wie die Männer,[59] nachdem aber die Europäer sie die Benutzung
der weißen Leinwand lehrten, fanden sie dies zu schön, um es zu
verbergen, und statt ihre Gewandung wie die europäischen Damen oben
auszuschneiden, brachten sie nach unten zu einen Ausschnitt an,
indem sie die Anoraks so kurz machten, daß zwischen denselben und
den Beinkleidern, die ganz unterhalb der Hüften sitzen, ungefähr ein
handbreites Stück unbedeckt blieb, so daß die Leinwand sichtbar wurde.
Die Eskimos an der Ostküste haben eine ähnliche Tracht, doch verwenden
sie fast gar kein Vogelfell zu ihren Pelzen, sondern größtentheils
Seehundsfell. Dasselbe ist auch sehr häufig im nördlichen Grönland der
Fall.
Im Hause ging der ursprüngliche Eskimo, sowohl Mann als Frau,
vollständig nackend, mit Ausnahme des bereits früher erwähnten Nâtit,
eines Bandes, das um die Lenden gebunden wurde. Dasselbe ist noch jetzt
an der Ostküste Gebrauch.
[Illustration: Mädchen gemischter Herkunft aus „Sukkertoppen“.
(Nach einer Photographie.)]
Dies ist natürlich eine sehr gute und gesunde Sitte, denn die
Fellkleider hindern die Ausdünstung der Haut, und deshalb ist es
besonders ungesund, sie in warmen Räumen zu tragen. Ein natürliches
Bedürfniß hat sie veranlaßt, sich im Hause der Kleider zu entledigen,
wenn sie sie dort überhaupt jemals getragen haben. Als die Europäer ins
Land kamen, verletzte indessen diese Sitte deren Anstandsgefühl, und
die Missionare besaßen so wenig Einsicht, daß sie dagegen predigten.
So ist denn diese Sitte jetzt an der Westküste abgeschafft, ob sich
dadurch aber die Moral verbessert hat, wage ich nicht zu entscheiden,
-- ich bezweifle es freilich sehr, eins aber ist sicher, der
Gesundheitszustand ist nicht dadurch gehoben worden.
Die Westländer geniren sich noch heutzutage sehr wenig davor, sich zu
entblößen. Viele decken sich freilich zu, sobald Europäer ihre Hütten
betreten, meiner Ansicht nach ist dies aber mehr Ziererei, von der sie
glauben, daß sie uns gefällt, als wirkliches Schamgefühl, denn sie
verrichten im übrigen die undenklichsten Dinge auf die natürlichste
Weise von der Welt, ohne sich zu geniren. Entdecken sie, daß ein
Europäer ihre Versuche, schamhaft zu sein, gar nicht beachtet, so
bemühen sie sich auch nicht mehr.
Die Frauen nehmen ihr Haar in einem Knoten oben auf dem Kopfe zusammen.
Dies geschieht, indem sie es von allen Seiten fest zusammenbinden.
An der Westküste umbinden sie es dann mit einem farbigen Bande: die
unverheiratheten Frauen tragen ein rothes Band, haben sie Kinder
gehabt, so tragen sie ein grünes, während die Farbe der verheiratheten
Frauen blau ist. Das Band der Witwen ist schwarz; gehen sie mit dem
Gedanken um, sich wieder zu verheirathen, so bringen sie ein wenig
Roth auf dem schwarzen Bande an. Aeltere Witwen, welche die Hoffnung
auf eine abermalige Verehelichung aufgegeben haben, legen oft ein
weißes Band an. Bekommt eine Witwe ein Kind, so muß auch sie ein grünes
Haarband tragen.
Die Grönländerinnen sind kaum weniger eitel als ihre europäischen
Schwestern, und da es sich darum handelt, daß der Haarknoten so steif
wie möglich in die Höhe stehen soll, so ziehen sie es so stramm in
die Höhe, daß sie es aus der Stirn, aus den Schläfen und dem Nacken
förmlich herausreißen, weswegen sie im Alter fast alle kahlköpfig
werden und dann weniger anziehend sind. Man hat da den besten Maßstab
für ihre Eitelkeit.
Um dem Haar einen recht schönen Glanz zu verleihen, pflegen sie es,
wenn sie es aufstecken, in Urin zu baden. Sie sind auch der Ansicht,
daß ihnen dieses einen eigenartigen, jungfräulichen Duft verleiht. In
derselben Flüssigkeit waschen sie sich auch mit Vorliebe. Der Geruch,
der ihnen infolgedessen anhaftet, ist, wenigstens für europäische
Nasen, durchaus nicht angenehm. Ich habe von einem Europäer in
Nordgrönland gehört, der sich in eine Grönländerin verliebt hatte,
den Geruch konnte er jedoch nicht ertragen. Er half sich dadurch, daß
er eine Ladung ~Eau de Cologne~ aus der Heimath verschrieb, und damit
wurde die Geliebte jeden Morgen besprengt. Auf die Weise machte er es
wirklich möglich, sich mit ihr zu verheirathen.
Da die Existenz der Grönländer ausschließlich auf dem Kajakfang beruht,
der ihnen die Mittel für ihren Lebensunterhalt liefert, so scheint
es mir ganz natürlich, bei der Schilderung ihres Lebens hiermit zu
beginnen. Ich komme indessen später noch häufiger darauf zurück und
will mich deswegen hier nur ganz kurz fassen.
Der +Kajak+ besteht aus einem hölzernen Speilerwerk, das von außen mit
Fell bezogen ist, vorzugsweise mit dem Fell der +~Phoca grönlandica~+
oder der Klappmütze;[60] das Fell der letzteren wird jedoch nicht für
so stark und wasserdicht gehalten, kann man dagegen Fell von jungen
Klappmützen bekommen, in dem die Poren der Haut nicht so groß sind, so
soll auch dies sehr zweckmäßig sein.
[Illustration: Eskimo im Kajak.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]
Für das Speilerwerk benutzte man in früheren Zeiten fast ausschließlich
Treibholz, und für die Rippen außerdem Weidenzweige, die an der
Küste wachsen. In den letzten Jahren hat man in den Kolonien an der
Westküste angefangen, für die Kajaks europäische Schiffsränder von der
grönländischen Handelscompagnie zu kaufen, obwohl man das Treibholz
für ein besseres Material hält. Ein gewöhnlicher grönländischer Kajak
pflegt ungefähr 15 Fuß lang und 18-20 Zoll breit zu sein. Er hat in
der Mitte eine Höhe von ca. 5-6 Zoll. Die Größe richtet sich natürlich
nach dem Manne. Auf der Unterseite ist er ziemlich flach und hat keinen
Kiel. Nach dem Vorder- und Hinterende zu verjüngt er sich langsam.
Der Kajak ist so leicht, daß er mit seinem ganzen Zubehör und allen
Geräthschaften ohne Schwierigkeit meilenweit auf dem Kopfe über Land
getragen werden kann.
Es liegt klar auf der Hand, daß ein Fahrzeug von dieser Form schwer
auf dem rechten Kiel gehalten werden kann, wenn man darin sitzt, dafür
kann man es aber auch, wenn man die nöthige Uebung erlangt hat, mit
Hülfe des zweiblättrigen Kajakruders mit erstaunlicher Schnelligkeit
durch das Wasser vorwärtsbewegen, und der Kajak ist ohne Frage das
beste existirende Fahrzeug für eine Person. Bei gutem Wetter benutzt
der Kajakruderer den sog. +Halbpelz+, der mit seinem unteren Ende
wasserdicht auf den Ring paßt, welcher das Loch umgiebt, in dem er
sitzt, und der ihm mit seiner oberen Kante bis unter die Arme reicht.
Dies genügt, um kleinere Wellen an dem Eindringen in den Kajak zu
hindern. Bei schlechtem Wetter bedient man sich des +ganzen Pelzes+,
der gleich dem Halbpelz aus wasserdichtem, enthaartem Seehundsfell
gemacht und mit Sehnen zusammengenäht ist. Er umschließt gleichfalls
den Kajakring nach unten zu, hat aber Aermel und eine Kapuze, die man
ganz über den Kopf ziehen kann und die rund um das Gesicht zugeschnürt
wird, wie auch die Aermel an den Handgelenken fest geschlossen werden.
Mit diesem Pelz bekleidet, kann der Eskimo quer durch die heftigsten
Sturzseen fahren, kann kentern und sich wieder aufrichten, ohne naß zu
werden oder auch nur einen einzigen Tropfen Wasser in seinen Kajak zu
bekommen.
Die zum Kajakfang nöthigen Geräthschaften habe ich bereits früher
erwähnt, ich will mich hier nicht weiter damit aufhalten, sondern nur
die Harpune nennen, die mit Riemen und Blase[61] die wichtigste Waffe
des grönländischen Fängers ist. Dieses äußerst sinnreiche Geräth zeugt
von einem hohen Grade von Erfindungsgeist und steht in der Beziehung
bedeutend über den meisten Geräthschaften, die man bei wilden oder
halbwilden Völkerstämmen antrifft. Die Harpune besteht aus einem
Schaft, dem Harpunenschaft, an dessen Vorderende eine 4-6 Zoll lange
Fischbeinspitze durch eine eigene Verbindung oder ein Glied derartig
befestigt ist, daß sie nach der Seite umgebogen werden kann. Diese
Fischbeinspitze paßt wie ein Zapfen in ein Loch an der Spitze der
Harpune selber; letztere ist an dem Fangriemen befestigt, der durch
ein kleines Stück Fischbein, in dem ein Loch angebracht ist, ein Stück
von der Mitte entfernt nach hinten zu mit dem Harpunenschaft verbunden
ist; an dem anderen Ende des Fangriemens ist die Blase angebracht. Die
Harpune wird, wie alle Waffen der Eskimos, mit Hülfe eines Wurfbrettes
geschleudert.[62]
Um ein tüchtiger Kajakruderer zu werden, muß man früh anfangen. Die
grönländischen Knaben versuchen sich oft schon im Alter von sechs und
acht Jahren mit dem Kajak ihres Vaters, und in einem Alter von zehn bis
zwölf Jahren giebt der tüchtige Fänger seinen Söhnen oft ein eigenes
Boot -- wenigstens war das früher die allgemeine Regel. Von der Zeit
an fahren sie immer in ihren Kajaks, im Anfang pflegen sie Fische zu
fangen, später beginnen sie auch mit dem schwierigen Seehundsfang.
Um ihren Arm und ihr Auge zu üben, giebt der vernünftige Grönländer
seinen Söhnen, noch während sie ganz jung sind, kleine Vogelpfeile und
Harpunen als Spielzeug, und hiermit kann man die 3-4jährigen angehenden
Fänger sich an Vögeln, an den Hühnern und Enten des Koloniedirektors
und allem üben sehen, was ihrer Jägerlust würdig ist und ihnen vor die
Augen kommt. Es ist natürlich von hoher Bedeutung für die grönländische
Bevölkerung, daß die Jugend zu tüchtigen Fängern erzogen wird, denn
darauf beruht ja die ganze Zukunft.
[Illustration: Ein „Kajakmann“ mit der Harpune nach einem Seehund
werfend.
(Von A. Bloch.)]
Die wichtigste Bedingung, um ein vollendeter Kajakruderer zu werden,
ist die Erwerbung der Kunst, sich wieder auf den rechten Kiel
aufrichten zu können, wenn man mit dem Kajak gekentert ist. Dies
geschieht dadurch, daß man das Ruder an dem einen Ende ergreift, es auf
die Seite des Kajak aufsteckt, so daß das andere Ende nach vorne zu auf
die Spitze zeigt, und es dann schnell nach der Seite[63] hin umdreht,
so nahe wie möglich dem Wasserspiegel, wobei man den Oberkörper fest
gegen den Kajak preßt und sich dann mit dem Ruder in die Höhe hebt;
kommt man nicht ganz in die Höhe, so ist noch ein Winkelzug mit dem
Ruder erforderlich. Ein wirklich tüchtiger Kajakruderer richtet sich
selbst ohne das Ruder vermittelst des Wurfbrettes oder auch ohne
dies, nur mit Zuhülfenahme des einen Armes auf. Dies ist von großer
Wichtigkeit, denn es kommt zuweilen vor, daß das Ruder beim Kentern
verloren geht. Derjenige, welcher in dieser Kunst nicht bewandert ist,
muß, falls Niemand in der Nähe sich befindet, um zu helfen in dem
Augenblick, in welchem er kentert, als verloren angesehen werden. Das
Kentern aber ist leicht genug möglich, eine einzige Sturzwelle oder das
Festhängen des Fangriemens in dem Augenblick, wo ein Seehund harpunirt
wird, kann ein solches Unglück veranlassen, oft genug geschieht es auch
bei stillem Wetter durch eine einzige unbedachtsame Bewegung.
Gar mancher Eskimo findet jahraus, jahrein seinen Tod auf diese Weise.
Als Beispiel mag hier angeführt werden, daß im Jahre 1888 von 162 in
Südgrönland vorgekommenen Todesfällen 24 durch Ertrinken in dem Kajak
verursacht waren, also 15%.
In früheren Zeiten verstand sich jeder tüchtige Kajakruderer an der
Westküste Grönlands auf diese Kunst, in den letzten Jahren aber, nach
Einführung der europäischen Civilisation und dem damit unvermeidlich
in Zusammenhang stehenden Verfall ist es auch damit zurückgegangen.
Es ist jedoch an manchen Stellen noch etwas ganz Gewöhnliches bei den
Fängern; so kann ich aus eigener Erfahrung anführen, daß bei Kangek (in
der Nähe von Godthaab) die meisten Fänger dieser Kunst mächtig waren.
An der Ostküste scheint es nach Kapitän +Holms+ Berichten etwas ganz
Gewöhnliches zu sein, daß man im stande ist, sich wieder aufzurichten,
obwohl es auch dort nicht mehr so allgemein ist, wie es früher an der
Westküste war. Hierüber kann man sich ja auch gar nicht wundern, da es
an der Westküste, wo nur wenig Treibeis und fast stets Seegang ist,
vielmehr Zweck hat.
