(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]
Das Boot stieß vom Ufer ab, die Segel wurden gehißt und wir nahmen
unter einer frischen, nördlichen Brise unsern Kurs südwärts, ein
anderes Boot und einen Kajak im Schlepptau mit uns führend, sechs
herzensfrohe Menschen im Boot. Unter diesen Sechsen befanden sich fünf
Mitglieder der Expedition. +Ravna+ wollte nicht mit, er sagte nur:
„Ich alter Lappe, mir allzu kalt!“ An seiner Statt hatten wir +Joel+
mitgenommen, der ein köstlicher Typus eines Eskimo ist. Von Natur ist
+Joel+ klein, er hat einen kräftigen starken Oberkörper, sein Gesicht
ist breit und rundlich mit einem gutmüthigen, schalkhaften Ausdruck,
einem breiten, lächelnden Mund, zwei kleinen, schwarzen, stets
feuchten Augen, ein wenig Bartwuchs auf Kinn und Oberlippe, struppiges
rabenschwarzes Haar, das ihm in Büscheln an den Seiten des Kopfes und
in den Nacken hineinhängt. Er ist ein tüchtiger Kajakruderer, aber kein
Fänger -- man beschuldigt ihn der Trägheit -- und infolgedessen ist er
arm. Zum Fischen, ein Handwerk, auf das die Großfänger mit Verachtung
herabsehen, zur Rennthierjagd und jeglichem anderen zufälligen Sport
ist er gut zu gebrauchen. Er ist grundfaul, böse Zungen sagen ihm auch
nach, daß er keine ganz klaren Begriffe über das „Mein“ und „Dein“ hat.
Er ist mit einer Dame seines eigenen Kalibers, Namens +Anne Kornelia+
verehelicht.
Wir erreichten an jenem Nachmittage die Mündung des Ameralikfjords, wo
wir durch widrige Winde am Vordringen gehindert wurden. Nachdem wir uns
eine ganze Weile im Dunkeln abgemüht haben -- das Tageslicht ist dort
oben um diese Zeit von sehr kurzer Dauer, -- und nachdem wir mehrere
Stunden damit zugebracht hatten, für einen Zeltplatz den Schnee hinweg
zu schaffen und Zeltsteine das steile Ufer hinauf zu schleppen, ist
endlich alles in Ordnung, der Ofen ist aufgestellt, ein lustiges Feuer
knattert darin und der Theekessel summt ganz lustig, in unser kleines,
gemüthliches Zelt sein lebhaftes Aroma aus dem fernen Osten entsendend,
das uns, während draußen Sturm und Schnee tosen, an die Heimath und die
Freuden des Familienlebens erinnert.
Die Abendmahlzeit wird verzehrt, wir zünden unsere Cigarren an,
und eine behagliche Gemüthlichkeit verbreitet sich in dieser
norwegisch-lappisch-grönländischen Versammlung, wir überlassen uns
einem angenehmen ~Dolce far niente~, zufrieden in dem Bewußtsein, daß
wir jetzt keine solche Eile mehr haben wie damals, als wir früher auf
dem Inlandseis in unserm Zelt kampirten.
Am nächsten Tage war +Joel+ der Ansicht, daß es nicht gerathen sei,
weiter zu reisen, da ein ziemlich heftiger Sturm in widriger Richtung
wehte. Wir gingen deswegen auf Schneehühnerjagd. Am andern Tage war
es besser, freilich war der Wind noch immer widrig, aber es war doch
möglich, vorzudringen; so ruderten wir denn weiter, von +Joel+ in
seinem Kajak geleitet.
Als wir uns am Nachmittage in der Dämmerung +Kasigiangiut+, der Stelle
an der Südseite des Fjords, wo wir landen sollten, näherten, führte uns
+Joel+ auf die unerklärlichste Weise herum, ehe wir unsern bleibenden
Zeltplatz erreichten. Erst kamen wir bis an das Ende einer tiefen
Bucht, wo +Joel+ in einen Fluß hinaufruderte, um Wasser zu trinken
und sich gütlich zu thun, während er uns ruhig warten ließ, dann ging
er aus der Bucht heraus, am andern Ufer entlang, darauf lag er eine
Viertelstunde vor einer Landzunge still, mit einer räthselhaften Arbeit
beschäftigt, die, soweit ich es begriff, hauptsächlich darin bestand,
daß er eigentlich nichts that. Dann ging es weiter bis an das Ende
einer andern Bucht und abermals an dem andern Ufer entlang. Was in
aller Welt das zu bedeuten hatte, war uns ganz unmöglich zu verstehen.
Die Antwort hierauf lag möglicherweise in dem Vortrag, mit dem uns
+Joel+ unausgesetzt unterhielt, da wir aber nicht so glücklich waren,
ihn zu verstehen, ist es mir bis auf den heutigen Tag ein Räthsel
geblieben. Hungrig, müde und ärgerlich wie wir waren, gaben wir uns
keine weitere Mühe, +Joels+ Streiche zu ergründen, sondern beschlossen,
uns nicht länger von ihm zum Narren halten zu lassen. Sobald wir eine
Strecke aus dieser Bucht herausgekommen waren, landeten wir. Da aber
vernahmen wir +Joels+ Stimme draußen im Dunkeln, -- wir sollten dorthin
kommen. Wir hatten jedoch durchaus nicht die Absicht, uns vom Fleck zu
rühren, ehe wir sicher waren, deshalb fragten wir zum letztenmal, und
vernahmen denn auch endlich das langersehnte „Ajungilak“. (Hier ist es
gut).
Es war übrigens ein vorzüglicher Zeltplatz, Wasser gerade vor der Thür,
ein guter Hafen für die Kajaks, gutes Wildterrain ringsumher, -- wenn
+Joel+ uns nur sofort hierher geführt hätte, so wäre alles gut gewesen.
Das Zelt wurde aufgeschlagen und der Ofen aufgestellt. +Joel+ machte
Feuer an, holte Wasser und brachte den Theekessel „in Schwung“. Er war
jetzt der personifizierte Diensteifer, was er wohl kaum gewesen wäre,
wenn er die vielen Flüche verstanden hätte, die an jenem Nachmittage
über sein sündiges Haupt ergossen waren.
Hier verbrachten wir neun gemüthliche Tage, theils auf der Rennthier-
und Schneehühnerjagd, theils im Kajak. Dann zogen wir ein wenig weiter
bis Iterdtlak.
Es würde zu weitläufig und zu einförmig sein, eine Beschreibung von
dieser ganzen Zeit zu geben. Um aber doch einen Begriff von dem
Jägerleben dort oben in Grönland zu bekommen, kann man uns ja, falls
man nicht bereits genug bekommen hat, noch ein paar Tage auf der Jagd
begleiten.
Den 27. November. Die Sonne war schon aufgegangen, die Berggipfel auf
der andern Seite des Fjords errötheten gerade in ihren ersten Strahlen,
als +Joel+ und ich in unseren Kajaks an das Ende der westlich von
unserm Zeltplatz gelegenen Bucht kamen, wo uns +Joel+ an dem Abend
unserer Ankunft auf so unbegreifliche Weise umhergezerrt hatte.
Hier wurden die Kajaks auf das Ufer gezogen, die Schneeschuhe
angeschnallt, und dahin ging es, das Thal entlang. Heute haben wir es
auf das Rennthier abgesehen.
Wir waren noch nicht sehr weit gelaufen, als wir schon die Spuren
zweier Thiere im Schnee fanden, die den vorhergehenden Tag das Thal
passirt haben mußten. Wir folgten der Spur, die Augen schweiften
unablässig von dem einen Gebirgsabhang bis zum andern, aber kein Thier
war zu erblicken.
