Ein guter Seehundsfänger und seine Frau aus Godthaab. (Gemischte Rasse.)

(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]

Als ich am Morgen in die Küche hinaus kam, stand +Balto+ dort und

unterhielt die Mädchen. Er sprach sich in einem längeren Vortrag über

die grönländische Art und Weise, Weihnachten zu feiern, aus. Dieselbe

gefiel ihm sehr. Er war die ganze Nacht von Haus zu Haus gezogen. Der

herrliche Kaffee, den er überall bekommen hatte! Es war noch nicht zehn

Uhr des Morgens, und doch hatte er es an „diesem Morgen“ bereits fertig

gebracht, vierundzwanzig große Tassen Kaffee zu trinken. Es hatte auch

allerlei gegeben, was stärker war, was er freilich verschwieg, obwohl

es aus seinen Augen und seiner Rede sprach. Ein solches Weihnachtsfest

hatte er noch niemals erlebt! Es war alles zu herrlich gewesen.

Bald nach Mittag gingen nach guter alter Sitte alle am Platze

ansässigen erwachsenen Grönländer, Frauen wie Männer, bei den Europäern

herum, um ihnen die Hand zu schütteln und ein fröhliches Weihnachtsfest

zu wünschen, worauf man nur „~ivdlitlo~“ d. h. „Du auch“ zu antworten

hat, was freilich einförmig genug werden kann, wenn es zu mehr als

fünfzig Menschen wiederholt werden soll.

Zum Nachmittag um 3 Uhr waren die vornehmsten von den in der Kolonie

ansässigen Grönländern, die Katecheten, der Buchdrucker, die Kifaker

(d. h. im Dienste der Handelscompagnie Angestellte), sowie die Fänger

sämmtlich mit ihren Frauen zu dem Koloniedirektor eingeladen, um mit

Kaffee, Schokolade und Kuchen traktirt zu werden. In ihrem besten

Feststaat kamen sie Alle, begrüßten die Gastgeber und setzten sich

ruhig an die Wände. Es ging sehr feierlich zu, was ja auch kein

Wunder war, denn sie befanden sich jetzt in dem Gesellschaftssalon des

Nevertoup (d. h. Kaufmann), eines der hohen Herren. Bald verbreitete

sich indessen eine gemüthlichere Stimmung über die Versammlung.

Die Bewirthung übte hier wie gewöhnlich ihre Wirkung aus. Einer

von den Grönländern, der in Kopenhagen gewesen war und der seinen

Landsleuten zeigen wollte, wie es in der großen Welt zuging, bot

einer der hervorragenden grönländischen Damen den Arm, mit einer

sehr ungeschickten Verbeugung. Sie verstand natürlich dies Manöver

nicht, und er mußte sie mit Gewalt mit sich schleppen, um sie, wie

er sich ausdrückte an einen würdigeren Sitz weiter in die Stube

hineinzuziehen. Nachdem dies besorgt war, wandte er sich an mich, um

mir auseinanderzusetzen, wie dumm seine Landsleute seien, und wie sie

geleitet werden müßten, wenn es sich um den feineren geselligen Ton

handelte. „Jetzt können Sie,“ sagte er, „meine Frau nehmen und sie an

einen Ehrenplatz führen.“ Ich dankte ihm für die mir zugedachte Ehre

und bedauerte, daß ich mich deren nicht würdig fühle. Der Mann hatte an

jenem Abend übrigens etwas im Kopf.

Er gehörte zu den wenigen Grönländern, denen am Fest Branntwein

geschenkt werden durfte. Infolgedessen war er während der Festzeiten

selten ganz klar. Des Nachts war er ganz unmöglich, so daß seine

niedliche kleine Frau das Haus verlassen oder auf dem Boden schlafen

mußte, obwohl sie sich nach Kräften dagegen zu wappnen suchte, indem

sie Zeichen machte und Amuletts unter die Stuhlsitze befestigte,

damit der Mann in der Trunkenheit gut sein sollte, so wie es der

grönländische Aberglaube erheischt.

Endlich verabschiedete man sich und zog weiter auf der heiligen

Weihnachtswanderung, um in einem andern Hause von neuem wieder zu

beginnen.

Am dritten Weihnachtstage gab der Koloniedirektor ein Gastmahl für

die Kifaker und die besten Fänger der Kolonie. Man hatte zu diesem

Zweck einen Raum im Krankenhause gemiethet, und dort wurde mit grauen

Erbsen, Schweinefleisch, gesalzenem Rennthierfleisch und Branntwein

und Apfelkuchen als Dessert traktirt. Später gab es Punsch, Kaffee und

Cigarren. Zu dergleichen Bataillen stellte man sich mit Teller, Tasse

oder Schüssel, einem Löffel und einem Punschgefäß bewaffnet ein. Was

man von seiner zuertheilten Portion nicht verzehrt, nimmt man mit nach

Hause für Frau und Kinder, die sich häufig auch während der Mahlzeit

einfinden, um sich ihren Antheil zu holen.

Erst spät am Abend endete dies Fest, das mit Tanz und Lustbarkeit in

der Böttcherwerkstatt beschlossen wurde.

Fußnote:

[93] +Taterat+ ist eine Mövenart.

[Illustration: Eskimo-Wohnung im Winter. (Vom Verfasser.)]

Kapitel XXX.

Tagebuchaufzeichnungen aus Sardlok und Kangek.

6. Februar. Ich wohne in einer Erdhütte, halb unter der Erdoberfläche,

der Raum ist sehr niedrig, ich kann nur so eben aufrecht stehen. In die

Hütte hinein gelangt man, wie dies bei allen Eskimowohnungen der Fall

ist, durch einen langen, noch tiefer liegenden Hausgang, der so niedrig

und eng ist, daß man, um hindurch zu kommen, fast auf allen Vieren

kriechen muß. Das Haus ist völlig vom Schnee begraben. Das Einzige, was

ich sehen kann, ist ein Stückchen vom Fenster, das, so weit es sich

machen läßt, von Schnee frei gehalten wird, sowie das Loch, durch das

man in den Hausgang hinabkriecht.

Es war schon längst meine Absicht gewesen, nach Sardlok zu reisen, und

da der Doktor im Januar hierher mußte, um sich nach einem Kranken

umzusehen, so reiste ich in Begleitung meines Freundes +Joel+

mit. Sardlok liegt drei Meilen von Godthaab entfernt, es war eine

ungewohnte Bewegung für die Arme, und die gezwungene Stellung der

gerade ausgestreckten Beine im Kajak war sehr ermüdend für den noch

ungeübten Ruderer. Als der Nachmittag kam, dachte ich deswegen nicht

ohne Sehnsucht an das Ziel unserer Reise.

In +Joel+ hatte ich indessen, wie der Leser weiß, einen munteren

Gefährten. Bald sang er Lieder, bald erzählte er eine Menge

unverständliches Zeug über die Orte, an denen wir vorüber kamen, bald

machte er, wenn er eine Schar Eidergänse fliegen sah, ganz entsetzliche

Anstrengungen, um die Büchse aus dem Kajak herauszuholen, was ihm

jedoch nur einmal rechtzeitig gelang, und da schoß er vorbei (er war

gerade kein Meisterschütze), bald brüllte er, daß er ans Land müsse,

und dann ruderte er, was das Zeug halten wollte, um seinen Kajak zu

entleeren. Derselbe war halb voll Wasser, da er sich wie die ganze

übrige Person in einem sehr schlechten Zustand befand und grausam

leckte.

Der Abend war dunkel. Drohend standen der „Sattel“ und die übrigen

Berge da und verschlossen die Ostseite des Fjords, während über uns

die Sternenwölbung funkelte. Wir ruderten schweigend nebeneinander,

außer dem Plätschern der Ruder und dem Rieseln des Wassers gegen die

Kajakwände war kein Laut zu vernehmen.

Endlich, als wir an einer Landzunge vorübergekommen waren, schien uns

ein Licht vom Lande her freundlich entgegen, und wir befanden uns am

Ziel. Der Doktor war etwas vor uns angekommen.

Es hat seinen eigenen Reiz, durch den Hausgang zu kriechen, in die

kleinen aber gemüthlichen Räume zu gelangen und mit der den Eskimos

eigenen Gastfreiheit empfangen und gepflegt zu werden. Ich halte mich

in dem Hause des alten Katecheten +Johan Ludwig+ auf. Außer ihm und

meiner Wenigkeit wohnt hier seine Gattin, eine Tochter und ein junger

Sohn. +Johan Ludwig+ erzählte mir mit sichtlichem Stolz, daß sein

Großvater ein Norweger gewesen, der wegen seiner ungeheueren Stärke

sehr berühmt war. Er selber war früher ein sehr tüchtiger Fänger, jetzt

war er aber über 70 Jahre alt und ging nicht mehr auf Fang aus. Er hat

mehrere Söhne gehabt, die tüchtige Fänger waren, zwei von ihnen sind

jedoch im Kajak umgekommen. Jetzt ist nur noch ein 18jähriger Sohn

bei ihm zu Hause, der aber kein guter Fänger ist. Die Eltern sind zu

besorgt, um ihn hinaus zu lassen.