Ein Kajakruderer, der die Kunst, sich aufzurichten, vollkommen besitzt,
kann jeglichem Wetter trotzen; wenn er umgeworfen wird, so richtet er
sich eben wieder auf.
Sehr oft wird gegen den Eskimo die Beschuldigung ausgesprochen, daß
er einen sehr feigen Charakter hat; dies hat seinen Grund theilweise
darin, daß Diejenigen, welche dies sagen, ihn hauptsächlich auf dem
Lande oder bei gutem Wetter auf der See gesehen haben, und da ist er
zu gutmüthig oder theilweise auch zu bequem, um Muth zu zeigen; oft
ist er auch wohl zu etwas aufgefordert worden, wozu er keine Lust oder
keinen Verstand hat. Ich persönlich hege eine ganz andere Auffassung.
Um zu entscheiden, ob ein Mensch groß ist, soll man ihn in seinem
Wirkungskreis sehen, man muß deswegen den Eskimo bei schlechtem Wetter
auf die See begleiten, ihn dort sehen, wo sein Beruf liegt, und man
wird gar bald eine andere Ansicht von ihm erhalten. Wie aus dem eben
Angeführten hervorgeht, führt der Kajakfang viele Gefahren mit sich,
aber trotzdem und obwohl möglicherweise Vater und Brüder in dem Kajak
umgekommen sind, geht der Eskimo tagaus tagein ruhig an seine Arbeit.
Ist das Wetter gar zu stürmisch, geht er nicht gern hinaus, denn er
weiß aus Erfahrung, daß in einem solchen Wetter Viele umkommen, ist er
aber erst einmal draußen, so bewahrt er die größte Seelenruhe und fährt
dahin, als sei es das Natürlichste von der Welt; es ist ein stolzer
Anblick, ihn gegen die hohen Wellen ankämpfen zu sehen, die ihn ganz
unter sich begraben, oder ihn wie einen Sturmvogel durch Wellen und
Unwetter hindurchfliegen zu sehen mit der gleichgültigsten Miene von
der Welt und einer ganz überlegenen Tüchtigkeit. Da ist er groß!
Oder man muß ihn in seinem kleinen Kajak sehen, wie er mit der ihm
angeborenen Ruhe die Klappmützen oder das Walroß angreift, das ihm
jeden Augenblick den Tod bringen kann, wenn seine Hand nicht sicher
ist. Dieser Anblick allein kann uns davon überzeugen, daß es ihm, wenn
es darauf ankommt, nicht an Muth fehlt.
Ich will ein paar Beispiele von der Widerstandsfähigkeit der Eskimos
anführen, wie von den Gefahren, die er tagtäglich zu bestehen hat, da
mir das eine gute Hülfe zu sein scheint, wenn man seinen Charakter
kennen lernen will.
Ein Kajakmann aus Tornait bei Fiskernaesst ging eines Tags im Februar
d. J. 1876 gen Norden in See. Als er an den Fangplatz kam, tauchte
vor ihm ein Seehund auf, er holte die Büchse aus dem Kajak, um zu
schießen, die Kugel prallte aber ab und ging ihm selbst durch den
Unterleib. Als er wieder zur Besinnung kam, stieg er auf ein Stück Eis
und legte sich flach darauf nieder, dann aber erhob sich ein starker
Nordwind, der die Wellen über die Eisscholle hinweg trieb, so daß er
sich gezwungen sah in den Kajak zurückzugehen und gen Süden zu rudern,
man muß sich aber -- so heißt es in dem Bericht -- über die Zähigkeit
des Mannes verwundern, der sich mit seiner schweren Verletzung auf die
See hinauswagte, man denke nur! er umschiffte die Inseln, erreichte die
Heimath, zog sein Kajak ans Land und stellte ein Merkmal auf, dann aber
sank er am Rande des Eises nieder, denn er vermochte nicht bis an die
Häuser zu gehen, die eine Strecke vom Landungsplatz entfernt lagen. Als
man ihn später fand und sein Kajak sah, konnte Niemand verstehen, daß
er noch lebte, nachdem er einen so starken Blutverlust erlitten hatte.
Als sie ihn hinaufgetragen hatten, glaubten sie, daß er die Nacht nicht
würde überleben können, doch starb er erst am dritten Tage darauf!
Sie sagten, er habe keine Angst vor dem Tode gehabt, sei aber gewesen
wie Einer, dem eine große Gnade widerfahren sei.
Ein andermal, ebenfalls im Februar, waren sechs Fänger von +Kangarmiut+
nach einem Walroß aus, und als sich ein Sturm erhob, zogen sie sich
mit dem Walroß im Schlepptau auf eine kleine Insel am äußersten Rande
des Meeres zurück. Diese Insel aber umtobte eine so heftige Brandung,
daß sie in ihren Kajaks nicht in die See hinausgehen konnten, ohne
zurückgeworfen zu werden. Da aber die Insel keinen Schutz gegen
den Sturm bot, fingen ihre dünnen und durchnäßten Kleider an zu
erstarren, nachdem sie die ganze Nacht hindurch auf der niedrigen Insel
zusammengekauert gesessen hatten. Da versuchten erst zwei von ihnen,
sich, in den Kajaks sitzend, in die Brandung hinauszustürzen, der
eine trieb kieloben weiter, richtete sich aber doch glücklich wieder
auf, und Beide kamen mit dem Leben davon. Bei diesem Wagestück waren
aber Diejenigen, welche ihnen behülflich gewesen waren, fast von der
See fortgerissen, so daß ihnen die Lust verging, denselben Versuch
zu wagen. Drei von ihnen setzten sich ruhig hin, der Vierte aber
entdeckte eine Höhlung in dem felsigen Ufer, die eine Rinne bildete,
gerade groß genug, um ein Kajak hindurchgleiten zu lassen. Allerdings
endete sie mit einem Abgrund über dem Meere, so daß der Kajakmann
kopfüber ins Wasser fallen mußte, doch glaubte er bei Hochwasser das
Wagestück unternehmen zu können. Als nun die Andern diese Stelle
sahen, erschraken sie anfänglich sehr, aber sie dachten: wenn wir noch
eine Nacht hier bleiben, so erfrieren wir, und ob wir nun auf der See
oder dem Land umkommen, das bleibt sich ja im Grunde einerlei. Sie
versuchten die gefährliche Rutschbahn und gelangten glücklich nach
Hause.
Ein Kajakmann aus Kornok hat mir erzählt, wie er in Gemeinschaft mit
seinem Bruder und einem andern Begleiter von einem Sturm in der Bucht
von Godthaab überfallen wurde und Zuflucht auf dem Lande suchte. Hier
war indessen der Rand des Eises so hoch und steil, daß sie nicht landen
konnten, aber sie wurden von der See förmlich hinauf geschleudert.[64]
Als er sich ein wenig besonnen hatte und den Bruder noch am Leben
fand, befreite er ihn von seinem Kajak und versuchte eine Häuserruine
zu erreichen, um Schutz vor dem Sturm zu finden, der ihre Glieder in
den nassen Kleidern zu erstarren drohte. Den Bruder bald tragend, bald
leitend, erreichte er die Ruine und grub ein Loch in den Schnee für
ihn und seinen Begleiter. Aber während er ein wenig Stroh sammelte,
das aus dem Schnee hervorguckte, merkte er erst, daß sein Begleiter,
der weniger gut gekleidet war als er, schwächer und schwächer wurde
und schließlich seinen Geist aufgab. Bald begannen auch die Arme
des Bruders zu erstarren, der heftige Schneesturm machte alle seine
Anstrengungen zu Schanden. Als er nun den hoffnungslosen Zustand seines
Bruders erkannte, redete er zu ihm von einem Leben nach dem Tode, bis
er merkte, daß er nichts mehr hörte. Da ergriff mich, so erzählte er,
eine Angst und ein Beben, und während ich ihn anstarrte, wandte er sich
nach mir um, lächelte mir zu und hauchte seinen letzten Seufzer aus.[65]
Ich will noch ein Beispiel anführen, das sich in Sukkertoppen im
Frühling des Jahres 1889 zutrug und das mir von den Grönländern, als
wir bald nachher dort hinkamen, mitgetheilt wurde. Eines Tages waren
drei Fänger zur See gegangen, um Seehunde zu fangen, sie wurden von
einem Unwetter überrascht und mußten den Heimweg antreten, indessen
kenterte der Eine von ihnen und konnte sich nicht wieder aufrichten;
da eilten die beiden Anderen herbei, um ihm zu helfen; aber bei
der erregten See, die über sie hereinbrach, war dies nicht leicht,
und bei dem Versuch gerieth der Gekenterte aus dem Kajak, der sich
selbstverständlich sofort mit Wasser füllte. Jetzt verschlimmerte sich
ihre Lage. Sie versuchten jedoch ihn über Wasser zu halten, während sie
sein Kajak zwischen sich nahmen und sich bemühten, ihn von Wasser zu
entleeren, um ihn dann wieder hinein zu praktiziren. Dies war indessen
eine schwierige Sache, wieder und wieder schlugen die Wellen über sie
hin und füllten den Kajak, sobald er leer war. Bei diesen Versuchen
kenterte auch der zweite Kajakmann und konnte sich nur mit Mühe und
Noth wieder aufrichten; sie wandten sich nun dem zuerst Gekenterten
wieder zu, aber ihre Kräfte begannen zu schwinden und die See war zu
erregt, sie konnten ihn nicht retten und mußten sich allein nach Hause
begeben.
Ich könnte lange damit fortfahren, ähnliche Erlebnisse von diesem Volk
zu erzählen, das feige und erbärmlich genannt wird und auf das so viele
Europäer mit Verachtung herabsehen. Es ist ganz an der Tagesordnung,
daß der Beruf des Eskimo Leiden und Gefahren mit sich bringt, und doch
giebt er sich ihm mit Lust und Liebe hin.
Die grönländischen Eskimos bringen den größten Theil ihrer Zeit in
ihren Kajaks zu; wenn der Morgen graut, ziehen sie aus, um erst spät
am Tage mit ihrem Fang heimzukehren. Die Frauen dagegen halten sich zu
Hause und besorgen ihre Wirthschaft.
Im Winter wohnen die Eskimos in festen Häusern, die aus Stein und
Torf gebaut sind, und deren Fußboden oft niedriger liegt als die
Erdoberfläche. Diese Häuser haben nur einen Raum, in dem sich die ganze
Familie aufhält, oft bewohnen auch mehrere Familien ein solches Haus,
-- Männer und Frauen, Alte und Junge, alles bunt durcheinander.
[Illustration: Eine Eskimo-Wohnung im Winter.
(Vom Verfasser gezeichnet nach einer in Sukkertoppen aufgenommenen
Photographie.)]
Dieser Raum ist in der Regel so niedrig, daß man nur zur Noth aufrecht
darin stehen kann, und hat eine länglich viereckige Form. An der ganzen
Hinterwand entlang läuft die Hauptpritsche, die 5-6 Fuß tief ist, und
auf der die Bewohner des Hauses schlafen, d. h. größtentheils nur die
Verheiratheten sowie die unverheiratheten Töchter; hier liegen sie
Seite an Seite nebeneinander, mit den Beinen nach der Wand zu und den
Köpfen nach dem Zimmer hinein, die unverheiratheten Männer pflegen
auf kleineren Pritschen unter den Fenstern zu liegen, die sich an der
entgegengesetzten Wand befinden und deren es eine, in wohlhabenden
Häusern zwei, selten jedoch mehr giebt. An den Seitenwänden -- den
Kurzwänden -- befinden sich in der Regel gleichfalls Pritschen; hier
wie auf den Pritschen unter den Fenstern, falls dort Platz ist, pflegen
die Gäste zu schlafen. Wohnen mehrere Familien in demselben Hause, was
ziemlich allgemein ist, so ist die Hauptpritsche durch ganz niedrige
Querwände in verschiedene Stände für je eine Familie getheilt.
In den alten grönländischen Häusern gab es keine Feuerherde, man
erwärmte die Häuser durch Thranlampen, die Tag und Nacht brannten --
ein Eskimo schläft nur im äußersten Nothfall im Dunkeln -- und die
gleichzeitig zum Kochen benutzt wurden, was in dem gemeinsamen Raum
geschah. So ist es noch heute an der Ostküste, auch an der Westküste
werden die Häuser in der Regel noch jetzt ausschließlich durch
Thranlampen[66] erwärmt, das Essen aber wird jetzt doch gewöhnlich mit
Torf oder Mövenhaufen auf eigenen Herden gekocht, die neben dem Hause
errichtet sind (als Seitentheil des unten beschriebenen Hausganges).
Früher benutzte man Kochtöpfe aus Stein, an der Westküste sind an
deren Stelle jedoch auch eiserne Töpfe getreten, die man von der
grönländischen Handelscompagnie kaufen kann.
Ein langer, enger Gang, der noch niedriger liegt als das Haus, und in
den man von der Erdoberfläche vermittelst eines Loches zu gelangen
pflegt, führt in das Haus. Er pflegt so eng und so niedrig zu sein,
daß man nur kriechend hindurchgelangen kann, und wenn man groß ist, so
kostet es Mühe, überhaupt in die Häuser zu kommen. Der Zweck dieser
Gänge ist es, den Zutritt der kalten und das Entweichen der warmen Luft
zu verhindern, deswegen sind sie auch so eng und liegen so tief.
Früher verließen die Grönländer, sobald der Sommer kam, ihre
räucherigen Häuser, deren Dächer zum besseren Auslüften aufgerissen zu
werden pflegten, und streiften den ganzen Sommer mit ihren Zelten von
dem einen Fangplatz bis zum andern, einen Monat (im Juli oder August)
verweilten sie dort, wo sich Rennthiere fanden, und diese Jagdzeit
pflegte die schönste Zeit des Jahres für sie zu sein mit Rennthiertalg
und Mägen.[67] Dies Sommerleben in den Zelten ist auch nebenbei sehr
gesund für die Grönländer. Leider ist es infolge der in letzter Zeit
eingetretenen Veränderungen an der Westküste nicht mehr so allgemein,
denn die Zahl der Fänger, die im stande sind, genügend Felle für die
Zelte und Frauenböte zu schaffen, ist sehr im Abnehmen begriffen --
beides ist aber selbstverständlich für diese Reisen ganz unentbehrlich.
