Gezeichnet von Kapitän =O. C. Dietrichson= mit theilweiser
Benutzung der Karte des Kapitän G. Holms.
̲Λ _Lagerplatz_.
....... _Weg über das Eis_.
---- _Richtung der Eisspalten_.
| _200-Meter-Merkzeichen_.
_Die Höhen sind in Metern angegeben._]
Endlich brach der Tag roth und glühend an, einen warmen Schimmer über
Himmel und Landschaft verbreitend. Unter uns lag das Eis, das scheinbar
leichter zu passiren war, als wir erwartet hatten. Wir untersuchten, wo
wir am besten vorwärts kommen könnten, und dann machten wir uns wieder
auf den Weg. Obwohl unsere Wanderung über den Gletscher nicht weit von
der Stelle entfernt war, wo er in die See fällt, war das Eis hier nicht
so zerklüftet und unwegsam wie weiter nach oben hinauf. Uneben und
holperig war es, voller in die Höhe stehender Eiszacken und scharfer
Kämme mit Schluchten dazwischen, die oft recht schwer zu passiren, aber
nicht tief waren; so lange, bodenlose Spalten, wie wir sie dort oben
angetroffen hatten, fanden wir hier jedoch nur ausnahmsweise und nur an
einzelnen Stellen. Der Grund hierzu muß in dem Umstand zu suchen sein,
daß sie sich mit Wasser füllen, das gefriert, und so nur Unebenheiten
im Eise bilden.
Bald waren wir glücklich hinübergelangt, und nach einem zweistündigen
Marsch konnten wir uns endlich um fünf Uhr des Morgens an dem Anblick
unseres Zeltes erlaben. Hier lagen, wie wir es erwartet hatten, Alle
im tiefsten Schlummer. Das erste, was wir thaten, war, daß wir uns
etwas Essen hervorholten und uns an dem gütlich thaten, was das Haus
zu bieten vermochte. Wir glaubten das nach unserem Spaziergang von
4 bis 5 Meilen redlich verdient zu haben. Dann krochen wir in unsere
Säcke, streckten unsere Glieder aus und zogen bald in das schöne Land
der Träume hinüber, höchlich befriedigt von dem Ausfall dieser unserer
ersten Wanderung über das so viel besprochene und so gefürchtete
grönländische Inlandseis, das so schwer zu besteigen und noch schwerer
zu überschreiten sein sollte.
[Illustration: Schuhmacherwerkstätte an der Ostküste. (Nach einer
Photographie.)]
Ehe wir weiter zogen, hatten wir noch allerlei Vorbereitungen zu
treffen, besonders bedurfte unser Schuhzeug der Ausbesserung und
Versohlung, denn wir hatten bei unserer ersten Wanderung die Erfahrung
gemacht, daß das Inlandseis starke Sohlen erforderte. Die Schlitten
und Schneeschuhe mußten noch unter dem Stahl abgeschabt werden, um
leicht zu gleiten, unsere Sachen mußten umgestaut und das, was wir
zurücklassen wollten, hervorgesucht werden. Dies alles erforderte
Zeit, und während der folgenden Tage konnte man die Mitglieder der
Expedition auf dem Berge vor dem Zelte sitzen sehen, von verschiedenen
friedlichen Beschäftigungen in Anspruch genommen, worunter das
Schusterhandwerk den hervorragendsten Platz einnahm. Es war ein höchst
eigenthümlicher Anblick, uns in diesen Umgebungen sitzen zu sehen, die
Stiefel zwischen den Knien, Pechdraht und Pfriem mit einer Fertigkeit
handhabend, als hätten wir uns unser Lebelang mit nichts anderem
beschäftigt.
Aber wir wollen diese fleißigen Gestalten nicht bei ihrer wichtigen
Arbeit stören, sondern lieber einen Blick auf die Versuche werfen, die
früher gemacht sind, um in das mystische Innere Grönlands vorzudringen,
und untersuchen, welche Bedeutung es haben kann, sich Klarheit zu
verschaffen.
Fußnote:
[1] Wenn nun die Eismassen, nachdem sie solche Erhöhungen passirt
haben, an eine Thalsenkung oder einen Thalkessel gelangen, wo die
Krümmung des Terrains also anstatt konvex zu sein, konkav wird, so
schließen sich diese Risse wieder, füllen sich mit Schnee und Wasser,
frieren zu und verschwinden allmählich ganz wieder.
Kapitel XVI.
Die Entwickelung unserer Kenntnisse von Grönlands Inlandseis und die
früheren Versuche, in dasselbe einzudringen.
Nicht so sehr durch seine wildzerklüfteten Küsten wie durch seine
mit Eis angefüllten Fjorde und sein mit Schnee und Eis bedecktes
Inland nimmt Grönland eine Sonderstellung zwischen den Ländern auf
der Oberfläche unserer Erdkugel ein. Dringt man in den von Menschen
bewohnten Theil, vom Außenlande nach innen zu, an den Fjorden
entlang, so stößt man bald ein paar Kilometer von der Küste entfernt
auf ein unabsehbares Schnee- und Eisfeld, unter welchem alles Land
verschwindet, und das den Gesichtskreis nach Osten zu, von Norden
bis nach Süden beherrscht. Dies ist das +Inlandseis+, der größte
Eisgletscher der nördlichen Halbkugel. Wie groß es ist, können wir noch
nicht mit Bestimmtheit sagen; daß die Ausdehnung aber mindestens eine
Million Quadratkilometer beträgt, wissen wir.
Sowohl Eskimos wie Nordländer, Alle machten an dem äußeren Rand
desselben Halt, und zu allen Zeiten hat über dem Inlande ein Schleier
gelegen, den Niemand ganz zu lüften vermochte, und hinter dem die
wildesten Phantasien ihr Spiel treiben konnten, denn gleich wie
alles, das in Finsterniß gehüllt ist, hat auch Grönlands Inland eine
eigenartige Anziehungskraft auf den Geist des Menschen ausgeübt.
Die Eskimos sind, so viel wir wissen, die ersten Menschen, die nach
Grönland gekommen sind, folglich sind sie auch die Ersten, welche eine
Bekanntschaft mit dem grönländischen Inlandseis gemacht haben. Wie
lange dies her sein mag, ahnen wir nicht, wir wissen es nicht einmal
ungefähr, denn die Annahme, daß die Eskimos erst vor 1000 Jahren nach
Grönland gekommen sein sollen, ist -- wie in einem späteren Kapitel
nachgewiesen werden wird -- meiner Ansicht nach sehr unwahrscheinlich.
Die Eskimos kamen aus Ländern, die an der westliche Seite der
Baffinsbucht und der Davisstraße gelegen und die nicht mit Inlandseis
bedeckt, sondern theilweise bis ins Innere bewohnt waren. In Grönland
entdeckten sie gar bald, daß überall nach innen zu das Eis ihnen
hemmend entgegentrat. Dies hat sie sicher von allen Versuchen, weiter
in das Land einzudringen, abgehalten, es hinderte sie jedoch nicht,
den Schauplatz für die vielen Erzählungen über das Zusammentreffen
und den Verkehr mit Völkern, welche im Innern der früher von ihnen
bewohnten Länder hausten, dorthin zu verlegen. Diese Völker sind
wahrscheinlich zum größten Theil Indianer von den nördlichen Küsten
des nordamerikanischen Festlandes gewesen, und in der Sagenwelt
der grönländischen Eskimos haben sie dann das Innere Grönlands als
Inlandsmenschen bevölkert, denen gewisse übernatürliche Kräfte
zuertheilt waren. In gleicher Weise sind wahrscheinlich auch die
Sagen von den Wanderungen quer über das Inlandseis entstanden, falls
man denselben überhaupt einen historischen Ausgangspunkt geben will.
Es sind dies Wanderungen, die in kleineren, westlich gelegenen, von
den Eskimos bewohnten Ländern ausgeführt worden sind. Eine bestimmte
Vorstellung von dem Innern scheinen die Eskimos sich nicht gebildet
zu haben. In den Gegenden, in denen es Rennthiere giebt, kamen sie
auf ihren Rennthierjagden häufig mit dem äußeren Rand des Inlandseises
in Berührung und wagten sich wohl zuweilen auch eine Strecke über
denselben hinaus bis zu den Nunataks, auf denen die Rennthiere ihre
Zuflucht zu suchen pflegen. Sie erblickten hier überall nach innen
zu, soweit das Auge reichte, Eis und Schnee; da ist es denn nicht
unwahrscheinlich, daß sie sich das Ganze auf gleiche Weise bedeckt
vorgestellt haben.
Die Norweger, die vor ungefähr 900 Jahren nach Grönland kamen und die
die West- und die Südküste wahrscheinlich bis zum 15. Jahrhundert
bewohnten, scheinen sich sehr bald eine verhältnißmäßig richtige
Auffassung von dem Lande und dem Inlandseise gebildet zu haben, wie man
aus der Erwähnung desselben im „Königsspiegel“ ersehen kann. Die Stelle
lautet in der Uebersetzung folgendermaßen:
„Wenn du aber fragst, ob das Land frei von Eis ist oder nicht, oder
ob es mit Eis bedeckt ist wie das Meer, so sollst du wissen, daß es
einen kleinen Theil des Landes giebt, der frei von Eis ist, daß aber
all das Uebrige mit Eis bedeckt ist, weswegen man auch nicht weiß, ob
das Land groß ist oder klein, sintemalen alle Gebirgsstrecken und alle
Thäler mit Eis bedeckt sind, so daß man nirgends eine Oeffnung findet,
aber es ist doch anzunehmen, daß es Oeffnungen geben muß, entweder
in den Thälern, die zwischen Bergen liegen, oder am Strande entlang,
durch welche Oeffnungen die Thiere sich hindurchfinden können, denn
die Thiere könnten nicht aus anderen Ländern dorthin laufen, ohne eine
Oeffnung im Eise oder freies Land zu finden. Aber oft haben Leute es
versucht, auf das Land zu gehen, auf die Berge, welche die höchsten
sind, an verschiedene Stellen, um sich umzusehen und um zu erfahren,
ob sie Land finden könnten, das frei von Eis und das bewohnbar sei,
und haben sie es nirgends gefunden, ausgenommmen dort, wo jetzt Leute
wohnen, und das ist sehr wenig vom Rande des Meeres entfernt.“
Diese Beschreibung giebt ein so richtiges Bild, daß wir bis in die
allerneueste Zeit kaum ein besseres zu geben vermochten.
Aber die alten norwegischen Kolonien in Grönland verfielen (siehe
Kapitel 10) und starben aus, der Seeweg dorthin gerieth in
Vergessenheit, und damit verlor man auch die Kenntnisse, die bis
dahin gesammelt waren. So läßt es sich denn erklären, daß wir im 17.
Jahrhundert wieder auf die vollständigste Unwissenheit in Bezug auf das
Land stoßen. Man legte Sunde, „Frobishersträdet“ und den „Beare-Sund“,
quer durch dasselbe; ja auf einer Karte des Kartographen +Meier+ aus
der Mitte des Jahrhunderts wurde es sogar in eine Unmenge von Inseln
zerstückelt, die dicht mit Wald bewachsen sein sollten, „wie in der
Gegend von Bergen in Norwegen“.
Nachdem +Hans Egede+, wie bereits erwähnt, im Jahre 1721 nach Grönland
kam und die neuere Kolonisation ihren Anfang nahm, erweiterte sich die
Kenntniß der äußeren, nahe am Meer gelegenen Theile des Landes bald
wieder, über das Innere scheinen jedoch, wenigstens in Europa, noch
lange Zeit hindurch höchst merkwürdige Begriffe geherrscht zu haben.