Wir gelangten an einen See, hier gingen die Spuren zurück, aber wir
setzten trotzdem unsern Weg thaleinwärts fort, kamen über den See,
tranken aus dem Bach unter Gefahr, kopfüber hineinzustürzen, während
wir auf der morschen Eisdecke lagen, setzten unsern Weg dann aufwärts
fort und waren gerade im Begriff, einen kleinen Hügel zu erklimmen, als
ich plötzlich +Joel+, wie vom Blitz getroffen, den Kopf herabbeugen
und auf die Ostseite des Thals zeigen sah, wobei er mit leiser Stimme
„Tugtut“ (Rennthier) rief.
Mit Blitzesgeschwindigkeit senkte sich jetzt auch mein Kopf dem
Erdboden zu, -- dort, in nicht weiter Entfernung von uns, standen sechs
Thiere! Schnell zogen wir uns zurück, so daß wir Deckung durch einen
Hügel erhielten. Ich zog mein weißes leinenes Ueberziehhemd und die
dazu gehörigen Beinkleider heraus, die eigens zu dem Zweck angefertigt
waren. +Joels+ Antlitz, als er mich in dieser Kleidung erblickte,
drückte das unverhohlenste Staunen aus, und er rief ein einziges
„Jupinnekaok“ (du gerechter Schöpfer) aus.
Der Zweck dieser Schneekleidung war ihm jedoch sofort klar, weshalb
er mich aufforderte, voranzugehen, und sich selber hinter meinem
Rücken verkroch. Als wir nähergekommen waren, mußten unsere Waffen
nachgesehen, von Schnee und Eis befreit werden etc. Um zu einem
neuen Schuß mit seiner Mundladebüchse bereit zu sein, nahm +Joel+
eine Kugel in den Mund. Da ich fand, daß dies ein sehr praktischer
Aufbewahrungsort war, und ohne an die Kälte zu denken, wollte ich
dasselbe mit einer Büchsenpatrone thun, kaum aber berührte das Metall
die Zunge, als es auch schon festhing. Ich riß die Patrone heraus, es
blieb aber ein Stück von der Zunge daran hängen.
[Illustration: Das Rennthier in Schußweite.
(Von A. Bloch.)]
Vermuthlich habe ich ein furchtbares Gesicht geschnitten, denn
+Joel+ bekam einen krampfhaften Lachanfall. Die Patrone wurde nun
mit einigen anderen in dem einen Fausthandschuh angebracht, und wir
krochen vorsichtig weiter. Es war gerade keine leichte Arbeit, still
und unbemerkt zu gehen, wenn man bei jedem zweiten Schritt bis an den
Magen in den Schnee versinkt -- die Schneeschuhe hatten wir natürlich
wieder abnehmen müssen, da wir auf ihnen nicht kriechen konnten -- und
noch dazu zwischen den großen Kieselsteinen in einem grönländischen
Flußbett! Mein weißer Ueberrock bildete indessen einen vorzüglichen
Schutz, was den Anblick betraf, der Schnee dämpfte den Laut, und der
kleine +Joel+ verbarg sich, so gut er vermochte, hinter meinem breiten
Rücken oder vielmehr hinter dem Körpertheil der, wenn man auf allen
Vieren kriecht, davorliegt.
Endlich kamen wir an den Rand eines Hügels und hatten nun die ganze
Rennthierherde auf einer Ebene vor uns, sie befand sich aber außer
Schußweite. Da war nichts, was uns hätte Deckung gewähren können,
deswegen mußten wir abermals zurückgehen und versuchen, weiter ostwärts
vorzudringen.
Hier kamen wir in dem Schutz einiger hoher Hügel gut vorwärts, spürten
gleichsam einen schwachen Luftzug hinter uns im Nacken, und +Joel+
mußte mit einer Wollflocke ausprobiren, aus welcher Richtung der Wind
kam. Da erblickte ich plötzlich einen jungen Rennochsen, der allein
stand und uns ansah, und den wir noch nicht bemerkt hatten. Wir bückten
uns Beide, er aber kam plötzlich auf uns zugesprungen. Ein Höhenrücken
entzog ihn unserm Blick -- wir hielten die Büchsen bereit --, da kam er
in guter Schußweite oben auf einem Hügel zum Vorschein, ich legte an
und zielte, aber der Schuß ging nicht los.
In größter Hast spannte ich den Hahn von dem zweiten Lauf, der
inzwischen mit einer Rundkugel glattgebohrt war, und legte abermals
an. Jetzt knallte mein Schuß gleichzeitig mit +Joels+. Das Thier
zuckte zusammen, es war offenbar in den Rücken getroffen, das rechte
Vorderbein schleppte. In wilden Sprüngen entfernte es sich von uns.
Ich versuchte nochmals meinen Büchsenlauf, aber er versagte wieder.
Schnell steckte ich eine neue Patrone hinein, diesmal knallte es und
von der Expreßkugel hinten getroffen, fiel das Thier todt um. Ich
sprang nun vor, um nach den andern Rennthieren zu sehen, die waren aber
nirgends zu erblicken. Da es bereits über die Mittagsstunde war und die
Tage nur kurz waren, hielt ich es für zu spät, um sie zu verfolgen,
und wir kehrten nach unserer Hütte zurück, unsere Beute hinter uns
herschleppend.
Das Erste, was ich that, war jedoch, daß ich niederkniete und einen
tüchtigen Trunk warmen Blutes aus der Schußwunde sog. Das schmeckt
an so einem kalten Tage! +Joel+ stand da und sah mir verwundert zu.
Ich fragte ihn, ob er nicht auch einen Schluck haben wolle, da aber
lächelte er verschmitzt über das ganze Gesicht, schüttelte den Kopf und
zeigte auf die Schnauze und den Magen des Thieres, was so viel heißen
sollte, als „aus dem Blute macht der Eskimo sich nichts, die Schnauze
und der Inhalt des Magens sind aber für ihn eine Delikatesse, die er
dem ganzen übrigen Rennthier vorzieht“.
Es handelte sich nun darum, unsere Beute an den Fjord hinunter zu
schleppen, wo unsere Kajaks lagen, aber dies war keine leichte Arbeit.
Wir holten unsere Schneeschuhe, verfertigten eine Art Schlitten, indem
wir sie alle nebeneinander legten, und packten das Rennthier darauf.
Dann spannten wir uns vor das Gefährt und zogen es. Es war aber kein
leichtes Stück Arbeit, um so weniger, als wir keine Schneeschuhe mehr
an den Füßen hatten und oft bis an die Hüften in den Schnee versanken.
Am schlimmsten war es, wenn wir auf Geröll kamen, wo wir unablässig
zwischen die großen Steine fielen, die der Schnee verrätherisch
bedeckte.
Aber es ist alles nur ein Uebergang, wie der Fuchs sagte, als er
geschunden wurde!
Gegen Nachmittag erreichten wir den Fjord. Es war eigentlich unsere
Absicht gewesen, unsere Kajaks zusammenzubinden, das Rennthier hinten
quer darüber zu legen und es so auf gewöhnliche Eskimomanier bis an
unser Zelt zu schaffen; aber wir fanden, daß es zu spät und zu dunkel
geworden war, deshalb zogen wir es vor, unsere Beute einstweilen liegen
zu lassen.
Nachdem wir den Bauch geöffnet, das Herz und die Leber herausgenommen
und von der letzteren einen Theil verzehrt hatten, sammelten wir
Steine, um das Thier damit zu bedecken, warfen Schnee darüber, steckten
einen Skistab daneben und banden einige Lappen daran fest, um Füchse,
Raben und Raubvögel fernzuhalten.
Dann bestiegen wir unsere Kajaks und zogen fröhlich heimwärts. Wir
waren nicht gar weit gekommen, als +Joel+ die Melodie zu dem „ewig
munteren Kupferschmied“ anstimmte, die damals in Grönland in der Mode
war, und der man grönländische Worte untergelegt hatte. Unter Gesang
glitten die Kajaks durch die Dunkelheit dahin, und die Kameraden
konnten uns schon aus der Ferne hören.
+Sverdrup+ und +Balto+, die ebenfalls auf Rennthierjagd gewesen waren,
erzählten, daß sie vier Thiere in einem hochgelegenen Thal gesehen
hätten, aber nicht bis auf Schußweite an sie herangekommen wären.
