Kapitän +O. C. Dietrichson+.]

[Illustration: Ueber einer Eisspalte. (Von E. Nielsen.)]

Auf dem Rückweg fiel ich mit beiden Schneeschuhen in eine Spalte und

blieb unter den Armen hängen. Es sah nicht gerade gemüthlich aus, denn

obwohl die Spalte nur schmal war, machte es mir doch große Mühe, mich

mit den Schneeschuhen auf den glatten Eisrand wieder in die Höhe zu

arbeiten, und ich war ganz allein; +Sverdrup+ war vorausgelaufen

und ahnte nichts von meiner unbequemen Lage. Nach ein wenig Zappeln

kam ich glücklich wieder in die Höhe. Merkwürdigerweise versanken wir

niemals tiefer als bis an die Arme.

[Illustration: Aussicht gegen Kangersunek-Fjord (22. September).

(Nach einer Skizze vom Verfasser.)]

[Illustration: Ueber unebenes Eis (23. September).

(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)]

Wir waren nicht weit zurückgegangen, als ich nördlich von uns auf dem

Höhenrücken, den wir den Gefährten angewiesen hatten, das braune Zelt

erblickte. Sie waren ungefähr vor einer halben Stunde angekommen und

hatten nun den Kaffeekessel „in Schwung“ gesetzt. Wir waren ja jetzt

in der Nähe der Westküste, da wurde es mit dem Kaffeeverbot nicht so

genau genommen. Es währte indessen eine ganze Weile, bis der Kaffee

fertig war, was uns nicht weiter unangenehm war, da uns eine kleine

Ruhe nach unserer Skitour sehr wohl that. Als der Kaffee getrunken war,

brachen wir das Zelt ab und richteten den Kurs gen Süden, um südlich

von dem Eisstrom zu gelangen, der sich in den Fjord hineinschiebt, und

in den wir hineingerathen waren. Das Eis war im Anfang gut, und es

ging schnell vorwärts, obwohl der Wind hin und wieder Anstrengungen

machte, die Schlitten nach der Seite herumzudrehen. Gegen Abend, als

es bereits zu dämmern begann, kamen wir indessen an einen Rücken mit

schlimm zerklüftetem Eis. Hier mußten wir eine kleine Rekognoszirung

vornehmen, ehe wir weiter gingen, deswegen blieb uns nichts übrig, als

das Zelt aufzuschlagen und bis zum nächsten Tage zu warten. Während

das Abendessen bereitet wurde, unternahmen +Sverdrup+ und ich einen

kleinen Ausflug. Das Eis war ganz abscheulich, noch schlimmer als

am vorhergehenden Abend, aber man konnte doch bei einiger Vorsicht

ziemlich vorwärtskommen, und der Rücken war glücklicherweise nicht sehr

breit.

Am folgenden Morgen (23. September) unternahm +Sverdrup+ noch eine

Rekognoszirungstour und kehrte mit verhältnißmäßig befriedigenden

Nachrichten zurück. Das Eis war nicht so schlimm, wie es uns auf den

ersten Blick erschienen war. Es war sogar möglich, die Schlitten

hinüberzubefördern, ohne sie zu tragen, wenn wir uns zu je Dreien um

einen Schlitten vereinigten.

[Illustration: Ueber unebenes Eis. Sverdrup grübelt über die

Widerwärtigkeiten des Lebens nach. (23. September).

(Nach einer Photographie des Verfassers.)]

So wurde denn das Lager abgebrochen, und wir begannen die mühsamste

Eiswanderung, die wir überhaupt gehabt hatten. An vielen Stellen mußten

die Schlitten über die steilen, hohen Eisrücken hinüber gehoben werden.

Ging es bergab, so mußte der Unglückliche, der hinterher ging, aus

allen Kräften zurückhalten, sonst glitt er aus und stürzte mitsamt dem

Schlitten den Vorangehenden auf die Hacken und das ganze Gefährt sauste

bergab. An mehreren Stellen hatten wir das Glück, zugefrorene Bäche zu

finden, die ganz gute, freilich ein wenig gewundene Wege zwischen den

hohen und scharfen Eisrücken mit oft lothrechten Wänden bildeten. Auf

einer Stelle mußten wir durch eine Schlucht, die gerade breit genug

war, um uns hindurch zu lassen. Den Boden dieser Schlucht füllte ein

Bach aus, der nicht ganz zugefroren, und dessen Wasser uns fast bis an

die Knie reichte.

Endlich, im Laufe des Nachmittags, hatten wir das schlimmste Eis

hinter uns. Jeder konnte nun wieder seinen eigenen Schlitten ziehen.

Das Eis war jetzt erträglich und wurde allmählich immer besser, aber

der Wind war schlimm und riß die Schlitten immer nach der Seite herum.

Als wir eine beträchtliche Strecke zurückgelegt hatten, entdeckte

ich auf dem Eis eine Moräne, die sich in östlicher Richtung von dem

bloßen Lande aufwärts zog. Diese Moräne mußte meiner Ansicht nach auf

der Grenze zwischen zwei Eisströmen liegen, um so mehr, als sie sich

in einer Senkung befand, und da ich nicht geneigt war, in eine neue

Eisströmung hineinzugerathen, beschloß ich diesseits der Moräne das

bloße Land zu erreichen. Wir machten Halt, schlugen unser Zelt auf

und entsandten +Balto+, um Wasser für unsern Kaffee herbeizuschaffen,

während +Sverdrup+ und ich eine Entdeckungsreise in der Richtung auf

das Land zu antraten, um zu sehen, ob das Eis einigermaßen gangbar sei.

Wir waren noch nicht weit gekommen, als wir uns klar darüber waren, daß

wir hier hinabgelangen konnten. Es hatte den Anschein, als ob wir uns

auf der Südseite des Eisstroms befänden, der sich in den Godthaab-Fjord

hineinschob, denn die Eisfläche senkte sich nach Süden oder vielmehr

nach dem Lande zu, das wir vor uns hatten. Wir kehrten mit dieser

tröstlichen Nachricht zurück, und der Kaffee wurde in heiterster

Stimmung eingenommen. Die Aussicht, abermals bloßes Land unter den

Füßen zu haben, war jetzt nicht mehr fern, und konnte uns wohl fröhlich

stimmen. So schnell wie möglich brachen wir wieder auf, und jetzt, wo

wir den Wind im Rücken hatten, ging es leicht über das verhältnißmäßig

ebene Eis hinweg, dessen Senkung stellenweise ganz beträchtlich war.

Unsere Hoffnung, schon an diesem Abend das Land zu erreichen, wurde

getäuscht, es fing bald an dunkel zu werden, und wir mußten Halt

machen. Wir waren jedoch zufrieden mit unserm Tagewerk, denn wir waren

weiter gekommen, als wir am Morgen erwartet hatten.

[Illustration: Endlich gelangten wir am Nachmittage über das schlimmste

Eis hinweg.

(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]

[Illustration: Ich war noch nicht weit gegangen, als ich mich an einem

Eisabhang befand.

(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]

Am nächsten Morgen (24. September) rückten wir früh aus und begannen

unsere Wanderung mit dem festen Vorsatz, das Land noch am selben Tage

zu erreichen. Es ging schnell vorwärts, die Senkung war theilweise ganz

beträchtlich und half uns gut. Auch der Wind begünstigte uns, das Eis

war gut, und alles ging nach Wunsch. Als wir eine Strecke hinabgekommen

waren, mußten wir eine Rekognoszirung vornehmen, da das Eis etwas

unebener wurde. Ich begab mich bergab und war noch nicht weit gegangen,

als ich mich auf einem Eisabhang befand, der gegen einen kleinen,

felsumgebenen See abfiel, dessen mir entgegengesetzte Seite sich in

eine bachdurchströmte Felskluft öffnete. Gerade unter mir ging das Eis

ganz eben in Steingeröll über. Hier war leicht vorwärts zu kommen,

und das Eis war den ganzen Weg entlang gut. Es währte nicht lange, so

befanden sich alle Mann auf dem Eisabhang und genossen den Anblick des

nahe gelegenen Landes. Nachdem ich einige photographische Aufnahmen

gemacht hatte, setzten wir uns in Bewegung, über die letzte Senkung

hinweg. Sie war sehr steil, die steilste, die uns bisher vorgekommen

war, es galt tüchtig gegenzuhalten, aber es ging munter vorwärts, und

bald waren wir unten auf dem See unter dem Gletscher, -- das Inlandseis

lag für immer hinter uns!

Wir richteten den Kurs quer über den See nach der anderen Seite

hinüber; hier war das Eis jedoch nicht ganz sicher. Nur mit größter

Vorsicht gelangten wir ohne ein kaltes Bad bis an die Steine,

schnallten die Steigeisen, die wir die letzten Tage benützt hatten, ab

und sprangen nun leicht wie die Rennthiere über das Land dahin. Worte

vermögen es nicht zu beschreiben, was es für uns Alle war, endlich

einmal wieder Erde und Steine unter den Füßen zu fühlen! Eine wahre

Wonne durchrieselte uns, als wir mit unseren Füßen das Heidekraut

berührten und der würzige Duft von Gras und Moos uns in die Nase stieg.

Hinter uns lag das Inlandseis, sich in einer langen, kalten und grauen

Abschrägung nach dem See zu senkend, vor uns aber weideten wir uns

an dem Anblick des bloßen Landes. Durch das Thal hindurch erblickten

wir einen Hügelrücken nach dem andern, die sich wie Woge auf Woge am

Horizont erhoben. Hier mußten wir weiterziehen; dieser Weg führte uns

an den Fjord.

Auch +Ravnas+ Antlitz strahlte endlich einmal. Der arme Bursche hatte

manch’ liebes Mal die Hoffnung aufgegeben, jemals wieder festen

Grund unter den Füßen zu fühlen. Er und +Balto+ hatten, als sie ihre

Schlitten los waren, nichts Eiligeres zu thun, als spornstreichs in die

Berge hinauf zu klettern, ganz wie damals, als wir auf der Ostküste ans

Land gelangten.

Jetzt war es aber höchste Zeit geworden, an unser Mittagessen zu

denken; selbst das überströmendste Gefühl, das Ziel erreicht zu

haben, vermag nicht die materiellen Bedürfnisse zu übertäuben, -- im

Gegentheil, das Gefühl, eine Schwierigkeit überwunden zu haben, erhöht

den materiellen Genuß.

[Illustration: Hinter uns lag das Inlandseis. (Nach einer

Photographie.)]

Als wir endlich mit dem Mittagessen fertig waren, machten wir uns

schnell daran, unsere Bündel zum Herabsteigen zu schnüren. Es galt, so

viel wie möglich von dem Nothwendigsten mitzunehmen, aber auch nicht zu

viel, da eine zu schwere Last unsere Wanderung verzögern würde, und wir

gern so schnell als möglich zwei Mann nach Godthaab entsenden wollten.

Um für etwa eintretende Fälle gleich ein wenig Material zum Bootsbau

bei der Hand zu haben, nahmen wir einige Bambusstangen mit und

beschlossen während des Bootsbaus weitere zu holen. Die Sachen, die wir

nicht mitbringen konnten, wurden oben auf die Schlitten gelegt und gut

mit Persennings zugedeckt. Als dies geschehen war, waren wir endlich

am Nachmittag fertig, in das Thal hinabzuziehen.

Bei dieser Gelegenheit wurde es uns erst so recht klar, welche Kraft

in dem kleinen +Ravna+ wohnte. Er hatte während der Wanderung über das

Inlandseis am wenigsten von uns Allen gezogen, da er stets darüber

klagte, daß es für ihn alten Mann zu schwer sei; er blieb auch oft

zurück. Jetzt hatte ich das Nothwendigste, was wir mitnehmen wollten

und was wir bewältigen zu können glaubten, in sechs Haufen vertheilt.

Wie wunderte ich mich, als ich sah, daß +Ravna+ außer seinem Theil

noch seinen Kleidersack mit allerlei Reservezeug und dergl. auf den

Rücken nahm. Ich sagte ihm, das würde zu viel, ich wollte nicht, daß

er sich überanstrenge; er aber erwiderte, er könne sich nicht von

seinem Kleidersack trennen, in dem er sein Neues Testament habe, er

würde schon damit fertig werden. Und mit seiner schweren Bürde, unter

welcher er selbst fast verschwand, machte er sich auf den Weg und hielt

fortdauernd Schritt mit uns. Er meinte wohl, daß nun kein Grund mehr

vorhanden sei, mit seinen Kräften zu sparen, und wollte uns scheinbar

zeigen, was er vermochte, und +Balto+ hatte ganz recht, wenn er voller

Bewunderung sagte: „Ravna, der Kerl hat, weiß Gott, Kräfte“.

Das Terrain fiel an manchen Stellen steil ab, der Weg führte über

Steingeröll und Sümpfe, unsere Lasten waren schwer, und es war kein

Wunder, wenn es nicht so schnell vorwärts ging. Mehrmals während

unserer Wanderung sagte +Ravna+ ganz begeistert zu mir: „Hier

riecht es gut, genau so, wie auf den Bergen in Finnmarken, wo gute

Rennthierweide ist.“ Und er hatte recht, es roch sowohl nach Berggras

wie nach Rennthiermoos; mit wahrer Wollust sogen wir die würzige Luft

in langen Zügen ein. Gegen Abend gelangten wir an einen langen See (wir

nannten ihn „+Langvandet+“), in den sich zu unserer Verwunderung von

Westen her ein mächtiger Eisgletscher hineinschob; es war offenbar ein

Ausläufer des Inlandseises, das sich an dem westlich von uns gelegenen

Felsen vorüberdrängte.

[Illustration: Gegen Abend gelangten wir an einen langen See.

(Nach einer Photographie.)]

