freilich ein noch größeres Gewicht. Zu einer irgendwie eingehenderen
Kenntniß derselben hatten die früheren Expeditionen wenig oder
nichts beigetragen, und ich sagte, scheinbar mit Recht, in meinem
Artikel in „Naturen“ (Januar 1888),[36] „daß für den Meteorologen
die Beobachtungen über das Klima, die Messungen der Temperatur, der
Feuchtigkeit, des Windes und der Windrichtungen, die Aufklärungen
über die Niederschläge und die Wolkenbildung auf diesen ungeheueren
Schnee- und Eisfeldern von großer Bedeutung sein müßten; es herrschten
hier Verhältnisse, die so völlig verschieden von den Verhältnissen in
den Gegenden sind, von welchen man regelmäßige Observationen erhält“.
Wie man später ersehen wird, sollte ich in dieser meiner Annahme in
hohem Grade bestärkt werden. Ich könnte vielleicht hinzufügen, daß
auch für die Geologen solche Aufklärungen von Wichtigkeit sein müssen;
denn wie soll man sich eine irgendwie begründete Ansicht über den
inneren Haushalt des Inlandseises -- wenn man sich so ausdrücken darf
-- bilden, ehe man die Niederschlag- und Temperaturverhältnisse und
dergleichen kennt, die auf dessen Oberfläche herrschen.
Dies schienen mir die wichtigsten Aufgaben zu sein, die in dem
unbekannten Innern Grönlands zu lösen waren.
Welchen Nutzen aber können solche Aufklärungen bringen? Dieselbe
Frage ist so manchen Entdeckungsreisen gegenüber aufgeworfen und
wird bei jedem neuen Unternehmen aufgeworfen werden. Man könnte viel
darauf antworten und u. a. daran erinnern, welchen Einfluß ein solches
Hochland von Eis und Schnee auf das Klima aller angrenzenden Theile der
Erde haben muß, wie jeder einzelne Theil der Erdoberfläche in genauem
Zusammenhang mit den übrigen steht; aber allein schon der Umstand, daß
Grönlands Inneres ein Theil und zwar ein nicht ganz unbedeutender Theil
der Oberfläche dieses Planeten ist, auf dem wir leben, genügt, um den
Wunsch zu erwecken, es kennen zu lernen, und nicht zu ruhen, bis dies
geschehen ist, sollte auch der Weg über Gräber gehen.
Je eher das erreicht werden kann, desto besser.
Fußnoten:
[2] Aus dem Brief des Direktors an den Rath in Grönland. Bergen, den
19. April 1723. Die angeführte Stelle ist +P. Eberliens+ Artikel
im „Archiv für Mathematik und Naturwissenschaft, Kristiania 1890,“
entnommen.
[3] +Egedes+ Antwortschreiben, 31. Juli 1723. Beide Briefe befinden
sich im Reichsarchiv zu Kopenhagen. Grönlandske Desseins Intagt- og
Udgift-Forklaringer 1721-25.
[4] Von Assistent +Fersler+ 1727. Reichsarchiv Kopenhagen 1727.
Grönländische Expedition 1728-33.
[5] Aus +Frederik+ IV. Instruktion an Major +Paars+, abgedruckt in den
„Mittheilungen über Grönland“, Heft IX, S. 30-31. Kjöbenhavn 1889.
[6] Es ist dies das erste Mal, daß Pferde nach Grönland gesandt worden
sind.
[7] Journal, geführt bei Godthaab. Abgedruckt im „Tilskuer“, Jahrgang
6, Seite 483-484. Kjöbenhavn 1889.
[8] Dies sowie die folgenden Citate von +Paars+ Reise sind seinem
Rapport an den König entnommen, der in +Peter Eberliens+ Artikel im
„Tilskuer“, Jahrgang 6, Seite 485-488, Kjöbenhavn 1889, abgedruckt ist.
[9] Es war mir nicht möglich, dies Buch zu Gesicht zu bekommen. Die
hier angeführte Stelle ist Kapitän +J. A. D. Jensens+ Buch: „Ueber das
Inlandseis in Grönland“ u. s. w., Kjöbenhavn 1888, Seite 34 Anmerkung,
entnommen.
[10] +Kablunak+ oder richtiger +Kavdlunak+ bedeutet auf Grönländisch
„Europäer“, wird jedoch jetzt fast ausschließlich für Dänen angewandt.
[11] Welcher Nunatak dieser Omertlok gewesen ist, kann nicht mit
Bestimmtheit angegeben werden, da auf der südlichen Seite von
Fredrikshaab mehrere Nunataks im Inlandseise liegen und keiner von
ihnen, soviel mir bekannt ist, jetzt von den Grönländern so genannt
wird. Soweit ich +Dalagers+ Bericht verstehe, hat er erst einen Nunatak
besucht und dann am nächsten Tage seine Wanderung landeinwärts nach
einem anderen, dem „öbersten Berge auf dem Eisfelde“ (möglicherweise
dem nördlichsten) fortgesetzt. Es erscheint mir daher nicht sehr
wahrscheinlich, daß dieser Berg (Amertlok) derselbe Nunatak, der
+Nasausak+ ist, der im Jahre 1878 von Kapitän +J. A. D. Jensen+ und
seiner Expedition besucht wurde, wie letzterer anzunehmen scheint
(siehe sein vorhin erwähntes Buch: „Ueber das Inlandseis in Grönland“,
Seite 24. Siehe auch seinen Bericht: „Mittheilungen über Grönland“, Bd.
1, Seite 48). Zwischen dem +Nasausak+ und dem Rande des Inlandseises
liegt kein Nunatak, auch beträgt die Entfernung von diesem keine Meile.
[12] +O. Fabricius+: „Ueber das Treibeis in den nördlichen Gewässern,
vornehmlich in der Davisstraße“ (1784). Dansk Vid. Selsk. Skrifter,
1788, 3, 65-84.
[13] +Gieseckes+ mineralogische Reise in Grönland von +F. Johnstrup+.
Kjöbenhavn 1878, Seite 173.
[14] Schon im voraufgehenden Jahre (1859) hatte der Amerikaner Oberst
+Schaffner+ bei seinem bereits (siehe Bd. I S. 287) erwähnten Besuch
in Julianehaab einen Ausflug auf das Inlandseis unter Führung von
Lieutenant +Höyer+, Handelsassistent in der Kolonie, machen sollen.
(Erwähnt in: +Zeilau+, Foxexpedition. Kjöbenhavn 1861.)
[15] Foxexpeditionen i Aarel 1860 etc. Kjöbenhavn 1861. Seite 156-171.
[16] Siehe die Diskussion in Veranlassung des Vortrags, den der
Verfasser in London hielt: ~Proceedings of the Royal Geographical
Society and Monthly Record of Geography~, August 1889.
[17] +Edward Whymper+ „~Explorations in Greenland~“ in der Zeitschrift
„~Good Words~“, herausgegeben von +Donald Macleod+, ~d. d.~ Januar,
Februar, März 1884. Dies ist der einzige ausführlichere Bericht, den
+Whymper+ selber über seine Reise geschrieben hat. Sein Begleiter
+Robert Brown+ hat indessen ebenfalls einen Artikel darüber
geschrieben: „Das Innere von Grönland“ in Petermanns Mittheilungen 1871.
[18] +Robert Brown+, der Einer von diesen Dreien war, stellt (in
seinem Bd. II. S. 39 in der Anmerkung erwähnten Artikel in Petermanns
Mittheilungen 1871, Seite 385) die sonderbare Behauptung auf, daß sie
in weiter Ferne vor sich einen Nunatak oder eine Insel erblickten, die
jetzt ganz von Eis umgeben ist, die aber noch in diesem Jahrhundert mit
einem Kajak erreicht werden konnte und die zu der Zeit bewohnt war.
[19] Ein Bericht von der +Nordenskjöld+schen Expedition: „~Redogörelse
för en expedition til Grönland år 1870~“ befindet sich in der
Uebersicht des K. Vih. Akad. Förh. Stockholm 1870, Seite 973.
[20] ~Dr.~ +H. Rink+ hat hierüber einen Bericht in „Petermanns
Mittheilungen“ 1883, Seite 133, gegeben.
[21] Siehe +Nordenskjöld+: „Die zweite Dicksonska-Expedition nach
Grönland etc.“ Stockholm 1885, Seite 155.
[22] Auch diese Reise ist in „~Good Words~“ 1884, Seite 101-103 und
183-189, geschildert worden.
[23] +Helland+ hat seine Beobachtungen in Grönland im Archiv für
Math. und Naturwissenschaften, Bd. 1, Kristiania 1876: „Über die mit
Eis angefüllten Fjorde und die glacialen Bildungen in Nordgrönland“,
beschrieben, sowie einem Artikel in „~The Quarterly Journal of the
Geological Society~“ (London) Februar 1877, Seite 142-176, betitelt:
„~On the Ice-Fjords of North Greenland, and on the Formation of Fjords,
Lakes and Cirgnes in Norweg and Greenland.~“
[24] „Über das Binnenland Grönlands und die Möglichkeit, selbiges zu
bereisen.“ Petermanns Geogr. Mitteilungen 1875, Heft VIII., Seite 297
bis 300.
[25] Außer +Steenstrup+ nahmen daran Theil der ~cand.~ +Kornerup+ und
der damalige Pr.-Lieut. zur See +G. Holm+.
[26] Siehe hierüber: „Mittheilungen über Grönland“, Heft 1, Seite 6
(Kopenhagen 1879).
[27] Diese Expedition ist beschrieben in den „Mitth. über Grönl.“, Heft
2 (1881), Seite 1-27.
[28] Siehe hierüber „Mitth. über Grönl.“, Heft 1, Seite 8.
[29] Siehe hierüber Nordenskjöld: „Die zweite Dicksonsche Expedition
nach Grönland u. s. w.“ Stockholm 1885, Seite 8 etc.
[30] Die zweite Dicksonsche Expedition u. s. w. Seite 129.
[31] Siehe übrigens hierüber: „Die zweite Dicksonsche Expedition
u. s. w.“ Seite 233-235.
[32] ~Bulletin of the American Geographical Society~, Bd. XIX., New
York 1887, Seite 261-289.
[33] +Maigaard+, Geogr. Zeitschrift, Bd. 9, Kopenh. 1888, Seite 90.
[34] Wie weit die Höhenbestimmung (7525 engl. Fuß) ganz korrekt
ist, ist schwer zu sagen, da sie nur auf Observationen beruht,
die mit dem Aneroidbarometer gemacht sind. Obwohl wir auf unserer
Wanderung 3 vorzügliche Aneroidbarometer bei uns hatten, die eigens
für unsere Zwecke in London verfertigt waren, so würden wir doch,
falls wir nicht die tägliche Kontrolle mit dem Kochbarometer gehabt
hätten, die Höhe viel zu hoch angeschlagen haben (was ich auch gleich
anfangs in meinem Brief von Godthaab aus an Etatsrath +Gamél+ that,
als die Kochbarometer-Observationen noch nicht ausgerechnet waren).
Merkwürdigerweise sanken und stiegen alle 3 Barometer völlig regelmäßig
und übereinstimmend mit einander und nahmen, als wir die Meeresfläche
wieder erreichten, ungefähr wieder denselben Stand ein, den sie gehabt
hatten, als wir die Ostküste verließen. Hieraus ersieht man, daß man
sehr vorsichtig sein muß, Observationen, die ausschließlich mit dem
Aneroidbarometer gemacht sind, ein allzu großes Gewicht beizulegen.
Die angegebene Höhe scheint indessen, falls die Entfernung von der
Küste richtig ist, keineswegs zu hoch berechnet zu sein. Wir haben
schon in einer Entfernung von 15 Meilen (110 ~km~) von der Ost- und 22
Meilen (160 ~km~) von der Westküste eine solche Höhe erreicht, und die
Steigerungsverhältnisse müssen, meiner Ansicht nach, zwischen dem 69.
und 70. Breitengrad ungefähr dieselben sein.
[35] Hier mag erwähnt werden, daß Kapitän +Hovgaard+, der Leiter
der Dijmphna-Expedition, nachdem was er mir kürzlich selbst
mitgetheilt hat, vor einer Reihe von Jahren einen Antrag an das
Ministerium einreichte, der darauf hinausging, daß die beabsichtigte
Frauenbootsexpedition an die Ostküste mit einer mit Hundeschlitten
auszurüstenden Expedition über das Inlandseis von der Ost- bis zur
Westküste verbunden werden möge, was er mit Leichtigkeit ausführen zu
können meinte. Dem Plan scheint keine weitere Aufmerksamkeit geschenkt
worden zu sein.
