„Nachdem +Dietrichson+ mit seinen Kakes in der Tasche fortgegangen
war, stieg ich auf eine Felsspitze, die 300 Fuß hoch war. Sobald ich
hinaufkam, erblickte ich drei Männer, die mir entgegenkamen, den einen
Mann kannte ich, es war +Dietrichson+, der die Männer getroffen hatte,
welche von Godthaab ausgesandt waren, um uns Proviant zu bringen.
Ich lief gleich nach dem Zelt und erzählte den Beiden, die im Zelt
waren, daß ich Leute kommen sähe. Die Beiden glaubten es nicht. Aber
ich holte trockenes Holz, machte Feuer an, holte Wasser und füllte
den Kaffeekessel und setzte ihn aufs Feuer, ehe die Leute kamen,
denn ich dachte mir, daß sie Kaffee bei sich haben würden. Gleich
nachdem sie ins Zelt gekommen waren, untersuchte +Dietrichson+, was
für Nahrungsmittel sie uns aus Godthaab gesandt hatten. Ich sah, daß
Nansen mir eine Pfeife und Tabak geschickt hatte, sofort nahm ich die
Pfeife und den Tabak in die Hand und fing an zu rauchen, die Anderen
fingen an zu essen. Das Brot wurde in fingerdicke Stücke geschnitten
und ein halber Zoll Butter auf das Brot gelegt, und dazu aßen wir noch
Schweinefleisch und tranken Kaffee dazu.“ -- --
„Während wir noch mit der Mahlzeit beschäftigt waren,“ fährt
+Dietrichson+ fort, „vernahmen wir abermals einige Schüsse in der
Richtung der Landzunge, wo ich die beiden Grönländer getroffen
hatte, und bald darauf wurden zwei Männer auf der vorhin erwähnten
Höhe zwischen der Landzunge und unserm Lagerplatz sichtbar. Sie
kamen zu uns herab und überreichten uns Briefe aus Umanak und von
dem Koloniedirektor +Bistrup+ und von einem Grönländer, Buchdrucker
+Möller+, beide aus Godthaab und auf Besuch in Umanak, sowie einen
von dem deutschen Missionar des Ortes, Herrn +Heincke+. Außer diesen
Briefen brachten sie uns auch Erfrischungen von Herrn +Bistrup+ und
Herrn +Heincke+ mit. Es war uns eine große Freude, diese Briefe zu
empfangen, denn die warmen und herzlichen Worte, in denen sie abgefaßt
waren, zeigten uns, daß wir bald zu Leuten kommen würden, die sich
aufrichtig über unsere Ankunft freuten, und die uns mit offenen Armen
empfangen würden.
Wir luden unsere Gäste ein, in unser Zelt zu kommen, damit sie sehen
konnten, wie es bei uns aussah. Als sie unsere Schlafsäcke sahen,
zeigten die zuletzt angekommenen Grönländer erst auf sich selbst,
dann auf die Schlafsäcke, legten die Hand an die Wange und schlossen
die Augen. Dann zeigten sie auf das Zelt und auf alles, was darin
war, machten eine Gebärde, als wenn sie es auf den Rücken legten, und
winkten dann mit der Hand über den Fjord. Hieraus verstanden wir, daß
sie bei uns übernachten und daß wir sie dann nach der Kolonie begleiten
sollten. Die mitgebrachten Sachen hatten sie noch in den Kajaks draußen
an der Landzunge liegen, weswegen +Kristiansen+ und +Balto+ sich
anschickten, sie dort hinauszubegleiten, um alles herbeizuholen. Als
auch +Nansens+ Boten Miene machten, sich zu entfernen, brachte ich aus
ihnen heraus, daß sie gleich nach Godthaab zurückkehren sollten. In
aller Eile setzte ich nun einige Worte an +Nansen+ auf, ihm für die
übersandten Waren dankend und ihm in aller Kürze von unserem Ergehen
berichtend.
Als die Gefährten mit der neuen Proviantsendung anlangten, fand
abermals ein feierliches Auspacken statt. Die verschiedenen Gegenstände
wurden, während sie aus ihren Hüllen zum Vorschein kamen, laut
aufgerufen, und als der Eine „Branntwein“, der Andere „Zucker“ und ein
Dritter „Lichte“ rief, waren wir uns sogleich darüber einig, den Abend
mit einem Glase Grog im Zelte feierlich zu begehen. Es war bereits spät
am Nachmittage, deshalb machten wir uns gleich daran, einen Punsch zu
brauen. „Wie viel Wasser?“ fragte der Eine. „Ach, wir müssen wohl so
viel machen, daß Jeder zwei Becher voll bekommt,“ antwortete ich. So
wurde denn das Wasser gekocht und Zucker und Branntwein hineingethan.
Seit wir den „Jason“ verließen, waren keine Spirituosen über unsere
Lippen gekommen. Jetzt waren aber die Strapazen überstanden, und wir
konnten getrost den erhaltenen Branntwein genießen. Einen starken
Grog hätten wir wohl kaum vertragen können, den, der hier servirt
wurde, konnten wir ruhig trinken, ohne befürchten zu müssen, daß er
uns zu Kopf steigen würde, denn +Balto+ hatte unglaublich viel Wasser
hineingethan, und wir hatten nur wenig Branntwein. Das Schlimmste
war aber doch, daß sich der Branntwein schließlich als ~Aquavitae~
entpuppte. Trotzdem schmeckte er uns ausgezeichnet.“
+Balto+, ein Kenner in solchen Dingen, sagt in seiner Beschreibung,
„daß der Punsch dünne werden muß, wenn man von einer Flasche „Akevit“
sechs Flaschen Punsch macht, -- es schmeckte nach nichts.“
„Auch an Cigarren fehlte es nicht, und aus diesen entsandten wir
mächtige Rauchsäulen in das Zelt, als wenn wir so schnell wie möglich
das Versäumte nachholen wollten, denn mit dem Tabak war es die
ganze Zeit hindurch sehr schlecht bestellt gewesen, so daß einzelne
Mitglieder der Expedition schließlich versucht hatten, ihn durch Werg
zu ersetzen, das sie in die Pfeifen stopften.
+Nansen+ schrieb, er und +Sverdrup+ lebten bei dem Kolonialdirektor in
Godthaab wie die Prinzen, aber wir fühlten uns in diesem Augenblick
nicht minder wohl, und wir waren uns Alle darüber einig, daß es
der gemüthlichste Abend sei, den wir im Zelt verbracht hatten,
denn das Bewußtsein, daß unsere beiden Kameraden glücklich bis an
bewohnte Stätten vorgedrungen waren und daß wir täglich die nach uns
ausgesandten Boote erwarten konnten, sowie der Umstand, daß wir so
reichlich mit Speise und Trank versehen waren, hatte sämtliche früheren
Leiden verwischt, so daß wir jetzt alles nur im rosigsten Lichte
erblickten.
Wir wohnten nun wieder zu Sechsen im Zelt, diesmal aber waren drei
Nationen vertreten. Unsere Gesellschaft bestand aus zwei Grönländern,
zwei Lappen und zwei Norwegern, die alle ihre eigene Zunge sprachen,
ohne von den Andern verstanden zu werden, mit Ausnahme der Lappen, denn
+Balto+ und auch zum Theil +Ravna+ verstanden und sprachen norwegisch.
Obwohl infolgedessen eine fast babylonische Sprachverwirrung im
Zelte herrschte, war die Unterhaltung dennoch eine sehr lebhafte,
und es wurde uns gar nicht so schwer, uns miteinander verständlich
zu machen, denn außer zu Zeichen nahmen wir unsere Zuflucht zu einem
grönländischen Wörterbuch und einer Sprachlehre, die wir mitgebracht
hatten. Unsere beiden Gäste, +Peter+, ein vorzüglicher Fänger aus
Godthaab, und +Silas+, ein tüchtiger Rennthierschütze aus Umanak, waren
begabte und wohlunterrichtete Grönländer, die nicht nur schreiben
und lesen, sondern auch zeichnen konnten. Ihre Risse von der Wohnung
des Kolonialdirektors in Godthaab, wie von dem Hause des deutschen
Missionars in Umanak waren so vortrefflich, daß wir die Gebäude später,
als wir sie erblickten, sofort erkennen konnten.
Wir befanden uns an diesem Abend so wohl in unserem Zelt, daß es lange
währte, ehe wir uns zur Ruhe begaben. +Kristiansen+, +Balto+ und ich
krochen in den einen Schlafsack, +Ravna+ und die beiden Grönländer
in den andern. Die Lichter wurden ausgelöscht und wir legten uns
schlafen. Es sollte jedoch noch eine ziemliche Zeit vergehen, ehe wir
einschliefen, denn kaum waren wir zur Ruhe gegangen, als unsere beiden
Gäste anfingen, geistliche Lieder zu singen. Nachdem der dritte Gesang
beendet war, beteten sie ein Vaterunser. Dies war die Abendandacht,
die sie des Sonntags hielten, ehe sie sich zur Ruhe begaben. Ich nehme
wenigstens an, daß sie die Andacht hielten, weil es ein Sonntag war,
oder etwa auch, weil sie sich zwischen lauter fremden Menschen befanden
und sich möglicherweise nicht ganz sicher fühlten. Als wir am nächsten
Abend vergebens auf eine Wiederholung dieses Gesanges gewartet hatten,
baten wir sie schließlich, zu singen, sie waren jedoch nicht dazu zu
bewegen.“
Am folgenden Morgen ging +Silas+ auf die Rennthierjagd. +Dietrichson+
hatte große Lust, ihn zu begleiten, wollte aber die Gefährten nicht im
Stich lassen, die an diesem Tage damit begannen, die Sachen von dem
Zeltplatz weiter auf die Landzunge hinaus zu schaffen.
In seinem Tagebuchbericht fährt +Dietrichson+ fort:
„Während einer unserer einfachen Mahlzeiten auf dem Inlandseis war
einmal die Rede darauf gekommen, welches Gericht sich ein Jeder von uns
in diesem Augenblick wünsche. Wir empfanden den Mangel an Fettstoff
sehr, deswegen wurden wir uns sämtlich darüber einig, daß wir das
größte Verlangen nach Buttergrütze (~Smörgröd~) hatten, und +Nansen+
versprach uns, daß wir dies Gericht haben sollten, sobald wir nach
Godthaab gelangten. Unter allen den guten Dingen, die er uns gesandt
hatte, befand sich denn auch Butter und Weizenmehl, so daß wir nun
instandgesetzt waren, diese oft von uns besprochene Speise zu bereiten.
Unsere erste warme Mahlzeit nach Empfang der Proviantsendung bestand
deswegen aus Buttergrütze, und der Appetit ließ denn auch nichts zu
wünschen übrig. Wir hegten im Anfang einige Bedenken, unsern Hunger
völlig zu befriedigen, da wir glaubten, daß es nicht so ganz gesund
sein könne, da wir längere Zeit hindurch sehr knapp und ausschließlich
von konzentrirten Eßwaren gelebt hatten, die den Magen nicht füllten,
und nach deren Genuß man sich folglich nicht satt fühlen konnte. Dann
aber dachten wir: „Ach was, wir haben so viel ertragen, da werden wir
auch dies wohl ertragen können,“ und hieben aus allen Kräften ein.
Wir lagen noch im Gras und streckten unsere Glieder nach der Mahlzeit,
als wir unsern Freund +Silas+ oben auf dem Hügel erblickten. Er kam auf
das Zelt zu, etwas großes, schweres auf dem Rücken schleppend. Sollte
das wirklich ein Rennthier sein? Einige meinten Ja, andere Nein. Da
sahen wir aber das Rennthiergeweih über seine Schulter ragen, und nun
war kein Zweifel mehr möglich, -- er mußte eins geschossen haben. Wir
waren Alle sehr erfreut, die Lappen aber geriethen förmlich außer sich
vor Glückseligkeit, denn nun sollten sie wieder ihr Nationalgericht
kosten, das sie so lange hatten entbehren müssen. +Balto+ lief ihm
entgegen, hüpfte und tanzte im Kreise um ihn herum, klopfte ihm auf
die Schulter und wußte nicht, wie er seiner Freude Ausdruck geben
sollte. Inzwischen war der Jäger am Lagerplatz angelangt und legte nun
seine Bürde ab, die aus der Haut, dem Kopf, einer Keule, Talg und den
Markknochen bestand, -- das Uebrige hatte er zur Abholung am nächsten
Tage liegen lassen. +Silas+ schenkte uns die Markknochen und gab Jedem
ein Stück Talg, dann bedeutete er uns, daß wir den Kessel aufsetzen und
dies zusammen mit der Keule kochen sollten, um das Gericht gemeinsam
zu verzehren. Die Grönländer essen das Fleisch übrigens ebensogern roh
wie gekocht, und unsere beiden Gäste hatten es schon in dieser Form
in Angriff genommen. Es war nur eine gute Stunde vergangen, seit die
Buttergrütze verzehrt war, aber trotzdem kam der Kessel sofort wieder
aufs Feuer, und nach Lappenart lagerten wir uns um dasselbe herum
und nahmen einen Probebissen nach dem andern aus dem Kessel heraus,
so daß die meisten von uns ganz gesättigt waren, als das Fleisch
völlig mürbe gekocht war, so wie die Lappen es wünschten. Späterhin
am Abend machten wir uns abermals daran, und noch am selben Tage war
das sämtliche Fleisch verzehrt. Man ersieht hieraus, daß unsere Mägen
ziemlich elastisch waren, und daß sich unsere Gedanken in diesen Tagen
hauptsächlich um das Essen drehten, aber dies ist sehr verzeihlich,
wenn man bedenkt, daß wir so ausgehungert waren, daß wir niemals das
Gefühl hatten, satt zu sein, selbst wenn wir so viel gegessen hatten,
wie wir nur vermochten.“
„Von nun an“ -- sagt +Balto+ -- „kamen bessere Tage, wir vergaßen
allmählich die beschwerliche Reise, die wir hinter uns hatten, -- mit
Hunger, Durst, Frost und Trübsal im Eise.“
„Die beiden Grönländer,“ bemerkte +Dietrichson+ weiter, „machten sich
am nächsten Tage auf, um den Rest des Rennthieres zu holen, während wir
das Zelt und die übrigen Sachen auf die Landzunge hinausschafften, denn
nach Aussage der Grönländer konnten wir nun (es war der 8. Oktober) die
Boote erwarten, die uns holen sollten.
