Die Wanderung über das Inlandseis. Ein Sturm im Innern. Häusliches
Leben.
Es war nicht immer angenehm, sich beständig in einer solchen Kälte
zu bewegen, wie sie hier herrschte. Oft bildete sich so viel Eis im
Gesicht, daß der Bart mit den Hüllen, die wir um den Kopf trugen,
vollständig zu einem Stück Eis zusammenfror, und es oft recht schwierig
war, den Mund zu öffnen, wenn man sprechen wollte. Unter solchen
Umständen ist es am besten, den Bart abzunehmen, dazu hatten wir aber
weder Zeit noch Lust in dieser Umgebung.
Wenn der Wind in dieser Höhe wehte, wurde die Situation noch weniger
angenehm. In meinem Tagebuch finde ich folgende Notizen über den Wind:
„Am Vormittag des 4. September hatten wir herrlich stilles Wetter,
in der Nacht war ganz loser, leichter Schnee gefallen. Die Sonne
schien auf die unendliche, einförmige Schneefläche herab, die sich
mit kaum merklicher Steigung vor uns ausbreitete wie ein einziger
weißer, diamantenbesäeter Teppich, fein und weich wie Daunen, in
schwachen, fast unsichtbaren Wellen. Aber am Nachmittage veränderte
sich die Landschaft bedeutend; von Nordwest (rechtweisend) blies ein
schneidender Wind, er peitschte den frischgefallenen Schnee vor sich
her und verwandelte das Ganze in eine einzige Schneewolke. Der Himmel
bezog sich und es wurde kälter und kälter. Das Thermometer sank auf
-19°. Der Wind nahm beständig an Stärke zu und ging bald in Sturm über,
es war schwer, dem entgegenzuarbeiten, und man mußte vorsichtig sein,
um nicht zu erfrieren. Zuerst fror die Nase ab, das bemerkte ich jedoch
früh genug, um sie durch Reiben mit Schnee zu retten. Jetzt glaubte ich
außer Gefahr zu sein, da hatte ich ein merkwürdig kaltes Gefühl unter
dem Kinn und bemerkte nun, daß die Halsparthie um den Kehlkopf herum
steifgefroren und gefühllos war. Durch Reiben mit Schnee, und indem
ich einige wollene Fausthandschuhe und andere Bekleidungsgegenstände
um den Hals packte, half ich mir auch darüber hinweg. Aber nun kam
das Schlimmste von allem. Der Wind drang durch die Kleider in die
Magengegend, und ich empfand die heftigsten Schmerzen; ich legte einen
Filzhut dorthin und rettete so auch diesen Theil meines Körpers. Mit
+Sverdrup+ sah es eine Weile beinahe ebenso schlimm aus; wie es den
Andern, die hinter mir herkamen, erging, weiß ich nicht, ich vermuthe
jedoch, daß es auch mit ihnen nicht viel besser aussah. Es war an jenem
Abend noch angenehmer als gewöhnlich, ins Zelt zu kommen und unseren
warmen Brei zu verzehren.
„Am nächsten Vormittag hatte der Wind sich gelegt, aber gegen
Nachmittag brach abermals ein Sturm mit Schneegestöber aus Südwesten
los. Es währte die ganze Nacht und nahm eine mehr und mehr südliche
Richtung. Ich freute mich schon in dem Gedanken an einen guten
Segelwind, als wir aber am nächsten Morgen (6. September) aufbrechen
wollten, hatte der Wind sich dermaßen gelegt, daß ich es nicht der
Mühe werth hielt, Segel aufzusetzen. Späterhin am Vormittage hob der
Wind sich jedoch wieder, und um Mittag wehte es direkt aus Süden
(rechtweisend). Ich hielt es deswegen für gerathen, die Segel zu
hissen, da ich aber auf so einstimmigen Widerspruch bei den Gefährten
stieß, die keine Lust hatten, in diesem Schneetreiben die Segel zu
hissen und das mühsame Aneinanderfügen der Schlitten vorzunehmen,
so unterließ ich es thörichterweise. Wir sollten es später bitter
bereuen, denn je weiter wir kamen, desto mehr wehte der Wind von
hinten, desto stärker wurde er. Er ging bald in einen vollständigen
Schneesturm über, der nach Ost-Süd-Ost oder Osten umsprang, wir hatten
ihn deshalb ganz direkt im Rücken, und er trieb sowohl uns als auch
die Schlitten vorwärts. Da nun das Terrain auch merklich abfiel, ging
es mit guter Fahrt westwärts. Das Schneegestöber nahm in dem Grade zu,
daß +Sverdrup+ und ich die Anderen in einer Entfernung von 20 Schritten
nicht zu sehen vermochten, deswegen mußten wir häufig warten, um sie
nicht zu verlieren. Als wir gegen acht Uhr des Abends Halt machten, war
es keine Kleinigkeit, das Zelt in dem furchtbaren Sturm aufzuschlagen,
und wehe dem Unglücklichen, der am Tage leicht gekleidet gewesen war,
und der nun die Jacke auszog, um etwas mehr Unterzeug anzulegen! Der
Sturm wehte den Schneestaub bis direkt auf die Haut durch alle Poren
der wollenen Unterjacke und des Hemdes, es war, als stehe man ganz
nackend da. Ich selber war nahe daran, mir bei dem Geschäft die linke
Hand abfrieren zu lassen, und nur mit größter Beschwerde konnte ich
mein Zeug wieder zuknöpfen. Aber auch diesmal gelang es uns, das Zelt
aufzuschlagen; aus dem Kochen wurde an jenem Abend freilich nichts, es
drang zu viel Schnee durch alle Oeffnungen hindurch; wir begnügten uns
mit ein Paar Biskuits, ein wenig Leberpastete und Pemikan und freuten
uns, in unsere Schlafsäcke kriechen und den Deckel über den Köpfen
zuziehen zu können. Wir verzehrten dort unser Abendbrot und schliefen
bald ein, dem Sturm die Herrschaft draußen überlassend. An jenem
Tage waren wir ein gutes Stück weitergekommen, meiner Schätzung nach
ungefähr 4 Meilen (es waren jedoch kaum mehr als 2½ Meilen).
„Der Sturm raste die ganze Nacht hindurch und sprang nach Osten um
(rechtweisend). Gerade als ich am nächsten Morgen (7. September)
erwachte, hörte ich, daß etwas sprang; es war eine der Pardunen an der
östlichen Wand des Zeltes, auf die der Wind mit einer Gewalt stand, daß
ich jeden Augenblick erwarten mußte, die Zeltwand auseinander platzen
zu sehen.
„Mit Hülfe einiger aufeinander gestapelter Packsäcke halfen wir dem
Schaden so gut wie möglich ab, ich fürchtete freilich noch immer,
daß die Wand springen könne, und überlegte, was zu machen sei, wenn
das Schneetreiben direkt zu uns ins Zelt hinein stände. Uns blieb
in dem Falle wohl nichts anderes übrig, als uns gut in die Säcke zu
verkriechen und uns einschneien zu lassen.
