route scheinen könnte.

[Illustration: ~Die Route der norwegischen Grönland-Expedition sowie

der Querschnitt des Landes und des Inlandseises nach dieser Linie-~

~Bearbeitet von Professor +H. Mohn+ nach den Beobachtungen der

Expedition.~

_Querschnitt_

(_Verhältniss zwischen Breite und Länge 20:1_)

_Der Querschnitt zeigt das richtige Verhältniss zwischen Breite und

Länge._

_Route_]

Entfernt man so viel wie möglich die Unregelmäßigkeiten in den

Höhenmaßen, was eine Folge hiervon ist, was aber auch seinen Grund

darin hat, daß unsere Route nicht gerade war, so stellt sich die

Eigenthümlichkeit heraus, daß die Peripherie des Inlandseises in einem

Schnitt quer über die Längsachse des Landes in der Breite, die wir

überschritten, eine fast genaue mathematische Kurve bildet, die sich

einem Zirkelbogen nähert. Wenn die vermehrte Krümmung, die durch die

Form der Erdkugel verursacht ist, nicht in Betracht gezogen wird, müßte

der Radius des Zirkelbogens ungefähr 10400 ~km~ betragen. Nur in der

Nähe der Küsten weicht es ein wenig hiervon ab, indem es hier steiler

abfällt. Mit andern Worten: das +Inlandseis wölbt sich+ in diesem Theil

des Landes sehr regelmäßig +wie eine Cylinderfläche oder vielleicht

richtiger wie eine Kegelfläche mit einer Steigung nach Norden von der

einen Küste bis zur andern+.

Es kann von Interesse sein, hiermit die Steigungsverhältnisse in den

andern Theilen des Inlandseises zu vergleichen, soweit sie uns aus

früheren Expeditionen bekannt sind.

Südlich von unserer Route sind nur an einem einzigen Ort Observationen

vorgenommen, die in dieser Beziehung Material von Bedeutung bieten,

nämlich auf der Westküste zwischen dem 62° 40′ und 62° 50′ N. Br., wo

die dänische Expedition unter Kapitän +Jensen+ eingedrungen war. Es

war leider keine lange Strecke, die hier bereist war, aber sie genügt

doch, um zu sehen, daß ein Querschnitt der Eisoberfläche auch an diesem

Punkt so ziemlich mit einer Zirkelperipherie zusammenfällt, deren

Radius indessen kleiner ist als der frühere, -- er müßte ungefähr 9000

km betragen, wenn man auch hier die sphärische Form der Erde nicht

berücksichtigt. -- Gleich unserer Route fällt auch die +Jensens+ nach

der Küste zu steiler ab als der Zirkel. Interessant ist das Verhältniß,

daß die Steigung bei dem inneren Theil der Eiswanderung niedriger ist,

als wie sie sein würde, falls sie genau der Zirkelperipherie folgte.

Der Grund hierzu ist offenbar der, daß das Eis hier im Schutz der

Nunataks liegt (+Jensens+ Nunataks) und gleichsam ein Gegenstrom in dem

Eisstrom bildet, während das Eis auf der inneren Seite des Nunataks

höher ist und wieder mit der Zirkelperipherie zusammenfällt. Falls

sich die Eisfläche nach innen zu nach derselben Zirkelperipherie

wölbt, müßte ihre Höhe in der Mitte des Landes -- das an dieser Stelle

ungefähr 400 ~km~ breit ist -- ungefähr 2080 m betragen.

Begeben wir uns nördlich von unserer Route, so finden wir auf der

Stelle, wo +Nordenskjöld+ vordrang (auf dem 68½° Nördl. Br.), soweit er

selbst gelangte, eine Steigung in der Eisfläche, die beinahe gleich von

der Küste an merkwürdig genau mit einer Zirkelperipherie zusammenfällt.

Der Radius dieser Zirkelperipherie ist sehr groß, ohne die Krümmung der

Erdoberfläche müßte er ungefähr 23350 ~km~ betragen. Untersucht man

die Steigung auf der angeblichen Expedition der Lappen, so zeigt es

sich indessen, daß diese ganz außerhalb der Zirkelperipherie liegt und

weit niedriger ist, und es sieht so aus, als wäre dieselbe plötzlich

zu einer fast horizontalen Fläche hinaufgelangt. Daß eine solche nicht

existirt, können wir getrost annehmen, ebenso, daß die Lappen ihren

Barometer ganz richtig beobachtet haben, und daß demzufolge die Höhe

1947 ~m~, welche sie erreicht haben wollen, ganz zuverlässig ist. Zur

Erklärung dieses äußerst merkwürdigen Verhältnisses bleibt uns also

nichts anderes übrig als die Annahme, daß die Lappen die von ihnen

zurückgelegte Strecke sehr überschätzt haben. Es ist wenig Grund

vorhanden, etwas anderes zu glauben, als daß die Steigung nach innen

zu dieselbe Zirkelperipherie beschrieben hat, mit der die Steigung auf

Nordenskjölds eigener Expedition so erstaunlich genau zusammentrifft.

Hiernach müßte die von den Lappen erreichte Höhe (1947 ~m~) ungefähr

70 ~km~ von Nordenskjölds innerstem Zeltplatz entfernt liegen, nicht

aber 220 ~km~, wie dies nach ihrer eigenen Angabe der Fall sein soll.

Auf diese Weise erhält man auch eine Entfernung, die sie sehr wohl

auf ihren Schneeschuhen zurückgelegt haben können, selbst bei der

schlechten Schneeschuhbahn, die der feine Schnee in Grönlands Innerm

giebt.

Daß dies Zurücklegen der von ihnen angegebenen Entfernung unter so

ungünstigen Verhältnissen beinahe eine Unmöglichkeit ist, wird jeder

erfahrene Schneeschuhläufer einsehen können. Wie leicht man die

Entfernungen auf dem grönländischen Inlandseis überschätzen kann, davon

können die Theilnehmer unserer Expedition mitreden, indem wir oft die

zurückgelegten Entfernungen auf mehr als das Doppelte anschlugen.

Falls sich das Inlandseis quer über dem Lande an dieser Stelle nach

derselben Zirkelperipherie wölbt, wie +Nordenskjölds+ Steigung sie

andeutet, kann ihre Höhe in der Mitte nicht mehr als 2360 ~m~ betragen,

folglich ist sie geringer als die von uns erreichte Höhe.

+Pearys+ Angaben in Bezug auf Entfernungen und Höhen sind leider

mangelhaft; so weit man aber nach seinen und +Maigaards+ Berichten

schließen kann, scheint die Steigung während des größten Theils ihrer

Wanderung (sie wurde ungefähr auf dem 69½° Nördl. Br. unternommen)

merkwürdig genau mit der Zirkelperipherie zusammenzufallen, welche

von +Nordenskjölds+ Expedition angegeben wird. Während der ersten 40

~km~ der Wanderung ist indessen die Steigung bedeutend steiler als die

Zirkelperipherie; dies kann aber seinen Grund darin haben, daß sie

an einem Arm der Disko-Bucht aufstiegen, der tief in das Inlandseis

einschneidet, so daß der Anfang ihrer Wanderung dessen Herzen bedeutend

näher lag als der Ort, von dem +Nordenskjöld+ seine Expedition antrat.

Das Resultat dieser Zusammenstellung unserer Kenntniß von den

Höhenverhältnissen des Inlandseises ist also folgendes: Das Inlandseis

wölbt sich in merkwürdig regelmäßiger Weise wie eine Cylinderfläche von

der einen Küste bis zur anderen. Der Radius des Cylinders ist indessen

bedeutend verschieden auf den verschiedenen Breitengraden des Landes,

indem er stark von Süden nach Norden zunimmt, so daß die Cylinderfläche

selber flacher werden muß, je weiter nördlich man kommt.

Außer diesen Eigenthümlichkeiten in der Form der Oberfläche des

Inlandseises verdient noch eine andere unsere Aufmerksamkeit, nämlich

die bereits oben erwähnte schwache Wellenform. Bei Betrachtung des

Querschnittes wird man zwei Arten von Wellen bemerken können, einige

größere, die hauptsächlich in der Nähe der Küsten, besonders der

Ostküste vorkommen, und die nach innen zu länger und flacher werden,

und viele kleinere, die man den ganzen Weg entlang verfolgen kann, die

aber ebenfalls weiter nach innen hinein länger und weniger bemerkbar

werden. Aehnliche Wellen haben die meisten Expeditionen, die in das

Inlandseis eingedrungen sind, bemerkt, sie erstrecken sich scheinbar

stets in der Richtung von Norden nach Süden. Ich bin nicht der Ansicht,

daß das darunterliegende Land im wesentlichen die Bildung dieser Wellen

bedingt, jedenfalls nicht die der kleineren, ich glaube vielmehr, daß

der Wind in genetischer Verbindung damit steht.

+Was kann nun im großen und ganzen die Form der Schnee- und Eisdecke

bedingen?+ Daß sie jedenfalls bis zu einem gewissen Grade von dem

unterliegenden Gebirge unabhängig ist, darüber sind wir uns gar bald

klar; denn Niemand wird behaupten wollen, daß dies Gebirge eine so

regelmäßig ausgedehnte Ebene bilden kann, wie sie die Oberfläche des

Inlandseises aufweist. Da Grönlands zerklüftete, felsige Küsten in

hohem Grade an die norwegische Westküste erinnern, so liegt die Annahme

sehr nahe, daß Grönlands Inneres, falls die Eisdecke entfernt würde,

dem Norwegens gliche, ja, es würde wahrscheinlich noch zerklüfteter

sein, da sowohl seine Ost- wie seine Westküste dies in hohem Grade ist.

Mit anderen Worten, man müßte hohe Berge und tiefe Thäler antreffen,

-- und dies alles ist von der Eisdecke ausgeglichen und unter ihr

verschwunden!