Als die Grönländer am Nachmittag mit dem Rennthier zurückgekehrt
waren, das sie an den Landungsplatz ihrer Kajaks trugen, fanden sie
sich auf unserm neuen Lagerplatz mit einem großen Stück Fleisch ein,
das sofort gekocht wurde. Weil es jetzt aber regnete, so konnte das
Fleisch diesmal in aller Ruhe kochen, bis es gar war, worauf es im Zelt
servirt wurde. Ein Schneehuhn, das +Peter+ geschossen hatte, schenkte
er uns ebenfalls. Vorher nahm er jedoch die Eingeweide heraus, wie wir
glaubten, um sie für uns zu reinigen, zu unserm Staunen aber verzehrte
er sie, und zwar scheinbar mit großem Appetit.“
Es vergingen noch mehrere Tage, ohne daß man etwas von den Booten
erblickte; merkwürdigerweise war das Wetter am Fjorde gut, während es
draußen stürmte und regnete.
„Am Morgen des 11. Oktober,“ fährt +Dietrichson+ fort, „wurden
wir um 7 Uhr durch den Laut mehrerer Schüsse aus unserm friedlichen
Schlummer geweckt. Wir ahnten sofort, um was es sich hier handelte,
deshalb sprangen wir aus den Schlafsäcken, ergriffen Gewehr und
Patronen, steckten die Köpfe aus der Zeltthür und gaben eine Antwort
durch mehrere Schüsse. Es konnte nur die Besatzung der sehnlichst
erwarteten Boote sein, die gleich den früher angekommenen Grönländern
ihre Ankunft durch Schüsse signalisirte. Im Handumdrehen waren wir
in unsern Kleidern und standen jetzt vor dem Zelt, nach den Fremden
ausspähend. „Da sind sie!“ hieß es, und über einem vorspringenden
Abhang ward nun ein Grönländerkopf nach dem andern sichtbar. Wir
fingen an zu zählen, aber dann wurde das unmöglich, in einer solchen
Anzahl wimmelten sie plötzlich heran. Männer und Frauen, im Ganzen 14
Personen, näherten sich in lebhafter Unterhaltung, wieder und wieder
ihre Gewehre abfeuernd, dem Zelte. Hier angelangt, trat einer der
Männer vor und erklärte halb in dänischer, halb in grönländischer
Sprache, daß sie mit zwei Booten gekommen seien, um uns abzuholen.
Es war der im Dienste der dänischen Handelskolonie stehende Schmied
+Terkel+, der als Dolmetscher fungirte.
Wir hatten unser Lager im Laufe der Zeit häufig genug abgebrochen,
nie aber war dies mit einer ähnlichen Schnelligkeit bewerkstelligt
worden, wie an diesem Tage. Eins, zwei, drei war alles zusammengepackt,
jeder der Fremden nahm seinen Theil, und davon ging es mit der ganzen
Karawane den Booten zu, die ungefähr 1000 Ellen vom Lagerplatz entfernt
lagen“.
So schnell wie möglich ging es nun vorwärts. An der Nordseite des
Fjordes wurde eine kleine Rast gemacht, um Kaffee zu kochen und eine
Festmahlzeit abzuhalten. Den Grönländern, die seit längerer Zeit ihre
Vorräthe verzehrt hatten, wurde ebenfalls vom Proviant mitgetheilt.
„Unser Freund, der Rennthierschütze,“ fährt +Dietrichson+
fort, „traktirte seine Landsleute mit dem ihrer Ansicht nach
wohlschmeckendsten Theil des Rennthieres, eine Delikatesse, die
keiner von uns Europäern ihnen mißgönnte, denn wir waren ganz sicher,
daß sie nicht nach unserm Geschmack sein würde, wenn wir uns darauf
einlassen wollten, sie zu kosten. Der Magensack des Rennthieres wurde
hervorgeholt, und schon bei dem bloßen Anblick desselben lief den
Grönländern das Wasser im Munde zusammen; vorsichtig wurde er geöffnet
und der Inhalt an die Gourmands vertheilt, die, nachdem sie die ihnen
zuertheilte Portion verzehrt hatten, sorgfältig ihre Finger ableckten,
um nicht das Geringste von diesem seltenen Leckerbissen zu verlieren.“
Endlich waren wir fertig und konnten nun allen Ernstes an unsere Reise
denken. So ging es denn vorwärts, indem +Peter+ das Holzboot und
+Silas+ das Frauenboot als Kajakmänner begleiteten. Nach Verlauf von
wenigen Stunden mußte das Frauenboot jedoch schon wieder an Land gehen.
Es war jetzt mehrere Tage im Wasser gewesen, und infolgedessen war die
Haut durchweicht und schlaff, so daß das Boot zum Trocknen aufs Land
geschafft werden mußte. Wir überließen der Besatzung ein wenig Proviant
und zogen dann weiter.
Im Laufe des Tages wurde das Wetter immer schöner, und gegen Mittag
schien die Sonne strahlend hell. Spiegelblank breitete sich der Fjord
um uns her aus, und die hohen steilen Felsen, die ihn umgeben, hatten
genügend Gelegenheit, ihre eigene Schönheit in dem Spiegelbild zu
bewundern, welches das blanke Wasser zurückwarf. Wir lagen höchst
gemächlich hinten in dem kleinen, weißgemalten Boot und konnten uns
in aller Ruhe der Betrachtung der großartigen Natur hingeben. Als die
Sonne allmählich tiefer sank und die Felsen ihre langen Schatten über
den Wasserspiegel warfen, schien die Natur selbst die bis dahin so
munteren Grönländer feierlich zu stimmen; die lebhafte Unterhaltung
und das fröhliche Gelächter verstummten allmählich, bis endlich eine
völlige Stille eintrat. So ruderten wir eine lange Zeit weiter, nur das
einförmige Plätschern der Ruder unterbrach die Stille, nichts Lebendes
war zu erblicken, die ganze Natur ruhte. Allmählich wurde das Schweigen
den Grönländern doch zu beklommen, der Ernst, der in dem todesstillen
Dasein mitten in einer großartigen Natur liegt, ergriff die Besatzung,
und plötzlich stimmte sie ein geistliches Lied an, dem bald andere
folgten, und unter dem Absingen von Kirchenliedern glitt das Boot durch
die zunehmende Finsterniß der Nacht dahin.“
Den nächsten Tag erreichte man Godthaab. In +Dietrichsons+
Aufzeichnungen heißt es darüber:
„Wir konnten annehmen, daß wir um die Mittagszeit bei der Kolonie
eintreffen würden. Was die Leute wohl dachten, wenn sie uns erblickten?
Knochenmager, mit langem Haar, ungeschorenem Bart und dem alten Schmutz
von drei Monaten auf unseren Körpern, sahen wir aus wie Vogelscheuchen.
Am Ufer des Fjordes hatten wir vergebens versucht, einen Theil des
Schmutzes mit warmem Wasser und Sand zu entfernen, -- dazu bedurfte
es der Seife, und die hatten wir nicht. Deswegen waren und blieben wir
gleich schmutzig. Ein erneuter Versuch, uns zu putzen, würde ebenso
fruchtlos gewesen sein, so sahen wir uns denn gezwungen, mit unserer
Toilette zu warten, bis wir die Kolonie erreicht hatten.“
+Dietrichson+ schließt seinen Bericht mit den Worten: „Als wir
landeten, wurden wir auf das herzlichste empfangen von unseren später
so liebenswürdigen Wirthen, dem Koloniedirektor +Bistrup+ und Frau,
sowie von den sämtlichen anderen dänischen Familien, die herbeigekommen
waren, um uns willkommen zu heißen.
Nach 16tägiger Trennung von den Kameraden sahen wir uns am 12. Oktober
wieder mit ihnen vereint!
Das Ziel war erreicht. Sicher und wohlbehalten hatten Alle eine
dänische Kolonie an der Westküste erreicht, nachdem die Eisgefilde
Grönlands von Osten bis Westen durchwandert waren.“
Kapitel XXIV.
Reisebericht des Grönländers Silas.
Als ganz eigenthümlich in seiner Art will ich hier noch einen Bericht
mittheilen, den +Silas+ -- einer der Kajakmänner, die aus Umanak an
den Ameralikfjord gesendet wurden -- selbst in seiner Muttersprache
geschrieben hat.
Derselbe wurde auf Grönländisch in der Zeitung „Atuagagdliutit“
veröffentlicht, die monatlich in einer Nummer in Godthaab erscheint und
gratis an die Grönländer vertheilt wird.
Die hier wiedergegebene Uebersetzung ist freundlichst für mich von
dem Koloniedirektor +Brummerstaedt+ (Holstensborg) besorgt worden und
schließt sich dem Originaltext so eng wie möglich an.
Dieser Bericht in seiner langgezogenen Umständlichkeit und seinen
zahlreichen Wiederholungen ist äußerst charakteristisch für die
ganze Erzählungsweise der Eskimos. Man darf nicht vergessen, daß der
Verfasser ein ganz gewöhnlicher Seehundsfänger und Jäger ist, der keine
andere Erziehung genossen hat, als wie sie Jedermann dort oben zu theil
wird.
+Erzählung+
von den Europäern, welche Grönland von Osten bis Westen über das
Inlandseis durchfahren haben, sowie von ihrer Ankunft an dem
Ameralikfjord und in Godthaab.
(Geschrieben von +Silas+ aus Umanak.)
Ich will zuerst von unserer Reise nach Karkuk erzählen; wir
Grönländer, die wir in den Fjorden wohnen, lassen es uns sehr
angelegen sein mit unseren Fuchsfallen, da wir durch den Verkauf
der Felle eine Menge Geld in die Hände zu bekommen pflegen. Ende
September reisten wir vier Mann stark nach Karkuk, nämlich ich,
+Peter+, +David+ und mein Pflegesohn +Konrad+, der Letztere war
nämlich im Mai durch den Vorstand in stand gesetzt, sich einen
Kajak anzuschaffen. In Karkuk angelangt, gingen +David+ und ich am
nächsten Tage auf die Rennthierjagd, +Peter+ und +Konrad+ sahen nach
den Fuchsfallen. Wir sahen eine Menge Spuren, aber keine Thiere, da
es indessen nach Regen aussah, kehrten wir am nächsten Tage langsam
um. Als der Wind sich legte, gingen +David+ und ich quer über den
Fjord, wir sahen einen kleinen Fjord-Seehund auftauchen, verfolgten
ihn, schossen aber mehrmals vorbei, da der Seegang ziemlich stark
war. Weil wir sonst kaum Seehunde mehr sahen, ging +David+ von mir
fort zu den beiden Anderen hin nach der entgegengesetzten Seite des
Fjordes, wogegen ich meinen Kurs mitten über den Fjord beibehielt;
als ich mich unserm Wohnort näherte und an einem kleinen Vorgebirge
vorübergekommen war, bemerkte ich, daß draußen vor den Häusern ein
hölzernes Boot lag; ehe wir reisten, hatte ich gehört, daß der
Missionar Besuch von dem Direktor aus Godthaab erwartete, der in
Karusk gewesen war; er war es auch wirklich, der angekommen war. Als
ich dicht am Ufer anlangte, entdeckte ich zwei Kajaks, die nur ein
wenig über den Hochwasserstand in die Höhe gezogen waren, es stellte
sich heraus, daß es zwei Postboten in den Kajaks der Seminaristen
waren.
Gerade als ich aus meinem Kajak herausgekommen war, kam mein
Pflegesohn zu mir an das Ufer hinab und erzählte mir, daß Diejenigen,
welche von der Ost- bis zur Westküste über das Inlandseis gegangen
waren, glücklich am Ameralikfjord angekommen seien, vier von
ihnen wären noch am Fjord, zwei von ihnen wären in einem aus Zeug
angefertigten Boot nach Godthaab gekommen.
Als ich dies hörte, erstaunte ich sehr und sagte sofort, wenn ich
ihnen doch im Sommer begegnet wäre, als ich auf Rennthierjagd bei
Kapisilk war. (Wir hatten nämlich davon gehört, daß einige Leute die
Reise über das Inlandseis versuchen wollten.) Dann sagte ich: „Wie
haben sie es doch nur angefangen, vom Ameralikfjord bis nach Godthaab
in einem Zeugboot zu reisen, der ganze Weg besteht ja aus lauter
steilen unzugänglichen Felsklippen; das ist höchst sonderbar, den
Weg hätte kein Grönländer in einem solchen Boot zurücklegen können.“
Ich ging dann in mein Haus hinauf, zog meine Pelzjacke und
Beinkleider aus und fing an zu essen, bald darauf klopften die Kinder
an die Fensterscheiben und sagten, daß +Otto+ (der Missionar) mich
rufe. Ich beeilte mich, meine Beinkleider wieder anzuziehen, aber
die Kinder riefen mir durch das Fenster zu, +Otto+ wäre im Begriff,
in mein Haus zu gehen; da es zu lange gewährt haben würde, wenn
ich meinen Anorak angezogen hätte, ging ich in Hemdsärmeln hinaus
und traf ihn neben meinem Hausgang. Als ich hinauskam, sagte er zu
mir: „Du kennst jeden Weg nach dem Ameralikfjord gut, da die vier
Europäer, die sich dort befinden, sehr zu bedauern sind, so sollst du
und +Peter+, der Kajakmann des Direktors, zu ihnen gehen, um ihnen
Proviant zu bringen; beeile dich ein wenig und mache dich bereit für
die Reise.“
Da ich, wie gesagt, erst soeben nach Hause gekommen war, hatte ich
anfänglich keine sonderliche Lust zu der Reise, aber ich entschloß
mich endlich doch dazu.