Am folgenden Tage war das Wetter schlecht, wir schafften das Rennthier
mit dem Boot bis an unser Zelt, zogen die Haut ab und zerlegten es. Das
Blut war nicht ganz rein. Unvorsichtigerweise hatte ich nämlich ein
Loch in einen Darm geschnitten, als ich am vorhergehenden Abend den
Bauch öffnete. Es war aber doch schade, dies gute Blut fortzuschütten,
deswegen versetzten wir es mit Mehl und kochten trotzdem eine
Blutspeise davon in unserem Kaffeekessel, der so leck war wie ein Sieb.
Er mußte mit Grütze und Fleisch und allem, was wir finden konnten,
dicht gemacht werden. Den Ausguß banden wir mit Stroh, Mehl und Tauwerk
zu. Es war wirklich ein schöner Anblick!
Und dann speisten wir unser Schwarzsauer! Die ersten Löffel voll hatten
eine große Neigung, wieder zurückzukommen, aber die Gewohnheit ist ein
guter Lehrmeister, wir gingen mit Todesverachtung darauf los, und bald
schmeckte es auch besser. +Joel+ sah dieser Zubereitung mißvergnügt zu,
und als er aufgefordert wurde, an der Speise theilzunehmen, schüttelte
er den Kopf und sagte: „~Ajorpok~“, was auf Deutsch heißt „das ist
Dreck“. Um sich zu trösten, holte er ein ungekochtes Schneehuhn
hervor, öffnete den Bauch, zog den Magen und die Gedärme heraus und
verschlang sie auf einmal, als sei ihm in unserer Blutspeise nicht
genügend Darminhalt. Dieser Anblick war +Balto+ denn doch zu viel, er
rief: „Nein, nein!“ steckte den Kopf zur Zeltthür hinaus, und dann
folgten einige unartikulirte Laute, wie von einem Menschen, welcher
seekrank ist. +Joel+ setzte indessen ruhig seine Mahlzeit fort, rupfte
das Schneehuhn und verzehrte es mit Haut und Haaren. Das Einzige, was
zurückblieb, war ein Federbüschel. Dies war in +Baltos+ Augen sehr
heidnisch und er sagte: „Das sieht gerade so aus wie ein Adler.“
Später kochten wir einen Theil des Rennthieres, aber es schmeckte
leider fast ebensosehr nach dem Inhalt des Darmes, wie die Blutspeise.
Dies schien jedoch +Balto+ und +Joel+ zu behagen, die Beiden aßen ganz
gehörig, ja, sie tranken sogar die Brühe dazu, an deren Geruch wir
Anderen mehr als genug hatten.
Ueberhaupt war unsere Zubereitung des Essens nicht gerade ausgesucht.
Wenn wir Mehlbrei kochten, wurde er fast immer halbgar verzehrt und
schmeckte wie Kleister, denn wir ließen uns niemals Zeit, zu warten,
bis er ganz gar war. Brieten wir Rennthierfleisch, so geschah es auf
die Weise, daß wir die gefrorenen Stücke auf den Ofen legten und die
äußere Rinde abschälten, sobald sie warm wurde. +Balto+ behauptete,
daß wir es nicht in Godthaab hätten aushalten können, weil es dort
zu reinlich herginge und wir unser Leben auf dem Inlandseise nicht
vergessen könnten, deswegen seien wir nach „Ameralik“ gezogen, um
„Schweinerei“ zu machen. Das sei der einzige Grund gewesen!
+Balto+ war übrigens unser steter Spaßmacher. Sobald wir unsere
Abendmahlzeit im Zelt eingenommen und Cigarren und Pfeifen angezündet
hatten, holte er die Karten hervor, die bald so schmutzig waren, daß
wir Mühe hatten, sie zu unterscheiden; die eifrigsten Kartenspieler
holten sofort eine Kiste herbei, die als Tisch dienen mußte, und dann
fing das Spielen an, das bis tief in die Nacht hinein währte und von
diesen pelzgekleideten Männern bei einer Temperatur von -15° ebenso
lebhaft betrieben wurde, als säße man in dem wärmsten Zimmer jenseits
des Meeres. Wenn die Finger gar zu steif wurden, so machte man einige
schlagende Armbewegungen, um das Blut wieder in Cirkulation zu bringen,
und dann begann das Spiel wieder mit erneuter Kraft.
Durch seine Bemerkungen in seinem oft höchst wunderlichen Norwegisch
verschaffte uns +Balto+ viel Amusement. Wenn er z. B. sagte: „Morgen
will ich auf die Jagd gehen und Rennthiere schießen, wenn ich aber
nichts bekomme, dann gehe ich nie wieder auf Rennthierjagd, sondern
nehme meine Bürschte (Büchse) und schieße Schneehühner,“ da konnten
wir uns vor Lachen kaum halten. Oder wenn er uns erzählte: „Tod und
Teufel! Ueber Nacht will ich einen Fuchs sitzen!“ so wirkte auch das
unwiderstehlich komisch; er meinte damit, er wollte Füchsen auflauern,
die in der Nacht an den Strand hinab zu kommen pflegten.
Den 4. Dezember. Das Tageslicht dämmerte schwach, als ich erwachte. Ich
steckte meinen Kopf aus dem Schlafsack und war angenehm überrascht,
als ich +Joel+ schon in seinem kalten Segel aufgerichtet sitzen sah,
mit seiner höchst primitiven Morgentoilette beschäftigt, die darin
bestand, daß er sich mit den Fingern durch sein rabenschwarzes Haar
fuhr, das ihm wie Hörner nach allen Seiten hin abstand. Dann steckte
er den Kopf zur Zeltthür hinaus, ließ die Augen über die Berggipfel
zu beiden Seiten des Fjordes gleiten und zog den Kopf wieder zurück.
„Nun, +Joel+, wie sieht’s heute mit dem Wetter aus, eignet es sich wohl
für die Rennthierjagd?“ „~Asukiak, imekame.~“ („Ich weiß nicht, es ist
möglich.“) Ich kenne +Joel+ genügend, um zu wissen, daß dies so viel
bedeutet als: „Das Wetter ist schlecht.“ Es ist eine Eigenthümlichkeit,
die ich nicht bei unserem Freunde Joel allein, sondern ganz allgemein
bei den Grönländern gefunden habe, daß sie einem Europäer nicht
gern widersprechen oder ihm eine Antwort geben, die ihm unangenehm
sein könnte. In letzterem Falle kleiden sie ihre Worte gern in eine
etwas zweideutige Form. Dies ist ja im Grunde ein hübscher Zug ihres
Charakters, der aber für Diejenigen, die mit ihnen zu thun haben, oft
recht unangenehm sein kann.
Ich kannte +Joel+, wie gesagt, und erwiderte ihm: „Du meinst also, daß
es heute wieder schlecht aussieht?“ „~Soruna Ajorpok.~“ („Freilich, es
sieht schlecht aus.“) „Der Wind steht thalaufwärts.“ Nun, dabei war
nichts zu machen. Wenn der Wind thalaufwärts steht, so daß man ihn,
wenn man dem Rennthier nachspürt, im Rücken hat, da soll man die Sache
lieber ganz aufgeben, denn man erreicht nichts weiter, als daß das Wild
scheu wird. Freilich sagte +Joel+ oft, daß der Wind ungünstig sei,
wenn er selber faul war (und das kam häufig vor), da mußte ich denn
selber hinaus und mich davon überzeugen, und gelangte dann häufig zu
dem Resultat, daß es sich schon machen ließe. Diesmal verhielt es sich
jedoch so, und wir beschlossen, wie gewöhnlich in solchen Fällen, auf
die Schneehühnerjagd zu gehen. +Joel+ kleidete sich an, heizte ein und
ging an den Bach, um Wasser für unsern Kaffeekessel zu holen, wobei er
gewöhnlich einigemale auf dem Glatteis fiel, so daß man ihn und den
Kaffeekessel deutlich hören konnte. „Da liegt +Joel+ wieder,“ pflegte
+Sverdrup+ zu sagen.