Es währte indessen nicht lange, bis man sich mit dem Gedanken
beschäftigte, die östlichen Kolonien (Oesterbygden), die man an
der Ostküste vermuthete (siehe Kapitel 10) quer durch das Land zu
erreichen. Schon im Jahre 1723 erhielt +Egede+ von dem Direktor der
in Bergen ansässigen Compagnie, die an der Spitze des grönländischen
Unternehmens stand, ein Schreiben, in welchem es u. a. heißt:
„Falls es nicht bereits geschehen ist, erscheint es uns rathsam, daß
8 Mann kommandirt werden, die über das Land marschiren können, denn
nach der Karte scheint es, daß die Breite nur 12-16 Meilen beträgt,
dort, wo es am schmalsten ist, um wenn möglich auf die andere Seite
zu gelangen, wo die alten Kolonien gewesen sind, und unterwegs nach
Wäldern zu inquiriren. Geschiehet nun aber dies, so da wir gerne sehen
würden, da müßte dieser Vorschlag zur ersten Sommerszeit ausgeführt
werden, demnächst müßte die Mannschaft jeder mit seinem Ränzel mit
Proviant sowie mit einem Gewehr ausgerüstet werden, desgleichen mit
einem Kompaß, auf daß sie ihren Weg wieder nach Hause finden können,
und drittens hat sich die auskommandirte Mannschaft der größten
Vorsicht zu befleißigen, sowohl in Bezug auf die Ueberfälle der Wilden,
falls sie solche unterwegs antreffen sollten, wie auch in Bezug auf das
Observiren aller Dinge; ja, wo sie passiren, müssen sie an den höchsten
Stellen Merkzeichen errichten, die ihnen jetzt und später als Wegweiser
dienen können“.[2]
Dies ist ein ganz amüsantes Beispiel, wozu eine Kolonialpolitik führen
kann, die von einem Geographen im Lehnstuhl betrieben wird!
+Egede+[3] besaß indessen Verstand genug, um zu erwidern, daß er in
Bezug auf diese Untersuchung keine Möglichkeit sähe, „solche mit Erfolg
auszuführen“. Auf die Karten sei kein Verlaß, „sintemalen ich,“ fährt
er fort, „in der Circumferenz, in der ich bis dahin gereist habe,
so viele Unrichtigkeiten darin finde“. Auch, meint er, würde „der
beabsichtigte Marsch wegen der hohen Felsen und der anzutreffenden
Schnee- und Eisberge und anderer unwegsamer Strecken ganz beschwerlich
fallen“. --
Allmählich, als man mehr umherreiste und mehr von der Natur sah,
gleichzeitig auch besser verstehen lernte, was die Eingeborenen zu
berichten hatten, eigneten die Europäer, die in Grönland wohnten,
sich bald eine richtige Auffassung von dem Innern des Landes an.
Bereits wenige Jahre später (1727), ersieht man aus einem Brief
aus Godthaab[4], daß man die Auffassung hatte, „daß sich von dem
Rücken oder der Mitte des Landes aus nach Süden und Norden zu eine
schreckliche Eisfläche oder ein mit Eis bedecktes Gebirge erstreckt“.
Als höchst eigenthümlich kann hervorgehoben werden, daß schon im
darauffolgenden Jahr (1728) der Gedanke auftauchte, der erst im Jahre
1888 zur Wirklichkeit werden sollte, nämlich, „daß einige junge,
kräftige Norweger, die gewöhnt waren, im Winter in den Bergen auf
Schneeschuhen zu laufen, einen guten Theil des Landes nach allen Seiten
rekognosciren sollten“.
Wenn man hieraus ersieht, welch’ eine verhältnißmäßig vernünftige
Auffassung man stellenweise von dem Lande hatte, so muß es im höchsten
Grade überraschend erscheinen, daß im Jahre 1728 an den ersten und
einzigen Gouverneur von Grönland, Major +Claus Enevold Paars+, der
Befehl erging, „daß er keinen Fleiß und keine Mühe sparen, sich auch
weder durch Gefahren noch Beschwerden abschrecken lassen solle, auf
alle erdenkliche Weise und auf irgend einem Wege in die erwähnte
östliche Kolonie Oesterbygden zu gelangen, um zu erfahren, ob sich dort
noch Nachkommen der alten Norweger befänden, welche Sprache selbige
redeten, ob sie noch Christen seien, oder ob sie Heiden geworden, sowie
welche Obrigkeit und Lebensweise unter ihnen herrsche. Ferner solle
+Paars+ „richtig vermerken,“ u. a. „wie das Land beschaffen sei, ob
sich dort Wald, Wiesen, Steinkohlen, Mineralien oder dergl. befänden,
ob es dort Pferde, Vieh oder andere, dem Menschen dienliche Kreaturen
gäbe“.[5]
Zum Nutzen und Frommen dieser Expedition wurden von Dänemark
ausgesandt: 11 Pferde, ein Kapitän, ein Lieutenant; als Gemeine sollte
+Paars+ die „Entrepidesten der Godthaaber Garnison“ auswählen.
Daß diese Expedition, welche die erste und in ihrer Anlage gleichzeitig
die großartigste aller derjenigen ist, die ausgegangen sind, um das
Innere Grönlands zu erforschen, in der Form, in der sie ursprünglich
geplant wurde, zu keinem Resultat gelangen konnte, liegt auf der
Hand. Die Pferde[6] starben theils unterwegs, theils in Godthaab, und
man wird gar bald zu der Einsicht gelangt sein, daß es keine so ganz
einfache Sache sei, quer durch das Land zu reiten.
Nichtsdestoweniger unternahm +Paars+ im darauffolgenden Jahr eine
Entdeckungsreise bis an das Inlandseis. „Am 25. April 1729 um 12 Uhr
ging der Kommandeur mit Lieutenant +Richart+ und Assistent +Jens Hjort+
sowie 5 Gemeinen im Namen des Herrn zu See und hißte die Segel unter
Sturm und Schneegestöber.“[7]
Sie segelten weit in den Ameralikfjord hinein, ungefähr 10 Meilen,
„worauf ich,“ schreibt +Paars+,[8] „gegen Bezahlung zwei der dort
ansässigen Landsleute mitnahm, um uns den Weg zu zeigen.“
Es ist ein ganz eigenthümliches Zusammentreffen, daß diese erste
Expedition den Versuch machte, durch genau dieselbe Gegend auf das
Inlandseis zu gelangen, wo die letzte Expedition herauskam. -- Ueber
diese Eiswanderung berichtet +Paars+ in seinem Rapport an den König mit
folgenden Worten:
„Nachdem wir zwei Tage marschirt hatten, gelangten wir am dritten
gegen Mittag unter den Eisberg, als wir aber einige Stunden mit großer
Lebensgefahr bergan vorgerückt waren, wurden wir im weiteren Vordringen
durch die vorhandenen großen Klüfte gehemmt.“ (Hier folgt eine
Beschreibung derselben.)
„-- -- Da wir sahen, daß jegliches Vorwärtsdringen unmöglich war,
setzten wir uns auf das Eis nieder, feuerten nach dänischer Weise 9
Schüsse aus unseren Gewehren ab und tranken mit einem Glase Branntwein
auf das Wohl unseres allergnädigsten Königs an einem Ort, an welchem
dasselbe noch niemals getrunken wurde, welche Ehre auch dem Eisberg bis
dahin niemals widerfahren ist; nachdem wir eine Stunde gesessen und uns
ausgeruht hatten, kehrten wir wieder zurück.“
Als das „Remarquabelste, das zu sehen war“ führt +Paars+ in erster
Linie „große Steine“ an, „die oben auf dem Eise lagen“. Diese, meint
er, müßten „absolut durch heftige Winde und Wetter hergeführt sein,
wie sie dort in unglaublichem Maße herrschen, denn das Eisgebirge ist
anzusehen, als wenn man in das wilde Meer hineinschaut, wo kein Land zu
sehen ist, so ist auch hier nichts zu sehen als Himmel und das blanke
Eis. Ferner war das Eis, auf dem wir gingen, scharfkantig wie der weiße
Zucker-Kandis, so daß man, wenn man über das Eis vordringen will,
eiserne Sohlen unter den Schuhen haben müßte, so schlimm war es, auf
dem Eise zu gehen.“
Dies ist das Wichtigste von dem, was +Paars+ selber über seine Thaten
und Beobachtungen auf dem Eisberge berichtet. Hieraus ist zu ersehen,
daß die Resultate der Expedition in keinem passenden Verhältniß zu den
großartigen Vorbereitungen stehen. Wunderbar mag es erscheinen, daß
+Paars+, der nicht weit von dem Ort, an dem wir herunterkamen, auf dem
Eise gewesen sein muß, keine Stelle fand, wo er, falls ihm sehr daran
gelegen gewesen wäre, weiter hätte vordringen können.
Am 7. Mai langte man wieder in Godthaab an nach der „fatalen und sehr
beschwerlichen Reise“.
Ganz ohne Bedeutung ist diese erste Expedition aber doch nicht gewesen,
denn wenn sie auch nicht in irgend welchem erheblichen Maße die
Anschauungen über das Innere des Landes in der Nähe der Kolonie hat
verändern können, da man dort schon vorher durch die Grönländer ganz
gute Berichte darüber erhalten hat, -- so ist dies im Heimathslande
doch sicher der Fall gewesen. Es währte bis zum Jahre 1878, ehe der
dänische Staat abermals eine Expedition nach dem grönländischen
Inlandseis entsandte.
Im 3. Kapitel (Seite 128) ist bereits erwähnt worden, was in dem 1746
erschienenen Buch „Nachrichten von Island, Grönland und der Straße
Davis“[9] von einem Versuch erzählt wird, der darauf hinausging, in
das Innere des Landes einzudringen, „und zwar vermittelst der langen
Fußbretter, deren sich die Lappen und Andere auf ihren Winterzügen
bedienen“. Dieser Bericht ist nicht allein wegen der Erwähnung der
Schneeschuhe von Interesse, sondern auch deswegen, daß es das einzige
Mal ist, daß des Verlustes von Menschenleben bei den Expeditionen auf
das Inlandseis Erwähnung geschieht.
Die erste ein wenig längere Wanderung über ein Stück des Inlandseises,
von der wir wissen, wurde im Jahre 1751 von dem Kaufmann +Lars Dalager+
unternommen, der ein wenig nördlich von Frederikshaab, wo er ansässig
war, zwei „Nunataks“ besuchte, die eine oder zwei Meilen vom Rande
des Inlandseises auf der Südseite von Frederikshaabs Eisblink belegen
waren. Diesen Ausflug hat er am Schlusse seines Buches beschrieben,
dessen Titel lautet:
„Grönländische Relationen u. s. w., zusammengestellt in der
Frederikshaab-Kolonie in Grönland Anno 1752.“
Ende August hatte +Dalager+ die Reise landeinwärts südlich von
Frederikshaabs Eisblink aus angetreten.
„Mein Zweck war es,“ sagt er, „mich nach Kräften zu divertiren und
nebenbei ein wenig zu schießen“.
Aber er kam bald auf andere Gedanken:
„Bei dieser Gelegenheit resolvirte ich gar bald, eine Reise auch der
östlichen Kolonie Oesterbygden über die Eisberge zu machen, von wegen
der neuen Entdeckung, die ein Grönländer im verflossenen Juli-Monat
gemacht hatte, welcher so hoch oben auf Jagd gewesen war, daß er
deutlich die alten Kablunakischen[10] Berge auf der Ostseite sehen
konnte.
Dies brachte mich derartig in Bewegung, daß ich wenigstens wie weiland
Moses Lust hatte, das Land zu sehen. Ich nahm den vorhin erwähnten
Mann, seine Tochter, sowie drei junge Grönländer mit. Wir traten dann
unsere Reise an, nachdem wir vorher tief in einen Fjord am südlichen
Ende des Eisgletschers hineingerathen waren.“
+Dalager+ hat sich scheinbar wie alle seine Zeitgenossen stark für die
Auffindung der alten norwegischen Kolonie „Österbygden“ interessirt,
die man noch nicht gefunden zu haben glaubte, und von der man allgemein
annahm, daß sie an der Ostküste Grönlands gelegen haben müsse.
Man verließ den Fjord am 2. September 1751, am 3. September erreichte
man den Rand des Inlandseises, „und am 4. gegen Morgen begaben wir
uns,“ schreibt +Dalager+, „auf das Eis, um den ersten Berggipfel
zu erreichen, bis zu welchem wir ungefähr eine Meile hatten. Der
Weg dorthin war gerade so schlicht und eben wie auf den Straßen in
Kopenhagen, der einzige Unterschied schien mir darin zu bestehen, daß
es hier etwas glatter war. Dagegen hatte man aber nicht nöthig nach
den Seiten auszuweichen und im Schmutz zu waten, aus Furcht, von den
Pferden und Wagen des Postmeisters übergefahren zu werden.“
Am nächsten Morgen zog man weiter nach dem obersten Berge auf dem
Eisfelde, dem +Omertlok+, der auch ungefähr eine Meile entfernt lag,
zu dem der Weg aber sehr uneben war, voller Spalten und Risse, so daß
die Wanderung 7 Stunden in Anspruch nahm.[11] Von dem Gipfel dieses
Berges hatte man eine weite Aussicht über das Eis, und in der Ferne
über dem Eisrand im Nordosten wurden einige Berggipfel sichtbar. Diese
hielt +Dalager+ für die Berge auf der Ostküste Grönlands; wie unten
näher erklärt werden wird, stellte es sich aber später heraus, daß es
Nunataks waren, die nur wenige Meilen von dem westlichen Rande des
Inlandseises entfernt lagen (+Jensens Nunataks+.)