[Illustration: Der „Sattel“, Gebirgsstock nördlich von Godthaab.

(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]

Der vierte Sohn,[94] +Johannes+, der einmal der Stolz der Familie

gewesen, lag jetzt, als wir kamen, bleich und abgemagert auf der

Pritsche. Er litt an Schwindsucht. Er hatte einen zehrenden Husten und

konnte fast nichts genießen, aber während er so dort lag, ohne jegliche

Hoffnung, jemals wieder von seinem Krankenlager zu erstehen, weilten

doch alle seine Gedanken bei der Jagd und dem Leben in freier Luft. Die

Erinnerung an alte Zeiten, als er der erste Fänger des Ortes gewesen,

tauchten wieder in seiner Seele auf, und wenn der Husten es gestattete,

wurde er nicht müde, von seinen Heldenthaten zu erzählen. Dann glänzten

seine Augen, ein Lächeln umspielte seine Lippen, er saß abermals im

Kajak, er sah den Seehund, er erhob den mageren, kraftlosen Arm, um zu

harpuniren, er bugsirte sein Fahrzeug durch Wind und Wellen. Dann kamen

die Hustenanfälle, er spie Blut und sank auf das Kissen zurück, schöne

Traumgebilde umgaukelten ihn, er warf die Harpune zum letztenmal.

Der Arzt nahm ihn mit, um ihn im Krankenhaus zu Godthaab zu pflegen.

Jetzt hat er ausgelitten.

Im Hause nebenan liegt +Johannes’+ Vetter, +Justus+; auch er war

einstmals einer der besten Fänger von Sardlok, liegt jetzt aber noch

elender an Schwindsucht darnieder als Johannes und macht es wohl

nicht mehr lange.[95] Beide hinterlassen eine Familie. Der Letztere

hat mehrere hoffnungsvolle Söhne, +Justus+ dagegen hat nur einen. Es

ist unheimlich, zu sehen, wie dies arme Volk von dieser schleichenden

Krankheit dahingerafft wird.

Es ist gerade kein sehr thatenreiches Dasein, das ich hier führe, ich

werde immer mehr zum echten Eskimo. Ich lebe das Leben dieses Volkes,

esse ihre Speisen, lerne ihre Leckerbissen schätzen, wie rohen Speck,

rohe Hellbutthaut, wintergefrorene Krähenbeeren mit ranzigem Speck etc.

Ich schwatze mit ihnen, so gut ich kann, rudere mit ihnen im Kajak,

fische, schieße, gehe mit ihnen auf die Jagd, kurz es wird mir klar,

daß es nicht ganz unmöglich für einen Europäer ist, ein Eskimo zu

werden, wenn ihm nur die nöthige Zeit dazu gelassen wird.

Unwillkürlich fühlt man sich wohl in der Gesellschaft dieser Menschen.

Ihr unschuldiges, sorgloses Wesen, ihre anspruchslose Zufriedenheit und

Güte wirken ansteckend und vertreiben allen Mißmuth, alles unruhige

Sehnen.

Es war meine ursprüngliche Absicht, auf Rennthierjagd zu gehen, ich

war auch eines Tages auf Schneeschuhen aus, da ich aber keine Spur

entdecken konnte, gab ich es seither auf. Mein größtes Vergnügen war

es, Hellbutt zu fangen. Es giebt kein interessanteres Fischen, als

diese großen, kräftigen Thiere, die im stande sind, ein Boot zum

Kentern zu bringen, in dem schmalen Kajak sitzend, aus dem Wasser zu

ziehen.

Man kann lange, ja häufig tagelang, daliegen, ohne einen einzigen Biß

zu haben, und gewöhnlich ist das keine Kleinigkeit bei einer Kälte von

20° und einem beißenden Nordwind, der oft mit Schnee vermischt ist; man

muß sich sehr in acht nehmen, daß nicht ein kleinerer oder größerer

Theil des Gesichts abfriert.

[Illustration: Das Fischen der Hellbutt.

(Von A. Bloch nach einer oberflächlichen Skizze des Verfassers.)]

Beißt der Fisch aber endlich, so ist alles vergessen. Man fühlt aber in

der Regel nicht sofort einen heftigen Ruck, es ist mehr, als wenn die

Schnur mit langsamer aber unwiderstehlicher Kraft hinabgezogen wird,

dann werden die Rucke fühlbarer, in einem Nu fährt das Ruder unter den

Riemen[96], man ergreift die Leine mit beiden Händen und zieht so hart

und so heftig daran, wie man nur irgend kann, wiederholt das mehrmals,

dann kann man fühlen, ob der Fisch noch da ist; ist dies der Fall,

und zuckt er wieder, so zieht man abermals an, dies wiederholt sich

einmal über das andere, man sieht zuletzt aus wie ein Rasender, aber es

gilt, fest zuzugreifen und wenn sich das Ziehen durch hundert Klafter

Angelleine fortpflanzen soll, so muß es schon recht kräftig geschehen.

Endlich hat der Fisch fest genug angebissen, und man beginnt, die Leine

aufzuziehen. Es ist nicht leicht, denn der Fisch widerstrebt heftig,

und die Leine ist lang, die Arme werden lahm dabei. Die Leine wird

regelrecht auf dem Kajak hingelegt und um sie vor dem Zusammenfrieren

zu bewahren, mit Seewasser besprengt. Falls der Fisch abermals zu

Grunde gehen und mit der ganzen Leine fortlaufen sollte, wirft man die

Blase, welche an das eine Ende der Leine befestigt ist, neben dem Kajak

aus, man läßt den Fisch dann ruhig laufen, folgt der Blase, die oben

auf dem Wasser schwimmt und nimmt die Leine erst wieder auf, wenn der

Fisch matt geworden ist.

Es ist wunderbar, wie lang eine Schnur sein kann, wenn man einen

Hellbutt aufzieht. Endlich merkt man, daß das Ende da ist, man sieht,

wie die Leine den Bewegungen des Thieres folgt, der Widerstand wird

stärker, man vermag es kaum mehr zu halten, Zug für Zug geht es in die

Höhe, jetzt kommt der Senkstein, -- noch ein Zug, und nun ragt ein

mächtiger Fischkopf über dem Wasser empor, mit einem Maul und ein paar

Augen, daß einem angst und bange davor werden kann. Man greift nach

der Holzkeule, die hinten auf dem Kajak liegt und versetzt ihm, wenn

es möglich ist, einige tüchtige Schläge auf den Hirnkasten. Mit einem

verzweifelten Ruck fährt der Kopf unters Wasser und in pfeilschneller

Fahrt gehts wieder auf den Grund. Wehe Dem, der die Leine dann nicht

in Ordnung hat, so daß es irgend wo hapert. Ist dies der Fall, so wird

man, ehe man sichs versieht, mit dem Kajak rund herum gedreht. Ist der

Fisch auf den Grund gekommen, so vermindert sich die Schnelligkeit, und

man kann abermals anfangen, aufzuziehen. Man zieht ihn zum zweitenmal

an die Oberfläche, aber möglicherweise geht er nochmals auf den Grund.

Es ist keine leichte Arbeit, einen Hellbutt drei- bis viermal aus einer

Tiefe von hundert Klaftern an die Oberfläche zu ziehen. Endlich gelingt

es, ihn ganz in die Höhe zu ziehen und ihm einige wohlgezielte Schläge

zwischen die Augen zu versetzen. Das Thier wird matter, man schlägt

so hart und so schnell wie möglich darauf los, es macht noch einige

verzweifelte Versuche, hinab zu tauchen, allmählich aber betäuben es

die Schläge. Man steckt nun das Messer ins Gehirn und Rückenmark. Dann

wird die Fangblase an seinem Mund befestigt, um es an der Oberfläche

schwimmend zu halten; man nimmt die Schnur, die an dem Fisch befestigt

ist, zwischen die Zähne und rudert dem Lande zu. Ich muß gestehen, daß

mir dies Bugsiren das Unangenehmste von der ganzen Geschichte war,

denn jedesmal, wenn der Kajak auf den Kamm einer Welle gehoben wurde,

hielt die Schnur plötzlich gegen, und es gab einen Ruck in den Zähnen,

so daß ich häufig glaubte, sie würden mir aus dem Munde gerissen. Dies

kann ein Eskimo wahrscheinlich nicht verstehen, denn ihm hat die Natur

so feste Zähne gegeben, daß er ohne alle Schwierigkeit Nägel damit

ausziehen kann.