Endlich war dann der Kaffee fertig, und wir verzehrten unser Frühstück
in den Schlafsäcken, wobei wir berathschlagten, wohin die Einzelnen
heute gehen wollten, und wo wohl am meisten Aussicht auf Schneehühner
sei. Sobald das Frühstück eingenommen war, kleideten wir uns an,
griffen nach den Büchsen, gingen hinaus, schnallten die Schneeschuhe
unter die Füße und verschwanden Jeder in seiner Richtung.
Es währte eine ganze Weile, bis ich fertig war, mehrere von den
Gefährten hatten sich bereits auf und davon gemacht, besonders waren
+Balto+ und +Kristiansen+ heute sehr früh auf den Beinen gewesen. Als
ich die Schneeschuhe angezogen hatte, ging ich über einige Bergrücken
ein wenig östlich vom Zelt, wo es aussah, als könnten dort Schneehühner
sein. Der Weg war beschwerlich, er führte über unebene Stellen, wo
das Schneehuhn sich gern aufhält. Das Auge späht und späht nach allen
Richtungen zwischen den Steinen, aber ich hatte heute kein Glück,
nichts war zu entdecken, was auf die Nähe eines Schneehuhns schließen
ließ, kein schwarzer runder Punkt, der dem Auge eines Schneehuhns[92]
gleichen konnte, hob sich von der weißen Schneedecke ab, nirgends eine
Spur oder ein gackernder Laut! Ich vernahm nichts als meine eigenen
Schritte auf dem Schnee. Ich stieg immer höher und erreichte einen
Bergrücken, der eine Aussicht über das Land nach dem Inlandseise
gewährte. Wie wunderbar leblos, nicht einmal ein kreisender Adler
oder ein krächzender Rabe, an denen es doch sonst niemals zu fehlen
pflegt. Rings umher stehen die schweigsamen schneebedeckten Berge mit
den dunklen Abhängen, an denen der Schnee nicht liegen bleibt. Tief
unten, an der steilen Felswand entlang, schlängelt sich der dunkle
Ameralikfjord schwermüthig dem Meere zu, von allem Leben, allem
Sonnenlicht vergessen, -- bis an sein Gestade dringt den ganzen Winter
nicht ein einziger Sonnenstrahl. Kein Wald, keine Bäume, ja nicht
einmal ein Busch oder Strauch ist zu erblicken. Und doch ist es schön
hier! Jetzt wirft die Sonne ihr Streiflicht über die Berggipfel an der
anderen Seite des Fjordes, der Schnee erglänzt, erröthet. Die Natur
bedarf, um schön zu sein, nicht immer des Lebens.
Ich lenkte meine Schritte weiter landeinwärts. Vor mir lag eine flache
Ebene mit einer Moorstrecke, und jenseits derselben eine steile
Felswand. Ich hatte noch nicht viele Schritte zurückgelegt, als es
mir vorkam, als vernähme ich dort oben auf der Felswand einen Laut.
Ich glaubte, daß es möglicherweise ein Rennthier sein könne, das sich
verlaufen hatte. Ich blickte hinauf, konnte aber nichts entdecken,
und fand es auch ganz natürlich, kein flügelloses Wesen konnte den
steilen Abhang erklimmen. Abermals schritt ich landeinwärts weiter,
da vermeinte ich ganz deutlich ein rasselndes Geräusch zwischen den
Steinen zu hören, und diesmal konnte ich mich nicht getäuscht haben.
Ich hielt an, ich blickte hinauf, entdeckte aber nichts; es mußte
dennoch ein Irrthum gewesen sein, und abermals setzte ich meinen Weg
fort, indem ich darüber grübelte, wie ich mich im Grunde so irren
könnte. Da erschallten plötzlich Schritte von der Bergwand her, diesmal
aber so scharf und deutlich, daß von einem Irrthum nicht die Rede sein
konnte, und so suchte ich denn mit meinen Augen die ganze Bergwand
nach dem vermeintlichen Rennthier ab. Es währte lange, bis ich etwas
fand, -- ich suchte zu weit nach unten; als ich aber bis an die Mitte
der steilen Felswand kam, wie staunte ich da, als ich einen +Menschen+
erblickte, der dort oben gleich einer Mücke zwischen den Steinen
umherkroch. An dem langen Wams und der viereckigen Mütze erkannte ich
+Balto+, er ging gerade mit seinen Schneeschuhen über einen kleinen
schneebedeckten Abhang, der über die steile Felswand hinausragte. Ich
stand wie angenagelt da. Soweit der Abstand es gestattete, verfolgte
ich jede Bewegung. Ich konnte sehen, wie er die Schneeschuhe in die
Schneewand hineinstampfte, um festen Fuß zu fassen, die Büchse hing
ihm schräg über den Rücken, den Kopf wandte er der Bergwand zu. Er
bewegte sich vorsichtig Schritt für Schritt vorwärts, während er sich
auf seinen Stab stützte. Ich konnte nicht begreifen, woher er, der doch
sonst so für sein Leben besorgt war, plötzlich diesen Muth bekommen
hatte. Da glitt ein Fuß aus, er hieb den Stab fest ein, da glitt auch
der andere Fuß aus, -- in sausender Fahrt ging es bergabwärts, --
das Blut erstarrte mir förmlich in den Adern. Der Schnee wurde mit
hinabgerissen, es ging in immer wilderer Fahrt, und gerade unter ihm
befand sich eine tiefe Schlucht. Da blieben seine Kleider an einem
Felsvorsprung hängen, der über dem Abgrund aus dem Schnee hervorragte.
Einen Augenblick blieb er in der Schwebe, zappelnd und bemüht, festen
Fuß zu fassen, dann aber gab das Felsstück nach. Nun folgte eine
Luftreise, dann ging es über eine schneebedeckte Strecke, dann abermals
an einem steilen Abhang hinab, bis er als unbewegliche Masse auf einem
Felsabsatz liegen blieb. Ich hielt ihn für todt oder doch jedenfalls
völlig gerädert.
Da ward ein Arm sichtbar, der sich vorsichtig im Gelenk bog, dann
ein zweiter, und dann der Kopf, der sich ein wenig aufrichtete
und einige vorsichtige Nackenbewegungen machte, dann die Beine --
merkwürdigerweise schien alles heil geblieben zu sein --, und nun erhob
er sich. Ich konnte nicht so recht sehen, was er eigentlich wollte,
dann erklang aber ein Schuß. War seine Büchse losgegangen? Ich sah ihn
mit etwas beschäftigt, konnte aber nicht erkennen, was es war. Ein
zweiter Schuß folgte. Was hatte dies nur zu bedeuten? Er ging auf dem
kleinen Absatz umher, augenscheinlich nach einem Ausweg spähend, der
nicht zu finden war. Nun aber nahm er die Schneeschuhe auf den Nacken
und fing vorsichtig an, die Bergwand an einer Stelle hinabzusteigen,
wo er einigermaßen festen Fuß fassen konnte. Schritt für Schritt ging
er. Als ich ihn endlich unten im Steingeröll außer Gefahr sah, zog ich
weiter. Ich fand an dem Tage jedoch keine Schneehühner, ich hatte kein
Glück. Da vernahm ich einen Schuß von +Balto+, er befand sich nun nicht
weit von mir oben zwischen dem Steingeröll an der anderen Seite einer
Felsspalte. Ich blickte hinüber und gewahrte einen Flug Schneehühner,
die von ihm weg flatterten und sich zwischen dem Steingeröll in der
Bergspalte niederließen. Da es nicht weit von mir war, ging ich den Weg
hinauf und gewahrte bald Unmengen von Schneehühnern, die in dem Schnee
zwischen den Steinen umhertrippelten. Sobald man sich näherte, standen
sie still und reckten ängstlich die Hälse aus, ließen mich aber doch
bis auf Schußweite herankommen. Ich schoß ein paar Vögel, scheuchte
aber damit den ganzen Schwarm tiefer in das Geröll hinein, wo +Balto+
gerade zum Vorschein kam, und wo er nun seine Mundladebüchse lud und
damit schoß, als gälte es sein Leben. Da ich sah, daß er sehr gut
allein damit fertig werden konnte, setzte ich mich hin, schaute ihm zu
und wartete auf ihn. Die Schneeschuhe hatte er abgenommen und sprang
nun von einem Stein zum andern, überall vorsichtig umherspähend. Es
mußte ihm sehr heiß sein, denn er hatte die Mütze abgeworfen, obwohl es
15 Grad Kälte waren. Erblickte er ein Schneehuhn, so schlich er sich an
dasselbe heran, theils krummgebeugt hinter den Steinen gehend, theils
auf allen Vieren kriechend, bis es ihm oft so nahe kam, daß er es fast
hätte mit dem Büchsenkolben tödten können, -- ein langes vorsichtiges
Zielen, dann ein Knall, und das Schneehuhn lag in der Regel todt da.