Als wir eine Strecke über den See hingekommen waren auf sehr

unsicherem Eise, wo wir mehrmals fast hineinfielen und nur mit Noth

ans Land kamen, machten wir am Abend Halt an der Ostseite des Sees

auf einem guten Zeltplatze. Zum erstenmal während unserer ganzen

Expedition lagerten wir uns auf wirklich weichem Heidekraut. Voller

Behagen streckten wir unsere Glieder aus, während die Bergluft über

uns hinsäuselte, vermischt mit jenem eigenthümlich betäubenden

Tannengeruch, der von einer eigenen Art Heidekraut herrührt, das in

großen Mengen in Grönland wächst.

Während wir unser Abendessen im Zelt verzehrten, erhielt +Ravna+, der

der Zeltöffnung zunächst saß, den Auftrag, ein Feuer aus Heidekraut

vor dem Zelte anzuzünden. Das nöthige Brennmaterial war bereits

gesammelt und wir meinten, daß der Anblick eines Feuers gemüthlich sein

müsse. Aber +Ravna+ schien dies nicht einsehen zu können, und mit der

bekannten Trägheit des Berglappen hatte er sofort eine ganze Reihe von

Einwänden bei der Hand. Nein, darin sei kein Sinn und Verstand, mit

dem Brennmaterial wollten wir lieber morgen früh kochen. Ich erwiderte

ihm, daß ringsherum Brennmaterial in Hülle und Fülle zu finden sei.

Dann wandte er ein, daß er keine Baumrinde zum Anzünden habe, da aber

lachten wir ihn aus, und sagten ihm, er würde, wenn er bis morgen früh

wartete, nicht mehr Baumrinde haben wie jetzt. Er solle nun nur nicht

viele Umstände machen, sondern gefälligst Feuer anlegen. So bequemte

er sich denn endlich dazu, und es währte nicht lange, bis ein mächtig

knisterndes Feuer vor dem Zelte aufflammte, Wärme und Licht in dem

vorhin so dunklen Zeltraum verbreitete und eine Rembrandts Beleuchtung

über die sitzenden Gestalten warf, die sich froh und beinahe satt

aßen. Die Tassen wurden fleißig zu Munde geführt, man verzehrte ganz

unglaubliche Quantitäten Suppe. Es war ein ganz ungewohnter Genuß

für uns, so gut sehen zu können, was wir zu Munde führten, -- es war

keine unwillkommene Veränderung, nachdem wir so oft in rabenschwarzer

Finsterniß hatten essen müssen.

Ich forderte +Ravna+ mehrmals auf, wieder hereinzukommen, es sei nun

nicht mehr nöthig, nach dem Feuer zu sehen, -- es brenne gut genug, --

aber nein! Jetzt war er nicht von dem Feuer fortzubekommen.

Nach dem Abendessen zündeten die rauchenden Mitglieder der Expedition

sich eine mit Moos oder Gras gestopfte Pfeife an, und dann lagerte man

sich mit den dampfenden Pfeifen um das wärmende Feuer herum, um sich so

recht an dem Bewußtsein zu erquicken, daß das Inlandseis nun überwunden

und das Ziel erreicht war.

Ich meinerseits lag auf dem Rücken da und freute mich über den fast

schelmischen Ausdruck in +Ravnas+ sonst so mürrischem Gesicht. Er

lächelte fast ununterbrochen, und auf die Frage, ob ihm das Land

gefiele und ob er die Bergluft merken könne, antwortete er voller

Begeisterung, hier möchte er wohl wohnen. Ich fragte ihn nun allen

Ernstes, ob er Lust habe, mit seinen Herden hierher zu ziehen. Er

erwiderte, Lust habe er wohl, aber es würde ihm zu theuer. Als ich

meinte, dann müsse der dänische oder der norwegische Staat ihn gratis

hinüberbefördern, da sagte er, daß er sich keinen Augenblick bedenken

würde. Hier sei Weide genug und wilde Rennthiere seien hier auch, er

habe am Nachmittag Spuren davon gesehen. Hier würde er schnell reich

werden. Die einzige Schwierigkeit würde das Brennmaterial im Winter

verursachen, da müsse man es so machen, wie einige Lappen es in der

Heimath gemacht hätten, -- man müßte Torf für den Winter einsammeln.

Der alte +Ravna+ schloß seine Lobrede mit den Worten: „Ich mag die

Westküste gern, hier ist ein guter Ort für einen alten Berglappen, es

sind viele Rennthiere hier, es ist hier gleichsam wie auf den Gebirgen

Finnmarkens.“

Es war eine herrliche Nacht mit einer eigenartig milden Luft. Eine

weiche Stimmung macht uns schweigen, ein Gedanke folgt dem andern

in die Ferne und verwebt sich mit den Strahlen des Mondes, der eben

über dem Hügelrand heraufgestiegen ist, -- bis das Ganze zu einem

Gedankengewebe wird, dessen Fäden man nicht mehr zu entwirren vermag,

da ein wohlthuender Halbschlummer sich auf die müden Lider lagert. Erst

spät in der Nacht rafft man sich auf und kriecht in die Schlafsäcke.

+Sverdrup+ behauptet, nie im Leben einen so herrlichen Abend erlebt

zu haben, wie diesen grönländischen Abend, in dem er an dem ersten

Heidekrautfeuer lag und Moos rauchte, -- und ich glaube, die Mehrzahl

von uns wird darin mit ihm einig sein.

[Illustration: Aufbrechen vom Lagerplatz am „Langvandet“. Aussicht auf

einen Wandergletscher.

(Nach einer Photographie.)]

Am nächsten Morgen (25. Septbr.), ging es wieder von dannen, die Last

auf dem Rücken. Am Ende des Sees angelangt, ruhten wir ein wenig aus

und sahen einen Hasen, der herangesprungen kam und sich unter einen

Felsblock setzte. Schnell holte ich die Büchse hervor und näherte mich

ihm bis auf circa zweihundert Ellen und war wirklich so glücklich,

ihn in dieser großen Entfernung todt zu schießen, unter lautem

Jubelgeschrei der Kameraden, die in großer Spannung gewesen waren, ob

sie zur Nachtkost frisches Fleisch bekommen würden oder nicht.

Nun setzten wir unsern Marsch durch ein zum Theil sehr enges Thal fort,

wo wir viele steile Abhänge und unwegsame Moränen zu passiren hatten.

Links von uns zog sich ein Arm des Inlandseises noch ein gutes Stück

ins Thal hinab, hier unten aber wälzte es mächtige Moränen vor sich

her und bildete stellenweise hohe Eiskegel und Blöcke, die indessen

derartig mit Lehm und Steinen bedeckt waren, daß man sie nur schwer von

dem bloßen Lande unterscheiden konnte.

Am Vormittag gelangten wir an eine steile Felsschlucht und hatten

abermals ein Gewässer unter uns, in das sich von Osten her das

Inlandseis hineinschob. Wir konnten hier weithin über das Eis schauen

bis zu dem Nunatarsuk nördlich von Kangersunek, und der Punkt, zu

dem +Sverdrup+ und ich während unserer Ski-Tour am 21. September

hinuntergelangt waren, lag nicht sehr fern. Der Bach, dessen Lauf wir

bis dahin gefolgt waren, ergoß sich in einen Strom, der nicht weit

von dem Felsabhang aus dem See kam, folglich stellte es sich heraus,

daß die Karte, auf die wir uns verlassen hatten, ganz falsch war. Wir

mußten noch über zwei Meilen bis zum Fjord haben, sahen also unsere

Hoffnung, noch heute bis dahin zu gelangen, getäuscht.

Gegen Mittag kamen wir an einen See, der theilweise von flachen,

breiten Ufern umgeben war, auf dem wir zahlreiche Gänsespuren und

Gänseexkremente erblickten, woraus wir schlossen, daß dies ein

beliebter Ruheplatz für den Schwarm wilder Gänse war, die speciell im

Herbst, wenn das Wasser offen ist, an dem Strande des Inlandseises

entlang ziehen.

In dem Lehm waren auch, wie überall auf unserem Wege, wo Spuren denkbar

waren, Unmengen von Rennthierspuren, die zum Theil erst ein paar Tage

alt zu sein schienen. Sämtlich gingen sie in der Richtung nach dem

Fjord hinab. Ich strengte meine Augen an und ließ sie unermüdlich an

den braunen Felswänden entlang schweifen, die uns von allen Seiten

umschlossen, -- aber es half mir nichts, keines der gehörnten Thiere

ließ sich blicken. An der Südseite des Gewässers, dem wir den Namen

„Gänseteich“ gaben, lagerten wir uns im hohen Heidekraut und ließen uns

das Mittagessen schmecken. Es war ein prächtiger Tag, die Sonne schien

warm, der Himmel wölbte sich klar und blau über uns, und ringsumher

breitete sich die schönste Landschaft aus, die ein Jäger sich nur

wünschen kann. Ein wenig früher im Jahre, wenn das Rennthier sich hier

in Rudeln aufhält und die Wildgans um die Wette mit Enten, Schnepfen

und anderen Wasservögeln, an denen Grönland ja so reich ist, schreit,

-- da muß es hier ein wahres Eldorado sein.

Am Abend schlugen wir unser Zelt auf einer Fläche bei einem kleinen

Gewässer auf, das von den prächtigsten Rennthierweiden mit sanft

abfallenden heidekrautbewachsenen braunen Abhängen umgeben war. Der am

Morgen erlegte Hase wurde in einem Kessel gekocht, den wir aus einem

Spiritusbehälter herstellten. Als das Gericht eben fertig war, fiel der

Kochtopf ins Feuer, und alle Suppe ging verloren; der Hase aber wurde

gerettet und vertheilt. Es kam auf den Mann zwar nur wenig von so einem

Zwergthierchen, aber das Wenige, das wir erhielten, schmeckte dafür

auch desto besser. Wir waren nicht mehr an frisches Fleisch gewöhnt,

und es war auffallend leichter zu kauen, als der harte Pemikan, der für

Jemand, dessen Zähne schlecht waren, kaum hinunterzubringen war. Aus

dem Grunde suchten +Sverdrup+ und ich, die in dieser Beziehung von

der Natur am schlechtesten ausgerüstet waren, stets nach den Stücken,

die ein wenig verschimmelt waren, denn diese ließen sich besser kauen.

Das Feuer flammte lustig auf, die Erbsensuppe war warm und die Stimmung

wenn möglich noch wärmer.

Am 26. September hatten wir endlich eine einigermaßen begründete

Hoffnung, den Fjord zu erreichen. Wir gingen in dem Flußthal entlang

und kamen theils über breite, sandige Bodenmoränen, theils über flache

Sandebenen, in die sich der Fluß mit steilen Ufern tief hineingegraben

hatte. Hier wuchsen mannshohe Weiden und Erlen. Das Laub der letzteren

war noch grün, aber das der Weiden war bereits gelbbraun und welk,

wahrscheinlich infolge von früheren Nachtfrösten, jetzt hatten wir

freilich während des Tages 12° Wärme im Schatten, und die Nächte

waren mild, wie die Septembernächte in der Heimath. Diese Ebenen

sind auch der Quere nach von Flußbetten durchkreuzt, die sich in den

weichen, sandigen Lehm eingegraben haben, und die uns, wenn ihre hohen

Ufer mit Weidengebüsch bewachsen waren, viele Schwierigkeiten beim

Ueberschreiten machten.

Das Thal, das wir jetzt durchschritten, war übrigens in geologischer

Hinsicht hochinteressant. An einer Stelle tief unten hatte der Strom

eine frische Schicht im sandigen Ufer aufgewühlt, und hier lagen

Unmengen von leeren Blaumuscheln (~Mytilus edulis~) zwischen dem Sande.

Diese Muschelschalen lassen keinen Zweifel über die Entstehungsart

dieser großen Sandebenen aufkommen, die den Thalboden füllen. Früher

ist hier ein Fjord gewesen; Lehm und Kies, von dem Gebirgsbach aus den

Moränenbildungen des Inlandseises mit fortgeführt, haben sich auf dem

Boden des Fjords gelagert und diesen allmählich mit einer horizontalen

Lehmschicht angefüllt. Später hat das Land sich gehoben. Daß dies

letztere wirklich der Fall ist, beweisen am sichersten die Schalen

dieser Salzwassermuschel, die sich in einer Höhe von mehr als 20 ~m~

über dem Meere finden. Wie aber diese Hebung vor sich gegangen ist, ob

sie ruckweise geschehen ist, wie ein bekannter norwegischer Geologe

behauptet, oder ob sie sich ganz allmählich gebildet hat, wie man in

jüngster Zeit anzunehmen geneigt ist, darüber läßt sich noch nichts

mit Bestimmtheit sagen. Die meisten Umstände sprechen freilich für die

letztere Annahme. Diese Lehmschichten oder Meeresanschwemmungen liegen

allerdings in Terrassen, dies läßt sich aber dadurch erklären, daß

der Bergstrom während einzelner Perioden mit starken Niederschlägen

bedeutend größere Mengen festen Stoff mit sich geführt haben kann als

während der dazwischenliegenden trockneren Zeiträume, wodurch eine

solche Treppenbildung hat entstehen müssen. Je nachdem der Boden des

Fjords über die Meeresfläche emporstieg und Terrassen bildete, grub

sich der Bergstrom sein gewundenes Bett durch abgelagerten weichen Sand

und durch Lehmschichten. Es ist leicht, diese Schichten aufzuwühlen

und sie zu unterminiren, und so ist denn auch eine Sandmenge nach der

anderen durch den Bergstrom fortgeführt und im Laufe der Jahre in den

Fjord hinausgeschwemmt, um dort neue, ähnliche Ablagerungen zu bilden.

Die Naturkräfte kommen hier niemals zur Ruhe, -- gewaltige Kräfte sind

hier in Bewegung gesetzt, einige graben nach bestem Vermögen Thäler und

Fjorde aus, andere, oder vielmehr andere Formen derselben Kräfte thun

das Ihre, um auszuebnen und auszufüllen, was früher ausgegraben wurde.

Die Eisgletscher graben und scheuern die Thäler und Fjorde -- diese

wohlbekannten engen Eisfjorde mit den steilen, glatt abgeschliffenen

Seiten -- in den harten Gneisfelsen aus. Dieselben Eisströme schieben

mächtige Dämme in Form von Moränen vor sich her. Wo die Strömung sich

zurückzieht, bilden sich Wälle quer vor den Fjordmündungen und Thälern,

welche die Rennthierjäger auf ihren Wanderungen durch das Thal hemmen.