Sobald man ans Land gekommen ist, wird der Hellbutt sorgfältig derartig

an die Seitenwand des Kajak gebunden, daß er aufrecht im Wasser steht,

mit dem Kopf voran, um beim Bugsiren so wenig Schwierigkeit wie möglich

zu verursachen; dann geht es heimwärts.

Ein solcher Fang ist übrigens nicht zu verachten. Diese Fische wiegen

100-200 Kilogramm und bieten im Winter, wo es an anderem Fang gebricht,

eine vorzügliche Nahrung. Von den beiden Fischen, die ich fing, lebten

wir fünf Menschen ungefähr drei Wochen und hatten während der ganzen

Zeit fast keine andere Speise.

Als wir eines Tages bei stillem Wetter auf dem Fangplatz lagen,

verdunkelte sich der Himmel plötzlich im Süden und ein Südwind zog

herauf. In größter Eile sammelten Alle ihre Fangleinen, ehe wir aber

noch damit fertig waren, brach das Unwetter los, -- zuerst kamen ein

paar gelindere Windstöße, die aber bald an Heftigkeit zunahmen. Die See

brauste schwarz-weiß heran, und bald war die eben noch spiegelblanke

Fläche in ein einziges Schaummeer verwandelt. Strömung und See

kämpften miteinander, grünlich-weiße Wellen rollten daher, die Kajaks

verschwanden gänzlich in den Wellenthälern. Wir mußten an Land rudern,

um unseren Fang und uns selber in Sicherheit zu bringen, und quer durch

die Wellen hindurch ging es, so schnell unsere Ruder uns vorwärts zu

zwingen vermochten.

Für die Grönländer war dies ja natürlich etwas ganz Alltägliches,

für mich aber hatte es das ganze Interesse der Neuheit, und meine

Fertigkeit im Kajakrudern wurde auf eine harte Probe gestellt. Man

mußte die schweren Sturzwellen aufmerksam verfolgen. Schlug so eine

über den Kajak dahin, ehe das Ruder auf der Windseite fertig war, so

konnte man auf das Allerschlimmste gefaßt sein.

Wir hielten uns hart an der Küste, um Schutz zu suchen. Den Wind im

Rücken, ging es nun mit fliegender Fahrt nordwärts, aber es ist noch

schwieriger als vorhin, die Wellen kommen hinter uns her gerollt,

und man muß das Ruder mit der größten Vorsicht handhaben, um nicht

umgeworfen zu werden. Da kommt eine schwere Sturzsee, ein paar

schnelle Ruderschläge, das Ruder flach auf der einen Seite, und das

Hintertheil des Kajaks wird hoch in die Höhe gehoben, man legt sich

aber hinten über, die Welle bricht sich, man bekommt sie wie einen

Schlag in den Rücken, hoch spritzt das Wasser über dem Kopf auf und man

fühlt sich auf der Spitze des schäumenden Wellenkammes durch die Luft

geschleudert. Dann rollt sie weiter, man sinkt hinab in das Wellenthal,

dann wieder ein paar schnelle Ruderschläge, eine neue Sturzsee und man

wird wieder dahin getragen.

Ich hatte einen guten Begleiter und Lehrmeister in +Eliase+, der sich

stets so nahe an meiner Seite hielt, wie die Wellen es gestatteten.

Bald jagte er wie ein Sturmwind an mir vorüber auf dem Kamm einer Welle

reitend, bald überholte ich ihn auf einer anderen Woge. Es war ein Tanz

mit den Wellen und ein Spiel mit Gefahren.

Dann wurde das Ufer höher, und wir kamen in Schutz, ein Eisgürtel

legte sich uns aber hindernd in den Weg. Hindurch mußten wir, da galt

es denn, die Kajaks in acht zu nehmen, daß sie nicht zwischen den

unruhigen Eisschollen zerdrückt wurden. Wir entdeckten eine kleine

Oeffnung; der Augenblick mußte ausgenutzt werden, und mit ein paar

raschen Ruderschlägen trieb ich den Kajak auf dem Kamm einer großen

Welle glücklich hindurch.

+Terkel+, Sardloks stolzer Fänger, und sein Bruder +Hoseas+ hatten

jeder ihre Hellbutt im Schlepptau, und sie kamen erst eine Weile nach

uns in den Schutz. Wir hofften, daß der Wind sich ein wenig legen

würde, während wir die Beute an den Kajaks befestigten und andere

Vorkehrungen trafen, aber es trat keine Veränderung ein, und wir mußten

wieder ins Unwetter hinaus, um nach Sardlok zu gelangen. Da wir aber

den Wind mit uns hatten, ging es schnell, und wir befanden uns bald im

sichern Hafen.

Ich werde oft in die andern Häuser zum Hellbuttessen eingeladen,

nachdem ich mich schon zu Hause darin satt gegessen habe, und muß dann

essen, so lange der Magen es annehmen will. Besonders oft bin ich in

+Terkels+ Haus, welches das größte hier am Ort ist. Neulich abends,

als ich dort saß, ward ich Zeuge eines eigenthümlichen Schauspiels.

+Hoseas’+ Sohn, der etwas über ein Jahr alt war, tanzte den „Mardleck“

mit +Terkels+ dreijährigem Töchterchen. Der kleine Bursche tanzte im

bloßen Hemd, das ihm bis an die Mitte des Magens reichte, die Arme

hielt er steif vom Leibe ab und mit der ernstesten Miene von der Welt

hüpfte er bald auf dem einen, bald auf dem andern Bein, dann drehte er

sich rund herum, alles in vollständig richtigem Takt mit der Musik,

die aus Gesang bestand, und immer mit der gleichen Miene das kleine,

hübsche Mädchen anschauend, die ihr Haar und ihre Kleidung genau

so trug wie eine erwachsene Grönländerin und dabei ein so kokettes

Gesicht aufsetzte, als sei es nicht das erste Mal, daß sie mit Herren

zu thun habe. Der ganze Anblick war unwiderstehlich lächerlich. Die

eskimoischen Kinder sind sehr früh entwickelt.

[Illustration: Terkel, der beste Seehundsfänger in Sardlok.

(Von A. Bloch nach einer Photographie von C. Ryberg.)]

[Illustration: Kajaks in offener See.

(Von Th. Holmboe nach einer oberflächlichen Skizze des Verfassers.)]

Am 14. Februar kehrte ich wieder nach Godthaab zurück, nachdem

ich mich ungefähr einen Monat in Sardlok aufgehalten hatte. Unsre

Reisegesellschaft bestand außer +Joel+ und mir noch aus +Hoseas+ aus

Sardlok. Alle Kajaks waren mit Hellbuttfleisch, Vögeln und dergl.

schwer belastet. Deswegen war es kein leichtes Rudern, als wir von

einem heftigen Westwind überfallen wurden. So lange wir uns an dem

westlichen Ufer hielten, ging es einigermaßen gut, da der Wind hier

keine Macht hatte, als wir aber über den Godthaaber Fjord setzten,

wurde es schlimmer. Je mehr wir uns vom Lande entfernten, desto höher

wurden die Wellen und wir verschwanden gänzlich zwischen ihnen. Als es

nun auch anfing zu schneien, so daß wir nicht die Hand vor Augen sehen

konnten, wurde es den Eskimos bedenklich und sie riefen mir zu, daß wir

umwenden müßten, um wieder unter den Schutz des Landes zu kommen. Ich

war der Meinung, daß es trotz des Schneetreibens leicht sein müsse,

das gegenüberliegende Ufer zu erreichen, und bestand darauf, daß wir

es noch eine Weile versuchen wollten, es ging auch noch eine Zeit

lang, die Wellen kamen halb von hinten, aber es wurde von Minute zu

Minute schlimmer, und nun halfen keine Bitten mehr, sie riefen mir

wieder etwas zu, was ich nicht verstand und wandten sich dann um, ohne

meine Antwort abzuwarten. Wir arbeiteten gegen den Wind nach dem Lande

zurück, wo wir im Schutz lagen, und warteten ab, ob sich das Wetter

nicht ändern würde. Unsere Bootslast, die hinten auf den Kajaks lag,

wurde an Land gebracht und mit Steinen und Schnee belastet, da wir sie

am folgenden Tage, wenn das Wetter es erlaubte, abholen wollten. Es ist

nicht gut, die Kajaks bei Seegang zu sehr zu belasten, weil sie dann

dem Kentern zu leicht ausgesetzt sind. Als das Schneetreiben sich ein

wenig verzogen und der Wind sich gelegt hatte, machten wir uns wieder

auf den Weg und gelangten glücklich über den Fjord nach Godthaab.