Es regnete sehr stark; als die Uhr vier nachmittags war und ich
Kaffee getrunken hatte, ging ich, während ich auf die Briefe wartete,
in das Besaetningszelt des Direktors, um etwas Neues zu hören. Der
Bootsmann erzählte mir da, daß zwei von dieser Expedition Lappen
seien, ich hatte ja freilich, als ich zur Schule ging, davon gehört,
daß ein Volk existire, das Lappen hieß, aber über ihre Sitten und
Gewohnheiten wußte ich nichts.
Als die Briefe fertig waren und wir (+Peter+ und ich) unsere Kajaks
mit Proviant, Spiritus etc. angefüllt hatten, reisten wir ab, um
möglichst das Heringshaus noch vor der Nacht zu erreichen, da es zu
stark regnete, um unter offenem Himmel zu liegen und keine großen
Steine mit Höhlen darunter da waren, wo wir hätten übernachten
können. Als es anfing dunkel zu werden, kamen wir dahin und gingen
in das Haus hinein; da das Dach undicht war, tropfte der Regen
stark in das Haus, ich hatte glücklicherweise einen Theekessel und
eine Untertasse bei mir, die Untertasse benutzten wir als Lampe und
schliefen, so gut es eben ging.
Am Morgen machten wir Kaffee und fuhren dann, sobald es hell wurde,
von dort ab.
Als wir nach Itiodlek kamen, trugen wir erst den mitgebrachten
Proviant etc. über Land an die entgegengesetzte Seite von unserem
Landungsplatz, dann nahmen wir unsere Kajaks auf den Kopf und gingen
mit ihnen über das Land, um das Umrudern dieses Landes zu sparen.
Wir hatten erwartet noch am Abend den Ameralikfjord zu erreichen, da
aber der Südwestwind mehr und mehr aufkam und die See unruhig war,
kamen wir nur bis Kingaks Nordseite, da ich nicht um Kingaks Naes
herumrudern wollte, weil ich es nicht genau genug kannte, um es bei
dem starken Sturm zu passiren, und weil ich wußte, daß sich in der
Nähe des Vorgebirges kein Ort befand, wo wir hätten anlegen können,
falls der Sturm zu heftig wurde.
Dort fanden wir eine größere Höhle unter einem Stein, in die krochen
wir hinein und schliefen dort.
Als es anfing hell zu werden und da es einigermaßen ruhiges Wetter
war, fuhren wir von dort ab, nachdem wir unsern letzten Kaffee
getrunken hatten. Als wir einige Zeit gerudert hatten, kamen wir
endlich an dem Vorgebirge vorüber, vor dem ich mich am meisten
geängstigt hatte, ruderten dann in den Fjord hinein, und da mein
Begleiter diesen Weg nie zuvor gesehen hatte, nannte ich ihm die
Namen der verschiedenen Felsen und erzählte ihm, welche Wege wir zu
nehmen pflegten, wenn wir auf die Rennthierjagd gingen.
Wir wußten nichts Bestimmtes darüber, wo diese Menschen sich
aufhielten, ich glaubte, daß es das Wahrscheinlichste sein würde, daß
sie sich auf einem der Zeltplätze am Ufer des Fjords aufhielten. Als
wir deswegen über den Fjord setzten und uns ein wenig vor Ivigtussok
befanden, feuerten wir mehrere Schüsse ab, aber sie wurden nicht
beantwortet; wir ruderten immer weiter, -- trafen zwei Seehunde, die
wir zu schießen versuchten, da aber der Wind zu stark war, gelang es
uns nicht, -- und langten am Ende des Fjordes an, feuerten abermals
einige Schüsse ab, die ebenfalls nicht beantwortet wurden, worauf wir
anfingen, die Befürchtung zu hegen, daß wir die von uns Gesuchten
nicht treffen würden.
Bald darauf meinten wir jedoch einen Schuß zu vernehmen, ich glaubte,
daß er von Umiviarsuit komme, ich sagte deshalb zu meinem Begleiter:
„Laß uns hier bei Umiviarsuit an Land gehen und erst auf der anderen
Seite des großen Baches nachsehen, ob sie dort nicht sind, das ist ja
möglich.“
Nachdem wir unsere Kajaks durch den Lehm auf den festen Erdboden
gezogen hatten, nahm ich den Brief und meine Büchse, +Peter+ nahm die
seine ebenfalls mit, damit wir Signalschüsse abfeuern konnten. Als
ich einmal geschossen hatte (die Büchse meines Begleiters +Peter+
war naß geworden, so daß sie nicht gebraucht werden konnte), hörten
wir endlich ganz in der Nähe einen Schuß und entdeckten Spuren von
großen Stiefeln. Da wir nun nicht länger daran zweifelten, daß wir
sie treffen würden, wurden wir sehr guter Laune, namentlich, weil wir
wahrscheinlich die Lappen zu sehen bekommen würden. Allmählich, als
wir weiter vordrangen, trafen wir auf Spuren von Grönländern; wir
hatten geglaubt, daß wir die ersten Grönländer sein würden, die zu
ihnen kamen, aber wie wir später erfuhren, waren wir nur ein wenig
später gekommen als die beiden anderen Grönländer. Nach einer Weile
erblickte +Peter+ ein Zelt und Menschen, die davor gingen. Während
+Peter+ Hurrah rief, schoß ich mit meiner Büchse vor Freude, --
wir suchten nach dem besten Weg, um zum Zelt hinabzugelangen, da
wurde uns auf Grönländisch zugerufen: „Amuinak!“ (d. h. geht gerade
herunter). Da erkannten wir die beiden Grönländer, es stellte sich
heraus, das es die beiden Brüder +Terkel+ waren, der Vorsteher und
sein jüngerer Bruder +Hoseas+ aus dem Wohnplatz Sardlok, sie waren
soeben dort angekommen, um gleichfalls Proviant zu bringen. Wir sahen
die beiden Norweger und die beiden Lappen eine Mahlzeit einnehmen und
Kaffee trinken, von dem, was ihnen gesendet war; sie hatten einen
Tisch gedeckt, indem sie einen ihrer großen Schlitten als Tisch
benutzten.
Als wir ganz zu ihnen hingekommen waren, reichte ich einem von ihnen
die Briefe, als er sie erhalten hatte, gab er sie gleich dem, der am
weitesten von ihm entfernt saß (Lieutenant +Dietrichson+).
Endlich erblickten wir die Lappen, nach denen wir uns gesehnt hatten.
Wir erstaunten über ihre Tracht, weil sie ganz und gar nicht der
Tracht gleicht, in welcher wir die Europäer hier oben zu sehen
gewohnt sind, ihre Fußbekleidung glich Schlittschuhen, die Spitze
war sehr gebogen, das eine Paar Stiefel hatte Sohlen, welche den
Sohlen der grönländischen Fußbekleidung glichen; der andere Lappe,
der ältere, hatte eine Fußbekleidung aus den Beinen der Rennthiere,
ebenfalls die Spitzen sehr gebogen, auch trugen sie Beinkleider aus
den Beinen der Rennthiere, die sehr stramm auf ihnen saßen, sie
hatten unter den Unterbeinkleidern weiße wollene Hosen, in ihren
Röcken hatten sie viele Taschen, das ganze Futter des Rockes wurde
als Aufbewahrungsplatz benutzt; sie hatten Halstücher, an deren Enden
sich Taschen befanden.
Der Jüngere, +Samuel Balto+, trug eine hohe Mütze mit vier Ecken, in
denen Federn steckten, mit einem großen, breiten, rothen Band um die
Mitte, der Aeltere, +Ole Ravna+, hatte eine lange, rothe Mütze, die
nach oben zu enger und enger wurde, am Ende der Mütze saß ein Quast.
Nachdem die Briefe, die wir von dem Direktor und dem Missionar
(+Otto+) mitgebracht hatten, durchgelesen waren, gaben sie uns
Speise und Kaffee, welches wir genossen; als sie in das Zelt gingen,
begleiteten wir sie, um zu versuchen, mit ihnen in ein Gespräch zu
kommen; als wir hörten, daß sie ein Buch hätten und sahen, daß es
auf Grönländisch und Dänisch gedruckt war (ebenso hatten sie zwei
Schreiben, die in denselben Sprachen abgefaßt waren), gelang es uns
endlich, uns dieser Bücher bedienend, ihnen verständlich zu machen,
was für Sachen wir mithatten; wir veranlaßten zwei von ihnen, uns zu
begleiten, um einige von den Sachen zu holen, da wir sie nicht alle
allein tragen konnten.
Da +Terkel+ und sein Bruder nach Godthaab reisen wollten, sollten
+Peter+ und ich hier auf das Boot warten, das diese vier Männer nach
Godthaab führen sollte. +Otto+ (der Missionar) hatte mir freilich
gesagt, daß ich direkt nach Umanak zurückkehren sollte, aber ich
wollte lieber warten und sie nach Godthaab begleiten, weil meine
Bezahlung dann besser werden würde.
Nachdem wir den Beiden, die mit uns kommen sollten, um die
mitgebrachten Sachen zu holen, ein Zeichen gegeben hatten, gingen
wir mit ihnen und mit +Terkel+ und seinem Bruder zu den Kajaks hinab
und fingen an, aus den Kajaks herauszuholen, was wir mithatten,
die Beiden waren sehr froh über die Sachen, wir hatten ja auch
viele verschiedene Dinge, unter anderem fünf Schwarzbröte und zwei
Flaschen, in denen sich Wein befand.
Als wir zurückkehrten, um die Sachen nach dem Zelt zu bringen,
wünschten wir vorerst +Terkel+ und +Hoseas+ eine gute Heimreise und
verließen sie dann. Als wir an die Spuren im Sande kamen, erzählte
ich +Kristiansen+ und +Balto+, daß es meine und meiner Gefährten
Spuren vom Sommer her seien, als wir hier im Juli auf Rennthierjagd
gewesen; ich zeigte ihnen den Berg Akuliarusiarsuak, erzählte ihnen,
daß meine Reisegefährten +Konrad+ und +Frederik+ hießen und daß wir
damals fünf Rennthiere erlegten.
Als wir in die Nähe des Zeltes kamen, fing der Lappe an, Hurrah zu
rufen, ich stimmte mit ein. Als der Herr (Lieutenant +Dietrichson+)
sah, was wir mithatten, wurde auch er scheinbar sehr froh, und es
wurde alles in das Zelt gebracht, worauf sie sich gleich daran
machten, Kaffee in einem großen Kessel zu kochen.
Als der Kaffee kochte, tranken wir ihn und aßen uns satt, später
tranken wir Punsch. Als wir uns zur Ruhe begeben wollten, sagten sie
zu uns, daß wir hineinkommen sollten, und gaben uns einen Schlafsack,
in welchem drei Mann liegen konnten, und darin sollten wir zusammen
mit dem alten Lappen schlafen.
Mein Begleiter (+Peter+) wollte nicht mit ihm in einem Sack liegen
und auch ich hegte einigen Aberglauben (Furcht) davor, mit Lappen in
einem Sack zu liegen, das kommt daher, weil wir ja sonst niemals mit
Europäern zusammen liegen.
Als +Peter+ noch immer nicht wollte, legte ich mich in den Sack,
aber schlafen konnte ich lange nicht, theils weil der Lappe (mein
Schlafgefährte) sehr tief Athem holte, theils weil wir viel lachten,
und weil die anderen Drei in dem anderen Sack einander die ganze Zeit
hindurch neckten; als sie endlich still lagen, schliefen auch wir ein.
Als wir am nächsten Morgen erwachten und Kaffee getrunken und
gegessen hatten, bekam ich Lust auf Rennthierjagd zu gehen, weil das
Wetter so gut war und weil ich nicht müßig sein mochte.
Da +Peter+ sagte, daß er noch keine Rennthiere gesehen habe, wollte
ich ihn veranlassen, mich zu begleiten, weil aber seine Büchse naß
war, wollte er es nicht. Gegen Vormittag ging ich denn, obwohl es
ein Sonntag (7. Oktober) war. Wäre ich auf meinem Winterplatz Umanak
gewesen, so würde ich an dem Tage kaum auf Erwerb ausgegangen sein,
aber ich hatte so große Lust, den vier Fremden etwas Fleisch zu
verschaffen, selbst wenn es nur ein Hase war.
Während des Gehens erinnerte ich mich des Tages „daß der Sonntag Gott
unserm Herrn gehört, und da betete ich denn ohne zu zweifeln: Unser
täglich Brot gieb uns heute u. s. w.“ Wollten doch alle Christen, die
auf Erwerb ausgehen, ohne zu zweifeln so beten!
Langsam ging ich den Berg hinauf, als ich ungefähr oben angekommen
war, blickte ich in eine Kluft hinab und glaubte da unten in dieser
Kluft einige zusammengekauerte Rennthiere sitzen zu sehen. Da ich
vermuthete, daß es Rennthiere seien, blieb ich eine Zeit lang still
sitzen und sah es an, als es sich aber gar nicht rührte, wurde ich
zweifelhaft, ob meine Vermuthung wohl richtig sei und ging deshalb
direkt hinunter, um zu sehen, was es sein könne. Als ich weiter
hinunter kam, fing die Rennthierschar an zu laufen, ein großer Hirsch
mit seinen Kühen und mehrere andere befanden sich darunter.