„Wir hofften, daß der Wind sich legen würde; inzwischen setzte ich
Wasser auf und kochte Thee und Brei, was unseren hungrigen Magen sehr
wohl that. Der Wind hatte ein wenig nachgelassen, und ich glaubte,
daß wir weiter ziehen könnten. Wir machten uns fertig, bereit, dem
Unwetter zu trotzen, und gingen hinaus, um die Segel zu hissen; heute
wollten wir nach Herzenslust segeln. +Balto+ war zuerst reisefertig
und kroch aus der Zeltthür heraus, was keine leichte Arbeit war, da
sich während der Nacht eine Schneeschanze davor aufgethürmt hatte. Es
währte nicht lange, so kam er wieder hereingesprungen, Gesicht und
Kleider ganz voller Schnee, völlig außer Athem, -- der Wind und das
Schneegestöber hatten ihm so arg mitgespielt. Das erste, was er sagte,
sobald er sich ein wenig verpustet hatte, waren die Worte: „Heute wird
es nichts mit der Reise.“ Ich steckte den Kopf zur Thür hinaus und sah
die Richtigkeit seiner Worte nur zu gut ein. Wir mußten bleiben, wo
wir waren, aber das Zelt mußte gestützt und Speisen aus den Schlitten
ins Zelt hineingeholt werden, ehe wir ganz einschneiten. +Balto+ und
+Kristiansen+ sollten diese Arbeiten übernehmen. Sie packten sich
extra ein und banden alle Kleidungsstücke, wo es sich nur machen ließ,
fest zusammen, damit der Schnee nicht durchdringen sollte. +Balto+
war zuerst damit fertig, und ich sah ihm durch die Zeltöffnung nach,
aber er hatte nur wenige Schritte gemacht, als das Schneetreiben ihn
meinen Blicken entzog. Die Schlitten waren fast ganz verschwunden, er
mußte eine ganze Zeit darnach suchen, bis er sie fand, und es war keine
Kleinigkeit, bis zu den Speisen durchzudringen, deren wir bedurften.
Als +Kristiansen+ aus dem Zelt heraus wollte, um an der Windseite
mehrere Sturmpardunen zu befestigen, erfaßte ihn der Wind derartig, daß
er auf allen Vieren kriechen mußte. Trotz aller Hindernisse kam doch
allmählich alles einigermaßen in Ordnung. Mit Hülfe von Schneeschuhen
wurde die Zeltwand auf der Innenseite die Kreuz und die Quer gestützt,
und unter der Dachfirststange wurden die Skierstäbe zur Verstärkung
angebracht. Wir konnten jetzt einigermaßen sicher sein, daß es halten
würde. Alsdann wurden alle Oeffnungen und Spalten, so gut es ging,
mit Reservekleidern und dergleichen zugestopft, -- ganz dicht bekamen
wir das Zelt jedoch niemals, nach und nach sammelten sich große
Schneehaufen bei uns an, und der Raum, der an und für sich klein genug
war, wurde immer beengter, theils infolge des eindringenden Schnees,
theils auch durch die Schneemassen, die das Zelt von außen beschwerten.
Wir hatten es aber trotzdem ganz warm und gut. Der Schnee, der sich an
der Außenseite anhäufte und das Zelt allmählich begrub, wärmte sehr und
schützte gegen den Wind. Gleich nach Mittag ließ der Wind plötzlich
nach, es war, als habe man ihn mit einem Schlage abgeschnitten, -- nun
trat eine völlige Windstille ein.
„Es war ein ungemüthliches Schweigen, wußten wir doch Alle, daß der
Sturm im nächsten Augenblick von der entgegengesetzten Seite mit
erneuter Kraft losbrechen würde. Wir hatten ein Gefühl, wie man es
an Bord eines Schiffes hat, wenn inmitten eines Orkans plötzlich die
wohlbekannte Todtenstille eintritt. Wir lauschten mit gespannter
Erwartung; eine Weile blieb alles ruhig. Einige von uns meinten,
daß es doch möglicherweise vorbei sei. Aber nun kam ein schwacher
Windstoß aus Nordwest (rechtweisend) gerade auf die Zeltwand los, in
der sich die Thür befand, dann fuhr ein Windstoß nach dem andern mit
immer zunehmender Gewalt über uns hin, und ein förmlicher Orkan, weit
schlimmer als alles, was wir bisher erlebt hatten, brach los, gerade
auf die Zeltthür stehend und die ganze Luft drinnen bei uns mit Schnee
füllend, der durch alle Spalten und Oeffnungen eindrang. +Balto+, der
den Augenblick benutzen sollte, war gerade draußen, um den Kochapparat
mit Schnee zu füllen, und nur mit genauer Noth fand er sich zu uns
zurück.
„Jetzt war guter Rath theuer. Die Wand, in der sich die Thür
befand, war die schwächste von allen, und deshalb sorgten wir stets
angelegentlich dafür, sie vom Winde abzuwenden. Mit Hülfe von
Schneeschuhen, Skistäben, Indianertrugern und Wollzeug wurde die Wand
einigermaßen stark und die Thüröffnung so ziemlich dicht gemacht, daß
es auszuhalten war. Aber wir saßen nun doch faktisch da wie Mäuse in
einer Falle. Alle Oeffnungen waren geschlossen, hinaus konnten wir
nicht kommen, so gern wir es auch gewollt hätten.
„Wir machten uns das Leben nun so angenehm wie möglich, kochten Kaffee,
was, wie oben erwähnt wurde, für den täglichen Gebrauch abgeschafft
war, und krochen in unsere Schlafsäcke. Die Raucher erhielten zum
Trost für das Unwetter eine Pfeife Tabak.
„Nur +Ravna+ war trotz des Kaffees die ganze Zeit untröstlich. Ich
suchte ihn zu trösten, er aber erwiderte: „Ich alter Berglappe weiß
sehr wohl, daß ein Schneesturm, der im September kommt, sehr lange
anhält,“ und dabei blieb er trotz aller Vorstellungen.
Als wir am nächsten Morgen (den 8. Septbr.) erwachten, hatte der Wind
sich soweit gelegt, daß wir unsere Wanderung fortsetzen konnten. Es
war aber keine leichte Sache, hinauszukommen, wir mußten uns aus dem
Schnee herausgraben, denn das Zelt war dermaßen eingeschneit, daß nur
der First herausguckte. Die Schlitten konnten wir anfänglich gar nicht
entdecken, und es kostete große Anstrengungen, bis wir sie ausgegraben
hatten und soweit in Ordnung waren, daß wir weiterziehen konnten. Das
Terrain war schwieriger denn je.“
Diese Gefangenschaft im Zelt beschreibt +Balto+ folgendermaßen:
„Eines Tages bekamen wir ein ganz schreckliches Wetter mit
Schneetreiben und Sturm. Trotzdem zogen wir bis zum Abend weiter. Im
Anfang blies der Sturm aus dem Norden (soll Süden heißen), nachher
wurde es aber Ostwind. Am Morgen, als wir Kaffee gekocht hatten, wollte
ein Mann hinaus, um etwas zu holen, als er jedoch die Zeltthür öffnete,
fuhr er wieder zurück, das Wetter draußen war so schrecklich, daß es
eine Unmöglichkeit war, hinaus zu kommen. Ich nahm ein Tuch über den
Kopf, so daß ich nur ein wenig mit den Augen hindurchgucken konnte, und
wagte mich hinaus. Ich entfernte mich einige Schritte von dem Zelt,
um nach den Schlitten zu sehen, aber ich konnte nicht einen einzigen
Schlitten entdecken; sie waren alle vom Schneesturm begraben. Auch
das Zelt konnte ich nicht mehr sehen, weswegen ich anfing, laut zu
rufen, und erst als sie mir vom Zelte her antworteten, konnte ich den
Weg zurückfinden. Auch das Zelt war vollständig im Schnee begraben. Am
nächsten Tage hatten wir gutes Wetter und gingen nun mit aller Macht
daran, unsere Sachen wieder aus dem Schnee herauszugraben.“
Das tägliche Leben ging in dieser Zeit seinen regelmäßigen Gang und
zeichnete sich nur durch seinen Mangel an bemerkenswerthen Ereignissen
aus.
Das Unangenehmste am ganzen Tage war, des Morgens eine Stunde vor den
Anderen aufstehen zu müssen, um Koch zu sein. Wenn man erwachte, fand
man den Kopf drinnen im Schlafsack gewöhnlich vollständig von Eis
und Reif umgeben; es war der Athem, der gefroren war und sich in den
Haaren und auf der Haut festgesetzt hatte. Wenn man dann den Schlaf
aus den Augen gerieben und sich im Sack aufgerichtet hatte, saß man in
einem Raum, dessen Temperatur ungefähr -40° betrug, und wo an allen
Wänden, mit Ausnahme derjenigen, auf die der Wind stand, zolllange
Reiffrangen hingen. Stieß man ungeschickterweise an eine der Wände,
so bekam man ein wenig angenehmes Morgenbad aus Reif. Dann sollte der
Kochapparat angezündet werden; allein das Berühren des Metalls war
höchst unangenehm bei der herrschenden Temperatur, und nicht besser war
es, die Lampe zu füllen und die Dochte in Ordnung zu bringen; denn wenn
sie gut brennen sollten, mußte man sie mit Spiritus anfeuchten, den
man dabei auf die Finger bekam, und das konnte bei der starken Kälte
große Schmerzen verursachen. Um die Dochte trocken zu halten und diesen
Uebelstand dadurch, soweit es ging, zu vermeiden, pflegte ich sie in
der Hosentasche mit mir herumzutragen.