[36] „Grönlands Inlandseis“, „Naturen“. Bergen 1888.
Kapitel XVII.
Wir verlassen die Ostküste.
Die ersten Tage nach unserer Eiswanderung wurden, wie oben erwähnt,
zur Instandsetzung unserer Ausrüstung benutzt. Wir hatten bedecktes,
mildes Wetter mit Regen, weshalb wir unseren Aufbruch nicht beeilten;
wir hofften auf klares Wetter mit Nachtfrösten. Zu unserer Ernährung
bedienten wir uns in diesen Tagen im wesentlichen der Seevögel, die wir
während unserer Bootsfahrt an der Ostküste entlang geschossen hatten,
und die wir bis dahin aus Mangel an Zeit nicht verzehren konnten. Sie
mundeten ganz vorzüglich; es war ein köstlicher Anblick, uns auf dem
Berge um den Kochtopf herum -- der aus einem Blechkasten bestand, in
dem wir Brot gehabt hatten -- lagern zu sehen; mit den Fingern holten
wir uns dann je einen Vogel aus der Brühe, rissen ihn auseinander und
verzehrten ihn mit Hülfe der Zähne und Finger. So moderne Einrichtungen
wie Gabeln hatten wir selbstredend nicht; ich kann auch aus eigener
Erfahrung versichern, daß dies ganz überflüssige Geräthschaften
sind, -- die Gabeln, die wir vom lieben Gott bekommen haben, sind
außerordentlich praktisch, wenn man sie nur nicht in allzuheiße
Kochtöpfe hineinsteckt; aber darin gewinnt man gar bald Uebung.
Am 14. August wurde das Wetter besser, und nun beschlossen wir, Ernst
aus der Sache zu machen. Nach +Sverdrups+ und meiner Ansicht ließ
sich das Inlandseis am besten von dem Berge aus erreichen, auf dem wir
in jener Nacht gewesen waren, d. h. falls derselbe von der See aus
einigermaßen zugänglich war.
[Illustration: Die Böte werden bei unserem letzten Zeltplatz an der
Ostküste aufs Land gezogen.
(Nach einer Photographie.)]
Wir ließen deshalb unsere Böte noch einmal ins Wasser hinab, packten
alles hinein und zogen von dannen, um, wenn möglich, die Besteigung nun
endlich in Angriff zu nehmen. Aber Niemand von uns hatte den Berg von
unten gesehen, und nun stellte es sich heraus, daß er ganz steil war,
und daß ein Erklimmen mit unserer schweren Ausrüstung mit zu großen
Schwierigkeiten verknüpft sein würde. Da blieb uns denn nichts übrig,
als zu unserem Zeltplatz zurückzukehren und von dort aus anzufangen.
Noch einmal wurden unsere Böte gelöscht, und erst spät in der Nacht
waren wir mit allem fertig.
Am folgenden Tage (15. August) wurden die Böte an ihre bleibende
Ruhestätte in eine kleine Bergschlucht gebracht, wo sie einigermaßen
geschützt waren. Wir legten sie sorgfältig hin, den Kiel nach oben
und belasteten sie des Windes wegen mit schweren Steinen; hoffentlich
liegen sie dort noch. Unter die Böte legten wir ein kleines Depot von
Munition, getrocknetem Seehundsfleisch und a. m. Einiges Handwerkszeug,
hauptsächlich zum Boote gehörend, blieb ebenfalls zurück, darunter ein
Segelmacherhandschuh, den wir später schmerzlich entbehren sollten. Wie
bereits früher erwähnt, war es auch meine Absicht, eine von unseren
Büchsen hier zurückzulassen, als es aber so weit war, fanden wir
jedoch, daß sie zu hübsch war, um sich davon zu trennen.
[Illustration: Die Böte, wie wir sie verließen.
(Nach einer Photographie.)]
Auf ein kleines Stück Papier schrieb ich einen kurzgefaßten Bericht
über das Schicksal der Expedition bis zu diesem Tage, verwahrte ihn
gut in eine kleine Blechdose, und legte sie in die Brotkiste, die zu
dem Walfischfangboot gehörte und die unter demselben aufbewahrt wurde.
In diesem Bericht sage ich u. a., daß wir der besten Hoffnung sind,
glücklich bis zur Westküste zu gelangen, wenn wir nur genug Frost
bekommen. Davon sollten wir nun wahrhaftig mehr als genug verspüren!
Die Lappen schlugen vor, einen unserer großen Schlafsäcke
zurückzulassen, in dem andern, meinten sie, könnten sehr wohl vier Mann
schlafen, und sie wollten Beide in ihren Pelzen liegen; das könnten
sie selbst bei einer Kälte von 40° aushalten. Ich hielt es jedoch für
richtiger, die Sache erst ein wenig mit anzusehen, ehe wir uns von
den Schlafsäcken trennten, wir konnten ja möglicherweise doch noch
Verwendung für dieselben haben. +Balto+ meinte ganz entschieden, daß
diese Fürsorge überflüssig sei, es sei nur überflüssiges Gepäck, was
wir da mit uns herumschleppten. Sehr lange sollte er jedoch nicht
dieser Ansicht sein.
Da es am Tage sehr warm war, und der Schnee infolgedessen weich wurde,
beschlossen wir, während der Nacht zu wandern und am Tage zu schlafen.
Ungefähr um 9 Uhr Abends waren die Schlitten beladen, und wir begannen
unsere Wanderung, deren Ziel +Kristianshaab+ war. Im Anfang ging es
nur langsam; die Schneefläche, über die wir hinzogen, reichte freilich
bis an den Strand hinab, so daß wir die Schlitten von unten an ziehen
konnten, aber die Steigung war steil, und wir mußten zu Dreien an
jedem Schlitten ziehen und kurze Touren machen. Die Schlitten waren
ziemlich schwer, auf jedem befanden sich über 100 ~kg~. Als wir so hoch
hinaufgekommen waren, daß wir sie einzeln ziehen konnten, luden wir
den Inhalt ein wenig um, so daß jeder der vier Schlitten ungefähr 100
~kg~ Gepäck enthielt, während der fünfte, der von Zweien gezogen wurde,
ungefähr das doppelte Gewicht hatte.
In dieser Nacht hatten wir gutes Wetter mit etwas Frost, gerade so
viel, daß der Schnee ein wenig härter wurde. Mit Ausnahme der starken
Steigung war die Eisfläche einigermaßen gut; auf Risse im Eise stießen
wir nicht. Gegen Morgen kamen wir an ziemlich schlimmes Eis mit
zahlreichen Schluchten und Unebenheiten, die Oberfläche war jedoch
noch hart, so daß die Schlitten gut darüber hinglitten. Nachdem wir
etwa eine halbe Meile zurückgelegt hatten, schlugen wir unser Zelt in
einer Höhe von ungefähr 180 ~m~ auf. Es war ein wahrhaft himmlischer
Genuß, ein halbes Dutzend Tassen warmen Thees mit kondensirter Milch
trinken und dann in die Schlafsäcke kriechen zu können. Wir waren wohl
Alle der Ansicht, daß wir angenehmere Arbeit gekannt hatten, aber wir
schwiegen wohlweislich darüber. Gerade als wir uns schlafen legen
wollten, entdeckten wir, daß wir unser einziges Stück Schweizer Käse
an dem Orte hatten liegen lassen, wo wir gegen Mitternacht unsere
Mittagsmahlzeit einnahmen. Dies Stück Käse im Stich zu lassen, war im
Grunde zu viel verlangt, aber wir waren so müde, daß man ebenso wenig
von uns verlangen konnte, jetzt zurück zu laufen und es zu holen. Da
erbot sich +Dietrichson+ freiwillig, zurückzugehen, er thäte es gern,
sagte er, dann bekäme er einen Morgenspaziergang, ehe er sich schlafen
legte, und könnte sich gleichzeitig ein wenig umsehen, was in Bezug auf
seine Karte ganz praktisch sei. Voller Bewunderung sah ich ihm nach,
wie er frank und frei dahinschritt, -- ich konnte nicht begreifen, wie
Jemand Lust verspürte, nach dieser anstrengenden Nachtarbeit einen
Morgenspaziergang zu machen.
[Illustration: Unser Zeltplatz am Morgen des 17. August. (Von A. Bloch
nach einer Photographie.)]
Gegen Abend zogen wir weiter über dasselbe unebene Eis. Um Mitternacht
wurde es so dunkel, daß wir nicht sehen konnten, deshalb schlugen
wir um 11 Uhr unser Zelt auf, kochten Schokolade und erwarteten das
Tageslicht. Wir kamen jetzt an ebeneres Eis, aber der Schnee wurde
loser und die Risse häufiger, die meisten derselben konnten wir jedoch
mit ziemlicher Leichtigkeit umgehen. Als der Morgen dämmerte, fing es
an zu regnen, und der Regen nahm allmählich derartig zu, daß es nicht
mehr angenehm war. Natürlich zogen wir Alle unsere Regenkostüme an,
aber die waren nichts weniger als wasserdicht; der Regen strömte so auf
uns herab, daß wir bald bis auf die Haut durchnäßt waren. Wir hatten
auch nicht einen trocknen Faden mehr auf dem Leibe. Zum Frieren hatten
wir freilich keine Veranlassung, obwohl ein ziemlich scharfer Wind
blies; die Arbeit hielt uns warm, und wir mußten uns aus Leibeskräften
anstrengen, aber es war nicht angenehm zu fühlen, wie das Zeug Einem
am Leibe festklebte und jede Bewegung hinderte. Bis über den Vormittag
hinaus zogen wir rastlos weiter. Die Steigung war jetzt nicht mehr
so stark, wir konnten die Schlitten jetzt zu Zweien ziemlich leicht
ziehen. Da waren zahlreiche Spalten, weshalb wir uns in acht nehmen
mußten. Wir konnten uns nicht mit den Seilen aneinander festbinden, da
es zu schwer wurde; wir mußten uns damit begnügen, mit den Schlitten
vermittelst des starken Ziehtaues verbunden zu sein, das an dem soliden
Ziehgurt befestigt war, den wir um den Leib trugen. Wenn wir durch die
Schneebrücken über den Rissen fielen, so blieben wir auf diese Weise
dort hängen, und so lange der Schlitten nicht mit hinabgerissen wurde,
was nicht sehr wahrscheinlich war, da er eine ziemliche Länge hatte, --
konnten wir ohne Gefahr hängen bleiben, bis Einer der Anderen uns zu
Hülfe kam. Es geschah übrigens nur selten, daß wir versanken und zwar
nie weiter als bis an die Arme, brachten wir dann unsern Stock oder
die Eisaxt quer über der Spalte an, so konnten wir uns ohne Hülfe aus
dieser unangenehmen Lage befreien. Es war in der Regel leicht, die
langen Schlitten über die Risse zu bringen, sie hatten eine so große
gute Tragefläche, und es handelte sich nur darum, sie schnell hinüber
zu bekommen, dann glitten sie sicher über den Abgrund hinweg, selbst
wenn es hie und da unter ihnen krachte.
[Illustration: Das Aufsteigen auf das Inlandseis am 17. August. (Nach
einer Skizze des Verfassers.)]
Gegen 12 Uhr des Vormittags machten wir endlich Halt und schlugen unser
Zelt auf einer kleinen Fläche zwischen zwei mächtigen Spalten auf. Das
Wetter war jetzt ganz unmöglich geworden. Wir bekleideten den äußeren
Menschen mit trockenem Zeug und erwärmten den inneren durch unzählige
Tassen heißen Thees. Nachdem wir unsere Stäbe und Schneeschuhe unter
den Zeltboden gelegt hatten, um ein trockenes Lager herzurichten, und
uns, so gut es ging, gegen den Regen geschützt hatten, krochen wir
in unsere Kojen; die rauchenden Mitglieder der Expedition erhielten
auch eine Pfeife Tabak, und nun befanden wir uns äußerst wohl, während
draußen Sturm und Regen tobten. Drei Tage und drei Nächte, also vom
Mittag des 17. August bis zum Vormittag des 20., wurden wir von einem
furchtbaren Wetter mit Sturzregen und Sturm ans Zelt gebannt. Während
dieser ganzen Zeit verließen wir unsere Schlafsäcke nur auf kurze
Augenblicke, um uns Essen zu holen oder dergleichen. Den größten Theil
der Zeit verschliefen wir, -- gleich im Anfang schliefen wir volle 24
Stunden ohne Unterbrechung. Die Essenrationen wurden auf das kleinste
Quantum beschränkt, da wir nicht arbeiteten, bedurften wir auch nicht
so vieler Nahrung; ein wenig mußten wir freilich haben, um das Leben in
uns aufrecht zu erhalten, deswegen aßen wir ungefähr einmal am Tage,
-- einige der Gefährten fanden allerdings, daß dies herzlich wenig
war, und behaupteten, ihre Magen schrien vor Hunger. Wenn wir nicht
aßen oder schliefen, füllte man die Lücken im Tagebuch aus, erzählte
Geschichten, las in den Büchern der nicht sehr zahlreichen Bibliothek,
die aus dem Seekalender, der Logarithmentabelle und anderen ähnlich
interessanten Büchern, sammt einer Abhandlung von Professor +Helland+
über die mit Eis angefüllten Fjorde Grönlands bestand. Ravna und Balto
lasen, wie gewöhnlich, in ihrem Testament. Am liebsten verbrachten wir
jedoch unsere Zeit damit, das Zeltdach zu studiren und dem Plätschern
des Regens und dem Winde zu lauschen, der die Zeltwände und Pardunen
rüttelte und schüttelte.