+Kangek+, 28. Februar.

Heute schreiben wir den 28. Februar -- auch dieser Monat ist schon zu

Ende. Vielleicht noch einer -- dann kommt das Schiff und dann geht es

fort von diesem Leben und diesen Menschen auf Nimmerwiedersehen.

Aber das läßt sich nicht ändern, deswegen ist es am besten, den

Gedanken daran fahren zu lassen.

Es ist so frisch hier draußen am Rande des Meeres. Die Wellen stehen

mit voller Kraft aufs Land, sie spielen mit dem Kajak, als sei es ein

Knäuel Garn, brausen schäumend weiß dahin und donnern gegen Klippen

und Felsen, während der Schaum hoch hinaufspritzt bis über das

schneebedeckte Land.

Es ist ein herrliches Leben, Wind und See bespülen die Wange, während

Hirn und Muskeln sich in steter Spannung befinden, um den Kajak auf den

rechten Kiel zu halten, und das Auge nach der Windseite ausspäht, um

die Sturzsee jedesmal richtig abzupassen. -- -- --

Und dann die Nächte, die oft ganz still sind, still und schweigend

stehen die Felsen da, sich schwarz von dem weißen Schnee und dem Meere

abhebend, das in melancholischem Takt gegen das Ufer schlägt und in

dem sich ein schwacher Widerschein des dunklen sternenglitzernden

Himmels widerspiegelt. Hin und wieder huscht ein glänzendes Nordlicht,

bald in bläulichem, bald in röthlichem, in gelbem, dann wieder in

bläulichem Schein über das nächtliche Firmament, bald als wogende,

stets wechselnde Bänder, bald als Flammen an dem südlichen Himmel

dahinrollend, sich bald in blendenden Strahlenbündeln sammelnd;

es brennt und leuchtet, breitet sich aus, sammelt sich wieder und

verschwindet. Dann kommen neue Feuergarben, neue Flammen sprühen auf --

es ist ein ewiger Wechsel, stets dasselbe, und doch stets etwas Neues

-- gleich räthselhaft und fesselnd --, das Meer aber rollt wie vorhin

in schweren Wellenschlägen gegen das Ufer.

Vor kurzem war ich in Sardlok, jetzt bin ich hier draußen -- und

weshalb? Ich weiß es nicht. Vielleicht warte ich auf den Frühling,

wo die Tage länger werden, die Sonne wärmer scheint und der Schnee

schmilzt. Ich fühle mich ihm hier draußen gleichsam näher gerückt,

wenn er vom Süden her übers Meer gezogen kommt, werde ihn aber doch

nicht mehr hier oben erleben, trotzdem aber ist es wohlthuend, zu

sehen, wie die Tage länger werden, zu sehen, wie das Meer in der höher

aufsteigenden Sonne erglänzt, sie beinahe wärmend zu fühlen, und mit

dem grauenden Tag auf Fang auszuziehen, gegen Abend heimzukehren, ohne

daß der Tag schon zu Ende ist. Die menschliche Gesellschaft, ihre

großen Gedanken und ihr großes Elend -- alles liegt gleich fern -- nur

das Gefühl der Freiheit, die reine Freude am Leben ist geblieben.

Am 17. Februar kam ich hier heraus. Es ist ein guter Ort, um sich im

Kajakrudern zu üben. Die Strömung ist reißender als sonst irgendwo,

sie stürzt zwischen den Scheeren und an den Landzungen vorüber wie

ein Fluß, und wo sie den großen Wellen draußen in dem offenen Meer

begegnet, da thürmen diese sich auf und zischen wild in die Höhe. So

ist es denn kein Wunder, daß die Kangeken die besten Kajakruderer hier

in der Gegend sind, und schwerlich findet man ihres gleichen in ganz

Grönland. Auf dem offenen Meere suchen sie ihren Erwerb, oft setzen

sie dabei das Leben aufs Spiel, Viele kommen um, aber unberührt davon

bewegen sie sich tagaus, tagein auf dem tückischen Element. Es ist

ein Vergnügen, sie mit den hohen Wellen tummeln zu sehen, die gleich

galoppirenden Pferden mit ihnen herangestürmt kommen, die flatternden

Mähnen mit weißem Schaum bedeckt. Keine Welle ist ihnen zu hoch.

Kommt ihnen einmal eine Sturzsee zu schwer heran, so stemmen sie die

Seite des Kajaks dagegen, stecken das Ruder unter den Riemen an der

Windseite, beugen sich tief über den Kajak und lassen die Sturzwelle

über sich hinrollen, oder sie legen auch das Ruder flach gegen die

Windseite und indem die Welle sich bricht, wälzt sich der Ruderer

mitsamt seinem Kajak in den Abgrund hinab und schwächt dadurch ihre

Macht. Sobald sie vorübergerollt ist, richtet er sich wieder auf

dem Ruder auf. Man hat mir erzählt, daß die wirklich überlegenen

Kajakruderer noch einen anderen Kunstgriff haben. Ist eine Welle so

hoch, daß sie sie nicht auf andere Weise zu bezwingen glauben, so

kentern sie ihren Kajak in demselben Moment, wo die Welle sich über

sie ergießt, und lassen den Boden den Stoß aufnehmen, ist die Welle

vorüber, so richten sie sich wieder auf.

Die Stöße, welche eine solche Welle versetzen kann, müssen oft sehr

heftig sein. Es wurde mir erzählt, daß ein Mann durch eine Welle, die

mit ihrer ganzen Gewalt über ihn hereinbrach, derartig auf den Kajak

gedrückt wurde, daß er eine Rückgratsverletzung davon trug, die ihn

fürs Leben zum Krüppel machte. Trotzdem kenterte er aber nicht. Es ist

bewunderungswerth, welche Geistesgegenwart und Herrschaft über die

Kajaks diese Eskimos besitzen!

[Illustration: Ein Kajakmann läßt eine Sturzwelle über sich hinrollen.

(Von A. Bloch nach einer oberflächlichen Skizze.)]

+Anton+, ein hervorragender Fänger aus Karusuk (einem tief in den

Fjord hineingelegenen Wohnort), kam eines Tags auf Fang nach Kangek.

Die See war sehr erregt, und, unbekannt wie er war, jagte er auf einer

Welle über eine Untiefe dahin. Plötzlich saß er fest und im nächsten

Augenblick stürzte sich eine neue Welle über ihn. Er glaubte, daß es

mit ihm aus sei, beugte sich aber vorüber, klemmte das Ruder gegen den

Kajak und verschwand unter dem schäumenden Wasser. Als die Sturzsee

sich verlaufen hatte, war auch +Anton+ wieder flott geworden und schoß

in seinem Kajak dahin, genau so überlegen wie vorher.

Hauptsächlich betreibe ich hier Jagd auf Eidergänse. Man hat dazu die

beste Gelegenheit hier draußen bei einigen kleinen Inseln und Werdern,

die Jemerigsek genannt sind.

[Illustration: Simon, Katechet und Seehundsfänger von Kangek.

(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]

Man schießt die Eidergänse hier gewöhnlich auf andere Weise als in

Godthaab, indem man selber umherzurudern und die Vögel aufzusuchen

pflegt. Bemerkt man Eidergänse auf dem Wasser, so hält man sich auf

der Windseite und nähert sich ihnen, soweit man kann. In der Regel

kommt man ihnen jedoch nicht sehr nahe, bevor sie auffliegen, da sie

aber gegen den Wind auffliegen müssen, so sehen sie sich gewöhnlich

gezwungen, in Schußweite an den Kajaks vorüber zu kommen. Da gilt es

denn, eine solche Stellung einzunehmen, daß sie an der richtigen Seite

vorüberfliegen und man zum Schuß kommen kann. Ein Mensch, der nicht

links zu schießen versteht, kann nämlich nicht rechts schießen, wenn

er im Kajak sitzt, sondern muß die Vögel gerade vor sich oder auf der

linken Seite haben. Der Kajak gestattet keine großen Schwenkungen. Wenn

die Vögel auffliegen und man sieht, welche Richtung sie einschlagen,

muß man also, wenn der Kajak nicht die richtige Lage hat, ihn in

aller Eile wenden, das Ruder unter den Riemen stecken, den rechten

Fausthandschuh abziehen, die Büchse aus dem Sack holen und an die

Wange legen -- dann knallt der Schuß! Will man aber Aussicht auf

Erfolg haben, so muß dies alles Sache eines Augenblicks sein, und bei

hoher See muß man so verwachsen mit seinem Kajak sein, daß man die

Büchse ebenso sicher hantirt als auf dem Lande, natürlich darf man,

wenn der Schuß knallt, nicht kentern. Viele von den Kangeken haben

diese Jagd zu einer großen Vollkommenheit gebracht. Ich habe sie bei

hohem Seegang ihr Dutzend Eidergänse und mehr schießen sehen, und zwar

indem sie nur auf einzelne Vögel zielten. Zuweilen ging ich mit einem

Fänger Namens +Pedersuak+ -- der große Peter -- weit in See hinaus.