Dann lud er und sah sich, ehe er sich näherte, vorsichtig um, ob mehr
Schneehühner in der Nähe wären. War das Thier angeschossen, so entstand
eine wilde Jagd, es flatterte voran und +Balto+ eilte hinterdrein, so
daß der Schnee um ihn her aufstob, hin und wieder trat er fehl und
versank bis an den Magen zwischen den Steinen. Schließlich stürzte er
sich über den Vogel und biß ihm den Kopf ab. Endlich war er fertig
und kam nun barhäuptig und außer Athem zu mir hinab, während ihm die
Schneehühner von der Schulter herabhingen, mich fragend, ob ich ein
angeschossenes Huhn gesehen habe, das ihm nach dieser Richtung hin
entwischt sei. Wenn er das bekäme, hätte er gerade fünfzehn. Nein, ich
hatte es nicht gesehen. Dann fand er aber Spuren im Schnee und bald
auch das Schneehuhn selber, jetzt entstand eine neue Jagd, die damit
endigte, daß es oben zwischen einigen Steinen gefangen wurde. Dann
sammelte er seine Siebensachen und wir zogen heimwärts; auf dem Wege
erklärte er mir, daß unter dem einen Bergabhang einige Schneehühner
liegen müßten, die dort hinuntergefallen seien, und richtig, wir
fanden sie dort. Er war in rosigster Laune, sichtlich erfüllt von
seinem Jägerglück, und erklärte mir ganz genau, wie er die einzelnen
Schneehühner geschossen habe. Im Laufe des Gesprächs erwähnte er auch,
daß er nahe daran gewesen sei, das Leben zu verlieren, er sei einen
Berg hinabgefallen. Ich ließ ihn ruhig erzählen. Als er geendet hatte,
sagte ich ihm, daß ich Augenzeuge des Ganzen gewesen, daß es mir aber
nicht klar geworden sei, was die beiden Schüsse zu bedeuten gehabt
hätten. Er erwiderte, daß er, als er sich vergewissert hatte, daß alles
an ihm heil geblieben sei, sich umgesehen und plötzlich bemerkt habe,
daß er neben zwei Schneehühner gefallen sei, die ihn mit schiefen
Köpfen verwundert anschauten. Er holte die Büchse hervor und schoß das
eine Schneehuhn, das andere blieb ruhig sitzen, während er lud, auch
das habe er erlegt. „Aber,“ schloß er seinen Bericht, „jetzt hab’ ich’s
fürs Erste satt, Schneeschuhe auf steilen Felswänden zu benutzen,“ und
das bewies er auf dem Rückwege, denn sobald er an einen steilen Abhang
kam, nahm er seine Schneeschuhe ab und trug sie.
Wir hatten nun alle Rennthierstriche um Kasigianguit herum besucht
und sehnten uns nach Abwechselung und neuen Jagdgebieten. +Joel+
erzählte, daß sich weiter ins Land hinein bei Iterdtlak vorzügliche
Rennthierweiden befinden sollten, und so brachen wir denn eines Morgens
unser Lager ab, schoben das Boot ins Wasser, belasteten es und zogen
weiter, während +Joel+ uns mit seinem Kajak den Weg zeigte. Die See
vor dem Zeltplatz war ruhig, als wir auszogen, sie lag vor den Winden
geschützt da. Sobald wir aber an der nächsten Landzunge in den Fjord
hinausgekommen waren, sollten wir indessen andere Erfahrungen machen.
Vom Ende des Fjordes her wehte ein heftiger Ostwind, der auf die
hohen Felsen stieß und das Wasser hoch aufpeitschte. Unser langes,
jämmerliches Boot, „der Walfischfänger“, das trotz seines Namens nie
Dienste als solcher gethan hat, durchschnitt die hohen, wilden Wogen
gleich einem Keil mit seinem spitzen Bug, so daß jede Welle darüber
zusammen schlug. Dies hätte nichts zu sagen gehabt, falls wir hätten
schöpfen können, aber es war so kalt, daß das Wasser, das sich
schon auf dem Gefrierpunkt befand, in dem Augenblick, wo es mit dem
kalten Holz oder Eisen des Bootes in Berührung kam, gefror. Bis zu
mir, der ich hinten am Steuer saß, gelangte auch nicht ein nasser
Tropfen, während +Sverdrup+, der vorne saß und ruderte, bald in einen
vollständigen Eisharnisch gehüllt war. Wir mühten uns lange ab, es wäre
eine Schande, die Flinte ins Korn zu werfen, um so mehr, als +Joel+ in
seinem kleinen Kajak nur über das Ganze lachte, dann aber half es nicht
mehr, wir mußten wenden, das Boot war dem Sinken nahe. So ging es denn
in fliegender Fahrt zurück nach unserem alten Zeltplatz. Sobald wir in
dessen Schutz kamen, bemerkte ich, daß die Nase mir völlig abgefroren
war, sie war weiß und gefühllos wie ein Eiszapfen. So eine gefrorene
Nase ist kein schöner Anblick, wenn sie nachher wieder auftaut und zu
einem rothen Gewächs mit Fransen von abfallender Haut anschwillt.
[Illustration: Unser langes jämmerliches Boot durchschnitt die hohen
wilden Wogen.
(Von Th. Holmboe nach einer Zeichnung des Verfassers.)]
Es war kein geringer Genuß nach all den Beschwerden des Tages, die ja
die Würze des Jägerlebens sind, das Boot ans Land zu ziehen, das Zelt
aufzuschlagen und eine gute Tasse warmen Kaffee in den Schlafsäcken zu
sich zu nehmen.
Am 5. Dezember hatten wir besseres Glück und gelangten trotz des
starken Seeganges nach Iterdtlak, wo wir indessen statt der erwarteten
Rennthiere die Thäler mit Steingeröll und Moränen angefüllt fanden,
die für das Auge eines Geologen interessant genug waren, für einen
Jäger aber wenig Interesse boten. Dies ist diejenige Art von Land, auf
welcher die Rennthiere am allerwenigsten gedeihen. Wir hatten unseren
guten Freund +Joel+ in Verdacht, daß er uns nur da hinausgelockt habe,
um Fuchsfallen aufzustellen und möglicherweise Blaufüchse zu fangen,
deren Fell nach grönländischen Verhältnissen gut bezahlt wird. Die
Handelscompagnie bezahlt ein solches Fell mit 4 Kronen, um es in Europa
für etwa 100 Kronen wieder zu verkaufen.
Als wir uns über zwei Wochen im Ameralik-Fjord aufgehalten hatten, fing
unser Proviant an auf die Neige zu gehen, alles Brot war verzehrt,
auch an Mehl gebrach es uns, und die Rennthiere waren fast gänzlich
verschwunden. Als deswegen am 10. Dezember ein günstiger Wind wehte,
beluden wir unser Boot und zogen heimwärts. Wir spannten unsere beiden
Segel auf, eins auf jeder Seite, und in fliegender Fahrt durchschnitten
wir die Wellen auf unserm Wege aus dem Fjord hinaus.