„Als wir auf dem Gipfel des Berges angelangt waren,“ sagt er,
„verfielen wir in Verwunderung über den großartigen Prospekt nach allen
Seiten hin, namentlich über das weitläufige Eisgebirge am Lande entlang
und quer hinüber bis nach „Öster-Böyden“, dessen Berge ebenso wie diese
mit Schnee bedeckt waren.“
Auf diesem Gipfel blieb man bis um 7 Uhr des Abends, dann schloß
+Dalager+ „mit einer Rede an die Grönländer, die von den ehemaligen
Bewohnern von Öster-Böyden, von ihrem leiblichen wie geistigen
Wohlergehen handelte“.
„Indessen ging die Sonne unter, weshalb wir uns eine Strecke bergab
begaben und uns schlafen legten.“
+Dalager+ wäre gern weiter landeinwärts gedrungen, sah sich aber aus
mancherlei Ursachen genöthigt, auf die Heimreise bedacht zu sein;
„einer der wichtigsten Gründe war, daß wir so gut wie barfuß gingen.
Denn obwohl ein Jeder von uns für die Reise mit zwei Paar guten
Stiefeln versehen war, so waren sie doch schon jetzt infolge der
Schärfe des Eises und der Steine fast völlig verschlissen. Und da die
eigens von uns mitgenommene Jungfer zum großen Unglück ihre Nähnadeln
verloren hatte, konnten wir nichts flicken, weswegen wir sehr bestürzt
waren, doch trösteten wir einander mit Gelächter, wenn wir die nackten
Zehen aus den Stiefeln herauskriechen sahen.“
Am folgenden Tage (den 6.) traten sie deswegen den Heimweg an, und
am 8. September gegen Abend erreichten sie den Zeltplatz unten am
Fjord, „und -- schließt +Dalager+ -- kann ich nicht unterlassen,
hier zu melden, mit welch sonderlichem Appetit ich an dem Abend eine
ganze Flasche portugiesischen Wein leerte, worauf ich bis um die
Mittagsstunde des nächsten Tages schlief.“
+Dalager+ giebt eine Beschreibung von dem, was er da drinnen erblickt.
Hierin äußert er weit weniger Furcht, über das Inlandseis zu gehen, als
viele seiner Nachfolger bis in die spätesten Zeiten davor zeigen. Er
sagt u. a.:
„Um im übrigen meiner Ansicht über die große Eisfläche Ausdruck zu
geben, die uns verhindert, mit Öster-Böyden in Kommunikation zu stehen,
so glaube ich, daß es in Bezug auf die Wege praktikabel ist, sintemalen
es mir erscheint, als seien die Eisberge lange nicht so gefährlich
wie man sie verschrieen hat, und auch die Spalten nicht so tief, wie
man behauptet“ u. s. w. Aus anderen Gründen hält er es indessen für
eine Unmöglichkeit; so sagt er weiterhin: „Aber trotzdem bleibt es
doch impraktikabel, auf einer solchen Reise zu reüssiren, aus den
Gründen nämlich, daß man nicht so viel Mundportion mit sich schleppen
kann, als wie man zu einer solchen Reise billig bedarf, demnächst die
unerträgliche, harte Kälte; ich halte es für fast ganz unmöglich, daß
irgend eine lebende Kreatur respiriren kann, wenn sie gezwungen ist,
viele Nächte auf dem Eisfelde zu kampiren“ u. s. w.
Hier folgt eine ganz merkwürdige Beschreibung der Kälte, die so groß
war, daß, obwohl sie alle gut gekleidet waren, und keiner von ihnen
gerade ein Weichling war, „trotzdem die Glieder sich gleichsam
zusammenzogen“, sobald sie sich eine Stunde auf dem Berge niederließen
oder niederlegten. „Ich für mein Theil hatte als Unterbekleidung zwei
gute Jacken und darüber einen Rennthierpelz. Des Nachts wickelte ich
mich in einen schönen, doppelt gefütterten Mantel und steckte die Füße
in einen Sack von Bärenfell. Aber doch war dies alles nicht im stande,
mich warm zu halten.
Ich kann sagen, daß in den vielen harten Winternächten, die ich
in Grönland auf dem Felde kampirt habe, mich niemals die Kälte so
inkommodirt hat, wie in diesen ersten Septembernächten.“
Diese bis dahin wenig beachtete Beschreibung theilt uns deutlich genug
die ersten uns bekannten Beobachtungen der starken Kälte mit, welche
durch die Ausstrahlung verursacht wird, und die wir in demselben Monat
auf dem Inlandseise antrafen.
Nach Dalager und bis weit in unser Jahrhundert hinein wissen wir nur
von wenigen Europäern, die das Inlandeis besucht oder betreten haben.
Einer dieser Wenigen ist der im vorigen Jahrhundert lebende
grönländische Naturforscher, der Priester +Fabricius+, von dessen Hand
wir eine Abhandlung über die Eisverhältnisse in Grönland besitzen.[12]
Diese ist nach verschiedenen Seiten hin merkwürdig für die damalige
Zeit und giebt einen ganz guten Begriff von den Eisbildungen in
Grönland. Es geht daraus hervor, daß +Fabricius+ das Inlandseis besucht
haben und auf demselben gewesen sein muß.
Der deutsche Mineralog +Giesecke+ hatte während seiner 8jährigen Reise
in Grönland (1806-13) mehrmals Veranlassung, den Rand des Inlandseises
zu besuchen. Eine Auffassung von der wissenschaftlichen Bedeutung
des Inlandseises hatte er indessen ebenso wenig wie andere Geologen
seiner Zeit, und folglich trug er nichts von Bedeutung zur Förderung
der Kenntniß desselben bei. Er machte dagegen seinen Eindrücken Luft
in begeisterten Worten über die wilde Schönheit dieser Eisregion. Von
einem Besuch des Eisgletschers bei +Korok+ (oder wie er ihn nennt
+Kororsuak+) in der Nähe von Julianehaab erzählt er, daß er, nachdem er
ungefähr eine halbe Meile „auf dieser Polarbrücke“ zurückgelegt hatte,
durch eine tiefe Spalte gehemmt wurde. „Ich legte mich auf den Magen
und ließ einen 100 Fuß langen Faden, an dessen Ende ich einen Stein
befestigt hatte, in die Eisschlucht hinabgleiten, ohne jedoch den Grund
damit zu erreichen. Dann verließ ich diese gefährliche Promenade, von
der ich mir keine Ausbeute für meine Zwecke versprechen konnte.“[13]
Nun verstreicht eine lange Zeit, in welcher das Innere Grönlands alles
Interesse verloren zu haben scheint. Es war ja nun einmal festgestellt,
daß man Oesterbygden auf alle Fälle nicht am leichtesten auf diesem
Wege erreichen konnte, und daß von dem Inneren schwerlich Reichthümer
zu erwarten waren. Die Vorstellungen, die man von dem Inlandseise
hatte, scheinen indessen keineswegs klar gewesen zu sein, die
sonderbarsten Phantasien wucherten üppig, und Einzelne glaubten, daß
sich hinter der Eismauer fruchtbare Gefilde erstreckten, von denen die
Rennthiere kämen und wohin sie sich zurückzögen.
In der Mitte dieses Jahrhunderts wurde dann durch die Arbeit eines
Mannes eine neue Zeit für unsere Kenntniß des grönländischen
Inlandseises eingeleitet. Dieser Mann war ~Dr.~ +H. Rink+.
Durch eine Reihe gründlicher Arbeiten, welche die Früchte vieljähriger
Reisen und Untersuchungen in Grönland waren, wo er sich längere Zeit
theils als Naturforscher, theils als Kolonie-Direktor und theils
als Inspektor aufhielt, leitete ~Dr.~ +Rink+ die Aufmerksamkeit der
Gelehrtenwelt auf Grönlands mächtiges Eisfeld und man machte die
Entdeckung, daß es von ebenso hoher Bedeutung für die wissenschaftliche
Welt war, wie man es früher für arm und interesselos gehalten hatte.
[Illustration: Justizrath ~Dr.~ H. Rink.]
+Rink+ wies nach, welche Mächtigkeit diese Eisdecke haben müsse,
und welche enormen Eismassen jährlich von Grönland entsandt würden,
da dies das einzige Land auf der nördlichen Halbkugel ist, auf dem
größere Eisberge ihren Ursprung haben. Er hat später ausgerechnet,
daß aus jedem der größeren Eisfjorde jährlich mehr als 1000 Millionen
Kubikellen Eis ins Meer hinausgeführt werden.
Es war gleichsam eine ganz neue Welt, die durch diese Abhandlungen über
das Inlandseis und seine Wirkungen der Wissenschaft erschlossen wurde.
Freilich hatten schon mehrere Naturforscher, darunter der bekannte
+Louis Agassiz+, die Vermuthung aufgestellt, daß möglicherweise
einstmals große Flächen Inlandseis existirt haben. Hier aber handelte
es sich um ein noch jetzt vorhandenes Inlandseis, und es wurde den
Geologen klar, daß große Theile von Europa und Amerika einstmals, sowie
Grönland jetzt mit Eis bedeckt gewesen sein müssen, und daß hiervon die
vielen Streifen und Furchen herrühren, die wir in den Felsen finden,
die vielen Moränen und die vielen erratischen Blöcke, die über ganz
Nord-Europa, oft an den überraschendsten Orten zerstreut liegen. Die
Lehre von der großen Eiszeit entwickelte sich, und für die Geologie
brach eine neue Zeit an.
Die Nothwendigkeit, ausgedehntere Beobachtungen an dem einzigen Ort zu
machen, an welchem noch heute ähnliche Verhältnisse obwalten wie zu
jener Eiszeit, stellte sich gar bald heraus, und es wurde eine ganze
Reihe neuer Versuche gemacht, in das Inlandseis Grönlands vorzudringen.
Den Anfang dieser Reise machte die Foxexpedition, die im Jahre
1860[14] unter der Leitung von +Sir Allan Young+ ausgesandt wurde,
wenngleich sie nicht geologischer Natur war. Es war ursprünglich,
wahrscheinlich angeregt durch Oberst +Schaffner+, die Rede davon,
eine Schlittenexpedition unter der Führung von ~Dr.~ +John Rae+, der
hierin nicht wenig Erfahrung hatte, an der Ostküste von Grönland an
Land zu setzen, um über das Inlandseis nach der Westküste zu gelangen
und dadurch zu untersuchen, ob es eine Möglichkeit sei, auf diesem
Wege einen Telegraphenkabel hinüber zu legen. Als man sich Mitte
September der südlichen Ostküste näherte, wo nach +Sir Allan Young’s+
Ausspruch (siehe Bd. I S. 288) eine Landung möglich war, scheinen sich
Bedenken eingestellt zu haben, -- man umschiffte das Kap Farvel bis zur
Westküste. Hier machte ~Dr.~ +Rae+ in Begleitung von Oberst +Schaffner+
in den letzten Tagen des Oktober und den ersten Tagen des November
von der Kolonie Julianehaab aus einen Versuch, in das Inlandseis
einzudringen. Nach der Schilderung, die Lieutenant +Zeilau+,[15] der
selber an der Expedition theilnahm, davon giebt, scheint es, als
wenn ~Dr.~ +Rae+ und sein Gefolge nur so weit vordrangen, daß sie
„einen Blick zum Inlandseis hinaufsenden konnten“. Aus ~Dr.~ +Raes+
eigenem Bericht geht indessen hervor, daß er wirklich seinen Fuß auf
das Inlandseis gesetzt haben muß, daß er aber gleich auf eine sehr
tiefe und breite Kluft stieß, die seinem weiteren Vordringen ein
unüberwindliches Hinderniß in den Weg stellte.[16] Eine merkwürdige
Kluft!