Aber unter den Gletschern kommen Flüsse hervor, und der Lehm und

der Kies, der von dieser Gletschermilch mit fortgeführt wird, fällt

schließlich auf den Boden eines der engen Eisfjorde und füllt denselben

aus, so gut er kann, sowie wir es aus dem Trondhjemsör, Lärdalsör und

vielen andere Werdern in der Heimath kennen, und noch heute bilden sie

sich zu Hunderten an der grönländischen Küste.

Aus diesem Grunde ist das Studium der jetzigen Eisperiode Grönlands für

den Naturforscher von so ungeheurer Bedeutung; dadurch werden viele

Erscheinungen, die sonst für ihn unverständlich sein würden, in ein

klares Licht gestellt. Er sieht hier ganz aus erster Hand die mächtigen

Kräfte in voller Thätigkeit, von denen er sich sonst nur durch den

Spiegel der Phantasie eine Vorstellung machen kann, oder die er im

besten Fall an den kleinen Zwergerscheinungen studiren kann, die in

Europa aus jenen Zeiten zurückgeblieben sind, als ganz Nordeuropa und

die Alpen von ähnlichen Eisfeldern überschwemmt waren, wie jetzt das

mächtige grönländische Hochland.

Tief unten im Thal mußten wir durch den Gebirgsbach waten, um weiter zu

kommen. Eine Strecke weiter entdeckten wir zu unserem Aerger, daß auch

an dem anderen Ufer des Baches kein Vorwärtskommen möglich war, und

hier war der Bach zu tief, um zu waten. Wir mußten entweder zurück oder

einen Versuch machen, über den westlich von uns gelegenen Bergrücken

zu klettern. Während wir hierüber nachgrübelten, beschlossen wir unser

Mittagessen einzunehmen.

Nach der Mahlzeit verschwand +Balto+, und es währte nicht lange,

als ich ihn plötzlich oben auf dem Gipfel des Berges erblickte; er

schwang triumphirend seine Mütze, jubelte und zeigte nach Westen.

Offenbar konnte er den Fjord sehen. Nach einer Weile kam er zurück, und

berichtete, daß er ein großes blaues Wasser gesehen habe, das wohl der

Fjord sein müsse. Auf dem innersten Theile läge jedoch Eis. So schnell

unsere Füße uns zu tragen vermochten, erklommen wir jetzt den Berg, wir

sehnten uns Alle danach, die See zu sehen. Außerdem lockten die von

+Balto+ verheißenen Preißelbeeren uns ebensosehr, wie die zahllosen

Fliegen hier unten uns den Aufenthalt im Thal unleidlich machten. Von

dem Berge herab hatten wir die herrlichste Aussicht über das Thal,

wo der Bach sich durch flache Sandebenen schlängelte und weiterhin

auf den Fjord, der sich wie eine blaue Fläche bis an die hohen Felsen

erstreckte, welche das Ganze einrahmten. Was +Balto+ für Eis gehalten

hatte, war eine Sandanschwemmung, die den inneren Theil des Fjords

vollständig anfüllte.

Wir hatten jetzt nicht mehr weit bis zum Ziel. Groß war unsere

Freude, als wir ein wenig weiter nach unten einige alte Spuren von

grönländischen Kamiken im Sande am Ufer des Baches entdeckten.

Wahrscheinlich stammten sie von einem Rennthierjäger her, der vor

Monaten dies jetzt so menschenleere Land durchstreift hatte; der

stark betretene Weg ließ deutlich erkennen, daß sich hier zu gewissen

Jahreszeiten Unmengen von Rennthieren aufhielten. Dieses war die

erste Spur menschlicher Wesen an der Westküste mit Ausnahme einiger

Exkremente, die nach +Baltos+ Ansicht von einem Menschen oder

einem Bären stammen mußten.

Nachdem wir noch einen mit Weidengesträuch bewachsenen Berg erklommen

hatten, lag endlich der Fjord vor uns. Bis zu den Sandanschwemmungen,

durch die sich der Bach hindurchwand, hatten wir nur noch einen kleinen

Abhang hinabzusteigen. Gerade unter uns befand sich eine kleine, mit

Heidekraut und Buschwerk bewachsene Fläche mit einem kleinen Teich.

Hier mußte ein herrlicher Zeltplatz sein, um so mehr als uns die

Berge vor dem Ostwind schützten, der sich erhoben hatte und durch die

Thalschlucht von dem Inlandseis her wehte. Wir eilten dorthin, warfen

erst unsere Last und dann uns selber ins Heidekraut und erquickten den

müden Leib in dem Bewußtsein, dem Ziele so nahe zu sein.

Freilich war noch mancherlei für uns zu thun. Die vier Kameraden

sollten den Rest des Gepäcks holen, +Sverdrup+ und ich wollten nach

Godthaab, um ein Boot und Hülfe herbeizuschaffen. Wie dies am besten

zu bewerkstelligen sei, darüber waren wir uns noch nicht klar. Eines

aber ließ sich nicht abstreiten, -- jetzt befanden wir uns wieder auf

gleicher Höhe mit dem Meeresspiegel, wenn wir auch noch nicht ganz an

die Meeresküste gelangt waren, und nun haben aller Wahrscheinlichkeit

nach unsere Leiden und Strapazen ein Ende. Eine Schwierigkeit, die von

vielen Sachverständigen, ja von der großen Mehrzahl als unüberwindlich

betrachtet wurde, war jetzt siegreich überwunden. War es ein Wunder,

daß wir uns da in einer glückseligen Stimmung befanden? Nachdem wir

ein wenig geruht und gegessen hatten, unternahmen Einige von uns einen

Ausflug auf das im Osten gelegene Gebirge, um eine Aussicht über den

Fjord zu gewinnen. Das Land auf der Nordseite des Fjords erschien, von

hier aus gesehen, so zerrissen, daß wir kaum an die Möglichkeit denken

konnten, Godthaab auf dem Landwege zu erreichen.

Weit leichter würde es sein, wenn wir uns nach +Narsak+ auf der

Südseite des Fjords begeben wollten, aber wir waren nicht sicher,

hier Leute anzutreffen, die Europäisch verstanden, deswegen war der

Seeweg immer der sicherste. Fest entschlossen, uns, so gut es sich

mit den uns zur Verfügung stehenden Materialien machen ließ, in der

Bootsbaukunst zu versuchen, kehrten wir nach dem Zelt zurück. Wir

hatten vom Inlandseis zwei Bambusstangen und einen Skistab mitgenommen,

Bootsrippen dagegen hatten wir gar nicht, dazu sollten die gebogenen

Eschenstäbe in den Schlitten dienen. Die lagen aber jetzt oben im

Gebirge, und es würden wenigstens 2-3 Tage vergehen, ehe wir sie

herbeischaffen konnten; da mußten wir etwas ausfindig machen, was wir

statt ihrer verwenden konnten. Selbstverständlich verfielen wir auf

das Weidengebüsch, das uns in Fülle umgab. +Balto+ sollte uns beim

Nähen behülflich sein, während die Anderen schon morgen in aller Frühe

nach dem Inlandseis zurückkehrten.

Am Morgen des 27. September standen wir früh auf, kochten unsere letzte

Portion Thee, wozu wir ein sehr knappes Frühstück, aus Brot und ein

wenig Pemikan bestehend, einnahmen. Pemikan hatten wir zwar von unserem

großen Vorrath auf dem Inlandseis reichlich mitgenommen; wir hatten

aber erstaunlich viel davon gegessen (18 Platten von 25) und von dem

Rest mußten +Sverdrup+ und ich so viel wie möglich auf unsere Bootstour

mitnehmen, da wir nicht berechnen konnten, wie lange dieselbe währen

würde.

Nach dem Frühstück machten sich +Sverdrup+ und +Balto+ unverzüglich

an den Bootsbau, während ich einige Observationen anstellte und die

Anderen sich für die Rückkehr vorbereiteten. Nachdem sie ihren Proviant

für den Tag, bestehend aus etwas Brot, Fleischpastete und ein wenig

Fleischpulverschokolade erhalten hatten, waren sie bald reisefertig und

erhielten gemeinsam mit +Balto+, der ihnen ja späterhin folgen sollte,

ihre Instruktionen.

Vor allen Dingen sollten sie auf die Instrumente, die Tagebücher,

Formulare etc. acht geben, von der übrigen Last mußte so viel

wie irgend möglich mitgenommen werden; daß vom Proviant nichts

zurückbleiben durfte, verstand sich von selbst.

So zogen sie denn thalaufwärts von dannen, geleitet von den besten

Wünschen und dem herrlichsten Wetter, und wir setzten unsern Bootsbau

fort. Ursprünglich war es meine Absicht gewesen, das Boot lang und

schmal zu bauen, damit es sich leichter rudern ließe, +Sverdrup+ meinte

jedoch, daß das zuviel Näherei erfordern würde, es sei besser, den

Zeltboden so zu verwenden, wie er war, ihm nur die Form eines Bootes

zu geben und das Segeltuch zu flicken, wo es undicht war. Wir würden

auf die Weise kein schönes Boot erhalten, aber die Konstruktion würde

ungleich leichter werden. Ich ordnete mich natürlich dem Seemann unter.

Unglücklicherweise hatten wir, wie bereits früher erwähnt, unsern

Segelhandschuh an der Ostküste zurückgelassen; hätten wir den gehabt,

so würde das Nähen ungleich schneller von statten gegangen sein, jetzt

mußten wir das harte Segeltuch mit den bloßen Händen nähen. Noch weit

unangenehmer waren die zahllosen kleinen Fliegen, die uns umschwärmten

und uns ganz abscheulich stachen. Es war eine völlige Unmöglichkeit,

sich davon zu befreien, sie waren fast noch schlimmer als die Mücken

an der Ostküste. Nachdem ich mich eine Weile mit der Segeltuchnadel

abgemüht und gefunden hatte, daß ich eigentlich nicht zu der Arbeit

taugte, überließ ich sie den beiden Andern, die wahre Meister in

dieser Kunst wie in vielem anderen waren, und zog mit der Axt in den

Wald, d. h. in das nahegelegene Weidendickicht, um passende Zweige

für die Bootsrippen zu holen. Das Gestrüpp war zum Theil so hoch, daß

ich völlig darin verschwand und kaum die Spitzen der Sträuche mit

ausgestreckter Hand erreichen konnte. Hier waren genügend dicke Zweige,

ich fand sogar einen Busch, dessen Zweige an der Wurzel so dick waren

wie der Schenkel eines ausgewachsenen Mannes, sie waren aber alle so

knorrig, daß es keine Kleinigkeit war, das passende Material zu finden.

Endlich hatte ich so ungefähr gefunden, was ich suchte, es war zwar

nicht allzuschön, aber wenn man nichts Besseres hat, so muß man vorlieb

nehmen. Am Abend war das Boot fertig. Es war zwar kein Prachtexemplar,

seine Form hatte große Aehnlichkeit mit der Schale einer Schildkröte,

aber es trug uns beide, als wir einen Versuch damit auf dem Teich

machten, und darüber waren wir sehr erfreut. Es war 2,56 ~m~ lang, 1,42

~m~ breit und 61 ~cm~ tief.

Unsere Ruder hatten wir freilich noch nicht fertig; ich hatte zwar

einige gespaltene Weidenzweige gefunden, die ich als Ruderblätter

zu benutzen gedachte, indem ich Segeltuch zwischen die beiden

ausgespreizten Arme spannte, und zu den Ruderstangen dachte ich

Bambusstöcke zu verwenden, -- ich war aber noch nicht weit damit

gekommen, dann plagte mich ebenso wie an den vorhergehenden Tagen ein

entsetzlicher Kopfschmerz, und alles, was ich unternahm, ging nur

langsam von statten.

[Illustration: Das Innere des Ameralik-Fjords bei Sonnen-Untergang am

27. September.

(Nach einer Photographie.)]

Am nächsten Morgen (28. September) sollte auch +Balto+ uns verlassen.

Ehe er fortzog, nahmen wir ein kleines Frühstück ein, das +Balto+ mit

folgenden Worten schildert:

„+Nansen+ hatte für sich etwas Vorrath zurückbehalten, wovon er und

+Sverdrup+ bis nach Godthaab zehren wollten, aber trotzdem durften wir

davon essen, denn die Beiden meinten, sie könnten auf der See Vögel

schießen und hin und wieder einmal kochen. Als wir mit der Mahlzeit

fertig waren, fragte ich: „Hast du genug gegessen, +Sverdrup+?“ -- Er

antwortete: „Nein, durchaus nicht, ich bin noch eben so hungrig als zu

Anfang der Mahlzeit.“ +Nansen+ sagte: „Ach das thut nichts! Laß das nur

gut sein, +Sverdrup+, wenn wir nach Godthaab kommen, soll dein Bauch

schon voll werden!“

[Illustration: Das Boot und sein Erbauer. (Nach einer Photographie.)]

So verließ uns denn +Balto+, und der frische Bursche sprang mit

beneidenswerther Leichtigkeit durch das Thal dahin, um noch am selbigen

Abend die Andern ganz oben unter dem Inlandseis zu erreichen.

Um die Mittagszeit waren auch unsere vier Ruder fertig und das Boot

lag klar zum Gebrauch da. Am schwierigsten war das Anbringen der

Ruderbänke. Wir hatten nur das schmale, runde Theodolith-Stativ aus

Eschenholz für die eine und zwei schmale Bambusstäbe für die andere

Bank. Im Interesse eines gewissen Körpertheils will ich wünschen, daß

es lange währt, bis ich mich wieder mit einem so schmalen Sitz behelfen

muß.