Statt dessen sind sie jetzt gezwungen, das ganze Jahr in den engen,
dumpfen Winterhäusern zu verbringen. Der Rückschritt in dieser
Beziehung ist in den letzten Jahren ganz beunruhigend gewesen.
~C.~ Das bürgerliche Leben in Grönland. Eigenthumsbegriffe.
Gefälligkeit. Gastfreundschaft.
Es ist keineswegs eine leichte Aufgabe, eine Schilderung von der
westgrönländischen Bevölkerung und ihrer jetzigen socialen Einrichtung
zu machen, denn infolge des Einflusses der Europäer wie ihres vielfach
direkten Eingreifens während der letzten 150 Jahre sind die alten
bürgerlichen Verhältnisse theilweise in Verfall gerathen.
Ursprünglich herrschte dort ein sehr geregeltes bürgerliches Leben,
mit bestimmten Sitten und Vorschriften für alles Dahingehörige, und
diese umging man selten oder niemals, denn die Bevölkerung bestand aus
guten, friedlichen Menschen, die einander ungern Verdruß bereiteten.
Dann kamen die Europäer ins Land. Ohne das Volk zu kennen, gingen sie
selbstverständlich von der Annahme aus, daß es von Grund auf einer
Reform bedürfe und griffen so störend in seine bürgerliche Ordnung ein.
Sie suchten ihm ein ganz neues Gepräge aufzuzwingen, gaben ihm eine
neue Religion, untergruben die Achtung vor den alten Sitten, ohne ihnen
statt dessen neue zu geben. Kurz, die Europäer machten es in Grönland
genau so, wie sie es überall zu machen pflegen, wo sie im Namen der
christlichen Religion auftreten, um „die wilden, unmündigen Völker der
Segnungen der ewigen Wahrheit theilhaftig zu machen“.
Anfänglich lauschten die Eskimos den fremden Menschen ganz verwundert.
Sie waren sehr zufrieden mit sich selber und dem ganzen Dasein
gewesen, hatten keine Ahnung davon, daß das Leben und die Menschen so
elend seien und verstanden nicht, wie eine Religion so grausam sein
könne, daß sie die Menschen zum ewigen Höllenfeuer verdammen ließ.
„Die Erbsünde konnten sie wohl als etwas ganz Allgemeines bei den
Kavdlunakkern (Europäern) anerkennen, denn daß diese zum größten Theil
schlecht waren, das sahen sie wohl,[68] da aber die Kalatlit (Eskimo)
gute Menschen waren, so mußten sie ohne Frage in den Himmel kommen.“
Und sie lachten die dummen Europäer aus, die nichts von ihrem Fang
oder alledem verstanden, was das Wichtigste im Leben ist.
Durch die Macht, welche eine höhere Kultur verleiht, siegten diese
jedoch bald und haben im Laufe der Zeiten das westgrönländische
bürgerliche Leben zu einer unsicheren Mischung von ursprünglich
eskimoischen und europäischen Sitten gemacht.
Viele wesentliche Züge von dem ursprünglich eskimoischen Leben haben
sich jedoch erhalten, und mich hauptsächlich an diese haltend, will ich
es versuchen, eine Schilderung von der Einrichtung des bürgerlichen
Lebens zu geben.
Wie bei allen Jagdvölkern ist bei den Grönländern der Eigenthumsbegriff
sehr beschränkt, wenn man aber glaubt, daß ein solcher Begriff gar
nicht bei ihnen vorhanden ist, so irrt man.
In Bezug auf die meisten Sachen herrscht eine gewisse
Gütergemeinschaft, die sich aber stets auf weitere oder engere
Kreise, je nach der Natur des Gegenstandes, beschränkt. Der engste
Kreis ist die Familie, dann kommen die Hausgenossen und die nächsten
Verwandten und endlich alle am Orte ansässigen Familien. Als
strengstes Privateigenthum werden die Kajaks, die Kajakkleidung und
die Fanggeräthschaften betrachtet. Diese Gegenstände gehören dem
Fänger allein, und Niemand darf sie anrühren, denn durch sie erhält er
sich und seine Familie, und er muß natürlich immer sicher sein, sie
dort finden zu können, wohin er sie gelegt. Er verleiht sie nur sehr
selten. In früheren Zeiten hielten sich gute Fänger gewöhnlich zwei
Kajaks, dies ist jetzt nur noch selten der Fall. Etwas, was man auch
zu den Fanggeräthschaften rechnen kann, sind die Schneeschuhe, da diese
jedoch erst durch die Europäer eingeführt worden sind, gilt ihnen das
Eigenthumsrecht nicht in so hohem Grade, und während ein Eskimo niemals
die Fanggeräthschaften eines Andern anrührt, besinnt er sich nicht, die
Ski Anderer zu benutzen, ohne vorher um Erlaubniß zu fragen. Die Flinte
und die Hagelbüchse scheinen ebenfalls nicht in den Begriff strengen
Privateigenthums mit aufgenommen zu sein.
Nach den Fanggeräthschaften und den privaten Kleidungsstücken kommen
andere, im Hause verwendete Geräthschaften, z. B. Messer, Aexte,
Sägen, Nähutensilien, Fellmesser u. s. w. Diese darf man zur Noth als
Privateigenthum betrachten, für mehrere derselben macht sich jedoch oft
eine weitbegrenzte Gütergemeinschaft geltend.
Anderes Hausgeräth ist Gemeingut der Familie oder doch der
Hausgenossen. Das Frauenboot gehört dem Hausvater, Nekor, oder seiner
Familie, ebenso das Zelt, wenn eins vorhanden ist. Auch das Haus
gehört der Familie, und falls mehrere zusammenwohnen, was ursprünglich
allgemein Sitte war, so ist es gemeinsames Eigenthum derselben.
Einen Grundbesitz kennen die Eskimos nicht, doch scheint die Regel zu
herrschen, daß sich Niemand dort, wo Leute wohnen, ein Zelt aufschlagen
oder eine Hütte erbauen darf, ohne deren Zustimmung einzuholen.
Als Beispiel ihrer Rücksichtnahme aufeinander in dieser Beziehung kann
ein Zug angeführt werden, der vor über hundert Jahren von dem früher
erwähnten +Dalager+ beschrieben worden ist.
„Im Sommer, wenn sie ihre Zelte und Bagage mitnehmen und sich an
einem Orte niederzulassen gedenken, wo sich bereits andere Grönländer
aufhalten, rudern sie sehr langsam dem Ufer zu; haben sie es auf
Schußweite erreicht, halten sie still, ohne etwas zu sagen. Schweigen
die Leute am Ufer ebenfalls still, so glauben die Ankömmlinge, daß sie
nicht gern gesehen werden und rudern deswegen so schnell sie können
fort, um einen öden Fleck aufzusuchen. Wenn man aber am Lande, was
gewöhnlich der Fall ist, ihnen Komplimente zuruft wie: „Seht hier! Hier
sind gute Zeltplätze, gutes Lager für eure Frauenböte, kommt und ruht
euch von den Beschwerden des Tages aus,“ -- so rudern sie nach kurzer
Berathschlagung auf das Ufer zu, wo man bereit ist, sie zu empfangen
und ihnen beim Heraufschaffen der Bagage behülflich zu sein. Wenn sie
aber wieder von dannen ziehen, so helfen sie ihnen nur dabei, das
Frauenboot in die See zu schaffen, die übrige Arbeit überlassen sie
ihnen allein, nur falls der Davonziehende ein besonders guter Freund
ist, wird er mit denselben Ehrenbezeugungen entlassen, wie die, mit
denen er empfangen wurde. Die Abschiedsworte lauten: „Euer Scheiden
wird bei uns eine stille Erinnerung hervorrufen.“[69]
Ein Anklang an das Eigenthumsrecht scheint auch darin zu liegen, daß es
dort, wo sie in lachsreichen Strömen Dämme gebaut haben, um die Fische
zu sammeln, nicht gern gesehen wird, wenn Fremde kommen und ihre Dämme
verändern oder Netze innerhalb derselben auswerfen, wie es die Europäer
häufig in früheren Zeiten gethan haben. (Ebenfalls von +Dalager+
erwähnt.)
+Treibholz+ gehört Demjenigen, der es zuerst in der See treiben fand,
gleichviel wo. Um sein Recht zu wahren, ist der Finder verpflichtet,
es ans Land zu bugsiren und es bis an das Hochwassermerkzeichen zu
wälzen. Vor diesem Eigenthum hat der Eskimo einen großen Respekt, und
Derjenige, welcher Treibholz anrührt, das über das Hochwasserzeichen an
den Strand geschafft ist, wird als Schurke betrachtet.
Gegen diese Regel haben sich nun freilich die Europäer bis in die
jüngste Zeit mit oder ohne ihr Wissen versündigt (vgl. +Dalager+,
Seite 23-24). Als Beweis für die Ehrlichkeit des Eskimos mag angeführt
werden, daß Jeder, der Treibholz auf den Strand hinauf geschafft hat,
falls nicht Europäer dort gewesen sind, sicher sein kann, es jeder
Zeit, ja selbst noch nach Jahren wieder zu finden.
Zur Beleuchtung ihrer Auffassung in betreff des durch Handel und Tausch
erworbenen Eigenthumsrechts will ich hier anführen, was +Dalager+
darüber erwähnt: „Leiht ein Mann einem Anderen etwas, als da sind Böte,
Pfeile, Angelschnüre oder irgend welche andere Seegeräthschaften und
kommt selbiges zu Schaden, entweder dadurch, daß der Seehund oder das
Thier mit dem Pfeil fortläuft oder der Fisch die Schnur zerreißt, oder
auch daß der Fisch oder Seehund dem Boot einen Schaden zufügt, so geht
dies alles auf Kosten des Besitzers, und der Leihende hat nichts dafür
zu erstatten. Entleiht Jemand ohne das Wissen des Besitzers Pfeile
oder Geräthschaften und kommt selbiges zu Schaden, so ist der Leihende
verpflichtet, dem Besitzer einen Schadenersatz zu geben. Dies geschieht
jedoch nur sehr selten, ein Grönländer muß auch schon sehr bedürftig
sein, ehe er einen Anderen bittet, ihm etwas zu leihen, aus Furcht, daß
selbiges zu Schaden kommen könne.“
„Kauft Jemand von einem Anderen kostbare Dinge wie Böte oder Flinten
und ist der Käufer nicht im stande, den Verkäufer zu kontentiren
für die geforderte Bezahlung, so wird ihm Kredit gegeben, bis er es
prästiren kann. Stirbt aber der Debitor vorher, so macht der Kreditor
seine Ansprüche niemals geltend. Dies ist -- fügt +Dalager+ hinzu --
ein sehr nachtheiliger Artikel für die Kaufleute der Kolonie, die stets
Kredit geben müssen, ich selber habe das in diesem Jahre mehrmals
empfunden, da mehrere meiner Debitoren entschlafen sind und mich
dadurch in ein ziemliches Labyrinth versetzt haben“.
Mehr als das oben Erwähnte[70] kann ein Grönländer infolge der
ursprünglich dort herrschenden Sitte nicht wohl besitzen.
Selbst wenn er Sinn dafür hätte, sich Reichthümer zu sammeln, was
jedoch nur sehr selten der Fall ist, würden seine Genossen Ansprüche
auf sein überflüssiges Eigenthum machen können. So entsteht denn in
Grönland das natürliche Mißverhältniß, daß die ins Land gezogenen
Europäer, die von den Eingeborenen leben, sich Reichthum sammeln und
im Ueberfluß leben können, während die Eingeborenen selber es nicht
können, selbst wenn sie es wollten.
Nicht einmal über seinen Fang hat der Grönländer freie Verfügung.
Es giebt aus alten Zeiten herstammende Regeln, wonach derselbe
vertheilt wird, und nur ganz einzelne Thierarten darf er einigermaßen
für sich und seine Familie behalten. Hierzu gehört der Atak (~Phoca
grönlandica~) aber auch hiervon muß er jedem der Kajakmänner, die
gleich nach dem Fang herbeikommen, ein Stück Speck geben, ebenso
erhält jedes Kind des Wohnortes, sobald es nach Hause gekommen ist,
ein kleines Stück Speck. Für andere Seehundsarten giebt es bestimmte
Regeln, nach denen das ganze gefangene Thier unter die beim Fang
Anwesenden oder doch unter die verschiedenen Häuser des Wohnortes
vertheilt wird. Das letztere ist besonders bei Walrossen und bei
verschiedenen Walarten der Fall, wie z. B. beim Delphin, von dem der
Fänger nur einen verhältnißmäßig kleinen Theil erhält, selbst wenn er
ihn ganz allein gefangen hat. Werden größere Wale an Land gebracht, so
soll es ein ganz unheimlicher Anblick sein, alle Bewohner des Ortes mit
Messern bewaffnet über das Thier herstürzen zu sehen, während es noch
im Wasser ist, um Jeder sein Theil zu ergattern.[71]
Nicht allein für die größeren Thiere gelten solche Regeln, sondern auch
für einzelne Fische ist dies der Fall. Wird z. B. eine Hellflunder
gefangen, so ist es die Pflicht des Fängers, den anderen Kajakmännern,
die auf dem Fangplatz liegen, jedem ein Stück von der Haut zu geben,
die als großer Leckerbissen gilt. Außerdem theilt er, wenn er nach
Hause kommt, den Hausgenossen und Nachbarn von seinem Fange mit.
Aus dem hier Angeführten wird zu ersehen sein, daß die Gesetze darauf
ausgehen, den Fang, soweit es möglich ist, dem ganzen Wohnort zu gute
kommen zu lassen, so daß die einzelnen Familien nicht ganz davon
abhängig zu sein brauchen, daß ihre Fänger jeden Tag etwas fangen.