Im selben Jahre (1860), ebenfalls im Oktober, machte der amerikanische
Polarfahrer ~Dr.~ +Hayes+ den Versuch, nördlich vom Porte Foulke auf
dem 78° 18′ N. Br. in das Inlandseis einzudringen. Nach ~Dr.~ +Hayes+
Angabe begann er die Wanderung am 22. Oktober und kehrte erst nach 6
Tagen zurück. Am ersten Tage erreichte man den Rand des Inlandseises,
und am nächsten wurde die Wanderung über dasselbe angetreten. Man will
an diesem Tage 5 englische Meilen auf dem Inlandseise zurückgelegt
haben, am dritten Tage 30, am vierten Tage 25 englische Meilen,
und dies alles theils auf dem allerunebensten Eise, theils auf
sehr schwierigem Schnee, wo die Füße bei jedem Schritt die Kruste
durchbrachen, welche den Schnee bedeckte. Auf welche Weise diese
Entfernungen bestimmt wurden, davon verlautet nichts. Am fünften Tage
will man durch einen sehr kalten und feuchten Wind zur Umkehr gezwungen
worden sein, man will an dem Tage ca. 40 englische Meilen zurückgelegt
haben. An dem dann folgenden Tage langte man bereits wieder im
Winterhafen an. +Hayes+ giebt eine haarsträubende Beschreibung von den
Strapazen und von der Kälte, die, obwohl sie nicht so groß war wie auf
unserer Expedition (das Thermometer fiel nur bis auf -34° Fahr.), ihnen
doch beinahe das Leben raubte. Es muß höchst wunderlich erscheinen, daß
diese tapferen Fußgänger sich sofort durch die Kälte bezwingen ließen.
Die Schilderung dieser Wanderung, die ~Dr.~ +Hayes+ veranlaßt, in einem
besonderen Kapitel die wichtigen wissenschaftlichen Resultate u. s. w.
zu besprechen, muß einem aufmerksamen Leser schon beim ersten Blick
verdächtig erscheinen. Für Denjenigen, der die Verhältnisse genauer
kennt, wird es keines tieferen Nachdenkens bedürfen, um einzusehen, daß
es eine völlige Unmöglichkeit ist, 25, 30, ja sogar 40 Meilen an einem
Tage auf Schnee von der von ~Dr.~ +Hayes+ beschriebenen Beschaffenheit,
und mit dem erforderlichen Gepäck auf einem Schlitten, zurückzulegen.
Es ist, wenn nicht geradezu eine Unmöglichkeit, doch ein Stück Arbeit,
wie man es ~Dr.~ +Hayes+ und seinen Begleitern kaum zutraut, und
selbst wenn man nichts weiter über die Zuverlässigkeit des Verfassers
wüßte, würde man solchen Angaben gegenüber seine Zweifel erheben. Ruft
man sich indessen ins Gedächtniß zurück, was +De Bessels+ in Bezug
auf ~Dr.~ +Hayes+ Breitenmessung nachgewiesen hat, -- daß er eine
verkehrte Observation angegeben haben muß, um glauben zu machen, daß er
nördlicher war, als er in Wirklichkeit gewesen, -- da muß der Zweifel
zur Gewißheit werden.
Die hier angeführten Thatsachen müssen ohne weitere Kommentare
genügend erscheinen, um Jedermann davon abzuhalten, wissenschaftliche
Schlußfolgerungen aus diesem Bericht zu ziehen. Es ist um so mehr zu
beklagen, als es die einzigen Aufzeichnungen sind, die wir über eine
Eiswanderung in dem nördlichen Theile Grönlands besitzen.
Im Jahre 1867 machte der bekannte englische Bergbesteiger +Edward
Whymper+ einen Versuch, von einem kleinen Fjord (ungefähr auf dem
69° 25′ N. Br.) Ilordlek nördlich von Jakobshafen in das Inlandseis
einzudringen. +Whymper+ war der Ansicht, daß er möglicherweise
eisfreies Land im Innern Grönlands vorfinden würde, und daß es
nicht unmöglich sei, daß dies Land aus „losgelösten Landmassen oder
Inselgruppen bestehe, wie man sie überall in den arktischen Gegenden
antrifft. Die Entfernung der Ostküste des Landes bis zur Westküste
war hinreichend groß, um das Vorhandensein unbekannter Fjorde und
Einschnitte der See möglich erscheinen zu lassen“. Daß dort eisfreies
Land sein müsse, glaubte er aus dem periodischen Auftreten und
Verschwinden großer Rennthierheerden an der Westküste schließen zu
können. Diese Thiere mußten aller Wahrscheinlichkeit nach „grasreiche
Thäler und Zufluchtsstätten“ im Innern haben, wohin sie sich zeitweise
zurückzogen.[17] Wie ersichtlich, hat dies Raisonnement viel
Aehnlichkeit mit dem Ausspruch, den der Verfasser des „Königsspiegels“
bereits 400 Jahre früher gethan (siehe Bd. II. S. 22).
+Whymper+ hatte es sich als Ziel gesetzt, bis zu diesen schneefreien
Stellen vorzudringen, und seine im Jahre 1867 unternommene Reise
scheint nur eine vorbereitende Tour für eine etwaige größere Expedition
gewesen zu sein.
Nachdem er am 15. Juni bis Jakobshafen an der Diskobucht vorgedrungen
war, unternahm +Whymper+ drei Tage später mit einem aus Eskimos
bestehenden Gefolge seinen ersten Ausflug an den Rand des Inlandseises,
ein wenig landeinwärts von dem südlichen Arm des Ilordlek-Fjords, der
20 englische Meilen nördlich von der Kolonie gelegen war. Es war seine
Absicht, zu untersuchen, inwiefern sich dieser Ort für den Beginn einer
Eiswanderung eignete, und ob Hunde und Schlitten, die man dazu benutzen
wollte, zweckmäßig seien. Das Aussehen des Inlandseises zeigte sich
schon bei dem ersten Blick, den +Whymper+ darauf warf, weit ebener
und weniger abschreckend, als er es erwartet hatte, und man unternahm
sogleich einen Ausflug in dasselbe.
Sie drangen ohne Schwierigkeit vor, und je weiter sie kamen, desto
besser und härter wurde der Schnee. Nachdem sie ungefähr 6 englische
Meilen zurückgelegt und eine Höhe von 1400 Fuß erreicht hatten, schien
sich das Terrain, soweit ihr Blick reichte, nicht zu verändern, deshalb
hielten sie es für zwecklos, weiter vorzudringen; sie hatten erreicht,
was sie wünschten, sie hatten gesehen, daß sich die Schneefläche
vorzüglich für eine Fahrt mit Hundeschlitten eignen würde, und die
Eskimos, die sich in ihrem Gefolge befanden, versicherten +Whymper+,
daß sie auf diesem Schnee bequem „35 bis 40 Meilen (engl.) pro Tag“
zurücklegen könnten.
So kehrten sie den mit den besten Hoffnungen auf einen günstigen
Ausfall ihrer Reise zurück, „denn es schien ihnen nichts vorhanden zu
sein, was einer Wanderung quer durch Grönland hemmend in den Weg treten
konnte“.
Da das Inlandseis bei Ilordlek nicht ganz an den Fjord hinunterreicht,
wollte +Whymper+ versuchen, einen günstigen Ort zu finden, wo dies der
Fall war und von wo aus sie dann gleich ihre Eiswanderung antreten
konnten, ohne erst ihr Gepäck über Land zu schleppen.
Zu diesem Zweck unternahm er dann am 24.-27. Juni noch einen Ausflug
an den Rand des Inlandseises, diesmal südlich von Jakobshafen nach dem
bekannten „Jakobshavnsisfjord“. Hier war indessen das Eis so zerklüftet
und uneben, daß von einem Vordringen mit Hundeschlitten keine Rede sein
konnte, und man entschloß sich deswegen, den vorhin besuchten Ort zum
Ausgangspunkt der Expedition zu nehmen.
Zu diesem Unternehmen bedurfte es indessen einer Reihe von
Vorbereitungen, welche +Whymper+ die verzweifeltsten Schwierigkeiten
machen sollten. Gerade um diese Zeit raste eine tödtliche Seuche
(Brustkrankheit, „~brystsyge~“) in den Kolonien an der Diskobucht, die
Jung wie Alt dahinraffte. Von Jakobshafens 300 Einwohnern lagen 100
krank darnieder. Dies lähmte alle Unternehmungslust. Unglücklicherweise
waren außerdem auch noch die meisten brauchbaren Schlittenhunde in der
Umgegend ganz kürzlich einer Hundeseuche erlegen, weswegen es große
Schwierigkeiten machte, die nöthige Anzahl von Hunden aufzutreiben.
Das Material für die hölzernen Hundeschlitten hatte +Whymper+ aus
Europa mitgebracht, aber die Wenigen, welche Schlitten verfertigen
konnten, waren vollauf in Anspruch genommen durch das Zimmern von
Särgen für alle Diejenigen, die an der vorhin erwähnten Seuche starben.
So blieb denn nichts weiter übrig, als gewöhnliche grönländische
Hundeschlitten zu benutzen, die aus schlechtem Material angefertigt
und keineswegs für eine solche Expedition geeignet waren. Als
Nahrungsmittel für die Theilnehmer der Expedition wie für die Hunde
hatte man sich mit Hudsonbay-Pemikan versehen. Da es sich indessen
herausstellte, daß die grönländischen Hunde diesen Stoff nicht fressen
wollten, so mußte man gedörrtes Seehundsfleisch von allen Ecken und
Kanten zusammensuchen. Dies war freilich leichter gesagt als gethan,
denn da die Mehrzahl der guten Seehundsfänger krank darniederlag,
herrschte in der ganzen Gegend fast eine Hungersnoth.
Endlich waren dann die meisten Schwierigkeiten so ziemlich überwunden,
und am 20. Juli konnte die Inlandsexpedition, die außer +Whymper+
aus drei Eskimos und zwei Europäern bestand, aufbrechen. Einer der
Letzteren war der Engländer +Robert Brown+, der sich in England dem
Unternehmen angeschlossen hatte.
Nachdem man einige Tage damit hingebracht hatte, die Bagage vom Ufer
des Fjords an den Rand des Inlandseises zu schaffen, mußte man noch
drei Tage warten, da man die Eiswanderung wegen eines anhaltenden
Windes nicht antreten konnte.
Inzwischen bestieg +Whymper+ einen nahegelegenen Hügel, um eine
Aussicht über das Eis zu haben; wie unangenehm sah er sich aber
berührt, als er die überraschende Entdeckung machte, daß das Eis sein
Aussehen vollständig verändert hatte, seit er es vor einem Monat
gesehen. Damals war alles mit dem „reinsten, fleckenlosesten Schnee“
bedeckt gewesen; jetzt aber war aller Schnee vollständig geschmolzen
und hatte ein wahres Meer von Eis hinterlassen, daß von Millionen
von Spalten und Rissen in allen erdenklichen Formen und Dimensionen
durchkreuzt war. Alle kühnen Hoffnungen +Whympers+ waren zu Wasser
geworden. Als das Wetter am 26. Juli besser wurde, machten sie
trotzdem einen Versuch, östlich über das Eis vorzudringen. Nach wenigen
Stunden, und nachdem sie sich nur ein paar englische Meilen vom Rande
des Eises entfernt hatten, mußten sie jedoch Halt machen, da eine
Schiene an einem der größten Schlitten zerbrach. An einem der kleineren
Schlitten war auch bereits eine der Schienen der Länge nach gespalten,
und der Rest war durch die Stöße auf dem unebenen Eise sehr gebrechlich
geworden.
+Whymper+ sah jetzt die Unmöglichkeit ein, weiter vorzudringen, doch
sandte er der Form halber drei seiner Begleiter[18] eine oder zwei
englische Meilen weiter landeinwärts, um zu untersuchen, ob das Eis
besser würde, obwohl er sehr gut wußte, daß es viele Meilen weit
unverändert war. Als die Sendboten wiederkehrten und berichteten, daß
das Eis eher schlechter als besser werde, trat man den Rückweg an.
Nach dieser Reise scheint +Whympers+ Glaube an schnee- oder eisfreie
Strecken im Innern Grönlands erschüttert zu sein. In seinem Buch:
„~Scrambles amongst the Alps~“ 1871 schreibt er Seite 246: „Grönlands
Inneres scheint vollständig mit Gletschereis bedeckt zu sein zwischen
dem 68° 30-70° N. Breite.“ Weil er auf der letzten Expedition, soweit
das Auge reichte, zerklüftetes Gletschereis erblickte, vermuthet er,
daß sich das Eis oder das schneebedeckte Land in einer bedeutenden
Ausdehnung erstrecken muß, „denn zur Bildung einer so ungeheueren
Gletschermasse ist ein ganz kolossales Schneereservoir erforderlich.“
Er taxirte die Höhe des inneren sichtbaren Theils des Inlandseises auf
„nicht weniger als auf 8000 Fuß“. Dies ist wahrscheinlich reichlich
hoch gegriffen, wird aber die richtige Höhe nicht weit übertreffen.