Nachdem wir zu Mittag ungefähr eben so viel gegessen hatten wie zum

Frühstück, wurden die Schlafsäcke, das Zeug und alles, was wir nicht

mitnehmen wollten, in das Zelt eingewickelt, das wir mit Steinen

beschwerten und gegen etwaiges Regenwetter so gut wie möglich

schützten. Unsere beiden Säcke, in denen sich das nothwendigste

Zeug, ein Hemd, Strümpfe, Schuhe, ein Paar Ueberzieh-Beinkleider,

Fausthandschuhe, Regenzeug etc. befand, nahmen wir mit in das Boot.

Außerdem hatten wir zum Schlafen während der Nacht die beiden

Rennthierfellwämse der Lappen geliehen und unsere „Komager“ mit dem

entsprechenden Senngras eingepackt. Auch unsere photographischen

Apparate, Patronen für die Büchse, sowie zwölf Tafeln Erbswurst,

eine Blechdose mit sieben Pfund Fleischschokolade, ein Segeltuchsack

mit Knäckebrot, eine Dose Leberpastete, drei Pfund Butter und fünf

Tafeln Pemikan, meine Segeltuchsbeinkleider, worin dreiunddreißig

Fleischbiskuits, zwei Becher, die auch als Schöpfschaufeln benutzt

wurden, ein Kochgeschirr, wozu der obere Theil des Kochapparats, von

dem der Filzbezug entfernt war, benutzt wurde, sowie endlich eine

Büchse nahmen wir noch mit.

Das Gepäck wurde erst auf die Sandaufschwemmung gebracht und dann

das Boot. Wir hofften, in dem Boot den Bach hinunterrudern und von

hieraus direkt in die See stechen zu können. Aber auch hier sollten

wir auf Schwierigkeiten stoßen, indem der Bach so seicht war, daß man

an ein Rudern nicht denken konnte. Jedenfalls war es eine völlige

Unmöglichkeit wenn wir Beide im Boot saßen. Deswegen ging ich, als

der schwerste zu Fuß über die Sandanschwemmung, während +Sverdrup+

versuchen sollte, allein weiterzustängeln. Aber es wurde nicht viel

besser. Er mußte in dem kalten Wasser waten und das Boot hinter sich

herziehen, und das war kein Vergnügen. Nur an wenigen Stellen konnte

er stängeln, an Rudern war gar nicht zu denken, und das Ganze ging nur

sehr langsam.

Wir hatten die unglaublichsten Schwierigkeiten der verschiedensten

Art zu überwinden, oft lagen wir bis an den Magen im Lehm und im

Wasser. Wir wanderten einen halben Tag in diesem Brei herum, der sich

um unsere Füße festsog und uns auf jedem Schritt festhielt. Endlich

erreichten wir eine Landspitze draußen im Fjord, von wo aus wir in die

See hinauszugelangen hofften. Hier entdeckten wir jedoch, daß wir noch

weit vom Ziel entfernt waren. Der Bach verzweigte sich in ein Delta und

wurde so seicht, daß kein Gedanke mehr daran war, das Boot zu ziehen.

Es mußte den Rest des Weges getragen werden. Da es aber schon spät am

Abend war, hielten wir es für gerathen, Rast zu machen. Die letzte

Abendröthe im Westen hinter den Bergen war verschwunden und ein Stern

nach dem andern erglänzte an dem dunkelnden Himmel, wo das Nordlicht

sein nächtliches Schauspiel aufführte. Bald lächelte auch der Mond

auf uns Beide herab, die wir an dem ersterbenden Feuer saßen und von

Grönlands Inlandseis als von einem längst entschwundenen Traum sprachen.

Nach beendeter Abendmahlzeit suchten wir uns Jeder einen Weidenbusch

aus, unter dem wir in unseren Pelzen zusammenkrochen und einschliefen.

Kapitel XXII.

Die Seereise in dem „halben Boot“. Die Ankunft in Godthaab.

Am nächsten Morgen, den 29. September, trugen wir das Boot über das

angeschwemmte Land an die See. Mit der Last durch den zähen Lehm zu

stampfen, war ein schlimmeres Stück Arbeit, denn je, -- die Füße

versanken, sogen sich fest und gaben bei jedem Schritt ein Geräusch von

sich wie der Stempel in einer Luftpumpe. Endlich erreichten wir das

Ufer und legten das Boot hin, um zurückzugehen und die anderen Sachen

zu holen. Hier draußen waren Unmengen von Möven, -- wir hatten uns

schon auf das frische Fleisch gefreut, leider aber hielten sie sich in

einer allzu ehrerbietigen Entfernung. Zu unsern Sachen zurückgekehrt,

fanden wir, daß wir jetzt mehr als genug von dieser Lehmstampferei

hatten. Wir beschlossen deshalb, den Versuch zu machen, den Rest über

das unebene Terrain zu tragen.

Als ich wieder zu unserm Boot zurückkam, sah ich es weit draußen auf

der See schwimmen. Das Wasser war inzwischen gestiegen und hatte

den ganzen äußeren Theil des aufgeschwemmten Landes überfluthet.

Glücklicherweise war +Sverdrup+, obwohl wir uns so weit vom Ufer

befanden und ganz sicher zu sein glaubten, so vorsichtig gewesen, das

Boot an einem Stock zu befestigen, den er in den Lehmboden einbohrte.

Während ich unsere Sachen bis an eine Landzunge trug, die weit in die

See hinausreichte, watete +Sverdrup+ bis an das Boot und ruderte es

bis zu demselben Punkt, und so war denn endlich nach fast 24stündigen

Anstrengungen auch dies Hinderniß glücklich überwunden, und wir hatten

das offene Fahrwasser erreicht.

Wir verzehrten unser Mittagessen und traten unsere erste Seereise an,

deren Ziel nichts Geringeres war, als die nördliche Seite des Fjordes,

wo wir uns am Lande entlang zu halten beabsichtigten. Zu unserer Freude

bemerkten wir jetzt, daß das Boot nicht ganz so schwer zu rudern war,

wie wir erwartet hatten. Man konnte zwar nicht sagen, daß unsere Fahrt

besonders schnell von statten ging, aber wir kamen doch vorwärts und

erreichten das jenseitige Ufer unserer Ansicht nach in ziemlich kurzer

Zeit. Dichtigkeit gehörte freilich nicht zu den Tugenden unseres

Fahrzeuges, es leckte dermaßen, daß wir das Wasser ungefähr alle zehn

Minuten mit unsern Bechern ausschöpfen mußten.

Die Bucht, die sich vor uns ausbreitete, war in unsern Augen ganz

ungewöhnlich schön. Ein liebliches, stilles Thal, umgeben von

langgestreckten, braunen Weideplätzen und runden, niedrigen Hügeln,

erstreckte sich bis an das Ufer. Es war ein Land, das sich ganz

vorzüglich zur Rennthierjagd eignen mußte. Alles, was wir mit Nahrung

und mit Jagd in Verbindung setzen konnten, interessirte uns am meisten.

Der poetische Leser muß es uns nicht verargen, wenn wir diesen Maßstab

an die Natur legten.

So ruderten wir denn an Ameragdlas[42] steiler Nordseite entlang und

landeten am Abend an einem Punkt, wo wir das Boot aufziehen und einen

Schlafplatz finden konnten, was sich nicht überall machen ließ. Wir

waren an diesem Tage nicht weit gekommen, aber waren doch zufrieden,

uns wieder einmal auf der See tummeln zu können. Den größten Genuß

gewährte es uns jedoch, daß wir jetzt nach einer 46tägigen Fastenzeit,

in der wir ausschließlich von gedörrten Nahrungsmitteln gelebt hatten,

endlich nun wieder frisches Fleisch essen, und zwar uns darin satt

essen konnten. Während unserer Bootstour hatte ich sechs von den großen

Blaumöven (~Larus glaucus~) geschossen.

[Illustration: Jagd auf Möven vom Segeltuchboote aus. (Von A. Bloch

nach einer Photographie.)]

Wir beschlossen, für Jeden von uns zwei dieser großen Vögel zur

Nachtkost zu kochen. Sie wurden von Haut und Federn befreit, zu zweien

in den Kessel mit kochendem Wasser über das Feuer gesetzt und so wenig

wie möglich gekocht. +Sverdrup+ wurde später einmal gefragt, ob wir sie

ausgenommen hätten: „Ach, das weiß ich wirklich nicht,“ erwiderte er.

„Ich sah wohl, daß +Nansen+ etwas ausnahm, wahrscheinlich waren es die

Gedärme.“ -- Ob sie denn geschmeckt hätten? -- „Ja, -- etwas Besseres

habe ich in meinem ganzen Leben nicht gegessen.“

Wir zerlegten die Vögel mit Zähnen und Händen, so gut und so schnell

wir vermochten. Es währte auch nicht lange, bis die ersten Vögel mit

Kopf, Füßen und allem verschwunden waren. An die zweite Portion gingen

wir mit größerer Ruhe heran, wir hatten mehr Genuß davon und tranken

von der Suppe dazu. Die Sprache hat keine Ausdrücke, um das Wohlsein

der beiden Wilden zu beschreiben, die an jenem Abend an dem nördlichen

Ufer des Ameragdlas saßen und mit den Händen in den Kochtopf langten,

während der Schein des Feuers fast durch ein ungewöhnlich strahlendes

Nordlicht verdunkelt wurde. Der ganze Himmel stand in Flammen, im

Süden wie im Norden zuckte es hell auf; plötzlich aber war es, als

wenn ein gewaltiger Wirbelsturm über den ganzen Himmel hinzog und alle

Flammen vor sich hertrieb, sie am Zenith zu einer wirbelnden Feuermasse

vereinend. Das Auge wurde fast davon geblendet. Dann legte sich der

Sturm, das Licht schwand mehr und mehr, und schließlich flatterten nur

noch einzelne matte Lichtnebel über die Sternenwölbung hin, die in

ihrem früheren Glanz funkelte. Und abermals stand man ganz verwundert

da. Ein ähnliches Nordlicht habe ich niemals, weder früher noch später

gesehen. Und dort unten zu unsern Füßen lag der Fjord, kalt und

leidenschaftslos.

Am nächsten Tage (30. Septbr.) ging es nicht so gut mit unserm

Boot wie am ersten. Am Vormittage erhob sich ein widriger Wind, der

schließlich derartig stürmte, daß wir -- statt vorwärtszukommen --

zurückgetrieben wurden, und unsere kleine Nußschale von Boot derartig

auf den Wellen schaukelte, daß es aussah, als ob wir rettungslos

umkippen mußten. Unser Boot war jedoch äußerst seetüchtig, kein

Wassertropfen kam zu uns herein, -- natürlich mit Ausnahme der

Unmengen, die durch den Segeltuchboden eindrangen. Es war ein schweres

Stück Arbeit, gegen den Wind zu rudern. Wir zogen deswegen unser Boot

ans Land, schliefen ein wenig und warteten, bis der Wind sich gegen

Abend gelegt hatte. Dann setzten wir unsere Reise fort. Es währte nicht

lange, bis wir an die Landzunge „Nua“ kamen, wo der Itivdlek-Fjord, ein

Arm des Ameralik-Fjords, nördlich in das Land schneidet.

An dem schönen, stillen Abend setzten wir über den Fjord, und bei

hereinbrechender Dunkelheit erreichten wir das Vorgebirge auf der

Südseite. Hier gingen wir an Land, um ein wenig zu Abend zu essen, aber

wir fanden kein Brennmaterial und kein Wasser und mußten uns deshalb

mit kalter, trockener Kost begnügen, was ja übrigens nichts Neues für

uns war. Wir hatten die Absicht gehabt, während der Nacht weiter zu

rudern, aber von Westen her, über der wilden Gebirgslandschaft mit dem

steilen, scharf geschnittenen Felsgipfel an der Nordseite des Fjords

zogen unheilverkündende Gewitterwolken auf. Es wurde so dunkel, daß

nicht daran zu denken war, nach der Nordseite hinüberzurudern, wie

wir anfänglich beabsichtigt hatten. Deshalb beschlossen wir, das Boot

ans Land zu ziehen und ein wenig zu schlafen, vielleicht würde der

Mond später aufgehen. Als wir das Boot hinauftragen wollten, hatte

+Sverdrup+ das Unglück, ins Wasser zu fallen, was nicht sehr

angenehm ist, wenn man sich schlafen legen will und kein trockenes Zeug

zum Wechseln hat.

Das Wetter wurde nicht besser, und wir schliefen bis an den hellen

Morgen (1. Oktober), der mit strahlendem Sonnenaufgang und einer

schwachen, günstigen Brise anbrach.

Am Vormittag kamen wir an die Nordseite des Fjords hinüber, wo wir an

Land gingen und uns ein solides Mittagessen mit 2 Möven pro Mann samt

einer Suppe bereiteten, die wohl kaum je ihresgleichen gesehen hat.

Wir verkochten Erbsen und Brot in der Mövenbrühe, die so stark war,

daß wir förmlich fühlten, wie unsere Kräfte wuchsen, während wir die

Suppe literweise zu uns nahmen. Wir aßen uns satt und froh. An dieser

Stelle, wo wir gelandet waren, wuchsen unglücklicherweise Unmengen von

Krähenbeeren (~Empetrum nigrum~). Es war ganz natürlich, daß wir zum

Dessert davon aßen. Sie schmeckten unbeschreiblich erquickend, Obst

ist gesund, wir hatten es lange entbehren müssen, und infolgedessen

aßen wir, anfangs stehend, dann sitzend, und als auch das nicht mehr

gehen wollte, legten wir uns hin, und nun konnten wir es unglaublich

lange aushalten. Als wir landeten, war es ganz windstill gewesen, aber

während wir aßen, erhob sich ein starker Nordwind, der gerade auf den

Fjord stand, so daß wir nicht daran denken konnten, den Kampf gegen

Wind und Wetter aufzunehmen. Wir mußten liegen bleiben, wo wir waren,

und fuhren mit dem Verzehren der Krähenbeeren fort. Schließlich waren

wir so faul, daß wir sie nicht mehr mit den Händen, sondern, auf dem

Bauche liegend, die Beeren mit dem Munde pflückten. Dann schliefen wir

so, wie wir lagen, ein und schliefen bis zum Abend; als wir aber die

Augen aufschlugen, hingen uns die Beeren groß, saftig und blauschwarz

vor dem Mund. Natürlich aßen wir wieder, bis wir abermals einschliefen.