Ich war so ärgerlich auf mich selbst, daß ich zu mir sagte: „Ich
Dummrian, daß ich mich nicht ordentlich vorsah! Da habe ich mir
wieder durch meine Blindheit geschadet.“
Sie liefen anfänglich ziemlich schnell, standen aber bald darauf
still; ich verhielt mich ganz ruhig und verlor sie nicht aus den
Augen. Nach einer Weile liefen sie unten um den Berg herum, auf
dem ich mich befand; als sie an mir vorübergekommen waren -- das
Rennthierkalb zu hinterst, ging ich weiter, um zu sehen, wo sie
seien, da sah ich sie ein wenig unterhalb des Berges auf der anderen
Seite. Sie kamen heran, die Kuh zuerst, aber sie war ziemlich weit
von mir entfernt. Der Hirsch hinterher, ein wenig näher an mich
heran. Da zielte ich auf ihn, obwohl ich die Kuh weit lieber gehabt
hätte, und traf ihn, aber die Kugel streifte nur seine Keule; ich lud
zum zweitenmal, lief hinterher und traf ihn, so daß er verendete.
Nach den anderen Rennthieren sah ich mich nicht mehr um, weil ich
glaubte, daß ich sie nicht mehr erreichen würde.
Nachdem ich dem Thiere die Haut abgezogen und einen Theil des
Fleisches unter einigen Steinen geborgen hatte, packte ich das, was
ich mitnehmen wollte, in das Fell und begab mich dann heimwärts, ohne
mich weiter umzusehen, ob noch mehr Rennthiere in der Nähe waren.
Eine kleine Strecke vor mir lief ein großes weißes Rennthier gerade
über den Weg und eine Strecke weiterhin noch ein sehr großes, aber
ich fand, daß sie zu weit weg waren, um auch sie zu schießen.
Als ich ganz von dem Berg heruntergekommen war, war es Nachmittag
geworden, und als ich in die Nähe des Zeltes kam, wollte ich erst
einen Schuß abfeuern, wie wir Grönländer es zu thun pflegen, wenn wir
ein großes Rennthier erlegt haben, da die Bewohner des Zeltes aber
Europäer waren, und da ich nicht viel Pulver übrig hatte, gab ich
es auf. Es war Niemand im Zelt, weswegen ich mich eine Weile ganz
ruhig verhielt. +Peter+ kam zuerst aus dem Zelt heraus, und als er
mich sah, fragte er, ob ich ein Rennthier geschossen habe, als ich
diese Frage bejahte, ging er in das Zelt hinein und theilte Denen da
drinnen, so gut er konnte, die Neuigkeit mit, als sie hinauskamen,
starrten sie mich an.
Da ging ich ganz zu ihnen hinab, sie waren sehr, ja sogar
außerordentlich froh, ich gab ihnen die eine Keule und sagte, sie
sollten sie kochen, außerdem erhielt Lieutenant +Dietrichson+ etwas
Mark und Talg, weil er angefangen hatte, so viel von mir zu halten.
Als ich Kaffee getrunken und gegessen hatte, erzählte der alte Lappe,
während das Rennthierfleisch kochte, daß er selber 300 Rennthiere
besäße.
Obgleich es nicht gar gekocht war, fingen sie schon an, von dem
Fleisch zu essen, sie sagten zu +Peter+ und mir, wir sollten mit
aus dem Kessel essen, ich gab ihnen etwas mehr Fleisch zu kochen,
es wurde allmählich, während es gekocht wurde, durch neues Fleisch
ersetzt und so weiter, bis Niemand mehr von uns essen konnte.
Als wir uns zur Ruhe legten, fingen sie wieder an, einander zu
necken. Weil ich sehr müde war, sagte ich zu +Peter+: „Nun geht es
wohl wieder mit der Neckerei los, ich bin so müde, und sie wissen
doch, daß es heute Feiertag ist.“ Dann sagte ich zu ihnen: „Heute ist
Feiertag.“
Nach einer Weile, als sie beinahe still waren, begannen +Peter+
und ich verschiedene Gesänge zu singen, die wir gelernt hatten,
allmählich schwiegen sie ganz still und der Jüngere der Lappen begann
ebenfalls einen Gesang zu singen.
Als wir aufwachten, gingen +Peter+ und ich hin, um den Rest von
dem Fleische meines Rennthiers zu holen, als wir uns unserem Zelt
näherten, begann der Himmel wieder sich mit Wolken zu beziehen. Wir
brachten das Fleisch zu unseren Kajaks hinab, sobald wir aber dort
angekommen waren, kamen die Lappen zu uns, ich gab ihnen abermals ein
Stück Fleisch zum Kochen und kehrte mit ihnen nach dem Zelt zurück.
Später bekamen sie den Rücken und den Hals des Rennthieres zu essen.
Wir fingen an, uns da zu langweilen, weil es anfing zu regnen, und
noch immer kein Boot kam, um uns zu holen. Am schlimmsten war es mit
unserm Schuhzeug, obwohl wir Beide zwei Paar Schuhe bei uns hatten,
waren sie beide ganz entzwei, so daß wir schließlich auf jeden Fuß
einen verschiedenen Kamik ziehen mußten.
Wir fingen an, davon zu reden, daß wir versuchen wollten, sobald
das Wetter gut würde, aus dem Fjord herauszukommen. Wir sagten
den Europäern, daß wir am Abend wieder in unseren Kajaks schlafen
wollten, weil wir des Morgens nicht so lange schlafen möchten wie
sie, da es bei uns Grönländern keine Sitte sei. Weil sie nichts
besonderes dagegen einzuwenden hatten, gingen wir an das Ufer, um in
unseren Kajaks zu schlafen. Als wir am nächsten Morgen erwachten und
nach dem Zelt gingen, fragten sie uns, ob wir gut geschlafen hätten,
und als wir ja dazu sagten, dankten sie.
Am Abend, als wir gegessen hatten, sagten wir ihnen gute Nacht
und gingen wieder fort, um in unseren Kajaks zu schlafen, mit dem
Vorsatz, daß, wenn das Wetter es am nächsten Tage gestattete,
fortzureisen, denn unser Schuhzeug war in seinem jetzigen Zustand zu
unbequem.
Am nächsten Morgen war das Wetter sehr schön mit blauem Himmel, und
da machten wir uns reisefertig. Wir fingen an, das Fleisch etc. zu
ordnen, das wir mitnehmen wollten und waren beinahe damit fertig, als
wir plötzlich draußen vom Fjord her einen Schuß vernahmen, gerade
als die Sonne im Begriff war aufzugehen. Wir waren noch nicht ganz
sicher, ob wir recht gehört hatten oder nicht, aber kurz darauf
hörten wir wieder einen und dann mehrere Schüsse, da beantwortete ich
den Schuß, ging nach dem Zelt hinauf und sah dann unten im Fjord die
Böte mit einer ganzen Menge Menschen.
Es war sehr erfreulich für uns, als wir die Böte sahen, weil wir
gefürchtet hatten, daß sie nicht kommen würden.
Es war ein Boot und ein Frauenboot, und als wir versammelt waren, war
es sehr erfreulich, da wir nun ja wußten, daß wir Alle nach Godthaab
kommen würden. Der Lappe +Balto+ machte Kaffee, als er kochte, trank
ich ihn und wollte dann fortgehen, aber +Peter+ rief mir etwas zu;
ich wandte mich um und erfuhr nun, daß sie wollten, ich sollte mit
ihnen essen. Wir aßen uns da reichlich satt und tranken unsern Kaffee
dazu.
Als sie sich zur Abreise anschickten und die Besatzung der Böte ihre
Sachen zu den Fahrzeugen hinunterbrachten, gingen wir wieder zu
unseren Kajaks hinab; nachdem wir sie belastet hatten, sah ich nach
den Böten, und entdeckte da, daß sie schon im Begriff waren über den
Fjord zu setzen, da ruderten wir zu ihnen hin und erreichten die
entgegengesetzte Seite des Fjordes (die Sonnenseite), dort trank
die Besatzung wieder Kaffee und aß, und dann zogen wir weiter;
obwohl sie die letzte Nacht gar nicht geschlafen hatten, wollten
die Ruderer doch lieber die Reise fortsetzen. Erst als wir an die
Landzunge gekommen waren, beschloß die Besatzung des Frauenboots ihr
Zelt aufzuschlagen und die Nacht dort zu bleiben, namentlich weil
die Felle des Frauenboots zu naß waren, sie waren zu lange im Wasser
gewesen, ohne zu trocknen, deshalb hielten wir es für gefährlich,
wenn sie nicht ein wenig trockneten, auch wollten wir einige Löcher
zunähen, welche in das Frauenboot gekommen waren. Ich blieb ebenfalls
die Nacht da, um beim Aufziehen des Frauenboots und beim Hinablassen
ins Wasser am nächsten Morgen zu helfen.
Mitten in der Nacht ging ich aus dem Zelt heraus, und als ich sah,
daß es stilles Wetter war, fand ich, daß es vortheilhaft sei, die
Reise fortzusetzen, weshalb ich sie weckte und sagte, daß es am
besten sei, wenn wir uns nun aufmachten. Während der Kaffee gekocht
wurde, belasteten wir das Boot und zogen dann weiter.
Bald näherten wir uns dem „Nunangiak“, da fing es an ein wenig zu
wehen, als wir späterhin am Tage nach „Tuapagsuak“ kamen,
ging ich voraus, um zu sehen, wo das hölzerne Boot geblieben sei,
denn ich wußte nicht, wo die Anderen waren, ob sie die Reise
fortgesetzt oder ein Zelt für die Nacht aufgeschlagen hätten.
Ich fing nämlich an, mich nach Hause zu sehnen, es war ja auch lange
her, seit ich von dort fort war, im Sommer bleibe ich freilich oft
lange von Hause fort, wenn ich auf Erwerb aus bin, aber dann habe ich
immer einen Gefährten von meinem eigenen Heimathsort mit mir, mit dem
ich zusammengehe.
Als es anfing ordentlich hell zu werden, und ich nach Tuaparsunguit
hinkam, sah ich das Boot und das Zelt dort; sie waren gerade
aufgestanden; als ich am Ufer anlegte, kam +Peter+ zu mir herab und
zog mich aufs Land hinauf. Er erzählte mir, daß sie Thee machten, es
war ja auch sehr kalt, ein ziemlich frischer Ameralik-Ostwind wehte;
wir tranken Thee und aßen, die Europäer freuten sich, als sie mich
wiedersahen.
Als wir gegessen hatten, zogen wir weiter, als wir Kingiktorsup
erreicht hatten, lachten +Kristiansen+ und ich einander zu, weil wir
nun glaubten, Godthaab noch am selben Tag erreichen zu können.
Als wir nach dem Uokusightsaps-Vorgebirge kamen, gingen +Peter+ und
ich voraus, um dem Leiter der Expedition einen Brief zu bringen, den
sie geschrieben hatten.
Als wir uns Godthaab näherten, vermutheten die Bewohner dort, daß wir
es seien, weshalb sie sich versammelten. Als wir landeten und sie in
der Nähe sahen, kamen mehr und mehr Menschen herbei, die Grönländer
sehnten sich sehr nach dem Anblick der Lappen, und als sie hörten,
daß ich ein großes Rennthier geschossen hatte, wurden sie ganz
eifrig, und ich hörte nichts weiter als die Bitten, ihnen Allen doch
ein Stück Talg zu geben. Als +Peter+ nach seinem Hause hinaufging,
beglückwünschte ich ihn, ich beneidete ihn, daß er so weit gekommen
war. Dort tranken wir Kaffee und gingen dann zu dem Direktor hinab,
weil wir glaubten, daß wir unsere Bezahlung gleich erhalten würden;
nach einer Weile hörten wir sie rufen, daß sich die Lappen näherten
(d. h. daß sie von den Häusern aus gesehen werden konnten), deswegen
ging ich nach +Lars Heilmanns+ Haus hinüber und trank Kaffee bei
seiner Frau (ich pflege nämlich, wenn ich in der Kolonie übernachte,
in diesem Hause zu schlafen).
Nachdem ich Kaffee getrunken hatte, ging ich mit all den anderen
Menschen hinab, um sie am Ufer landen zu sehen. Da sich die Europäer
und Grönländer dort unten versammelten, wurde es eine große Schaar
von Menschen; bald darauf kam das Frauenboot, welches die Sachen der
Fremden an Bord hatte, und da sich dort auch mein Rennthierfleisch
etc. befand, ging ich an das Ufer hinab, um es in Empfang zu nehmen.
Nachdem ich einen Theil unter den Grönländern vertheilt hatte,
verkaufte ich den Rest sehr vortheilhaft.
Für das Fleisch, das die Europäer im Fjord verzehrt hatten, erhielt
ich 5 Kronen, für die Ausführung der Reise erhielt ich 20 Kronen, für
den Rennthierkopf 3 Kronen, für das Fell 4 Kronen 50 Øre, für den
Rest ungefähr 18 Kronen. Als ich all das Geld bekommen hatte, dachte
ich stark daran, mir eine Büchse zu kaufen, das war schon lange das
Ziel meiner Wünsche gewesen, aber ich hatte bisher nicht Geld genug
gehabt, um mir eine zu kaufen; ich habe freilich eine alte Büchse,
im Jahre 1874 tauschte ich mit Volontär +Irmingers+ Hagelflinte (er
verunglückte in einer Kajak) und erhielt eine ältere Büchse dafür;
dieser +Irminger+ wird den Grönländern wohl bekannt sein, damals als
er umkam, war ich bei ihm.