Mit der Wanderung, welche der Freiherr +A. E. Nordenskjöld+ gemeinsam
mit dem jetzigen Professor +Berggren+ von dem nördlichen Arm des
+Aulatsivikfjordes+ (südlich von Egedesminde auf dem 68° N. Br.) auf
das Inlandseis unternahm, beginnt so zusagen eine neue Phase in der
Geschichte der grönländischen Eiswanderungen.
Es ist dies das erste Mal, daß menschliche Wesen eine längere Strecke
auf dem Inlandseise vordringen und mehrere Tage hintereinander auf
demselben verbringen, wie es auch die erste Expedition ist, die eine
Ausbeute von mehr wissenschaftlicher Natur hat.[19]
Am 19. Juli 1870 verließen die beiden Reisenden in Begleitung von zwei
Grönländern den Eisrand in der Nähe des Fjordes. Sie hatten Proviant
für 30 Tage mitgenommen. Ein Zelt hatten sie nicht, sie schliefen in
zwei Schlafsäcken, die an beiden Enden offen waren, und in die sich
zwei Personen mit den Füßen gegeneinander zur Noth hineinzwängen
konnten. Dies Lager war indessen, wie +Nordenskjöld+ berichtet, mit dem
unebenen Eis als Unterlage sowohl unbequem als auch kalt. Die ganze
Ausrüstung der Expedition wurde auf einen Schlitten gezogen.
Man war indessen nicht weit vorgedrungen, als es sich infolge des
unebenen Eises herausstellte, daß es eine Unmöglichkeit war, sich mit
einer so großen Ausrüstung abzumühen. Deswegen beschloß +Nordenskjöld+
schon am zweiten Tage einen Theil des Proviants sowie den Schlitten
zurückzulassen. Den Rest der Bagage nahm man auf die Schultern und
setzte nun die Wanderung fort.
Am 21. Juli, als sie sich 36 Längsminuten östlich vom Fjord und 440
~m~ über dem Meeresspiegel befanden, weigerten die Grönländer sich
weiter zu gehen und kehrten auch wirklich am folgenden Morgen um. Die
beiden energischen Europäer hatten jedoch noch nicht genug gesehen, sie
setzten ihre Wanderung noch zwei Tage länger fort.
Am 22. Juli um 12 Uhr befanden sie sich auf dem 68° 22′ N. Br. und 56
Längsminuten östlich vom Zeltplatz am Fjord, in einer Höhe von fast 640
~m~ über dem Meeresspiegel.
Am folgenden Tage (23. Juli) machten sie für die Nacht Halt auf dem 68°
22′ N. Br. und 76 Längsminuten östlich vom Fjord in einer Höhe von 600
~m~, also merkwürdigerweise niedriger als am vorhergehenden Tage.
Sie waren jetzt des Proviants wegen gezwungen, zurückzukehren, um
aber eine Aussicht über das Inlandseis zu haben, drangen sie doch am
folgenden Tage bis zu einer weiter landeinwärts gelegenen Höhe vor,
alles Gepäck an dem Ort zurücklassend, wo sie übernachtet hatten. Von
dem Gipfel dieser Höhe sahen sie, daß das Inlandseis, soweit das Auge
reichte, sanft anstieg, ohne durch Felspartien unterbrochen zu werden,
so daß der Horizont nach Osten, Norden und Süden von einem Eisrand
begrenzt wurde, der fast so eben war wie das Meer. Der Wendepunkt
lag in einer Höhe von 690 ~m~ über dem Meeresspiegel und ungefähr 83
Längsminuten oder 56 Kilometer östlich von dem nördlichen Arm des
Aulatsivikfjordes. Die zurückgelegte Entfernung betrug folglich circa
11 Kilometer pro Tag.
In der Nacht zwischen dem 25. und 26. Juli kamen sie wieder an den
Fjord zurück, nachdem sie im ganzen 7 Tage auf dem Inlandseise
zugebracht hatten.
Von dem Eis, über das die Expedition wanderte, giebt uns +Nordenskjöld+
eine ausführliche Beschreibung, die durch unterwegs von +Berggren+
aufgenommene Zeichnungen illustrirt wird. Es war in der Regel
von tiefen und zum Theil breiten Spalten durchfurcht oder voller
Unebenheiten bis zu einer Höhe von 12 ~m~ mit einer Abschrägung nach
den Seiten zu von 25 bis 30°. Ein Hinderniß, das auch in nicht geringem
Maße das Vordringen erschwerte, bildeten die vielen reißenden Bäche,
die in tiefen Rinnen oben auf dem Eise flossen, und die oft nicht
passirt werden konnten und deswegen umgangen werden mußten. Sie endeten
gewöhnlich in großen Höhlen im Eise, sog. Gletscherbrunnen, in die sie
sich als brausende Wasserfälle stürzten, um in der blauschwarzen Tiefe
zu verschwinden. An einer Stelle stieß man auch auf einen Springbrunnen
oder auf einen „intermittierten, mit Luft vermischten Wasserstrahl“,
der in die Höhe sprang. Auch viele kleinere Seen befanden sich auf der
Oberfläche; diese hatten keinen sichtbaren Abfluß trotz der zahllosen
Bäche, die sich in sie ergossen. „Wenn man das Ohr gegen das Eis
hielt, so vernahm man von allen Richtungen her ein eigenthümliches
unterirdisches Brausen, das von den durch das Eis strömenden Bächen
herrührte, und ein kanonenartiges Gedröhn zeugte von Zeit zu Zeit von
der Bildung einer neuen Gletscherspalte.“
Das Wetter war während der ganzen Wanderung klar. Die Wärme stieg am
Tage ein Stück über dem Eise „bis zu +7 bis 8° im Schatten und in der
Sonne bis zu +25 bis 30° C. Nach Sonnenuntergang froren dagegen die
Wasserlachen, und während der Nacht wurde es oft empfindlich kalt.“
Dies sind scheinbar schon im kleinen Observationen der merkwürdigen
Temperaturverhältnisse, die in Grönlands Innerem ausfindig zu machen,
uns vergönnt war.
Das Merkwürdigste, was bei dieser Expedition vorgekommen ist, und
was ein gewisses wissenschaftliches Aufsehen erregte, ist indessen
die erste Beschreibung des sogenannten Eisstaubes oder +Kryokonit+.
Darunter versteht man ein feines graues Pulver, das, soweit man
vordrang, über das Eis ausgebreitet war. Durch das Einsaugen der Wärme
von den Sonnenstrahlen war dasselbe in das Eis hinein geschmolzen und
hatte lothrechte cylindrische Löcher von 1-2 Fuß Tiefe und von ein paar
Linien bis zu ein paar Fuß Quermaß gebildet, die so dicht nebeneinander
lagen, daß man vergebens einen Platz für den Fuß, geschweige den
für den Schlafsack suchte. Auf dem Boden dieser stets mit Wasser
angefüllten Löcher lag der Staub in einer Schicht von mehreren
Millimetern.
Diesem Staube legt +Nordenskjöld+ eine große Bedeutung bei; er
nimmt nämlich an, daß er von kosmischem Ursprung ist, infolgedessen
ist er mit der ganz neuen Theorie hervorgetreten, daß die Erde,
wenigstens doch zum Theil, durch eine fast unmerkliche, stete Zufuhr
von kosmischem Staub, der aus dem Universum herrührt, gebildet ist
und noch immer wächst. Andere haben dagegen später nachgewiesen, daß
dieser Staub in seiner Zusammensetzung auffallend dem Material der
Küstenfelsen gleicht, weshalb sie meinen, daß der Staub von diesen
Felsen aus auf das Eis geweht ist. Hierfür spricht der Umstand, daß
die Staubmenge in demselben Grade abnimmt, in welchem man sich von den
Küstenfelsen entfernt, und daß wir an der Ostküste von Grönland bei
Umivik, wo das bloße Land am Eisrande fast verschwindend ist, fast
keinen Staub auf dem Eise vorfanden.
Ein Jahr nach dieser bedeutungsvollen Eiswanderung (1871) wurde von
dem Inspektor Nordwestgrönlands, +Krarup Smith+, eine Inlandsexpedition
unter Führung des Assistenten +Möldrup+[20] ausgesandt. Den
Erkundigungen zufolge, die +Nordenskjöld+ später in Grönland eingezogen
hat, scheint die Expedition unverrichteter Sache zurückgekehrt zu
sein.[21]
In dem dann folgenden Jahr kam +Whymper+ abermals nach Grönland
zurück und bereiste den Distrikt nördlich von der +Diskobucht+ und
beim +Umanak-Fjord+. Diesmal machte er indessen keinen Versuch,
wieder auf das Inlandseis einzudringen, er beschränkte sich darauf,
hohe Felsgipfel am Rande des Inlandseises zu besteigen, um sich eine
Aussicht über dasselbe zu verschaffen. Am 18. August bestieg er einen
6800 engl. Fuß hohen Berg +Kelertinguit+ bei Umanak. Von dem Gipfel
dieses Berges hatte er eine weite Fernsicht über das Inlandseis und
fand seine frühere Ansicht bestätigt, daß ein ebener, zusammenhängender
Rücken von schneebedecktem Eis „das Land so vollständig verdecke, daß
keine Berghöhe sich auf der Oberfläche zeigte“. Mit einem Theodolit
maß er den Winkel bis zu dem sichtbaren Rand des Inlandseises und
schloß, daß derselbe „bedeutend über 10000 Fuß“ betragen muß. +Whymper+
scheint nun zu der Ueberzeugung gekommen zu sein, daß im Innern
keine schneefreien Strecken zu finden seien, denn er sagt, „daß die
an verschiedenen Stellen vorgenommenen Untersuchungen es zweifellos
erscheinen lassen, daß Grönlands Inneres vom Norden bis zum Süden
und vom Osten bis zum Westen vollständig in Schnee und Eis gehüllt
ist“.[22]
Die Aufmerksamkeit, welche ~Dr.~ +Rinks+ Schriften über das
grönländische Inlandseis zuerst erregten, hatte inzwischen gute
Früchte getragen. Durch theils in Grönland, theils in den Alpen und
in Skandinavien angestellte Untersuchungen hatte die Erforschung von
Schnee und Eisgletschern, ihrer Wirksamkeit wie alles dessen, was damit
in Verbindung stand, riesenhafte Fortschritte gemacht, und die Lehre
von der Eiszeit hatte eine feste Form angenommen. Unter den Männern,
die sich an dieser Arbeit betheiligten, können von skandinavischen
Geologen erwähnt werden: die Norweger +Kjerulf+ und +Sexe+, sowie der
Schwede +Torell+, der im Jahre 1859 in Grönland war.
Als man indessen mit dieser Arbeit weiter fortschritt, wurde der
Gedanke rege, daß das frühere Inlandseis nicht allein ganz Skandinavien
und das nördliche Europa bedeckt, sondern auch im wesentlichen dazu
beigetragen hat, den Ländern, die es bedeckte, ihr Aussehen und ihre
Form zu geben, indem die Eis- oder Wandergletscher, die lose liegenden
Kies und Steine mit sich führten und sich in die Unterlage, über die
sie sich hinbewegten, eingruben, im wesentlichen dazu beigetragen
haben, tiefe Thäler und Fjorde zu bilden, wie wir sie z. B. in
Skandinavien und besonders im westlichen Norwegen finden. Diese Lehre
fand einen eifrigen Anhänger in dem englischen Geologen +Ramsay+.
Ein Umstand, der stark für diese Annahme zu sprechen schien, war die
Thatsache, daß diese durch tiefe Thäler und Fjorde zerklüfteten Länder
sich stets dort vorfinden, wo man Spuren der Eiszeit nachweisen kann,
und zwar nur dort allein.
Von vielen Geologen wurde diese Lehre indessen stark angegriffen, und
eine der Waffen, deren man sich bediente, war die Thatsache, daß alle
Gletscher in Europa, die man kannte und untersucht hatte, eine sehr
geringe Wanderschnelligkeit besaßen, höchstens 2 Fuß in 24 Stunden, und
aus der Reibung, die sie hervorbringen konnten, ließ sich auch nicht
annähernd die riesenhafte Arbeit erklären, die sie früher vollbracht
haben sollten.
Da reiste im Jahre 1875 der norwegische Geologe +Amund Helland+, der
sich sehr für die Studien über die Wirkungen der Eiszeit in Norwegen
interessirte, und der viele merkwürdige Verhältnisse nachgewiesen
hatte, die damit in Verbindung standen, nach Nord-Grönland, um dort
die Geschwindigkeit der Bewegung der Gletscher und ihre Wirkungen zu
studiren.