Wenn die Behauptung begründet ist, daß die Unmäßigkeit zu den

größten Sünden gehört, so werden wir Beide, die wir an jenem Tage am

Ameralikfjord Krähenbeeren aßen, eine entsetzliche Strafe zu verbüßen

haben. Merkwürdigerweise folgte sie nicht gleich auf dem Fuße, -- dazu

waren unsere Magen wohl in zu guter Ordnung.

[Illustration: Unser Rastplatz am Morgen des 1. Oktober.

(Nach einer Photographie.)]

Um Mitternacht flaute der Wind ab, und ich weckte +Sverdrup+, der

sich am Abend trotz des unmäßigen Beerengenusses doch so viel hatte

rühren können, daß er Holz sammelte und Wasser für eine eventuelle

Nachtmahlzeit holte. In aller Eile kochten und aßen wir. Um 1 Uhr saßen

wir im Boot und konnten nun mit frischen Kräften darauf los rudern.

Schnell glitt unser Boot in der rabenschwarzen Nacht unter den steilen

Felswänden an der Küste entlang. Das Meerleuchten glühte so stark,

daß es unter südlichen Himmelsstrichen nicht heller leuchten kann.

Unsere Ruder glichen geschmolzenem Silber, und wenn sie das Wasser

berührten, so glitzerte und funkelte es bis in die Tiefe hinein mit

phosphorartigem Glanz.

An diesem Tage schien es fast, als wenn das Glück uns günstig sei, und

in der Beziehung waren wir nicht sehr verwöhnt. Wir hatten gutes Wetter

ohne Wind.

Gegen Morgen hörten wir an einer Stelle, wo wir Rast machten, Unmengen

von Schneehühnern gerade über uns im Heidekraut gackern. Wir hätten sie

mit Leichtigkeit schießen können. Das Jägerblut in mir kochte, aber wir

fanden, daß wir keine Zeit hatten, deswegen anzulegen; so bewiesen wir

denn die heroische Charakterstärke, diesen köstlichen Leckerbissen den

Rücken zu wenden und weiter zu rudern.

Den ganzen Vormittag setzten wir unsere Fahrt ohne Unterbrechung fort.

An der ganzen Küste entlang fiel das Ufer so steil in die See ab, daß

sich eine Landung nur an sehr wenigen Stellen hätte bewerkstelligen

lassen. Gegen Mittag näherten wir uns zu unserer Ueberraschung der

Mündung des Fjords. Da wir hier ein Vorgebirge mit einem schönen,

flachen Strand fanden, machten wir Halt. Unser Entzücken, so weit

gekommen zu sein, kannte keine Grenzen. Es konnte gar nicht mehr weit

bis nach Godthaab sein, und in dieser Veranlassung bereiteten wir uns

ein Mittagsmahl, das die Mahlzeit des vorhergehenden Tages noch bei

weitem übertraf. Ich erinnere mich, daß wir infolge dieser Mahlzeit

große Schwierigkeiten hatten, wieder in unser Boot zu kommen, und ich

mußte alle Kräfte aufbieten, um mich vorüberbeugen und zu den Rudern

greifen zu können.

Zu unserer Ueberraschung bekamen wir jetzt auch günstigen Wind, und

es ging am Nachmittag trotz unserer vollen Magen ziemlich schnell

vorwärts. Der einzige dunkle Punkt in unserm Dasein waren die schmalen

Stöcke, auf denen wir statt auf Ruderbänken saßen. Ein gewisser Theil

des Körpers schmerzte derartig, daß ich wünschte, ihn entbehren zu

können. Das Glück ist hier auf Erden selten ganz ungetrübt.

So kamen wir denn aus dem Fjord heraus, und in den Strahlen der

untergehenden Sonne sahen wir das Meer, die vielen größern und kleinern

Inseln vor uns liegen. Die weichen, gesättigten Farbentöne des Himmels

spiegelten sich im Meere wieder, das die dunklen Inselchen und Scheeren

umwogte. Es sah aus, als schwebten sie frei in einem dunkelglühenden

Himmelsraum. Wir hielten mit dem Rudern inne -- ein Gefühl der Heimath

überkam uns. Genau so liegen die wetterzerklüfteten Inseln daheim im

Meere! Der aufspritzende Meeresgischt, der liebkosende Sonnennebel

umgiebt sie und dahinter erhebt sich das Land, erstrecken sich die

Fjorde. Kein Wunder, daß unsere Vorfahren sich von diesem Lande

angezogen fühlten.

[Illustration: Nach Godthaab. (Von Th. Holmboe nach einer

Photographie.)]

Wir ruderten aus allen Kräften bis in den Abend. Da aber die Strömung

uns direkt zuwider war, mußten wir schließlich auf einer Landzunge

landen. Die Uhr war jetzt ungefähr 9, und mit Ausnahme eines kurzen

Frühstücks und eines kaum längeren Mittagessens hatten wir nun seit 20

Stunden auf unseren Marterbänken gesessen. Ich kann nicht leugnen, daß

es ein wahrer Hochgenuß war, die Glieder auf einer breiteren Grundlage

auszustrecken.

Wenn die Mittagsmahlzeit lukullisch gewesen, so war das Abendessen es

nicht minder. Zum erstenmal, seit wir den „Jason“ verlassen hatten,

aßen wir uns nach Herzenslust satt in Brot, Butter und Leberpastete.

Besonders der Butter sprachen wir tüchtig zu. Und zum Dessert gab es so

viel Fleischpulverschokolade, wie wir nur essen mochten, und das will

etwas sagen. Wir machten ausfindig, daß die Tafeln, fett mit Butter

bestrichen, ganz vorzüglich schmeckten. Dazu tranken wir Wasser mit

Zucker und Zitronensaft und thaten alles, was in unsern Kräften lag,

damit nichts von alledem, womit wir nun so lange gegeizt hatten, zu

Menschen kommen sollte, für die es völlig werthlos war, denn das wäre

doch zu ärgerlich gewesen.

Zum letztenmal -- ehe wir zu Menschen und zu Luxus gelangten --

genossen wir den wunderbaren Abend. Während wir dort auf dem Berge

unter dem sternhellen Himmel saßen, hatten wir ein Gefühl, als wenn wir

Abschied von dieser Natur und diesem Leben nehmen sollten, in das wir

uns nun so hineingelebt hatten, und das uns so vertraut geworden war.

Unsere Reise war nun bald beendet, es hatten sich uns viel Mißgeschick

und viele unerwartete Hindernisse in den Weg gestellt, aber wir waren

doch glücklich über alles hinweggekommen. Wir hatten uns einen Weg

durch das Treibeis am Ufer wie über das Inlandseis gebahnt, waren trotz

widrigen Winden in unserem gebrechlichen Boot über den Fjord gelangt,

wir hatten harte Kämpfe zu bestehen gehabt und große Entbehrungen

erduldet, bis wir an das Ziel gekommen waren, dem wir uns jetzt so nahe

sahen, -- und welche Gefühle bewegten uns jetzt? Waren es die des

glücklichen Siegers? Für meine Person muß ich diese Frage mit „Nein“

beantworten. Es war mir nicht möglich, ein anderes Gefühl als das

des Gesättigtseins zu empfinden, und das war ja recht gut, aber das

Ziel, -- nein, auf das hatten wir zu lange gewartet, das kam zu wenig

unvorbereitet.

Wir krochen in unseren Pelzen auf einem Heidefleck am Bergabhang

zusammen und schliefen in dieser letzten Nacht, die wir unter freiem

Himmel verbrachten, so gut wie seit langer Zeit nicht.

Es war bereits spät am Tage (den 3. Oktober), als wir endlich

erwachten. Der Wind hatte schon eine ganze Weile an dem Sund entlang

auf Godthaab zu gestanden und uns an die Arbeit gerufen, aber endlich

hatten wir einmal keine Eile, wir konnten ausschlafen, wir kamen noch

immer früh genug ans Ziel.

Wir verzehrten unser Frühstück mit der ehrlichsten Absicht, dem

Proviant, den wir noch hatten, ein Ende zu machen; wir aßen Brot und

Leberpastete und hieben mächtig auf Butter und Schokolade ein, aber wir

mußten es schließlich aufgeben und in See stechen. Später am Vormittag

gelangten wir an ein Vorgebirge, südlich von Godthaab, wo wir mehrere

Eskimohütten und ein großes europäisches Haus erblickten. Wie wir

späterhin erfuhren, war es Neu-Herrnhut, eine der Stationen, welche die

deutsche Herrnhut-Mission in Grönland errichtet hat.

Als sich plötzlich ein starker ungünstiger Wind erhob, beschlossen wir

über Land bis nach Godthaab zu gehen und richteten den Kurs unseres

kleinen Troges dem Lande zu, wo schon eine ganze Schar von Eskimos,

hauptsächlich alte Weiber, aus den Häusern gestürzt kamen und an den

Strand liefen. Hier scharten sie sich unter Geschrei und Geschwätz

zusammen und machten genau dieselben eigenthümlichen Gebärden, von

denen wir schon eine Menge an der Ostküste kennen gelernt hatten. Für

uns war der Unterschied nur gering, das gleiche Aussehen, die gleiche

Häßlichkeit, die gleiche fettglänzende Freundlichkeit.

Sobald wir landeten, versammelten sie sich um uns, halfen uns, die

Sachen hinauf zu tragen und das Boot an den Strand zu ziehen, was

alles unter ohrenbetäubendem Geplapper, Lachen und verwunderten

Ausrufen über uns beide armen Menschen, die in einem halben Boot

kamen, vor sich ging. Dieser Name für unser gebrechliches Boot war

ganz bezeichnend; es war dem Vordertheil eines Bootes ganz ähnlich.

Während wir dastanden und acht auf unsere Büchse und andere werthvolle

Dinge gaben, ohne an alle die vielen Menschen um uns her zu denken,

die wir ja nicht verstanden, erblickten wir einen jungen Mann, der

auf uns zukam. Er trug gewissermaßen grönländische Kleider, hatte

aber eine Tam’o-Shanta-Mütze auf dem Kopfe und besaß ein hübsches,

blondes Gesicht, das nicht die geringste Aehnlichkeit mit den Eskimos

hatte. Man konnte sich nicht irren, -- es mußte ebenso wie die ganze

Erscheinung aus dem guten alten Kopenhagen importirt sein. Er trat an

uns heran und begrüßte uns, ich erwiderte seinen Gruß. Dann fragte

er: „~Do you speak English?~“ Der Accent verrieth die dänische Zunge,

so daß mich diese Frage gewissermaßen in Verlegenheit versetzte, denn

ich fand, daß wenig Grund vorhanden war, die Unterhaltung auf Englisch

fortzusetzen, wenn wir uns unserer Muttersprache bedienen konnten.

Glücklicherweise fragte er, noch ehe ich antworten konnte: „~Are you

Englishmen?~“

Hierauf antwortete ich in gutem Norwegisch: „Nein, wir sind Norweger!“

-- „Darf ich nach Ihrem Namen fragen?“ -- „Mein Name ist +Nansen+, und

wir kommen über das Inlandseis.“ -- „Ach, dachte ich’s doch, darf ich

Ihnen dann zu Ihrem Doktorgrad gratuliren!“

Das Erste, wonach ich fragte, war das Schiff nach Dänemark, und ob

es schon fort sei? -- Ja, das letzte Schiff hatte Godthaab vor zwei

Monaten verlassen, und jetzt könnten wir keine Schiffe mehr erreichen.

Die einzige Möglichkeit sei, daß man den „Fox“ in Ivigtut einhole, aber

der solle Mitte Oktober abgehen und es seien siebzig Meilen bis dahin.

Diese Aussichten waren sehr wenig tröstlicher Natur. Die Hoffnung, das

Dampfschiff nach Europa zu erreichen, hatte uns über das Inlandseis

vorwärts getrieben, der Gedanke an das Schiff hatte uns unablässig im

Kopfe gespukt und uns keinen Augenblick unser Dasein genießen lassen.

Wir hatten uns damit getröstet, daß wir auf der Heimfahrt alles

nachholen könnten, und jetzt -- wo wir glücklich soweit waren -- hatte

das Dampfschiff Godthaab bereits verlassen, ehe wir unsere Eiswanderung

antraten. Ein ganzes Luftschloß von schönen Hoffnungen war mit einem

Schlage ins Meer versunken. Besonders für die andern war es schlimm,

die Freunde und Verwandte, ja selbst Frau und Kinder hatten, nach denen

sie sich sehnten, und die so oft davon geredet hatten, wie herrlich

es sein würde, wenn sie nun bald nach Hause kämen! Sie sollten einen

langen Winter und einen ganzen Frühling warten, während ihre Lieben in

der Heimath sie längst für todt hielten. Das durfte nicht geschehen,

-- so schnell wie möglich mußte eine Post an den „Fox“, unser letzter

Rettungsanker, entsandt werden. Während wir hierüber sprachen, kam

noch ein zweiter Europäer hinzu; es war der Herrnhuter Missionar, Herr

+Voged+. Er begrüßte uns sehr freundlich, hieß uns willkommen

und ließ uns nicht, ohne uns zum Eintreten einzuladen, an seiner Thür

vorübergehen.

Er wohnte in dem kirchenähnlichen Gebäude, das sowohl als Kirche wie

als Missionshaus diente. Es war eine Veränderung, unsern Fuß wieder in

ein civilisirtes Heim zu setzen. Die einfache Ausstattung der Wohnung

dieses frommes Mannes erschien uns wie der größte Luxus, -- auf einem

Stuhl zu sitzen war für uns allein eine Wonne und ganz wunderbar war

es, wieder an einem Tisch mit schneeweißem Gedeck zu essen, sich weißer

Steingutsteller wie Messer und Gabeln zu bedienen. Ob es uns schmeckte?