[Illustration: Dreimal 24 Stunden im Zelt. (Zeichnung von E. Nielsen.)]
Endlich, am Vormittag des 20. August, besserte das Wetter sich so weit,
daß wir unsere Wanderung fortsetzen konnten. Vorher nahmen wir aber
noch eine kräftige Mahlzeit mit warmer Linsensuppe ein, die uns für die
Hungerkur der vorhergehenden Tage entschädigen sollte.
Wir hatten noch immer stark zerklüftetes Eis; als wir den Versuch
machten, eine Höhe zu erklimmen, die gerade vor uns lag, nahmen die
Risse in dem Grade zu, daß wir nicht weiter kommen konnten, sie liefen
nämlich nicht alle parallel, sondern schnitten sich in zwei Richtungen
quer auf einander, und da ist man bald mit seiner Kunst zu Ende.
Wir mußten zurück, um unsern Kurs nordwärts zu richten, und fuhren
nun, auf den Schlitten sitzend, hinab, zwischen den Rissen hindurch,
natürlich mußten wir aber gut acht geben, um nicht in der Tiefe zu
verschwinden.
Weiter nach Norden zu wurde das Eis besser, die Steigung war nicht mehr
so stark und der Weg überhaupt besser. An einzelnen Stellen konnten wir
sogar Jeder einen Schlitten ziehen, nur Sverdrup und ich gingen mit
dem schweren Schlitten voran, um das beste Eis auszusuchen. Der Regen
hatte das Terrain scheinbar sehr verbessert, denn der Schnee war fester
geworden oder auch zum Theil ganz weggewaschen. Wir sanken jedoch noch
tief genug ein; sobald wir nur Frostwetter bekämen, würde es vorzüglich
werden. Die Oberfläche war immer noch uneben, und Balto schreibt in
seiner Schilderung darüber:
„Am 20. (soll 22. sein) wurde das Inlandseis schrecklich uneben, es
sah aus wie große Meereswellen, und es war entsetzlich schwer, die
Schlitten auf die Wellen hinauf zu schleppen, und wenn man dann wieder
hinabging, kamen die Eisstücke hinter uns hergerollt. Das Seil, an dem
wir die Schlitten zogen, schnitt so in die Schultern ein, daß wir ein
Gefühl hatten, als seien wir verbrannt.“
Am Abend gegen 8 Uhr hatte es den Anschein, als ob der Himmel sich
aufklären wollte, und da wir es als sicher ansahen, daß in dem Falle
Frostwetter eintreten würde, machten wir sofort Halt und schlugen unser
Zelt auf, um lieber zu warten, bis das Terrain hart geworden war.
Am nächsten Morgen, den 21. August, gegen 4 Uhr weckte ich die
Kameraden. Der Himmel war wolkenlos, und obwohl das Thermometer zeigte,
daß die Luft noch Wärmegrade enthielt, hatte sich doch eine so harte
Kruste auf dem Eise gebildet, daß es uns trug. Die Steigung war noch
immer stark, und die Spalten waren groß und zahlreich, aber ohne
weitere Unglücksfälle rückten wir heute in dem herrlichsten Wetter
vor und hielten im warmen Sonnenschein, der den Schnee weicher und
weicher machte, bis hoch in den Vormittag hinein aus. Allmählich wurden
die Anstrengungen jedoch unerträglich, und ein verzehrender Durst
quälte uns. Trinkwasser gab es nicht mehr, wir sollten es erst an der
Westküste wiederfinden. Den einzigen Ersatz dafür mußten wir in dem
Wasser suchen, das wir gewannen, indem wir unsere Feldflaschen aus
Blech mit Schnee füllten und sie an der Brust, zuweilen sogar am bloßen
Leibe trugen. Wenige von uns waren jedoch warmblütig und geduldig
genug, um zu warten, bis der Schnee sich in Wasser verwandelte, man
sog lieber allmählich, als er anfing, ein wenig feucht zu werden, die
Wassertropfen ab, und so konnte denn nichts aus dem Trinkwasser werden.
[Illustration: Aussicht auf den Kiatak vom Inlandseise aus am 20.
August.
(Nach einer Zeichnung des Verfassers.)]
Endlich gegen 10 Uhr vormittags erreichten wir die Höhe, die wir uns
als Ziel gesetzt hatten; wir waren ¾ Meilen an jenem Tage gegangen.
Von hier aus war die Steigung nur schwach und das Eis ganz frei von
Rissen. Wir waren der Ansicht, daß jetzt die erste Schwierigkeit
auf dem Inlandseise überwunden sei, deswegen hielten wir eine ganz
kleine Festmahlzeit, die aus einer Extraration Haferkakes, Mysekäse
und Preißelbeerkompot bestand. Wir waren jetzt auf einer Höhe von ca.
870 ~m~ angelangt und konnten einzelne Nunataks weiter nach dem Lande
hinein erblicken, -- in nördlicher Richtung hatten wir deren schon eine
ganze Reihe gesehen.
Am Morgen des 22. August um zwei Uhr zogen wir weiter. Wir hatten einen
guten Nachtfrost gehabt (-5° C.), und der Schnee war steinhart, aber
ungewöhnlich uneben, so daß unsere Schlitten sogar mehrmals umwarfen.
Gegen 9 Uhr hatte die Sonne wieder so viel Kraft, daß wir unser Zelt
aufschlagen mußten, nachdem wir ungefähr eine Meile zurückgelegt hatten.
Mehr und mehr empfanden wir jetzt den Mangel an Wasser, weshalb wir
uns sehr auf unsern Thee freuten. Um ihn noch erfrischender zu machen,
kam ich auf den genialen Einfall, etwas Citronensäure hinein zu thun,
-- wir wußten ja Alle, daß Thee mit Citronensaft vorzüglich schmecken
sollte. Wir vergaßen freilich, daß wir bereits kondensirte Milch
hinzugefügt hatten, und wer beschreibt unsere Enttäuschung als die
Milch, sobald die Citronensäure sich mit dem Thee vermischte, in großen
Klumpen an den Boden des Gefäßes fiel. Wir tranken den Thee dessen
ungeachtet, aber der Versuch wurde nicht wiederholt.
Gegen 9 Uhr des Abends zogen wir wieder weiter. Das Eis war noch immer
sehr uneben, die Schlitten mußten bald auf die Kämme der Eiswogen
hinaufgezogen werden, bald stürzten sie in die Wellenthäler hinab. Es
ruckte und zog höchst unangenehm in den Schultern und dem Oberkörper,
und Baltos Ausdruck, daß man ein Gefühl hatte, als habe man sich
verbrannt, ist sehr bezeichnend.
Wenn also unsere Arbeit auch oft recht hart war, so hatten wir doch
auch einen Ersatz in diesen Nächten mit Nordlicht und Mondschein, --
denn auch dieser Theil der Erde besitzt seine Schönheiten. Wenn das
ewig wechselnde Nordlicht seinen märchenhaften Tanz an dem südlichen
Himmel in strahlenderer Pracht als sonst irgendwo antrat, so konnten
wir alle Mühseligkeiten und alle Anstrengungen vergessen, oder wenn
der Mond aufging und seine schweigsame Bahn über den sternbesäeten
Himmel zurücklegte, auf den Gipfeln der Eiskämme spielend und die
ganze todte, erstarrte Eiswelt in seinem Silberglanz badend, da
senkte sich ein tiefer Friede über uns, und das Leben wurde uns zur
Schönheitsoffenbarung. Ich bin fest überzeugt, daß diese nächtlichen
Wanderungen über das grönländische Inlandseis einen unauslöschlichen
Eindruck auf alle Theilnehmer der Expedition gemacht haben.
[Illustration: Anikitsok, Johnstrups Nunatak, Kornerups Nunatak u. s. w.
(Nach einer Photographie des Verfassers.)]
Als wir um Mitternacht an eine steile und schwierige Steigung kamen,
verschlimmerte sich unsere Situation: für jeden Schlitten waren
jetzt mehrere Personen erforderlich, und trotzdem war die Arbeit fast
unüberwindlich. Als wir dann aber einige hundert Fuß hoch an eine
Eisfläche kamen, die sich so weit erstreckte, wie das Auge im Mondlicht
reichen konnte, und die so hart und glatt war, wie das Eis auf einem
stillen Binnengewässer, -- da kannte unsere Freude und unser Staunen
keine Grenzen. Ueberaus froh zu Muthe, schlugen wir unser Zelt gegen
2 Uhr auf, um ein wenig zu ruhen, Kaffee zu kochen und ein wenig zu
essen, ehe wir weiter zogen. Wir waren ganz außer uns vor Entzücken
über dies herrliche Terrain, -- man konnte wohl kaum ein besseres
finden, -- und sprachen lange hin und her, wie lange es wohl währen
könne, bis wir die Westküste erreichten, falls der ganze Weg bis
dorthin dieser Eisfläche gliche. Ich meinte, daß es ganz vortheilhaft
sein würde, wenn wir unsere Schlittenlast ein wenig verringern könnten,
ohne unsern Proviant zu schmälern. Balto meinte, wir könnten wohl
die Indianertruger zurücklassen, für die hätten wir sicher keine
Verwendung. Ich erwiderte, das sei zutreffend, so lange das Terrain so
gut wäre; es könne aber Niemand wissen, wie lange das währen würde.
Da entgegnete Balto: „Zum Teufel auch, Ravna dort ist Berglappe und
hat 45 Jahre in den Bergen gelebt, aber er sagt, er hat niemals solch
Zeug benützt, und Niemand soll ihn alten Mann jetzt dazu zwingen, und
dasselbe sage ich auch. Ich bin ebenfalls Lappe, und Niemand soll uns
Lappen etwas auf dem Schnee lehren.“ Ich antwortete ihm lachend: „Ihr
Lappen haltet Euch freilich für entsetzlich klug, aber trotzdem könnt
Ihr noch verschiedenes lernen, ehe Ihr wieder nach Hause kommt“ -- und
ich erinnerte ihn daran, wie es mit den Schneebrillen ging, die er, als
ich sie ihm in Kristiania zeigte, etwas unnützes nannte. Die Lappen
aber waren es, die der Brillen zuerst bedurften.
Balto meinte, mit den Brillen, das sei etwas ganz anderes. Er könne
ja nicht leugnen, daß er sie jetzt sehr zweckmäßig finde, aber diese
Truger? Nein! Er verschwur sich hoch und heilig, daß er sie niemals an
seine Füße schnallen werde. Er war jetzt so üppig geworden, daß er sich
die Sünde, ganz nachdrücklich zu fluchen, häufiger leistete; das war
übrigens für uns Andere ganz erbaulich, da es uns ein Beweis war, daß
er sich wohl fühlte.
Leider währte die Freude mit dem glatten Eis nicht lange. Den Tag
hindurch hielt es freilich an, und ein günstigeres Terrain wie dies hat
wohl Niemand auf Grönlands Inlandseis erblickt. Wenn man es abgehobelt
hätte, so könnte es nicht besser gewesen sein. Die Steigung war eben
mit einem fast unmerklichen, langgestreckten Wogengang.
Um 11 Uhr des Vormittags machten wir Halt und schlugen unser Zelt
auf. Die Sonne schien ebenso wie an den vorhergehenden Tagen derartig
auf das Zelt, daß es dort ziemlich warm zum Schlafen war, einem der
Gefährten wurde es sogar so warm, daß er hinausging und sich auf ein
Persenning in den Schatten des Zeltes legte, um schlafen zu können.
Um ½7 Uhr waren wir wieder auf den Beinen. Als wir weiter kamen,
verschlechterte sich das Terrain; ein feiner, frischgefallener Schnee
bedeckte das harte Eis.