Um uns desto leichter einen Begriff davon machen zu können, was

die Form der Eisdecke bedingt, wollen wir uns einen Augenblick

vergegenwärtigen, wie dieselbe von Anfang an gebildet sein muß.

Als die Temperatur sank, vielleicht gleichzeitig mit einem Steigen

der Niederschläge, wurden die Schneemassen, die im Sommer nicht

fortgeschmolzen werden konnten, von Jahr zu Jahr größer, besonders

in den höheren Gebirgsgegenden. Der Schnee sammelte sich an und

gestaltete sich zu Gletschern. Wie diese Ansammlung des Schnees vor

sich gegangen sein muß, können wir an den norwegischen Hochgebirgen im

Winter beobachten. Der Wind fegt allen trockenen, leichten Schnee, der

fällt, von den Bergen in die Thäler hinab, die ersteren liegen fast

kahl da, während sich die letzteren allmählich anfüllen. Wenn sich dann

die Verhältnisse so gestaltet haben, daß diese Schneeanhäufung in den

höchsten Gebirgsthälern größer gewesen ist als die Verminderung durch

Abschmelzen im Sommer, so steigen folglich die Schneemengen in diesen

Thälern von Jahr zu Jahr. So lange aber der Schnee in den Thälern noch

niedriger liegt als die Berggipfel, setzt der Wind getreulich seine

nivellirende Wirksamkeit fort.

Allmählich haben sich aber die Thäler ganz gefüllt, und die Oberfläche

der Gletscher konnte jetzt über die Gipfel steigen und sie ganz

verhüllen. Da die Gletscher in den höheren Regionen Wandergletscher

in die niederen entsandt haben, und da die Temperatur gefallen ist,

sind alle Bedingungen vorhanden, um denselben Prozeß auch hier zu

wiederholen, und allmählich ist das ganze Land mit Schnee bedeckt

worden, der regelmäßig von dem Winde geebnet und glatt gehalten wird,

und der dann schließlich bis über die höchsten Gipfel hinaufgestiegen

ist und alles mit einem einzigen Schneemeer überschwemmt hat.

Man kann natürlich nicht erwarten, daß dies Schneemeer überall gleich

hoch ist. Es ist ganz natürlich, daß dort, wo die Niederschläge im

Verhältniß zu den Kräften, welche dem Wachsen des Schnees ein Hinderniß

in den Weg legen, am größten sind, sich auch die stärkste Schnee- und

Eisschicht bildet. Ferner liegt es nahe, daß die Eisdecke nach den

Küsten zu am dicksten wird, denn hier muß die feuchte Luft, die vom

Meere herkommt, die meiste Feuchtigkeit absetzen. Schon die regelmäßig

gewölbte Oberfläche der Schneedecke muß indessen den Verdacht aufkommen

lassen, daß ein anderer Faktor von einfacherer mathematischer Natur

bestimmend auf die Form einwirkt. Dieser Faktor ist der +Druck+.

Man darf nicht vergessen, daß die Eisdecke eine plastische Masse

ist, die sich in Bewegung nach den Seiten zu befindet. Dort, wo der

Widerstand gegen die Bewegung am größten ist, muß man erwarten, daß

sich die Massen am höchsten anhäufen. Der Widerstand, auf den die

Bewegung stößt, muß aber naturgemäß irgendwo in dem mittleren Theil

des Landes am größten sein. Die Lage dieses Punktes muß zum Theil

von den größeren Unebenheiten der Unterlage bedingt sein, indem

diese den Widerstand vermehren oder verringern können. Von diesem

Punkt ausgehend, nimmt der Widerstand nach beiden Seiten zu ab, und

wir müssen folglich erwarten, eine regelmäßig gewölbte Eisdecke

vorzufinden, sowie dies auch faktisch der Fall war.

Das weiter unten näher besprochene Schmelzen an der Unterseite der

Gletscher muß auch dazu beitragen, daß sich die Schneefläche nach innen

zu hebt, indem die Eisdecke dort am dicksten wird, wo die Temperatur am

niedrigsten ist (siehe hierüber weiter unten).

Aus dem hier Angeführten muß erstens hervorgehen, daß die geringeren

Unebenheiten der Unterlage keinen Einfluß auf die Formen der Oberfläche

der Gletscher haben können, und zweitens, daß die größeren Unebenheiten

der Unterlage ebenfalls nicht bestimmend einwirken können, da hier

andere Faktoren von außen hinzutreten. So ist es z. B. durchaus

nicht nachgewiesen, daß der Höhenrücken des Gletschers oder die

Gletscherscheide, wenn wir uns so ausdrücken können, gerade über

dem Höhenrücken oder der Wasserscheide der Unterlage liegt. Dies

hängt ganz davon ab, ob es sich mit den Niederschlags-, Druck- und

Schmelzverhältnissen vereinigen läßt. Daß die Unterlage in dieser

Beziehung allerdings nicht ganz ohne Einfluß ist, haben wir bereits

erwähnt. Der Beweis, daß der Höhenrücken der skandinavischen Gletscher

nicht über der Wasserscheide des Landes liegt, ist jedenfalls zur

Genüge geliefert. Er muß, wenigstens in der spätesten Eisperiode 160 km

weiter nach Südosten zu gelegen haben.

Wie dick ist das grönländische Inlandseis?

Dies ist eine Frage, deren Beantwortung von höchstem Interesse sein

würde, leider ist dies jedoch nicht leicht zu bewerkstelligen, denn

eine solche Messung würde mit ungeheuren Schwierigkeiten verknüpft sein.

Ich habe bereits früher erwähnt, daß Grönland in Bezug auf seine

Gebirgs- und Höhenverhältnisse wahrscheinlich große Aehnlichkeit mit

Norwegen hat. Gehen wir von diesem Gesichtspunkt aus, und denken wir

uns Norwegen mit einer ähnlichen Eisschicht bedeckt wie Grönland, so

werden wir sehen, daß selbst unser höchster Berg, der Galhöpiggen (2560

~m~), unter Schnee kommen würde, wenn er dem Höhenrücken so nahe läge.

Ueber Stellen wie Fillefjield und Hardangervidden würde der Gletscher

1300-1600 ~m~ dick sein, über dem Boden von Valders, Haldingdal,

Guldbrandsdalen u. s. w. würde er wenigstens 1900-2200 ~m~ dick sein.

An einigen Stellen wie über Njösen, Randsfjorden u. a. würde die

Schicht noch dünner werden, während sie an anderen Stellen wie über den

Gebirgsrücken zwischen den Thälern dünner werden würde, doch nur um

1000 bis 2000 Fuß.

In Grönland muß ja ein ähnliches Verhältniß herrschen, und wenn wir uns

auch vorstellen können, daß das feste Land dort zum Theil ein wenig

höher als in Norwegen sein kann, so wird doch der Boden der Thäler

dort in der Regel kaum mehr als 700-1000 ~m~ über dem Meeresspiegel

liegen, und über diesen Thälern haben folglich die Gletscher eine Dicke

von ungefähr 1700-2000 ~m~, während sie ja an anderen Stellen dünner

sein können. Der Druck, den ein Gletscher von 2000 ~m~ Dicke ausübt,

ist jedenfalls nicht geringer als 160 Atmosphären, und wenn sich eine

solche Masse über ihre Unterlage hinbewegt, wird man leicht verstehen

können, daß sie eine mächtige Kraft besitzen muß, mit der sie scheuert

und losreißt und alle hervorragenden Unebenheiten mit sich fortführt.

Auf diese Weise müssen die sich stets der Küste zu bewegenden Gletscher

sehr wohl im stande sein, im Laufe der Zeit die Thäler zu vertiefen und

zu vergrößern, durch die sie sich bewegen, und je tiefer die Thäler

werden, desto dicker werden auch die Gletscher und desto größer wird

ihr Druck und ihre aushöhlende Fähigkeit. Auf die Weise wird es leicht

verständlich sein, weshalb die Gletscher die ganze Unterlage nicht

gleichmäßig ausgraben können, ihre Wirksamkeit muß sich mehr und mehr

auf die Stellen konzentriren, wo sich Unebenheiten und Thäler befanden,

ehe sich die Gletscher bildeten. Die grabende Fähigkeit ist natürlich

nicht allein von der Dicke des Gletschers abhängig, sondern auch von

der Schnelligkeit der Bewegung. Diese muß naturgemäß an dem äußern

Rand des Gletschers größer sein als im Innern, da der Widerstand dort

am geringsten und die Niederschläge am größten sind. Auf der andern

Seite aber ist die Kraft am Rande geringer als weiter nach innen zu.

Infolgedessen befindet sich die größte grabende Fähigkeit dort, wo das

Produkt dieser beiden Faktoren am größten ist, nämlich eine Strecke von

dem Rand des Gletschers entfernt. Das Eis hat sicher zu dieser seiner

Arbeit auf dem unterliegenden Grunde eine bedeutende Hülfe in dem

Wasser und den Bächen, welche durch Schmelzen der Eisdecke nach unten

zu entstehen und auf die wir später zurückkommen werden.