So unbedingt kann ich das nicht behaupten. Es hatte uns ganz vorzüglich

geschmeckt draußen am Feuer, -- und es hatte ein eigenartiger Reiz

darin gelegen, die Möven mit den Zähnen und den Fingern zu zerlegen,

ohne Teller, Messer und Gabeln, ohne alle Ceremonien.

Während wir aßen, kam Pastor +Balle+ aus Godthaab und ein wenig später

der Arzt des Oertchens, ~Dr.~ +Binzer+. Das Gerücht von unserer Ankunft

war schon bis zur Kolonie gedrungen, da waren die beiden Herren gleich

hinausgeeilt, um uns herzlich willkommen zu heißen.

Nun entstand ein Fragen und ein Erzählen über die Reise, man lauschte

uns mit dem lebhaftesten Interesse. Dann brachen wir auf und nahmen

Abschied von unseren liebenswürdigen Wirthen.

Groß war unsere Verwunderung, als wir wieder ins Freie kamen und sahen,

daß es regnete. Wir waren also vom Glück begünstigt gewesen und hatten

die menschlichen Wohnungen rechtzeitig erreicht. In unserem kleinen

Trog würde der Regen eine sehr unangenehme Zugabe gewesen sein.

Nachdem man uns versprochen hatte, unser Boot und unser Gepäck sicher

zu befördern, zogen wir in einem wahren Platzregen über die Hügel gen

Godthaab.

Endlich kamen wir an einen Bergabhang, und nun lag die ganze Kolonie

zu unsern Füßen. Es waren nicht viele Gebäude, -- etwa vier bis

fünf europäische Häuser, eine hochgelegene Kirche und eine Reihe

grönländischer Hütten. Der ganze kleine Ort lag in einer Thalsenkung

an einer kleinen freundlichen Bucht. Die dänische Flagge wehte von der

hohen Flaggenstange oben auf dem an der Bucht gelegenen Flaggenberg.

Ringsumher wimmelte es von Menschen, alles war auf den Beinen, um die

räthselhaften Inlandsmenschen zu sehen, die in dem halben Boot gekommen

waren.

Und dann ging’s bergab. Kaum waren wir in die Nähe der Häuser gekommen,

als ein Kanonenschuß über die See hinrollte, ein zweiter folgte und

ein dritter, -- ein donnernder Salut. Unter Kanonendonner hatten wir

Abschied von der Civilisation genommen, unter Kanonendonner zogen wir

wieder in die civilisirte Welt ein, denn dazu muß man die Westküste von

Grönland rechnen. Man hätte glauben sollen, daß wir sehr kriegerisch

gesinnte Individuen seien. Wie viele Schüsse abgefeuert wurden, kann

ich nicht sagen, aber eine ganze Menge waren es jedenfalls. Die kleinen

Menschen dort oben bei der Flaggenstange hatten ihre liebe Mühe zu

putzen und zu laden, während wir uns den Häusern näherten, vor denen

sich die Grönländer und Grönländerinnen versammelt hatten, und wo sie

in langen Reihen zu beiden Seiten des Weges standen. Sie nahmen sich

sehr hübsch aus in ihren malerischen Trachten, besonders die Frauen.

Lächeln und Freundlichkeit strahlte uns aus allen Gesichtern entgegen.

Es war, als läge heller Sonnenschein über dem Leben.

Aber da kommen die Europäerinnen -- die vier dänischen Damen der

Kolonie --, die uns entgegengegangen waren. Wir wurden vorgestellt.

Es war ganz sonderbar zwischen all diesen mit Pelzen und Beinkleidern

angethanen Schönen einmal wieder Frauenröcke zu erblicken.

In der Direktorialwohnung, wo die Frau des Hauses uns in ihrem und in

ihres Mannes Namen herzlich willkommen hieß, wurde ein Glas auf unsere

glückliche Ankunft geleert, worauf uns der Doktor zu Mittag um vier Uhr

einlud.

[Illustration: Bolette, Grönländerin von gemischter Abstammung aus

Godthaab.

(Von Inspektor C. Ryberg nach einer Photographie.)]

Es war noch lange bis dahin, aber wir konnten die Zeit gut gebrauchen,

um uns zu waschen und Toilette zu machen. Zu dem Zweck wurden wir in

+Baumanns+ Zimmer geführt. Dies kleine gemüthliche Dachzimmer in der

Direktorialwohnung machte einen unvergeßlichen Eindruck auf mich.

Eine Spieldose spielte uns „die letzte Rose“ vor. Wie erschraken wir

aber, als wir unsere eigenen schmutzigen wettergebräunten Gesichter in

einem Spiegel erblickten! Wir sahen gerade nicht salonfähig aus nach

unserer langen Enthaltsamkeit in Bezug auf Waschen und Wechseln von

Kleidungsstücken.

Es war ein unbeschreiblich wohlthuendes Gefühl, den Kopf ganz in das

Waschbecken stecken und eine gründliche Wäsche vornehmen zu können.

Ganz rein wurden wir das erstemal freilich nicht. Dann zogen wir reines

Unterzeug an, das wir selber mit über das Inlandseis geschleppt hatten.

Wir fühlten uns wie neugeboren und waren dazu aufgelegt, das flotte

Diner des Doktors einzunehmen.

So waren wir denn in den sicheren Hafen eingelaufen, nun handelte es

sich nur darum, unseren Kameraden im Ameralikfjord so schnell wie

möglich zu Hülfe zu kommen. Sie wußten ja nicht, ob wir glücklich ans

Ziel gelangt oder elend zu Grunde gegangen waren, um sie dem Hungertod

preiszugeben. Dann galt es dem „Fox“ unverzüglich eine Botschaft

zukommen zu lassen.

Am Nachmittag versuchten wir diese Angelegenheiten zu ordnen, freilich

ohne Erfolg. Gleich nachdem wir angekommen waren, brach ein so heftiger

Südsturm los, daß die Eskimos, die sehr mäßige Seeleute sind, wenn

sie nicht in ihren Kajaks sitzen, sich weigerten, mit einem Boot über

den Ameralikfjord zu rudern, um die Andern zu holen. Der Bescheid an

den „Fox“ mußte durch einen oder zwei Kajakmänner ausgeführt werden,

in der Kolonie fand sich aber Niemand, der dies Amt in diesem Wetter

übernehmen wollte. Wir mußten bis zum folgenden Tage warten.

Dann kam die Nacht und wir mußten uns zur Ruhe begeben. +Sverdrup+

sollte oben bei +Frederiksen+, dem Zimmermann und Bootbauer des Ortes,

schlafen, während mir +Baumann+ sein Zimmer zur Verfügung stellte.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, in ein ordentliches Bett zu kommen,

nachdem wir ein ganzes halbes Jahr hindurch diese Einrichtung hatten

entbehren müssen. Ich reckte und streckte mich auf der weichen

Unterlage und ein prickelndes Gefühl des Wohlseins durchzuckte alle

meine Glieder, vielleicht zum Theil durch das Bewußtsein hervorgerufen,

daß unser heißersehntes Ziel jetzt endlich erreicht war. Der Schlaf

fiel jedoch nicht so gut aus, wie ich erwartet hatte; ich lag zu weich,

war zu sehr an den Schlafsack und das Eis oder den Felsboden als

Unterlage gewöhnt und empfand möglicherweise doch eine leise Sehnsucht

darnach.

Am Morgen des 4. Oktober erwachte ich aus meinen unruhigen Träumen

dadurch, daß eine junge Grönländerin mir Thee und Butterbrot ans Bett

brachte -- ein neuer Genuß. Nach dieser frühen Mahlzeit stand ich auf

und ging hinaus, um mich ein wenig im Orte umzusehen.

Am Strande herrschte Leben und Bewegung, denn eine Ladung Seehunde,

die an einem Fangplatz in der Nähe erbeutet waren, wurden ans Land

gebracht und zerlegt. Ich begab mich mit +Baumann+ dorthin, -- es war

ein ganz neuer Anblick für mich, dies Leben hier am Strande. Eine

ganze Anzahl von Grönländerinnen lag mit aufgestreiften Aermeln vor

den aufgeschlitzten Seehunden. Von einigen wurde das Blut in Eimern

aufgefangen, von anderen wurden die Gedärme ausgelöst oder der Speck

und das Fleisch zerschnitten. Alles wurde beachtet und benutzt.

Nachdem wir uns an diesem blutigen Schauspiel sattgesehen und die

Gewandtheit, die Anmuth und die theilweise sehr hübschen Gesichter der

Grönländerinnen zur Genüge bewundert hatten, gingen wir zu +Sverdrup+

hinüber, um zu sehen, ob er aufgestanden sei, und ihn in dem Falle zum

Frühstück beim Direktor abzuholen.

Als wir ankamen, saß jedoch +Sverdrup+ bereits mit Herrn +Frederiksen+

an einem opulenten Frühstückstisch mit frischgebratenen Schneehühnern,

Schweinefleisch und anderen Delikatessen. Ich bedauerte, daß Sverdrup

schon frühstückte, da ich gehofft hatte, wir könnten zusammen essen.

Dem sei ja nichts im Wege, meinte +Sverdrup+. Dies sei sein erstes

Frühstück, etwas so Angenehmes könne man ja aber immer wiederholen; er

esse erst bei +Frederiksen+ und nachher nochmals beim Direktor, auf

diese Weise bekäme er alle Mahlzeiten doppelt. Drei Tage lang ging auch

alles gut, dann aber hielt der Magen es nicht mehr aus, und +Sverdrup+

mußte einen halben Tag das Bett hüten. Uebrigens währte es lange, ehe

wir uns so richtig satt fühlten und wieder wie gewöhnliche Menschen

aßen.

Am Vormittag des 4. Oktober wurden wir endlich eines Menschen habhaft,

der sich zum Kajakboten eignete und der bereit war, meinen Auftrag

auszuführen. Er hieß +Daniel+ und war aus Neu-Herrnhut. Er sollte sich

nach dem ungefähr zwanzig Meilen südwärts gelegenen Wohnplatz Fiskernäs

begeben und hier Kajakleute miethen, die mit der Post weiter nach

Süden gingen. Ich versprach ihm, daß, wenn die Nachricht den „Fox“

rechtzeitig erreichte, er sowie die anderen beiden Kajakmänner auf der

südlichen Station eine Extrabelohnung haben sollten.

In aller Eile schrieb ich nun einen Brief an Herrn +Smith+, den

Betriebsdirektor des Kryolithbruches in Ivigtut. Der „Fox“ gehört

nämlich der Kryolithcompagnie. Außerdem schrieb ich an den Kapitän

des Schiffes. In diesen zwei Briefen bat ich, daß das Schiff uns

aus Godthaab abholen möge, um uns nach Hause zu bringen, falls dies

irgend möglich sei. Der Grund, weshalb ich bat, uns abzuholen, statt

das Schiff in Ivigtut warten zu lassen, bis es uns möglich war, dort

hinabzukommen, war, daß wir bei den schlechten Witterungsverhältnissen

nicht berechnen konnten, wie viele Zeit wir gebrauchen würden, um die

Andern vom Ameralikfjord zu holen und dann mit einem Boot die 70 Meilen

bis Ivigtut zurückzulegen. Ich hielt es für weit einfacher für das

Schiff, selbst zu kommen, es wurde dadurch Zeit erspart.

Für den Fall, daß die Kajakpost das Schiff erreichte und dies doch

abgehen sollte, ohne uns zu holen, schrieb ich in fliegender Eile

einige Zeilen an Etatsrath +Gamél+, in welchen ich ihm von unserer

glücklichen Ankunft an der Westküste in Kenntniß setzte und ihm in

kurzen Zügen über den Verlauf der Expedition berichtete.

Außer diesem Schreiben erhielt der Kajakmann noch einen Brief von

+Sverdrup+ an dessen Vater.

Der Kajakmann versprach, sofort am Nachmittag abzureisen. Er machte

freilich auch, wie man uns sagte, einen Versuch, mußte aber wegen des

drohenden Wetters wieder umwenden.

Als das Wetter am Abend noch immer schlecht war, machte der Pfarrer

den Vorschlag, vorläufig ein paar Kajakmänner mit etwas Proviant und

der Nachricht hinüberzuschicken, daß wir glücklich angelangt seien.

Ueber diesen Vorschlag war ich natürlich sehr erfreut, und während

der Pfarrer zwei Kajakmänner, die Brüder +Terkel+ und +Hoseas+, zwei

kecke Bursche aus Sardlok, für die Fahrt warb, machte man sich in

der Kolonie daran, eine Sendung der ausgesuchtesten Leckerbissen

für die armen Verlassenen fertig zu machen. Dieser Proviant wurde

in die Kajaks verstaut, nachdem ich noch einige etwas konsistentere

Nahrungsmittel wie Butter, Schweinefleisch und Brot, sowie ~last not

least~ etwas Tabak und einige Pfeifen hinzugefügt hatte. Bei dieser

Sendung befand sich eine große dänische Porzellanpfeife mit langem

Rohr und ein Pfund Tabak speciell für +Balto+. Ich hatte es ihm bei

irgend einer Gelegenheit im Inlandseise versprochen, als er sich

besonders gut gemacht hatte. Als die Kajaks reisefertig waren, gab ich

mit Hülfe des Pfarrers, der als Dolmetscher fungirte, dem ältesten der

Brüder, +Terkel+, eine genaue Beschreibung, wo die Gefährten zu finden

seien, auch zeigte ich es ihm auf der Karte, aus der er sich sehr gut

vernehmen konnte.

Am folgenden Morgen, den 5. Oktober, verließen die Kajakmänner

Godthaab, und schon am nächsten Vormittag erreichten sie ihren

Bestimmungsort.