+Joel+ leistete Erstaunliches in seinem Kajak, denn trotz unseres
schnellen Segelns konnte er es mit uns aufnehmen. Bald erreichten
wir die Mündung des Fjordes, da wir aber nun eine nördliche Richtung
einschlagen mußten, so hatten wir den Wind entgegen und mußten rudern.
Bald brach die Dunkelheit herein, der Wind flaute ab und bei dem
herrlichsten Mondschein zogen wir über die dunkle Wasserfläche dahin,
von der sich die schneebedeckten Felsen und Inseln weiß und schweigend
abhoben; hinter uns blitzte unser Kielwasser im Mondschein wie ein
langer silberner Streif.
Eine grönländische Winternacht kann unvergleichlich schön sein!
In der Nähe von Godthaab wurde +Joel+ mit seinem Kajak vorausgesandt,
und als wir am Landungsplatz anlangten, war die ganze Kolonie dort
versammelt, um uns in Empfang zu nehmen. Grönländer und Europäer
standen nebeneinander unten am Strande. Diese Menschenmengen nahmen
sich phantastisch aus in dem glänzenden Mondlicht, mit der winterlich
gekleideten Kolonie im Hintergrunde.
Viele Hände waren behülflich unsere Sachen ans Land zu schaffen. Ein
wenig Reinlichkeit, etwas europäischer Komfort und ein erwärmtes
Zimmer, das that gut nach dem mehrwöchentlichen Zeltleben in Eis und
Schnee.
Fußnote:
[92] Die weißen Schneehühner sind nämlich für jedes ungeübte Auge
schwer von dem Schnee zu unterscheiden; am leichtesten erkennt man sie
an dem schwarzen Schnabel und den schwarzen Augen.
Kapitel XXVIII.
Die erste Uebungsstunde im Kajakrudern.
Das Kajakrudern übte natürlich auf uns Europäer eine große
Anziehungskraft aus. So schnell wie möglich hatte ich mir einen
Kajak anfertigen lassen, den ich, wie bereits erwähnt, auch auf den
Jagdausflug an den Ameralikfjord mitgenommen hatte. Jedoch erst Ende
Dezember war er vollständig eingerichtet mit Pelzwerk für schlechtes
Wetter etc., so daß die Uebungen allen Ernstes vor sich gehen konnten.
Dem Ungeübten wird das Kajakrudern anfänglich sehr schwer. Es ist nicht
leicht, dies schmale, schlanke Fahrzeug zu balanciren. Wenn man die
Eskimos leicht wie Seevögel über die Wogenkämme dahinhuschen sieht, so
hat das Ganze freilich den Anschein, als wäre es ein Tanz.
Sobald mein Kajak fertig war, ging es an den Strand. Nach verschiedenen
vergeblichen Versuchen gelang es mir, die Beine und die Hüften durch
die Kajaköffnung zu zwängen und mich zu setzen, was für den Ungeübten
keine Kleinigkeit ist, wenn der Kajak so klein ist, wie er sein muß.
Dann wurde ich vorsichtig ins Wasser hinausgeschoben, aber das Gefühl,
das mich in dem Augenblick erfaßte, als der Kajak den festen Boden
verließ, läßt sich nicht beschreiben. Erst schwankte er auf die eine,
dann auf die andere Seite, jeden Augenblick war ich darauf gefaßt,
mich herumzudrehen. Mit hoffnungsloser Sehnsucht und Neid sah ich die
Eskimos an, die natürlich alle in ihren Kajaks draußen waren und den
Anblick von „Nalagak“ im Kajak genießen wollten. Die Uebung hat aber
einen merkwürdigen Einfluß, und schon nach wenigen Malen fand ich mich
einigermaßen damit zurecht. Noch besser wurde es, nachdem ich mir zwei
„Kajakjunge“ hatte machen lassen. Dies sind kleine Unterstützungsböte
von 2 Fuß Länge aus Holzwerk und ähnlich wie ein Kajak von außen mit
Fellen bezogen, auch die Form gleicht der des Kajaks. An jede Seite
des Kajaks wird eins dieser Böte befestigt, wodurch der Ruderer mehr
Halt bekommt. Die Eskimos selber bedienen sich ihrer jedoch nur äußerst
selten.
Eines Tages gerieth ich beim Rudern in eine Schar Delphine, die ich bis
weit ins Meer hinaus verfolgte. In meinem Jagdeifer bemerkte ich nicht,
daß der Tag auf die Neige ging, und als ich endlich den Rückweg antrat,
hatte es bereits angefangen zu dunkeln. Unglücklicherweise erhob sich
ein heftiger Südwind, den ich von der Seite hatte, und der mir das
Rudern sehr erschwerte. Erst gegen Abend erreichte ich Godthaab. Hier
war man meinetwegen schon in großer Sorge, denn alle Fänger waren
längst zurückgekommen. Die ganze Kolonie, Grönländer wie Europäer, war
auf den Beinen.
+Balto+ schildert die kleine Begebenheit folgendermaßen:
„Als es anfing zu dunkeln, fingen wir an, uns zu verwundern, daß
Nansen noch nicht kam. Wir warteten noch eine gute Weile auf Nansen,
er kam aber noch immer nicht. Da geriethen Alle in große Bekümmerniß
darüber, denn wir hatten gehört, daß Nansen nicht nach Neuherrnhut
fahren wollte, wohin die anderen Europäer gefahren waren, um den
Geburtstag des Missionar +Voged+ zu feiern. Trotzdem sandten wir
einen Boten dahin, aber er war nicht dort. Sogleich, als ich hörte,
daß Nansen nicht dort sei, fiel ich auf das Bett nieder, und meine
Thränen begannen zu rinnen. +Bistrup+ versammelte alle Einwohner der
Kolonie und befahl ihnen, sich fertig zu machen und hinauszurudern, um
Nansen zu suchen. Sie waren gleich bereit, und +Dietrichson+ fuhr mit
und nahm Büchse, Licht und Horn, um damit rufen zu können. Gerade, als
das Boot vom Lande abstieß, kam Nansen guter Dinge am Ufer an, und da
erhoben die Grönländer ein schreckliches Gebrüll und riefen: „~Kujanak,
Kujanak, Nansen tigipok, ajungilak~“, d. h. „Gott sei Dank, Nansen ist
gekommen“, oder „Danke, danke, Nansen ist gekommen, es ist gut“. Dann
kam das Herz wieder auf seinen rechten Fleck, und wir waren fröhlich
wie vorher.“
Nachdem ich mich eine Zeit lang im Kajakrudern geübt hatte, und meine
Kameraden sahen, daß es einigermaßen gut ging, bekamen noch mehrere
von ihnen Lust, es zu versuchen. +Sverdrup+ war der erste von ihnen,
der einen Kajak bekam. Er fing nun auch an, sich zu üben, und erlangte
bald eine große Fertigkeit. +Balto+ hatte bereits gleich nach unserer
Ankunft den Wunsch geäußert, im Kajak zu rudern, und fragte mich, ob
ich glaube, daß es schwer zu lernen sei. Inzwischen hatten dann die am
Orte ansässigen Dänen, von denen keiner in dieser Kunst bewandert war,
ihm die damit verknüpften Gefahren vorgestellt und ihm erzählt, wie
Viele jährlich dabei verunglückten, und +Balto+, der sich gerade nicht
durch Muth auszeichnete, hatte die Sache aufgegeben und es ruhig mit
angesehen, daß ich mich auf der See tummelte; als aber auch +Sverdrup+
anfing, wurde ihm die Versuchung denn doch zu stark.
Sowohl +Sverdrup+ wie ich stellten ihm vor, daß es durchaus keine
leichte Sache sei, im Kajak zu rudern, und daß er sich sehr dabei in
acht nehmen müsse. Aber +Balto+ hatte jetzt große Rosinen im Sack und
sagte, er würde schon damit fertig werden, denn er sei daran gewöhnt
in dem „Pulk der Lappen“ zu fahren. +Sverdrup+ meinte indessen, er
würde schon gewahr werden, daß dies nicht dasselbe sei wie das Fahren
in dem „Pulk der Lappen“. +Balto+ aber blieb bei seiner Meinung.