Wir merkten bald, daß wir mehr Nachtfrost bekommen würden, als uns
lieb war, denn auf diesem staubfeinen, frischgefallenen Schnee glitten
die Stahlschienen unter unsern Schlitten bei der Kälte von 7-8 Grad,
die wir ungefähr hatten, wie über Sand, und nachdem wir ungefähr ¾
Meilen zurückgelegt hatten, sahen wir ein, wie thöricht es war, unsere
Wanderung zu dieser Zeit fortzusetzen, jetzt war es vortheilhafter, am
Tage zu gehen, wenn der Schnee nicht so hart war. Gegen 10 Uhr schlugen
wir deshalb unser Zelt auf.
[Illustration: Das Kochen. (Nach einer Photographie.)]
Da die Last auf unsern Schlitten so groß war, daß es nicht schaden
konnte, wenn sie ein wenig geringer würde, sannen wir lange darüber
nach, ob wir nicht irgend etwas entbehren könnten. Zuerst verfielen
wir auf die Oeltuchüberzüge zu unsern Schlafsäcken. Wir waren nun so
weit gelangt, daß von außen her keine Feuchtigkeit zu befürchten war,
außer in Form von Schnee, und der mußte abgebürstet und auf andere
Weise vermieden werden, folglich waren die Ueberzüge überflüssig. Sie
aber zurückzulassen, ohne daß sie irgend welchen Nutzen stifteten,
das hielten wir für eine Thorheit, das Oeltuch war brennbar, folglich
konnten wir damit kochen. Das war eine gute Idee, die allgemeinen
Anklang fand. Es handelte sich nur darum, einen Kochtopf zu finden.
Aber alle Brotdosen waren infolge der Behandlung und der Stöße, denen
sie ausgesetzt gewesen, leck geworden. Endlich fanden wir eine, die
einigermaßen dicht hielt, und nun machten wir uns drinnen im Zelt
ans Kochen. Die Blechdose wurde wie gewöhnlich mit Schnee gefüllt
und mit Hülfe der Stahlstangen, die unter unsern Schlittenschienen
gewesen waren, so aufgestellt, daß wir Feuer darunter anmachen
konnten. Wir zerrissen das Oeltuch in schmale Stücke und zündeten
es in einer stählernen Schneeschaufel unter unserm Kessel an. Die
Oeltuchstreifen brannten vorzüglich, die Flamme schlug hoch an den
Seiten des Blechkessels in die Höhe und warf einen schönen röthlichen
Schein in den Zeltraum und auf die 6 Männer, die um das Feuer herum
saßen, in die Gluth starrend und bei sich denkend, daß das Leben
jetzt erst anfange, wirklich gemüthlich zu werden. Aber alle Freuden
auf dieser Erde sind von kurzer Dauer, und das Kochen mit Oeltuch in
einem Zelt ohne Rauchfang, das ist die flüchtigste Freude, an der ich
theilgenommen habe. Das Oeltuch rauchte nämlich derartig, daß das
Zelt nach Verlauf von wenigen Minuten so voll von Rauch war, daß wir
uns kaum gegenseitig hätten sehen können, selbst wenn wir im stande
gewesen wären, unsere Augen aufzuhalten. Es nützte nichts, daß wir die
Zeltthür öffneten, denn wenn auch etwas Rauch hinausging, so wurde
er sofort ersetzt, und das Rauchmeer wurde dichter und dichter, die
Freude an unserm Feuer war uns längst vergangen. Wenn man das eine Auge
ein wenig öffnete, so erblickte man nur einen matten Lichtschimmer
durch den dichten Nebel. Die meisten der Gesellschaft erwählten den
vernünftigsten Theil, indem sie sich in die Schlafsäcke begaben und
die Klappe über dem Kopf fest zuzogen. Zwei mußten jedoch ausharren,
um auf das Feuer Acht zu geben, so daß der Schnee geschmolzen und der
Thee gekocht werden konnte. Indem man bald das eine, bald das andere
Auge ein klein wenig öffnete und den Kopf von Zeit zu Zeit aus der
Zeltthür steckte, um eine Portion frischer Luft einzusaugen, ging es
so einigermaßen, und der Schnee begann zu schmelzen. Das Kochgeschirr
erwies sich jedoch leider als sehr leck und wir mußten etwas anderes
ausfindig machen. Der Deckel von der Blechdose, die unsere Apotheke
enthielt, war sicher dicht, aber er faßte nur die halbe Portion, die
wir nöthig hatten. Uns blieb jedoch nichts anderes übrig, als ihn neben
der Blechdose anzuwenden; indem wir letztere auf die Seite stellten,
wo sie am wenigsten leckte, ging es einigermaßen. Wir heizten tüchtig
unter und verwandelten das Zelt in eine wahre Hölle, bis das Wasser
kochte und ich unsern Thee bereitete.
Am nächsten Morgen kochten wir abermals mit Oeltuch, waren nun aber
so vernünftig, den Feuerherd draußen vor das Zelt zu verlegen. Wir
schmolzen eine tüchtige Portion Schnee, die außer zu einer guten
warmen Kerbelsuppe mit Fleischpepton ausreichte, um unseren Durst
wirklich einmal ganz zu stillen. Das Wasser wurde durch einen Zusatz
von Citronensäure, Citronenöl und Zucker in die köstlichste Limonade
verwandelt. Dies war das letzte Mal, daß wir unseren Durst löschen
sollten, bis wir an die Westküste gelangt waren, denn wir mußten sehr
sparsam mit dem Brennmaterial umgehen.
Es gewährte einen ganz eigenthümlichen Anblick, als wir uns an jenem
Morgen bei hellem Tageslicht wiedersahen. Großer Gott, wie wir
aussahen! Mit unserer Gesichtsfarbe, die bis dahin ziemlich hell
gewesen, und die Wind und Wetter ziemlich reingewaschen, war eine
vollständige Veränderung vorgegangen. Hie und da saßen so dicke
Rußkleckse, daß wir sie mit dem Messer abkratzen konnten, besonders
alle Runzeln und Unebenheiten waren mit diesem Stoff gefüllt, wie
sich große Mengen davon auf allen vorspringenden Gesichtstheilen, wie
Augenbrauen, Kinnbacken, Unterlippe, Kinn u. s. w., angesammelt hatten.
War man von Natur mit blondem Haar und Bart ausgestattet, so war dies
jetzt ganz rabenschwarz geworden, nur die Augäpfel und die Zähne waren
weiß geblieben und glänzten ganz unheimlich aus dem schwarzen Gesicht
heraus.
Wenn ich erzähle, daß wir uns trotz solcher Unregelmäßigkeiten nicht
wuschen von dem Augenblick an, wo wir den Jason verließen, bis zu dem
Tage, wo wir die Westküste erreichten, so werden kurzsichtige Leser
uns gewiß für große Ferkel halten. Aber das müssen wir hinnehmen.
Ich will hier doch hinzufügen, daß wir unter gewöhnlichen Umständen
die Gewohnheit hatten, uns zu waschen; wenn es aber auf dieser Reise
nicht geschah, so hatte es seine guten Gründe. Erstens hatten wir auf
dem Inlandseise nur das wenige Wasser, das wir am Morgen und am Abend
auf Spiritus schmolzen, und das noch geringere Quantum, das wir im
Laufe des Tages auf unserem eigenen Körper schmelzen konnten. Wenn
man nun, wie das bei uns der Fall war, stets einen brennenden Durst
hatte, und Einem die Wahl gestellt wurde, diese Portion Wasser entweder
zum Waschen oder zum Trinken zu benutzen, oder auch, sich erst damit
zu waschen und dann zu trinken, -- so glaube ich, daß selbst die
beschränktesten Menschen, wenn es so weit kommen sollte, es vorziehen
würden, das Wasser ausschließlich zum Trinken zu benutzen.
Zweitens ist es ein sehr zweifelhaftes Vergnügen, sich bei einer
Temperatur zu waschen, in der das Waschwasser gefriert, falls es
einige Minuten steht, in der die Finger steif frieren, ehe sie aus dem
Waschbecken an das Gesicht gelangen, und in der das Gesicht ebenso
friert, sobald es mit dem Wasser in Berührung kommt. Ich glaube, es
giebt nicht viele Menschen, die unter diesen Umständen etwas anderes
als eine theoretische Beredsamkeit für die Reinlichkeit übrig haben.
Drittens aber war es uns geradezu untersagt, uns zu waschen, selbst
so lange wir Wasser genug hatten und es warm genug dazu war, und zwar
aus dem Grunde, weil es bei einem Sonnenschein, wo das Licht nicht
allein von oben kommt, sondern auch von dem Schnee zurückgestrahlt
wird, seine Gefahren hat, verschwenderisch mit dem Wasser umzugehen.
Das Sonnenlicht greift nämlich in diesem Fall die Haut stark an,
so daß sie spröde wird und abblättert, ja es können sogar Wunden
dadurch entstehen, die große Unannehmlichkeiten und heftige Schmerzen
verursachen. Ich glaube, Niemand wird lange zögern, wenn er zwischen
diesen Uebeln und Unreinlichkeit seine Wahl treffen soll. Es würde
vielleicht einen guten Eindruck machen, wenn wir anstandshalber sagen
wollten, daß es uns sehr schwer geworden sei, uns während einer so
langen Zeit nicht waschen und unsere Kleider nicht wechseln zu können,
leider aber schulden wir es der Wahrheit, zu gestehen, daß wir uns ganz
außerordentlich wohl dabei fühlten.
Während des 24. August hatten wir ein ganz elendes Terrain, der
frischgefallene Schnee wurde härter und härter und war dabei so tief,
daß wir jetzt oft bis zu vier Zoll versanken; außerdem hatten wir
eine starke Steigung zu überwinden. Um den Muth aufrecht zu halten,
wurde jede Viertelmeile, die wir zurücklegten, mit einer Tafel
Fleischpulverschokolade pro Mann belohnt.
Unsere Mittagsmahlzeit, die wir am Nachmittag abhielten, wurde abermals
mit Oeltuch gekocht, doch benutzten wir außerdem als Brennmaterial noch
ein Reservestativ unseres Theodolits, das überflüssig war, sowie eine
Anzahl von Holzschienen zum Verbinden gebrochener Arme und Beine, die
wir bis dahin in unserer Apotheke mit uns geführt hatten; jetzt, wo
wir das zerklüftete Eis glücklich hinter uns hatten, hielten wir die
meisten dieser Schienen wie auch die Gipsverbände für überflüssig und
entledigten uns ihrer.
Wir behielten nur einen ganz kleinen Bedarf zurück für den Fall, daß
beim Herabsteigen durch das zerrissene und zerklüftete Eis, das wir an
der Westküste vorzufinden glaubten, ein Unglück geschehen sollte.
Am Abend wurde es, sobald die Sonne untergegangen war, wieder fühlbar
kalt, der Schnee wurde schwieriger denn je, und wir schlugen unser Zelt
auf. Wir hatten an jenem Tage nicht mehr als eine Meile zurückgelegt.
Da nur wenige Stunden verflossen waren, seit wir unser Mittagsmahl
verzehrt hatten, einigten wir uns dahin, vor dem Schlafengehen nur
einige von den dünnen Haferkakes zu uns zu nehmen. Hierzu genossen wir
etwas Schnee, den wir mit Citronenöl, Citronensaft und Zucker vermischt
hatten und der das erquicklichste Dessert bildete, das ich je gegessen
habe. Es glich vollständig dem in Italien so gebräuchlichen „Granita“,
ja, wenn man frischgefallenen und ganz feinen Schnee dazu verwendet,
schmeckt es noch weit besser. Es war eine eigenartige Stimmung, die
mich ergriff, als wir da draußen vor dem Zelt saßen, unseren Schnee
und die spärlichen Kakes in so kleinen Bissen wie nur möglich genossen
und dabei zum Mond aufschauten, der sein silbernes Licht über dies
unendliche Schneemeer ergoß; unwillkürlich flogen meine Gedanken zu
den Umgebungen zurück, in denen ich zuletzt Granita gegessen. Es war
ebenfalls Mondschein, aber es war eine warme Sommernacht im Golf
von Neapel, und das Mondlicht zitterte auf den dunklen Wogen des
Mittelländischen Meeres. -- --
Am 25. August war die Steigung noch immer stark, und das Terrain war
noch schlechter, wir hatten jetzt 6-8 Zoll losen Schnee; dabei blies
uns ein scharfer Wind gerade ins Gesicht, was die Situation bedeutend
verschlimmerte.