Am Vormittag des 5. Oktober machte auch ein Boot den Versuch, nach dem

Ameralikfjord hinzurudern, nach wenigen Stunden kehrte es jedoch schon

wieder zurück. Die Grönländer sind, wie gesagt, keine Helden, wenn

es sich ums Rudern handelt. Gegen Nachmmittag machte das Boot einen

zweiten Versuch und kehrte jetzt merkwürdigerweise nicht wieder um; wie

wir später erfuhren, waren sie nicht weiter als bis an eine südlich von

Godthaab gelegene Insel gelangt, wo die Besatzung in einem Zelt viele

Tage liegen blieb, ohne umzuwenden, obwohl die Entfernung so gering

war, daß sie in einer Stunde hätten nach der Kolonie zurückrudern

können. Dies hat seinen ganz einfachen Grund darin, daß sie in dem

Falle keinen Tagelohn erhalten haben würden, und daß sie sich lange

nicht so schön hätten amüsiren können wie jetzt im Zelt. Deswegen

blieben sie ruhig dort, bis sie ihren Proviant verzehrt hatten.

Am folgenden Tage, den 6. Oktober, kam der Koloniedirektor an in

Begleitung des deutschen Missionars +Heincke+ aus Umanak, einer

Herrnhuter Missionsstation am Fjorde, etwa neun Meilen von Godthaab

entfernt. Der Koloniedirektor war in Umanak gewesen, als einer der

Kajakmänner, die von der Kolonie ausgesandt waren, ihn erreichte und

ihm einen Brief mit der Nachricht von unserer Ankunft überbrachte. Er

und Herr +Heincke+ hatten sofort zwei Kajakmänner zu den vier Leuten

geschickt, die sich noch am Ameralikfjord befinden sollten. Diese

Kajakmänner überbrachten den Gefährten ebenfalls Speisen von ihm sowie

von Herrn und Frau +Heincke+, und hatten den Befehl, bei ihnen zu

bleiben und ihnen auf alle Weise behülflich zu sein.

Am 7. Oktober kehrten +Terkel+ und +Hoseas+ bereits vom Ameralikfjord

zurück mit einem Brief von +Dietrichson+, der uns mittheilte, daß sie

sich jetzt, wo sie Ueberfluß an Essen und Trinken hätten und +Sverdrup+

und mich in Sicherheit wüßten, ausgezeichnet wohl fühlten.

Am 9. Oktober wurde das Wetter endlich so gut, daß ein Frauenboot, das

ich vom Missionar Voged geliehen hatte, mit einer im wesentlichen aus

Grönländerinnen bestehenden Besatzung nach dem Ameralikfjord abgehen

konnte. An diesem Tage verließ endlich auch das andere Boot die Insel,

wo es sich die ganze Zeit über aufgehalten hatte.

Mehrere Tage lang hörten wir nichts von den Kameraden, die wir jetzt

nachgerade erwarten konnte. Besonders die Grönländer waren sehr

gespannt, die zwei Lappen zu sehen; denn solche Menschen hatten sie

früher nie gesehen.

Die beiden Kajakmänner, die vom Fjord zurückkamen, hatten übrigens ihre

Begegnung mit den Gefährten ganz genau beschrieben: „Da waren zwei von

dem Volk, das lange Bärte trägt (Norweger), außerdem waren da aber

zwei, die ungefähr so waren wie wir, und die trugen eine ganz seltsame

Kleidung etc.“ Sie hatten also eine klare Auffassung, daß die Lappen

-- trotz aller Verschiedenheit -- doch einem Volk angehörten, das

auf einer Kulturstufe stand, die der ihren sehr nahe kam und völlig

verschieden von derjenigen der Dänen oder Norweger war.

Endlich am 12. Oktober kamen sie; die ganze Kolonie kam jetzt auf die

Beine, sowohl Europäer wie Grönländer gingen ihnen auf dem Strande

entgegen.

Besonders große Aufmerksamkeit erregten die Lappen. Die Grönländer

nannten sie Weibspersonen, weil sie lange Gewänder trugen, die an

die Röcke der europäischen Damen erinnerten, sowie Beinkleider aus

Rennthierfell, was in Grönland nur Sitte für die Frauen ist. +Balto+

schien die Aufmerksamkeit, deren Gegenstand er war, sehr ruhig

hinzunehmen. Er schwatzte und erzählte und stand bald auf dem besten

Fuße mit der ganzen Bevölkerung. +Ravna+ ging wie gewöhnlich seinen

eigenen, ruhigen Gang, er kam zu mir heran, verneigte sich tief,

ergriff meine Hand, sagte nicht viel, strahlte aber vor Freude und

Zufriedenheit über das ganze Gesicht.

Fußnote:

[42] So heißt der innerste Arm des Ameralik-Fjords.

Kapitel XXIII.

Die vier Zurückgelassenen im Austmannathal und deren Erlebnisse.

In diesem Kapitel will ich +Dietrichson+ selbst erzählen lassen, wie

es ihm und seinen Kameraden ergangen ist, auch +Balto+ wird wiederholt

Gelegenheit haben, zu Wort zu kommen.

„Alle die Sachen, die wir vorläufig am Rande des Inlandseises

hatten zurücklassen müssen,“ schreibt +Dietrichson+, „mußten an den

Ameralikfjord hinuntergeschafft werden, deswegen kehrten +Kristiansen+,

+Ravna+ und ich schon am 27. September zurück, um dies zu beschaffen,

während die übrigen drei Mitglieder der Expedition mit dem Bau des

Segeltuchbootes beschäftigt waren, in welchem +Nansen+ und +Sverdrup+

nach Godthaab rudern wollten.

Die Entfernung bis zu dem Ort, an welchem sich die Sachen befanden,

betrug ungefähr 4 Meilen. Obwohl wir unsere Kameraden erst um 8 Uhr

des Morgens verließen, hofften wir doch vor Einbruch der Dämmerung am

Ziel zu sein, wir rechneten nämlich darauf, eine bedeutende Strecke

abschneiden zu können, indem wir die mit Eis bedeckten Gewässer

überschritten, wie wir dies auf dem Wege bergab gethan hatten.

Auf den höher gelegenen Gewässern fanden wir auch noch eine Eisdecke

vor, diese war aber jetzt so dünn, daß wir, sobald wir sie betraten,

einbrachen. Deswegen blieb uns nichts anderes übrig, als die

steilen Felsabhänge und unebenen Moränen zu erklimmen, wobei uns die

angeschwollenen Bäche das Vorwärtsdringen sehr erschwerten. Deswegen

gelangten wir erst um 7½ Uhr an das Endziel unserer Wanderung,

nachdem die Sonne längst untergegangen und die ganze Landschaft in

Dämmerung gehüllt war.

Wenngleich eine Dose Leberpastete, eine Portion Fleisch, Schokolade

und Fleischbiskuits, woraus unser Proviant während des Bergsteigens

bestand, ein ziemliches Quantum Nahrungsstoff enthält, so reichte

es trotzdem nicht hin, um den Magen zu füllen und uns zu sättigen.

Infolgedessen hatten wir, wie gewöhnlich, einen wahren Heißhunger, als

wir am Abend unsern Kessel, der aus einer leeren Blechdose bestand,

aufs Feuer setzten. Das Gericht, das wir bereiten wollten, war sehr

zusammengesetzter Art, denn es bestand aus den Ueberresten der

verschiedenen Proviantsorten, wie Pemikan, Erbswurst, Fleischpepton,

Fleischbiskuits, Knäckebrot und Schnitzkohl. Wenn eine Blechdose leer

war, hatten wir die zurückbleibenden Krumen in den Sack geschüttet,

in welchem sich der Schnitzkohl befand, so daß der Inhalt dieses

Sackes allmählich aus allen möglichen Speiseresten bestand. Diese

sollten jetzt verwerthet werden. Das Gericht schmeckte indessen ganz

vorzüglich, und nachdem wir unsere Mahlzeit eingenommen hatten, krochen

wir in den Rennthiersack und schliefen unter freiem Himmel, da das Zelt

bereits an den Fjord hinabgeschafft war.

Der nächste Vormittag wurde mit dem Zusammenstauen der verschiedenen

Sachen verbracht, die wir auf den Schultern hinabtragen mußten. Erst

gegen Mittag konnten wir damit beginnen, einen Theil der Bagage ins

Thal hinabzuschaffen. Da wir entschlossen waren, unser sämtliches Hab

und Gut in mehreren Wanderungen Stück für Stück hinabzutragen, so

kehrten wir wieder um, nachdem wir unsere erste Last an die nördliche

Bucht des Langvandet geschafft hatten, und fanden zu unserm Staunen

+Balto+ bereits am Lagerplatz. Er berichtete, daß sie nach eintägiger

Arbeit mit dem Bau des Bootes bereits soweit vorgeschritten seien,

daß er gut hatte entbehrt werden können, deswegen sei er gekommen, um

uns zu helfen. Nach seiner Berechnung mußten +Nansen+ und +Sverdrup+

bereits am Mittag desselben Tages ihre Bootsfahrt angetreten

haben. +Balto+ hatte denselben Weg eingeschlagen, auf welchem wir

hinuntergekommen waren, nur die eisbedeckten Gewässer hatte er umgehen

müssen, bis er an das Langvandet gelangte. Da er seinen Weg bedeutend

abkürzen konnte, wenn er dies Wasser überschritt, so wagte er den

Versuch. Auf der Stelle, von der er ausgegangen, war die Beschaffenheit

des Eises ziemlich gut, allmählich aber, je weiter er kam, desto

schwächer wurde die Eisdecke, bis ihm, in der Mitte des Gewässers

angelangt, nichts übrig blieb, als auf allen Vieren vorsichtig

weiterzukriechen; auf diese Weise erreichte er dann mit Noth und Mühe

das jenseitige Ufer.

Am nächsten Morgen langten wir mit unserer letzten Last am Ufer des

Langvandet an. +Balto+ wollte abermals den Versuch machen, über einen

kleinen Arm des Gewässers zu gehen, er schnallte seine Schneeschuhe

an und zog den Schlitten hinter sich her. Da ich eine Karte über das

Terrain aufzunehmen hatte und infolgedessen oft zurückbleiben und

eine Menge Abstecher machen mußte, so beschloß ich, um die Kameraden

schneller einzuholen, denselben Richtweg einzuschlagen, dessen sich

+Balto+ bedient hatte. Ich schnallte deswegen meine Schneeschuhe an

und begab mich auf das Eis, meinen Schlitten hinter mir herziehend.

Als ich bereits die Hälfte des Weges zurückgelegt hatte, bemerkte ich,

daß das Eis ein wenig nachgab, da sich aber eine zweite Eisschicht

darunter befand, so ging ich getrost weiter. Die Eisdecke wurde jedoch

schwächer und schwächer und bestand schließlich nur noch aus losen,

dünnen Schollen. Ich sah mich gezwungen, den kürzesten Weg ans Ufer

einzuschlagen. Bald vermochten die Eisschollen mich jedoch nicht mehr

zu tragen und ich sank, auf meinen Skiern stehend, durch das Eis. Im

Handumdrehen hatte ich die Skier, die nicht an den Beinen festgebunden

waren, abgestreift, und mußte nun die 15 bis 20 Ellen, die ich noch vom

Ufer entfernt war, schwimmend zurücklegen.

+Balto+, der auch nahe daran gewesen war, ins Wasser zu fallen, und der

gehört hatte, daß ich übers Eis gehen wollte, war, während sich dies

zutrug, herbeigekommen. Er macht die folgende Beschreibung davon: „Da

ich fürchtete, daß +Dietrichson+ über das schlechte Eis gehen würde,

ergriff ich eine Flöte (so nannte er einige kleine Signalhörner, deren

wir uns bedienten), lief auf einen Felsgipfel und blies, +Dietrichson+

antwortete sofort und ich lief dahin, um zu sehen, wie die Sache

ablaufen würde. Gerade als ich anlangte, war +Dietrichson+ auf das

Eis hinausgegangen. Ich sah, daß das Eis sehr schwach war und rief

ihm zu, an das Ufer zu mir zu kommen. Aber er kam nicht, er machte

noch einige Schritte mit seinen Schneeschuhen und verschwand dann

zwischen den Eisstücken. Da rief ich: „Laß den Schlitten fahren und

schwimme an den Strand!“ Er that das und schwamm an den Strand. Wir

nahmen die Instrumente aus seinen Taschen, damit sie nicht allzu naß

werden sollten. Wir wußten aber keinen Rath, wie wir den Schlitten

ans Land bringen sollten. +Dietrichson+ meinte, er wollte wieder

zurückschwimmen, ihn holen und ans Land bringen. Da sagte ich: „Thue

das nicht, du frierst todt.“ Dann rief ich +Kristiansen+ zu, daß er

eine lange Stange, nämlich ein Bambusrohr, bringen solle und ein Tau,

um den Schlitten damit ans Land zu bringen; aber +Dietrichson+ kehrte

sich nicht an meine Worte, sondern ging wieder auf den See hinaus.

Sobald er auf eins der Eisstücke gekommen war, fing dies an umzukippen,

und er verschwand kopfüber in dem See. Darauf schwamm er wieder

an den Strand. Ich lief auf einen Felsgipfel hinauf und pfiff aus

Leibeskräften. Da lief +Kristiansen+ auf einen Felsgipfel hinauf und

schrie: „Was ist da los?“ Ich rief: „Bringt ein Bambusrohr und ein Tau,

+Dietrichson+ ist in den See gefallen, und der Schlitten steht auf dem

Eise.“ +Kristiansen+ erschrak sehr, denn er glaubte, daß +Dietrichson+

umgekommen sei und daß nur der Schlitten auf dem Eise stehe. Da lief

+Kristiansen+ mit diesen Dingen so schnell er konnte, und dann zogen

wir den Schlitten und die Büchse an den Strand und begaben uns nach der

Feuerstelle, wo die Andern Kaffee kochten, und dort blieben wir die

Nacht, denn +Dietrichson+ war durch und durch naß geworden.“

„Nachdem wir die Bagage aufs Land geschafft hatten,“ fährt

+Dietrichson+ fort, „wanderten wir weiter bis zu dem Ort, wo die

Mahlzeit zubereitet war und wohin die Uebrigen die Sachen geschafft

hatten, die am vorhergehenden Tage ans Wasser hinabgetragen waren. Eine

Tasse Kaffee schmeckte vorzüglich und erwärmte im Verein mit einem

theilweisen Wechsel der Kleidungsstücke meine erfrorenen Glieder gar

bald wieder.