Ich kaufte mir also eine Flinte und will nun meine alte Büchse an
meinen Pflegesohn schenken, damit er sich damit üben kann, er ist 17
Jahre alt und für uns, die wir am Fjord wohnen, ist es von großer
Wichtigkeit, eine Büchse zu haben, sowohl für Rennthiere als für
Seehunde und alles andere Gethier.
Ich übernachtete in Godthaab, aber ich war nicht recht froh, denn die
Mitglieder der Expedition quälten mich unablässig, ihnen das Fell des
Rennthieres, das ich geschossen hatte, zu verkaufen, und ich wollte
es am liebsten selbst behalten, da es ein herrliches, dickhaariges
Fell war, worauf es sich im Winter, wenn es kalt ist, gut liegt. Ich
erlegte ja freilich im August ein großes Rennthier, aber das Fell
desselben war so dünne, daß ich es nicht als Kak (d. h. Unterlage auf
der Pritsche) zurecht machen ließ.
Als sie dreimal kamen und fragten, ob sie es kaufen könnten, glaubte
ich nicht länger nein sagen zu können und verkaufte es also.
Dann sagte ich zum Direktor, ich wollte eine Büchse kaufen und
erhielt eine solche ausgeliefert.
Als ich den Handel abgeschlossen hatte, wollte ich reisen, denn ich
sehnte mich sehr danach nach Hause zu kommen, aber der Nordostwind
zwang mich, noch eine zweite Nacht in der Kolonie zuzubringen, da
ich nicht gern bei Kasigiganguik passiren wollte, theils wegen des
Windes, theils weil ich so viel in meinem Kajak mitzunehmen hatte.
Am Morgen des nächsten Tages, als ich aufstand, war das Wetter
besser, und der Wind hatte sich gelegt. Da reiste ich denn über Konok
in meine Heimath.
[Illustration: Godthaab]
Kapitel XXV.
Unser Aufenthalt in Godthaab.
Als wir nun Alle versammelt waren, handelte es sich darum, uns in den
Bequemlichkeiten zurechtzufinden, die vorhanden waren. Freilich wußten
wir noch nicht ganz bestimmt, ob wir den Winter dort zubringen würden,
aber wir mußten doch auf jeden Fall für eine Weile ein Dach über dem
Kopfe haben. +Dietrichson+, +Sverdrup+ und ich wurden gastfrei im
Hause des Kolonialdirektors aufgenommen, während die drei Andern ein
Zimmer oben in der sog. „alten Doktorswohnung“ erhielten. Sie führten
hier ihren eigenen Hausstand und bereiteten ihr Essen selbst auf einem
kleinen Kochofen.
Die Neuangekommenen waren natürlich lange Gegenstand großer
Aufmerksamkeit von seiten der Grönländer.
Ueber seine Ankunft berichtet +Balto+:
„Am ersten Abend, als wir Licht im Zimmer angezündet hatten -- wir
hatten keine Gardinen vor den Fenstern -- kam eine große Menge von
grönländischen Mädchen vor das Fenster und guckten uns an, so lange wir
wach waren, und sie kamen jeden Abend wieder, so lange keine Gardinen
vor den Fenstern waren.“
Es währte nicht lange, so waren wir Alle auf einem guten Fuß mit den
Eingeborenen und erhielten viele Freunde unter ihnen. Bei den Dreien in
der Doktorswohnung war ein stetes Zuströmen von grönländischen Gästen.
Da wurde Karten und Violine gespielt, da wurde vom frühen Morgen bis
zum späten Abend geredet. +Balto+ führte natürlich das große Wort. Er
übernahm die Pflichten eines Wirths, wie er selber sagen würde, „ganz
und gar allein“. Er unterhielt die andächtig lauschenden Grönländer
theils in seinem gebrochenen Norwegisch, das sehr bald einen Anflug von
Dänisch erhielt, theils in einem ohrenzerreißenden Grönländisch. Er
hatte sehr bald eine Menge von dieser schwierigen Sprache aufgeschnappt
und warf höchst ungenirt mit den fremden Worten um sich. Das Thema
seines Vortrages, der von einem Ueberfluß an erklärenden Gebärden
und Zeichen begleitet war, handelte bald von unserm Zug über das
„Sermersuak“, d. h. das große Landeis, -- wie wir Norweger, die seiner
Meinung nach richtige Teufelskerle waren, es verstanden hatten, den
Weg durch diese große Schneewüste zu finden, wo es keinen Kaffee gab
und nur des Sonntags eine Pfeife Tabak, -- bald von den entsetzlichen
Gefahren, die wir im Treibeis zu bestehen hatten, „wo diese Norweger
rohes Fleisch aßen und wir Lappen beinahe bange (= sehr bange) waren.“
Dies alles interessirte natürlich die Grönländer sehr, am meisten aber,
glaube ich doch, packte es sie, wenn er das Thema seines Vortrages
aus seiner Heimath wählte, wenn er ihnen erzählte und zeigte, wie
„wir Lappen mit Rennthieren fahren“ und wie „man lebt und Kleider
im Lande näht“. Das war etwas, was einen Anklang an das eigene Leben
der Grönländer hatte, das konnten sie verstehen. Sicher verstehen nur
Wenige von ihnen Dänisch oder Norwegisch, aber Gebärden sind nun einmal
eine Universalsprache, die Allen zugänglich ist.
+Kristiansen+ nahm eine zurückhaltendere Stellung ein und überließ dem
Gefährten gern die Rolle des Repräsentanten, denn für das Reden war er
nicht sehr. Handelte es sich dagegen um die Karten, so war er stets
dabei, während der alte +Ravna+ still umherging und nicht viel Gefallen
an dem Ganzen fand. Er klagte mir oft seine Noth: „Ich alter Lappe mag
die vielen Menschen nicht.“ Wenn die Stube ganz voll von rauchenden,
speienden, spielenden, quäkenden Grönländern war, saß er entweder ganz
still in einer Ecke auf seinem Bett und setzte ein höchst unglückliches
Gesicht auf, oder auch er schlich hinaus und machte einen Besuch in
irgend einem Grönländerhause, wo er stets willkommen war und wo er sich
auf eine Bank setzte. Dort saß er einige Stunden und sah, ohne ein Wort
zu sagen, vor sich nieder, worauf er wieder seiner Wege ging. Weshalb
er dies so gemüthlich fand und weshalb er dieses Manöver jeden Tag
wiederholte, ist mir noch jetzt ein Räthsel.
Dieser Mangel an Uebereinstimmung zwischen +Ravna+ und seinem jüngeren
Kameraden ist übrigens ganz erklärlich, wenn man bedenkt, daß er ein
alter ehrwürdiger Familienvater war, während +Balto+ und +Kristiansen+
jung und lebenslustig waren. Ich muß jedoch bemerken, daß es --
soweit ich es beurtheilen kann -- stets ordentlich auf ihrem Zimmer
zuging. Ihr Besuch gehörte ausschließlich dem männlichen Geschlecht
an. Um Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wurde bestimmt, daß keine Frau
dorthin kommen dürfe. Auf die Weise wurde die Moral des Ortes am besten
gesichert, die Grönländerinnen sind leider nicht wegen allzu strenger
Sitten bekannt. Uebrigens herrschte, soviel ich weiß, in der Beziehung
das beste Verhältniß zwischen ihnen und den Mitgliedern der Expedition.
Dies strenge Verbot gegen das weibliche Geschlecht konnte es jedoch
nicht verhindern, daß sich +Balto+ sehr heftig in eine junge,
anziehende, schöne Grönländerin verliebte. Zu seinem Kummer war sie
jedoch schon mit einem grönländischen Katecheten verlobt, der zu der
Zeit in einer nördlicher gelegenen Kolonie angestellt war, und mit dem
sie sich im nächsten Jahre verheirathen sollte. Dies verhinderte jedoch
nicht, daß sich zwischen +Balto+ und seiner geliebten +Sophie+ ein
schönes und äußerst platonisches Verhältniß entwickelte. Es war eine
ganz romantische Geschichte, die so weit ging, daß +Balto+ +Sophie+
einen langen Brief sandte, den ein Grönländer ihm in die grönländische
Sprache übersetzen half. In diesem Brief erzählte er ihr von seiner
Liebe, er liebe sie sehr, aber sie dürfe diese seine Liebe nicht
mißverstehen. Es sei nicht seine Absicht, sich mit ihr zu verheirathen,
nicht allein, weil sie bereits verlobt sei (denn das würde sie sicher
ebensowenig davon abhalten, wie es ihn abhalten würde), sondern weil
sie es nicht gut haben würde, wenn er sie mit sich in das Land der
Lappen führen wollte, nämlich infolge der Sitten des fremden Volkes,
d. h. der Lappen, -- und wenn er hier in diesem Lande bleiben wollte,
so würde er sich nach seinen Freunden und Angehörigen in Karasjok
zurücksehnen. Deshalb wolle er ihr jetzt Lebewohl sagen und ihr sagen,
daß er sie gern habe, daß er sich aber nicht mit ihr verheirathen wolle.
Ueber diesen Brief freute +Sophie+ sich sehr, wie auch ihre Mutter
sehr stolz darauf war, daß +Balto+ Gefallen an +Sophie+ fand. Sie
sprach es sehr offen aus, daß sie weit lieber +Balto+ zum Schwiegersohn
haben wolle als den Katecheten. Dieser Brief hatte jedoch keinen
weiteren Einfluß auf ihr Verhältniß, sie waren nach wie vor gleich viel
zusammen, und wenn +Balto+ anfing von +Sophie+ zu reden, da erreichte
seine Beredsamkeit ihren Höhepunkt. Sie sei nicht wie die Anderen, sie
sei so verschämt und zurückhaltend, sie renne nicht auf dem Kolonieweg
hinter den Männern her, wie es die anderen Mädchen thäten.
Als er Grönland verließ, ließ er einen Theil seines Herzens zurück.
Der Abschied von +Sophie+ war schwer. Auf der Rückreise über das Meer
gedachte er ihrer mehrmals, und erst in Kopenhagen verließ ihn die
Erinnerung an sie.
Am ersten Sonntag Abend nach der Ankunft der Gefährten fand im
Tanzlokal der Kolonie -- einer Böttcherwerkstatt -- ein Tanzvergnügen
statt. Es ist wohl nicht nöthig, mitzutheilen, daß alle Mitglieder der
Expedition, mit Ausnahme von +Ravna+, bei dieser Gelegenheit zugegen
waren, wie überall, wo getanzt wurde, und das war häufig der Fall.
Es ist nicht so ganz leicht, den Eindruck zu beschreiben, den der
Anblick tanzender Grönländerinnen, ja auch der tanzenden Grönländer
auf mich machte. Die malerischen, bunten Trachten in diesen dichten,
wogenden Haufen, die vielen schönen Formen in starker Bewegung, die
strahlenden Gesichter, in denen jede Muskel Leben war, die eifrigen
Stimmen, das ansteckende Gelächter, die gewandten kleinen Beine
und Füße in weißen, rothen und blauen Kamikkern, die vorzügliche
Taktfestigkeit, mit der sie ihren „Reel“, ihre „Sekstur“ und die vielen
anderen Tänze traten, -- jeder Zoll des Raumes war Leben und Bewegung!
Das alles war für uns Inlandsmenschen etwas so eigenthümlich Neues,
etwas so Anziehendes, ja so Bezauberndes, daß wir unwillkürlich mit
fortgerissen wurden. Es war, als ob wir plötzlich entdeckten, welch’
Sprudeln von Freude und Lebenslust das Leben im Grunde doch enthält.
Bei diesem Volk ist die Freude noch nicht vergessen.
[Illustration: Kretora, ein junges Mädchen aus Godthaab.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]
Die Art und Weise, wie man in Grönland tanzt, ist sehr wohlthuend. Man
thut es wirklich, um die Glieder zu rühren und den Sinn aufzufrischen.
Alles und Alle werden mit fortgerissen, sowohl Diejenigen, welche
tanzen, wie die Zuschauer, keine süßsauren Anstandsdamen, keine
steifen, verunzierten Gestalten mit langen Schleppen, keine blasirten
Herren in schwarzen Schniepeln und weißen Halsbinden, keine Handschuhe,
-- kurz, nichts von all dem Unsinn, der in einem europäischen
Tanzsalon sich durcheinanderbewegt, verlassen von allen Grazien,
verlassen von allen guten Geistern, -- du lieber Gott! Wie würden die
Grönländer uns auslachen, wenn sie die traurige Vorstellung sähen, die
wir einen europäischen Ball in der feinen Welt nennen.
Es währte selbstverständlich nicht lange, daß wir nur Zuschauer waren,
und unsere völlige Unkenntniß mit den meisten Tänzen war durchaus kein
Hinderniß. Wir wurden ohne weiteres von den kleinen Grönländerinnen
fortgezogen und an den rechten Platz gepufft. Man wartete nicht
verschämt, bis man engagirt wurde, sie waren scheinbar alle stolz,
wenn sie sich eines der Mitglieder der Expedition bemächtigt hatten --
was in der Regel nicht schwierig war. Ebenso unbarmherzig aber lachten
sie uns auch aus, wenn wir verkehrt oder ungeschickt tanzten, was wir
natürlich im Anfang sämtlich thaten. Man konnte sogar noch lange Zeit
nachher mehrere der Ausgelassensten unter ihnen draußen auf dem Wege
und vor den Häusern vor den Freundinnen tanzen sehen, wobei sie unsere
Manieren und Eigenthümlichkeiten so täuschend nachzuäffen wußten, daß
wir uns sofort wiedererkannten, wenn wir zufällig vorüberkamen, was
dann eine allgemeine Munterkeit erregte. Die Grönländer haben einen
merkwürdig scharfen Blick für alles Komische. Wir waren indessen sehr
eifrig beim Tanzen und nach einiger Uebung lernten es Einige von uns
so gut, daß wir uns förmlich in Respekt setzten. Die Lappen waren
dagegen sehr ungeschickt dabei. Sie haben selber keine Tänze, und
+Ravna+ war nicht zu bewegen, mitzugehen und zuzusehen. +Balto+ sah zu
und betheiligte sich am Tanzen, aber er war und blieb eine Karikatur,
er mochte sich im „Reel“ oder im Rundtanz versuchen. Er spreizte die
Beine und hüpfte umher wie ein Hampelmann, während die Grönländer
sich halbtodt lachten. Dies schreckte ihn jedoch nicht im geringsten
zurück, er trat gern als Leiter des Balles und als Vortänzer auf,
arrangirte den Tanz und theilte Jedem mit, was er zu thun habe. An
Unternehmungslust und Selbstvertrauen fehlte es ihm selten.