Da wir fanden, daß unsere Mittagsrast uns reichlich Zeit nahm, faßten
wir den glücklichen Gedanken, auf dem Schlitten zu kochen, während wir
auf der Wanderung waren, wodurch wir die lange Zeit sparten, die wir
sonst mit dem Kochen verbrachten. Der Kochapparat wurde hinten auf den
einen Schlitten gestellt, wir entzündeten das Feuer, und während der
Schnee sich allmählich in Wasser verwandelte, in das wir Bohnenwurst
thaten, zogen wir unbekümmert weiter, ganz stolz über diese geniale
Erfindung. Als die Suppe anfing zu kochen, machten wir Halt, schlugen
unser Zelt auf und trugen den Apparat vorsichtig hinein; aber gerade in
dem Augenblicke, als wir uns hinsetzen und uns an diesem königlichen
Mahl delektiren wollten, machte ich eine ungeschickte Bewegung, das
Kochgeschirr fiel um, und die kostbare Bohnensuppe floß mit dem
brennenden Spiritus, mit Wasser und halbgeschmolzenen Schneeklumpen
aus dem oberen Schmelzgefäß zusammen über den Zeltboden. Wie auf
einen Zauberschlag waren alle Mann auf den Beinen, alles, was im
Zelte lag und stand, wurde hinausgeworfen, wir faßten den Boden des
Zeltes an allen Ecken an, so daß die Suppe sich in der Mitte in einer
Vertiefung ansammelte und von hier aus wurde sie dann wieder in das
Kochgeschirr geschöpft und weiter gekocht. Es war kaum ein Tropfen
verloren gegangen! Unter solchen Umständen ist es sehr zweckmäßig,
einen wasserdichten Segeltuchfußboden zu haben. +Balto+ sagt von dieser
Bohnensuppe, „daß sie freilich nicht ganz rein war, da der Fußboden
ziemlich schmutzig war, aber das durfte nicht schaden. Sie schmeckte
uns deswegen ebenso gut, denn unsere Magen waren ziemlich leer.“ Daß
die Suppe einen kleinen Zusatz von Spiritus erhalten hatte, erwähnt er
nicht; es war nur sehr wenig, und seiner Meinung nach erhöhte es nur
den Wohlgeschmack.
Als wir endlich warm und gut in unserem Zelt saßen und unser
Mittagsmahl in aller Ruhe verzehrten, zog ein unliebsamer Schneesturm
herauf, zunächst freilich nur ein Gestöber, aber wir hatten es gerade
im Gesicht, als wir weiter zogen, und gegen Abend nahm auch der Wind
zu. Bei einer Kälte von neun Grad war das nicht sehr angenehm. Wir
gingen indessen, so gut wir konnten, dagegen an und erklommen eine
steile Höhe, die Köpfe vorübergebeugt, gleich Mönchen in unsere Kapuzen
gehüllt, während der feine Schnee alle möglichen Anstrengungen machte,
um in alle Poren und Oeffnungen unserer Regenkleider zu dringen.
Erst spät am Abend schlugen wir unser Zelt auf und krochen in die
Schlafsäcke. Zwei Haferkakes, eine kleine Tafel Fleischpulverschokolade
und ein wenig Citronengranita mundeten uns vorzüglich, während wir
auf unserem Lager ausgestreckt lagen und der Mond sein friedliches
Licht durch eine Spalte in der Zeltthür warf. Wind und Schneegestöber
glaubten wir ausgeschlossen zu haben.
Der Schneesturm raste die ganze Nacht hindurch, und als ich am nächsten
Morgen (26. August) aufstand, um Kaffee zu kochen, war ich nicht wenig
überrascht, als ich mich selbst, die Schlafsäcke, die Säcke mit unsern
Kleidern, kurz alles unter Schnee begraben fand; er war durch alle
Spalten eingedrungen und hatte das ganze Zelt angefüllt. Als ich die
Füße in die Schuhe stecken wollte, waren auch diese voller Schnee, und
als wir uns nach unsern Schlitten umsahen, waren sie halb verschwunden.
An allen Seiten des Zeltes lagen große Schneeschanzen. Wir hatten doch
trotz alledem einen angenehmen Sonntagmorgen mit Kaffee und Frühstück
im Bett.
Der Schneesturm raste den ganzen Tag hindurch, und es wurde schwerer
und schwerer ihm entgegen zu gehen, da der Schnee immer loser
wurde. Ich überlegte, ob ich die Schlitten nicht zusammenbinden und
den Versuch machen sollte, mit Hülfe von Segeln gegen den Wind zu
kreuzen. Auf diese Weise konnte es lange währen, ehe wir Kristianshaab
erreichten. Wir mußten auf eine Veränderung zum Guten hoffen; --
an diesem Tage blieb aber alles beim Alten. Wir arbeiteten uns
durch den Schnee, so gut wir konnten. Nachdem wir eine Viertelmeile
zurückgelegt hatten, gelangten wir an eine Höhe, die wir erklimmen
mußten; die Steigung war jedoch so steil, daß wir die Schlitten nur
zu Dreien hinaufbefördern konnten, und trotzdem war es noch eine sehr
beschwerliche Arbeit. Bei einer Aufmessung stellte es sich heraus, daß
die Steigung ungefähr 1 Fuß auf 4 Fuß vorwärts betrug. Als wir nach
einer Wendung wieder hinabstiegen, wandte sich Kristiansen, der nur
selten eine Bemerkung machte, an Dietrichson und sagte: „Großer Gott,
daß die Menschen es so schlecht mit sich selbst meinen, daß sie sich
auf so etwas einlassen können!“
Kapitel XVIII.
Wir verändern unsere Route auf Godthaab. Einige Mittheilungen über
Klima und Schneeverhältnisse.
Spät am Abend des 26. August machten wir Halt, nachdem wir eine Höhe
von ungefähr 1990 m erreicht hatten. Infolge der Erfahrungen, die wir
in der letzten Nacht gemacht hatten, trugen wir jetzt Sorge dafür, uns
besser gegen den Schneesturm und den feinen, alles durchdringenden
Schneestaub zu schützen. Wir schaufelten den Schnee fort, so daß wir
eine Schneeschanze an der Windseite erhielten, stellten außerdem einen
Schlitten gegen die Zeltwand, die gleichfalls nach der Windseite lag
und bedeckten ihn mit Persenningen, wodurch wir uns ein ziemlich
warmes Nest schufen. Wir waren alle in rosigster Laune, lautes Lachen
erschallte, und der Theekessel summte über der Spiritusflamme, die ein
schwaches Licht auf die kleine seltsame Gruppe in dem kleinen Raum
warf, wo trotz aller Vorsichtsmaßregeln der Schnee lustig herumwirbelte
und alles mit einer feinen weißen Schicht bedeckte.
Als der Thee fertig war, zündeten wir eins der fünf Stearinlichter an,
die ich zum Photographiren mitgenommen hatte, und dies machte den Abend
äußerst gemüthlich. Was kümmerte es uns, daß der Sturm draußen heulte
und die Wände unseres Zeltes erzittern machte!
Als wir am nächsten Morgen (27. August) erwachten, hatte sich der
Schneesturm noch immer nicht gelegt, aber das Zelt war doch nicht so
voller Schnee wie am vorhergehenden Morgen. Da ich das Stampfen in
dem losen Schnee gegen den Wind satt hatte, so beschloß ich, daß wir
gleich an jenem Morgen einen Versuch machen wollten, unsere Schlitten
mit Segeln zu bespannen. Hier stieß ich jedoch auf ziemlich starken
Widerspruch, besonders von seiten der Lappen. +Ravna+ setzte ein ganz
jämmerliches Gesicht auf, und +Balto+ schimpfte unbeschreiblich.
„Nun ja, zum Teufel auch! So verrückte Leute sind mir noch niemals
vorgekommen. Sie wollten auf Schnee segeln!“
Er meinte, wir könnten ihn gewiß mancherlei lehren, wie z. B. das
Segeln auf der See und dergl. m., ihn aber etwas auf dem Lande und gar
auf dem Schnee lehren zu wollen, nein, das sollten wir uns nur nicht
einbilden, das sei ein „Satans-Unsinn“. Er sparte nicht an Worten, aber
es half ihm alles nichts, er mußte sich fügen, die Schlitten wurden
nebeneinander hingestellt und zu zwei Flößen zusammengebunden, -- das
eine aus zwei, das andere aus drei Schlitten bestehend. Zu dem ersten
Floß wurde der Zeltboden als Segel benutzt, bei dem andern, zu dem
+Balto+, +Ravna+ und +Dietrichson+ gehörten, sollten zwei Persennings
dieselben Dienste leisten.
Es war anfänglich meine Absicht gewesen, die Zeltwände hierzu zu
benutzen, wir wagten es jedoch nicht, sie preis zu geben; sie waren
zu dünn, und etwas Unangenehmeres als eine Beschädigung des Zeltes
in diesen Umgebungen konnte uns nicht begegnen. Als die Persennings
aufgespannt waren, riß der Wind sie jedoch voneinander, und nun mußten
sie zusammengenäht werden. Es war keine Kleinigkeit, in der Kälte und
bei dem Schneetreiben mit bloßen Händen dazusitzen und zu nähen. Wir
mußten gut acht geben und die Finger tüchtig schlagen, und so wurden
wir denn nach den verschiedensten Schwierigkeiten und einer sechs- bis
siebenstündigen Arbeitszeit endlich gegen Nachmittag flott.
Wir sahen jedoch gar bald ein, daß aus dem Kreuzen gegen den Wind
nichts werden konnte. Jedenfalls erreichten wir damit nicht viel. Ich
hatte mir in der Beziehung auch keine großen Hoffnungen gemacht und
einen andern Plan gefaßt. Ich war mir ganz klar darüber, daß wir bei
diesen Eisverhältnissen und diesem widrigen Wind keine Aussicht hatten,
Kristianshaab vor Mitte September zu erreichen. Um die Zeit ging das
letzte Schiff nach Kopenhagen ab, und damit war uns die Möglichkeit
genommen, die Heimath noch in diesem Jahr zu erreichen. Diese Aussicht
schien mir damals höchst fatal, ein ganzer Winter würde mit einem
Winteraufenthalt in Grönland verloren gehen, und die Gefährten
würden sich alle nach der Heimath sehnen. Meine Kenntnisse der
Schiffahrtsverhältnisse an der Westküste von Grönland waren nur sehr
mangelhaft, und ich nahm an, daß dasselbe Schiff, das Kristianshaab im
September verließ, die südlich gelegenen Häfen anlaufen würde. Ich zog
daraus die Schlußfolgerung, daß wir mehr Aussicht auf eine Rückkehr in
die Heimath im Laufe dieses Jahres haben würden, wenn wir unsern Kurs
auf einen dieser südlicheren Häfen richteten, und meinte, daß Godthaab
in dem Fall ein guter Ort sein müsse. Auch andere Gründe sprachen
dafür, diese Richtung einzuschlagen, vor allen Dingen glaubte ich, daß
die Untersuchung des Eises dort von größerem Interesse sein müsse da
es bis dahin ja völlig unbekannt war, während +Nordenskjölds+ beide
Expeditionen viele werthvolle Aufklärungen über die Eisverhältnisse
südöstlich von Kristianshaab verschafft hatten. Als dritter Grund
galt, daß die Jahreszeit so weit vorgeschritten war, und der Herbst
auf dem Inlandseise wohl kaum gelinde sein würde. Der Weg bis an den
Fjord, an dem Godthaab lag, war aber bedeutend kürzer als der bis nach
Kristianshaab, daher konnten wir darauf rechnen, falls wir die erste
Richtung einschlugen, schneller ans Ziel zu gelangen und keiner so
scharfen Kälte ausgesetzt zu sein. Freilich wußten wir nicht, ob die
Beschaffenheit des Eises dort sich zum Absteigen eignete, und ob der
Weg bis zu der Kolonie selbst nicht ebensoviel Zeit erforderte wie der
nach Kristianshaab, denn bei Godthaab war die Strecke über das kahle
Land von dem Inlandseise aus so bedeutend länger, ja vielleicht hatte
es seine großen Schwierigkeiten, dort vorwärts zu kommen. Auf irgend
eine Weise mußten wir die Kolonie aber erreichen können, und wenn es
keinen anderen Ausweg gab, so mußten wir unsere Zuflucht zu dem Wege
über die See nehmen.
Dies alles ging mir an jenem Vormittag durch den Kopf, die Karte wurde
fleißig studirt, in aller Stille Berechnungen gemacht, und das Resultat
war, daß ich mich für den Weg nach Godthaab entschied. Ich war darauf
vorbereitet, in der Nähe von Godthaab auf schwieriges Eis zu stoßen,
weil dort so viele Gletscher sind, die das Eis abschieben, aber ich
hatte die feste Zuversicht, daß es irgendwo gehen müsse.