Diese Gesetze haben sich auf Grundlage einer langen Erfahrung begründet
und durch die Gewohnheit vieler Jahrhunderte eingebürgert.
Selbst wenn ein Fänger den eben angeführten Gesetzen Genüge gethan hat,
so kann er doch nicht immer den ihm gesetzmäßig zukommenden Theil
seines eigenen Fanges unangefochten behalten. Fängt er z. B. in einer
Zeit, wo Mangel und Hungersnoth herrscht, da ist es seine Pflicht,
entweder ein Gastmahl zu veranstalten oder den anderen Häusern, deren
Bewohner möglicherweise lange kein frisches Fleisch gesehen haben, vom
Fang mitzutheilen.
Hat ein guter Fang stattgefunden, so werden Festmahlzeiten abgehalten,
und man ißt, so lange man kann. Wird nicht alles aufgegessen und ist
auch in den anderen Häusern genug, so wird das übrige als Wintervorrath
aufbewahrt, herrscht aber Hungersnoth, so kann man sicher sein, daß
alle Diejenigen, die keine Vorräthe mehr haben, sich bei Denjenigen
einfinden, die noch mit Lebensmitteln versehen sind, und da ist es denn
die Pflicht dieser zu helfen, so lange sie etwas haben, nachher hungern
sie gemeinsam und zuweilen verhungern sie auch. Daß Einige im Ueberfluß
leben, während Andere Noth leiden, wie es in den europäischen Ländern
an der Tagesordnung ist, das ist etwas ganz Unerhörtes in Grönland,
natürlich abgesehen von den dort wohnenden Europäern, die mit der ihnen
eigenen Fürsorglichkeit oft im Ueberfluß sitzen, während die Grönländer
Hunger leiden. Bei den Grönländern untereinander würde dies ganz
unerlaubt sein.
Die Grönländer sind überhaupt der Noth Anderer gegenüber die
mitleidsvollsten Seelen von der Welt. +Ihr erstes Gesetz ist, Anderen
zu helfen.+ Auf diesem Gesetz wie auf dem festen Zusammenhalten im
Guten wie im Bösen beruhen alle die kleinen grönländischen Existenzen.
Ein hartes Leben hat ihn gelehrt, daß, selbst wenn er ein tüchtiger
Mensch ist und sich in der Regel selber helfen kann, doch Zeiten kommen
können, wo er ohne die Hülfe seiner Mitmenschen unterliegen würde,
deswegen ist es am besten, stets hülfbereit zu sein. „Was ihr wollt,
daß Andere euch thun, das thut auch ihr ihnen,“ diese Lehre, eine der
vornehmsten und wichtigsten des Christenthums, hat die Natur selber
den Grönländer gelehrt, und er führt sie wirklich im Leben aus, was
kaum immer von den Christen gesagt werden kann. Zu beklagen ist es,
daß diese Lehre ihre Kraft auch hier in dem Maße zu verlieren scheint,
in dem die grönländische Gemeinde von der Civilisation beeinflußt
wird. Doch ist der Trieb, ihren Nebenmenschen zu helfen, so mit dem
Charakter dieser Naturkinder verwachsen, daß ich fest überzeugt bin,
sie würden selbst einem Europäer, der einem Grönländer seinen Beistand
verweigerte, ihre Hülfe nicht versagen, wenn er in Noth käme.
Ebenso wie diese aufopfernde Nächstenliebe ist auch die
Gastfreundschaft gegen Fremde ein wichtiges Gesetz in Grönland. Der
Reisende kehrt in die erste, beste Hütte ein, zu der er kommt, und
bleibt dort, so lange es nöthig ist. Man nimmt ihn freundlich auf und
bewirthet ihn nach besten Kräften, selbst wenn er ein Feind ist. Wenn
er fortzieht, giebt man ihm sehr häufig noch Speisen mit. Ich habe
Kajakmänner mit Hellbuttfleisch beladen von den Häusern fortziehen
sehen, wo sie des Sturmes wegen hatten einkehren müssen. Es ist
unmöglich, eine Bezahlung für den Aufenthalt zu entrichten. Selbst
ein Europäer, der sich auf der Reise befindet, wird überall gastfrei
empfangen, obwohl der Grönländer gar nicht auf den Gedanken kommen
würde, dieselbe Anforderung an ihn zu stellen, wenn er auf der Reise
an sein Haus kommen sollte. Die Europäer geben jedoch häufig eine
Art Vergütung, indem sie Kaffee und dergl. bei sich haben, womit sie
ihre Wirthe traktiren und worauf die Grönländer großes Gewicht legen.
Deswegen sind die Europäer als Gäste gerne gesehen, wenigstens so lange
sie traktiren können.
Kapitän +Holm+ erzählt mehrere merkwürdige Beispiele, welche beweisen,
daß die Gastfreundschaft auch an der Ostküste Grönlands als Pflicht
betrachtet wird. Ich erinnere an seine Erzählung von dem Mörder
+Maratuk+, der seinen Stiefvater ermordet hatte, und der ein schlechter
Mensch war, mit dem Niemand zu schaffen haben wollte. Trotzdem wurde er
doch, wenn er zu den nächsten Angehörigen des Ermordeten kam, gastlich
aufgenommen und lange unterhalten, sobald er aber abgereist war, sprach
man schlecht von ihm.
Zur Gastfreiheit zwingen den Grönländer selbstverständlich auch die
harten Naturverhältnisse, denn er wird häufig fern von der Heimath von
einem Unwetter überfallen und gezwungen, in dem nächstgelegenen Hause
Zuflucht zu suchen.
Leider scheint die Gastfreiheit in den letzten Jahren an der Westküste
in der Abnahme begriffen zu sein. Die Europäer geben den Ton darin an.
Es soll sogar vorgekommen sein, daß sie die genossene Gastfreundschaft
geradezu bezahlt haben, und daß so etwas demoralisirend wirkt, liegt
klar auf der Hand.
~D.~ Mahlzeiten. Speisen. Genußmittel.
Der Grönländer hält keine bestimmten Mahlzeiten inne, sondern ißt,
wenn er hungrig ist und Speisen hat. Die Fänger essen in der Regel
des Morgens, ehe sie in ihre Kajaks gehen, nichts. In früheren Zeiten
tranken sie nur ein wenig Wasser, jetzt nehmen sie eine oder zwei
Tassen Kaffee zu sich. Sie behaupten, daß sie dann leichter in den
Kajaks sitzen. Mit diesem kärglichen Imbiß können sie es dann den
ganzen Tag aushalten. Fangen sie etwas, so nehmen sie gerne ein Stück
Seehundsspeck zu sich. Sie besitzen eine ganz merkwürdige Fähigkeit zu
hungern, können dafür aber auch ganz erstaunliche Mengen auf einmal zu
sich nehmen.
[Illustration: Mahlzeit in einer Eskimo-Hütte.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)]
Die Speisen werden gewöhnlich in einer Schüssel mitten auf den
Fußboden gesetzt, dann nehmen Alle ringsumher auf den Pritschen Platz
und langen nach besten Kräften mit den Fingern zu. Die Schalen auf
eine Kiste oder dergleichen zu setzen, -- Tische haben sie nicht --,
wie wir es thun würden, das fällt ihnen nur selten ein. Es scheint
fast, als wenn sie eine gewisse Vorliebe für das Bücken haben. Die
Erzählung einer jungen Frau, die nach Grönland gekommen war, giebt
uns ein Beispiel davon. Sie hatte mehrere Grönländerinnen zu einer
Wäsche im Hause. Als sie in die Waschküche hinaus kam, sah sie sie über
den Zuber, der auf der Erde stand, gebeugt dastehen, und da sie dies
natürlich sehr beschwerlich fand, gab sie ihnen einige Bänkchen, auf
die sie den Zuber stellen sollten. Eine Weile darauf kam sie abermals
herein, war aber nicht wenig erstaunt, als sie den Zuber noch immer
auf demselben Fleck vorfand, während die Grönländerinnen nun auf den
Bänkchen standen und wuschen. ~Si non e vero, e ben trovato!~
Die Zubereitung der Speisen des Eskimos ist ziemlich einfach, auch
kennen sie nur wenige Abwechselungen in ihren Speisen. Fleisch und
Fisch wird theils in rohem, theils in gefrorenem Zustand gegessen,
und zwar ist dies das Gewöhnlichste, theils wird es gekocht und
theils läßt man das Fleisch eine Art Fäulnißprozeß durchmachen,
ehe es gegessen wird. Ein außerordentlich beliebtes Gericht ist
verfaulter Seehundskopf. Der Speck des Seehundes und des Walfisches
wird nicht gekocht, sondern roh gegessen. Die Annahme, daß die Eskimos
geschmolzenen Thran trinken, ist völlig aus der Luft gegriffen. Die
ursprünglichen Grönländer aßen allerlei Pflanzen, wie Engelwurz
(Angelika), Cichorie, Sauergras, Krähenbeeren, Bickbeeren und
verschiedene Tangarten. Eine ihrer größten Delikatessen ist der Inhalt
der Rennthiermägen. Dies liegt ohne Zweifel hauptsächlich darin, daß
sie ein so großes Verlangen nach vegetabilischer Nahrung haben, denn
der Inhalt dieser Rennthiermägen besteht ja ausschließlich aus Moos
und anderen Pflanzenstoffen, die das Rennthier gefressen hat, und die
nur eine kleine Veränderung durchgemacht haben infolge ihrer Mischung
mit dem Magensaft; ein wenig säuerlich schmeckt das Gericht freilich.
Der Inhalt eines Rennthiermagens mit Krähenbeeren und Speck zusammen
gekocht, ist ein Leibgericht des Eskimos. Von anderen Leckerbissen will
ich noch die Haut (+Matak+) der verschiedenen Walfischarten nennen. Sie
wird zusammen mit der obersten Speckschicht abgezogen und roh verzehrt,
besonders die Delphin-Matak gilt als höchst delikat. Ich stimme
vollständig mit den Eskimos in der Vorliebe für dies Gericht ein, das
wie eine Mischung von Nußkernen und Austern schmeckt. Die meisten in
Grönland ansässigen Europäer mögen diese Matak gerne, doch kochen sie
sie in der Regel, wodurch sie meiner Ansicht nach sehr verliert.
Fleisch, das nicht fett ist, findet der Grönländer weniger
wohlschmeckend, deswegen zieht er die Wasservögel den Schneehühnern
vor, obwohl diese in großen Mengen vorkommen. Die Eingeweide werden
allerdings mit dem größten Appetit verzehrt, die Schneehühner selber
aber pflegen sie an die Europäer zu verkaufen.
Es geschah einmal in einer der Kolonien Südgrönlands, daß ein Pfarrer,
der gerade erst ins Land gekommen war, einige Grönländer zu einem
Gastmahl einlud und seine Gattin die Gäste mit dem Besten, was sie
hatte, traktirte, nämlich mit gebratenen Schneehühnern. Die Grönländer
nahmen aber nur sehr wenig zu sich, die Frau des Pfarrers nöthigte
sie und fragte, ob sie denn keine Schneehühner möchten. „Ja, gegessen
würden sie schon, aber nur im Falle großer Hungersnoth,“ lautete die
Antwort.
Von europäischen Waren ist es hauptsächlich der Kaffee, dem die
Grönländer verfallen sind. Das Kaffeetrinken ist an der Westküste
Grönlands fast bis zum Laster ausgeartet, -- Branntwein können sie
glücklicherweise nicht kaufen. Sie machen sehr starken Kaffee und
trinken selten weniger als zwei gute Tassen auf einmal. In der
Regel trinken sie 4-5 mal des Tages Kaffee, „er schmeckt so gut und
erheitert,“ sagen sie. Ueber den schädlichen Einfluß sind sie sich
jedoch völlig klar, deswegen erhalten junge Männer nur wenig oder gar
keinen Kaffee, damit sie gute Fänger werden. Der Schwindel, an dem die
Fänger häufig leiden, und der schuld daran ist, daß sie sich nicht
grade in dem Kajak halten können, soll ihrer Meinung nach einzig und
allein von dem Genuß des Kaffees herrühren. Diese Erfahrung stimmt
auffallend mit den neueren physiologischen Untersuchungen überein,
durch welche festgestellt worden ist, daß die gefährlichsten Gifte
des Kaffees, das Kaffeïn etc., gerade den Theil des Nervensystems
angreifen, der das Gleichgewicht berührt.
Nächst dem Kaffee schätzen sie Tabak und Brot am höchsten. Der
Tabak wird an der Westküste hauptsächlich geraucht und gekaut, das
Schnupfen ist die Leidenschaft der Ostgrönländer, doch wird es auch
von den Frauen an der Westküste viel gethan, und man kann häufig die
unangenehme Entdeckung machen, daß eine schöne, anziehende Grönländerin
eine Prise nimmt.
Der Kautabak wird gewöhnlich in hohen, dänischen Porzellanpfeifen
bereitet, indem man diese zur Hälfte voll Rauchtabak stopft, der mit
Wasser angefeuchtet wird, worauf man den übrigen Theil der Pfeife voll
trockenen Tabak stopft. Die Pfeife wird dann so weit geraucht, bis das
Feuer den nassen Tabak erreicht und von ihm gelöscht wird. Dann klopft
man die Asche aus, schüttet den Schmirgel, der aus dem Pfeifenrohr, dem
Schmirgelbehälter etc. zusammengekratzt werden kann, über die schon
tüchtig durchgezogenen Reste, und der Tabak ist fertig.