Als vorzügliches Beispiel für die Gewalt, mit welcher die

Wandergletscher ihre Ausgrabungen vorzunehmen vermögen, kann das

Vaigat in Nordgrönland angeführt werden, jener wohl 20 Meilen lange

und 2 Meilen breite Sund, der von der Disko-Bucht in nordwestlicher

Richtung zwischen die Disko-Insel und die Halbinsel Nugsuak nach dem

Meere zu einschneidet. Wie Prof. +Amund Helland+ bereits angeführt hat,

kann kein Geologe, der sich der Mühe unterzieht, die Verhältnisse zu

untersuchen, in Zweifel darüber sein, daß die merkwürdigen Schichten

aus der Kreidezeit und der Tertiärzeit (siehe den Anfang dieser

Beilage) sowie die darüberliegenden jüngeren basaltischen Gebilde, die

ungefähr in gleicher Höhe zu beiden Seiten dieses mächtigen Sundes

auftreten, einmal ein zusammenhängendes Ganze gebildet haben. Der Sund

kann unmöglich älter sein als die Bergarten, welche seine beiden Seiten

bilden. Da einzelne der Tertiärbildungen sehr späten Ursprunges sind

(sie gehören jedenfalls dem spätesten Theil der miocenen Zeit an),

und da diese Schichten außerdem mit mächtigen Basaltschichten bedeckt

sind, so muß die Bildung des Vaigats ganz neueren Datums sein, und

wir kennen keine anderen Kräfte, die es gebildet haben können als eben

die Wandergletscher. Es ist allerdings eine gewaltige Arbeit, die sie

hier vollführt haben. Da die Basaltschichten zu beiden Seiten des

Sundes in einer Höhe von tausend bis tausendfünfhundert Metern und mehr

emporragen, und da der Sund selber tief ist, so muß die Steinmasse

mindestens eine Dicke von zweitausend Metern, eine Breite von zwei

Meilen und eine Länge von mehr als zwanzig Meilen gehabt haben, welche

den Sund ausfüllte und die durch die Thätigkeit des Eises fortgeführt

wurde.

Einen Einfluß anderer Art muß eine so mächtige Eisdecke dadurch auf

die Unterlage haben, daß sie dieselbe niederdrückt. Hierdurch hat man

auch die +nach+ der Eiszeit eingetretene Senkung des Landes, die man an

verschiedenen Stellen zu bemerken glaubte, zu erklären gesucht. Da die

Gebirgsunterlage jedenfalls bis zu einem gewissen Grade elastisch ist,

so ist es nicht unwahrscheinlich, daß eine Steigung des Landes, die

nach der Eiszeit in Europa und in Amerika, sowie auch nach der früheren

größeren Verbreitung des Eises in Grönland vor sich gegangen ist, sich

dadurch erklären läßt, daß sich das Land gehoben hat, nachdem sich das

Eis zurück zog und der Druck geringer wurde. Daß sich dies wirklich so

verhalten muß, scheinen Kand. +Andr. M. Hansens+ Untersuchungen der

Strandlinien in Norwegen[102] zu bestätigen; diese beweisen nämlich

ganz deutlich, daß das Land sich nach innen zu -- wo also die Eisdecke

am dicksten und der Druck am größten war -- mehr gehoben hat als nach

dem Meeresrande zu; es scheint sogar ein fast konstantes Verhältniß

zwischen dem Steigen und dem Abstande von der äußeren Küstenlinie zu

bestehen.

Dies kann, wie +Hansen+ meint, möglicherweise auch die Bildung der

Terrassen erklären. Da man nämlich kaum annehmen kann, daß die Abnahme

des Eises ganz gleichmäßig vor sich gegangen ist, so kann sich auch

das Land nicht gleichmäßig gehoben haben. Es hat Perioden in den

klimatischen Veränderungen gegeben und wahrscheinlich auch Zeiten,

in denen sich die Gletschermassen sehr wenig verringerten oder gar

wieder wuchsen. Infolgedessen hat sich das Land in einem einigermaßen

konstanten Niveau erhalten. Während solcher Zeiten sind die Terrassen

entstanden und je nach der Dauer der Perioden größer oder kleiner

geworden. Dann sind Perioden mit einer Abnahme der Gletschermassen und

einer entsprechend stärkeren Steigung des Landes gekommen, während

dieser Perioden ist die Bildung der Terrassen wenigstens theilweise

unterbrochen worden.

Um einen richtigen Eindruck von dem Einfluß des Inlandseises in

dieser Beziehung wie von seinen grabenden Fähigkeiten zu bekommen,

muß man bedenken, daß das grönländische Inlandseis im Verhältniß zu

dem, welches Europa und Amerika bedeckte, nur klein ist, es ist auch

jetzt längst nicht mehr so groß wie damals, als es Grönlands äußerstes

Küstenland vollständig bedeckte.

Was ferner mit dazu beigetragen haben muß, daß das Land gestiegen ist,

nachdem es mit Eis bedeckt war, ist die Verringerung des Druckes,

die dadurch entstanden ist, daß die Decke an der Unterlage gezehrt

und Material mit sich fortgeführt hat. Daß die dadurch entstandene

Verringerung des Druckes nicht ganz unbedeutend ist, kann man an

den Unmengen von Kies und Steinen erkennen, die von Skandinavien

nach Rußland, Dänemark und den norddeutschen Ebenen übergeführt

sind. Man darf jedoch nicht außer acht lassen, daß eine solche

Steigung ja theilweise auch nur scheinbar sein kann, indem nicht

das Land gestiegen, sondern das Meer gefallen ist. Man hat nämlich

nachgewiesen, daß das Land eine Anziehungskraft auf die See ausübt, so

daß der Meeresspiegel in der Nähe von steilen, hohen Gebirgsländern

höher liegt als anderswo; etwas Aehnliches würde auch der Fall sein,

wenn das Land aus Eis bestände. Es ist klar, daß je größer die

Masse des Landes (oder auch des Eises) ist, desto stärker wird die

Anziehungskraft, desto höher die Lage des Meeresspiegels. Wenn nun,

sowie dies nach der Eiszeit der Fall war, die Masse des Landes durch

das fortgegrabene Material und das Verschwinden des Eises verringert

worden ist, so ist auch die Anziehungskraft kleiner geworden und der

Meeresspiegel tiefer gesunken; daß dies jedoch nicht hinreicht, um die

beobachteten Veränderungen zu erklären, geht deutlich aus +Hansens+

früher erwähnten Strandlinie-Untersuchungen hervor; denn nach diesen

müßte nämlich das Sinken der See regelmäßig zwischen den Fjorden und

in einem dem Abstande von der Außenküste entsprechenden Verhältniß

zugenommen haben. Allerdings muß die Anziehungskraft in den Fjorden

etwas stärker sein, aber der Unterschied genügt keineswegs, um die

vorliegenden Beobachtungen zu erklären, wie auch die ganze Verringerung

der Anziehungskraft durchaus nicht im stande sein kann, ein Sinken zu

verursachen, das groß genug ist, um ein scheinbares Steigen bis zu 700

Fuß zu erklären.

Von den Einwendungen, die dagegen erhoben sind, daß das Verschwinden

des Eises die Ursache zu dem Steigen des Landes sein kann, will ich

diejenige erwähnen, daß man in Schweden postglaciale Hebungen des

Landes nachgewiesen hat. Diese scheinen sich meiner Ansicht nach sehr

gut dadurch erklären zu lassen, daß sich, lange nachdem das Eis sich

aus dem südlichen Schweden zurückgezogen hatte, noch größere Ueberreste

desselben in Norwegen und Nord-Schweden fanden, und das Verschwinden

dieser Ueberreste hat die schwedischen postglacialen Hebungen

hervorgebracht.

Schwieriger zu erklären sind die in Asien nachweisbaren Landhebungen,

denn hier hat ja keine Eisperiode stattgefunden. Man kann sich indessen

denken, daß das Regenwasser und die Bäche an dem Lande gezehrt und

seine Masse so verringert haben, daß ein merkbares Steigen dadurch

hervorgerufen wurde; dies muß hauptsächlich in nördlichen Ländern

der Fall sein, wo die Wirksamkeit des Wassers infolge der Kälte am

größten ist. Daß das Zehren des Meeres an den Küsten von Island und den

Faröern, wie bereits früher (Bd. I., S. 135) erwähnt ist, das Steigen

derselben und dadurch die schräge Lage der Basaltschichten auf diesen

Inseln verursacht haben kann, scheint ebenfalls darauf hinzudeuten,

welchen Einfluß die Erosion in dieser Beziehung haben kann.

Daß Grönlands Steigung in der Regel bedeutend geringer ist als

Skandinaviens, stimmt auch durchaus mit der hier besprochenen Erklärung

überein, denn Grönlands Inlandseis ist gewiß selbst in seiner größten

Ausbreitung nicht so mächtig gewesen wie das skandinavische und

nordeuropäische, außerdem hat sich das grönländische Inlandseis

bisher nur theilweise zurückgezogen, und es ist noch eine große

Aussicht auf eine Steigung des Landes bis zum völligen Schmelzen des

Eises vorhanden. Mag sich nun das Land auch augenblicklich im Sinken

befinden, wie einzelne Gelehrte anzunehmen geneigt sind, oder im

Stillstand, so ist das hier von nur geringem Interesse; denn in diesem

Falle hätten wir nur einen Beweis dafür, daß sich das Inlandseis

augenblicklich in einer Periode befindet, in der es wächst oder seine

gleiche Höhe behält. Daß es jedenfalls jetzt nicht sonderlich in der

Abnahme begriffen ist, darüber werde ich mich später noch auslassen.

Die Oberfläche des Inlandseises.

Wir stießen während unserer Expedition auf auffallend wenig +Spalten+.

An der Ostseite begegneten wir ihnen nur bis zu 15 ~km~ von der Küste

entfernt. In der Nähe der Westküste trafen wir die erste Spalte

ungefähr 40-45 ~km~ vom Rande des Inlandseises entfernt. Im ganzen

Innern trafen wir keine Spur davon. Bäche sahen wir so gut wie gar

nicht auf dem Inlandseise, was nach Ansicht Mancher seinen Grund in

der späten Jahreszeit haben kann. Auf der einen Seite ist die Mitte

des August, zu welcher Zeit wir uns an der Ostküste befanden, keine

späte Jahreszeit in Bezug auf das Schmelzen des Schnees, und auf der

anderen Seite hätten wir ja, wenn auch die Bäche selber verschwunden

wären, doch ihre Rinnen antreffen müssen. Davon sahen wir im Innern

jedoch nicht das Geringste, in einer Höhe von 20-30 ~km~ vom westlichen

Rande des Inlandseises wurden solche Bäche bemerkt. Ebenso können

möglicherweise bis zu einer Entfernung von 15 ~km~ von der Ostküste

kleinere Bäche über das Eis hinlaufen. Außer auf diesen kleinen

Strecken in der Nähe der Küsten +giebt es zu keiner Zeit des Jahres

Bäche auf dem bisher bekannten Theil des Inlandseises+.