+Sverdrups+ Kajak wurde an den Strand hinabgetragen, und ein großer
Theil der Godthaaber Bevölkerung, sowohl Europäer als auch Grönländer,
hatten sich eingefunden, um bei dem großen Ereigniß zugegen zu sein.
Ich lag in meinem Kajak, bereit, ihn wieder aufzufischen.
+Balto+ setzte sich in den Kajak, zwängte sich in die Oeffnung hinein,
steckte sein langes Wams hinein und machte sich mit sehr überlegener
Miene bereit, jetzt wollte er ihnen einmal zeigen, wozu ein Lappe
im stande ist. Als er fertig war, griff er nach dem Ruder, nahm es
fachmäßig in beide Hände und bat, daß man ihn jetzt ins Wasser hinab
lassen möge.
Kaum berührte jedoch der Kajak den Wasserspiegel, als seine Miene auch
schon ein wenig bedenklich wurde, aber er wollte doch den Flotten
spielen und versuchte sogar, den Kajak mit ins Wasser hinein zu helfen,
jetzt war nur noch ein kleines Ende auf dem festen Lande. Da wich alle
seine Zuversicht dem Ausdruck grenzenlosester Angst, der Kajak glitt
hinaus, ungemüthlich schwankend. +Balto+ machte einige verzweifelte
Bewegungen mit dem Ruder in der Luft, wohl mit der Absicht, das Ruder
ins Wasser zu stecken, sein Antlitz drückte die hellste Verzweiflung
aus und dann rief er: „~Å så dä, å så dä~ -- --“.
Weiter kam er aber nicht, denn dann ging der Mund und der ganze
Kerl unter, und wir sahen nichts mehr als den Boden des Kajak und
seine viereckige Federmütze, die oben auf dem Wasser schwammen.
Glücklicherweise war es so flach, daß er den Grund mit den Armen
erreichen konnte, und der Kajak war dem Ufer so nahe, daß man ihn von
dort aus erreichen und aufs Trockene ziehen konnte. Er wurde mit einem
unbarmherzigen Hohngelächter von allen Anwesenden, besonders von den
Mädchen begrüßt. Dann kroch er aus dem Kajak heraus, und während er so
am Ufer stand, mit Armen und Beinen zappelnd, während ihm das Wasser
aus den Kleidern tropfte, die ihm am Leibe fest klebten, sah er aus wie
eine Vogelscheuche.
[Illustration: Die Mitglieder der Expedition in ihren Kajaks im Hafen
von Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]
Das Erste, was er sagte, war: „Nun, ich bin beinahe +naß+!“ (Er
gebrauchte häufig das Wort „beinahe“ statt „ganz“). Dann besann er sich
eine Weile und sagte: „Ja, das muß man aber sagen, ein Kajak ist ein
Teufelsboot!“
Es währte lange, ehe +Balto+ wieder einen Versuch im Kajakrudern
machte. Kurz darauf ließ sich übrigens auch +Dietrichson+ einen Kajak
machen, und gar bald war er ein tüchtiger Ruderer.
Als +Balto+ und +Kristiansen+ sich dies eine Weile ruhig mit angesehen
hatten, konnten sie es nicht länger aushalten, am Lande zu stehen.
Sie machten sich Beide selbst einen Kajak, indem sie sich von den
Grönländern mit der Form etc. helfen ließen. Bald waren ihre Fahrzeuge
fertig und wurden von den Grönländerinnen mit Fell bezogen, worauf sie
anfingen, sich fleißig zu üben. +Balto+ war nun jedoch so vorsichtig
geworden, daß er sich von Anfang an der „Kajakjungen“ bediente. Er
wollte nicht Gefahr laufen, daß es ihm wieder so erging wie das erste
Mal. +Kristiansen+ war weniger verzagt. Er flößte uns Allen große Angst
ein, indem er sich schon am ersten Tage ohne die Kajakjungen weit in
die See hinaus wagte, aber er zog sich merkwürdig gut aus der Affaire.
Als der Frühling kam, konnte man alle Mitglieder der Expedition mit
Ausnahme des alten +Ravna+ in ihren Kajaks auf Jagd nach Seevögeln
ausziehen sehen.
Seehunde giebt es im Winter nur wenig, weswegen es sich nicht
verlohnt, des Vergnügens halber Jagd auf sie zu machen. Wir legten uns
hauptsächlich auf das Vogelschießen, und besonders die Eidergansjagd
übte große Anziehungskraft auf uns aus. Während der ersten Hälfte
des Winters wird diese Jagd hauptsächlich des Abends betrieben,
wenn die Eidergans in größeren oder kleineren Schwärmen am Ufer des
Fjordes entlang zieht. Die Kajaks liegen da in Reih und Glied an den
Landzungen, und von dort aus schießt man die Vögel im Fluge. Es war
ganz spannend, so auf der Lauer zu liegen. Das Auge ist unverwandt
gen Süden gerichtet, von woher der Vogel erwartet wird. Plötzlich
beugen die hintersten Kajakmänner, so weit man sie erkennen kann, sich
vorüber und treiben die Kajaks mit aller Kraft vorwärts, die ihnen
Zunächstliegenden machen es ebenso, und die ganze Kajaklinie neigt
sich nach vorne. Dann liegen die Fernsten eine Weile ganz regungslos
da, auf einmal durchdringt ein Blitz die Finsterniß, ein Knall folgt,
noch ein Blitz und noch einer, bis es sich die ganze Reihe hinauf
verpflanzt. Eine dunkle Masse wird im Süden sichtbar, sie kommt lautlos
an der Oberfläche des Wassers entlang, man drängt die Kajaks noch
ein wenig mehr vor, um einen besseren Halt zu haben, das Ruder wird
unter den Riemen gesteckt, und man hält die Büchse bereit. Jeder Vogel
ist jetzt zu unterscheiden, und im selben Augenblick, wo der Schwarm
vorüberkommt, legt man an und zielt auf eine kleine Strecke vor dem
Punkt, an welchem die Vögel am dichtesten fliegen; der Schuß knallt,
und wenn man Glück hat, fallen oft zwei oder mehr Vögel. Dann ladet man
wieder, die Vögel werden aufgesammelt, hinten auf den Kajak gelegt, und
man hält sich zum Empfang des nächsten Schwarms bereit. Auf diese Weise
fährt man fort, bis es dunkel ist, die Kajaklinie beugt sich vorwärts
und rückwärts, je nachdem die Vögel näher oder weiter vom Lande fliegen.
Diese Jagd erfordert eine nicht geringe Fertigkeit im Schießen,
denn die Eidergans fliegt bekanntlich sehr schnell, außerdem muß
man völlige Herrschaft über den Kajak haben, um sich in richtiger
Schußweite zu halten und einigermaßen sicher treffen zu können. Hierin
besitzen die Eskimos zum Theil eine ganz erstaunliche Tüchtigkeit. Die
Geschwindigkeit, mit der sie die Kajaks bewegen, die Ruder befestigen
und die Büchse anlegen, sowie die Sicherheit, mit der sie treffen,
selbst wenn es nur ein einziger Vogel ist, auf den sie schießen, muß
die Bewunderung des besten Vogelschützen erregen, um so mehr, als das
leichte Fahrzeug auf der See unablässig hin- und herschwankt.
Kapitel XXIX.
Weihnachten in Godthaab.
Und dann kam das Weihnachtsfest heran. In Bezug auf dessen festliche
Begehung wollen die Grönländer hinter keinem anderen Volk zurückstehen.