Die Reise, welche in den Monaten Juni, Juli und August (1875)
unternommen wurde, umfaßte die Strecke von der Kolonie Egedesminde (68°
42′ N. Br.) bis zum Fjord Kangerdlugssuak (ungefähr 71° 15′ N. Br.) im
Distrikt der Kolonie Umanak. Er besuchte fünf mit Eis angefüllte Fjorde
und zahlreiche kleinere Gletscher, unter denen der Gletscher am innern
Theil des Ilordlek-Fjordes, von wo aus er das Inlandseis bestieg, also
an demselben Ort, an dem +Whymper+ seinen ersten Versuch machte.
Die Ausbeute, welche diese Reise ergab, war besonders nach einer
Richtung hin erstaunlich. Statt der bis dahin bekannten Bewegung
von höchstens 2 Fuß in 24 Stunden entdeckte +Helland+ u. a., daß
der mächtige Gletscher im Eisfjord von Jakobshafen sich mit einer
Geschwindigkeit von 64 Fuß (19,54 ~m~) in 24 Stunden bewegte. Ein
anderer Gletscher im +Torsukatak-Fjord+ hatte allerdings eine bedeutend
geringere Geschwindigkeit, aber auch er bewegte sich über 30 Fuß
(10,16 ~m~) in 24 Stunden. Dies waren ganz neue Faktoren, mit denen
man rechnen mußte, wenn man der Wirksamkeit der Wandergletscher in
Bezug auf die Bildung der Fjorde, Thäler und Seen eine Bedeutung
beilegen wollte. Viele wollten deswegen dieser unerwarteten Entdeckung
keinen Glauben schenken; durch spätere Untersuchung von dänischen
Grönlandsfahrern sind sie dann freilich mehr als bestärkt.
Im ganzen waren +Hellands+ Beobachtungen in Grönland ganz danach
angethan, die Theorien der Glacialisten zu stützen.
Wir kommen jedoch am Ende des Buches in einem eigenen Kapitel noch
eingehender hierauf zurück, weshalb ich mich an dieser Stelle auf das
bereits Mitgetheilte beschränken will.[23]
Im Jahre 1875 schrieb ~Dr.~ +Rink+[24] über die Möglichkeit, das
Innere Grönlands zu bereisen. Er hielt es für sehr bedeutungsvoll,
diese Untersuchungsreise, vom Westen ausgehend, bis an die Ostküste
zu unternehmen. Er sagt darüber: „Ich glaube, daß sie sich am besten
mit von Menschen gezogenen Schlitten bewerkstelligen ließe. Zwei
kleine Schlitten müßten auf das sorgfältigste konstruirt und mit allen
Bedürfnissen versehen werden. Außer dem wissenschaftlichen Leiter
und einem Gehülfen müßten ungefähr vier Europäer an einer solchen
Expedition theilnehmen.“ -- Merkwürdigerweise ist mir diese Schrift
erst nach meiner Rückkehr aus Grönland in die Hände gefallen, wie man
aber ersehen wird, stimmt der darin ausgesprochene Gedanke in mehreren
Punkten mit meinem Plan überein. Als Ausgangspunkt für eine solche
Reise empfahl ~Dr.~ +Rink+ die Gegend nördlich von Fredrikshaab, auf
dem 62½° N. Br.
Im folgenden Jahre (1876) begannen auf dänische Staatskosten infolge
eines Vorschlages des dänischen Geologen Prof. +Johnstrup+ die
„geologischen und geographischen Untersuchungen in Grönland“. Diese
Untersuchungen sind seit der Zeit alljährlich fortgesetzt worden
und haben eine große und sehr werthvolle Ausbeute ergeben, die im
wesentlichen in dem schönen und bedeutungsvollen Werk „Mittheilungen
über Grönland“ niedergelegt sind. Von diesem Werk sind bis dahin 12
Hefte erschienen und von der Kommission herausgegeben, die zur Leitung
der Untersuchungen gewählt wurde, und die aus Prof. +Johnstrup+,
Minister +N. F. Ravn+ und ~Dr.~ +H. Rink+ bestand.
Wie vorauszusehen war, bildete die Erforschung des Inlandseises
eine der wichtigsten Aufgaben für diese Untersuchungen, und die
Expedition, welche unter Leitung des Assistenten +Steenstrup+[25]
im ersten Jahr (1876) ausgesendet wurde, stellte es sich u. a.
zur Aufgabe, eine „vorläufige +Rekognoscirung+ des Eisrandes“ im
Julianshaaber Distrikt[26] vorzunehmen. Man beabsichtigte, einige
Meilen weit hineinzugehen, bis an die drei auf früheren Karten
angegebenen Nunataks, die sogen. „Jungfrauen“ oder „Niviarsiat“, um die
Beschaffenheit des Eises zu untersuchen und festzustellen, ob es sich
als Ausgangspunkt für ein Eindringen in das Inlandseis eigne. Dieser
Plan gelang jedoch nicht, man stieß auf sehr unebenes Eis voll großer,
tiefer Schluchten. Statt dessen unternahm man deswegen Messungen
der Bewegungen des Eises in drei Eisgletschern, was bis dahin in
Südgrönland noch nicht geschehen war. Die größte Geschwindigkeit betrug
3,75 Meter innerhalb 24 Stunden.[27]
Die nächste Expedition, an der Assistent +Steenstrup+ und
Premierlieutenant zur See +J. A. D. Jensen+ theilnahmen, und die im
Jahre 1877 nach dem nördlichsten Theil des Fredrikshaaber Distrikts
ausgesandt wurde, erhielt ebenso wie die erste den Auftrag, außer
einer gewöhnlichen Untersuchung der Küste „wenn möglich den Versuch zu
machen, +auf das Inlandseis hinaufzugelangen+“, diesmal „in der Nähe
von Frederikshaab oder an einem andern dazu geeigneten Punkt“. Also
genau in der Gegend, welche zwei Jahr früher von ~Dr.~ +Rink+ empfohlen
war. Auch dieser Versuch mißlang indessen infolge unbeständigen
Wetters.[28]
In dem dann folgenden Jahr 1878 wurde der Versuch indessen mit
mehr Erfolg wiederholt. Es wurde eine Expedition unter Leitung
von Lieutenant +J. A. D. Jensen+ ausgesandt, die sich zu den
interessantesten Reisen auf dem grönländischen Inlandseis gestalten
sollte. +Jensens+ Begleiter waren seine Landsleute Kandidat +Karnerup+
und Architekt +Groth+, in Grönland nahm er außerdem den Grönländer
+Habakuk+ mit. Als Ausgangspunkt wurde abermals Fredrikshaab gewählt.
Man unternahm zwei Wanderungen auf dem Eise.
Während der ersten (3. Juli), die nur einen Tag dauerte, wurde
der Nunatak +Nasausak+ (1478 ~m~ hoch), einer der sogenannten
Dalager-Nunataks an der Südseite des Gletschers besucht. Diese
Wanderung ist insofern interessant, als sie in derselben Gegend
unternommen wurde, welche +Dalager+ einst besucht hatte.
Da man diesen Ort indessen nicht für einen günstigen Ausgangspunkt
für eine größere Eiswanderung hielt, so trat man dieselbe von einem
nördlicher gelegenen Punkt, Namens +Itiodlek+, an.
Die Expedition war sorgfältig und in mehreren Beziehungen zweckmäßig
vorbereitet. Der Proviant war auf drei Wochen berechnet. Die
Gesamtausrüstung wog 200 Kilogramm und wurde auf zwei kleinen
Schlitten (jeder für einen Mann berechnet) gezogen, die etwas über 5
Kilogramm wogen, 5 Fuß lang und 2¼ Fuß breit waren. Da man „tiefer
landeinwärts auf Schnee zu treffen glaubte“, wurden 4 Paar Schneeschuhe
und 4 Paar kanadische Schneeschuhe mitgenommen.
Am 14. Juli begann die Wanderung. Außer den oben erwähnten drei
Europäern und einem Grönländer gaben ihnen während der ersten Tage
ein Grönländer und drei Grönländerinnen das Geleite, um ihnen beim
Aufsteigen auf das Eis behülflich zu sein. Das Eis, das sie antrafen,
war in hohem Grade uneben und schwer zu passiren. Kapitän +Jensen+
hat selber in seinem Bericht (Mittheilungen über Grönland, Heft 1,
Seite 54) eine lebhafte Schilderung der verschiedenartigen Beschwerden
und Widerwärtigkeiten gegeben, welche ihr Vordringen verzögerte.
Unter anderm litten sie Alle in hohem Grade an der Schneeerblindung.
Infolgedessen gelangten sie nur in kurzen Tagesmärschen vorwärts, und
erst am elften Tage (24. Juli) erreichten sie den größten des mehr als
9 Meilen entfernten Nunataks, die +Dalager+ seiner Zeit gesehen und für
die Felsen von Österbygden gehalten hatte, die sich aber als eine Reihe
von Nunataks entwickelten -- jetzt +Jensens Nunataks+ benannt -- und
4½ Meilen von dem nächsten Rande des Inlandseises entfernt liegen.
Auf dem Nunatak, den sie erreicht hatten, und dessen Fuß ungefähr 1264
Meter über dem Meeresspiegel lag, wurden sie sieben Tage lang vom
Schneesturm aufgehalten.
Endlich, am 31. Juli, konnte die Rückreise beginnen, nachdem Kapitän
+Jensen+ am Morgen vom Gipfel des Nunataks aus, der 1556 Meter über
dem Meeresspiegel lag, eine gute Aussicht über das Inlandseis gehabt
hatte, das nach innen zu „höher und höher anstieg, bis es mit dem
Himmel verschmolz, der bedeutend höher lag als der Standpunkt des
Zuschauers“.
Am Abend des 5. August erreichte man nach einer Abwesenheit von mehr
als 23 Tagen abermals den Zeltplatz bei +Itiodlek+, wo die Wanderer auf
das wärmste von den Grönländern und Grönländerinnen im Empfang genommen
wurden.
Diese Wanderung ist eine der interessantesten, die jemals auf dem
grönländischen Inlandseise vorgenommen wurden, sie brachte eine
reiche wissenschaftliche Ausbeute, brachte Aufklärungen über die
Beschaffenheit des Eises und die Strömungsverhältnisse in einer Gegend,
die von Nunataks wimmelt, über die geologischen Verhältnisse dieser
Nunataks, über das organische Leben auf denselben etc., alles Dinge von
großem Interesse. Ferner brachte man eine reiche Sammlung von Skizzen
mit, die von +Karnerup+ und +Groth+ aufgenommen waren.
Die großen Hindernisse, mit denen diese Expedition zu kämpfen hatte,
und die das weitere Vordringen unmöglich zu machen schienen, hielten
die Kommission für die Leitung der grönländischen Untersuchungen davon
ab, weitere Versuche zwecks Vordringens in das Innere zu veranstalten.
Den Plan, die Ostküste zu erreichen, wozu diese Expedition ja nur eine
vorläufige Rekognoscirungstour hatte bilden sollen, gab man völlig auf.
Von dänischer Seite ist infolgedessen denn auch seit dieser Zeit kein
Versuch gemacht worden, in das Inlandseis einzudringen, dagegen sind
im Laufe der Jahre zahlreiche interessante Untersuchungen am Rande
des Eises und kleinere Wanderungen bis an die in der Nähe des Randes
gelegenen Nunataks unternommen worden. Es würde indessen zu weit
führen, wenn wir uns hier auf eine nähere Beschreibung einlassen
wollten. Wir verweisen den Leser auf die Mittheilungen über Grönland,
die alles Diesbezügliche enthalten. Unter Denen, die sich an jener
Arbeit betheiligt haben, sind zu nennen: Assistent +Steenstrup+,
Kapitän z. S. +J. D. A. Jensen+, Lieutenant +Hammer+ und Lieutenant +C.
Ryder+.
Die beiden Letzteren haben interessante Messungen über die
Gletschergeschwindigkeit in Nord-Grönland vorgenommen. Besonders
verdienen der Erwähnung +Ryders+ Messungen des +Uperniviks+-Gletschers,
der sich im August des Jahres 1886 mit einer Schnelligkeit bis zu 31
~m~ in 24 Stunden bewegte.