Der Punkt, an dem ich zu enden gedachte, war genau derselbe, wo wir in
Wirklichkeit anlangten -- ungefähr beim 64° 10′ N. Br. Ich hielt diesen
Punkt für den besten, weil sich hier kein Gletscher befand, während
nach der Karte, die übrigens völlig unrichtig war, sowohl im Norden wie
im Süden mächtige Gletscher sich bis ans Meer hinan erstrecken sollten.
Meiner Meinung nach mußte man nun zwischen zwei Gletschern einen
Gürtel oder, wenn man will, eine Vertiefung finden, in dem das Eis
einigermaßen ruhig liegt, und wo es infolgedessen ziemlich eben ist.
Soweit meine Erfahrung reicht, hat sich dies ja auch als zutreffend
erwiesen.
Als ich den Anderen meinen Entschluß, nach Godthaab zu gehen,
mittheilte, waren sie Alle sehr damit einverstanden. Es schien, als
habe man schon genug vom Inlandseis und sehne sich nach gastlicheren
Gegenden. So wurden denn die Segel gehißt, und gegen 3 Uhr des
Nachmittags zogen wir von dannen so hoch gegen den Wind, wie wir nur
liegen konnten, aber es wurde niemals höher als quer, ja schließlich
sogar einen Strich niedriger als quer. Da der Wind rechtweisend Nord
bis West war, wurde unser Kurs auf diese Weise bedeutend südlicher als
Godthaab, weil uns aber der Wind half, war es doch vortheilhafter für
uns, die Segel zu benutzen und so niedrig zu liegen, statt zu ziehen.
Wenn wir es so einrichteten, daß zwei von uns vorangingen und zogen,
während einer hinterherging und steuerte, konnte es ganz gut gehen. Und
obwohl wir so spät ausgerückt waren und ziemlich früh am Abend Rast
machten, kamen wir an jenem Tage doch über eine Meile vorwärts.
Je weiter wir kamen, desto mehr beschäftigte mich der Gedanke, wie wir
am besten vom Inlandseis zu den menschlichen Wohnungen hinabgelangen
könnten. Nach der Karte zu urtheilen, schien es eine ziemlich wilde
Gegend zu sein mit Bergen, Thälern und Fjorden, am besten war es
scheinbar in der Richtung gegen den Wohnort Narsak, an der Südseite
der Mündung des Ameralikfjord, südlich von Godthaab. Aber auch hier
konnte es möglicherweise seine Schwierigkeiten haben, vorwärts zu
kommen, und der Gedanke an den Seeweg drängte sich mehr und mehr in
den Vordergrund. Es lag ja klar auf der Hand, daß wir in unseren
beiden Waterproofs-Persennings und dem wasserdichten Segeltuchboden
unseres Zeltes Material genug besaßen, um ein Boot zu bauen, --
Holzmaterial für die Spille, die Ruder und dergleichen konnten wir von
den Schneeschuhen, Stäben, Bambusstangen und dem Schlitten nehmen, es
würde sich ausgezeichnet machen lassen --, und wenn wir allesamt an
die Arbeit gingen, konnte es kaum lange währen, bis das Boot fertig
war. Als ich erst zu diesem Resultat gekommen war, theilte ich eines
Tages +Sverdrup+ meinen Plan mit. Nach einigem Ueberlegen war er damit
einverstanden, und nun beredeten wir während unserer Wanderung, wo
es immer gut ist, wenn man die Gedanken mit etwas beschäftigen kann,
häufig miteinander, wie das Boot in diesem Fall am besten zu bauen sei.
Während der folgenden Tage hatten wir dasselbe Wetter mit Sturm
und Schneetreiben. Des Nachts fürchtete ich mehrmals, daß das Zelt
zerrissen werden könne, -- am Morgen, wenn wir weiter wollten, mußten
die Schlitten aus den Schneeschanzen herausgegraben werden; wir mußten
sie abladen, um die Schienen von Eis und Schnee zu befreien, sie wieder
zusammenbinden und die Segel von neuem aufspannen, und diese Arbeit
war nicht leicht bei starker Kälte und dem schneidenden Schneesturm;
besonders das Zusammenbinden, das, wenn es halten sollte, mit bloßen
Händen geschehen mußte, war ein saures Stück Arbeit. Hatten wir unsere
Schlitten endlich flott gemacht, so mußten wir den ganzen Tag durch den
Schnee stampfen, und das war schwer genug, man mochte vor den Schlitten
gehen und ziehen oder hinterdrein und steuern. Am schwersten war es,
am Abend das Zelt aufzuschlagen, denn erst mußte der Zeltboden mit den
Zeltwänden verbunden werden, was vermittelst Schnürung geschah und mit
bloßen Händen ausgeführt werden mußte, wobei man acht zu geben hatte,
daß sie nicht abfroren. So geschah es mir eines Abends während der
Arbeit, daß ich plötzlich entdeckte, daß meine Finger an beiden Händen
bis zur Handfläche völlig weiß waren. Ich zog daran, sie fühlten sich
völlig wie Holz an, so hart und leblos waren sie. Durch Reiben mit
Schnee und Klopfen wurde der Blutumlauf jedoch bald wieder in Ordnung
gebracht, und die Farbe kehrte zurück.
Am 28. August hatte +Kristiansen+ das Unglück, am Rande einer
Schneeschanze fehlzutreten und eines seiner Beine im Kniegelenk zu
verrenken. Er war mehrere Tage lang so elend, daß ihm das Gehen schwer
wurde, aber durch fleißige Massage erholte er sich bald wieder. Es
machte einen merkwürdigen Eindruck, ihn mitten im Schneetreiben und
in der schneidenden Kälte mit entblößtem Bein dasitzen zu sehen,
während +Dietrichson+ ihn massirte. Am 28. August bekamen auch die
Lappen kranke Augen, -- merkwürdigerweise waren sie, wie bereits
erwähnt, die Ersten, die an Schneeblindheit litten, und sie blieben
auch die Einzigen. +Balto+ mußte ich Kokainlösung in seine Augen
tröpfeln, und bei sorgfältiger Benutzung der Schneebrillen und des
rothen Seidenschleiers wurden sie bald wieder gesund. Wir Anderen kamen
glücklich um diese Krankheit hinweg, die viele arktische Reisende für
ganz unvermeidlich erklärt haben. Wenn man dunkle Brillen und Schleier
anwendet, kann man sich sehr wohl dagegen schützen. Obwohl wir die
Sonne nur am Tage hatten, wirkte sie doch während der kurzen Zeit
schlimm genug. Mitten am Tage konnte die Wirkung der Sonnenstrahlen
geradezu intensiv sein. Im wesentlichen trug hierzu der Umstand
bei, daß die Luft in der Höhe, in der wir uns befanden -- 2000 ~m~
-- sehr dünn war; eine starke Wirkung übten selbstverständlich aber
auch die großen, ebenen Schneeflächen aus, welche die Sonnenstrahlen
zurückwarfen. An unserer Gesichtshaut war dies mehr oder minder zu
verspüren, wir waren ganz braun gebrannt, und an den vorstehenden
Gesichtstheilen wie z. B. der Nase blätterte die Haut bei uns Allen
ab. Besonders +Kristiansens+ Gesicht litt sehr von der Sonne, seine
Backen schwollen auf und waren mit Blasen bedeckt. Sie sahen aus, als
seien sie abgefroren, und verursachten ihm große Schmerzen. Von nun
an wurden wir sorgfältiger in Benutzung unserer rothen Seidenschleier,
wodurch wir den schädlichen Einfluß der Sonne milderten.
Es sah ganz eigenthümlich aus, wie diese feinen Seidenschleier in der
blauen Luft flatterten. Sie zogen unwillkürlich unsere Gedanken in die
Heimath, auf unsere Promenaden, zu den prächtigen Equipagen, eleganten
Damengestalten, den strahlenden Augen, -- statt dessen erblickten
wir hier sechs Männer, nichts weniger als elegant, die ihre eigenen
Equipagen zogen, welche ebenfalls nicht an Eleganz litten, und hinter
den Schleiern guckten nur sehr schmutzige, wettergebräunte Gesichter
hervor.
Am Nachmittag des 29. August legte der Wind sich, weswegen es sich
nicht mehr verlohnte zu segeln. Wir nahmen deshalb die Segel ab und
fingen an zu ziehen mit direktem Kurs auf Godthaab.
[Illustration: Das Ziehen auf Indianertrugern.
(Nach einer Photographie.)]
An jenem Tage wurde der Schnee so lose und tief, daß +Sverdrup+,
+Dietrichson+ und ich die Indianertruger unter die Füße schnallten.
Es verursachte uns jedoch im Anfang ziemliche Schwierigkeiten, diese
Einrichtungen zu benutzen, welche wir früher nicht ausprobirt hatten.
Bei den ersten Schritten fielen wir unaufhörlich auf die Nase: bald
spreizten wir die Beine nicht genug, der eine Schneeschuh schlug gegen
das andere Bein und kopfüber ging’s. Dann nahmen wir uns eine Weile
in acht, bis wir die eine Truge auf die anderen setzten, und als wir
wieder ausschreiten sollten, fielen wir abermals auf die Nase; nun
spreizten wir die Beine mehr, und infolgedessen ging es gut, bis sich
die Spitze einer Truge in den Schnee bohrte, und wir wieder da lagen.
Auf diese Weise ging es eine ganze Zeit, -- immer lagen wir auf der
Nase und wühlten im Schnee, allmählich aber gewöhnten wir uns an die
Benutzung der Schneeschuhe und fanden sie schließlich sehr praktisch.
Sie hielten uns vorzüglich über dem Schnee, und wir konnten festen
Fuß damit fassen. Jetzt bereuten wir, daß wir uns ihrer nicht früher
bedient hatten. Auch +Kristiansen+ machte einen Versuch, aber er konnte
nicht damit fertig werden; nachdem er wohl zwanzigmal auf der Nase
gelegen hatte, wurde er so ärgerlich, daß er sie auf den Schlitten warf
und die norwegischen Truger anschnallte, aber die sanken in den Schnee
und waren bedeutend schwerer. Die Lappen, die sich früher so hoch und
heilig verschworen hatten, „diese dummen Einrichtungen“ niemals zu
benutzen, konnten sich jetzt natürlich nicht dazu bequemen, sie in
Gebrauch zu nehmen, sie sahen uns dumme Menschen voller Verachtung und
Mißbilligung an, als wir sie anschnallten. Es gewährte ihnen scheinbar
eine große Befriedigung, als sie uns im Anfang einmal über das andere
auf die Nase fallen sahen; als es aber allmählich besser ging, und wir
ihnen offenbar sehr überlegen waren, da konnte +Balto+ es nach einer
Weile nicht mehr aushalten, er kam mit einer vorsichtigen Anfrage, ob
es sich wirklich gut darauf gehen ließ; und diese Frage wiederholte
er mehrmals. Es war ganz klar, daß er die größte Lust hatte, die
Truger einmal zu versuchen, trotz seiner früheren Verurtheilung dieser
„dummen Einrichtung“. Da wurde am Morgen des 30. August der Schnee
derartig, daß wir Skier anwenden konnten, und nun schnallte er diese
statt jener an. +Ravna+ wartete noch eine Weile, dann griff auch er --
auf +Baltos+ Rath -- nach den Skiern. Es währte nicht lange, so hatte
auch +Kristiansen+ die seinen angelegt. Da ich indessen fand, daß die
Indianertruger, so lange wir die starke Steigung hatten, vortheilhafter
waren, so fuhren +Sverdrup+ und ich mit der Benutzung derselben bis zum
2. September fort, während +Dietrichson+ seine Skier schon einen Tag
früher hervorholte.
Unser Leben verlief in dieser ganzen Zeit wie auch in den folgenden
drei Wochen ganz ungewöhnlich einförmig und ohne jegliche Spur von
erwähnenswerthen Ereignissen. Da war es denn kein Wunder, daß die
geringsten Kleinigkeiten zu bedeutenden Begebenheiten anwuchsen und die
Tagebuchblätter aus jener Zeit anfüllten. Daß wir zum letztenmal Land
sahen, war z. B. ein Ereigniß, das erwähnt werden mußte; so schreibt
Dietrichson: „Ungefähr um 10 Uhr des Vormittags (31. August) erblickten
wir zum letztenmal bloßes Land. Auf dem Kamm einer Welle (oder eines
schwachen Höhenrückens im Terrain) entdeckten wir eine Spur von einem
Nunatak, der seit vielen Tagen außer uns selbst und den Schlitten der
einzige dunkle Punkt gewesen war, auf den wir unsere Augen richten
konnten. Jetzt verschwand er ebenfalls“. Diesem unseren letzten
Nunatak gaben wir den Namen +Gaméls Nunatak+.