Er war ein guter Vogelschütze, und ich habe oft mit ihm um die Wette

geschossen, zog aber zu seinem Entzücken gewöhnlich den Kürzeren dabei.

Eines Tages, als wir zusammen auf der See lagen, kamen zwei Eidergänse

in voller Geschwindigkeit mit dem Winde daher geflogen. Sie befanden

sich außerhalb meiner Schußweite, flogen aber in der Richtung auf

+Pedersuaks+ Kajak zu. Ich machte ihn auf sie aufmerksam, er bemerkte

sie auch, ließ sie aber ruhig an sich vorüberfliegen, ich konnte gar

nicht begreifen, was er damit beabsichtigte, plötzlich aber erhob er

die Büchse, es knallte und beide Vögel fielen. Er erklärte mir später,

er habe nur gewartet, um sie beim Schießen auf einer Linie zu haben.

Ich hielt das Ganze für einen bloßen Glückszufall, aber wir hatten

gar nicht lange gerudert, als abermals zwei Eidergänse genau so wie

vorhin herangeflogen kamen, diesmal aber noch in besserer Schußweite

für +Pedersuak+. Er steckte das Ruder unter den Riemen und hielt die

Büchse bereit, jedoch ohne zu schießen. Endlich als sie längst vorüber

waren, knallte ein Schuß, und abermals fielen die beiden Vögel. Ich

habe das später häufig erlebt, ja ich habe sogar drei Vögel, die

zusammen dahergeflogen kamen, auf einen Schuß fallen sehen, indem der

Schütze den Augenblick abwartete, wo sie aneinander vorbei flogen

und sich alle auf einer Linie befanden. Die Eskimos schießen nur mit

einer Mundladebüchse, die sie indessen gut zu laden wissen und mit

der sie in einer ganz unbegreiflichen Entfernung treffen können. Oft,

wenn ich mit ihnen auf Jagd gerudert war, unterließ ich es, auf die

vorüberfliegenden Vögel zu schießen, weil mir der Abstand viel zu groß

erschien, dann aber hat ein Eskimo neben mir sofort angelegt, gezielt

und den Vogel getroffen. Es ist gar nicht leicht, diese Büchsen zu

laden, wenn die See über die Kajaks hereinbricht; man legt sie mit dem

Kolben vorn auf den Kajak und kehrt die Mündung dem Gesicht zu oder

stützt sie auf die Schulter, während man Pulver, Zündhütchen etc., das

man, nur um es trocken zu halten, in der Mütze aufbewahrt, hervorholt.

Auf diese Weise kann man sich selbst bei dem stärksten Seegang so

einrichten, daß kein Wasser in den Büchsenlauf kommt. Zur Aufbewahrung

der Büchse, die man am liebsten immer bei der Hand hat, dient ein oben

auf dem Vordertheil des Kajaks liegender Sack.

[Illustration: Tobias, einer der besten Seehundsfänger von Kangek.

(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]

[Illustration: Boas, einer der besten Seehundsfänger in Kangek.

(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]

Eine andere Art der Vogeljagd, die, falls man Uebung darin hat, im

Grunde ein noch größerer Sport ist, wird mit dem Vogelpfeil betrieben,

doch ist hierzu noch mehr Uebung erforderlich. Hierin sind jedoch

die Kangeken wahre Meister. Es ist ein wahres Vergnügen, sie ihre

Vogelpfeile werfen zu sehen.

Nach einem dreiwöchentlichen Aufenthalt in Kangek kehrte ich wieder

zurück. Bei der Gelegenheit erhielt ich einen guten Beweis von dem

Aberglauben der Grönländer. Als ich in Godthaab ankam, wurde ich wie

gewöhnlich von einer ganzen Schar von Grönländerinnen empfangen.

Ich muß unfreundlicher und wortkarger als gewöhnlich gewesen sein,

vielleicht war ich auch, da ich den ganzen Tag auf Jagd nach Vögeln

umhergestreift hatte, ermüdet. Die Grönländerinnen waren sich aber

sofort darüber einig, daß ich einem großen, unheimlichen Kobold

begegnet sein müsse oder einem Wesen, das auf den Inseln da draußen

hausen und den einsamen Kajakmännern erscheinen soll, die sich in die

Nähe dieser Inseln wagen (sie nennen dies Wesen +Tupilik+, weil es in

der Form einem Zelt gleicht). Kehren die Jäger heim, nachdem sie dies

Wesen gesehen haben, so pflegen sie noch lange nachher stumm zu sein.

Hieran glauben die Grönländer steif und fest, und die Kajakmänner

nähern sich aus diesem Grunde niemals allein diesen Inseln und wollten

es auch mir nicht erlauben, so viel allein umherzustreifen, wie ich es

that, jetzt hofften sie, daß ich mein Lehrgeld bezahlt hätte.

Fußnoten:

[94] Man lese nur die Beschreibung, die Lieutenant +Bluhme+ im Jahre

1864 von ihm macht.

[95] Er starb noch bevor wir Grönland verließen.

[96] Das Ruder wird unter den an dem Kajak befestigten Querriemen

gesteckt, so daß es gegen die Seitenwand des Kajaks liegt. Durch den

Widerstand, welchen das Ruderblatt im Wasser leistet, trägt das Ruder

sehr dazu bei, die Lage des Kajaks zu befestigen.

Kapitel XXXI.

Abermals auf dem Wege nach dem Inlands-Eise. ~Umiarsuit! Umiarsuit!~

(Schiff! Schiff!) Die Heimreise.

Wir hatten uns lange mit dem Gedanken getragen, wenn der Frühling

kommen würde, eine Schneeschuhtour über das Inlandseis zu unternehmen,

um zu untersuchen, ob diese Jahreszeit nicht die geeignetste zur

Befahrung der äußeren Theile des Eises sei. Nach allem, was wir schon

im September gesehen hatten, schien es, als ob alle Spalten und Risse

im Laufe des Winters durch starke Schneefälle und anhaltende Winde

ausgefüllt und geebnet werden müßten.

Ich war deswegen der Ansicht, daß künftige Schiffsexpeditionen, deren

Zweck es ist, den äußeren Rand des Inlandseises zu untersuchen,

hauptsächlich die Monate April, Mai und vielleicht auch die erste

Hälfte des Juni benutzen müssen. Man wird da sicher verhältnißmäßig

leicht die meisten Stellen des äußeren Inlandseises befahren können,

ohne im wesentlichen von den vielen Unebenheiten und Spalten gehindert

zu werden, die später im Jahr bloßgelegt werden und die durch die

Wirkung der Sonne und das Schmelzen des Schnees entstehen. Wenn

man zu einer solchen Untersuchung ein eigens dazu eingerichtetes

Schneesegelboot benutzte, das sicher große Vortheile bieten würde, so

wäre ebenfalls der Frühling und der Vorsommer die günstigste Zeit, da

alsdann außer einer guten Schlittenbahn auch noch der Wind zu statten

käme. Möglicherweise könnte man mit einem solchen Fahrzeug ohne große

Schwierigkeit den ganzen Rand des Inlandseises von dem südlichen Theil

bis nach Norden hinauf, ja vielleicht auch selbst die nördliche Spitze

besegeln.

Da lag es denn für mich sehr nahe, als der Frühling herankam,

einen Ausflug auf das Inlandseis zu machen. Es erschien mir von

größtem Interesse, gerade die Strecke zu untersuchen, auf der wir

heruntergekommen waren, um zu sehen, welche Veränderungen dort im Laufe

des Winters vor sich gegangen waren.

Da man in der Kolonie das Schiff, das uns nach Hause bringen sollte,

schon vom ersten April an erwarten zu können glaubte, durften wir

uns freilich nicht allzu weit entfernen. Einige von uns beschlossen

deswegen, im März einen Versuch zu machen, obwohl es etwas früh war,

um auf eine wirkliche Ausbeute rechnen zu können. Die Ausrüstung, die

sich auftreiben ließ, war übrigens nach mehr als einer Richtung hin

höchst mangelhaft. Alles, was wir bekommen konnten, beschränkte sich

auf gedörrte Angmagsetts, hartes Brot und Butter. Von dem zum Schmelzen

des Schnees erforderlichen Spiritus hatten wir nur sehr wenig.