[Illustration: Breitenmessungen und Mahlzeit auf dem Inlandseise. (Von
E. Nielsen nach einer Photographie.)]
Nachdem man dann angeheizt und das Kochgeschirr aufgesetzt hatte,
mußten die Flammen genau beobachtet werden, denn wenn sie zu stark
brannten, so daß der Spiritusbehälter warm wurde, konnte leicht eine
Explosion stattfinden. War diese Gefahr im Anzuge, so wurde der
Behälter mit Schnee abgekühlt. Zu niedrig durften die Flammen jedoch
auch nicht brennen, denn dann dauerte es zu lange, bis man fertig
war. Wenn endlich der Thee oder die Schokolade kochte, wurden Alle
zum Frühstück geweckt, das wir im Schlafsack zu verzehren pflegten.
Wenn das Frühstück verzehrt war, galt es, sich so schnell wie möglich
zum Aufbruch bereit zu machen; die Schlittenschienen wurden an der
Unterseite sorgfältig abgekratzt, die Bagage verstaut und gehörig
festgeschnürt und das Zelt abgebrochen. Zuweilen stellten wir auch am
Morgen einige Observationen mit dem Kochbarometer an, ehe wir unser
Lager aufhoben.
Wenn dies alles besorgt war, zogen wir von dannen, aber schon nach
Verlauf von wenigen Stunden wurde Halt gemacht, um eine Tafel
Fleischpulverschokolade einzunehmen, dann ging es einige Stunden
rastlos weiter bis zur Mittagsmahlzeit, die wir auf den Schlitten
sitzend und so schnell wie möglich verzehrten. Nach einigen Stunden
gab es abermals eine Tafel Fleischpulverschokolade pro Mann. Wiederum
nach Verlauf von zwei Stunden wurde das Vesperbrod, das sog. „Nonsmad“
eingenommen. Dann zogen wir weiter bis zum Abend und machten inzwischen
nur eine kleine Rast, um eine Tafel Schokolade zu genießen.
Bei der strengen Kälte war es oft keine Kleinigkeit, am Tage die
astronomischen Beobachtungen zu machen. Es war sehr schwierig, die
feinen Instrumente mit den dicken Fausthandschuhen zu hantiren; wenn
die Observationen recht genau gemacht werden sollten, mußte dies mit
bloßen Händen geschehen, da mußte man aber natürlich sorgfältig acht
geben, daß die Finger nicht am Metall hängen blieben. Trotz alledem
wurden unsere Beobachtungen mit dem Sextant wie mit dem Theodolith so
genau gemacht, wie dies mit so kleinen Instrumenten nur möglich ist.
Einen Sextant und einen künstlichen Horizont im Schneegestöber zu
handhaben, war fast eine Unmöglichkeit, denn der Schnee lagerte sich
derartig auf dem Dach des Horizonts, daß man seine Observationen, wenn
überhaupt etwas daraus werden sollte, sehr schnell machen mußte. Wenn
es zu schlimm war, mußte man seine Zuflucht zum Theodolith nehmen, die
Benutzung desselben war jedoch mit nicht weniger Beschwerden verbunden;
die Observationen wurden freilich eben so genau.
Wenn wir unsere Abendrast machten, gingen fast alle Mann sofort daran,
den Zeltplatz zu fegen, das Zelt zu errichten, es zu stützen und die
Wände auf der Windseite mit Persennings zu versichern. +Ravnas+ Arbeit
am Abend -- und ich glaube, es war die einzige Arbeit, die er außer
dem Ziehen seines Schlittens auf der ganzen Wanderung zu verrichten
hatte -- bestand darin, die Kochgefäße mit Schnee zu füllen. Als alter
Berglappe, der sich den ganzen Winter hindurch des Schnees statt des
Wassers zum Kochen bedient, hatte er natürlich einen guten Blick
dafür, welcher Schnee am besten schmolz. Sobald wir Halt machten, nahm
er stillschweigend den Kochapparat, grub sich ein Loch in den Schnee
bis zu dem alten Schnee hinab, der bekanntlich beim Schmelzen weit
mehr Wasser ergiebt als der frischgefallene. Sobald +Ravna+ damit
fertig war, trug er den Kochapparat nach dem Zelt, und wenn dies schon
aufgeschlagen war, so setzte er sich mit gekreuzten Beinen hin, um sich
nicht wieder zu erheben, bis die Abendmahlzeit vertheilt wurde. Erst
nachdem ich ihn viele Abende hintereinander dazu aufgefordert hatte,
verrichtete er diese seine einzige Arbeit, ohne dazu ermahnt zu werden,
damit hielt er dann aber seine Mission auf dieser Welt für mehr als
erfüllt.
[Illustration: Der Abend im Zelt. (Von E. Nielsen nach einer Skizze des
Verfassers.)]
Die Abendstunden im Zelt, wenn alle Mann auf ihren Kleidersäcken Platz
genommen hatten, nachdem sie sich sorgfältig von Schnee gereinigt, um
ihn nicht mit in das Zelt zu bringen, waren ohne Frage die Glanzpunkte
unseres Lebens in dieser Zeit. Der Tag mochte noch so hart, die Arbeit
noch so ermüdend und das Wetter noch so kalt gewesen sein, so war
doch, sobald wir um unsern Kochapparat herumsaßen, zu den schwachen
Lichtstreifen hinabstarrten, welche die Spiritusflammen durch die
Löcher im Lampenraum warfen, und auf unser Abendessen warteten,
„-- -- alles vergessen, das Schlimme vorüber,
Uns war das Zelt ein Marmorschloß -- --“.
Und wenn dann die Suppe, der Brei, oder was es nun sein mochte, gekocht
war und wir die Rationen vertheilt hatten und der kleine Stummel
Licht, den wir besaßen, angezündet wurde, damit wir beim Essen sehen
konnten, ja dann hatte unser Glück seinen Höhepunkt erreicht.
Nach beendeter Abendmahlzeit wurden allerlei Vorbereitungen für den
kommenden Morgen getroffen, wir füllten die Kochgefäße mit Schnee,
damit sie am Morgen nur übers Feuer gesetzt zu werden brauchten,
zerkrümelten die Schokolade, um sie gleich ins Wasser schütten zu
können etc. Wenn dies gethan war, krochen wir in unsere Säcke,
schlossen sie so gut wie möglich und schliefen so fest, wie es nur in
dem besten europäischen Bette möglich ist.
Die Mahlzeiten waren für uns natürlich der Mittelpunkt des Daseins.
Wenn wir uns irgend etwas Schönes wünschten oder dachten, so war es
stets reichliches Essen in der einen oder der anderen Form; besonders
um das Fett drehten sich unsere Gedanken; wie bereits mitgetheilt,
hatten wir zu wenig davon mitgenommen, und dieses Entbehren brachte uns
schließlich so weit, daß wir an einem förmlichen Heißhunger auf Fett
litten.
Ich wog jede Woche ¼ ~kg~ Butter pro Mann ab, und so lange diese Ration
währte, war es eine wahre Wonne für uns, in großen Klumpen davon zu
essen, ohne etwas anderes dazu zu genießen. Für Einzelne von uns
war dieser Genuß stets nur von kurzer Dauer; +Kristiansen+ war der
Schlimmste in dieser Beziehung. Er verzehrte die ganze Ration am ersten
Tage, was sehr wenig haushälterisch war. Der Fetthunger ging sogar so
weit, daß +Sverdrup+ mich eines Tages fragte, ob ich glaube, daß es ihm
schaden könne, wenn er die Stiefelschmiere austränke, die aus altem
gekochten Leinöl bestand.