Von der Beschaffenheit der Oberfläche des Inlandseises im Innern wird

man hoffentlich ein einigermaßen klares Bild durch die in Kapitel

XVIII. enthaltene Schilderung bekommen. Wie man daraus ersieht (Bd.

II., S. 117) besteht die Oberfläche bereits in nicht weiter Entfernung

von der Ostküste aus trocknem Schnee, auf dem die Sonne nur dünne

Eiskrusten zu bilden vermag. Aus solchem trocknen Schnee besteht die

ganze Oberfläche der inneren Eiswüste. Wie tief wir eindringen müssen,

um diesen Schnee in Eis verwandelt zu sehen, wissen wir nicht. Dies

muß irgendwo durch Druck vor sich gehen. Das Merkwürdigste bei diesem

trocknen Schnee ist der Umstand, daß die Masse des Schnees und Eises

mitten im Lande sich nicht durch Schmelzen verringert; doch davon

später mehr.

In Bezug auf die Oberfläche des Inlandseises will ich nur noch

erwähnen, daß wir nur wenig oder nichts von fremden Gegenständen

bemerkten.

Von +Nordenskjölds Eisstaub+ oder +Kryokonit+ sahen wir fast nichts

an der Ostküste oder in der Nähe derselben. In der Nähe der Westküste

dagegen fand ich ihn an mehreren Stellen bis zu 30 ~km~ vom Rande des

Eises, es waren freilich stets nur geringe Mengen, was zum Theil der

späten Jahreszeit zuzuschreiben ist, da die Wasserlöcher, in denen

man den Kryokonit hauptsächlich zu finden pflegt, zugefroren waren.

Von Moränenschlamm oder Steinen (erratischen Blöcken) bemerkten wir

nirgendswo das Geringste auf dem Eise,[103] ausgenommen an der letzten

kleinen Abschrägung an der Westküste, wo wir aufs Land hinabstiegen

oder vielmehr an dem ersten kleinen Gewässer, also nur etwa hundert

Ellen von dem alleräußersten Rand entfernt. Dies stimmt vollkommen mit

den früher auf dem grönländischen Inlandseis gemachten Beobachtungen

überein, widerspricht aber den Behauptungen, welche viele Geologen in

Bezug auf die Gletscher der größeren Eisperioden aufstellen. Sie sind

nämlich der Ansicht, daß diese großen Moränen auch Kies und Steinen auf

ihrem Rücken mit sich fortgeführt haben, eine meiner Anschauung nach

ganz absurde Behauptung, die kaum einer anderen Widerlegung bedarf als

des Hinweises auf das grönländische Inlandseis. Die Auffassung, daß

dies in Bezug hierauf nichts beweisen kann, da Grönland zu lange dem

Scheuern des Eises ausgesetzt war, um noch erratisches Material von

irgend welcher Bedeutung zu besitzen, ist ganz werthlos; denn selbst

wenn man auch nicht wüßte, daß stets Wanderblöcke in die grönländischen

Eisfjorde hinausgeschoben werden (was faktisch der Fall ist), so hat

doch Niemand leugnen wollen, daß unablässig große Mengen Moränenschlamm

mit den Bächen unter den Gletschern hervorkommen, und dies müßte doch

jedenfalls an die Oberfläche der Gletscher hinaufgeführt werden, falls

sich in ihrer Masse eine starke aufwärtssteigende Bewegung geltend

machte wie man dies behauptet hat. -- --

Meteorologische Beobachtungen.

In meteorologischer Beziehung hat die Expedition überraschende

Resultate erzielt. +Temperatur.+ Wie bereits erwähnt, fiel nach Prof.

+Mohns+ Berechnungen die Temperatur in einzelnen Nächten (12.-14.

Sept.) vermuthlich bis auf -45° C., und die Durchschnittstemperatur der

Tage vom 11.-16. Sept., als wir uns ungefähr mitten im Lande oder ein

wenig westlich von dem Höhenrücken befanden, betrug -30° bis -34° C.

Dies sind mindestens +20° weniger als man+ infolge der allgemein

angenommenen Gesetze für des Fallen der Temperatur mit steigender Höhe

annehmen sollte, indem man von der Durchschnittstemperatur an den

nahegelegenen Küsten ausgeht.

Auf die Meeresfläche reduzirt, ist diese Temperatur ohne Frage die

niedrigste, die auf unserer Erde im Monat September beobachtet worden

ist. Eine der kältesten Durchschnittstemperaturen dieses Monats, die

uns bekannt ist, ist -9° C. auf Grinnells Land. In dem mittleren

Theil Grönlands beträgt die kälteste Durchschnittstemperatur für den

September sicher nicht viel weniger als -30° C. (also ein Unterschied

von ungefähr 20°). Auf die Meeresfläche reduzirt, kann diese Temperatur

jedenfalls nicht höher werden als -13° C.

Es kann daher scheinen, als wenn wir in Grönlands Innerem, wie Prof.

+Mohn+ sich ausdrückt, den zweiten Kältepol der nördlichen Halbkugel

gefunden haben. Und wahrscheinlich ist das Innere Grönlands einer der

kältesten Orte auf der ganzen Erde.

Bei der Temperatur verdient noch ein anderes Verhältniß Beachtung,

nämlich der große Unterschied zwischen Tag und Nacht. Im Innern des

Landes betrug derselbe 20-25°, indem wir während der kältesten Zeit

der Nacht dem Anschein nach bis -45° C. hatten, während die Temperatur

am Tage bis auf ungefähr -20° C. stieg. Ein so bedeutender Unterschied

trat jedoch nur ein, als das Wetter Tag und Nacht hindurch völlig klar

war.

Die Meteorologen können sich schwerlich eine Vorstellung von der

niedrigen Temperatur machen, die wir im Innern Grönlands fanden, sie

bildet sozusagen ein neues Phänomen, es müssen Faktoren vorliegen,

mit denen man noch nicht gerechnet hat. Ich glaube, daß die niedrige

Temperatur, sowie der große Unterschied zwischen der Tag- und

Nachttemperatur sich am besten auf folgende Weise erklären läßt:

Daß die Ausstrahlung von Schneeflächen größer ist als von Erd- oder

Steinflächen, darüber sind sich mehrere Forscher einig, da sie

ausfindig gemacht haben, daß die Temperatur über den ersteren des

Nachts, besonders bei klarem Wetter, stärker sinkt.

Es kann befremdend erscheinen, daß dies der Fall ist, da wenig Grund

zu der Annahme vorhanden ist, daß die weiße glatte Schneefläche

eine größere Wärmeausstrahlung geben sollte, als die rauhe dunkle

Erdoberfläche. Es widerspricht auch der allgemeinen Erfahrung. Wie

jeder norwegische Bauer wissen wird, frieren die Moore nicht zu, selbst

nicht in der stärksten Kälte, sobald sie mit Schnee bedeckt sind, er

mag noch so dünn sein; dagegen würden sie bei derselben Temperatur bis

auf den Grund ausfrieren, sobald der Schnee entfernt ist. Würde die

Ausstrahlung wirklich durch die Schneeschicht befördert, so müßte auch

das Gefrieren dadurch befördert werden, jedenfalls wenn die Schneedecke

so dünn ist, daß die geringe Wärmeleitungskraft des Schnees keine große

Rolle spielen kann.

Bei genauerer Erwägung muß es zweifellos erscheinen, daß die wirkliche

Ausstrahlung der Erdoberfläche durch eine Schneedecke vermindert

wird. Wenn es dagegen den Anschein hat, als ob sie erhöht wird, so

hat dies seinen Grund in der +schlechten Wärmeleitung des Schnees+.

In Schichten, welche gute Wärmeleiter sind, wird, selbst wenn die

Ausstrahlung sehr stark ist, allmählich der Oberfläche Wärme von innen

zugeführt werden, und auf die Weise werden folglich die Ausstrahlungen

einen großen Wärmeverlust für die ganze Masse verursachen, während

die Wärme auf der Oberfläche selbst nicht so sehr sinkt, wie sie es

nothwendigerweise in Schichten thun müßte, die schlechte Wärmeleiter

sind. Hier wird nämlich die Ausstrahlung im wesentlichen nur Bedeutung

für die allerobersten Schichten haben, denn da nur wenig Wärme

von innen zugeführt wird, kann die Temperatur auf der Oberfläche

einigermaßen ungehindert sinken, während die Temperatur ein kleines

Stück unter derselben bedeutend höher ist. Der Unterschied in dieser

Beziehung zwischen schlechten und guten Wärmeleitern ist derselbe,

wie zwischen schlechten Kleidern, die gute Wärmeleiter sind, und

guten Kleidern, die schlechte Wärmeleiter sind. Die ersteren werden

ihrem Träger einen größeren Wärmeverlust zuführen, während sie selber

auf der Oberfläche wärmer sind, die letzteren werden einen geringen

Wärmeverlust herbeiführen, selbst aber kalt auf ihrer Oberfläche sein.

Nun ist es klar, daß die alleroberste Schicht des Erdbodens

entscheidend auf die Temperatur der zunächst gelegenen oder niedrigsten

Luftschicht wirkt. Folglich muß, wie wir gesehen haben, bei der

Wärmeausstrahlung der Erdoberfläche die Temperatur der untersten

Luftschichten über dem aus schlecht wärmeleitenden Schichten

bestehenden Erdboden am niedrigsten werden, wenn auch die Ausstrahlung

selber hiervon möglicherweise etwas geringer ist. Wir müssen daher

darauf gefaßt sein, ein stärkeres Fallen der Temperatur während der

Nacht über Schneefeldern zu finden, besonders bei dicken Schichten

losen Schnees, als über Eisflächen, und ferner stärkeres Sinken über

losen Erd- und Sandschichten -- die schlechte Wärmeleiter sind -- als

über festem Erdboden, der etwa aus Felsen oder feuchter Erde besteht.