Am 21. März fuhren +Sverdrup+ und +Kristiansen+ in einem Boot, ich

selber aber in meinem Kajak in den Ameralikfjord hinein. Wir erreichten

Kasigianguit, wo wir, ehe wir uns auf das Inlandseis begaben, einige

Rennthiere zur Vermehrung unseres Proviants zu erlegen hofften.

Hier wurden wir indessen fünf Tage durch Schneesturm und Thauwetter

aufgehalten. Wir lagen den größten Theil des Tages im Zelt und lebten

von unseren Angmagsetts und Schiffsbrot mit Butter, während der nasse,

alles durchweichende Schnee sich auf uns legte und Eis und Schnee

unter uns schmolzen. Die letzten Tage wohnten wir buchstäblich in

einer Wasserlache, und da der Schlafsack, in dem wir alle Drei lagen,

ziemlich feucht war, untersuchten wir ihn und fanden, daß sich mehrere

Zoll Wasser darin befanden, besonders unter denjenigen Körpertheilen,

die, wenn man auf dem Rücken liegt, hauptsächlich mit der Unterlage in

Berührung kommen. Wir konnten das Wasser mit den Händen herausschöpfen,

es half uns aber nicht viel, denn es war sofort wieder da. +Sverdrup+

meinte, unser Zeltleben auf dem Inlandseise sei im Vergleich hiermit

der reine Genuß gewesen.

Als gegen Ende des Monats die Zeit heranrückte, wo nach der allgemeinen

Ansicht das Schiff erwartet werden konnte, hatte es keinen Zweck unsern

Ausflug noch in die Länge zu ziehen; so begaben wir uns denn am 28.

März nach Godthaab zurück.

Am selben Tage, an welchem wir diesen Ausflug antraten, ruderten

+Dietrichson+ und +Balto+ in ihren Kajaks in den Godthaabsfjord hinein,

wo sie die Wohnplätze Sardlok, Kornok, Umanak und Karusuk besuchten.

Sie kehrten erst einige Tage nach uns wieder heim. Als sie sich auf

dem Rückwege, am letzten Tage ihres Ausflugs unterhalb des „Sattels“

befanden, rief +Balto+ plötzlich +Dietrichson+ zu, daß er an Land

gehen müsse, sein Kajak lecke und sei halb mit Wasser angefüllt.

+Dietrichson+ erwiderte, das könne ihm gar nicht nützen, das Land sei

so steil, daß sie nirgends landen könnten, sie müßten weiter rudern,

vielleicht würde das Ufer allmählich flacher. Da antwortete +Balto+ mit

kläglicher Stimme: „Ja, dann muß ich elend zu Grunde gehen.“ Indessen

ruderten sie, was das Zeug halten wollte, und bald darauf kamen sie an

einige Steine, auf die +Balto+ hinaufkriechen konnte, so daß es ihnen

gelang, seinen Kajak zu entleeren. Auf dem Boden befand sich ein Loch,

sie hatten aber nichts anderes zum Verstopfen desselben als einen

Handschuh und ein wenig Butter; dies genügte jedoch und sie konnten

ihren Weg fortsetzen.

Eine Weile später wurden sie plötzlich von einem heftigen Sturm

überfallen, zum Glück befanden sie sich an einer Stelle, wo sie landen

konnten. Wäre der Sturm ein wenig früher oder später gekommen, so ist

es sehr zweifelhaft, wie sie davon gekommen wären, denn da war kein

Zufluchtsort, und in dem Unwetter hätten sie sich wohl schwerlich

auf der See halten können. An demselben Tage verunglückte ein

Grönländer bei Umanak. Sie mußten nun volle 7 Stunden auf dem schmalen

Felsvorsprung liegen bleiben, wo sie gelandet waren. Am Abend legte der

Sturm sich ein wenig und sie kamen wohlbehalten nach Godthaab zurück,

wo sie mit Jubel von den Grönländern begrüßt wurden, die es für eine

gute Leistung erklärten, an dem Tage hinaus zu rudern, -- sie selber

hatten es nicht gewagt.

Als ich ungefähr eine Woche in Godthaab gewesen war, ohne daß sich

eine Spur von dem viel besprochenen Schiff zeigte, beschloß ich, einen

neuen Versuch zu machen, auf das Inlandseis zu gelangen und begab mich

zu dem Zweck am 4. April mit +Aperavigssuak+ (dem großen Abraham,

einen alten, bekannten Kajakruderer aus Kangek) in meinem Kajak in

den Godthaabsfjord hinein. Am selben Tage erreichten wir Kornok, das

acht Meilen von Godthaab entfernt liegt, und am nächsten Morgen setzte

ich in Begleitung von zwei Kajakmännern -- +Karl+ und +Larserak+ --

meine Reise über den Fjord nach +Ujaragsuit+ fort, wo ich auf das

Inlandseis zu gehen gedachte. Da das Ende des Fjordes mit Eis bedeckt

war, gingen wir in die Bucht bei +Kanguisak+, zogen die Kajaks ans

Land, schnallten die Schneeschuhe an und liefen an das Ende dieser

Bucht, die gleichfalls mit Eis bedeckt war; dann begaben wir uns über

Land nach dem Godthaabsfjord; hier angelangt, schlugen wir unser Zelt

auf, das wir ebenso wie den nothwendigsten Proviant mitgenommen hatten.

Unser Vorrath war jedoch lange nicht ausreichend, deswegen mußten wir

Schneehühner schießen, die auf Art der Eskimos roh verzehrt wurden und

die in dieser bequemen Gestalt wirklich vorzüglich schmecken, nur muß

man sie, bevor man sie verzehrt, kalt werden lassen. Eines Tages, als

ich sehr hungrig war, versuchte ich es, ein Schneehuhn, unmittelbar

nachdem es geschossen war, zu verzehren, es hatte aber einen ganz

eigenthümlichen Geschmack, und das Fleisch zitterte förmlich zwischen

den Zähnen, -- ich stand sofort von dem Versuch ab und habe ihn seither

nicht wiederholt.

[Illustration: Mein Freund Aperavigssuak.

(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]

Am nächsten Tage (6. April) liefen wir auf Schneeschuhen weiter über

den Fjord auf den Ujaragksuikfjord zu. In der Mitte dieses Fjords

angelangt, gewahrte ich indessen von einem Berge aus, den ich bei der

Verfolgung einiger Schneehühner erklommen hatte, daß die ganze innere

Seite des Fjords offen war, so daß wir dort unmöglich würden landen

können. Der Bach, der unter dem Inlandseise hervorbricht, ergoß sich

hier in den Fjord.

Um das Inlandseis zu erreichen, würde es nothwendig sein, bei Ivisartok

auf der Ostseite des Fjords zu landen, aber dann würden wir mindestens

zwei Tage gebrauchen, um bis an den Rand des Eises zu gelangen, und da

ich es nicht für richtig hielt, mich wegen des zu erwartenden Schiffes

so weit zu entfernen, so blieb mir nichts anderes übrig, als abermals

umzuwenden.

Dieses Mal war die Ausbeute aber doch ein wenig ergiebiger als das

letzte Mal, denn wenn ich auch das Inlandseis nicht dort erreicht

hatte, wo ich es zu erreichen wünschte, so hatte ich doch den Gletscher

gesehen, der sich zwischen +Ivisartok+ und +Nunatarsuak+ hinausschiebt.

Es zeigte sich indessen, daß dieser Gletscher nicht so sehr mit Schnee

bedeckt war, wie ich es erwartet hatte, und das Eis sah beinahe

ebenso blau und zerklüftet aus, wie gewöhnlich. Auch ringsumher auf

dem Lande war die Schneemenge auffallend klein. Auf weiten Strecken

guckte das bloße Land hervor, und der Unterschied mit Godthaab war ganz

auffallend. Offenbar haben die hohen Berge draußen und weiter im Süden

das Eindringen der Feuchtigkeit verhindert.

Die Veränderung, welche mit der Oberfläche des Inlandseises im Laufe

des Winters vorgegangen war, mochte daher gar nicht so groß sein, wie

ich es angenommen hatte, wenigstens nicht dort, wo sich ein breites

Außenland vor dem Eise befindet, so wie es an diesem Theil der Küste

der Fall ist. Das Außenland nimmt nämlich einen großen Theil des

Schnees fort. Eine andere Ausbeute bestand in der Wahrnehmung der

Wassermassen, welche der Fluß aus dem Inlandseise dem Fjord selbst im

Winter zuführt. Es war noch nicht so warm gewesen, daß ein Schmelzen

im Außenlande stattgefunden haben konnte, nicht einmal in Godthaab.