In der Regel wurden selbstverständlich die Rationen für jeden Mann
sorgfältig abgewogen. Diese Rationen mußten meiner Berechnung nach
durchaus genügend sein -- sie beliefen sich auf ungefähr 1 Kilogramm
Speisen pro Mann. Als wir uns der Westküste näherten, stellte ich
es den Gefährten indessen frei, so viel von dem gedörrten Fleisch
zu essen, wie sie wollten, da wir einen Ueberfluß davon hatten.
Merkwürdigerweise aber hatte trotzdem Niemand von uns das Gefühl, je
satt zu werden. +Balto+ wurde nach seiner Rückkehr gefragt, ob er
jemals satt geworden sei. „Nein, ich war kein einziges Mal satt,“
erwiderte er. „Erinnerst du dich noch, +Sverdrup+,“ wandte er sich
an diesen, der neben ihm stand, „wie wir die Festmahlzeit auf dem
Inlandseis hielten und doppelte Rationen vertheilt wurden, und wie ich
da nach dem Essen zu dir sagte: „Bist du satt, +Sverdrup+?“ und du mir
antwortetest: „Ich bin hungrig wie ein Wolf!“
[Illustration: Das Abwägen der Rationen auf dem Inlandseise.
(Nach einer Photographie.)]
Unser Speisezettel für den Tag lautete:
+Frühstück+: Schokolade, in Wasser gekocht (als die Schokolade
verbraucht war, nahmen wir statt dessen Thee mit Zucker),
Fleischbiskuits, Knäckebrot, ein wenig Leberpastete, Pemikan.
+Mittagessen+: Knäckebrot, ein wenig Leberpastete, Pemikan. +Dessert+:
2 Haferkakes, ein wenig Citronensaft und Zucker, um den Schnee damit
anzufeuchten.
+Vesperbrot+: Knäckebrot oder Fleischbiskuits, ein wenig Leberpastete,
Pemikan.
+Abendbrot+: Erbsensuppe (oder Bohnen- oder Linsensuppe),
Fleischbiskuits, Pemikan. Statt der Suppe wurde zuweilen ein Brei
aus Pemikan und Erbswurst gekocht, häufig fügten wir auch einige
Fleischbiskuits hinzu, wodurch das Gericht sehr an Wohlgeschmack
gewann. Zuweilen genossen wir statt Suppe auch Thee.
Außerdem erhielten wir, wie bereits erwähnt, jede Woche unser halbes
Pfund Butter, davon konnten wir nach Belieben zu jeder Mahlzeit essen.
Am liebsten aßen wir die Butter mitten am Tage, da wir der Ansicht
waren, daß sie, allein genossen, den Durst löschte, was vielleicht
eine einzig dastehende Erfahrung ist, wenn man bedenkt, daß die Butter
gesalzen war.
Unsere Bereitung des Essens war nicht von der zierlichsten Art, und
die Art und Weise des Kochens war höchst eigenthümlich. Wie bereits
erwähnt, hatten wir keinen Ueberfluß an Wasser, infolgedessen hatten
wir nichts, worin die Kochgefäße ausgewaschen werden konnten -- es
wäre dies bei der Kälte auch eine wenig angenehme Arbeit gewesen. Wenn
wir am Abend Erbsensuppe oder unsern Brei gekocht hatten, wurde das
Gefäß als besondere Vergünstigung einem der Gefährten, der beim Kochen
behülflich gewesen war, übergeben, damit er es reinigen sollte. +Balto+
pflegte der Glückliche zu sein, dem diese Arbeit zufiel, und er führte
sie aus, indem er das ganze Kochgefäß so rein ausleckte, wie sich dies
mit Zunge und Fingern bewerkstelligen ließ; dies will nun freilich
nicht viel sagen, da das Gefäß sehr tief und im Boden so eng war, daß
man nicht gut mit der Hand hinuntergelangen konnte. In einem solchen
Geschirr wurde dann am nächsten Morgen die Schokolade oder der Thee
gekocht, und wenn es dann geleert war, konnte man zuweilen auf dem
Grunde einen wunderlichen Bodensatz finden, der aus allen möglichen
Ueberresten unserer Breispeise oder Erbsensuppe in lieblichem Verein
mit halbaufgelöster Schokolade oder Theeblättern bestand. Daß dies
verzehrt wurde und dem glücklichen Finder vorzüglich mundete, brauche
ich wohl kaum zu erwähnen. Wenn der Abend kam, wurde dann wieder
Suppe, oder was es nun sein mochte, mit den Ueberresten der Schokolade
zusammengekocht. Hierüber wird wohl manche Hausfrau die Nase rümpfen,
ich kann diese hochverehrten Damen aber versichern, daß sie nie in
ihrem Leben mit all’ ihrer Reinlichkeit Speisen bereitet haben, die so
gut schmeckten, wie uns unser selbstgekochtes Essen mundete.
Fast ebenso hoch wie die Butter wurde im Innern Grönlands der Tabak
geschätzt, -- ich entsinne mich, daß für eine kleine Pfeife eine Krone
geboten wurde. Wie bereits erwähnt, hatte ich keinen großen Vorrath an
Tabak mitgenommen, weil ich das Rauchen bei so starken Anstrengungen
für schädlich halte. Die Pfeife, die man am Sonntag erhielt, mußte
lange herhalten. Erst rauchte man den Tabak und dann sog man so
lange wie möglich auf der Asche und dem Holz des Pfeifenkopfes. Aber
es hielt doch nicht für die ganze Woche vor, deswegen stopfte man
getheertes Tauwerk in die Pfeifen und rauchte das. -- Am schwersten
wurde es +Balto+, den Tabak zu entbehren; wenn man ihm eine Pfeife
versprach, konnte man alles von ihm erreichen. Kautabak hatten wir
nicht mitgenommen, aber mehrere der Kameraden kauten statt dessen große
Stücke getheerten Tauwerks. Weil ich glaubte, daß man möglicherweise
dem brennenden Durst dadurch vorbeugen könne, versuchte ich es auch
eines Tages, aber das Stück Tau kam schneller wieder aus dem Munde
heraus, als es hineingekommen war.
Weit angenehmer fand ich es, während des Marsches auf Holzsplittern
zu saugen; das hält bekanntlich den Mund feucht und löscht den Durst.
Ich benutzte bisweilen ein Stück Bambusrohr, das beste war jedoch,
sich einen Splitter von den norwegischen Trugern abzuschneiden, die
zum Theil aus wildem Kirschbaum angefertigt waren; besonders die Borke
dieses Holzes war vorzüglich, und sowohl +Sverdrup+ wie ich arbeiteten
dermaßen auf die Truger los, daß sie ziemlich dünn waren, als wir
endlich die Westküste erreichten, -- glücklicherweise war dies der
einzige Gebrauch, den wir für die Truger hatten.
Kapitel XX.
Segelfahrt über das Inlandseis. Land! Land! Der erste Trunk Wasser.
Um die Mitte des September hofften wir mit jedem Tage, der verging,
an die Abschrägung zu kommen, die wir an der Westküste zu finden
glaubten. Nach dem Besteck mußten wir näher und näher kommen. Ich hegte
jedoch den geheimen Verdacht, daß unser Besteck beträchtlich vorging
im Verhältniß zu unseren Observationen, mit Absicht unterließ ich es
aber, diese auszurechnen, da es mehreren der Gefährten eine schlimme
Täuschung bereiten würde, wenn es sich herausstellte, daß wir nicht
so weit gekommen waren, wie wir annahmen. Es fiel freilich Allen auf,
daß wir noch immer keine Abschrägung erblicken konnten. Am 11. war
die Senkung jedoch bemerkbar, und infolge einer Aufmessung mit dem
Theodolith stellte es sich heraus, daß sie 22 Minuten betrug.