Im Zusammenhang mit dieser schlechten Wärmeleitung steht natürlich auch

die Thatsache, daß diese losen Schnee- und Sandschichten eine weit

geringere Masse repräsentiren, als ein entsprechender Kubikinhalt Eis,

Stein oder feuchter Erde, -- folglich haben sie auch einen entsprechend

geringeren absoluten Wärmegehalt. Der Verlust einer bestimmten

Wärmemenge wird folglich ein weit bedeutenderes Fallen der Temperatur

bei z. B. einem Kubikfuß losen Schnees oder Sandes verursachen, als bei

einem Kubikfuß Eis oder fester Felsmasse.

An solchen Stellen mit losen Schichten muß selbstverständlich

der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht ein auffallend

großer sein, indem auch die Sonne dort am Tage weit leichter

die obenaufliegenden Schichten erwärmt, ohne daß diese den

darunterliegenden Schichten allzu viel davon mittheilen. Dies stimmt

überraschend mit den Beobachtungen überein, die in dieser Richtung

bereits gemacht sind. Der Temperaturunterschied zwischen Tag und Nacht

betrug, wie wir bereits gesehen haben, in Grönlands Innerm 20-25°; ein

ähnliches Verhältniß, wenngleich lange nicht in so auffallendem Grade,

fand die britische Polarstation über den Schneeflächen bei Fort Rae (am

großen Sklavensee) im März des Jahres 1883. Ferner sind die Sahara und

die asiatischen Wüstenstriche wegen ihres großen Unterschiedes in Bezug

auf die Tag- und Nachttemperatur bekannt, und derselbe scheint dort

ebensogroß, wenn nicht größer sein zu können, als in der grönländischen

Schneewüste.

In dem Innern dieser Eiswüste müssen wohl alle Bedingungen für eine

starke Abkühlung durch Ausstrahlung vorhanden sein. Nur mitten im

Sommer vermögen die Sonne und der Frost eine dünne Eiskruste über dem

Schnee hervorzubringen, der also eine dichtere Masse, ein besserer

Wärmeleiter und ein weniger guter Wärmeausstrahler ist. Während des

größten Theils des Jahres ist die Oberfläche indessen mit völlig

trockenem Schnee bedeckt, der freilich vom Wind zusammengestaut, aber

unter niedriger Temperatur gefallen ist; er ist äußerst fein und

folglich ein sehr schlechter Wärmeleiter.

Kann nun aber diese Ausstrahlung in den kalten Weltenraum von der

Schneeoberfläche ein so großes Sinken der Temperatur der niedrigsten

Luftschicht während einer Sommernacht zur Folge haben, welch eine

niedrige Temperatur muß sie da erst im +Winter+ über dieser Schneewüste

hervorrufen, wenn die Sonne niedriger steht oder -- weiter nordwärts

-- ganz verschwindet? Wir besitzen wohl kaum einen Maßstab, der uns in

stand setzt, auch nur annähernd zu berechnen, wie tief die Temperatur

da sinken kann. Man muß folglich annehmen, daß ein großer Unterschied

zwischen der Winter- und Sommertemperatur besteht.[104]

Deswegen glaube ich, daß die starke Abkühlung durch Ausstrahlung der

allerobersten Schneeschichten im wesentlichen die Ursache zu der

durchschnittlich geringen Temperatur ist, die wir während unserer

ganzen Wanderung durch das Innere Grönlands beobachteten. Freilich wird

es der Sonne entsprechend leicht, die obersten, schlecht wärmeleitenden

Schneeschichten am Tage zu erwärmen, aber man muß bedenken, daß sie

jedenfalls niemals weiter als bis höchstens zu 0° gelangt, und dann

wirft die weiße Schneefläche nicht wenig von den wärmebringenden

Sonnenstrahlen zurück.

Ein anderer Faktor, der in hohem Grade dazu beitragen muß, die

Ausstrahlung zu vermehren und eine niedrige Temperatur zu schaffen,

ist die dünne Luft, die sich in dieser Höhe über der Meeresfläche

befindet. Man muß ferner bedenken, daß man bisher noch keine ähnliche

ebene Fläche in einer Höhe von 2700 ~m~ über dem Meeresspiegel kennt.

Sie ist nicht von Thalsenkungen durchschnitten, in welche die durch

Ausstrahlungen abgekühlte Luft herabsinken oder aus denen die warme

Luft aufsteigen kann. Der Luftdruck ist außerdem derartig, daß nur

wenig Luft von den Küsten zugeführt wird, indem die Winde, meistens vom

Innern kommend, sich nach den Küsten hin bewegen. Die Ausstrahlung muß

mit großer Leichtigkeit vor sich gehen können in dieser dünnen kalten

Luft, deren relativer Feuchtigkeitsgrad freilich groß ist, dessen

absolute Feuchtigkeit aber doch nur gering ist. Außerdem darf man nicht

außer acht lassen, daß wir die Luft nur bis zu Manneshöhe über der

Schneefläche untersuchen konnten. Es ist wohl nicht unwahrscheinlich,

daß man höher aufwärts wärmere und verhältnißmäßig trockene Luft

findet, welche in einem noch höheren Grade die Ausstrahlung begünstigt;

die Luftschichten da drinnen sind verhältnißmäßig nur geringen

Veränderungen unterworfen, und da dort kaum zu anderen Zeiten als im

Sommer ein stark aufwärtsstrebender Luftstrom stattfinden kann, der

den höheren Luftschichten Feuchtigkeit zuführen kann, indem die durch

die Schneefläche abgekühlten Schichten als die schwersten herabsinken,

so muß man nothwendigerweise erwarten, trockenere und bis zu einem

gewissen Grade wärmere Luft in den höheren Luftschichten zu finden,

sobald die Wärmeausstrahlungen größer sind als die Wärmezustrahlungen,

und dies ist selbstverständlich während eines großen Theils des Jahres

der Fall.

Noch einen dritten Faktor, der auch, wenngleich in geringerem

Grad zu dem Sinken der Temperatur auf der Oberfläche der inneren

Schneewüste beitragen kann, will ich hier erwähnen. Wie ich später

auseinandersetzen werde, muß meiner Meinung nach ein stetes

Schmelzen[105] auf der Unterseite der Schnee- und Eismassen dort vor

sich gehen, wo sie das darunterliegende Land berührt. Ein solches

Schmelzen bindet indessen eine Menge Wärme, die mit dem Schmelzwasser

fortgeführt wird, das unter den Eismassen den Küsten zuströmt. Daß

ein solches stetes Entführen von Wärme aus der unteren Schicht des

Inlandseises nicht ganz ohne Einfluß auf dessen Oberflächentemperatur

sein kann, ist so einleuchtend, daß es kaum einer weiteren Erklärung

bedarf. Auf der einen Seite wird ja diese Wärme dem Inlandseis selber

entzogen, und dies muß sich der Oberfläche in größerem oder geringerem

Grade mittheilen, je nach der Dickigkeit der Eis- und Schneeschicht;

auf der andern Seite wird sie der darunterliegenden Schicht entzogen,

mit andern Worten: ein Theil von der innern Wärme der Erdoberfläche,

die infolge des steten Wärmeverlustes auf der Oberfläche sozusagen

stets auf der Wanderung von innen nach außen begriffen ist, wird hier

angehalten und verbraucht, und die Oberfläche selber wird infolgedessen

eines Theils der Wärme beraubt, die ihr von innen zugehen sollte. Nun

ist freilich die Wärmeleitung durch die Eisschicht geringer und durch

die zu oberst liegenden Schneeschichten noch geringer, und der auf

diese Weise verursachte Wärmeverlust sollte folglich auf der Oberfläche

weniger fühlbar werden, aber ganz ohne Rückwirkung bleibt er doch nicht.

Wie hieraus zu ersehen ist, müssen alle hier hervorgehobenen

Verhältnisse zusammenwirken, um eine kalte Oberfläche hervorzubringen,

und meiner Meinung nach müssen sie hinreichend sein, um die erstaunlich

niedrige Temperatur dieser Schneewüste zu erklären.[106]

Feuchtigkeit und Niederschläge.

In Bezug auf die Feuchtigkeit und die Niederschläge stießen wir

auf Verhältnisse, wie man sie hätte kaum erwarten können. Der

Feuchtigkeitsgrad der Luft war über dem größten Theil des Inlandseises

überraschend hoch, indem er meistens zwischen 90 und 100% ergab. Nur

in der Nähe der Westküste fanden wir unter 79%, wir hatten aber damals

einen Wind mit föhnartigem Charakter.

Man kann hieraus ersehen, daß, wenn auch die absolute Feuchtigkeit

der Luft infolge der niedrigen Temperatur nur gering war, doch die

relative Feuchtigkeit eine sehr hohe war. Dies hatte man freilich im

Grunde erwarten können, da ja alle bis an das Inlandseis dringenden

Winde vom Meere herkommen und die Luft, welche sie mit sich führen,

allmählich, je weiter sie gelangen, mehr und mehr abkühlten.

Infolgedessen müssen auch häufig Niederschläge stattfinden. Während

der 40 Tage, die unsere Eiswanderung währte, hatten wir 4 Tage Regen,

1 Tag Hagel und 11 Tage Schnee. Im Innern fiel dieser Schnee meistens

in Form von feinem Frostschnee oder von Eisnadeln, die fast täglich

aus einer halb undurchsichtigen Luft herabregneten, durch welche man

die Sonne allerdings häufig hindurchscheinen sah, und in der sich fast

unaufhörlich Sonnenringe mit Nebensonnenringen bildeten.