Es ist eine bekannte Sache, daß es drinnen am Inlandseise immer

bedeutend kälter ist als außerhalb desselben, und welch ein Unterschied

zwischen der Wärme der Oberfläche des Inlandseises und derjenigen des

Außenlandes herrscht, das hatten wir bei unserer Eiswanderung gründlich

erfahren. Trotz alledem aber hatte der Fluß einen starken Strom, und

die Eskimos erzählten, daß selbst mitten im Winter keine Stockung

eintrete. Hieraus geht deutlich hervor, daß in den tieferen Schichten

des Inlandseises ein von der Temperatur der Oberfläche unabhängiges

Schmelzen stattfindet. Welche große Rolle dies im inneren Haushalt der

Eismassen spielen muß, werde ich im Anhang noch eingehender behandeln.

Am Abend schlugen wir ein Zelt auf einem Vorgebirge an der Mündung des

Ujaragsuitfjordes auf. Da wir nun keine weitere Eile hatten, richteten

wir uns so gemüthlich wie möglich ein. Es machte keine Schwierigkeit,

eine genügende Grasmenge auf dem aus den Schnee hervorragenden

Landrücken zu sammeln. Hiermit bedeckten wir den ganzen Zeltboden

und schufen uns dadurch ein gutes trockenes Lager. Dann wurde Kaffee

gekocht und die Eskimos kamen mit einem sehr wohlschmeckenden Gericht

zum Vorschein, das in gefrorenem Rothfisch oder „Ur“ bestand, der

roh verzehrt wurde, außerdem verzehrten wir pro Mann mindestens ein

Schneehuhn und befanden uns ganz vorzüglich dabei. Wir legten uns in

unseren Kleider schlafen, die Schlafsäcke hatte ich diesmal nicht

mitgenommen, da ich die Last zu schwer fand.

Am nächsten Morgen gingen wir über den Fjord zurück. Ich hatte die

größte Lust, länger in diesem Eldorado der Jäger zu verweilen, denn

das gerade gegenüberliegende +Ivisartok+- und +Nunatarsuak+-Land ist

wegen seiner guten Rennthierjagden berühmt, außerdem gab es hier auf

dem Eise im Fjord viele Seehunde, und wenn man nur genügend Zeit dazu

hat, so ist dies eine sehr interessante Jagd. Die alten Norweger wußten

wohl, was sie thaten, als sie sich hier niederließen. Hier und im

Ameralikfjord hat nämlich aller Wahrscheinlichkeit nach der reichste

Theil des alten „Vesterbygd“ gelegen, man findet überall zahlreiche

Ueberreste, die darauf hinweisen, besonders ist +Ujaragsuik+ wegen

seiner großen Ruinen bekannt.

Als wir über das Land kamen, wo wir bei unserer Ankunft hinabgestiegen

waren, fanden wir einen ziemlich steilen Abhang vor. Ich sollte hier

die Erfahrung machen, wie mangelhaft es mit dem Schneeschuhlaufen der

Grönländer bestellt ist. Sie blieben während der ganzen Zeit zurück,

und schließlich mußte ich dem Einen fast seine ganze Last abnehmen,

damit er nur mitkommen konnte. Als sie an diesen Abhang kamen, besannen

sie sich nicht lange, sondern schnallten die Schneeschuhe ab und trugen

sie. Nachdem ich unten angelangt war, hatte ich deswegen das Vergnügen,

ungefähr eine Stunde auf sie zu warten, während sie sich durch den

Schnee hindurchstampften. Und erst als sie das Fjordeis erreichten,

wagten sie es, die Schneeschuhe wieder anzuziehen. Einer von ihnen

machte allerdings bei einer kleinen Senkung einen Versuch, da er aber

sofort fiel, gab er es wieder auf.

Auf dem Fjordeise schoß +Karl+ einen Ring-Seehund (~netsak~), der also

auch bis an die Kajaks geschleppt werden mußte. Endlich am Nachmittag

erreichten wir diese. Wir wußten nicht, wie spät es am Tage sei, da der

Himmel bedeckt war und Niemand von uns eine Uhr hatte. Ich wollte gerne

noch am selben Tage nach Kornok kommen, da ich es für möglich hielt,

daß die Nachricht von der Ankunft des Schiffes da sei. Obwohl besonders

+Larserak+ keine Lust dazu hatte, bestiegen wir dennoch unsere Kajaks.

Wir waren indessen noch nicht weit gerudert, als es sich herausstellte,

daß es bedeutend später war, als wir geglaubt hatten; es wurde nämlich

vollständig dunkel. Draußen im Fjord empfing uns eine steife Westbrise,

wodurch die Verhältnisse nicht gebessert wurden. So lange wir an der

Küste entlang rudern konnten, ging es doch noch einigermaßen. Aber bei

einem Vorgebirge Namens +Kangersuak+ mußten wir über den Fjord, um nach

Kornok zu kommen. Hier wurde es schlimmer. Der Wind und die Wellen

standen hier mit voller Gewalt auf das Land und in der Finsterniß war

es keine leichte Sache, die Wellen zu sehen und sich vor ihnen in acht

zu nehmen.

Wir lagen still und überlegten. Die beiden Grönländer fragten mich, ob

ich es mir getraue, weiter zu rudern; ich wollte mich ungern schwächer

zeigen als sie und fragte, ob sie es sich getrauten. Schließlich zogen

wir weiter, aber wir sollten gar bald erkennen, daß es kein Kinderspiel

war, besonders für +Karl+, der den Seehund hinten auf dem Kajak liegen

hatte, war es schwer, das Gleichgewicht zu halten. Er rief uns zu, er

müsse an Land gehen, um sich seiner Last zu entledigen, aber an ein

Landen war nirgends zu denken, überall bildete das Ufer eine einzige,

steile Bergwand. Deswegen halfen wir ihm, seinen Seehund ins Wasser zu

werfen, und er schleppte ihn nun ein Ende mit, aber es ging zu langsam,

und wir mußten ihm behülflich sein, das Thier abermals auf den Kajak

zu legen. Im Anfang war es ganz dunkel gewesen, dann aber wurde die

Wolkenschicht ein wenig lichter, hin und wieder riß der Wind eine

Oeffnung hinein, so daß der Mond durchkommen konnte; das war ein großer

Vortheil für uns, denn jetzt konnten wir doch die herannahenden Wellen

sehen und unseren Weg finden. Es war eine schwere Arbeit, gegen den

Wind anzukämpfen, allmählich aber erreichten wir das gegenüberliegende

Land. Hier stießen wir indessen auf eine andere Schwierigkeit, nämlich

auf Unmengen von treibendem Fjordeis, das uns eine ganze Zeit lang den

Weg vollständig versperrte. Erst um 1 Uhr des Nachts kamen wir nach

+Kornok+, wo wir den Einwohnern durch unsere späte Ankunft einen großen

Schrecken einjagten.

[Illustration: Gegen Kornok in der Nacht, 7. April.

(Von Th. Holmboe nach einer Skizze des Verfassers.)]

[Illustration: Blick nach Süden zu von Kornok.

(Nach einer Photographie.)]

Es war keine Nachricht in Bezug auf das Schiff von Godthaab gekommen,

und am folgenden Tage reiste ich deswegen nach +Umanak+, um diesen Ort

kennen zu lernen, an dem die Herrnhuter Mission eine Kolonie hat, und

um den Missionar Herrn +Heincke+ zu besuchen, bei dem ich vier sehr

angenehme Tage verlebte.

Am 12. April war ich wieder in Kornok. Da es am folgenden Tage regnete,

hatte mein Freund +Aperavigssuak+ keine Lust, nach Godthaab zu reisen;

während ich fortgewesen war, hatte er sich die Zeit damit vertrieben,

in den Häusern zu Kornok und Umanak in Gesellschaften zu gehen. In

Erwiderung dieser Gastfreundschaft gab ich am Tage meiner Rückkehr

sämtlichen Grönländern in Kornok einen Ball. Um 4 Uhr des Nachmittags

begann der Ball, die Bewirthung bestand aus Kaffee und Schiffsbrot,

und wir amüsirten uns bis tief in die Nacht hinein ganz vorzüglich.

Schließlich war ich so müde, daß ich meine Gäste bitten mußte, nach

Hause zu gehen, damit ich Ruhe bekam.

Am folgenden Tage, den 14. April, ruderten wir bei verhältnißmäßig

gutem Wetter nach Godthaab. Wie schnell man in einem Kajak vorwärts

kommen kann, ist daraus zu ersehen, daß wir, obwohl wir während der

ersten drei Stunden die Strömung und während der letzten Stunde

eine steife Briese gegen uns hatten, die 8 Meilen doch in 8 Stunden

zurücklegten, und das ist nichts im Vergleich zu der Schnelligkeit,

welche ein geübter Kajakruderer erlangen kann. So erzählte mir z. B.