Am 12. September verzeichnete ich in meinem Tagebuch: „Wir sind Alle in
ganz vorzüglicher Laune, voll Hoffnung auf einer baldige Veränderung
zum Bessern. +Dietrichson+ und +Balto+ behaupten steif und fest, daß
wir noch heute bloßes Land in Sicht bekommen; sie müssen sich wohl in
Geduld fassen, wir befinden uns noch 2800 ~m~ (in Wirklichkeit waren es
2570 ~m~) hoch; lange kann es jedoch nicht mehr währen. Wir rechneten
heute Morgen aus, daß wir uns nach dem Besteck 17 Meilen vom Lande
befänden,[40] und heute begünstigt uns die Senkung sowie der ebene Weg
sehr.“
In den folgenden Tagen nahm die Senkung nach Westen ganz merklich
zu, sie war jedoch nicht mehr eben -- die Oberfläche des Schnees zog
sich in langen Wellen hin, genau so wie wir es beim Aufsteigen an der
Ostküste getroffen hatten.
Am 14. sollten wir nach unserm Besteck nur noch 8 Meilen zurückzulegen
haben,[41] aber noch immer erblickten wir kein Land, und dies wurde
den Lappen verdächtig. +Ravna+ setzte ein immer saureres Gesicht auf,
und eines Abends sagte er: „Ich alter Berglappe, ich Dummkopf, ich
glaube, wir erreichen die Westküste niemals.“ Hierauf antwortete ich
ihm: „Ja, +Ravna+, du hast vollkommen Recht, wenn du sagst, daß du ein
Dummkopf bist!“ Er fühlte sich augenscheinlich sehr getröstet durch
dies zweifelhafte Kompliment. Mit ähnlichen trostlosen Aussprüchen kam
+Ravna+ übrigens häufiger.
Ein ander Mal rief +Balto+ plötzlich aus: „Ach, verdammt und verflucht!
Wie weit es von einer Küste bis zur andern ist, das kann Niemand
wissen, denn hier ist noch niemals ein Mensch vor uns gegangen!“ Es
war natürlich schwer, ihm begreiflich zu machen, daß man trotzdem die
Entfernung berechnen könne, aber, aufgeweckt wie er war, schien ihm
doch eines Tages, als ich es ihm auf der Karte zeigte, eine Ahnung
darüber zu dämmern. Ebenso wie bei +Ravna+ schien es auch bei +Balto+
das beste Trostmittel zu sein, daß wir uns über ihre Feigheit lustig
machten.
Als wir am 16. mehrere starke Senkungen nach Westen hatten, faßten Alle
frischen Muth, und als wir am Abend nur noch -17,8° hatten, kam uns
die Luft förmlich warm vor; es war, als seien wir wieder zum Sommer
zurückgekehrt. Nach dem Besteck sollten wir jetzt nur noch 2 Meilen
zurückzulegen haben, bis wir an bloßes Land gelangten.
Am 17. September waren gerade zwei Monate verflossen, seit wir den
„Jason“ verließen. Es traf sich zufällig so, daß an jenem Morgen
Butterrationen vertheilt werden sollten, was selbstverständlich zu den
angenehmsten Ereignissen während unseres Inlandslebens gehörte; und
als der Thee mit Zucker rings umher an den Betten servirt wurde, war
die Stimmung sehr animirt, es schien eine allgemeine Zufriedenheit zu
herrschen. Zum erstenmal seit langer Zeit hatte sich in dieser Nacht
keine dicke Reifgarnitur an der Innenseite des Zeltes gebildet.
Während wir unser Frühstück verzehrten, glaubten wir zu unserer
größten Ueberraschung plötzlich Vogelgezwitscher zu vernehmen. Bald
verstummte es jedoch, und wir waren nicht sicher, ob wir uns nicht
getäuscht hatten. Als wir aber gegen 1 Uhr des Nachmittags weiterzogen,
vernahmen wir abermals Vogelgezwitscher in der Luft. Wir machten Halt
und erblickten einen Schneesperling, der hinter uns hergeflogen kam. Er
umkreiste uns mehrmals und nahm verschiedentlich einen Anlauf, sich auf
unsere Schlitten zu setzen, dann aber schien er es nicht so recht zu
wagen und ließ sich im Schnee ganz in unserer Nähe nieder, flog jedoch
bald wieder auf und setzte seinen Weg munter zwitschernd fort.
Wie herzlich willkommen war uns dieser kleine Sperling! Brachte er uns
doch einen Gruß vom Lande, dessen Nähe wir verspürten. Wenn man an gute
Engel glaubt, so muß man diese beiden Schneesperlinge -- den, der uns
an der Ostküste ein Lebewohl zuzwitscherte, und diesen, der uns hier
so freundlich willkommen hieß -- für solche halten. Getrost zogen wir
weiter, obwohl wir an jenem Tage keine bemerkenswerthe Senkung hatten.
Am 18. Septbr. war es in dieser Beziehung ganz bedeutend besser, es
wurde auch viel milder und das Leben schien uns von neuem zuzulächeln.
Gegen Abend erhob sich ein südöstlicher Wind und ich hoffte, daß
wir endlich einmal günstigen Segelwind bekommen würden. Wir hatten
lange genug voller Sehnsucht darauf gewartet, trotz +Baltos+
Versicherung, „daß aus dieser Segelfahrt nichts anderes werden würde
als Unsinn!“
In der Nacht hob sich der Wind und gegen Morgen wehte eine frische
Brise. Obwohl man wie gewöhnlich nicht viel Neigung bezeigte, die
Schlitten aufzutakeln und die Segel in der Kälte und im Schneegestöber
zu hissen, wurde natürlich beschlossen, dies so schnell als möglich
zu bewerkstelligen. +Kristiansen+, +Sverdrup+ und ich übernahmen das
eine Gefährt, aus +Kristiansens+ und unserm Schlitten bestehend, zu dem
der Zeltboden als Segel verwendet ward. Die drei Anderen takelten ihre
beiden Schlitten auf.
Das vielfache Zusammenschnüren war nicht sehr angenehm bei der Kälte,
das Schlimmste aber war, daß es, während wir damit beschäftigt
waren, eine Weile so aussah, als wenn der Wind abflauen wolle.
Glücklicherweise war dies jedoch nicht der Fall, und endlich waren
beide Schlitten segelfertig. Ich war ungeheuer gespannt, wie die Sache
ablaufen, und ob das Segel ausreichen würde, um die beiden Schlitten
allein zu ziehen. Es wird gehißt und gut befestigt, -- es giebt auch
einen gewaltigen Ruck, aber die Schlitten sind während der Arbeit
festgeschneit und rühren sich nicht vom Fleck. Es zerrt und rückt am
Mast und in der Takelage, als sollte alles in Fetzen zerrissen werden,
deshalb spannen wir uns schnell vor. Wir ziehen an und machen unser
Fahrzeug flott. Kaum aber ist es losgekommen, als der Wind es uns auf
die Hacken treibt und wir zu Boden stürzen. Wir stehen auf und machen
einen neuen Versuch, aber es geht uns nicht besser, -- sobald wir
wieder auf den Beinen stehen, werden sie unter uns weggestoßen, und
wir sitzen wieder im Schnee. Nachdem sich dies einigemale wiederholt
hatte, sahen wir ein, daß wir auf diese Weise zu keinem Resultat kommen
würden. Einer mußte auf Schneeschuhen vor dem Schlitten stehen und ihn
mit Hülfe einer Stange steuern. Zu diesem Zweck befestigten wir ein
Bambusrohr zwischen den beiden Schlitten, der Steuermann nahm es in die
Hand und hielt sich das Gefährt auf diese Weise vom Leibe, während er
selber vorwärts geschoben wurde. Die beiden Anderen konnten entweder
auf den Schienen stehen und sich hinten am Schlitten festhalten oder
folgen so gut sie vermochten.