So hatten wir denn unsere Bagage wieder vollzählig beisammen. Wir

merkten aber bald, daß wir nicht mehr im stande waren, so große Bürden

wie bisher zu tragen. Wenn wir dieselben in der Weise verminderten,

daß wir statt zwei Wanderungen drei unternahmen, so würden wir damit

zu viel Zeit hinbringen, um rechtzeitig unten am Fjord sein zu können,

wo uns der Verabredung gemäß die Böte abholen sollten. Ich beschloß

deshalb, einen Schlitten und ein Paar Schneeschuhe zurückzulassen. Um

sicher zu sein, daß die Lasten gleichmäßig vertheilt waren, machten

wir aus Schneeschuhen, Bambusrohren und Tauen eine Wage, und während

die Uebrigen damit beschäftigt waren, die acht Lasten abzuwägen, zog

ich thalabwärts weiter, um meine Croquis aufzunehmen. Als ich am Abend

zurückkehrte, waren sämtliche Sachen derartig vertheilt, daß alle

Lasten gleich schwer waren. Wir krochen darauf in unsere Schlafsäcke,

um am nächsten Morgen unsere Wanderung in aller Frühe wieder antreten

zu können.

Um 6 Uhr waren wir Alle auf den Beinen, und nach einem strammen Marsch,

auf dem wir u. a. durch einen kleinen Bach waten mußten, kamen wir

gegen Abend am Gänseteich an, wo wir uns wieder in unseren Schlafsäcken

zur Ruhe begaben.

Am nächsten Morgen (2. Oktober), nachdem wir einige Stunden marschirt

hatten, kamen wir an einen langen, steilen, aber ziemlich ebenen

grasbewachsenen Abhang. Hier setzten wir die Schlitten nieder, beluden

sie mit unserem Gepäck, und nun ging es leicht und schnell bis an

den unten fließenden Bach hinab. Hier sah es aber durchaus nicht

verlockend für uns aus! Der Bach war nicht wiederzukennen, -- in den

vier Tagen, welche verflossen waren, seit wir ihn zuletzt gesehen

hatten, war das Wasser ungefähr um das Vierfache gestiegen. Hinüber

mußten wir indessen, denn weiter unten an der Seite, an welcher wir uns

befanden, drängte der Bach sich bis hart an die lothrechte Felswand,

so daß keine Rede von einem Vordringen sein konnte. Außerdem befanden

sich unser Zelt und die übrigen am Fjord zurückgelassenen Sachen auf

dem jenseitigen Ufer. An der zum Waten günstigsten Stelle betrug

die Breite des Baches reichlich 100 Ellen; diese Strecke mußte also

dreimal zurückgelegt werden, erst mit der einen Last, dann zurück,

um die zweite zu holen, und abermals mit dieser hinüber. Während

die beiden Lappen ihre Kleidungsstücke anbehielten, um sich dadurch

gegen das eiskalte Wasser zu schützen, zogen +Kristiansen+ und ich

es vor, uns der Beinkleider und Strümpfe zu entledigen, um dieselben

nach vollbrachtem Werk trocken wieder anziehen zu können. Die Schuhe

behielten wir dagegen an, um unsere Füße nicht an den scharfen Steinen

zu verletzen. Die Strömung war sehr reißend, wir mußten deshalb unsere

Bambusstöcke in die Hand nehmen, um uns darauf zu stützen und unsern

Weg tastend über den unebenen Boden zu finden. Denn wenn die Strömung

uns die Füße unter dem Leibe weggerissen hätte, wären wir wohl kaum im

stande gewesen, uns wieder aufzurichten, da das schwere Gewicht, das

wir auf dem Rücken trugen, unfehlbar unsere Köpfe unter Wasser gehalten

haben würde. Es war ein kaltes Vergnügen, diese drei- bis vierhundert

Ellen durch das Eiswasser zu waten, das uns bis an den Magen reichte.

+Kristiansen+ und ich waren völlig blau an den Beinen, als wir endlich

mit unserer zweiten Last das jenseitige Ufer glücklich erreicht hatten,

nachdem wir aber die abgefrorenen Körpertheile tüchtig gerieben und

unsere trockenen Kleidungsstücke wieder angezogen hatten, wurden

wir gar bald warm, während die beiden Lappen das nasse, kalte Zeug

anbehalten mußten und nichts weiter thun konnten, als es auszuwringen,

so gut es eben gehen wollte. Falls der Bach im selben Maße fortfuhr

anzuschwellen, wie er es in diesen vier Tagen gethan hatte, würde es

zwei, ja selbst nur einen Tag später völlig unmöglich für uns gewesen

sein, hinüber zu gelangen.

Es war noch nicht 12 Uhr, da wir hier aber Brennmaterial zur Hand

hatten, beschlossen wir, eine Erbsensuppe zu kochen und unser

Mittagessen ein wenig früher als gewöhnlich einzunehmen. Eine warme

Mahlzeit war uns Allen nach dem kalten Bade äußerst erwünscht.

Um 2 Uhr des Nachmittags (den 2. Oktober) langten wir mit unserer

ersten Last am Ufer des Fjordes an. Hiermit ließen wir uns vorläufig

genügen und den übrigen Theil der Bagage einstweilen eine Strecke

thalaufwärts liegen, denn wir wollten den Rest des Tages zum

Instandsetzen unseres Zeltes benutzen. Dieses sowie den einen

Schlafsack und die übrigen Sachen, die wir mitgebracht hatten, als

wir die Küste zum erstenmal erreichten, und die von unseren Kameraden

zurückgelassen waren, fanden wir wohlbehalten unter einigen Büschen

vor. Die Zeltstangen waren jedoch verschwunden, sie waren zum Bau

des Bootes verwendet worden, deswegen mußten wir sie durch andere

Bambusrohre ersetzen. Nachdem dies geschehen war, wurde das Zelt

errichtet.

Sechs Tage waren jetzt vergangen, seit wir zuletzt hier gewesen waren.

Während dieser ganzen Zeit waren wir ungewöhnlich vom Wetter begünstigt

worden, des Tags hatten wir herrlichen Sonnenschein gehabt, ohne daß

uns die Hitze lästig gewesen wäre, und des Nachts einen sternenklaren

Himmel bei verhältnißmäßig milder Luft. Es konnte deswegen nur als eine

Annehmlichkeit bezeichnet werden, die Nacht unter freiem Himmel zu

verbringen.

Der Umstand, daß wir nur einen Schlafsack hatten und infolgedessen

genöthigt waren, uns zu Vieren hineinzuzwängen, trug freilich sehr

wesentlich dazu bei, daß wir nichts von der Nachtkälte verspürten.

Um 5½ Uhr am nächsten Morgen waren wir wieder auf den Beinen, und

nachdem wir unser Frühstück verzehrt hatten, gingen wir thalaufwärts,

um den Rest der Bagage zu holen; gegen Mittag trafen wir wieder an

unserem Lagerplatz ein. Da wir auf die Möglichkeit gefaßt sein mußten,

hier in aller Ruhe einige Tage zu verbringen, packten wir einen Theil

unserer Sachen aus und ordneten alles auf die bequemste, angenehmste

Weise. Der Proviant wurde nachgesehen und aufgezählt, und es stellte

sich heraus, daß wir außer Pemikan für längere Zeit noch Brot für sechs

und Erbswurst für fünf Tage hatten, wenn wir nur ein Minimum von diesen

Sachen verwendeten. Fettstoff hatten wir dagegen gar nicht mehr, schon

vor fünf Tagen hatten wir den letzten Rest verzehrt. Auch an Salz

gebrach es uns, da einige von den Mitgliedern der Expedition in der

letzten Zeit unverhältnißmäßig viel davon konsumirt hatten.

Wir konnten jetzt täglich Nachricht von unseren Kameraden erwarten,

die nach Godthaab ausgezogen waren. Ja, wir hatten sogar im stillen

gehofft, daß wir das Boot, das uns abholen sollte, schon vorfinden

würden, wenn wir mit unserer Bagage den Fjord erreichten. Noch hatten

wir keinen Grund über das Schicksal unserer Kameraden in Sorge zu sein,

wenn aber noch acht Tage verstrichen, ohne daß wir von ihnen hörten,

mußten wir versuchen, die Kolonie auf dem Landwege zu erreichen, denn

dann konnten wir annehmen, daß sie verunglückt waren. Unser Proviant

mit Ausnahme von Pemikan würde dann bereits seit mehreren Tagen

verzehrt sein. Von diesem einen Nahrungsmittel war jedoch noch genügend

vorhanden, um eine solche Wanderung unternehmen zu können.

Wir zündeten ein Feuer vor dem Zelt an, lagerten uns um dasselbe und

genossen die Ruhe, deren wir so sehr bedurften. Den ganzen Nachmittag

verbrachten wir auf dem Rücken in dem weichen Heidekraut liegend, in

dem erhebenden Gefühl, daß jetzt die schwerste Zeit überstanden war,

und daß jetzt voraussichtlich bessere und bequemere Tage für uns kommen

würden.

Früh am Abend begaben wir uns zur Ruhe und erst spät am nächsten

Vormittag steckten wir die Köpfe wieder zum Zelt hinaus. Ich benutzte

den Vormittag, um mein Croquis zu vollenden. +Kristiansen+ ging mit

der Büchse über der Schulter aus, um auf Wild zu fahnden, kehrte

aber schon nach einigen Stunden unverrichteter Sache wieder zurück.

Den übrigen Theil des Tages verbrachten wir in aller Ruhe. Auch den

folgenden Tag benutzten wir zur Rast.

Gerade vor unserem Zeltplatz war das Ufer des Fjordes völlig

unzugänglich für ein Boot, deswegen begab ich mich am Vormittag des

6. Oktober auf eine Landspitze hinaus, die sich weit in den Fjord

hineinerstreckte und die mit Gesträuch bewachsen war, theils um einen

guten Landungsplatz für das Boot zu suchen, theils um mich nach Wild

umzusehen. Als ich kaum den halben Weg zurückgelegt hatte, vernahm

ich einen Schuß! Der konnte nur von einem Sendboten unserer Kameraden

herrühren! Oder waren es etwa Grönländer, die gleich mir auf Jagd

ausgegangen waren? Ich eilte auf den Höhenrücken, um zu sehen, ob ich

irgend etwas entdecken könne, und es währte auch nicht lange, bis ich

zwei Grönländer erblickte, die über die Landzunge gingen, auf dem

Rücken Bündel und Säcke tragend, die nach Art der Eskimos in breiten

über die Stirn laufenden Tragriemen hingen. Als ich sie anrief, machten

sie sofort Halt, und wir gingen einander entgegen. Es stellte sich

heraus, daß meine erste Vermuthung richtig gewesen war: es waren zwei

Kajakmänner, die uns Botschaft von +Nansen+ brachten. Sie überlieferten

uns einen Brief, in dem er schrieb, daß sie glücklich angekommen seien

und daß er uns vorläufig etwas Proviant sende, Böte mit reichlicheren

Vorräthen würden bald nachkommen und uns abholen, wegen des starken

Sturms sei es jedoch bisher nicht möglich gewesen, die Leute zur

Abfahrt zu bewegen. Ich kehrte natürlich sofort um und führte die

Ankömmlinge nach dem Lagerplatz.

Den ganzen Vormittag hatte mich ein wahrer Heißhunger gequält,

aber trotzdem hatte ich mein einfaches Mittagsmahl, aus einem Stück

trockenen Fleischbiskuits und etwas Pemikan bestehend, gewissenhaft

aufbewahrt, um es erst zur Mittagszeit zu verzehren. Jetzt wußte ich,

daß wir wenigstens vorläufig keine Noth leiden würden, da uns +Nansen+

Proviant gesandt hatte. Deswegen konnte ich mein Mittagsmahl getrost in

Angriff nehmen. Es währte nicht lange, bis ich es herausgeholt hatte,

und im Handumdrehen war es verzehrt.

Zwischen der Landzunge, auf der wir uns befanden, und unserem

Lagerplatz ragte ein steiler, hoher Fels empor, den wir erklimmen

mußten, um an das Zelt zu gelangen. Oben angelangt, gab ich den

Kameraden ein Zeichen. Sie stürzten aus dem Zelt heraus, und als sie

meine Begleiter erblickten, begriffen sie sofort, daß sie Abgesandte

unserer vor zehn Tagen abgereisten Genossen seien, weshalb sie meinen

Ruf mit einem Freudengeheul beantworteten. Ich war ausgegangen, um nach

Wild zu suchen, aber obwohl ich das Gesuchte nicht fand, bin ich doch

niemals mit einer willkommeneren Jagdbeute heimgekehrt als an jenem

Tage.

Am Lagerplatz angelangt, placirten wir uns Alle um die von den

Grönländern mitgebrachten Sachen. Zuerst las ich +Nansens+ Brief laut

vor. Er enthielt nur erfreuliche Kunde mit Ausnahme der Nachricht, daß

wenig Aussicht für uns vorhanden sei, noch in diesem Jahr nach Europa

zurückzukehren. In unserem Freudenrausch hatten wir für diesen Kummer

kaum Gedanken. Dann ging es an das Auspacken der Packete, und neugierig

wie Kinder, die den Weihnachtstisch umstehen, öffneten wir eins nach

dem anderen. Wir erfreuten uns an dem Anblick aller der guten Sachen,

die uns gesandt waren, -- Brot, Fleisch, Kaffee, Tabak. Den größten

Jubel aber erregte der reichliche Vorrath an Butter und Speck, denn wir

hatten den Mangel an Fettwaren sehr empfunden. Auch an Dilikateßwaren

fehlte es nicht, indem die dänischen Damen in Godthaab uns mit Kuchen

und Süßigkeiten bedacht hatten. Wir machten uns sofort ans Essen, und

wohl niemals hat Einer von uns so in Fettstoff geschwelgt wie wir an

jenem Tage; wir waren förmlich wild darauf.“

Auf Schneeschuhen durch Grönland. Zweiter Band · 第 19 / 28 题