Im Jahre 1880 unternahm der schwedische Geolog +Holst+ eine Reise
in Süd-Grönland, auf welcher er das Inlandseis besuchte und kleine
Wanderungen auf dasselbe von verschiedenen Punkten aus unternahm.
Der Zweck dieser Reise war im wesentlichen eine Untersuchung des von
+Nordenskjöld+ zuerst beschriebenen Eisstaubes (+Kryokonit+), der
nach +Holsts+ Analyse aus denselben Bestandtheilen besteht wie die
Küstenfelsen, weshalb er ihn für Staub hält, den die Winde von der
Küste aus mit sich geführt haben.
Eine der hervorragendsten Expeditionen auf dem grönländischen
Inlandseis ist +Nordenskjölds+ Expedition im Jahre 1883. Nicht
zufrieden mit seiner ersten Eiswanderung i. J. 1870, wollte dieser
unermüdliche Polarforscher noch weiter vordringen, um dem Innern
Grönlands seine merkwürdigsten Geheimnisse zu entreißen. Er war nämlich
gleich +Whymper+ auf den Gedanken gekommen, daß sich inmitten dieser
„Sahara des Nordens“ wie er das Innere Grönlands benennt, schneefreie
Oasen vorfinden müßten, ja er war nahe daran, es für möglich zu halten,
daß diese gleich den nördlichen Landstrecken Sibiriens bewaldet seien.
Wenn auch keine der früheren Expeditionen nach Osten zu an eine Grenze
der Eiswüste gelangt war, so sprachen doch allerlei Umstände dafür,
„daß es in den meisten Fällen eine physische Unmöglichkeit ist, daß
das Innere eines weitgestreckten Kontinents völlig eisbedeckt ist, bei
den klimatischen Verhältnissen, die südlich von dem 80° N. Br.[29] auf
unserer Erde herrschen“, ja, „was das Innere Grönlands betrifft, so ist
es leicht nachzuweisen, daß die für eine Gletscherbildung nothwendigen
Bedingungen dort nicht herrschen können, wenn sich nicht die Oberfläche
des Landes langsam von der Ost- und Westküste nach innen zu hebt und
dessen über dem Meere belegener Theil infolgedessen die Form eines
runden Kloßes hat mit langsam nach dem Meere zu abfallenden Seiten“.
Die Betrachtung, welche +Nordenskjöld+ zu diesem überraschenden Schluß
führte, war die Annahme, daß zu einer Gletscherbildung stets ein
gewisser Grad von Niederschlägen erforderlich ist; dies ist aber im
Innern Grönlands nicht möglich, da die sämtliche von dem umgebenden
Meer stammende Luft, welche die Niederschläge mit sich führen müßte,
erst ihren Weg über die hohen Küstenfelsen nehmen muß. Während sie
aber an den Felswänden emporstieg, hat sie sich, unter dem niedrigeren
Luftdruck in der Höhe abgekühlt und erweitert und infolge dessen den
größten Theil ihrer Feuchtigkeit abgegeben. Durch dies Abgeben der
Feuchtigkeit würde indessen die gebundene warme Luft frei und die
Temperatur der Luft erhöht. Indem sie nun auf der anderen Seite der
Küstenfelsen niederfiel, würde sie indessen, je nachdem sie in einen
höheren Luftdruck hinabgelangte, mehr und mehr erwärmt und zwar in
gleichem Grade, wie sie während des Aufsteigens abkühlte. So müßte sie
denn zu den Thälern des Innern in Gestalt von trockenen, warmen Winden
gelangen, die dem bekannten „Föhn“ der Schweiz gleichen. Die feuchten
Seewinde müßten deswegen in Grönland ihre Feuchtigkeit „gewöhnlich in
Form von Schnee an den Felsen längst der Küste absetzen, wogegen aller
Wind, der in das Innere des Landes gelangt, sei es von Osten, Westen,
Süden oder Norden, trocken und verhältnißmäßig warm sein muß, falls
nicht das Land einen organischen Bau von ganz anderer Beschaffenheit
hat als alle andern Länder des Erdballes“.
Diese Schlußfolgerung würde bis zu einem gewissen Grade berechtigt
sein, falls es ein Land gäbe, das vollständig von Küstenfelsen
umgeben wäre und ein verhältnißmäßig niedriges Innere hätte, aber
ein solches, größeres Land läßt sich kaum denken, am wenigsten kann
man erwarten, daß Grönland diesen Bau haben sollte. Ich muß mich im
Gegentheil vollständig +Nordenskjölds+ Ansicht anschließen, wenn er
sagt, daß Grönlands geologische Beschaffenheit auf einen orographischen
Bau gleich dem Skandinaviens hindeutet, mit andern Worten, daß das
Land aus Bergrücken und Berggipfeln besteht, die mit tiefen Thälern
und Ebenen abwechseln; dann aber müssen auch in Grönlands Innerm in
Bezug auf die Niederschläge günstige Bedingungen zur Bildung des
Inlandseises vorhanden sein; denn wo mangelte es wohl in Skandinavien
an Feuchtigkeit, falls man nur die erforderliche Temperatur hätte?
Es scheint, als habe der große Polarreisende vergessen, daß es noch
heutzutage im Innern von Skandinavien kleine Gletscher giebt, daß sich
auch in den Alpen und an vielen andern Stellen, fern vom Meere, solche
finden, und vor allen Dingen, daß sie einst eine unendliche Ausdehnung
gehabt und unter anderem ganz Nordeuropa bedeckt haben. Hierauf wird er
möglicherweise antworten, daß er gerade diese Behauptung bestreitet,
die Eisdecke sei damals in dem Innern der Länder nicht zusammenhängend
gewesen. Die Kosten der Expedition, der damals nicht allein die
Aufgabe gestellt war, in das Innere Grönlands einzudringen, sondern die
unter anderem versuchen sollte, die Ostküste zu erreichen (vergleiche
Kap. X.), wurden ebenso wie +Nordenskjölds+ erste Expedition nach
Grönland i. J. 1870 von dem bekannten schwedischen Mäcen, dem Freiherrn
+Oskar Dickson+ bestritten, der zu diesem Zweck einen Dampfer, „Sofia“,
zur Verfügung stellte.
Auf der Eiswanderung, die ihren Anfang am 4. Juli ungefähr an derselben
Stelle nahm, wie die Wanderung i. J. 1870, wurde +Nordenskjöld+ von
9 Mann begleitet, unter denen sich zwei mit Schneeschuhen versehene
Lappen befanden, außerdem halfen ihm die meisten Offiziere der
„Sofia“, sowie die Besatzung und zahlreiche Eskimos während der beiden
ersten Tage bei dem Transport der Ausrüstung über das erste, unebene
Eis. Unter den Begleitern befand sich auch der Direktor der kgl.
grönländischen Handelsgesellschaft, Herr +Hörring+.
Im Laufe von 18 Tagen (bis zum 21. Juli) gelangte +Nordenskjöld+ selber
etwas über 117 ~km~ auf das Inlandseis hinauf und erreichte eine
Höhe von 1510 ~m~ über dem Meeresspiegel. Hier wurde er aber von dem
nassen Schnee, in den Schlitten und Menschen versanken, am Vordringen
gehindert. Ehe man zurückkehrte, wurden indessen die beiden Lappen
auf Schneeschuhen weiter ins Innere entsandt. Obwohl man nichts als
Schnee und Eis gefunden hatte und obwohl man sich mitten auf einer
unendlichen, meeresähnlichen Schneefläche befand, gab +Nordenskjöld+
dennoch den Glauben an die Richtigkeit seiner Theorie nicht auf,
sondern ertheilte den Lappen folgende schriftlichen Befehle:
„Falls man Land erreichen sollte, nehme man in aller Eile an Blumen
und Gras mit, was zu finden ist, und zwar einen oder mehrere Stengel
von jeder Blume und jedem Grashalm.
Auf dem Inlandseis am 21. Juli 1883.“
#/
Nach 57 Stunden (24. Juli) kehrten die Lappen zurück und berichteten,
daß sie 230 ~km~ weiter landeinwärts gekommen seien und eine Höhe von
1947 ~m~ über dem Meeresspiegel erreicht hätten; so weit sie aber
hätten sehen können, sei nichts anderes zu erblicken gewesen als ein
einziges flaches, unendliches Schneefeld. Selbst wenn man von der
Schwierigkeit, um nicht zu sagen Unmöglichkeit, absieht, eine so lange
Strecke in so kurzer Zeit auf einer Schneeschuhbahn zurückzulegen, wie
man sie im Innern Grönlands findet, so muß man doch, wie wir später
eingehender erklären werden, annehmen, daß die Lappen die von ihnen
zurückgelegte Strecke zu hoch angeschlagen haben.
Am folgenden Tage (den 25. Juli) trat man die Rückkehr an, und am 31.
August erreichte man, nachdem man 31 Tage auf dem Inlandseis zugebracht
hatte, abermals den Zeltplatz bei „+Sofiashavn+“ in dem nördlichen
Arm des +Aulatsivikfjordes+. Die Eskimos, die hier mit Proviant,
Reservekleidern, einem Boot etc. warteten, waren sehr erfreut, als
sie die Eiswanderer erblickten, die sie schon verloren geglaubt;
sie hatten, wie sie behaupteten, mehrere Paar Kanicker (Stiefel)
verschlissen bei dem Erklimmen der Berge, um nach ihnen auszusehen.
Das Eis, das man auf dieser bedeutungsvollen Reise traf, war nach
verschiedener Richtung hin von Interesse. Es war freilich, besonders
nach dem Rande zu, sehr uneben und theils arg zerklüftet, aber es war
doch im ganzen ebener als das Eis, das man von früheren Wanderungen her
kannte. Ferner stieß man ganz im Innern auf eine einzige ausgestreckte
und völlig ebene Schneefläche, auf der kein Eis und keine Spalten zu
entdecken waren, die aber, soweit das Auge reichte, mit Schnee bedeckt
war. Diese Expedition war, ganz abgesehen von der Schneeschuhreise
der Lappen, weiter vorgedrungen als alle ihre Vorgänger und hatte zum
erstenmal diese Schneefläche erreicht, die, wie wir jetzt wissen, das
ganze Innere Grönlands bedeckt. Es war auch, wie schon erwähnt ist, die
Nachricht von der Entdeckung dieser Schneefläche, welche dem Verfasser
den Anstoß zu dem Plan der Expedition gab, von der dies Buch handelt.
Es könnte scheinen, als wenn +Nordenskjöld+ selber durch diese
Expedition seine Theorie von einem eisfreien Innern sehr in Zweifel
gezogen hätte. Dies meinte er auch während der ersten Zeit nach seiner
Rückkehr, später begann er indessen abermals „zu zweifeln und es für
mindestens möglich zu halten, daß man sich im Jahre 1883 nur auf einem
breiten Eisgürtel befunden habe, der sich an dem 69° und 70° Nördl. Br.
quer durch das Land erstreckt“,[30] während sich nördlich und südlich
davon eisfreie Oasen befinden können.
Einen möglichen Beweis hierfür meint er in zwei Raben zu erblicken,
welche die Lappen während ihres Schneeschuhlaufens sahen und die von
Norden hergeflogen kamen und, nachdem sie die Schneeschuhspur erreicht
hatten, dorthin zurückkehrten. Da sich diese Vögel um diese Zeit des
Jahres selten weit von ihren Heckplätzen an der Küste entfernen, so
meint er, dies spreche sehr für die Annahme, daß sie im Norden einen
eisfreien Aufenthalt gehabt haben. Dieser Aufenthalt befinde sich
möglicherweise an einem Sund, der sich +Nordenskjölds+ Ansicht nach,
wahrscheinlich vom Jakobshavner Eisfjord aus quer durch Grönland
erstreckt und etwa bis an den Scoresby-Fjord an der Ostküste geht, und
der „während der letzten Jahrhunderte durch Eismassen gesperrt wurde,
die von den Gletschern an den Küsten des Sundes stammen“. Den Glauben
an diesen Sund[31] hat +Nordenskjöld+ von +Hans Egede+ und +Paul
Egede+ überkommen, welche berichten, daß es bei den Eskimos eine Sage
hierüber giebt.