Der Verkauf von Branntwein an die Grönländer ist von der Regierung
verboten. Die in Grönland ansässigen Europäer haben dagegen die
Erlaubniß, sich Branntwein aus der Heimath zu verschreiben und den
Grönländern davon abzugeben. So kennen sie diesen Genuß also, und
es ist etwas ganz allgemeines, daß sie auf Bootsreisen und nach
jedem abgeschlossenen Geschäft etwas Branntwein erhalten. Frauen wie
Männer lieben ihn leidenschaftlich, nicht weil er gut schmeckt, wie
sie mir oft erzählten, sondern weil es eine so herrliche Empfindung
ist, betrunken zu sein, und betrunken waren sie denn auch bei jeder
Gelegenheit. Im Gegensatz zu den Frauen anderer Länder fanden die
Grönländerinnen in der Regel ihre Männer, wenn sie betrunken waren,
so besonders anziehend. Sie nennen den Branntwein +~silakrangitsok~+,
d. h. das, wodurch man den Verstand verliert.
~E.~ Die Stellung der Frauen. Die Ehe. Die Tugend. Die Geburt. Die
Kinder.
Die Stellung der Frau in Grönland muß im allgemeinen eine gute genannt
werden, jedenfalls ist sie nicht unterdrückt, obwohl sie als weit
unter dem Manne stehend angesehen wird. So will ein Grönländer sehr
gern Söhne, dagegen aber sehr ungern Töchter haben, und sowohl Vater
als Mutter sind in der Regel unzufrieden oder doch betrübt, wenn eine
Tochter geboren wird.
Es herrscht eine bestimmte Arbeitseintheilung. Der Mann hat sein
schweres Leben als Fänger und Familienversorger, wenn er aber ans
Land oder in sein Haus kommt, so ist seine Arbeit beendet, und der
Fang wird den Frauen überlassen. Sie empfangen den Fänger am Strande,
wenn er, seine Beute bugsirend, naht, helfen ihn ans Land ziehen, und
während er seinen Kajak und seine Waffen in Sicherheit bringt und sie
an ihren bestimmten Platz trägt, liegt es den Frauen allein ob, die
Beute ins Haus zu bringen. In früheren Zeiten war es unter der Würde
eines Fängers, bei dieser Arbeit zu helfen, und so ist das Verhältniß
auch noch heute im großen und ganzen geblieben. Die Frauen ziehen den
Seehunden die Haut ab und zerschneiden den Fang nach bestimmten Regeln,
während die Hausfrau der Vertheilung vorsteht. Außerdem ist es die
Aufgabe der Frau, Essen zu kochen, die Häute zuzubereiten, die Kajaks
und Frauenböte mit Fell zu beziehen, die Kleider der Männer zu nähen
und alle häuslichen Arbeiten zu verrichten. Sie müssen auch die Häuser
bauen, Zelte aufschlagen und die Frauenböte rudern (daher der Name),
wenn sich die Familie auf der Reise befindet. Früher wenigstens war es
unter der Würde eines Fängers, ein Frauenboot zu rudern, dagegen war
es das Amt des Hausvaters, es zu steuern. Jetzt kommt es allerdings
häufig vor, daß ein Eskimo im Boote sitzt und rudert, besonders, wenn
dieses von Europäern zu ihren Reisen +gemiethet+ ist. Es macht keinen
guten Eindruck, sie so zu sehen, statt in ihren stolzen Kajaks, welche
ihre eigentliche Lebensbedingung sind und bleiben, weshalb sie keine
Gelegenheit unbenutzt lassen sollten, sich in ihrer Handhabung zu
üben. Ein Großfänger hält sich auch noch heute für zu gut, um in einem
Frauenboot zu sitzen, es sei denn als Steuermann.
Daheim in den Häusern wird man die Frauen in der Regel fleißig mit
irgend einer Arbeit beschäftigt sehen, während die Männer nichts thun
als essen, faulenzen, einander Geschichten erzählen und schlafen.
Nehmen sie etwas anderes vor, so beschäftigen sie sich höchstens mit
ihren Waffen, verzieren sie mit Knochenschnitzereien oder bessern sie
aus, wenn es nöthig ist.
Wenn die Familien auf die Rennthierjagd ziehen, so schießen natürlich
die Männer die Rennthiere, während es den Frauen obliegt, das erlegte
Thier bis an das Zelt zu schleppen, was oft eine anstrengende Arbeit
ist, bei der sie eine große Ausdauer nöthig haben.
Die Frauen bedienen sich nur sehr selten der Kajaks, der einzige
Fang, den sie betreiben, ist der Angmasaetfang (~Mallobus villosus~).
Dieser findet im Frühsommer statt, wenn der Angmasaet in so dichten
Schwärmen an die Küste kommt, daß man ihn förmlich in das Frauenboot
hineinschöpfen kann. Man fährt dann so lange mit dem Fang fort,
bis man genug für den Wintervorrath zu haben meint, und wenn auch
noch Unmengen von Fischen da sind, hält man es nur selten der Mühe
werth, mehr zu fangen. Die gefangenen Fische werden von den Frauen
zum Trocknen über den Steinen und Felsen ausgebreitet und dann
zusammengestaut.
[Illustration: Mit dem Ueberziehen von Kajaks beschäftigte Frauen.
Diese Arbeit wird stets mit Kaffee bezahlt.
(Von E. Nielsen nach einer Photographie.)]
Kapitän +Holm+ erzählt, daß in +Imarsivik+ an der Ostküste zwei Frauen
in Kajaks fuhren. Es herrschte ein ungleiches Verhältniß zwischen
Männern und Frauen, indem von 21 Bewohnern nur 5 dem männlichen
Geschlecht angehörten. Ob diese Frauen eine ebensolche Fertigkeit im
Fangen erreicht hatten, erwähnt er leider nicht.
Diese beiden Frauen waren gänzlich zu der Lebensweise der Männer
übergegangen; sie kleideten sich wie Männer, trugen ihr Haar wie
diese und traten überhaupt ganz auf, als gehörten sie dem männlichen
Geschlecht an. Als sie die Erlaubniß erhielten, zwischen +Holms+
Tauschgegenständen zu wählen, fiel ihre Wahl nicht auf Nähnadeln
und ähnliche weibliche Geräthschaften, sondern auf Pfeilspitzen und
dergleichen zu ihren Waffen. Es muß sehr schwer gewesen sein, sie von
Männern zu unterscheiden, und es ist sehr wahrscheinlich, daß wir
sie am 5. August bei +Singiartuarfik+ gesehen haben, ohne zu wissen,
welchem Geschlechte sie angehörten.[72]
+Holm+ erzählte, daß noch zwei andere Mädchen am selben Ort zu Fängern
ausgebildet werden sollen, daß sie damals aber noch zu jung gewesen
seien.
Die Ehen wurden in früheren Zeiten in Grönland ohne viele Umstände
geschlossen. Hatte man Neigung zu einem Mädchen, so begab man sich
nach ihrem Hause oder ihrem Zelte, zog sie an den Haaren, oder wo man
sie sonst zu fassen bekam, ohne weitere Umstände mit sich in sein
Haus,[73] wo ihr ein Platz auf der Pritsche angewiesen wurde; wenn es
hoch kam, schenkte ihr der angehende Gatte einen neuen Wassereimer
oder dergleichen, und damit war die Geschichte fertig. Jetzt dagegen
gehört es in Grönland ebenso wie an anderen Orten zum guten Ton, daß
die betreffende Dame es sich unter keiner Bedingung anmerken lassen
darf, daß sie ihren Freier haben will, selbst wenn sie ihn noch so sehr
liebt; sie muß sich deswegen widersetzen, muß jammern und klagen, so
daß es weithin schallt; wenn sie recht wohlerzogen ist, so jammert und
weint sie wohl gar mehrere Tage, ja entflieht ein oder mehrere Male
aus dem Hause ihres Gatten. Wenn die Wohlerzogenheit zu weit geht,
kann es wohl vorkommen, daß der Mann, falls er ihrer nicht bereits
überdrüssig geworden ist, sie ein klein wenig unter die Fußsohlen
ritzt, so daß sie nicht gehen kann, und bis die Wunden geheilt sind,
pflegt sie dann eine glückliche Hausfrau geworden zu sein.
Diese Art und Weise, sich zu verheirathen, ist noch heute die
einzige Art der Eheschließung in Grönland, und bei einer solchen
Entführung kann es oft sehr gewaltsam zugehen, aber die Angehörigen
der betreffenden Dame sehen doch mit der größten Gemüthsruhe zu, --
die ganze Sache ist eben völlig privater Natur. Die Vorliebe der
Grönländer, in gutem Einverständniß mit ihren Landsleuten zu leben,
bewirkt, daß sie sich nur ungern in die Angelegenheiten Anderer mischen.
Es kommt natürlich auch vor, daß das junge Fräulein seinen Freier
wirklich nicht haben will; in dem Falle setzt es seinen Widerstand so
lange fort, bis es sich endlich in sein Schicksal gefunden hat, oder
bis sein Freier es aufgiebt. Wie schwierig es für einen Zuschauer ist,
zu entscheiden, was ihre wirklichen Wünsche sind, davon theilt uns
+Graah+ ein schlagendes Beispiel mit.[74]
+Kellitiuk+, eine tüchtige Ruderin seines Bootes, wurde eines Tages
von einem Ostgrönländer namens +Siorakitsok+ geraubt und in die Berge
geschleppt, obwohl sie den heftigsten Widerstand leistete. Da +Graah+
der Ansicht war, daß sie ihn durchaus nicht haben wollte, was auch
von ihren nächsten Angehörigen bestätigt wurde, ging er ihr nach und
befreite sie. Einige Tage später, als sie im Begriff waren, sich
reisefertig zu machen, und das Boot grade flott gemacht war, sprang
+Kellitiuk+ in dasselbe, kroch unter eine Ruderbank und deckte sich
mit Säcken und Fellen zu. Es verlautete bald, daß sie dies gethan,
weil +Siorakitsok+ im nämlichen Augenblick auf der Insel gelandet
war, seinen Vater als Sekundanten mitbringend. +Graah+ wurde hiervon
benachrichtigt, und überzeugt, daß sie wirklich Widerwillen gegen
ihren brutalen Freier nähre, hielt er es für seine Pflicht, sie zu
befreien. Als er herzukam, hatte der Freier sie schon halb aus dem
Boot herausgezogen, und der Vater stand am Ufer, bereit, bei der
Entführung behülflich zu sein. Als +Graah+ sie ihm entriß und ihm
eine Anweisung auf die „+schwarze Dorthe+“, eine andere Ruderin gab,
die er gern los sein wollte, hörte ihm der Enttäuschte ruhig zu,
murmelte einige unverständliche Worte in den Bart und entfernte sich
mit böser Miene und drohendem Blick. Der Vater nahm sich das Schicksal
des Sohnes nicht weiter zu Herzen, „er half uns, das Fahrzeug zu
beladen,“ berichtet +Graah+, „und sagte uns dann sein sicher aufrichtig
gemeintes Lebewohl.“ Als sie abfahren wollten, war indessen +Kellitiuk+
nirgends zu finden, obwohl man überall auf der kleinen Insel nach ihr
suchte und sie rief; sie mußte sich irgendwo versteckt haben, und man
fuhr schließlich ohne sie von dannen. Sie hatte doch eine Neigung zu
+Siorakitsok+ genährt.
Die ursprünglichen Grönländer trennen ihre Ehen ebenso schnell wie sie
sie eingehen. Wird der Mann seiner Frau überdrüssig oder umgekehrt (was
jedoch seltener der Fall ist), so sammelt sie ihr Pelzwerk zusammen und
kehrt in das Haus ihrer Eltern zurück, als ginge sie die Sache nicht
weiter an.
Hat ein Mann eine Neigung zu der Frau eines Anderen, so nimmt er sie
ohne weiteres, falls er der Stärkere ist. Als +Papik+, ein angesehener
Fänger an der Ostküste bei Angmagsalik, ein Auge auf +Patuaks+ junge
Frau geworfen hatte, begab er sich nach +Patuaks+ Zelt und nahm einen
leeren Kajak mit. Er ging hinauf, führte die Frau an den Strand hinab,
wo er sie den leeren Kajak besteigen hieß und ruderte mit ihr fort.
+Patuak+, der jünger ist als +Papik+ und sich in Tüchtigkeit und in
Kräften nicht mit diesem messen kann, mußte sich ruhig in den Verlust
seiner Frau finden.[75]
Es giebt an der Ostküste Beispiele, daß Frauen mit einem Dutzend
Männer verheirathet gewesen sind. +Utukuluk+ aus Angmagsalik hatte
8 verschiedene Männer ausprobirt, zum 9. Mal verheirathete sie sich
wieder mit ihrem 6. Mann.[76]
Die Scheidung läßt sich, so lange keine Kinder da sind, sehr leicht
ausführen; hat die Frau ein Kind bekommen und besonders wenn dies
ein Knabe ist, so tritt gewöhnlich ein festeres Verhältniß ein. Der
ursprüngliche Grönländer pflegt sich zu verheirathen, sobald er eine
Frau versorgen kann. Der Grund hierzu ist häufig der Umstand, daß er
einer Frau bedarf, die ihm bei Zubereitung seiner Felle und dergl. mehr
behülflich ist. Er verheirathet sich oft, ehe er im stande ist, Kinder
zu zeugen, ja an der Ostküste ist es etwas ganz Gewöhnliches, daß er
vor der Zeit bereits 3 bis 4 mal verheirathet war. Ist jedoch erst ein
Kind geboren, so wird, wie gesagt, die Scheidung seltener.[77]
Kann ein Fänger an der Ostküste mehr als eine Frau unterhalten, so
nimmt er gern noch eine dazu, die meisten guten Fänger haben deshalb
zwei Frauen, aber niemals mehr.[78] In der Regel scheint die erste
Frau es nicht gern zu sehen, wenn sie eine Rivalin bekommt; zuweilen
geschieht dies jedoch auf ihren ausdrücklichen Wunsch, wenn sie der
Hülfe bei ihren häuslichen Arbeiten bedarf. Der Grund hierzu kann auch
ein anderer sein. „Einmal fragte ich eine Frau,“ erzählt +Dalager+,
„weshalb ihr Mann eine Nebenfrau genommen habe. Ich bat ihn selber
darum, antwortete sie, da ich des Kindergebärens überdrüssig bin.“
(Grönländische Relationen Seite 8.)