[Illustration: Unser erster Versuch in der Segelfahrt am 19. September.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]
Nun konnte die Fahrt beginnen, und +Sverdrup+, welcher das Steuer
zuerst übernehmen sollte, hatte die Stange kaum ergriffen, als es mit
schwindelnder Eile von dannen ging. Ich klammerte mich hinten auf dem
einen Schlitten fest, auf meinen Schneeschuhen stehend, und mich
an der Rückwand des Schlittens haltend, so gut ich konnte, während
+Kristiansen+, dem dies zu halsbrecherisch erschien, auf seinen
Schneeschuhen hinterher gelaufen kam.
So sausten wir dahin über den unebenen Schnee, über Höhen und Tiefen
hinweg, daß Einem Hören und Sehen verging. Die Schlitten glitten über
alle Unebenheiten hinweg, die Spitzen der Schneeschanzen oft nur wie
im Tanz berührend. Ich hatte alle Mühe, mich da hinten fest zu halten.
Dann fiel das Terrain plötzlich ab und zwar stärker denn je zuvor. Die
Fahrt wurde schneller und schneller, die Schlitten berührten jetzt
den Schnee kaum mehr. Gerade vor mir stach das vordere Ende eines
Schneeschuhs aus dem Schlitten heraus, der quer über beide Schlitten
festgeschnürt war, um sie zusammen zu halten. Es war nicht möglich,
ihn zu entfernen, und er verursachte mir viel Beschwerde. Besonders
schlimm war es, wenn wir über die Schneeschanzen hinwegglitten,
die Schneeschuhe wurden dann festgeklemmt, und ich verlor jegliche
Herrschaft über sie. So schlug ich mich lange mit dieser verzweifelten
Schneeschuhspitze herum, während +Sverdrup+ vorne am Steuer stand
und glaubte, daß wir Beide hinten aufsäßen. Mit immer wachsender
Geschwindigkeit ging es vorwärts. Der Schnee wirbelte um uns und hinter
uns auf, und die Gefährten hinter mir im Schneegestöber wurden kleiner
und kleiner.
Da aber begann eine Eisaxt, die auf dem Schlitten lag, sich zu lösen
und machte Anstalten, abzufallen. Die mußte gerettet werden. Ich machte
mich vorsichtig vorüber, ganz auf die Spitze des Schneeschuhes, und
war gerade im Begriff, die Axt zu befestigen, als wir an eine hohe
Schneeschanze kamen. Das Ende des Schneeschuhs auf dem Schlitten
schnitt mich in die Beine, und da lag ich und starrte dem Schlitten und
dem Segel nach, die dahinsausten und im Schneegestöber kleiner und
kleiner wurden. Es war ganz unheimlich, wie schnell das ging! Und ich
lag da und hatte das Nachsehen. Allmählich raffte ich mich jedoch auf
und lief hinterdrein in dem Kielwasser des Schlitten, so lange meine
Augen ihn zu erblicken vermochten.
Zu meiner Freude entdeckte ich, daß ich mich auf meinen Schneeschuhen
mit Hülfe des Windes ganz schnell vorwärts bewegen konnte.
[Illustration: „-- -- da lag ich und starrte dem Schlitten und dem
Segel nach -- --“
(Von A. Bloch.)]
Ich war noch nicht lange gelaufen, als ich die Axt fand, die ich
vorhin hatte befestigen wollen. Eine Strecke weiter schimmerte mir
auf der weißen Schneefläche, durch das Schneegestöber hindurch, ein
viereckiger, dunkler Gegenstand entgegen. Es war eine Schokoladendose,
mit unserer kostbaren Fleischpulverschokolade, die selbstverständlich
nicht liegen bleiben durfte. Jetzt ging es eine ganze Meile in Ruhe und
Frieden weiter, die Schokolade unter dem einen, die Axt und den Skistab
unter dem andern Arm. Dann aber entdeckte ich abermals verschiedene
dunkle Gegenstände im Schnee. Diesmal war es eine mir gehörende
Pelzjacke sowie nicht weniger als drei Pemikandosen, die zerstreut
umher lagen. Das war mehr, als ich bewältigen konnte. Hier war nichts
anderes zu thun, als sich ruhig hinzusetzen und auf Hülfstruppen
zu warten. Von meinem Platz aus konnte ich unser stolzes Fahrzeug
überblicken, das Segel glich einem kleinen, viereckigen Lappen. Rastlos
in fliegender Fahrt sausten die Schlitten dahin, plötzlich machten
sie eine Wendung, die Sonne blitzte auf den Blechdosen, und das Segel
fiel. Dann kam +Kristiansen+, und eine Weile später segelten die drei
anderen Gefährten herbei. Sie mußten zwei von unseren Blechdosen
aufnehmen, als wir sie aber festschnüren wollten, entdeckte +Balto+,
daß auch sie nicht weniger als drei Pemikandosen eingebüßt hatten. Das
war ein unersetzlicher Verlust, deswegen mußten sie zurückgehen und sie
aufsuchen.
Inzwischen sausten +Kristiansen+ und ich von dannen, Jeder mit einer
Blechdose unterm Arm, zu +Sverdrup+ hin, den wir bald erreichten. Und
hier warteten wir nun auf die Anderen, was in dem schneidenden Wind
und ohne jeglichen Schutz ein saures Stück Arbeit war. +Sverdrup+
erzählte, er habe tapfer darauf losgesegelt und gefunden, daß es
ausgezeichnet ginge. Er habe geglaubt, daß wir Beide hinten aufsäßen,
denn vor dem Segel sei nichts zu sehen gewesen. Nach einer Weile sei
es ihm so auffallend gewesen, daß die Passagiere da hinten so still
waren, er habe einen Anlauf zu einer Unterhaltung genommen, aber es
sei keine Antwort gekommen. Nachdem er eine Strecke weiter gesegelt,
habe er abermals gerufen, diesmal lauter als vorher, schließlich habe
er aus Leibeskräften geschrien, -- es sei aber alles still geblieben.
Er habe dies genauer untersuchen wollen und deshalb gegen den Wind an
gesteuert, sei dann hinten herum gegangen und habe hinter das Segel
geguckt. Wer beschreibt aber seinen Schrecken, als er dort Niemanden
fand! Er schaute nun durch das Schneegestöber hindurch, den Weg
entlang, den er gekommen war, und es schien ihm, als könne er ganz im
Hintergrunde einen schwarzen Punkt entdecken. Das war meine Wenigkeit,
auf den verlorenen Blechdosen thronend, und dann drehte er das Segel,
was keine leichte Arbeit bei dem starken Winde war, und wartete
geduldig auf uns.
Es währte jedoch eine lange Zeit, bis die Andern kamen. Wir konnten die
Schlitten durch das Schneegestöber sehen, soweit es sich aber erkennen
ließ, war kein Segel gehißt. Von den Gefährten war nichts zu erblicken.
Endlich entdeckten wir einige kleine dunkle Punkte in weiter Ferne auf
dem Schnee, sie schleppten etwas Glänzendes herbei, was zweifelsohne
die Blechdosen waren. Einen Augenblick später wurde das Segel gehißt,
es wurde größer und größer, und bald waren sie bei uns.
Wir schnürten unsere Schlitten jetzt noch fester aneinander und
befestigten die Last sorgfältig, damit ein solcher Zwischenfall sich
nicht wiederholen sollte. Dann brachten wir hinten auf den Schlitten
einige Taue an, an denen wir uns halten oder mit denen wir uns
festbinden konnten, während wir auf den Schneeschuhen standen. Auf
diese Weise ging es vorzüglich, und diese Schneeschuhfahrt ist ohne
Zweifel die amüsanteste, die ich jemals mitgemacht habe.