Der Glaube an einen Sund, der Grönland durchschneidet, oder gar daran,
daß das ganze Land aus einer Anzahl von Inseln besteht, die theils mit
Eis überdeckt sind, hat seit der Zeit, als er zuerst im 16. Jahrhundert
auftauchte, wieder und wieder Anhänger gefunden. Ursprünglich suchte
man nach der sogenannten „Forbister-Straße“ oder dem „Beare-Sund“
im südlichen Grönland, und diese sind auf allen Karten jener Zeit
angegeben. Die Veranlassung hierzu war, daß +Forbister+ eine Reihe von
Entdeckungen zwischen den Inseln in dem nordamerikanischen Archipelagus
auf der linken Seite der Davis-Straße gemacht hatte, ohne zu wissen, wo
er sich befand. Später glaubten Andere, er müsse in Grönland gewesen
sein, weswegen sie die von ihm beschriebenen Sunde und Inseln dorthin
verlegten. Daß +Forbister+ nicht Grönland, sondern die Länder auf der
andern Seite der Straße besucht hatte, wurde freilich bald aufgeklärt,
was jedoch nicht verhinderte, daß sich der Glaube an die Südgrönland
der Quere nach durchschneidende Forbister-Straße lange nach jener Zeit
erhielt; wir finden ihn sogar in +Granz’+ „Geschichte von Grönland“ aus
dem Jahre 1765, in welcher sowohl von einem Sund quer durch Südgrönland
als auch von dem Sunde berichtet wird, der altgrönländischen Sagen
zufolge Mittelgrönland durchschneiden soll. +Hans Egede+ glaubte
nicht, daß es einen Sund quer durch Südgrönland gäbe, da er selber
einen solchen nicht hatte finden können, deswegen verzeichnete er auch
keinen solchen auf seiner Karte in „+der neuen Perlustration des alten
Grönland etc.+“, die im Jahre 1741 in Kopenhagen erschien. Dagegen
glaubten sowohl er als auch sein Sohn +Paul+, wie wir bereits gesehen
haben, an den Sund, der sich den Sagen der Grönländer zufolge vom
Jakobshavner Eisfjord bis an die Ostküste erstreckt haben soll, und
diesen verzeichnete er dann auf seiner Karte, ebenso wie er auf +Paul
Egedes+ Karte in den „Nachrichten über Grönland aus dem Jahre 1878“ zu
finden ist. Ein Facsimile des Letzteren wird von +Nordenskjöld+ in „die
zweite Dicksonsche Expedition“ Seite 234 wiedergegeben.
Ich will mich hier nicht weiter darauf einlassen, zu erwägen, ob es
möglich ist, daß ein so langer und schmaler Sund, dessen Seitenstück es
wohl kaum giebt, überhaupt existiren kann; es will mir scheinen, als
ob Grönlands ganze Form wie der geographische Bau dieses Landes dies
äußerst unwahrscheinlich machen.
Die letzte Expedition auf dem Inlandseise Grönlands vor 1888 wurde im
Jahre 1886 von +Robert E. Peary+, Civilingenieur in der Marine der
Vereinigten Staaten, und dem Dänen +Chr. Maigaard+, Assistent in der
königl. dänischen Handelsgesellschaft, unternommen.
+Peary+ selber nennt die Expedition eine vorläufige
Rekognoscirungstour.[32] Es war ursprünglich seine Absicht, sie mit
Hunden und Schlitten zu unternehmen, aber im letzten Augenblick ließen
ihn die dazu gemietheten Grönländer im Stich und zogen mit Hunden und
Schlitten fort. So sahen sich denn +Peary+ und +Maigaard+ gezwungen,
die Wanderung zu Fuß und allein zu unternehmen; freilich halfen ihnen
ein Grönländer und eine Grönländerin während der ersten Tage, doch
waren sie Beide nicht zu bewegen, sich weiter als eine kleine Strecke
auf das Inlandseis hinauf zu wagen.
Zum Ausgangspunkt wählte man das Innere des Pakitsok-Fjordes (auch
Ilardleck-Fjord genannt) auf dem 69½° Nördl. Br., also denselben
Fjord, von dem aus +Whymper+ seinen Versuch gemacht hatte, und von wo
aus unser Landsmann +Amund Helland+ aufs Eis gegangen war.
Das Aufsteigen auf das Eis begann am 28. Juni. Der Proviant, der auf
30 Tage berechnet war, und die übrige Ausrüstung wurden auf zwei
amerikanischen, 11 Kilogramm wiegenden, Schlitten von +Hickori+
gezogen. Man hatte Skier und kanadische Schneeschuhe mitgenommen, und
diese scheinen fleißig benutzt worden zu sein. Statt eines Zeltes
hatte man nur ein Persenning, womit man sich, im Schutz der Schlitten
liegend, bedeckte. Als sie eine Strecke vorgedrungen waren (7. Juli),
machten sie sich jeden Tag (sie schliefen bei Tage und gingen während
der Nacht) Schneehütten, bis sie so weit landeinwärts gedrungen und so
hoch hinaufgelangt waren (12. Juli), daß sich der Schnee nicht mehr
dazu eignete. Am Abend des 2. Juli, als sie wegen heftigen Sturmes
und Schneetreibens zwei Tage hatten still liegen müssen, beschloß man
nach dem Zelt am Fjord zurückzukehren, um eine Aenderung des Wetters
abzuwarten, während man die Schlitten und die Ausrüstung zurückließ.
Am 6. Juli kehrten sie wieder zu den Schlitten zurück und setzten ihren
Weg landeinwärts vorwärts, nachdem sie ein Proviantdepot für 8 Tage
zurückgelassen hatten. Als sie am nächsten Morgen über einen kleinen,
mit dünnem Eis bedeckten See gingen, brach +Maigaards+ Schlitten
ein, doch gelang es ihm, ihn wieder herauszuziehen, „aber er war,“
sagt +Maigaard+[33] „infolge des vielen Wassers, das meine Bagage
aufgenommen hatte, mindestens 100 Pfund schwerer geworden, als er
vorher war,“ so daß er ihn nur mit großer Anstrengung ziehen konnte.
Die Temperatur war während des größten Theils der Reise unter Null und
infolgedessen günstig für die Schneeschuhe, in der Nacht zwischen dem
12. und 13. Juli hatte man sogar -14° C. Am 9. Juli machte sich ein
unangenehmer Umschlag im Wetter bemerkbar, indem ein südöstlicher Wind
die Temperatur von -6° C. auf +8° C. brachte und den Schnee ganz weich
machte. Es scheint dadrinnen auf dem Inlandseise ein förmlicher Föhn
geweht zu haben.
Am 11. Juli legte man in einer Höhe von 5000 Fuß ein neues
Proviantdepot und andere Ausrüstungsgegenstände nieder.
Am Morgen des 17. Juli erreichte man eine Höhe von ca. 7500 engl.
Fuß in einer Entfernung vom Eisrande, die +Peary+ nach einer
Längenobservation auf etwa 100 engl. Meilen angiebt.
Hier wurden sie bis zum 19. Juli durch Sturm und Schneetreiben
zurückgehalten, dann klärte sich das Wetter auf, so daß sie eine
Mittagsobservation machen und sich am Abend gegen 6 Uhr auf den Heimweg
begeben konnten. Da sie jetzt den Wind im Rücken hatten, banden sie
die beiden Schlitten zu einem „Segler“ zusammen und verwandten einige
Alpenstöcke als Masten, ein Persenning als Segel und einen Schneeschuh
mit daran befestigter Axt als Steuer.
Mit diesem Fahrzeug segelte man nach +Maigaard+ sechs geographische
Meilen während der ersten, sieben geographische Meilen während der
zweiten und zwölf geographische Meilen während der dritten Nacht, dann
mußte man die Schlitten wegen der Beschaffenheit des Eises wieder
ziehen.
Am Morgen des 24. Juli erreichte man den Zeltplatz am Fjord, nachdem
man im ganzen 23 Tage und Nächte auf dem Eise zugebracht hatte.
Das Eis, über das diese Expedition gegangen, war mit Ausnahme des
allerersten Theiles durchschnittlich sehr eben, ja sogar ebener als
+Nordenskjöld+ es im Jahre 1883 angetroffen hatte. Auch hatte es nicht
viele Spalten und unterscheidet sich von dem letztgenannten dadurch,
daß es während des größten Theiles des Weges mit trockenem Schnee
bedeckt war, in den +Peary+, als er sich am weitesten landeinwärts
befand, seinen Stab sechs Fuß hinabstoßen konnte. Dies hat auch in
hohem Grade die Reise erleichtert.
Leider beruhen +Pearys+ Längenangaben scheinbar nur auf einigen
Höhenobservationen, die mit einem leichten Reise-Theodolit an einem
einzigen Tage, den 19. Juli, gegen Mittag unternommen wurden. Die
Ausdrücke, deren er sich bedient, sind nicht ganz deutlich, er erwähnt
nur „circummeridiane Höhen“ („~circummeridian sights~“), und desselben
Ausdruckes bedient sich auch +Maigaard+ in seinem Bericht. Diese
sog. „einzelnen Mittagshöhen“ sind bekanntlich ziemlich unsicher zu
Längenbestimmungen. Als Chronometer benutzte man eine Taschenuhr (der
mitgebrachte Chronometer war stehen geblieben), die, wie +Peary+
behauptete, sehr zuverlässig sein sollte; es geht jedoch, soweit ich
es beurtheilen kann, keineswegs aus seinem Bericht hervor, daß man
Observationen machte, um den Gang später an der Küste zu kontrolliren.
Die angeführte Entfernung von 100 engl. Meilen (160 Kilometer) vom
Eisrande kann folglich nicht als ganz genau betrachtet werden. Was
möglicherweise auch für diese Vermuthung sprechen könnte, ist der
Umstand, daß die hierzu erforderlichen Tagesmärsche, die von +Maigaard+
auf 3-4 geogr. Meilen angegeben werden, mir ziemlich groß zu sein
scheinen. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß es schwer genug sein
kann, eine solche Strecke am Tage mit einem schwerbeladenen Schlitten,
bei einer wenn auch nur geringen Steigung zurückzulegen.[34]
Wie es sich nun auch hiermit verhalten mag, so ist diese Expedition
immerhin eine der beachtenswerthesten, die auf das Inlandseis
unternommen worden ist, und man muß die beiden Reisenden bewundern, daß
sie soviel ganz allein und mit so geringen Mitteln erreichten.
Noch im selben Sommer besuchte +Peary+ auch den Rand des Inlandseises
an verschiedenen nördlicher gelegenen Stellen.
Wie man ersieht, ist im Laufe der Jahre durch diese vielen
Expeditionen auf das Inlandseis und an dessen Rand ein großes
Material von Beobachtungen zusammengebracht, das uns instandsetzt,
einen einigermaßen zuverlässigen und vollständigen Begriff über die
Beschaffenheit desselben an der ganzen Westküste entlang bis nach
Upernivik zu bilden; durch zwei Expeditionen (+Nordenskjöld+ 1883 und
+Peary+ 1886) haben wir auch erfahren, daß sich innerhalb des äußeren,
mit Spalten und Unebenheiten angefüllten Eisrandes ein ausgedehntes,
vollständig ebenes Schneefeld befindet, das sich sanft steigend nach
dem unbekannten Innern zu erhebt.
Eine wesentliche Lücke in unserer Kenntniß dieses Inlandseises ist
damit ausgefüllt, aber es bleibt noch vieles übrig, und Aufklärung über
einen Theil derselben zu schaffen, war die Aufgabe unserer Expedition.
Von der Beschaffenheit des Inlandseises an der Ostküste wußte man nur
wenig oder nichts; freilich hatte die dänische Frauenbootsexpedition
unter Kapitän +Holm+ viel von dessen Rand gesehen, aber man hatte
keine Zeit gehabt, demselben weitere Aufmerksamkeit zu widmen, und
das Eis selber war in jener Gegend noch von keinem Europäer betreten
worden.[35] Schon eine Untersuchung der Beschaffenheit des Eises, des
Steigerungsverhältnisses u. s. w. auf dieser Seite würde daher von
Bedeutung gewesen sein.
Noch weit unbekannter war indessen das ganze Innere. Freilich konnte
man aus den Resultaten der beiden letzten Expeditionen einzelne
Schlußfolgerungen ziehen, wie es dort aller Wahrscheinlichkeit nach
aussah, dies aber hatte nur einen geringen Werth, so lange Niemand
dort gewesen war, und es erheben sich ja noch immer gewichtige
Stimmen, welche die Ansicht verfechten, daß das Innere nicht ganz
mit Schnee und Eis bedeckt sei. Obwohl ich niemals zu dieser Annahme
geneigt hatte, erschien es mir, daß die Untersuchung der Höhen- und
Steigerungsverhältnisse des Innern, mit anderen Worten die Form der
ganzen Schnee- oder Eiskappe, welche Grönland bedeckt, von großem
Interesse sein müsse.