Welche Kräfte hindern das Inlandseis am Steigen?

Wenn wir nun diese beständigen Niederschläge mit dem früher erwähnten

Verhältniß vergleichen, daß sich nämlich die Schneemenge nicht durch

Schmelzen an der Oberfläche verringern kann, da muß es sich also

entweder so verhalten, daß das grönländische Inlandseis beständig im

Innern zunimmt oder auch sind hier andere Faktoren vorhanden, die

zehrend auf die Eismassen einwirken und die Vermehrung aufheben.

Daß wir mit unserer jetzigen Kenntniß kein Recht haben, das Erstere

anzunehmen, davon können wir uns gar bald überzeugen; denn wenn das

Inlandseis im Innern stiege, müßte es sich ja auch im Grunde am Rande

vermehren können; aus den Beobachtungen und Messungen, die bisher

gemacht worden sind, geht dies aber nicht hervor. Dieselben erstrecken

sich allerdings nicht durch einen Zeitraum, der weitgreifende

Schlußfolgerungen gestattet, aber sie sind doch während mehrerer Jahre

vorgenommen.

Was kann denn nun dazu beitragen, daß sich die Schneemenge nicht

vermehrt?

Die +Verdampfung+ der Oberfläche kann, wie wir schon gesehen haben,

nur klein sein und ist nicht im stande, die Schneemenge in einem

bemerkbaren Grade zu verringern.

Der +Wind+, der den Schnee aus dem Innern nach den Küsten zu als feines

Schneetreiben wehen könnte, kann ebenfalls keinen großen Einfluß

nach dieser Richtung hin haben. Freilich weht er in der Nähe des

Eisrandes ziemlich ununterbrochen, im Innern scheint aber nur wenig

Wind zu herrschen, und wenn er wirklich einmal weht, so geschieht dies

keineswegs immer in derselben Richtung.

Auf der Oberfläche ist folglich nichts, was im stande ist, das Steigen

des Schnees zu verhindern. Ein solches Steigen können wir ebenfalls

getrost in den vielen Schneeschichten mit dazwischenliegenden dünnen

Eiskrusten annehmen. Wir müssen unsere Gründe folglich in der Tiefe

suchen.

Dringen wir tiefer ein, so stoßen wir auf einen Faktor, der in dieser

Hinsicht von Bedeutung sein muß, nämlich auf den +Druck+. Man darf

nämlich nicht vergessen, daß der Schnee und das Eis -- das durch den

Druck des ersteren hervorgebracht ist -- eine theils plastische oder

zähe halbflüssige Masse ist, die keine große Dickigkeit erreichen

kann, da der Druck bewirkt, daß sie nach den Seiten hin entweicht und

auf diese Weise +Wandergletscher+ bildet, die je nach der Größe der

Massen groß oder klein sind, wie wir das überall an unsern Hochgebirgen

beobachten können.

Auf diese Weise also wird der Druck das grönländische Inlandseis,

indem er im Innern steigt, zu einer ständigen Bewegung nach den

Felswänden der Unterlage zu zwingen, durch die Thäler hindurch, welche

es am leichtesten passiren kann, und nach den Küsten zu, wo es dann

in Gestalt der bekannten mächtigen Wandergletscher in die Fjorde

hinabgleitet und seine Eisberge abwirft, die von dem Meere fortgeführt

werden. Auf diese Weise entsprechen gewissermaßen diese Wandergletscher

oder Eisströme den Bächen anderer Länder, indem sie einen theilweisen

Ablauf für die Niederschläge in dem innern Lande bilden; der

Unterschied besteht nur darin, daß der Ablauf hier in fester, statt in

flüssiger Form geschieht.

Mancher wird sich schwerlich eine Vorstellung davon machen können,

daß Eis und Schnee derartig beweglich sind; stellt man sich aber

Grönland statt dessen mit einer entsprechenden Schicht Pech, nassen

Lehmes oder Gelées bedeckt, vor, so wird man wahrscheinlich sofort die

Nothwendigkeit erkennen, daß diese Schicht früher oder später ins Meer

hineingeschoben werden muß.

Hieraus kann man ersehen, daß das Inlandseis mit einer gewissen Menge

von Niederschlägen, selbst wenn keine andern Faktoren vorhanden wären,

doch eine bestimmte Höhe nicht überschreiten kann, indem die +durch den

Druck verursachte Bewegung den Zuwachs in den Schranken halten wird+.

Hat nun das grönländische Inlandseis diese Höhe erreicht?

Dies ist nicht wahrscheinlich; denn bevor es soweit kam, muß ein

anderer Faktor sich gemeldet und das weitere Steigen verhindert haben.

Dies ist das +Schmelzen+, das an der +Unterfläche+ wesentlich durch die

+innere Wärme der Erde+ hervorgerufen wird.

Es ist eine Thatsache, die sich nicht länger bestreiten läßt, daß

das Innere der Erde seine eigene Wärme hat, und daß die Temperatur

steigt je tiefer man in die Erde eindringt. Aber ebenso sicher wie

dies der Fall ist, ebenso sicher muß auch dasselbe Verhältniß in

einem Schneegletscher herrschen; denn in nichts unterscheidet sich

dieser von den gewöhnlichen geologischen Schichten außer darin, daß er

beweglicher ist und daß er bei einer niedrigern Temperatur schmilzt

als diese. Schnee und Eis sind schlechte Wärmeleiter, und wir müßten

aus dem Grunde, wenn sie still lägen, erwarten, dort ein stärkeres

Steigen der Temperatur zu finden als in andern geologischen Schichten.

Nun kommt indessen möglicherweise noch das hinzu, daß die Schicht des

Inlandseises so kürzlich gebildet ist und sich in einer so beständigen

Bewegung nach dem Rande zu befindet, daß die innere Erdwärme keine Zeit

gehabt hat, sie völlig zu durchdringen.

Es ist daher, so lange diese Sache nicht untersucht wird, ganz

unmöglich zu berechnen, in welchem Grade die Temperatur nach dem

Innern des Inlandseises zu steigt. Wenn wir indessen voraussetzen,

daß das Steigen ungefähr in dem gewöhnlichen Verhältniß stattfindet

und daß die Durchschnittstemperatur der Oberfläche in dem Innern des

Landes zwischen -20 und -30 Grad[107] beträgt, so müßten wir also

erwarten, in einer Tiefe von 700 bis 1000 ~m~ eine Temperatur von 0°

zu finden, indem man bei Bohrungen ein durchschnittliches Steigen

der Temperatur von 1° C. auf je 33 ~m~ finden zu können gemeint hat.

Theils ist indessen diese letztere Annahme zu unbestimmt, theils sind,

wie wir oben gesehen haben, die Verhältnisse in der Gletschermasse

selber zu wenig bekannt, als daß man dieser oder irgend einer andern

Schlußfolgerung den geringsten Werth beilegen könnte; nur so viel läßt

sich scheinbar mit Bestimmtheit sagen, daß die Temperatur in einer

gewissen Tiefe unter der Oberfläche des Schnees 0° betragen muß. Zu

erinnern ist auch noch, daß der Schmelzpunkt des Eises durch Druck auf

eine niedrigere Temperatur herabgebracht werden kann; es bedarf sicher

eines starken Druckes, um den Schmelzpunkt um einen ganzen Grad zu

verändern, aber trotzdem kann dies eine Rolle spielen.

In der Tiefe, wo die Temperatur auf 0° oder vielmehr auf den

Schmelzpunkt des Eises gestiegen ist, sind also alle Bedingungen für

das Schmelzen des Eises vorhanden. Nur einzig und allein infolge der

inneren Wärme der Erde muß naturgemäß ein Schmelzen auf der Unterfläche

des Eises vor sich gehen; je dicker die Eisschicht ist, desto dicker

muß folglich auch die Schicht sein, in welcher die Temperatur auf

dem Schmelzpunkt steht, und desto stärker muß das Schmelzen werden.

Daraus ersieht man, daß eine Vermehrung der Massen auf der Oberfläche

infolge der Niederschläge das Schmelzen in der Tiefe reguliren muß.

Außer der innern Wärme kommt noch eine andere Wärmequelle hinzu.

Durch die ganze Bewegung der Eismassen muß sich unter dem ungeheuren

Druck eine heftige Reibung sowohl nach unten zu als auch zwischen den

niedrigeren Schichten der Massen entwickeln. Diese Reibung erzeugt

aber Wärme, und diese Wärme, -- sie mag nun groß oder klein sein

-- muß nothwendigerweise das Ihre zum Schmelzen mit beitragen. Wir

können also behaupten, +daß eine Schnee- und Eismasse nur bis zu einer

gewissen Höhe steigen kann, indem das Schmelzen auf der Unterfläche

den Niederschlägen die Stange halten wird+; diese Höhe wird sich nach

der Menge des letzteren, sowie nach der Temperatur der Oberfläche

richten.[108]

Daß ein solches Schmelzen in der Tiefe des Inlandseises wirklich vor

sich geht, davon habe ich schon im letzten Kapitel des Buches einen

Beweis gegeben, den ich selbst beobachtet habe. Uebrigens ist es ein in

Grönland ganz bekanntes Verhältniß, daß sowohl im Winter wie im Sommer

dem Rande des Inlandseises Bäche entströmen. Daß das Schmelzen, das

im Sommer auf der Oberfläche in der Nähe der Ränder vor sich geht, zu

unbedeutend ist, um das Vorhandensein dieser Bäche zu erklären, das

hat unsere Expedition hoffentlich zur Genüge nachgewiesen; da bleibt

denn nichts anderes übrig als die Annahme, daß sich diese Bäche auf der

Unterfläche des Inlandseises bilden. Die Wassermasse, die auf diese

Weise das Meer erreicht, ist sicher bedeutend größer als diejenige,

welche ihm in Form von Eisbergen zugeführt wird. +Das Schmelzen in der

Tiefe muß also in Grönland eine größere Rolle spielen als die Bewegung

der Eismassen, welche den Niederschlägen die Stange halten.+ Sobald

sich die letztere hebt, werden die Massen des Inlandseises im gleichen

Verhältniß steigen; sobald sie nachläßt, wird das umgekehrte Verhältniß

eintreten. Wie sich die Sache augenblicklich verhält, darüber können

wir uns keine Ansicht bilden; nach den vorliegenden Beobachtungen kann,

wie man gesehen hat, weder in der einen noch in der anderen Richtung

irgend eine Veränderung vor sich gehen. Allerdings ist die Sage von dem

Wachsen des Inlandseises sehr verbreitet unter den Eskimos, dies genügt

jedoch nicht, um daraus wissenschaftliche Schlußfolgerungen zu ziehen.