Die grönländischen Tänze sind keine Nationaltänze. Sie sind zum größten
Theil „Reeler“, die von englischen und amerikanischen Walfischfängern
eingeführt wurden, die aber so sehr in den Geschmack der Grönländer
fielen, daß sie überall an der Westküste aufgenommen sind und einen
gewissen nationalen Zuschnitt erhalten haben. Außerdem werden auch
Rundtänze, wie Walzer, Polka etc. getanzt, doch stehen diese nicht in
so hohem Ansehen.
Die Einzigen unter den Grönländern, die nicht tanzen oder die vielmehr
nicht tanzen dürfen, denn sie tanzen trotzdem, sind die sog. deutschen
Grönländer, die zu den herrnhutischen Gemeinden gehören. Nach der
Lehre der herrnhutischen Missionare ist das Tanzen nämlich eine große
Sünde, und so sind denn diese Menschen kurzsichtig genug gewesen,
diesem Volk eins seiner wenigen Vergnügen zu untersagen. Man hat
vielleicht geglaubt, auf diese Weise die Moral der jungen Mädchen zu
beschützen, aber ich habe nicht gehört, daß es damit in den deutschen
Gemeinden besser stehen soll als im übrigen Grönland. Hiergegen wird
man vielleicht einwenden, daß sie ja trotz des Verbotes tanzen.
Wie dem nun auch sein mag, so glaube ich, daß Jedem, der den Tanz der
Grönländer gesehen oder theil daran genommen hat, die Augen dafür
aufgegangen sein müssen, welch’ eine gesunde und herrliche Zerstreuung
das ist, wie auch Niemand dafür blind sein kann, daß es ein schöner
Anblick ist, und an manchem Abend haben wir Mitglieder der Expedition
die Sünde begangen, uns zusammen mit diesen kindlichen Menschen zu
ergötzen, während der Boden unter den taktfesten Tritten erzitterte und
der Spielmann auf der Hobelbank saß und seine Fiedel strich, bis die
Saiten sprangen.
Die erste Zeit, die wir in Godthaab verbrachten, war außerordentlich
gemüthlich für uns, die wir über das Inlandseis gekommen waren. Dänen
sowie Grönländer thaten alles, um uns das Leben so angenehm wie möglich
zu machen, und wir können wohl Alle mit +Balto+ sagen, daß wir gar bald
„das harte Leben und alle Trübsal vergaßen“, wie wir auch sämtlich so
auffallend an Leibesfülle zunahmen, daß behauptet wurde, man könne das
Zunehmen unseres Umfanges von einem Tage zum andern sehen.
Trotz alledem gab es doch eins, was uns verhinderte, uns ganz wohl zu
fühlen, nämlich die Ungewißheit, ob wir den Winter über dort bleiben
sollten. Wir hatten freilich nur geringe Hoffnung, daß unser Kajakbote
den „Fox“ erreichen würde, aber es war doch, als ob wir von einem Tag
zum andern darauf warteten, ein Schiff mit vollen Segeln und rauchendem
Schornstein am Horizont auftauchen zu sehen. Und dies Gefühl hielt
lange vor, man ging einher und wartete, daß sich etwas ereignen würde.
Das Schiff kam aber in jenem Herbst nicht mehr, und ich hatte mich
schon längst mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß der „Fox“ unsere
Botschaft nicht erhalten habe. +Sverdrup+ und ich hatten uns sogar
schon lange mit einem anderen Gedanken getragen. In der Kolonie befand
sich nämlich eine alte Yacht, die dem grönländischen Handel gehörte
und die benutzt wurde, um Waaren aus der Kolonie nach den umliegenden
Orten zu schaffen. Nun waren wir der Ansicht, daß, wenn wir diese Yacht
bekommen könnten, es ein Leichtes für uns sein müsse, nach Amerika
hinüberzusegeln und auf dem Wege nach Hause zu gelangen. Dieser Plan
strandete indessen an dem Koloniedirektor, welcher nicht das Recht
zu haben meinte, uns das königliche grönländische Handelsfahrzeug zu
leihen, das, wie es im Reglement heißt, „die Kolonie niemals verlassen
darf, außer zu amtlichen Zwecken.“ Und diese Reise nach Amerika gehörte
kaum dahin. Folglich mußten wir bleiben, wo wir waren.
Da wurde eines Tages, als wir bei Tische saßen, gemeldet, daß man zwei
Kajaks von Süden her kommen sähe. Und gleich darauf brachte man mir ein
Bündel Briefe. Sie wurden in schweigendem Staunen geöffnet; Niemand
begriff, was das zu bedeuten haben könne. Wie verwunderten wir uns
aber, als es sich herausstellte, daß es Briefe von dem Betriebsdirektor
+Smitte+ und dem Koloniedirektor im Süden waren. Der erste Brief
benachrichtigte mich, daß mein Bote den „Fox“ im letzten Augenblick
erreicht habe. Das Schiff habe die Kolonie am Tage vorher verlassen, um
nach Europa zu gehen, dann aber habe der Sturm sie gezwungen, gleich
in der Nachbarschaft einen Nothhafen zu suchen. Am andern Tage wollten
sie gerade die Anker lichten, als sie in der Ferne zwei Kajakmänner
erblickten, die in voller Fahrt auf das Schiff zukamen und winkten, daß
man warten möge. Auf die Weise erhielt der Kapitän meinen Brief; er
unterzog sich sogar noch der Mühe, zu dem Betriebsdirektor zu fahren
und mit ihm zu berathschlagen, was zu machen sei, obwohl nach seiner
Ansicht keine Rede davon sein konnte, daß der „Fox“ nach Godthaab
ging. Dann kamen die Beiden überein, daß es eine Unmöglichkeit sei,
der Kapitän kannte das Fahrwasser nicht, man fürchtete sich vor den
dunklen Nächten, und das entscheidende Argument war, daß sich 40
Passagiere an Bord befanden, Arbeiter aus dem Kryolithbruch, die in
die Heimath zurück wollten. Da wagte man es nicht, sich der Gefahr
eines Schiffbruches dort oben auszusetzen, wodurch die 40 Passagiere
gezwungen sein würden, in Godthaab zu überwintern. Das wäre ein solcher
Zuwachs an Konsumenten geworden, daß es möglicherweise sehr ernste
Folgen in Gestalt von Hungersnoth etc. nach sich gezogen haben würde.
Das Endresultat war, daß der „Fox“ ohne uns abging, aber meinen Brief
an Etatsrath +Gamél+ und +Sverdrups+ Brief an seinen Vater
mitnahm.
Hätten die beiden Kajakmänner ein wenig langsamer gerudert, so wäre
keine Nachricht von uns in die Heimath gelangt. Welche Helden wären
wir da geworden, mit welchem Jubel würde man unsere Rückkehr ins Leben
begrüßt haben, wenn wir im Frühling aus unseren Eisgräbern auferstanden
wären, -- im Grunde war also wohl die Schnelligkeit unserer Boten ein
Unglück für uns und für die Zeitungsschreiber.
Wie es dem „Fox“ mit seiner theuren Botschaft auf dem Heimwege erging,
damit will ich mich nicht weiter aufhalten, sondern nur erwähnen, daß
er infolge von Kohlenmangel gezwungen wurde in Skudenäs in Norwegen
anzulaufen, wodurch denn unser Vaterland unseren ersten Gruß erhielt.
Ich will auch nicht beschreiben, wie es der Botschaft erging, die also
am 9. November 1888 nach Europa gelangte.
Ich bin fest überzeugt, daß der geehrte Leser das noch in guter
Erinnerung hat und daß er eine weit lebhaftere Schilderung von diesem
weltgeschichtlichen Ereigniß würde geben können als meine schwache
Feder es vermag, um so mehr, als ich in Grönland saß und keine Ahnung
davon hatte, zu welchen Riesengestalten wir an jenem Tage in den Augen
der Welt plötzlich wurden.
Nachdem wir die sichere Nachricht erhalten hatten, daß die letzte
Möglichkeit, die Heimath noch in diesem Jahre zu erreichen, zu Wasser
geworden war, machten wir uns mit dem Gedanken vertraut, hier oben zu
überwintern. Es war ganz selbstverständlich, daß wir allmählich in
nähere Berührung mit den Eingeborenen kamen und immer mehr Interesse
für sie gewannen.
Wir lernten nicht allein die Eskimos in Godthaab und Neu-Herrnhut
kennen, sondern wir reisten auch nach den anderen, in der Nähe
gelegenen Kolonien. So machten Einige von uns mit dem Koloniedirektor
im Oktober einen Ausflug nach +Kangek+, das 2½ Meilen von Godthaab
entfernt liegt, und im November nach dem südlich vom Ameralikfjord
gelegenen +Narsak+.
[Illustration: Das Innere einer Eskimo-Hütte.
(Nach einer Photographie des Verfassers.)]
Ich selber benutzte den größten Theil des Winters zum Studium ihres
eigenthümlichen Lebens. Ich lebte mit ihnen in ihren Hütten, machte
mich mit ihrem Fang, ihren Sitten und ihrer ganzen Lebensweise
vertraut, ich erlernte, so gut es in der kurzen Zeit ging, ihre
schwierige Sprache. Hierin erhielt ich im Anfang tüchtige Anleitung von
dem Arzt des Ortes.
Da wir uns nun eine ganze Weile mit ihnen beschäftigen werden, liegt
es nahe, dem Leser gleich im Anfang zu erklären, was ein Eskimo ist.
Indem ich dies in einem speciellen Kapitel thue, will ich die Bemerkung
vorausschicken, daß diese Schilderung keineswegs Anspruch darauf
macht, nach irgend einer Richtung hin erschöpfend zu sein. Es liegt
in der Natur der Sache, daß ein einwinterlicher Aufenthalt, wie sehr
man auch die Zeit ausnutzen mag, bei weitem nicht hinreichend ist,
um eine gründliche Kenntniß eines so eigenthümlichen Volkes, ihrer
Denkart und Kultur zu erlangen; dazu bedarf es eines jahrelangen,
anstrengenden Studiums. Es ist nur die flüchtige Skizze eines
Reisenden, zu der ich einige der Eindrücke vereinte, die ich von dem
Eskimo und seinem Leben erhalten habe. Es mag viel Fehlerhaftes in
meiner Auffassung sein und vieles, was schon bekannt ist; doch mögen
hier und da möglicherweise Bemerkungen über Dinge mitgetheilt sein,
die dem Neuangekommenen, Durchreisenden in die Augen fallen, die aber
dem vieljährigen Beobachter verloren gehen. Mag man nun in vielen
Punkten meine Ansichten theilen oder nicht, so hoffe ich, daß man meine
Bemerkungen in dem Geiste auffassen wird, in dem sie ausgesprochen
sind, selbst wenn ich nicht immer die übliche Landstraße innehalte und
alles Bestehende vorzüglich finde; ich hoffe, daß man Nachsicht mit mir
haben wird, wenn ich schwach genug bin, Trauer über ein sinkendes Volk
zu empfinden, das vielleicht nicht zu retten ist, denn es ist bereits
von dem giftigen Stachel der Kultur gestochen; zu meiner Entschuldigung
mag es dienen, daß kaum Jemand unter dieser Bevölkerung wird verweilen
können, ohne Anhänglichkeit für dieselbe zu fassen.
Kapitel XXVI.
Der grönländische Eskimo.
~A.~ Einleitung. Die Verbreitung der Eskimos. Ihre Wanderungen.
Der Eskimo gehört einem der merkwürdigsten lebenden Völkerstämme an,
er liefert einen schlagenden Beweis dafür, daß sich der Mensch den
Naturverhältnissen anpaßt und sich über die Erde verbreitet. So weit
wie man bis zum Nordpol vorgedrungen ist, ist man auf Spuren dieses
widerstandsfähigen Volkes gestoßen.
So kraß, wie sich der Eskimo durch seine ganze Lebensweise, durch
seine sinnreichen Geräthschaften, sein Aussehen und seinen Körperbau
von allen anderen Volksstämmen unterscheidet, so gleichartig sind in
jeder Beziehung die verschiedenen Eskimostämme untereinander. Ein
ungemischter Eskimo von der Beringsstraße ist einem Ostgrönländer so
sprechend ähnlich, daß man keinen Augenblick darüber im Zweifel sein
kann, daß die Beiden derselben Rasse angehören. Auch ihre Sprache
hat eine so auffallende Aehnlichkeit, daß ein Alaskaeskimo und ein
Grönländer sicher ohne große Schwierigkeiten eine Unterhaltung
miteinander führen könnten.
Kapitän +Adrian Jakobsen+, der Grönland und Alaska bereist hat,
erzählte mir, daß er sich in dem letztgenannten Lande mit dem wenigen
Grönländisch, das er konnte, zu behelfen vermochte. Und diese Völker
sind durch mehr als 600 geographische Meilen -- eine Strecke, die
der Entfernung von London bis zum Sudan gleichkommt -- getrennt.