Schon Monate vorher beginnen die Vorbereitungen. Die Frauen sind eifrig
mit dem Anfertigen einer Unmenge von schönen Kleidungsstücken, Anoraks,
Beinkleidern und Kamikern beschäftigt, die mit strahlenden Stickereien
verziert werden. Die ganze Familie, von den allerjüngsten bis zu den
ältesten Mitgliedern muß von Kopf zu Fuß in neuen festlichen Gewändern
erscheinen. Besonders die jungen, unverheiratheten Mädchen müssen sich
putzen. Gehören sie einer der bessergestellten Familien an, die im
Dienst der Handelscompagnie stehen, so pflegen die Eltern im Sommer mit
dem Schiffe etwas besonders Schönes an Stoffen aus Kopenhagen kommen zu
lassen, wie man es nicht in der Kolonie findet, am liebsten Seide, ja
es ist sogar vorgekommen, daß sie Sammet für ihre Töchter verschrieben
haben. In ihrem neuen Staat, der gewöhnlich in aller Stille angefertigt
wird, kommen sie dann plötzlich an dem großen Fest zum Vorschein, eine
immer strahlender als die andere.
Unterhalten sich die Frauen anderer Länder über Putz und Kleider, so
thun es die getauften Grönländerinnen nicht minder. Ich kann freilich
nicht leugnen, daß die westgrönländischen Mädchen am Weihnachtsabend
oft so bezaubernd aussehen, daß ein Vergleich für die Schönheiten
jenseits des Meeres trotz ihres europäischen Pompes nicht immer
vortheilhaft ausfallen würde.
Aber nicht allein mit dem Anzuge macht man sich vor dem Fest zu
schaffen. Um gehörig in körperlichen Genüssen schwelgen zu können,
spart man wochenlang Geld zusammen, soweit ein Grönländer überhaupt im
stande ist zu sparen, und wenn man nichts hat, so verschafft man sich
etwas, indem man die nothwendigsten Geräthschaften an den Kaufmann
verkauft. So z. B. ist es nichts Ungewöhnliches, daß der Grönländer
die Federn aus seinen Betten verkauft, um dafür einige Leckereien zu
erstehen, und dann den Rest des Winters in aller Kälte, nur mit einem
baumwollenen Bezug bedeckt, daliegt. Vor allen Dingen gilt es, sich
Ueberfluß an Kaffee zu schaffen.
Hieraus ersieht man, daß das Weihnachtsfest durch Ueberführung auf
grönländischen Grund und Boden seinen Charakter nicht verbessert hat.
Es ist der Ruin besorgter Familienväter und das Verderben aller Mägen.
Es bringt eine kurze Freude, der oft ein langer fühlbarer Mangel folgt.
Daß dies in den Geschmack der Eskimos fällt, die sich mehr als jedes
andere Volk die Lehre der Bibel: „Sorget nicht für den morgenden Tag“
zu Herzen genommen haben, ist ganz selbstverständlich.
Auch bei dem Koloniedirektor war man eifrig mit Vorbereitungen
beschäftigt. Schon seit langer Zeit hatte unsere liebenswürdige
Wirthin, +Dietrichson+ und +Sverdrup+, Tüten, Körbe und andere Sachen
aus buntem Papier verfertigt, während der Direktor einen Tannenbaum
fabrizirte, indem er grönländische Wachholderzweige in einen Stock
einfügte, der als Stamm diente.
Und dann kam der Weihnachtsabend. Am Vormittage wurde der Tannenbaum
aufgeputzt.
Um 2 Uhr fand eine große Festfeier in der Kirche statt, es betraf die
Prüfung der Schulkinder; bei einer solchen Gelegenheit sind natürlich
alle Grönländer zugegen.
Sobald die Feier beendet ist, stürzen einer alten Gewohnheit gemäß alle
Kinder nach der Wohnung des Koloniedirektors, wo sie jedes eine Tüte
mit Feigen erhalten. Als dieser Schatz nach Hause gebracht war, kamen
sie auch zu uns, um sich von uns ein ähnliches Geschenk abzuholen. Es
war eine ganze Völkerwanderung von diesen kleinen Pelzmenschen. Alle
Kinder, die nur eben gehen können, kommen herangetrippelt. Sind sie
unter dem Alter, so werden sie von ihren Müttern getragen, für die
Allerkleinsten nehmen es die Andern mit.
Am Nachmittag um 5 Uhr fand ein Kirchenkonzert statt. Von einem aus
Grönländern und Grönländerinnen bestehenden Chor, der lange vorher
in aller Stille eingeübt war, wurden Weihnachtslieder gesungen, die
theils von den Katecheten verfaßt, theils von ihnen ins Grönländische
übersetzt waren. Das Ganze machte einen liebenswürdig-kindlichen
Eindruck. Die Melodien waren frisch und schön, nicht schleppend und
monoton, wie es die Melodien von Kirchenliedern leicht sind. Ein
älterer halbcivilisirter Grönländer, der sein Licht nicht gern unter
den Scheffel setzte, meinte, daß der Kirchengesang ja freilich nicht
mehr auf derselben Höhe stände, wie zu seiner Zeit, daß er aber
trotzdem „sehr schön“ sei, -- es wäre ungefähr so, als wenn man das
Geräusch eines Taterat-Berges (Mövenberges) höre, wo die Tateraten[93]
unter stetem Geschrei auf- und niederflattern.
Nach dem obligaten Reisbrei und dem Rennthierbraten beim
Koloniedirektor, wo alle Mitglieder der Expedition eingeladen waren,
wurde der Weihnachtsbaum unter großem Jubel angezündet.
Als die Fröhlichkeit ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurde ein großer,
runder Kopf mit einer fürchterlichen Perrücke zur Thür hineingesteckt.
Er gehörte unserm Freund +Joel+, der nach einer Bierflasche fragen
wollte, die er sich bei den Lappen gegen einige Eidergänse eingetauscht
hatte, die er aber mit verschiedenen anderen Sachen zurückgelassen
hatte, während er sich etwas beim Doktor zu schaffen machte, um bei
der Gelegenheit in Veranlassung des Festes einen oder auch gar zwei
Schnäpse zu ergattern. Er schien seinen Zweck erreicht zu haben. Große
Heiterkeit erregten die lebhaften Gebärden, mit denen er beschrieb, wie
lang ihm das runde Gesicht geworden sei, als er, wiedergekommen, fand,
daß alles verschwunden war, „~bogase nami mitit nami clisa nami damase
nami~,“ d. h.: „Flasche nichts, -- Eidergänse nichts, Angelschnüre
nichts, alles gar nichts.“ Er ließ sich jedoch durch eine neue
Bierflasche bald über seinen Verlust trösten. Seine Verwunderung und
der Glanz seiner dunklen Augen, die beim Anblick des Weihnachtsbaums
und all der Lichter zu zwei runden Punkten wurden, erheiterten uns
sehr. Groß war seine Freude, als er einige Tüten mit Weihnachtskonfekt
erhielt. Reich wie ein Krösus kehrte er schwankenden Schrittes über die
Berge zu seiner lieblichen Ehehälfte bei Neu-Herrnhut heim.
Als ich am Morgen des ersten Weihnachtstages gegen 6 oder 7 Uhr
in meinem süßesten Schlummer lag und mich im Traum nach Norwegen
zurückversetzt glaubte, erschallte plötzlich ein Kindergesang, der
sich mit meinen Träumen verwob. Der Gesang wurde lauter und lauter,
ich erwachte und hörte nun den lebhaftesten Weihnachtsgesang, der von
einem großen Chor in dem Gang vor unserer Thür gesungen wurde. Die
ganze Nacht hindurch war dieser Chor umhergegangen, hatte in allen
Grönländerhäusern gesungen und endete seinen Rundgang nun damit, daß
er alle am Orte ansässigen Europäer mit Gesang erweckte. Ich muß
gestehen, daß es schön klang, und daß ich meinestheils niemals auf so
schöne Weise geweckt worden bin, als aber der Gesang verstummt und
der Chor weitergezogen war, schlief ich abermals sanft ein, um den
verlorenen Faden im Lande der Träume wieder aufzunehmen.
[Illustration: Anne und Lars Heilman.