Die Bildung von „Drumlins“ und „Aaser“.

Indem ich über die Nothwendigkeit nachdachte, daß eine so starke

Abschmelzung, wie sie hier angedeutet worden ist, auf der Unterfläche

eines jeden einigermaßen dicken Inlandseises vor sich gehen muß,

bin ich zu dem Schluß gekommen, daß man sich dadurch die glacialen

Erscheinungen erklären kann, für die man bis dahin noch keine genügende

Begründung hat finden können. Ich will hier ganz besonders die sog.

„Drumlins“ oder „~lenticular hills~“ und die „Aaser“ oder die sog.

„Kames“ besprechen.

Die ersteren sind Bildungen, welche hauptsächlich in Amerika vorkommen.

In Europa findet man sie namentlich in Irland und England. Wir haben

sie möglicherweise auch in Norwegen; die eigenthümlichen Hügel, die man

an mehreren Stellen findet (z. B. bei Orre), müssen meiner Ansicht nach

als solche aufgefaßt werden.

„Drumlins“ sind niedrige, längliche und völlig regelmäßige, aus Kies

und Steinen gebildete Hügel. Die Breite beträgt gewöhnlich die Hälfte

oder zwei Drittel der Länge, welche ihrerseits zwischen 200 bis 5000

Fuß schwankt. Die Höhe schwankt zwischen 25 bis 200 Fuß, je nachdem

die Ausdehnung groß oder klein ist. Sie liegen stets oben auf den sog.

Grundmoränen, die u. a. in Amerika sehr verbreitet sind. Sie haben die

Eigenthümlichkeit, daß sie dort, wo sie auftreten, sehr dicht liegen,

die Längenachse läuft fast stets parallel mit der der Scheuerstreifen

und folglich mit den Bewegungen des Gletschers.

Sie scheinen nicht aus einem Material zu bestehen, das in einem

wesentlichen Grade vom Wasser befördert sein kann, sie gleichen dagegen

im Bau den Grundmoränen. Sie haben keine Schichtenbildung, wenigstens

ist diese äußerst unvollständig, und sie sind sehr kompakt oder

möglicherweise stark zusammengepreßt. In ihrem Bau unterscheiden sie

sich infolgedessen sehr von den „Aaser“, wie man später ersehen wird.

Daß diese Hügel auf irgend eine Weise durch die Gletscher der

Eisperiode gebildet sein müssen, ist sicher, wie dies aber geschehen

ist, darüber haben die Geologen sich vergebens die Köpfe zerbrochen.

Man hat u. a. gemeint, daß es die Moräne oben auf dem Gletscher sei,

die sich hier in größeren oder kleineren Unebenheiten gesammelt habe

u. s. w. Erstens aber hat, wie wir oben sehen, keine solche Moräne

auf der Oberfläche des Gletschers existirt, und zweitens ist es

unverständlich, wie es möglich sein sollte, dies ganze Material zu

transportiren und in die Unebenheiten (!) hineinzupacken.

Ich glaube, daß sich diese Hügel ganz einfach dadurch erklären lassen,

daß der Gletscher ebensowenig auf der Unterfläche regelmäßig schmilzt,

wie er es auf der Oberfläche thut. Ebenso wie im kleinen der Kryokonit

sich nicht ganz gleichmäßig, sondern in Löcher herabschmilzt, so müssen

sich auch nothwendigerweise bei dem Schmelzen auf der Unterfläche

Vertiefungen oder vielmehr Aushöhlungen bilden, die sich mit Kies

anfüllen. Diese Aushöhlungen werden sich mehr entwickeln, wenn sich

der Gletscher über eine solche Grundmoräne hinbewegt, indem hier kein

Mangel an Kies vorhanden ist, der infolge der Bewegung in seiner

Vertiefung rundgeschliffen wird und der die Aushöhlung durch die bei

der Reibung erzeugte Wärme vertiefen muß.

Daß die Aushöhlung eine sehr regelmäßige längliche Form erhält, und daß

die Länge in derselben Richtung liegt, welche die Bewegung beschreibt,

versteht sich von selbst. Diese Aushöhlungen können jedoch nur bis

zu einem gewissen Grade vertieft werden, der von der Dicke und von

dem Druck des Gletschers abhängt, sowie von der daraus erfolgenden

Abschmelzung auf der Unterfläche, der Friktion etc. Es ist nämlich

klar, daß das Eis ein gewisses Stück nach innen hinein so fest und der

Kies so abgekühlt wird, daß die Abschleifung und Abschmelzung auf dem

oberen Theil der Unterfläche der Aushöhlung das Gleichgewicht halten

kann. Wenn sich der Gletscher zurückzieht, muß der Kies in diesen

Unebenheiten in Gestalt der regelmäßigen Drumlins zurückbleiben.

Infolge des starken Druckes der Gletschermassen, dem sie ausgesetzt

waren, müssen sie nothwendigerweise stark zusammengepreßt und ganz dazu

geeignet sein, dem Zahn der Zeit und des Regens so gut Widerstand zu

leisten, wie dies der Fall ist.

Die „Aaser“ bestehen bekanntlich aus ähnlichem Stein- und Kiesmaterial

wie diese Hügel, auch liegen sie meistens auf den sog. Grundmoränen.

Sie unterscheiden sich indessen von den bereits erwähnten Hügeln

dadurch, daß ihr Material mehr verschlissen ist und der Einwirkung

des Wassers mehr ausgesetzt gewesen zu sein scheint. Wir haben

ferner einen bestimmten, schichtenartigen Bau, der ebenfalls darauf

hinzudeuten scheint, daß das Wasser bei ihrer Bildung eine Rolle

gespielt haben muß. Die „Aaser“ sind niedrige Bergrücken, die sich über

lange Strecken hinziehen, in der Regel in paralleler Richtung mit den

Scheuerstreifen oder mit der Bewegung des Eises. In Norwegen haben wir

wenige Aaserbildungen, möglicherweise finden sich einige auf Jäderen;

in Schweden dagegen giebt es deren viele. In Schottland, England und

Irland sind sie häufig; in Amerika verbreiten sie sich über große

Strecken.

Die Beobachtungen unserer Expedition vernichten mit einem Schlage alle

Erklärungen, die es bis dahin über Aaser oder Bachbildungen auf dem

Eise oder in dessen Tunneln gegeben hat; denn erstens fehlen, wie wir

bereits gesehen haben, zum wesentlichen die Bäche, und zweitens fehlt

das Material völlig, nämlich der Moränenschlamm und der Kies, womit die

Rinnen der Bäche und Tunnel ausgefüllt werden sollten.

Meiner Ansicht nach unterliegt es keinem Zweifel, daß die „Aaser“ durch

Bäche gebildet sind, und zwar nicht oben auf dem Eise, sondern unter

demselben.

Alles Wasser, das durch das Schmelzen des Eises auf der Unterfläche

erzeugt wird, muß sich einen Ablauf verschaffen, dies ist aber

nur möglich, indem es sich einen Abzug unter dem Eise aushöhlt;

selbstverständlich ist es daher nicht die untere Schicht, sondern

die obere Schicht, also das Eis selber, an dem das Wasser, indem

es durch diese Abzüge fließt, zehrt. Daß die Bäche im wesentlichen

derselben Richtung folgen, welche die Bewegung des Eises beschreibt,

ist selbstverständlich, da sie sonst gar bald in ihrem Lauf gehemmt

würden. Da sich indessen diese Bewegung des Eises zum große Theil nach

der Abschrägung der Unterlage und nach den Thälern richten muß, so

werden folglich auch die Bäche mehr oder weniger den letzteren folgen,

d. h. ihr Lauf wird zu einem gewissen Grade mit der Hauptrichtung

der jetzigen Bäche zusammenfallen. Wenn nun ein Gletscher, der auf

der Unterseite von solchen Bächen durchschnitten ist, sich über eine

sogenannte Grundmoräne hinbewegt, so ist es klar, daß sein Kies sich in

die Rinnen der Bachläufe hineinpressen wird, das Zehren des Bachwassers

an dem Dache seines Eistunnels wird selbstverständlich noch größer

werden, als es zu einer Zeit war, wo sich der Gletscher über festen

Grund hinbewegte. Je mehr sich nun aber der Bach aufwärts in das Eis

hineinfrißt, desto mehr Kies wird in den Bachtunnel eindringen, und

der Bach wird sich nothgedrungen bald über einen Rücken von Kies

hinbewegen, der gleich den oben besprochenen „Drumlins“ steigt, bis

sich andere Kräfte melden und die weitere Entwickelung hemmen.

Auf der andern Seite ist es klar, daß ein Bach, der infolge eines

starken hydraulischen Druckes von innen durch einen geschlossenen Kanal

hindurchgezwungen wird, und zwar unter einem so kolossalen Druck,

wie das darüberliegende Eis ihn ausübt, in hohem Grade die Fähigkeit

besitzen muß, den Kies und die Steine der darunterliegenden Moräne mit

sich fortzuführen. Kommt er indessen weiter an den Rand der Eisdecke

heran, wo also das Eis selber dünner und infolgedessen der Druck

von oben schwächer ist, so vermag er nicht mehr so große Mengen mit

sich fortzuführen und muß daher beständig Kies und Steine ablagern,

die, auf dem Boden des Bachbettes liegenbleibend, die Spitze des

darunterliegenden Rückens bilden; hierdurch aber erhält dieser Rücken

einen schichtenförmigen Bau und ein Material, das unter dem Einfluß und

dem Transport des Wassers verschlissen ist.