Daß ein so merkwürdiges Ereigniß wie der Anblick eines Schneesperlings
notirt werden mußte, versteht sich von selbst. Ich schrieb darüber:
„Eine Stunde nachdem wir den letzten Nunatak aus den Augen verloren
hatten, wurden wir nicht wenig überrascht, als wir plötzlich
Vogelgezwitscher in der Luft vernahmen und einen Schneesperling auf
uns zuflattern sahen. Er umkreiste uns ein paarmal, ließ sich dann
dicht neben uns im Schnee nieder, legte das Köpfchen auf die Seite und
schaute uns an, hüpfte darauf munter über den Schnee dahin, zwitscherte
ein wenig und flog gen Norden, unseren Blicken verschwindend. Dies war
der letzte Gruß, den das Land uns sandte.“
Während der letzten Tage des August hatten wir noch Steigung. Wir
hofften beständig, das Hochplateau zu erreichen und an die letzte
Steigung gelangt zu sein; wenn wir aber hinaufkamen, fanden wir stets
eine Ebene und eine noch höhere Steigung dahinter. Die Schneefläche
erstreckte sich in langen Wellenlinien höher und höher landeinwärts:
Am Abend des 1. September kamen wir auf eine große Welle hinauf und
fanden auf deren Kamm eine große Fläche mit fast unmerklicher Steigung
landeinwärts. Wir bemerkten eine auffallende Wetterveränderung; im
Westen am Horizont thürmten sich schwere Wolkenbänke auf mit runden
Kumulusformen, wie wir sie bis dahin hier oben über der Schneefläche
nicht bemerkt hatten. Ich hielt es für wahrscheinlich, daß sich
diese Wolken durch feuchten Luftzug bildeten, der vom Meere aus über
den westlichen Abhang der Schneefläche gezogen kam, und vermuthete
infolgedessen, daß wir nun so weit gekommen seien, um über diese
hinwegsehen zu können.
Auch im Süden und Osten hatten sich Wolken angesammelt, während der
Himmel gerade über uns klar war, und ebenfalls im Norden, wo die
Schneefläche anstieg, während sie im Süden und Westen abfiel. Alles
schien mir darauf hinzudeuten, daß wir jetzt die Höhe von Grönlands
Innerem erreicht hatten, und als dies den Anderen mitgetheilt wurde,
erregte es allgemeinen Jubel, den wir waren längst der starken
Steigungen überdrüssig, die uns besonders in der letzten Zeit viel zu
schaffen gemacht hatten. Sanguinisch, wie wir waren, hofften wir nun
bald die Abschrägung nach Westen zu zu erreichen, wo es bergab ging,
und wo alles Herrlichkeit und Freude sein würde. In der übermüthigsten
Stimmung sahen wir an jenem Tage die Sonne strahlend und rothglühend
hinter die Wolkenbänke versinken und den westlichen Himmel in die
stimmungsvollste Farbendichtung verwandeln.
Für uns auf dieser Schneefläche umfaßte der Abend und der
Sonnenuntergang alles, was schön war, das ersehnte Ziel schien dahinter
aufzutauchen. Wir sollten jedoch noch lange warten!
Selbstverständlich wurde dieser Abend durch Extrarationen, die wie
gewöhnlich aus Haferkakes, Mysekäse und Preißelbeerkompot bestanden,
festlich begangen, und nach der Mahlzeit wurde eine Pfeife geraucht. Es
war ein äußerst gemüthlicher Abend.
Unsere Aneroïd-Barometer waren jetzt infolge der Höhe und des geringen
Luftdrucks derartig gesunken, daß nichts mehr von der Skala zu sehen
war. Wir befanden uns jetzt auf einer Höhe von 2400 ~m~; wenn wir
noch höher kamen, würde es seine Schwierigkeiten haben, Observationen
anzustellen. Mit Hülfe der beweglichen Höhenskala, die an den
Barometern angebracht war, halfen wir uns jedoch ganz gut aus der
Verlegenheit, trotzdem der Luftdruck späterhin noch tiefer sank.
[Illustration: Wochenlang arbeiteten wir uns durch eine unendliche,
flache Schneewüste dahin.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]
Von einer Senkung des Terrains ließ sich jedoch nichts verspüren;
wochenlang arbeiteten wir uns durch die endlose, flache Schneewüste
hindurch, ein Tag verging wie der andere, es war dieselbe ermüdende
Einförmigkeit, dieselbe anstrengende Arbeit; wer es nicht erlebt hat,
kann sich schwerlich einen Begriff davon machen. Alles war flach und
weiß, wie ein in Schnee verwandeltes Meer, am Tage sahen wir nur
Dreierlei in dieser Natur, die Sonne, die Schneefläche und uns selber.
Wir nahmen uns aus wie eine verschwindend kleine, schwarze Linie,
die durch eine einzige weiße Unendlichkeit zog, -- überall derselbe
Gesichtskreis, nirgends ein Punkt, auf dem das Auge ruhen konnte. Wir
mußten häufig nach dem Kompaß sehen und die Richtung so gut wie möglich
innehalten, indem wir auf die Sonne achteten, wenn sie sich blicken
ließ, die vier Männer ansahen, die in einiger Entfernung hinter uns
herkamen und unsere eigene Spur nicht aus den Augen ließen, -- dies
war die einzige Art und Weise, wie wir Krümmungen unserer Wanderung
vermindern konnten. Wir wußten ungefähr, wo wir waren, und wußten
ebenfalls, daß wir fürs erste keine Veränderung in Aussicht hatten.
Die Schneefläche, über die wir uns hinbewegten, war beinahe ganz eben,
sie wölbte sich nur in schwachen, langen Wellen, die man kaum mit dem
Auge wahrnehmen konnte, von der einen Uferabschrägung bis zur anderen;
die Richtung der Wellenthäler ging ungefähr von Süden nach Norden
(rechtweisend).
Ueber die Oberfläche des Schnees schrieb ich am 30. August, daß
die lose, frischgefallene Schneeschicht, die über dem vollständig
hartgefrorenen alten Eisschnee liegt, heute nur 4-5 Zoll beträgt, und
daß sie eben und glatt ist, während sie an den vorhergehenden Tagen ein
Fuß hoch gewesen, und dazu zu Schanzen zusammengeweht war, über die die
Schlitten nur schwer hinweggleiten konnten. -- Von diesem Tage an war
die Oberfläche +glatt wie ein Spiegel+ ohne andere Unebenheiten als die
Spuren, die wir selber hinterließen.
Unsere Tagesmärsche waren in der Regel nicht lang, sie schwankten
zwischen 1-2 Meilen. Dies hatte seinen Grund darin, daß der Weg
ziemlich mühselig war. Wären wir früher im Sommer gekommen, etwa
um Johannis, so würden wir eine ausgezeichnet glatte, harte
Schneeschuhbahn vorgefunden haben, wie wir sie zu Anfang unserer
Wanderung (22. und 23. August) gehabt hatten. Nun hatte sich jedoch
auf den hartgefrorenen Schnee loser, frischgefallener Schnee gelegt,
der fein und trocken wie Staub und von dem Wind zusammengeballt war,
so daß sowohl die Schneeschuhe wie die Schlitten nur langsam und
schwer darüber hinglitten. Bei der starken Kälte, die wir bekamen, war
dies ganz ungewöhnlich schlimm, es war, als arbeiteten wir uns durch
Sand hindurch, und je weiter wir kamen, desto schlimmer wurde es. Oft
fiel auch feiner, frischer Schnee, der die Sache wenn möglich noch
verschlimmerte. Es war so schwer, vorwärts zu kommen, daß wir uns nur
mit Aufbietung aller Kräfte durcharbeiteten, jeder Schritt kostete
große Anstrengungen, und das ist auf die Dauer sehr ermüdend.
Meine Tagebuchaufzeichnungen aus dieser Zeit tragen unverkennbar das
Gepräge, daß wir unsere Wanderung sehr beschwerlich fanden. Ich will
zur Probe einige derselben mittheilen. Am 1. September schrieb ich:
„Heute war das Terrain ungewöhnlich ermüdend, es lag ein ungefähr 8-9
Zoll hoher frischgefallener, loser Schnee, der fein wie Staub und hart
wie Sand die Kruste überzog, welche ein paar Zoll dick den alten,
ebenfalls losen Schnee bedeckt. Gegen Mittag, als die Sonne auf den
Schnee einwirkte, wurde es schlimmer denn je. In unserer Verzweiflung
schraubten +Sverdrup+ und ich die Stahlplatten unter unseren
Schlittenschienen ab, weil wir glaubten, daß die Holzschienen bei
einer solchen Kälte glatter über den Schnee hinweggleiten würden. Das
Resultat war jedoch zweifelhaft. Es war und es blieb ein schweres Stück
Arbeit, -- scheinbar wird die Sache mit jedem Tag schwieriger!“ -- --
Ein wenig später schreibe ich: „An einzelnen Tagen ist das Terrain
besser, aber diese Freude ist stets nur von kurzer Dauer, und hinterher
pflegt es schlimmer denn je zu werden. Sowohl des Nachts wie am Tage
fällt häufig ein feiner Schnee, auf dem das Ziehen der Schlitten noch
beschwerlicher ist als auf dem alten Schnee. Die Sonne hat, obwohl sie
warm scheint, doch selbst zur Mittagszeit nicht so viel Macht, daß sie
den Schnee an der Oberfläche soweit schmelzen kann,[37] daß sich eine
Kruste darauf bildet.“
Am 8. September heißt es: „Der Weg ist unglaublich beschwerlich,
schlimmer denn je, obwohl er hart ist; dieser Schnee ist widerspenstig
wie Sand. Wir arbeiten gegen Wind und Schneetreiben an.“ -- Und weiter
am 9. September: „Es wurde im Laufe des Tages schlimmer mit dem
Schneefall, und der Weg wurde schlechter und schlechter, -- es war noch
weit schlimmer als gestern; wenn ich sage, daß es war, als wenn wir
die Schlitten über ein Lehmfeld zögen, so ist das keine Uebertreibung.
Wir mußten bei jedem Schritt mit aller Macht anziehen, um die schweren
Schlitten vorwärts zu bewegen, und am Abend waren +Sverdrup+ und
ich, die voran gingen und den Weg pflügten, fast ganz erschöpft. Die
Anderen hatten es verhältnißmäßig leichter, da sie in unserer Spur
gehen konnten, und ihre Schlitten mit den Stahlschienen glitten besser.
Aber der Abend im Zelt mit einem guten Brei aus Brot, Bohnenwurst und
Pemikan ließ uns alle Beschwerden des Tages vergessen.“
[Illustration: „Erschöpft.“
(Nach einer Photographie.)]
Die hier mitgetheilten Auszüge beweisen wohl zur Genüge, wie schlecht
die Beschaffenheit des Weges war. Uebrigens muß ich noch erwähnen,
daß der Schlitten, den +Sverdrup+ und ich gemeinsam zogen, weit
schwerer zu ziehen war als alle die anderen, deswegen ließen wir ihn
auch schließlich zurück. Hierüber schreibe ich: „Am 11. September
fanden +Sverdrup+ und ich, daß es schlimmer und schlimmer mit unserem
Schlitten wurde, wir konnten ihn nur noch mit großer Anstrengung von
der Stelle bewegen. Wir wußten nicht recht, woran dies liegen könne,
er war immer schwieriger zu ziehen gewesen als alle die anderen, und
+Sverdrup+ meinte, der Teufel selber hocke gewiß hinten auf. Deswegen
beschlossen wir am Vormittage, ihn zurückzulassen, statt dessen nahmen
wir +Baltos+ Schlitten, der seine Last mit auf +Ravnas+ legte, und von
nun an zogen die beiden Lappen also gemeinsam. Durch diese Veränderung
ging förmlich eine neue Sonne über +Sverdrups+ und meinem Dasein auf,
wir kamen mit dem neuen Schlitten so schnell vorwärts, daß es den
Anderen schwer wurde, uns zu folgen; das Leben erschien uns fortan
beinahe angenehm.“
Uebrigens waren wir nicht die Einzigen, die das Leben schwer fanden;
die Lappen klagten beständig, und eines Tages machte +Balto+ Halt und
sagte zu mir:
„Als wir beiden Lappen in Kristiania gefragt wurden, wie viel wir
ziehen könnten, antworteten wir, daß wir Jeder 3 „Vog“ ziehen könnten,
aber nun haben wir Jeder 6 „Vog“ zu ziehen, und das will ich nur sagen,
wenn wir diese Last bis an die Westküste ziehen können, so sind wir
stärker als Pferde.“
Um der Ansicht vorzubeugen, daß wir wenig oder doch nur geringen Nutzen
von unseren Schneeschuhen hatten, was man infolge meiner Berichte über
die schlechte Schneeschuhbahn etc. schließen könnte, will ich nur
sagen, daß die Schneeschuhe eine absolute Nothwendigkeit waren. Ohne
dieselben wären wir wohl nicht weit gekommen, wir hätten entweder einen
jämmerlichen Tod erlitten oder wären zur Umkehr gezwungen gewesen. Die
Skier sind, wie bereits erwähnt, für Denjenigen, der sie zu benutzen
weiß, den indianischen Schneeschuhen bei weitem vorzuziehen, selbst
wenn man einen Schlitten zu ziehen hat. Sie ermüden weniger, weil man
sie nicht aufzuheben braucht und weil man nicht nöthig hat, die Beine
mehr als sonst zu spreizen. 19 Tage hintereinander gingen wir vom
frühen Morgen bis zum späten Abend auf unseren Skiern und legten gegen
50 Meilen auf ihnen zurück.
Das Wetter war ungefähr während unserer ganzen Wanderung über das
Inlandseis ziemlich klar, und die Sonne schien von Zeit zu Zeit. Nur
ganz ausnahmsweise war der Himmel völlig bedeckt. Selbst wenn Schnee
fiel, was oft der Fall war, war er selten so dicht, daß man die Sonne
nicht sehen konnte. Der Schnee an und für sich war immer sehr fein und
glich mehr gefrorenem Nebel, der herabfiel, als Schnee, so wie wir
ihn in Europa kennen. Es war ungefähr dasselbe, was wir in einzelnen
Gegenden in Norwegen unter dem Namen Frostschnee kennen, und der
sich bildet, indem die Feuchtigkeit der Luft direkt in fester Form
herabfällt, ohne Wolken zu bilden.