Eine solche Einheit in der Sprache bei so fern voneinander wohnenden
Volksstämmen ist wohl einzig dastehend in der Geschichte der Menschheit.
Die Aehnlichkeit, welche nach jeder Richtung hin unter den
Eskimostämmen herrscht, läßt darauf schließen, daß sie ursprünglich ein
kleiner Stamm gewesen sind, der sich erst in späteren Zeiten über die
jetzt von ihnen bewohnten Länder verbreitet hat.[43]
Daß sie sich über diese in verhältnißmäßig kurzer Zeit haben verbreiten
können, ohne doch wie bei den größeren Völkerwanderungen in Horden
aufgetreten zu sein, ist leicht erklärlich, wenn man bedenkt, daß ihre
jetzige Heimath zu den ungastlichsten Ebenen unserer Erde gehört, zu
Ebenen, die kaum jemals bewohnt gewesen sind, jedenfalls nicht für
beständig, bis die Eskimos sie in Besitz nahmen, und wo sich ihrer
Ausbreitung folglich nichts anderes als die Natur selber feindlich
gegenübergestellt hat.
Der Strich, den die Eskimos jetzt bewohnen, erstreckt sich von der
Westküste der Beringsstraße über Alaska, Nordamerikas Nordküste, die
nordamerikanischen arktischen Inselgruppen und die Westküste Grönlands
bis an dessen Ostküste.
Durch seine abgesonderte Stellung hat der Eskimo den Anthropologen
viel Kopfzerbrechen verursacht, und über seine Zukunft haben sich die
widerstreitendsten Ansichten geltend gemacht.
Es ist hier nicht der Ort, tiefer auf dies Thema einzugehen, das noch
längst nicht abgeschlossen ist. Nur soviel läßt sich mit annähernder
Sicherheit sagen, daß die Eskimos zuletzt von der an der Beringsstraße
oder dem Beringsmeer gelegenen Küste (möglicherweise von der
amerikanischen Seite) gekommen sind und sich von dort aus östlich über
das arktische Amerika bis Grönland ausgebreitet haben.
~Dr.~ +Rink+, der sich das Studium Grönlands und der Eskimos zur
Lebensaufgabe gemacht hat, und der ohne Frage die größte Autorität
auf diesem Gebiete ist, meint, daß die Waffen der Eskimos und ihre
Geräthschaften jedenfalls im wesentlichen aus Amerika stammen. Er hält
es für möglich, daß die Eskimos einmal im Innern von Alaska gewohnt
haben, wo sich noch eine nicht geringe Anzahl von „+Inlandseskimos+“
findet. In verhältnißmäßig später Zeit soll ein Theil derselben
nach den Küsten des Beringsmeeres oder Eismeeres ausgewandert sein,
entweder von den Schätzen des Meeres[44] gelockt oder von feindlichen,
kriegerischer gesonnenen Indianerstämmen vertrieben.[45]
+Rink+ weist ferner nach, wie die Nordwestindianer sowohl auf dem
festen Lande jagten, als auch Fischfang auf den Seen und Flüssen in
ihren Kanoes aus Birkenrinde betrieben. Dasselbe müssen denn auch die
ursprünglichen Inlandseskimos gethan haben,[46] und in ihren Kanoes
sind sie wahrscheinlich auf die Nordwestseite Alaskas zu seewärts
gezogen. Je weiter sie kamen, desto spärlicher wurden die Waldungen,
so mußten sie denn darauf sinnen, ein Ersatzmittel für die Baumrinde
zum Beziehen ihrer Kanoes zu finden, und da ist es denn nicht
unwahrscheinlich, daß sie sich schon auf den Flüssen der Felle der
gefangenen Seethiere bedient haben, denn noch jetzt sieht man Beispiele
davon bei einzelnen Indianerstämmen.[47]
Erst als die Eskimos mit Seegang und Flußmündungen in Berührung kamen,
fingen sie allmählich an, ihren Böten ein Deck zu geben, bis sie
schließlich die Oberfläche ganz überzogen. Damit war der Kajak fertig,
der auch in seiner ganzen Form und seinem Bau mehr an die indianischen
Birkenkanoes als an jegliche andere nordasiatische Bootsform
erinnert.[48]
An der Küste angelangt, entdeckten sie, daß ihre Existenz im
wesentlichen von dem Seehundsfang abhängig sei, sie setzten
infolgedessen ihre ganze Kraft darauf ein und die Kajaks führten zu
der Erfindung der zahlreichen eigenartigen und bewunderungswürdigen
Geräthschaften zum Kajakfang, die sich zu immer größerer
Vollkommenheit entwickelten. Das Material zu diesen Geräthschaften
erhielten sie abermals aus Amerika, indem die indianischen Pfeile mit
den Steuerfedern, welche für die Landjagd benutzt wurden, ihnen die
erste Wurfwaffe für die Seejagd lieferten. Solche kleine Harpunen oder
Wurfpfeile mit Steuerfedern sind noch heutzutage auf dem südlichen
Theil der Westküste von Alaska in Gebrauch.
Wenn man in nördlicher Richtung an dieser Küste entlang geht, so
verschwinden die Vogelfedern jedoch bald, und eine kleine an dem
Harpunenschaft befestigte Blase tritt an ihre Stelle. Man sah sich
genöthigt, solche Mittel anzuwenden, um dem Untertauchen und dem
Schwimmen der Seehunde ein Hinderniß in den Weg zu legen, ferner hielt
man es für nothwendig, die Spitze so einzurichten, daß sie bei den
Bewegungen des Seehundes nicht abbrach, sondern abfiel und in einem
Riemen am Schaft hängen blieb. Auf die Weise entstand der sogenannte
+Blasenpfeil+, der allen Eskimos bekannt ist.
Hieraus hat sich möglicherweise auch die sinnreiche Harpune mit
Fangriemen und Blase entwickelt. Um größere Seethiere zu fangen, wurde
die Blase dann größer und größer gemacht, der Uebelstand aber, daß sich
dadurch ein zu großer Luftwiderstand bildete, so daß der Pfeil nicht
weit und mit genügender Kraft geworfen werden konnte, hat sich bald
eingestellt.
Man trennte ihn dann von der Harpune und ließ ihn nur mit derselben
oder vielmehr mit deren Spitze, von der er abfällt, mit einer langen,
starken Leine, dem Fangriemen, verbunden sein; die Harpune selber wurde
von nun an allein geworfen, den Riemen nach sich ziehend, die Blase
warf man erst aus, nachdem das Thier getroffen war.[49]
Das zweiblättrige Kajakruder hat sich möglicherweise auch aus dem
einblättrigen Ruder der Indianer entwickelt. Bei den Eskimos im
südlichen Alaska findet man auch nur ausschließlich solche; erst auf
der Nordseite des Jukonflusses trifft man zweiblättrige Ruder, die
einblättrigen sind aber doch noch überwiegend. Weiter nach Norden und
Osten zu findet man beide Formen, bis das zweiblättrige Ruder östlich
vom Mackenzieflusse die Alleinherrschaft erhält.
Die Aleuten -- ein Seitenzweig der Eskimos -- scheinen wunderbarerweise
nur die zweiblättrigen Kajakruder zu kennen.[50]
Die Kenntniß der asiatischen Eskimos ist in dieser wie in anderen
Beziehungen spärlich, es scheint, als ob sie im wesentlichen nur
zweiblättrige Ruder haben.[51]
Dies alles scheint also auf den Zusammenhang der Eskimos mit den
Indianern hinzudeuten. Ein Geräth indessen unterscheidet ihn deutlich
von diesen und nähert ihn den asiatischen Nomadenvölkern, nämlich der
+Hundeschlitten+.
Wenn man die Inka-Peruaner ausnimmt, die das Lama als Lastthier
benutzen, so kannte die amerikanische Urbevölkerung die Benutzung der
Thiere zum Ziehen oder Tragen nicht. Allerdings hatten die Indianer
eine Art halbgezähmter Hunde, aber diese wurden kaum zu irgend etwas
verwendet. Der Schlitten und das Hundefuhrwerk bringt folglich den
Eskimo Asien beträchtlich näher. Auch sollen die Hunde der Eskimos
(nach +Lütke+)[52] dem kamtschadalischen Hund sehr ähnlich sein.
Die Anwendung des Hundes zum Ziehen verräth zweifelsohne einen hohen
Grad der Entwickelung, und dieser Zug läßt den Zusammenhang der Eskimos
mit den asiatischen Polarvölkern als sehr glaubhaft erscheinen. Es muß
jedoch gleichzeitig hervorgehoben werden, daß die Eskimos selber das
Rennthier niemals gezähmt und zum Ziehen benutzt haben, obwohl in ihren
Sagen die Rede davon ist. Dagegen ist dies der Fall bei den meisten
asiatischen Polarvölkern. Die Kamtschadalen bilden freilich eine
Ausnahme, wodurch sie sich abermals den Eskimos nähern.
Es ist indessen nicht undenkbar, daß die Eskimos, die im übrigen einen
so ausgeprägt erfinderischen Geist haben, selber auf den Gedanken
gekommen sind, Zugthiere abzurichten und Schlitten anzufertigen.
Wenn sie noch keine Hunde gehabt haben, so haben sie möglicherweise
den Polarwolf gezähmt, und es kann sein, daß ihre Hunde von diesem
abstammen; einzelne der eskimoischen Sagen scheinen auch hierauf
hinzudeuten. In diesem Falle würden also die Asiaten das Benutzen der
Hunde zum Fahren von den amerikanischen Eskimos gelernt, wie auch von
ihnen ihre Hunde erhalten haben.
Ein Geräth, welches den Eskimo sowohl von den Indianern Nordamerikas,
wie von den asiatischen Völkern unterscheidet, ist das +Wurfbrett+.
Merkwürdigerweise kennt man nur in wenigen Gegenden -- wahrscheinlich
nur in dreien -- diese höchst sinnreiche Erfindung, durch welche die
Länge und die Kraft des Armes bedeutend erhöht wird, indem es wie eine
Schleuder wirkt, -- nämlich in +Australien+, wo das Wurfbrett sehr
primitiv ist, im Lande der +Coniboer+ und +Picouer+ in dem oberen
Amazonendistrikt, wo es ungefähr auf derselben Stufe steht wie in
Australien, und endlich in den von den Eskimos bewohnten Ländern, wo
es seine höchste Entwickelung erreicht.[53] Es ist kaum anzunehmen,
daß das Wurfbrett an so verschiedenen Stellen erfunden worden ist. Um
welche Zeit die Eskimos Grönland erreichten und sich für immer dort
niederließen, ist meiner Meinung nach unmöglich zu bestimmen. Daß es
wahrscheinlich erst spät geschah, geht aus dem bereits Gesagten hervor,
es scheint mir aber durchaus nicht bewiesen, daß sie erst im 14.
Jahrhundert an der grönländischen Westküste eingewandert sind, wie man
aus den isländischen Sagen schließen will. Allerdings scheint es, daß
die norwegischen Kolonien Vesterbygden und Österbygden erst um diese
Zeit den ernsthaften Angriffen der Skrällinger (Eskimos) ausgesetzt
gewesen sind, die in Horden aus dem Norden herangezogen kamen; deswegen
können sie aber lange vor jener Zeit, ja lange vorher, ehe die Norweger
nach Grönland kamen, dort ansässig gewesen sein. Sie scheinen in den
ersten 400 Jahren, während die Norweger dort ansässig waren, nicht
auf dem südlichen Theil der Küste gewohnt zu haben (bei Öster- und
Vesterbygden), da nichts davon in den Sagen erwähnt wird, aber es
wird ausdrücklich hervorgehoben, daß die ersten Nordländer (+Erik der
Rothe+ u. A.), die sowohl nach Öster- wie nach Vesterbygden kamen,
menschliche Wohnungen, Ueberreste von Böten und Steingeräthschaften
fanden, so daß man daraus schließen konnte, daß die Skrällinger oder
Eskimos früher dort gehaust hatten, und da man solche Ueberreste in
beiden Ansiedelungen fand, liegt die Annahme ja nahe, daß sie sich
nicht grade auf flüchtigen Besuchen dort aufgehalten haben. Es ist
keine Unmöglichkeit, daß sich die Eskimos Hals über Kopf aus dem Staube
gemacht haben, als die Schiffe der Vikinger herangesegelt kamen, daß
dies aber so schnell geschehen sein sollte, daß die Nordländer sie
nicht zu Gesicht bekamen, erscheint mir nicht wahrscheinlich. Ich neige
mehr zu der Annahme, daß die Eskimos damals ihre festen Wohnsitze
weiter nordwärts an der Küste, nördlich vom 68° N. Br. gehabt haben, wo
sich eine reiche Seehunds- und Walfischjagd findet, und wohin sie auf
ihrer Wanderung nach Norden (vgl. unten) zuerst gekommen sind.[54]
Von diesen ihren festen Wohnsitzen aus haben sie auf Eskimoart häufig
kürzere oder längere Besuche nach dem südlicheren Theil der Westküste
gemacht und dort ihre Spuren hinterlassen. Als die Norweger während
ihres Aufenthalts im Lande gen Norden streiften, trafen sie schließlich
mit den Eskimos zusammen. Prof. +G. Storm+[55] ist der Ansicht,
daß dies erst im 12. Jahrhundert geschehen ist.[56] Die „~Historia
Norvegiae~“ berichtet, daß die grönländischen Jäger in den unbewohnten
Gegenden des nördlichen Grönland kleine Menschen trafen, welche sie
Skrällinger nannten, und die steinerne Messer und Pfeilspitzen aus
Fischbein benutzten. Nachdem die nördlichen Ansiedelungen übervölkert
wurden, rückten die Eskimos gen Süden, und da die Norweger überall,
wo sie ihnen begegneten, feindlich auftraten, haben sie vielleicht
um das Ende des 14. Jahrhunderts Vergeltung geübt, indem sie zuerst
(nach 1331) Vesterbygden angriffen und zerstörten und später im Jahre
1379 einen Raubzug nach Österbygden unternahmen; in dem dann folgenden
Jahrhundert scheinen sie diese Kolonien gänzlich zerstört zu haben.[57]
Um diese Zeit sollen also die Eskimos zuerst festen Fuß in dem
südlichen Theil des Landes gefaßt haben.