Nach einer Weile wurde +Sverdrup+ des Steuerns überdrüssig,
deswegen nahm ich seinen Platz ein. Wir hatten jetzt viele anhaltende
und starke Senkungen, sowie günstigen Wind, -- die Schlitten sausten
dahin, als ging es einen guten, steilen Schneeschuhberg hinab, und
dies Terrain veränderte sich stundenlang nicht. Es ist sehr spannend,
vorn zu stehen und zu steuern, man muß auf das genaueste acht geben
und darf vor allen Dingen nicht fallen, denn sollte dieser Fall
eintreten, so würde in blitzschneller Fahrt das ganze Gefährt über den
Unglücklichen hinsausen, man unter die Schienen gerathen und vorwärts
geschoben werden und müßte froh sein, wenn man mit heilen Gliedern
davonkäme. So etwas darf nicht geschehen, -- man muß jede Bewegung
berechnen, jede Muskel muß angespannt sein und die Schneeschuhe müssen
gut zusammengehalten werden, während die Hand die Steuerstange sicher
umschließt und das Auge unverwandt vorwärtsspäht; sorgfältig müssen die
schlimmsten Schneeschanzen vermieden werden, im übrigen aber läßt man
das Gefährt dahinsausen, mit den Schneeschuhen über Höhen und Tiefen
hinweggleitend.
[Illustration: Segelfahrt auf dem Inlandseise am 19. September.
(Von A. Bloch nach einer Photographie.)]
Das Einnehmen der Mahlzeit war an jenem Tage gar nichts Angenehmes,
deswegen suchten wir so schnell wie möglich damit fertig zu werden.
Gerade als wir am Nachmittag im vollen Segeln sind, erklingt plötzlich
von den Schlitten hinter uns ein Jubelschrei; es ist +Baltos+ Stimme,
welche uns zuruft: „Land in Sicht!“
Durch das Schneegestöber hindurch, das gerade ein wenig schwächer
geworden ist, schimmert über der Schneefläche im Westen ein länglicher
dunkler Berggipfel, und südlich davon ein kleinerer. Wir stimmten Alle
in den Jubel ein, das Ziel, für das wir so lange gekämpft hatten, lag
endlich sichtbar vor unsern Augen.
Dies Ereigniß schildert +Balto+ auf folgende Weise:
„Am Abend, als wir mit unsern Schlitten segelten, erblickte ich weit
im Westen einen dunklen Punkt. Ich starrte und starrte, bis ich sah,
daß es wirklich nackter Erdboden war; da rief ich +Dietrichson+ zu:
„Ich sehe nackten Boden!“ +Dietrichson+ schrie sofort den Andern zu,
daß +Balto+ im Westen nackten Erdboden sehen könne. Hurrah! Hurrah! --
Und nun sind wir froh, daß wir diesen Anblick endlich haben, denn wir
hatten uns schon so lange danach gesehnt, und wir bekamen neuen Muth
und neue Hoffnung, glücklich und ohne Schaden über dies Eisgebirge
hinüberzukommen, denn es ist das größte auf der ganzen Welt. Wenn wir
noch mehrere Tage im Eise hätten zubringen sollen, fürchte ich, daß es
Einigen von uns schlimm ergangen wäre. -- Sobald +Nansen+ dies hörte,
machte er Halt und theilte Jedem von uns zwei Stücke Fleischschokolade
aus. Es war so Gebrauch bei uns, jedesmal, wenn wir an einen Punkt
gekommen waren, nach dem wir uns lange gesehnt hatten, von dem Besten
zu essen, was wir besaßen. So z. B., als wir von dem Meereis auf
das Land gelangten, als wir nach Umivik kamen, als wir den höchsten
Punkt von Grönland erreichten, als wir die Westküste erblickten, und
zum Schluß, als wir schneefreies Land an der Westküste betraten, --
dies Gute bestand hauptsächlich aus Eingemachtem, aus amerikanischen
Hafercakes und aus Butter.“
Das Land, das wir zuerst erblickten, lag freilich nördlich von der
Richtung, die wir bisher eingeschlagen hatten, aber ich lenkte den Kurs
doch dahin, um so mehr, als das Eis in dieser Richtung scheinbar am
niedrigsten war. Bald verhüllte das Schneegestöber das Land abermals,
und den zunehmenden Wind direkt im Rücken, segelten wir den ganzen
Nachmittag weiter, ohne wieder eine Spur vom Lande zu erblicken. Eine
Abschrägung nach der andern wurde zurückgelegt, und es ging „Gloria“,
wie wir uns ausdrückten, wenn etwas ungewöhnlich gut ging, was freilich
nur selten der Fall war.
Am Nachmittag war das Terrain eine Weile ziemlich flach, und der Wind
flaute ab, gegen Abend aber hob er sich wieder, und die Senkung wurde
wieder stärker. Mit immer wilderer Fahrt sausten wir dahin, während das
Schneegestöber zunahm. Es begann schon zu dunkeln, als ich plötzlich
durch das Schneegestöber und die Finsterniß hindurch vor mir auf dem
Schnee etwas Dunkles erblickte. Ich hielt es für eine gewöhnliche
Unebenheit im Schnee, achtete nicht darauf und segelte ruhig weiter.
Wenige Schritte davon entfernt, entdeckte ich jedoch meinen Irrthum,
schnell wie ein Gedanke drehte ich das Steuer, so daß die Schlitten
gegen den Wind wendeten. Es war auch die höchste Zeit, denn wir
befanden uns hart an einer breiten Spalte -- eine Sekunde weiter, und
wir wären verschwunden, um nie wieder das Licht des Tages zu erblicken.
Aus Leibeskräften schrien wir den Andern, die hinter uns herkamen, zu,
daß sie anhalten sollten. +Balto+ berichtet hierüber:
„Am Abend, als wir im besten Segeln waren, die Uhr mochte wohl halb
acht sein, und es war schon ziemlich dunkel, sahen wir, daß +Nansen+,
der voraussegelte, uns gewaltig zuwinkte und laut rief: „Segelt nicht
weiter, es ist hier gefährlich!“ Wir waren in voller Fahrt begriffen
und hatten alle Mühe, unsere Schlitten zum Stehen zu bringen. Wir
legten uns schräg vor den Wind und warfen uns selber auf die Seite.
Im selben Augenblick entdeckten wir gerade vor uns eine entsetzliche
Eisspalte, die mehrere hundert Meter tief war.“
Ueber diese Segelfahrt berichte ich ferner in meinem Tagebuch: „Dies
war die erste Spalte, aber es war nicht wahrscheinlich, daß es
die letzte war, deshalb mußten wir darauf gefaßt sein, mehrere zu
treffen. Die Gefährten äußerten ihre Bedenken, die Segelfahrt an jenem
Abend fortzusetzen, aber ich fand, daß es zu früh war, um uns zur
Ruhe zu begeben, wir mußten den Wind ausnutzen. Ich verließ deshalb
meinen Schlitten und lief voraus, um das Eis zu untersuchen, während
+Sverdrup+ das Steuer übernahm und wir die Segel an beiden Schlitten,
die mir in einiger Entfernung folgten, verkleinerten. Der Wind wehte
so stark, daß er mir tüchtig half, ich konnte ganze Strecken lang auf
meinen Schneeschuhen stehen, ohne die Beine zu bewegen, und es ging
auf diese Weise schnell vorwärts. Sobald mir das Terrain verdächtig
erschien, ging ich vorsichtig zu Werk und fühlte stets mit dem Skistab
nach, ob sich nicht hohler Grund unter dem frischgefallenen Schnee
befand. Trotz dieser Vorsichtsmaßregel wäre es doch beinahe geschehen,
daß +Sverdrup+ und +Kristiansen+ mit Schlitten und Bagage verschwunden
wären. Dicht hinter ihnen stürzte der Boden ein, als sie gerade über
eine Spalte hinübergekommen waren. Indessen nahm der Wind noch immer
zu, und die Segel mußten mehrmals verkleinert werden, damit die
Schlitten mir nicht zu unmittelbar folgten. Als der Hunger sich endlich
allzu fühlbar machte, vertheilten wir zwei Fleischbiskuits pro Mann,
ohne jedoch deswegen Halt zu machen, -- wir mußten während der Fahrt
essen.