Bei der Einführung des Christenthums wurde natürlich diese
ursprüngliche bequeme Art und Weise der Eheschließung an der Westküste
Grönlands abgeschafft, und dort wird man jetzt unter ähnlichen
religiösen Ceremonien verehelicht wie in Europa. Auch braucht die Braut
sich jetzt nicht mehr so sehr zu widersetzen wie früher.
Wenn es aber früher leicht war, eine Frau zu bekommen, so ist das
jetzt um so mehr erschwert worden. Die Trauung muß nämlich von einem
Pfarrer vollzogen werden, die eingeborenen Katecheten, welche die
Stellvertreter der Pfarrer an den verschiedenen Wohnorten sind, dürfen
es nämlich nicht thun. Wenn man nun an einem Ort wohnt, wohin der
Pfarrer nur vielleicht einmal im Jahre kommt, muß man sich also danach
einrichten, gerade um die Zeit einig mit seiner Braut zu sein. Hat
aber ein junger, kräftiger Bursche Lust sich kurz nach der Abreise des
Pfarrers zu verheirathen, so muß er also ein ganzes Jahr warten, bis
der Pfarrer wiederkommt und seiner Ehe den obligaten Segen verleiht.
Daß eine solche Ordnung dazu führt, daß man losere Verbindungen eingeht
oder als Ehepaar ohne kirchlichen Segen miteinander lebt, scheint
unvermeidlich zu sein, selbst wenn die Grönländer nicht schon von Natur
dazu neigten. Diese Ordnung kann daher nur schädlich und herabwürdigend
für die Handlung wirken, der man wohl im Grunde dadurch mehr Ansehen
hat verleihen wollen, daß nur der Pfarrer sie vollziehen kann.
Bei der Einführung des Christenthums wurde natürlich auch die
Vielweiberei abgeschafft. Im Jahre 1745 hatte ein Heide bei
Frederikshaab Lust, Christ zu werden, als er aber dazu kam, daß er
sich von seiner Nebenfrau trennen sollte, wurde er schwankend, weil
er zwei Söhne von ihr hatte, von denen er sich bei der Gelegenheit
also ebenfalls trennen mußte, deswegen sattelte er um und ging seiner
Wege![79] Verdenken kann man dem Mann das eigentlich nicht.
Aehnliche Fälle, wo verlangt wird, daß ein Mann sich von der
einen seiner Frauen trennen soll, mit der er möglicherweise lange
Jahre glücklich gelebt hat, kommen noch heute vor, wenn sich die
Grönländer von der Ostküste an der Westküste (in der Nähe von Kap
Farvel) niederlassen und getauft werden. Es braucht wohl kaum darauf
hingewiesen zu werden, zu welchem Unrecht der Mann hier gegen seine
einmal angenommene Frau gezwungen wird. Schon +Dalager+ hält dies
für eine Ungerechtigkeit und „es scheint ihm ein Problema zu sein,“
inwiefern es gegen Gottes Ordnung streitet, daß ein Mann mehr als eine
Frau hat.
Vielweiberei kommt noch zuweilen an der Westküste vor, und eine
Nebenfrau scheint das Erste zu sein, was ein tüchtiger Grönländer sich
anschafft, wenn er sich überhaupt auf Weitläufigkeiten einläßt. In
Godthaab wurde mir ein Beispiel hiervon erzählt.
+Renatus+, der tüchtigste Fänger am Grädefjord, hatte sich in ein
junges Weib verliebt und nahm sie zur Nebenfrau. Das Verhältniß
zwischen ihm und seiner ersten Frau schien indessen ein gutes zu
sein, und alles verlief ruhig, bis der Missionar[80] davon Kunde
erhielt. Dieser hielt dem Manne die große Sünde vor, die er beging, und
versuchte es, ihn zu bewegen, daß er seine Nebenfrau aufgeben sollte,
was ihm jedoch nicht gelang. Inzwischen wurde von dem Vorstand[81] in
Godthaab eine Klage eingereicht. +Renatus+ erschien und allmählich
brachte man ihn dahin, sich gutwillig zu fügen. Er sandte seine Frau
nach Kangek (außerhalb Godthaab), wo sie im Hause des Katecheten
+Simons+ aufgenommen wurde. Gleichzeitig zog er jedoch weiter nördlich
in die Nähe von +Narsak+, und da er dadurch einen gemeinsamen Fangplatz
mit den Kangekern erhielt, geschah es häufiger, daß er mit ihnen
zusammentraf und sie nach Hause begleitete, wodurch er Gelegenheit
hatte, mit seiner zweiten Frau zusammen zu sein. Da indessen später
von seinem früheren Wohnplatz aus große Klage geführt wurde, weil man
dort Noth litt, nachdem er, der beste Fänger des Ortes, fortgezogen
war, so kehrte er wieder dorthin zurück und hat seither ein sittsames
Leben geführt. Dies geschah vor einigen Jahren, die Nebenfrau lebt noch
immer in Kangek, wo ich sie gesehen habe. Sie trägt ein grünes Haarband
zum Zeichen, daß die von ihr geborenen Kinder als unehelich betrachtet
werden.
Ein anderer tüchtiger Fänger in der Nähe von +Lichtenfels+ hatte
ebenfalls eine Nebenfrau genommen. Als der Missionar dies hörte, ließ
er ihn zu sich kommen und versuchte auf ihn einzuwirken, was ihm
aber nichts half, denn es trat keine Veränderung ein. Da schrieb der
Missionar, erhielt aber keine Antwort, er schrieb strenger und strenger
und ließ schließlich ernsthafte Drohungen einfließen; hierauf erhält
er eine Antwort, die nur das eine Wort „Susa“ enthielt, was ungefähr so
viel bedeutet als: „Ich scher mich den Teufel darum!“ Später scheint
der Mann jedoch seiner Nebenfrau überdrüssig geworden zu sein, denn er
ließ sich von ihr scheiden.
Die Stellung der Frau in der Ehe ist in Grönland wie in anderen Ländern
der Welt sehr verschieden und hängt im wesentlichen von den Individuen
ab. In der Regel führt der Mann das Regiment, aber ich habe auch
Beispiele gesehen, daß er unter dem Pantoffel der Frau war; im ganzen
gehört dies jedoch zu den Ausnahmen. Bei den ursprünglichen Eskimos
scheint die Frau im Grunde als Eigenthum des Mannes betrachtet zu
werden.
An der Ostküste geschieht es nicht selten, daß bei der Verehelichung
ein förmlicher Handel geschlossen wird, indem „ein Jüngling dem Vater
eine Harpune oder dergl. bezahlen muß, um seine schöne Tochter zur Ehe
zu erhalten“, wie umgekehrt gute Fänger von den Eltern bezahlt werden,
wenn sie die Töchter nehmen, und die Letzteren sind gezwungen, sich zu
verheirathen, wenn die Väter es wünschen.[82] An der Ostküste geschieht
es auch nicht selten, daß zwei Fänger sich darüber einigen, auf kürzere
oder längere Zeit mit den Frauen zu tauschen, zuweilen behalten sie
die eingetauschte Frau auch ganz. Das Austauschen der Frauen findet
auch noch jetzt an der Westküste statt, besonders wenn man im Sommer in
Zelten landeinwärts wohnt und sich auf der Rennthierjagd befindet, zu
welcher Zeit man sich allerlei Freiheiten erlaubt.
Das Verhältniß zwischen den Ehegatten scheint in der Regel ein sehr
gutes zu sein. Ich habe es niemals gesehen oder gehört, daß zwischen
Mann und Frau ein unfreundliches Wort gewechselt wurde. Dies ist auch
die allgemeine Erfahrung. Die grönländischen Gatten sind überhaupt
äußerst rücksichtsvoll gegeneinander, ja man kann häufig sehen, daß
sie sich liebkosen. Sie küssen sich, indem sie die Nasen gegeneinander
drücken oder sich anschnupfen.
Auch an der Ostküste scheint das Verhältniß zwischen Mann und Frau
in der Regel sehr gut zu sein, doch kommen dort nach Kapitän +Holms+
Angaben oft blutige Auftritte vor.
Als +Sanimuinak+ eines Tages mit einer neuen Frau (der vorhin erwähnten
+Utukuluk+ mit den 9 Männern) zu seiner Gattin +Puitek+ nach Hause
kam, ward diese böse und schalt ihren Mann. Er wurde wüthend, ergriff
sie beim Schopf und schlug sie mit der Faust auf den Rücken und ins
Gesicht. Schließlich ergriff er ein Messer und stach sie in das Knie,
so daß das Blut herausspritzte.[83] Dergleichen Fälle scheinen jedoch
bei diesem friedliebenden Volk zu den Ausnahmen zu gehören.
Eine tiefere Liebe zu einander scheinen die Ehegatten nur ausnahmsweise
zu haben, und stirbt der eine Theil, so tröstet der Hinterbliebene
sich in der Regel sehr schnell. „Verliert ein Mann seine Frau,“ sagt
+Dalager+, „so kondoliren ihm in der Regel nicht sehr Viele seines
eigenen Geschlechts. Die Frauen dagegen postiren sich bei ihm hinter
der Pritsche und beweinen die Verstorbene, wozu er schluchzt und sich
die Nase trocknet.“ Nur wenige Tage später fängt er jedoch bereits
wieder an, sich zu schmücken, und gleich wie in den Tagen seiner
Junggesellenzeit werden sein Kajak und seine Waffen aufgeputzt, denn
hiermit macht der Grönländer am meisten Staat. Wenn er dann in so
glänzender Ausrüstung zu den andern Eskimos auf die See kommt, so
sagen sie: „Gebt acht, da kommt ein neuer Schwager.“ Hört er das,
so schweigt er und lächelt still vor sich hin. Nimmt der Mann eine
neue Frau, so läßt sie es sich angelegen sein, über ihre eigenen
Unvollkommenheiten zu klagen und die Tugenden der früheren Frau zu
loben, „woraus man ersieht, daß die Grönländerinnen ebensosehr danach
angethan sind, interessirte Rollen zu spielen wie die Evastöchter
anderer Länder und Zonen.“
Aus dem Obenangeführten wird man ersehen können, daß die Tugend in
keinem besonders hohen Ansehen in Grönland steht. Die ursprünglichen
Grönländer scheinen in der Beziehung sehr vage Begriffe zu haben,
und ein Vergehen gegen das sechste Gebot wird kaum als ein Unrecht
betrachtet.
Dies geht ganz deutlich aus alledem hervor, was wir jetzt von den
Ostgrönländern kennen, ebenso wie aus den Berichten +Egedes+ und der
ersten Missionare über die Heiden an der Westküste. Es gilt weder bei
den Heiden an der Ostküste noch bei den Christen an der Westküste als
Schande für ein unverheirathetes Frauenzimmer, Kinder zu bekommen.
Hiervon habe ich sehr häufig Beispiele erlebt. Zwei Mädchen in der
Nähe von Godthaab, die guter Hoffnung waren, bemühten sich keineswegs,
dies zu verbergen, ja sie legten schon lange, ehe es nöthig war, ein
grünes Haarband[84] an, sie schienen beinahe auf ihre grüne Farbe stolz
zu sein. Ich habe Grönländerinnen gesehen, welche die grüne Farbe
nicht nur zum Haarband benutzten, sondern die auch ihren Anorak damit
verzierten, was weder vorgeschrieben noch gebräuchlich ist.
Obwohl die Pfarrer gegen diese schlaffe Moral geeifert haben und
bemüht gewesen sind, von der Schulbank aus eine strengere Zucht
einzuführen, so ist dadurch ihre Auffassung nur wenig verändert
worden, und die jungen Grönländerinnen versuchen es gar nicht, ein
Hehl daraus zu machen, wenn sie in einem Verhältniß zu einem Manne
stehen; ist dies ein Europäer, so prahlen sie geradezu damit. Hieran
sind freilich die Europäer zum großen Theil Schuld, denn die jungen
unverheiratheten Männer, die nach Grönland gekommen sind, haben sich
in der Beziehung den Grönländerinnen gegenüber schlecht benommen, und
infolge des Respekts, in den man sich zu setzen gewußt hat, ist es so
weit gekommen, daß der gewöhnlichste europäische Matrose dem besten
grönländischen Fänger vorgezogen wird. Dies hat denn auch sichtbare
Folgen getragen, indem die Rasse in den 150 Jahren, seit die Europäer
sich im Lande niedergelassen haben, derartig mit europäischem Blut
vermischt ist, daß es jetzt an der ganzen Westküste äußerst schwer ist,
einen unvermischten Eskimo zu finden, wenn es deren überhaupt noch
giebt.[85] Und dies ist der Fall, obwohl die Zahl der Europäer im Lande
nur einen geringen Bruchtheil der Eingeborenen beträgt, es kommen etwa
einige wenige hundert Europäer auf 10000 Eskimos.
Es ist ganz selbstverständlich, daß die Vergehen der Europäer gegen das
sechste Gebot nicht dazu beigetragen haben, den Pfarrern die Arbeit
mit der Einführung der neuen Moral zu erleichtern. Meine eigene,
wie wohl auch die allgemeine Erfahrung geht darauf hinaus, daß die
Grönländerinnen in der Nähe der Kolonien, wo sich viele Europäer
befinden, leichtfertiger sind als bei den ausschließlich eskimoischen
Wohnplätzen. Als Beispiel will ich anführen, daß die Frauen bei Sardlok
und theils auch bei Kornok einen weit besseren und tugendhafteren
Eindruck machten als die Frauen bei Godthaab, Neu-Herrnhut und
Sukkertoppen.