Wenn dann die Sonnenstrahlen durch diese mit fallendem Frostschnee
gefüllte Luft drangen, bildeten sich stets Ringe um die Sonne, und
diese, sowie Nebensonnen und Axen durch die Sonne u. s. w. waren
deswegen, so lange wir uns im Innern von Grönland befanden, ein fast
tägliches Phänomen. Wenn die Sonne sich dem Horizont so weit näherte,
daß ein Theil des Ringes unter den Horizont kam, pflegten sich an den
Punkten, wo der Sonnenring den Rand der Schneefläche schnitt, kräftige
Nebensonnen zu bilden, und gleichzeitig bildete sich eine entsprechende
Nebensonne auf der Schneefläche gerade unter der Sonne.
Die Kälte nahm mehr und mehr zu, je weiter wir in das Innere
eindrangen. Die Sonne hatte aber, wenn das Wetter nur einigermaßen klar
war, eine große Macht, und zur Mittagszeit konnte sie oft so stark
brennen, daß die Wärme geradezu unangenehm wurde. Am 31. August erwähne
ich u. a. in meinem Tagebuch, daß die Sonne in den letzten Tagen so
geschienen hat, daß sie den Schnee ganz feucht und weich machte; die
Schlitten glitten nur mühsam hindurch, und wir bekamen nasse Füße. --
Wenn es dann wieder fror, sobald die Sonne zu sinken begann, glitten
die Schlitten freilich leichter, aber für die Beine sah es schlecht
aus, und man mußte sich in acht nehmen, damit sie nicht abfroren. Es
geschah häufiger, daß die Schuhe des Abends, wenn wir sie ausziehen
wollten, mit den Ueberstrümpfen und den Strümpfen zu einem Stück
zusammengefroren waren.
Später vermochte die Sonne den Schnee nicht feucht zu machen, aber sie
hatte doch eine große Macht in der Höhe, in der wir uns jetzt befanden,
wo die Luft selbstverständlich sehr dünn ist und verhältnißmäßig wenig
von ihren Wärmestrahlen in der Athmosphäre absorbirt wird. Als Beispiel
von der Wirkung, welche die Sonne hatte, will ich nur anführen, daß ein
Spiritusthermometer, das am ersten September in die Sonne gelegt wurde,
+29,5° C. zeigte, während die Temperatur der Luft nur -3,6° C. betrug
(mit dem Schwungthermometer gemessen). In der Nacht hatten wir -16° C.
gehabt.
Am 3. September zeigte ein Spiritusthermometer, das wir um die
Mittagszeit auf einen Schlitten in die Sonne legten, eine Temperatur
von +31,5° C., während das Schwungthermometer um dieselbe Zeit zeigte,
daß die Luft eine Temperatur von -11° C. hatte.
Dieser große Unterschied zwischen der Temperatur in der Sonne und im
Schatten hat zweifelsohne seinen Grund in der starken Ausstrahlung in
der dünnen, wenig feuchten Luft in dieser Höhe über dem Meeresspiegel.
Schon vor vielen Jahren ist ein ähnliches Verhältniß in Sibirien von
unserem berühmten Landsmann, dem Astronomen +Hansten+, beobachtet
worden. In einem Brief aus Irkutsk vom 11. April 1829 schreibt er:
-- -- -- „Die ziemlich hohe Lage des Landes und die bedeutende
Entfernung vom Meere machen die Luft trocken und dunstfrei und bewirken
ein starkes Strahlen der Wärme, welches letztere mit ein Grund zu der
niedrigen Temperatur des Ortes ist. Die Gewalt der Sonne im Frühling
ist hier so stark, daß bei einer Kälte von 20-30° R. im Schatten des
Mittags an der Sonnenseite das Wasser von den Dächern tröpfelt.“[38]
Sobald der Nachmittag herannahte und die Sonne tiefer am Himmel stand,
sank die Temperatur der Luft auffallend, aber besonders bemerkbar war
dies, sobald die Sonne unterging.
Die Skala unserer Schwungthermometer reichte nur bis auf -30°, da
Niemand um diese Zeit des Jahres eine so niedere Temperatur in dem
Innern Grönlands erwartet hatte. Aber nach dem 3. September sank die
Quecksilbersäule, sobald die Sonne am Abend verschwunden war, schnell
tief unter die Skala. Wie tief die Temperatur sank, kann ich leider
nicht mit Bestimmtheit angeben. Als ich am 11. September schlafen ging,
versuchte ich, den Minimumthermometer unter mein Kopfkissen zu legen,
als ich aber am Morgen danach sehen wollte, war die Quecksilbersäule
weit unter die Skala gesunken, die bis -37° reichte. Wahrscheinlich war
die Temperatur bis unter -40° gefallen, und das war in unserm Zelt, wo
wir sechs Mann schliefen, und wo unser Essen auf einer Spirituslampe
gekocht wurde.
Das Merkwürdige bei der Temperatur dort oben war der große Unterschied
von mehr als 20° zwischen Tag und Nacht; einen so starken Wechsel
findet man nicht an vielen Stellen auf der Welt. Am nächsten kommen die
Beobachtungen, die man in der Wüste Sahara angestellt hat, wo es am
Tage erstickend heiß sein kann, während des Nachts das Wasser gefriert.
Auffallend ist es, daß man nicht früher ein ähnliches bemerkenswertes
Sinken der Temperatur während der Nacht auf dem Inlandseise Grönlands
beobachtet hat. Der Grund ist wohl hauptsächlich darin zu suchen,
daß ungefähr alle früheren Expeditionen, die ein Stück in das Innere
hineingedrungen sind, zu einer Jahreszeit und auf einem Breitegrad
stattgefunden haben, wo die Sonne des Nachts nicht unterging.[39] Auch
ist von früheren Reisenden kein detaillirtes meteorologisches Tagebuch
geführt worden.
Nach der Art und Weise, wie die Temperatur gegen Abend fiel, hat
Professor +Mohn+ ausgerechnet, daß wir in den kältesten Nächten
ungefähr -45° C. gehabt haben müssen. Während dieser Zeit stieg die
Temperatur der Luft gleich nach Mittag auf -20 bis -15°. Das war also
Mitte September. Dies ist ohne Zweifel die niedrigste Temperatur,
die um eine entsprechende Jahreszeit auf der Oberfläche unserer Erde
beobachtet worden ist. Was für eine Temperatur man in diesen Gegenden
mitten im Winter finden würde, entzieht sich jeglicher Berechnung.
Fragt man dagegen, welche Temperatur in Grönlands Innern um die wärmste
Zeit des Sommers herrscht, und ob dann irgend welches Schmelzen des
Schnees stattfinden kann, so haben wir dafür möglicherweise einen
Anhaltspunkt, nämlich, indem wir den Bau des Schnees ein wenig in
der Tiefe untersuchen und sehen, ob der alte Schnee dem Schmelzen
ausgesetzt war. Dies thaten wir auch, soweit die Zeit es gestattete.
Bis zu der Höhe, die wir am 30. August erreichten (1980 ~m~), fanden
wir den alten Schnee völlig hartgefroren und zum Theil in eine
Art körniges Eis verwandelt, oder wenn man will, in einen eisig
zusammengefrorenen Kornschnee. Dieser Schnee war offenbar starkem
Thauwetter ausgesetzt gewesen, auf das Frost gefolgt war. Oben auf
diesem Schnee lagen in der Regel 5-10 oder sogar 12 Zoll loser,
trockener, frischgefallener Schnee nach den Sommermonaten.
[Illustration: Rast mit Erfrischungen. (Von A. Bloch nach einer
Photographie.)]
Am Abend des 31. August entdeckten wir zu unserem Staunen, als wir die
Schneeschuhstäbe einrammen wollten, um das Zelt aufzuschlagen, daß
sich freilich über dem alten Schnee, der unter dem frischgefallenen
lag, eine feste Kruste befand; durchbrachen wir aber diese Kruste,
so konnten wir die Stäbe bis +in das Unendliche+ einbohren. Dies
war ein deutlicher Beweis, daß wir uns schon damals auf der Höhe
(2270 ~m~) befanden, wo die Sonne nur mitten im Sommer eine dünne
Schneeschicht weich oder feucht machen kann, und diese Schneeschicht
gefriert dann des Nachts wieder, wenn die Sonne niedrig steht. Das
Schmelzen des Schnees kann folglich die Schneemenge in dieser Höhe
nicht im geringsten vermindern, denn das verschwindend kleine Quantum
Schmelzwasser, das sich bildet, kann nirgends fortkommen, sondern wird
vom Nachtfrost festgehalten.
Ein ähnliches Verhältniß fanden wir überall im Innern des Inlandseises,
das Schmelzen des Schnees war kaum nennenswerth. Uebrigens war der
schichtenweise Bau des alten Schnees ganz eigenthümlich. Am 3.
September bemerke ich hierüber, daß ich an jenem Tage wiederholt
den Versuch gemacht habe, den Stab durch den Schnee zu stecken, und
daß ich da in der Regel ganz oben eine dreizöllige Schicht losen,
frischgefallenen Schnees fand, dann folgte eine Eiskruste, die ungefähr
½ Zoll dick war, dann 7 Zoll loser Schnee und darauf wieder eine
härtere Eisschicht, die sich nur mit Mühe durchbohren ließ, darauf
ließ sich der Stab 1-2 Fuß tief durch härter und härter werdenden
Schnee bohren, bis er ungefähr eine Elle von der Oberfläche nicht
weiterzubringen war. An einer anderen Stelle, wo ich in der Frühe
desselben Tages einen gleichen Versuch machte, lagen ganz oben mehrere
Schichten in ungefähr demselben Verhältniß; der Stab ließ sich hier
jedoch zwei Fuß durch härteren und härteren Schnee bohren, bis ihn eine
ganz feste Schicht am Vordringen hemmte.
Ueberall landeinwärts fanden wir eine ähnliche Schichtenbildung im
Schnee. In der Regel konnten wir den Stock ungefähr so weit wir
wollten, einrammen. Alles deutete darauf hin, daß sich das Schmelzen
des Schnees in Grönlands Innern darauf beschränkte, daß die Sonne
während der wärmsten Zeit des Jahres die oberste Schneeschicht ein
wenig feucht macht und diese in der Nacht wieder friert.
Fußnoten:
[37] Dieser Fall trat doch am 30. August ein. Wir bekamen eine dünne
Kruste über dem Schnee, von der ich in meinem Tagebuch berichte, daß
sie zweifelsohne durch die starke Einwirkung der Sonne gegen Mittag und
den dann folgenden Frost gebildet sei. Diese Kruste war zwar nicht dick
genug, um die Schlitten zu tragen, aber sie trug doch dazu bei, daß sie
leichter glitten. Leider währte dies nur einen Tag.
[38] Astronomische Nachrichten, Bd. 7, Seite 327.
[39] Vergl. Seite 400-401 von Dalagers Expedition.