Wenn dann der Gletscher einmal zurückweicht, bleiben diese Kiesrücken

unter den Bächen als „Aaser“ zurück. Daß diese nicht allemal in

derselben Richtung liegen wie die Thäler, sondern auch quer über

dieselben hinweggehen können, ist ganz natürlich, denn der Bach muß,

wie wir gesehen haben, im wesentlichen parallel mit der Bewegung des

Eises gehen und wenn diese über Thäler hingeht, wird der Bach seinen

Lauf natürlich an der einen Seite des Thalbodens hinab- und auf der

andern Seite hinauf nehmen, wie dies jeder Bach oder jede Quelle mit

unterirdischem Lauf thut. Der „Aas“ wird folglich seiner Zeit in

derselben Richtung liegen, wenn nicht der Gletscher bei seinem Rückzug

andere, lokalere Bewegungen einschlägt und den „Aas“ zerstört, was

natürlich oft der Fall gewesen ist.

Luftdruck.

Ehe ich diese kurze Zusammenfassung von den wissenschaftlichen

Beobachtungen der Expedition abschließe, will ich noch die Luftdrucks-

und Windverhältnisse im Innern erwähnen.

Es scheint, als wenn über dem ganzen Innern durchgehends ein

verhältnißmäßig hoher Luftdruck liegt, und als ob die Winde in der Nähe

der Küste eine auffallende Neigung haben, vom Innern aus nach allen

Richtungen dem Meere zuzustreben. Die Hochebene scheint die Bildung

der barometrischen Maxima zu begünstigen und in der Regel wenig danach

angethan zu sein, Luftdrucksminima oder Sturmcentren quer über das Land

gehen zu lassen, doch geben unsere Beobachtungen mehrere Beispiele

davon, daß das Innere von den Luftdrucksminima in der Baffinsbucht, der

Davisstraße und der Dänemarksstraße beeinflußt werden kann. Wir hatten

außerdem Gelegenheit zu beobachten, daß ein Luftdrucksminimum quer über

dem Hochrücken gehen kann, indem ein Sturmcentrum am 8. September über

uns hinweggeht (vergl. Kapitel XIX). Dies muß, wie Prof. +Mohn+ mir

mitgetheilt hat, ein sogenanntes sekundäres Luftdrucksminimum gewesen

sein, das sich von einem Hauptminimum abgelöst hat, welches sich einige

Tage vorher über der Baffinsbucht befand.

In den Tagen, als wir das Inlandseis verließen und auf das eisfreie

Land an der Westküste hinabkamen, beobachteten wir einen vollständig

föhnartigen, trocknen und warmen östlichen oder südöstlichen Wind.

Dieser kam natürlich vom Inlandseise oder aus der über demselben

liegenden oberen Luftschicht herab; daß er aber ganz von der Ostküste

her über das Eis gekommen sein sollte, ist nach dem bereits Angeführten

eine Unmöglichkeit. Es muß folglich ein feuchter Seewind gewesen

sein, der als südwestlicher Wind weiter südwärts über das Inlandseis

gekommen ist und der sich dann auf gewöhnliche Weise in einem Bogen

über dasselbe hinbewegt hat und wieder als Wind von innen her aus

den höheren Luftschichten zu uns gelangt oder über den Rand des

Inlandseises herabgesunken ist. Hierin liegt möglicherweise auch

die Erklärung für viele der bekannten warmen östlichen Winde an der

Westküste Grönlands. Der dänische Meteorolog +Adam Paulsen+ hat schon

nachgewiesen, wie unwahrscheinlich es ist, daß diese Winde quer über

das Inlandseis kommen sollten, so wie man das früher angenommen

hat, aber er schiebt die Ursache ihrer Entstehung auf die lokalen

Küstengebirge; darin hat er sicher auch größtentheils Recht, und die

Küstengebirge spielen in diesem Falle dieselbe Rolle wie in andern

Fällen das Inlandseis.

Dies ist alles, was ich für den Augenblick über die wissenschaftliche

Ausbeute unserer Expedition berichten zu können glaube. Wie man

begreifen wird, ist noch viel in Grönlands schneebedecktem Innern

zu erforschen. Diese Expedition war die erste, die dies Innere

durchquerte, und sie hat sozusagen nur Eines ausgerichtet, -- sie hat

gezeigt, von einer wie großen wissenschaftlichen Bedeutung es ist,

das Innere gründlich zu erforschen. Auf unserer Wanderung mußten wir

das Hauptgewicht darauf legen, vorwärts zu kommen und unser Leben zu

fristen; an wissenschaftlichen Untersuchungen konnten wir nur das

ausführen, was sich mit einem eiligen Marsche vereinigen ließ. Kommende

Expeditionen aber werden sich an der Hand der von uns gemachten

Erfahrungen bequemer einrichten und richtiger zu Werk gehen können; sie

werden folglich eine wissenschaftliche Ausbeute mit heimbringen können,

gegen welche die unsere nur verschwindend ist.

Möchten sie nicht lange auf sich warten lassen!

[Illustration: ~SÜD-GRÖNLAND~

_mit_

_der norwegischen Expeditionsroute (1888)._

_Die Küste gezeichnet unter Kapitän G. Holms Mitwirkung nach der

neuesten dänischen Karte._]

Fußnoten:

[97] Während diese Abhandlung im Druck war, hat der norwegische Geologe

+H. Reusch+ in einem Vortrag in Kristiania die von ihm gemachte

Entdeckung mitgetheilt, daß sich in Finnmarken glaciale Scheuerstreifen

von paläozoischen Schichten befinden; ob es Perm oder Silur ist, weiß

man nicht genau.

[98] Ein anderes Verhältniß, das eine solche Annahme scheinbar stützen

könnte, ist der Umstand, daß Neu-Seeland durch eine Verschiebung der

Achse in einen höheren Himmelsstrich kommen und ein kälteres Klima

erhalten würde. Dies fällt merkwürdigerweise mit dem Resultat zusammen,

zu dem man gekommen ist, daß nämlich Neu-Seeland zwei Eisperioden

gehabt hat, und zwar gleichzeitig mit Nordamerika und Europa, während

dagegen die patagonische Eisperiode früher stattgefunden hat, ja sogar

in der allerletzten Tertiärzeit (spät-pliocene Zeit), als der Nordpol

möglicherweise näher an die asiatische Seite herangelegen hat, als dies

jetzt der Fall ist (siehe darüber unten).

[99] Die Observationen weisen ein schwaches Wachsen der Polhöhe für das

erste Quartal des Jahres 1889 nach und eine beginnende Abnahme in dem

zweiten, die sich dann bis zum Januar d. J. fortsetzt und 0,5″–0,6″

beträgt. (Astron. Nachr. 1889, Bd. 124.)

[100] Der Italiener +Fergola+ hat die zuverlässigen Breitenbestimmungen

zusammengestellt, welche eine Veränderung der Polhöhe konstatiren, und

kommt zu dem Resultat, daß die Veränderungen, berechnet auf 100 Jahre,

sich belaufen auf: in Greenwich -2,4″, Washington -2,8″, Mailand -2,5″,

Neapel -2,4″. (~Atti de Societa di Napoli. Accad. d. science, Vol. 5,

1873.~)

[101] In wie weit die Pflanzenversteinerungen miocen sind, müssen wir

freilich dahingestellt sein lassen.

[102] Diese Untersuchungen werden in den nächsten Heften des Archivs

für Mathematik und Naturwissenschaften (Bd. 14 u. 15) veröffentlicht

werden.

[103] Die Moränenablagerung, die wir am 28. September (Bd. II., S. 165)

sahen, hat hiermit nichts zu thun; es war eine gewöhnliche, zwischen

zwei Eisströmen gebildete Mittelmoräne.

[104] Daß der Schnee hier durch sein Schmelzen nicht viel dazu

beitragen kann, die Sommer verhältnißmäßig kalt zu machen und so bis

zu einem gewissen Grad den Temperaturunterschied zwischen Sommer und

Winter auszugleichen, so wie dies gewöhnlich der Fall ist, geht daraus

hervor, daß das Schmelzen selbst im Hochsommer nur sehr gering ist.

[105] Wie bereits erwähnt, geht kein Schmelzprozeß vor sich, der die

Schneemassen auf der Oberfläche verringern könnte. Dies Schmelzen kann

folglich auch nicht zu einer Verringerung der Temperatur durch Bindung

der Wärme beitragen, da die gebundene Wärme durch den Nachtfrost wieder

abgegeben wird.

[106] Man könnte möglicherweise auf den Gedanken kommen, daß die

Verdampfung der Schneefläche auch im wesentlichen Grade zu dem

Herabsetzen der Temperatur beitragen müsse. Ich bin jedoch der Ansicht,

daß das Verdampfen in der kalten Temperatur verschwindend sein muß,

da die Luft über der Schneefläche, wie wir nachgewiesen haben, in der

Regel sehr mit Feuchtigkeit gesättigt ist und da häufig Niederschläge

stattfinden.

[107] Um die konstante Jahrestemperatur zu finden, braucht man gar

nicht tief in die Schneeschicht einzudringen.

[108] Also auch aus diesem Grunde kann ein Inlandseis in der Nähe

des Randes nicht so dick sein wie weiter nach Innen hinein, da

die Temperatur der Oberfläche hier geringer ist. Dies Verhältniß

wird jedoch durch die stärkeren Niederschläge am Rande ein wenig

ausgeglichen.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band · 第 28 / 28 题