Uebrigens nehmen es nicht allein die unverheiratheten Grönländerinnen
in dieser Beziehung so leicht. Die Verheiratheten sind, besonders bei
den Heiden, wenn möglich noch weniger eigen damit. Es ist bereits
erwähnt worden, daß man an der Ostküste häufig die Frauen austauscht,
dies geschieht jedoch stets zwischen bestimmten Männern, und ein Gatte
sieht es in der Regel nicht gern, daß Andere als Derjenige, dem er
seine Frau überlassen hat, in einem Verhältniß zu ihr stehen, er selber
behält sich volle Freiheit vor. Im Winter, während sie in ihren Hütten
wohnen, spielen sie jedoch häufig das sogenannte „Lampenauslösch- oder
Frauenaustauschspiel“, bei dem die Lampen gelöscht werden und allen
Anwesenden völlige Freiheit gestattet ist.
Ein ganz ähnliches Spiel gab es auch bei den Westgrönländern, ehe
sie getauft wurden, ob es nicht noch jetzt im Geheimen an den Orten
gespielt wird, wo der Pfarrer und die Autoritätspersonen es schwerlich
entdecken können, dafür will ich nicht einstehen.
Die Grönländer scheinen indessen nicht von Natur allen
Sittlichkeitsgefühls bar zu sein. Sie führen sich im täglichen Leben
sehr anständig auf, darüber sind alle Reisenden sich einig, und selbst
die Heiden geben im täglichen Leben keine Veranlassung zu irgend
welchem Aergerniß.
Wenn ein Heide (und wohl auch mancher christliche Grönländer) die Frau
eines anderen Mannes nicht anrührt, obwohl er Lust dazu hat, so scheint
in der Regel der Grund hierzu mehr die Furcht zu sein, daß er sich
deswegen mit dem anderen Manne entzweien könnte, als der Gedanke ein
Unrecht zu begehen. Daß die Grönländer aber nur einen sehr schwachen
Begriff in dieser Beziehung haben, davon zeugt unter anderem folgende
Redensart, die bei Angmagsalik gebräuchlich ist: „Die Walfische,
Moschusochsen und Rennthiere haben sich verlaufen, weil die Männer zu
viel Umgang mit den Frauen anderer Leute gepflegt haben.“ Viele Männer
behaupten freilich, der Grund hierzu sei der Umstand, „daß die Frauen
eifersüchtig waren, weil die Männer zu viel Umgang mit den Frauen
anderer Leute pflegten“.
Dies letztere soll auch bewirkt haben, daß der Sund, der das Land
früher vom Sermilikfjord bis zur Westküste durchschnitt, sich
mit Eis gefüllt hat.[86] +Egede+ erzählt, daß das Gebot von der
Monogamie besonders den Frauen sehr zugesagt habe und daß sie ihn
häufig aufforderten, es den Männern beim Religionsunterricht recht
nachdrücklich vorzuhalten.
In anderer Beziehung scheint dagegen das moralische Bewußtsein der
Grönländer weit mehr entwickelt zu sein als dies bei uns der Fall
ist. So wird es z. B. als unstatthaft betrachtet, sich mit einem
Geschwisterkind oder mit irgend einem nahen Verwandten zu verheirathen,
am liebsten soll man eine Ehe mit Jemand schließen, der auswärts
ansässig ist. Dies ist eine Regel, die eine kräftige Nachkommenschaft
sichert.
Die ungemischten Grönländer sind in der Regel sehr wenig fruchtbar.
Zwei bis vier Kinder sind das Gewöhnliche in einer Ehe, doch giebt
es auch Ehen mit sechs bis acht, ja mit noch mehr Kindern. Die
Grönländerinnen gebären ungeheuer leicht. +Graah+ erzählt ein Beispiel
davon, wie wenig Umstände sie sich damit machen. Als er auf seiner
Reise an der Ostküste entlang den Bernstorff-Fjord passirte, sollte
eine der Frauen gebären. Sie ruderten schleunigst ans Ufer und
landeten an einem kahlen Berg auf der Nordseite des Fjords. Während
die Entbindung vor sich ging, streckte sich der Ehemann der Länge
nach auf dem Berge aus und schlief, bald aber weckte man ihn mit der
erfreulichen Nachricht, daß ihm ein Sohn geboren sei. Dies wird, wie
bereits erwähnt, als ein Glück angesehen, während die Töchter etwas
Unbedeutendes sind. „Auch gab +Emenek+, so hieß der Mann, seiner Gattin
seine Zufriedenheit zu erkennen, indem er ihr ein „Ajungilatit“ (Du
bist nicht übel) zulächelte. Mit unserm neuen Passagier setzten wir
dann unsere Reise fort.[87]“
Die heidnischen Grönländer tödten verwachsene wie kränkliche Kinder,
von denen man annimmt, daß sie nicht leben können, auch solche Kinder,
deren Mutter bei der Geburt stirbt und die Niemand säugen kann, werden
umgebracht. Dies pflegt zu geschehen, indem man sie im Freien an die
Erde oder auch ins Meer wirft.[88]
So grausam dies auch manchen europäischen Müttern vorkommen mag,
so kann man doch im Grunde nicht leugnen, daß es eine vernünftige
Einrichtung ist, denn bei den harten Lebensbedingungen, unter welchen
der Grönländer sein Dasein fristet, wird es begreiflich erscheinen, daß
man ungern eine schwächliche Nachkommenschaft aufzieht, die niemals im
stande sein wird, Nutzen zu schaffen, sondern darauf angewiesen ist,
sich von der Gemeinde ernähren zu lassen. Aus demselben Grunde stehen
auch Leute, welche so alt geworden sind, daß sie keinen Nutzen mehr
schaffen können, nur in geringem Ansehen, weshalb sie sich oft sehnen,
aus der Welt zu kommen.
An der Ostküste soll es vorkommen, daß man alte Leute, von denen man
glaubt, daß sie sterben werden, ertränkt oder daß sie sich selber
ertränken.
Die grönländischen Kinder werden sehr lange gesäugt. Drei bis vier
Jahre ist nichts Ungewöhnliches, und ich habe sogar erzählen hören,
daß Knaben von zehn bis zwölf Jahren noch die Brust erhielten.
So theilte mir ein Europäer in Godthaab mit, daß er gesehen habe, wie
ein junger 12jähriger Held mit einem eben gefangenen Seehund in seinem
Kajak heimgekehrt und sofort zu der Mutter ins Haus gestürzt sei, wo er
zwischen ihren Knien stehend, einen Skondrok verzehrte und sein Getränk
aus der mütterlichen Brust sog.
Die Grönländer sind ungewöhnlich stolz auf ihre Kinder und thun alles,
um sie zufriedenzustellen, besonders wenn es Knaben sind, die stets als
angehende Fänger und Stützen der Familie betrachtet werden.
[Illustration: Eskimo-Knabe aus Godthaab.
(Nach einer Photographie von C. Ryberg.)]
[Illustration: Eskimo-Knabe aus Godthaab. (Nach einer Photographie von
C. Ryberg.)]
Diese kleinen Tyrannen pflegen in der Regel das ganze Haus zu regieren,
und das Wort des Weisen Salomo: „Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt
es beizeiten,“ wird nicht anerkannt; die Grönländer züchtigen ihre
Kinder nie oder nur selten, und ich habe nicht einmal einen Eskimo ein
hartes Wort zu einem seiner Kinder sagen hören. Man sollte erwarten,
daß die Eskimokinder bei dieser Erziehung unartig und ungezogen würden.
Dies ist jedoch keineswegs der Fall; obwohl ich mich ziemlich viel
unter den Eskimos an der Westküste bewegt habe, so sind mir nur ein
einziges Mal unartige Eskimokinder begegnet, und zwar in einem mehr
europäischen als grönländischen Hause. Wenn die Kleinen einigermaßen
zur Vernunft gekommen sind, so reicht ein vernünftiges Wort von seiten
des Vaters oder der Mutter aus, um sie zu regieren. Niemals habe
ich weder im Freien noch in den Häusern gesehen, daß Eskimokinder
uneinig waren, sich zankten oder gar sich prügelten. Ich habe sie
stundenlang bei ihren Spielen beobachtet, habe sogar an ihrem „Fußball“
theilgenommen (ein eigenartiges Spiel, das viel Aehnlichkeit mit dem
englischen ~Football~ hat), und dabei kann bekanntlich gar leicht eine
Uneinigkeit entstehen, nie aber sah ich unfreundliche Mienen oder
Heftigkeit. Wo in Europa würde das wohl möglich sein? Was der Grund zu
diesem auffallenden Unterschied zwischen europäischen und Eskimokindern
ist, kann ich nicht mit Gewißheit sagen, im wesentlichen beruht es
wohl in der äußerst friedlichen und gutmüthigen Natur der Grönländer.
Zum Theil mag es auch darin liegen, daß sich die Eskimofrau stets mit
ihren Kindern in einem Raum aufhält und sie, wenn sie sich im Freien
bewegt, in der +Amaute+ auf ihrem Rücken trägt, ja sie sogar mit auf
ihre Arbeit nimmt; sie giebt sich folglich weit mehr mit ihren Kindern
ab (sie säugt sie ja auch viel länger), als die europäischen Mütter
selbst in den niederen Schichten thun, geschweige denn in den höheren,
wo ja die Kinder den Mädchen oder Bonnen fast gänzlich überlassen
sind. Infolgedessen herrscht natürlich in Grönland ein weit innigeres
Familienleben zwischen Kindern und Eltern als in Europa. Daß die
Eskimojungen sich hin und wieder einmal damit belustigen, nach den
Enten und Hühnern des Koloniedirektors oder des Pfarrers zu werfen, muß
man ihnen nicht zur Last legen, ebensowenig, wenn sie einmal in den
Garten des Koloniedirektors eindringen und dort Unheil anstiften.
[Illustration: Eskimo-Knabe und -Mädchen aus Sukkertoppen. Das Mädchen
mit einer kleinen Schwester in der Amaute ihrer Mutter.
(Nach einer Photographie.)]
Man darf nicht vergessen, daß die Achtung vor dem Grundeigenthum völlig
außerhalb ihres Fassungsvermögens liegt, wie sie auch nicht begreifen
können, daß man nicht alles fangen und nehmen darf, was auf dem Felde
wächst und sich dort bewegt; man mag ihnen das noch so viel einprägen,
sie werden es doch niemals fassen.
Es ist bereits früher erwähnt worden, daß die Knaben schon zeitig zu
ihrem Beruf erzogen werden; auf gleiche Weise erlernen auch die Mädchen
den ihren; sie müssen schon in jungen Jahren nähen und der Mutter in
ihren häuslichen Verrichtungen zur Hand gehen.
~F.~ Charakter, Verbrechen, Trommeltanz und Gerichtsverfahren.
Freiheitsgefühl.
Der Grönländer hat einen äußerst munteren und sorglosen Sinn, er
gleicht in dieser Hinsicht einem Kinde. Wenn er einen Kummer hat,
was jedoch nur selten vorkommt, so giebt er sich ihm im Augenblick
vielleicht mit Heftigkeit hin, er ist aber schnell vergessen und gar
bald ist er wieder so strahlend, so munter und so zufrieden mit seinem
Geschick wie gewöhnlich.
Dieser sein sorgloser Leichtsinn hat es indessen im Gefolge, daß er
nur selten an die Zukunft denkt, und hat er, wie bereits erwähnt,
genügend Speise für den Augenblick, so ist er unbesorgt und ißt so
lange als etwas da ist, wenn er dann auch später Noth leiden muß, was
jetzt leider nur zu oft geschieht und was mit jedem Jahr allgemeiner
wird. Man hat ihm dies oft in starken Ausdrücken vorgehalten, aber die
Sache hat doch auch ihre guten Seiten, denn dadurch spart er sich die
Angst vor der Zukunft, die wohl das größte Leiden unserer Armen ist.
Bekommt der Eskimo dann wieder Speisen, so ist er vergnügt wie immer,
und die Erinnerung an erlittene Qualen ist ebensowenig im stande,
seinen Frohsinn zu trüben, wie die Aussicht auf die ihm möglicherweise
bevorstehenden. Das Einzige, was seiner Freude Abbruch thun kann, ist
das Gefühl, daß Andere Noth leiden, während es ihm selber gut geht.
Hierin findet er sich deswegen auch nur sehr schwer.
Wie bereits mehrfach berührt, sind Gutmüthigkeit, Friedfertigkeit und
Bequemlichkeit die hervorragendsten Züge im Charakter des Eskimos. Er
widerspricht ungerne einem Anderen, selbst wenn dieser etwas erzählt,
was sich ganz anders verhält, jedenfalls kleidet er seine Einwendung in
die denkbar mildeste Form. Er sagt einem Anderen selten gerade heraus
eine Wahrheit, von der er annehmen kann, daß sie ihm unangenehm ist, er
will sich gerne so gut wie möglich mit seinen Nebenmenschen stehen, und
nur ganz ausnahmsweise hat er einen Feind. Seine Friedfertigkeit geht
sogar so weit, daß er, wenn ihm Jemand etwas stiehlt, was freilich nur
sehr selten der Fall ist, das gestohlene Gut niemals zurückfordert,
selbst wenn er weiß, wer es ihm genommen hat. Infolgedessen entstehen
denn auch nur selten oder eigentlich niemals Zwistigkeiten, das Leben
gleitet eben und ruhig dahin. Die Ehrlichkeit ist ein hervorragender
Zug in dem Charakter des Eskimos. Wenn die Europäer das Gegentheil
behauptet haben, so beruht dies im wesentlichen auf dem Gesichtspunkt,
von dem man die Sache betrachtet. Hausgenossen oder Leute zu bestehlen,
die am selben Ort wohnen, gilt für verwerflich und geschieht nur höchst
selten. Fremde zu bestehlen, ist weniger schlimm, obwohl es keineswegs
als erlaubt betrachtet wird und daher auch zu den Ausnahmen gehört.