Daß zwischen den alten Norwegern und den Eskimos Kämpfe stattgefunden
haben, darüber haben sich auch bei den Letzteren mehrere Sagen
erhalten. (Vergl. +Rink+, eskimoische Märchen und Sagen.) Daß aber die
Eskimos förmliche Raubzüge unternommen haben sollen, scheint sehr
wenig mit ihrem jetzigen Charakter in Einklang zu stehen. Daher kann
ein Ausrottungskrieg wohl kaum der Grund zu dem Verfall der Kolonien
gewesen sein; möglicherweise hat die Mischung der Kolonisten mit den
Eskimos seinen Theil dazu beigetragen, da die Europäer der damaligen
Zeit kaum weniger empfänglich für den Liebreiz der Eskimoschönheiten
gewesen sein werden, als es die jetzigen sind.
Ueber den Weg, auf welchem die Eskimos nach der Westküste Grönlands
eingewandert sind, hat eine große Meinungsverschiedenheit geherrscht.
~Dr.~ +Rink+ stellt die Behauptung auf, daß die Eskimos, indem sie über
den +Smithsund+ kamen, nicht in südlicher Richtung an der Westküste
entlang gezogen sind, was das Natürlichste zu sein scheint, sondern
daß sie nördlich um die Nordspitze des Landes herumzogen und an der
Ostküste herunterkamen, von hier aus sollen sie dann später ihren Weg
südwärts um die Südspitze des Landes bis zu der Westküste genommen
haben. Diese Annahme basirt im wesentlichen darauf, daß +Thorgils
Orrabeinsfostre+ die Eskimos an der Ostküste traf, -- und dies war
das erste Mal, daß die Norweger mit ihnen zusammenstießen. Auf die
Unzuverlässigkeit dieses Berichts ist bereits bei früherer Gelegenheit
aufmerksam gemacht worden. Uebrigens steht eine solche Annahme von der
Einwanderung der Eskimos in direktem Widerspruch mit den Berichten der
Sagen, indem aus denselben hervorgeht (vergl. oben), daß die Eskimos
von Norden her und nicht aus dem Süden kamen (Vesterbygden wurde vor
Österbygden zerstört). Noch ein anderer Umstand deutet meiner Meinung
nach auf die Unwahrscheinlichkeit einer solchen Wanderung hin, --
wenn sie nämlich in nördlicher Richtung um die Nordspitze des Landes
vorgedrungen sein sollen, so müssen sie während der Zeit, in welcher
sie sich dort oben befanden, wie die arktischen Hochländer gelebt
haben (d. h. wie die Eskimos bei Kap York und nördlich davon), sich
wesentlich von der Jagd auf dem Eise ernährend, mit Hundeschlitten
fahrend und weder Kajaks noch Frauenböte besitzend, da das stets mit
Eis bedeckte Meer den Kajakfang und den Gebrauch der Böte fast zur
Unmöglichkeit macht. Daß sie sich dann, wenn sie wieder in südlichere,
eisfreie Gewässer an der Ostküste kamen, abermals Frauenböte und Kajaks
gebaut haben, ist freilich an und für sich nicht unmöglich, da sie die
Tradition wohl bewahrt haben müssen, daß sie aber, nachdem sie mit dem
+Kajakfang+ außer Uebung gekommen waren, diesen wie die dazu gehörigen
Geräthschaften sogar zu einer größeren Vollkommenheit entwickeln
konnten, als in anderen Gegenden, das muß denn doch unwahrscheinlich,
um nicht zu sagen unmöglich genannt werden.
Meiner Meinung nach ist es die natürlichste Erklärung, daß die Eskimos,
als sie über den Smithsund kamen -- und diesen Weg müssen sie natürlich
eingeschlagen haben -- südwärts an der Küste entlang zogen und sich
dann später um die Südspitze des Landes herum bis an die Ostküste
begaben. Ob dies Letztere bereits geschehen ist, ehe die Norweger nach
Grönland kamen, wissen wir nicht.
Auf ihrem Wege nach Süden vom Smithsund aus stellte sich ihnen ein
großes Hinderniß in Gestalt des Melville-Gletschers (ungefähr auf
dem 76° N. Br.) entgegen; derselbe geht direkt in das Meer hinaus,
dort, wo die Küste eine lange von Inseln unbeschützte Linie bildet;
aber einestheils haben sie auf der Innenseite des Treibeises in
ihren Fellböten vordringen können, und anderntheils sind diese
Schwierigkeiten jedenfalls nicht größer als diejenigen, welche mit
einer Wanderung nördlich um das Land herum verbunden sein würden.
Freilich wird diese letztere Annahme ein wenig dadurch erschwert, daß
die Eskimos der Ostküste Hunde und Hundeschlitten haben, welche an der
südlichen Westküste nicht benutzt werden. Bedenkt man indessen, wie
verhältnißmäßig schnell die Eskimos in ihren Frauenböten reisen und
wie sie in früheren Zeiten an der Küste auf und ab streiften, so liegt
die Annahme nahe, daß die Hunde von demjenigen Theil der Westküste
Grönlands, wo sie noch heute benutzt werden (Holsteinborg und das
nördlicher gelegene Land), bis zum Kap Farvel mitgebracht worden sind,
selbst wenn die südlicher wohnenden Völker die Hundezucht aufgegeben
hatten, was freilich nicht anzunehmen ist, wenn man bedenkt, daß die
Eskimos noch heute an der ganzen Westküste entlang Hunde halten. Wenn
im wesentlichen auf Grundlage von Eigenthümlichkeiten die Behauptung
aufgestellt ist, daß die Eskimos der Ostküste mehr Verbindung mit den
Alaska-Eskimos gehabt haben sollen, als mit den Eskimos der Westküste
(auf dem Wege nördlich um Grönland herum), da scheint die Einwendung
nahe zu liegen, daß in diesem Falle ihre Sprache den Ersteren näher
stehen müsse, was jedoch keineswegs der Fall ist.
Die jetzige Ausbreitung der Eskimos an der Westküste von Grönland
erstreckt sich vom Smithsund bis zum Kap Farvel. Ihre Zahl in dem
dänischen Theil der Westküste beläuft sich auf ca. 10000. An der
Ostküste wohnen, wie wir von der dänischen Frauenboot-Expedition
(1884-1885) wissen, Eskimos bis zu der Angmagsalik-Gegend (auf dem
66° N. Br.). Nördlich davon wohnten, wie die Eskimos Kapitän +Holm+
mittheilten, soweit es ihnen bekannt war, keine für beständig.
Indessen werden häufig Reisen nach dem Norden unternommen,
wahrscheinlich bis zum 68. oder 69. Breitengrad, und vor einigen Jahren
hatten zwei Frauenböte den Weg eingeschlagen, ohne daß man später je
wieder von ihnen gehört hätte. Ob nördlich vom 70. Breitengrad noch
Eskimos wohnen, weiß man nicht mit Bestimmtheit. +Clavering+ fand
i. J. 1823 bekanntlich zwei Familien ungefähr auf dem 74° N. Br.,
seit jener Zeit hat man aber keine wieder gesehen, und die deutsche
Expedition, die i. J. 1869-70 an dieser Küste entlang reiste und dort
überwinterte, fand wohl Häuser und andere Ueberreste, welche die
Eskimos dort hinterlassen hatten, aber keine Menschen, weshalb man
annahm, daß diese ausgestorben seien. Dies kommt mir jedoch ziemlich
unwahrscheinlich vor, denn die Eskimos sind eine sehr widerstandsfähige
Rasse; daß man dort kein lebendes Wesen antraf, muß einen anderen
Grund haben. Sie können grade zu jener Zeit weiter nordwärts oder
gen Süden gezogen sein, und selbst, wenn dies nicht der Fall gewesen
sein sollte, so wohnen sie oft so zerstreut, daß man ihnen ganz
zufällig nicht begegnet sein mag. Man darf nicht vergessen, um
welche ungeheuren Strecken zerklüfteten Landes es sich hier handelt,
auch ist es nicht sicher, daß, selbst wenn man in die Nähe ihres
Aufenthaltsortes gekommen ist, man sie dort angetroffen hat, denn sie
sind sehr furchtsamer Natur und können das Weite gesucht oder sich
versteckt haben, und ihre Zelte und Häuser sind in einiger Entfernung
nicht leicht zu entdecken. Meiner Meinung nach können noch heute sehr
wohl Eskimos an jener Küste wohnen, und infolge ihrer abgesonderten
Stellung, die jegliche direkte oder indirekte Verbindung mit der
civilisirten Welt unmöglich gemacht hat, müssen diese zu den in
ethnologischer Hinsicht interessantesten Völkern der Erde gehören.
~B.~ Das Aussehen, die Kleidung, der Kajakfang, die Häuser.
Das Aussehen der ursprünglichen Eskimos hatte ich bereits früher
Gelegenheit zu schildern.
Sie haben, wie dort gesagt wurde, ein breites, gutmüthiges Gesicht mit
großen Zügen, kleine, dunkle, zuweilen ein wenig schrägliegende Augen,
eine flache Nase, runde, fette Wangen, einen breiten Mund und starke
Kiefern. Auf Schönheit können sie infolgedessen ja eigentlich keinen
Anspruch machen, und doch können die ursprünglichen Eskimogesichter
etwas sehr Anziehendes haben. Die Mischrasse, die durch Kreuzung von
Europäern und Eskimos entstanden ist, pflegt hübscher zu sein als die
ursprüngliche Rasse. Diese Mischeskimos haben in der Regel ein gewisses
südländisches, zuweilen auffallend jüdisches Aussehen, mit dunklem
Haar, dunklen Augenbrauen und theilweise sehr bräunlicher Hautfarbe.
Es kommen häufig ganz edle Schönheiten unter ihnen vor, sowohl bei
dem starken wie bei dem schwachen Geschlecht. Ein Beispiel dieser
grönländischen Mischrasse findet sich auf Seite 203.
[Illustration: Eskimos von der Ostküste.
(Nach einer durch die dänische „Konebaad“-Expedition aufgenommenen
Photographie.)]
Die Hautfarbe ist bei den ursprünglichen Grönländern bräunlich
oder bläulichgelb, und selbst bei den Mischlingen kann eine fast
kastanienbraune Farbe vorkommen. Die neugeborenen Kinder sind heller,
aber schon +Saaby+ hat darauf aufmerksam gemacht, daß sie einen
blauschwarzen Fleck auf dem Rückenkreuz haben, von dem sich die dunkle
Farbe dann später verbreitet. +Holm+ erwähnt etwas Aehnliches von der
Ostküste,[58] ich selber habe indessen keine Gelegenheit gehabt, mich
davon zu überzeugen, was das Gewöhnliche ist; es wird ein ähnliches
Verhältniß sein, wie bei den Kindern der Japanesen.
Ueber die Kleidung der Eskimos wird man sich nach den in diesem
Werke enthaltenen Illustrationen einen Begriff bilden. Die Männer in
Südgrönland tragen auf dem Oberkörper einen sog. Timiak aus Vogelfell.
Auf dem Lande verwendet man meistens das Fell der Eidergans, aus dem
die Federn ausgerupft sind, so daß nur die Daunen sitzen bleiben, in
den Kajaks dagegen Pelze aus Dohlenfell. Auch das Fell von ~Graculus
carbo~ oder Scharf wird angewendet, das letztere ist das stärkste und
beste von allen. Ueber dem Timiak haben sie einen Ueberzug aus Stoff
(Anorak). Der Timiak ist mit einer Kapuze versehen, die über den Kopf
gezogen werden kann. Die Beine sind mit Beinkleidern von Seehundsfell
oder von europäischen Stoffen bekleidet, an den Füßen tragen sie eine
eigene Art von Stiefeln, „Kamikker“ aus Seehundsfell. Diese haben
inwendig eine Art Strümpfe aus Fell mit nach innen gekehrten Haaren,
nach außen bilden sie einen Stiefel aus wasserdichtem Fell. Die Füße
stecken bloß in den Kamikkern. Die Bekleidung der Frauen ist derjenigen
der Männer sehr ähnlich, auf dem Oberkörper tragen sie einen Pelz aus
Vogelfell, doch ohne Kapuze, dagegen mit einem breiten Perlenkragen um
den Halsausschnitt. Sowohl bei den Männern wie bei den Frauen ist der
Pelz an Hals und Handgelenken mit Hundefell eingefaßt, vorzugsweise
mit schwarzem. Die Beine stecken in Beinkleidern aus Seehundsfell, die
jedoch kürzer sind als bei den Männern; sie sind an der Vorderseite
reich mit farbigem Leder und weißen Streifen aus Rennthierleder oder
Hundeleder verziert. Zuweilen bestehen die Beinkleider der Frauen auch
aus Rennthierfell. Die Kamikker sind länger als bei den Männern und
gehen bis über die Kniee. Sie haben in der Regel eine krasse Farbe,
vorzugsweise sind sie roth, aber auch blau, violett und weiß. Sie sind
an der Vorderseite mit einem herunterlaufenden Streifen verziert.