Herr +Heincke+, daß, als seine Frau vor mehreren Jahren im Dezember

heftig erkrankte, ein Fänger aus Umanak, Namens +Ludwig+, am Morgen vor

Tagesgrauen nach Godthaab gerudert sei, um Rath von dem Arzt zu holen.

Trotz des kurzen Wintertages wäre er aber schon bei Anbruch des Abends

wieder zurückgekehrt. Die Entfernung von Umanak bis Godthaab beträgt 9

Meilen!

In der Kolonie hatte man bei unserer Ankunft noch nichts von dem Schiff

gehört.

Am 15. April hatten wir heftiges Schneetreiben und waren uns

infolgedessen sämtlich darüber einig, daß das Schiff auch an dem

Tage nicht kommen könnte. Plötzlich, als wir nach Tisch im Hause des

Koloniedirektors bei unserem Kaffee saßen und uns gemüthlich mit dem

Doktor unterhielten, erschallte die ganze Kolonie von einem einzigen

Geheul: „~Umiarsuit! Umiarsuit!~“ (Das Schiff! das Schiff!) Wir

stürzten hinaus, starrten auf das Meer, konnten aber nichts sehen als

Schnee. Da ward auf einmal ein dunkler Schatten hoch oben in der Luft

sichtbar. Es war das Takelwerk des „Hoidbjörnen“, der sich bereits

dicht vor uns in der Bucht befand. In größter Eile sprang man nun

in die Böte und Kajaks, und als wir den Fuß auf Deck setzten, wurde

die norwegische Flagge gehißt und den Norwegern ein donnernder Salut

gegeben. Die Mitglieder der Expedition wurden auf das herzlichste

empfangen und beglückwünscht von dem Führer des „Hoidbjörnen“,

Lieutenant +Garde+, dessen Name bereits häufiger erwähnt worden ist,

sowie von den übrigen Europäern, die sich an Bord befanden.

Es wurden Grüße aus Europa gebracht und Fragen ausgetauscht, die kein

Ende nehmen wollten. Wir feierten sofort ein Fest an Bord des Schiffes,

es herrschte Frohsinn und Freude, und erst spät am Abend kehrten wir

wieder nach Godthaab zurück.

So schlug denn endlich die Abschiedsstunde! Ich hatte lange mit Wehmuth

daran gedacht, jetzt ließ sich der Gedanke nicht mehr zurückdrängen,

und nicht ohne Trauer schieden wir von dem Ort und dem Volk, bei dem

wir uns so unsagbar wohl befunden hatten.

An dem letzten Tage vor unserer Abreise sagte einer meiner besten

grönländischen Freunde, in dessen Hause ich viel verkehrt hatte,

zu mir: „Nun kehrst Du zurück in die große Welt, von der Du zu uns

gekommen bist, Du triffst dort viel Neues und wirst uns vielleicht bald

vergessen, wir aber können Dich niemals vergessen.“

Ein paar Tage nachher reisten wir, und das noch schneebedeckte Godthaab

lächelte uns ein freundliches Lebewohl in der Frühlingssonne zu.

Wir standen lange da und schauten zurück, und die Erinnerung an die

vielen glücklichen Stunden, die wir dort mit Grönländern und Europäern

verlebt hatten, tauchte wieder auf. Gerade als wir im Begriff waren,

den Fjord zu verlassen, begegneten uns drei Kajaks, es waren die drei

besten Fänger von Godthaab, +Lars+, +Michael+ und +Jonathan+. Sie waren

hierher gerudert, um uns die letzte rührende Abschiedssalve aus ihren

drei Büchsen zu geben. Mit vollem Dampf ging es jetzt ins Meer hinaus.

Eine Weile sahen wir unsere Freunde noch zwischen den Wellen auf und ab

tauchen, dann waren auch sie unseren Blicken entschwunden.

Der Bestimmung nach sollte der „Hoidbjörnen“ nördlich nach

+Sukkertoppen+ und +Holstensborg+ gehen, ehe er den Heimweg antrat.

Am nächsten Morgen (26. April) kamen wir in +Sukkertoppen+ an. Als

Beispiel für die Postverhältnisse in Grönland mag erwähnt werden, daß

man hier keine Ahnung davon hatte, daß wir den Winter in dem 20 Meilen

südlicher gelegenen Godthaab zugebracht hatten.

[Illustration: Der Hafen von Sukkertoppen mit dem „Hoidbjörnen“.

(Nach einer Photographie.)]

Nach einem sechstägigen Aufenthalt in Sukkertoppen mit viel Tanz

und Geselligkeit lichteten wir am 3. Mai die Anker, um nordwärts

nach Holstensborg zu gehen. Auf dem Wege dorthin begegneten wir

dem „+Nordlyset+“, einer Bark, die ebenfalls der grönländischen

Handelscompagnie gehört. Sie saß im Eise fest, und wir schleppten sie

noch am selben Tage nach Sukkertoppen. Am Abend machten wir einen

zweiten Versuch, nordwärts zu gelangen, trafen jetzt aber das ganze

Meer nach Norden zu mit einer oft zehnzölligen Eisschicht bedeckt,

durch die wir nicht vordringen konnten.

Da blieb uns denn nichts anderes übrig, als Holstensborg aufzugeben

und umzuwenden. Am Morgen des 4. Mai ankerten wir zum dritten Mal im

Hafen von Sukkertoppen. Am Nachmittage gingen wir in See und sagten nun

Grönland zum letztenmale Lebewohl.

[Illustration: Eine arme Waise aus Sukkertoppen.

(Nach einer Skizze des Verfassers.)]

Als wir am Abend schon eine gute Strecke durch die Davisstraße gekommen

waren, fand ich +Balto+ in Gedanken versunken am Schiffsrande stehen,

er blickte nach der Richtung des Landes hin, was jedoch schon längst

unseren Blicken entschwunden war. +Dietrichson+ fragte ihn, weshalb er

betrübt sei: „Hast Du etwa Sofia vergessen?“ erwiderte er.

Wir verbrachten 17 Tage an Bord des „Hoidbjörnen“, an dem Kapitän

hatten wir eine vorzügliche Gesellschaft, wohl Wenige konnten ein

solches Interesse an der Expedition haben wie er. Dank der uns

erwiesenen Gastfreundschaft verging die Zeit auf das angenehmste,

während wir uns trotz widriger Winde und starken Seegangs der Heimath

näherten; wir werden noch an diese Tage zurückdenken und uns u. a.

der Vormittagsfeste erinnern, wo wir um den Salontisch sitzend den

Champagner tranken und das Konfekt aßen, das den Mitgliedern der

Expedition aus Europa gesandt worden war; das war eine andere Kost als

wie sie uns das Inlandseis geboten.

[Illustration: Letzter Blick auf Grönland.]

Am 21. Mai ankerten wir auf der Innenrhede von Kopenhagen. Meine

Feder ist zu schwach, um den gastfreien Empfang zu schildern, der

uns in Etatsraths Gaméls Hause, sowie überall in Kopenhagen und in

Norwegen zu theil wurde. Ich will auch keinen Versuch machen, dem Leser

zu beschreiben, wie viele Toaste ausgebracht wurden und wie viele

Erwiderungsreden ich halten mußte, wie viel Wein getrunken und wie

viele Gerichte bei einer solchen Festlichkeit verzehrt werden mußten,

auch will ich ihn nicht mit der Schilderung der Qualen beschweren,

welche eine gewisse Species der Menschheit, die sich Interviewer

nennt, einem armen Burschen, der sich keines Verbrechens bewußt ist,

verursachen kann. Sie zertheilen förmlich unser geistiges Innere unter

sich. Es war keine Kleinigkeit, Grönland zu durchqueren, aber es ist

mein bitterer Ernst, wenn ich sage, daß es in dieser Beziehung noch

weit schlimmer ist, in die Heimath zurückzukehren.

Am 30. Mai zogen wir bei dem herrlichsten Wetter in den

Kristiania-Fjord ein, wo wir von Hunderten von Seglern und einer ganzen

Flotte von Dampfschiffen empfangen wurden, den Tag wird wohl keiner von

den Mitgliedern der Expedition jemals vergessen. Selbst auf +Ravna+

machte es einen überwältigenden Eindruck. Als wir uns dem Hafen von

Kristiania näherten, und den Festungswall und alle Brücken ganz schwarz

von Menschen sahen, sagte +Dietrichson+ zu +Ravna+: „Ist es nicht

hübsch mit allen den Menschen, +Ravna+?“ „Ja, sehr hübsch, -- wenn es

nur alles Rennthiere wären!“ erwiderte +Ravna+.

[Illustration: Lebewohl!]

Anhang.

Das wissenschaftliche Ergebniß der Expedition.

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band · 第 25 / 28 题