Daß die Eskimos die Europäer häufig bestahlen, als sie zuerst mit
ihnen zusammenkamen, kann Niemand wunder nehmen, wenn man bedenkt,
wie diese sie behandelten und sogar Einige von ihnen mit sich nach
Europa entführten. Die Eskimos betrachteten sie halbwegs wie Feinde,
jedenfalls nicht als Freunde, deshalb sahen sie nichts Böses darin,
zu stehlen, wo sich die Gelegenheit bot. Dieselbe Auffassung hat sich
möglicherweise noch heute in gewisser Beziehung erhalten, jedenfalls
gilt es als bedeutend weniger unrecht, Europäer zu bestehlen als
die eigenen Landsleute. Und doch kommt das nur selten vor. Ich habe
es freilich gesehen, daß gutartige Eskimos Mehl aus den Tonnen der
Handelsgesellschaft mausten; es genirte sie nicht im geringsten, daß
ich ihnen zusah, sie stahlen ja von der unpersönlichen grönländischen
Handelsgesellschaft, was sie allem Anschein nach nicht als Unrecht
ansahen.
Als Beweis für ihre Ehrlichkeit den Moralgesetzen gegenüber, die
sie achten, mag auf die bereits erwähnten Verhältnisse hingewiesen
werden, daß sie z. B. niemals Treibholz anrühren, das über das
Hochwasserstandszeichen gelegt ist. Wenn nun die Europäer, was sehr oft
geschieht, sich gegen dies Gesetz versündigen, so haben die Grönländer
genau so viel Recht, uns zu verachten, wie wir es haben, wenn sie sich
gegen unsere Gesetze versündigen.
Wie man aus dem friedlichen Charakter der Grönländer schließen kann,
kommt ein Mord nur äußerst selten vor, und sie halten es für sehr
grausam, einen Nebenmenschen zu tödten. Der Krieg ist deswegen in
ihren Augen etwas Verabscheuenswürdiges, und Soldaten wie Offiziere,
die geradezu dazu erzogen werden, ihre Mitmenschen todtzuschlagen,
erscheinen ihnen als Unmöglichkeit.
Ein Mord oder ein Mordversuch kommt wohl ausnahmsweise an der Westküste
vor. Häufig ist dann, wie auch anderwärts eine Frau die Veranlassung
dazu, und der Ueberfall geschieht gewöhnlich auf der See, indem der
Eine versucht, dem Andern das Kajak aufzuschlitzen. Die dänische
Obrigkeit hat große Schwierigkeiten gehabt, dergleichen Vorfälle zu
strafen, da man die Grönländer in der Regel ungerne bestraft und sich
nur nothgezwungen in solche Angelegenheiten mischt. Bei Holstensborg
wurde vor einer Reihe von Jahren ein Mann, der seine Mutter getödtet
hatte, dadurch bestraft, daß man ihm einen neuen Kajak und einige
Vorräthe mitgab und ihn auf eine öde Insel verbannte, wo er sehen
konnte, wie er allein fertig wurde. Als er indessen eine Weile später
nach der Kolonie zurückkehrte und sagte, daß er da draußen nicht leben
könne, geschah ihm nichts weiter, und folglich bestand die ganze
Strafe, die ihm für die Ermordung seiner Mutter zutheil wurde, darin,
daß er ein neues Kajak erhielt.
An der Ostküste werden solche Verbrecher durch den Trommeltanz
gestraft. Dies ist die eigentliche Gerichtsbarkeit der ursprünglichen
Grönländer, und wie man in der sogenannten civilisirten Welt einander
fordert und mit Säbeln und Pistolen duellirt, so fordern die
Grönländer sich zum Trommeltanz. Diese Prozedur pflegt bei größeren
Versammlungen vor sich zu gehen und besteht, falls sie zur Schlichtung
von Streitigkeiten angesetzt wurde, darin, daß die beiden Kämpfenden
sich in die Mitte eines Ringes stellen und, von Zuschauern umgeben,
auf ein Tamburin oder eine Trommel schlagen, wobei sie Schimpflieder
aufeinander singen. Derjenige, der die Lacher auf seiner Seite hat,
geht als Sieger aus dem Kampfe hervor. Lächerlich gemacht oder von
seinen Mitbürgern ausgelacht zu werden, ist die größte Strafe, die
einem Grönländer widerfahren kann, und es kommt vor, daß er sich
gezwungen sieht, aus diesem Grunde den Wohnort zu wechseln.
Es ist ganz klar, daß dieser Trommeltanz eine sehr nützliche
Institution und ein vorzügliches, leichtausführbares Mittel zur
Schlichtung von Streitigkeiten ist. Auch an der Westküste fanden
in früheren Zeiten diese Trommeltänze statt, da aber die ersten
Missionare es sich in den Kopf gesetzt hatten, daß sie unmoralisch und
schädlich seien, wurden sie leider mit der Einführung des Christenthums
unterdrückt und ausgerottet. Auch +Dalager+ war durchaus nicht mit
dieser Vorgangsmethode einverstanden, und man muß ihm völlig Recht
geben, wenn er sagt: „Wahrlich, wenn man bei uns mit gleichem Nutzen
und Zweck tanzen wollte, so würde man gar bald sehen, wie sich jeder
zweite Moralist und Advokat in einen Tanzmeister verwandelte.“
Ein anderer Umstand, der die Missionare von der Abschaffung dieser
Trommeltänze hätte zurückhalten müssen, ist der, daß dieselben ein
großes Vergnügen für die Grönländer waren. Bekanntlich sind aber
Vergnügungen gesund, und die Grönländer haben deren nicht allzu viele.
Der Eskimo hat ein ausgeprägtes Freiheits- und
Selbstständigkeitsgefühl. Er ist daran gewöhnt, sein eigener Herr zu
sein und nach eigenem Belieben umherzustreifen. Allerdings übt der
Hausvater in jeder Familie ein gewisses Regiment aus, doch ist dies
so gelinde und so wenig hervortretend, daß man es kaum empfindet.
Dienstboten hat man in Grönland gewissermaßen auch, indem häufig Frauen
im Hause des Großfängers aufgenommen werden, wo sie gemeinsam mit der
Hausfrau, den Töchtern und Schwiegertöchtern die Arbeiten verrichten.
Sie sind ihnen jedoch in der Regel gleichgestellt und leben ebenso wie
sie im Hause, so daß das dienstbare Verhältniß mehr dem Namen nach als
in Wirklichkeit existirt. Deswegen ist es kein Wunder, wenn es dem
Grönländer schwer wird, in ein dienstbares Verhältniß zu treten, er
betrachtet das als entwürdigend. Vor allen Dingen mag er sich nichts
befehlen lassen. Der grönländische Fänger kann deswegen mit Fug und
Recht auf die Frage, wen er für höher gestellt betrachte, sich oder
den Landesinspektor (ungefähr was bei uns ein Gouverneur ist), die
Antwort geben, daß er das nicht wisse, denn der Inspektor habe seine
Vorgesetzten im Heimathslande, er selber aber habe Niemanden, der ihm
etwas befehlen könne. Aus diesem Grunde war es anfänglich sehr schwer
für die Europäer, Dienstboten zu bekommen. Allmählich hat jedoch die
Civilisation die Eingeborenen in dieser Hinsicht genügend demoralisirt,
so daß sie jetzt gerne in den Dienst der Europäer treten; es kommt
sogar häufig vor, daß selbst Fänger Dienste bei der Handelscompagnie
annehmen, sie sind sogar oft stolz darauf, denn dann erhalten sie wie
andere dänische „Beamten“ jeden Morgen ihren Schnaps, und den können
die übrigen Grönländer nicht bekommen.
Noch immer aber haben die Hausfrauen über den Stolz ihrer
grönländischen Dienstmädchen viel zu klagen. Diese sind tüchtig und
fügsam, so lange sie gut behandelt werden, sagt man ihnen aber ein
einziges hartes Wort, so genügt das oft für sie, um ohne weiteres auf
Nimmerwiedersehen zu verschwinden, und wenn die Hausfrau nicht zu Kreuz
kriechen will, so muß sie sich nach einem andern Mädchen umsehen.
~G.~ Ursprüngliche Religion, Aberglaube, Kunstsinn, Dichtung, Musik.
Ursprünglich besaßen die Grönländer keine entwickelte Religion.
Sie hatten jedoch viel Aberglauben und viele Sagen, die von
verschiedenartigen übernatürlichen Wesen handelten, von deren Kräften
und Eigenschaften sie freilich nur sehr unklare Begriffe besaßen. Ihre
Priester und Weisen, die sog. Angekak, suchten ihre Landsleute durch
mancherlei wunderliche Künste zu mystifiziren, um die Herrschaft über
sie zu erlangen. Sie waren übrigens in der Regel die Verständigsten
unter ihnen und konnten oft auch mit wirklich vernünftigen Rathschlägen
helfen. Die getauften Grönländer haben ihren alten Glauben übrigens
durchaus nicht ganz aufgegeben, sie sind noch bis auf den heutigen Tag
sehr abergläubisch und sprechen in vollem Ernst von den wunderbaren
Fabelwesen, die auf dem Inlandseise, weiter ins Land hinein, am Strande
und auf dem Meere hausen. Die alten Sagen werden noch vielfach des
Abends von dem Einen oder dem Anderen einem aufmerksam lauschenden
Kreise vorgetragen; die Grönländer sind vorzügliche Erzähler und
begleiten ihren allerdings oft ein wenig breiten Vortrag mit lebhaften
Gebärden, die häufig darauf berechnet sind, die Zuhörer ins Lachen zu
bringen.
Der Grönländer hat einen sehr scharfen Verstand in Bezug auf alles, was
innerhalb seines Erfahrungskreises liegt. Hiervon zeugen ja auch seine
sehr sinnreichen Geräthschaften, bei denen das vorhandene Material
so gut wie nur möglich ausgenutzt worden ist. Selbst der kleinste
knöcherne Knopf, die geringste Schnalle ist so vorzüglich, daß sie
nicht besser herzustellen ist, und wir können sie in der Beziehung
nichts lehren. Ihre Bemerkungen den Europäern gegenüber können oft
sehr treffend und verständig sein. Hiervon erhielten auch die ersten
Missionare allerlei fühlbare Beweise, indem die Fragen der Grönländer
in Bezug auf manche Punkte der christlichen Lehre sie oft in eine
schiefe Stellung brachten. Als Beweis für ihre leichte Auffassung mag
erwähnt werden, daß sie verhältnißmäßig leicht lesen und schreiben
lernen, so daß die Mehrzahl von ihnen es jetzt kann, ja Viele haben es
sogar sehr weit darin gebracht. Domino und Brettspiele, ja sogar Schach
lernen sie sehr leicht.
[Illustration: „Venus“ und „Apollo“ der Eskimos.
(Von A. Bloch.)]
Ihr Formsinn ist ziemlich entwickelt, und sie zeigen sogar häufig große
Anlagen zur bildenden Kunst. Sie werden häufig gute Zeichner, und
als Beweis ihrer Tüchtigkeit in der Schnitzkunst mag auf die beiden
geschnitzten Köpfe, die auf Seite 330 abgebildet sind, hingewiesen
werden. Man kann keinen Augenblick im Zweifel sein, daß der Verfertiger
hier seine eigene Rasse hat nachbilden wollen.
Durch ihre obenerwähnte Sagendichtung, die von ~Dr.~ +Rink+[89]
zusammengestellt und übersetzt worden ist, erhält man einen guten
Einblick in das Seelenleben der Grönländer. Sie zeugt von einer großen
Phantasie wie auch von Gefühl und von einer gewissen poetischen
Auffassung vieler Dinge in der Natur. Außer der Sagendichtung und
ihren Erzählungen von verschiedenen Heldenthaten haben die Eskimos
ursprünglich noch eine andere Dichtung, die aus Gesängen verschiedener
Art besteht. In früheren Zeiten waren dies entweder Spottlieder
über Andere, die bei den früher erwähnten Trommeltänzen gesungen
wurden, oder es waren gewöhnliche Lieder, die verschiedene Dinge oder
Ereignisse schilderten und häufig auf eine eigenartig kindliche,
ansprechende Weise bei den Schönheiten der Natur und des Lebens
verweilen. Oft sind es auch Liebesgesänge sehr kindlicher Art, in denen
die Sehnsucht des Liebenden und die Tugenden der Geliebten beschrieben
werden.
Bei meinem vielfachen Umherstreifen hatte ich häufig Gelegenheit, die
Bemerkung zu machen, daß die Grönländer viel Sinn für Naturschönheiten
haben. So geschah es einmal, als ich mit meinem Freunde +Joel+, von dem
ich später eingehender erzählen werde, in meinem Kajak im Ameralikfjord
ruderte, daß wir an einer Bergspitze vorüberkamen und plötzlich die
Felsen am Ende des Fjordes sonnenbeleuchtet daliegen sahen; es war
nebliges Wetter, aber die Wolken hatten sich zertheilt und hingen in
Fetzen über den Gipfeln, während die Schneemassen im Sonnenlicht
erglänzten. Es war ein Anblick strahlender Schönheit; +Joel+ hielt
mit dem Rudern inne und brach in den Ruf „~binne kaok~“ (wie schön!)
aus. Er war im übrigen ziemlich unbeleckt von der Kultur, so daß man
ihm kaum derartige Gefühle zugetraut haben würde. Ich habe auch die
Grönländer ihr Sommerleben, die Rennthierjagd und die Schönheit der
Natur zu dieser Zeit in den schönsten Farben beschreiben hören.
Die Musik zu den Liedern wird häufig von dem Dichter selber komponirt,
und da die Grönländer auffallend musikalisch sind, so kann diese Musik
trotz ihrer Einförmigkeit oft einen ganz eigenthümlichen Charakter
haben. Als Probe ihrer Lieder und ihrer Musik mag der untenstehende
neue Gesang von Grönlands Ostküste mitgetheilt sein, der mir
freundlichst von Frau +Signe Rink+ überlassen wurde.[90] Dieselbe Dame
hat verschiedene werthvolle Liederproben gegeben; leider gestattet mein
Raum es nicht, sie hier aufzunehmen. Die Melodie ist von Frau +Ganglen+
in Julianehaab aufgezeichnet worden.
Klagelied des Eskimos.
Eine Eskimogruppe, im Treibeise festgehalten, ist von Hungersnoth
bedroht.
[Musik:
Langsam und durch die Nase.
~Ku ja - tâ - nas-si-ka-lu ar-av-~