„Die Dunkelheit senkte sich schnell herab, aber der Vollmond ging auf
und leuchtete genügend durch das Schneegestöber hindurch, um mir
die schlimmsten Spalten zu zeigen. Es machte einen eigenthümlichen
Eindruck, die beiden Fahrzeuge mit den breiten vikingsartigen Segeln
über die einförmige, von der großen Mondscheibe erhellte weiße Fläche
dahinsausen zu sehen.
[Illustration: Segelfahrt im Mondschein am 19. September.
(Von A. Bloch nach einer Skizze des Verfassers.)]
„In immer rasenderer Eile ging es vorwärts, während das Eis schwieriger
und schwieriger wurde und ich beim Mondschein deutlich erkennen konnte,
daß es vor uns noch schlechter aussah. Im nächsten Augenblick war ich
dort, -- es sind Unmengen von Spalten, die aber mit Schnee angefüllt
und daher größtentheils ungefährlich sind. Hin und wieder stößt der
Stab auf hohlen Grund, aber die Spalte ist schmal, und die Schlitten
gleiten darüber hin. Dann kommt eine breitere Spalte und ich erblicke
im Mondschein in geringer Entfernung vor mir eine dunkle, breite
Schlucht. Ich mache Halt, nähere mich vorsichtig auf dem glatten Eis,
auf dem sich jetzt kaum mehr frischgefallener Schnee befindet, und
schaue in die tiefe, dunkle Schlucht hinab. Vor mir sehe ich Schlucht
auf Schlucht, -- tiefblaue Streifen, die sich parallel nebeneinander
hinziehen. Ich gebe den Andern ein Zeichen und mache Halt. Hier ist
an kein Vordringen mehr zu denken, wir müssen unser Zelt aufschlagen.
Im Westen, wo noch ein schwacher Schein des entschwundenen Tages den
Abendhimmel erhellt, ragt das Land empor. Es war dasselbe Land, das
wir am Vormittage gesehen hatten, aber es erhebt sich jetzt hoch am
Horizont und daneben, im Süden, ist eine ganze lange Landstrecke aus
der Eisfläche emporgestiegen.
„Es war ein schwieriges Stück Arbeit, das Zelt in dem starken Wind und
auf dem glasharten Eis aufzuschlagen, wo sich die Pardunen nirgends
befestigen ließen. Die Haken wollten nicht halten, und wir mußten
mit der Axt Löcher für die Skistäbe hauen, um die Pardunen daran zu
befestigen. Endlich, nachdem wir mehr als gewöhnlich gefroren hatten,
war das Zelt aufgeschlagen und wir fanden einigermaßen Schutz. Niemand
hatte an jenem Abend Lust, etwas zu kochen, dazu war der Wind, selbst
im Zelt, zu empfindlich. Die Festmahlzeit, die ich versprochen, sobald
wir bloßes Land erblickten, und auf die wir uns so sehr gefreut hatten,
wurde bis zum nächsten Morgen verschoben. Wir theilten den Rest unseres
Schweizerkäses und krochen in unsere Schlafsäcke, höchst zufrieden
mit unserm Tagewerk. In den Sack gekommen, bemerkte ich erst, daß mir
während der Segelfahrt die Finger an beiden Händen abgefroren waren.
Jetzt war es zu spät, sie mit Schnee zu reiben, sie fingen schon an
aufzuthauen, und die Schmerzen waren während der ganzen Nacht fast
unerträglich, bis ich endlich einschlief.“
Früh am nächsten Morgen fuhr ich plötzlich auf, voller Schreck
mich erinnernd, daß ich vergessen hatte, die Uhr aufzuziehen.
Unglücklicherweise war es +Sverdrup+ ebenso ergangen. Wir zogen sie
sofort auf, aber nun war es zu spät.
Als wir den Kopf zum Zelt hinaussteckten, sahen wir das ganze Land
südlich vom Godthaabs-Fjord sich vor uns ausbreiten; -- es war ein
bergiges, unebenes Terrain mit vielen hohen Felsspitzen und Gipfeln.
Entsinnst du dich, wie du zum erstenmal als Kind das Hochgebirge
daliegen sahest, voller Gletscher und Schluchten? Entsinnst du dich,
wie diese ganze unbekannte Welt dich zog und lockte? Ja, dann wirst
du verstehen können, was wir empfanden! Wir waren wie die Kinder.
Wir hatten ein eigenthümliches Gefühl im Halse, während unser Blick
den Thälern folgte und vergebens nach einer Spur von See spähte. Es
war eine schöne Landschaft, wild und großartig, wie an der Westküste
Norwegens. Oben auf den Bergen lag frischgefallener Schnee, dazwischen
aber schoben sich dunkle Schluchten, deren Boden die Fjorde bildeten;
wir konnten sie zwar nicht sehen, aber wir ahnten sie. Ueber dies
Gebirgsland bis nach Godthaab zu gelangen, schien uns eine Kleinigkeit
zu sein.
[Illustration: Bergabwärts.
(Vom Verfasser nach einer Augenblicks-Photographie.)]
Wir nahmen unsere Festmahlzeit in aller Ruhe ein, kochten uns Thee
„~en masse~“ und aßen Mysekäse und Haferkakes nach Herzenslust. Erst
spät am Vormittag brachen wir auf. Wir hatten uns in der Nacht in ein
häßliches Spaltenterrain hineingesegelt und mußten nun unsern Kurs in
südlicher Richtung nehmen, um auf besseres Eis hinaufzugelangen. Der
frischgefallene Schnee war auf der ganzen Strecke, die wir an diesem
Tage passirten, zum Theil zu Schanzen zusammengeweht, besonders war
dies überall da der Fall, wo das Terrain uneben war, an anderen Stellen
war er ganz fortgefegt, so daß die harte, glatte Eisoberfläche ganz
frei dalag. Nach einer Weile kamen wir an eine mächtige, lange Halde,
die wir hinuntermußten. +Sverdrup+ und ich hatten unsere Schneeschuhe
angeschnallt und sausten mit Windeseile dahin, aber die Schlitten
waren schlecht zu steuern und zu beiden Seiten hatten wir große
Schluchten, endlich mußten wir uns entschließen, die Schneeschuhe
abzulegen. Nun ging es die Halde hinab, während wir selber auf den
Seiten standen und hemmten und lenkten, so gut wir konnten, um die
Spalten zu vermeiden; die Lappen waren ganz ausgelassen und fuhren
mit windesgeschwinder Fahrt dahin. Nach einer Weile stießen wir auf
Blankeis, auf dem es sich sehr schwer gehen ließ, dem Anschein nach
mußte es ein großer, zugefrorener See sein. Jenseits desselben stießen
wir wieder auf unsicheres Eis. Nachdem wir hier mehrmals auf Spalten
gerathen waren, fanden wir es am sichersten, die Schneeschuhe wieder
anzuziehen, denn wenn wir quer über die Schluchten hinglitten, hielten
die langen Schienen uns besser oberhalb derselben. Einmal sah die Sache
schlimm genug aus, unser Schlitten kam der Länge nach an eine Spalte,
und eine der Schienen durchschnitt die Schneedecke, welche darüber
gebreitet war, sie begann schon, an dem ganzen Schlitten entlang zu
streben, als es uns noch im letzten Augenblick gelang, den Schlitten
auf festen Boden zu ziehen. +Ravna+ und +Balto+ erging es beinahe noch
schlimmer, als sie einen kürzeren Weg einschlagen wollten, als den,
welchen +Sverdrup+ und ich genommen hatten; sie kamen an den Rand einer
noch breiteren und tieferen Spalte, wo die eine ganze Schiene versank
und der Schlitten nahe daran war, umzuwerfen. Nur mit Noth und Mühe
zogen sie sich aus der Klemme; -- ich war natürlich wüthend und schalt
sie gehörig aus, weil sie unserer Spur nicht gefolgt waren. Meiner
Ansicht nach wäre es doch genug, sagte ich, daß Diejenigen, welche
die Führung übernommen hatten, solchen Gefahren ausgesetzt seien. --
Auch +Kristiansen+ war nahe daran gewesen, seinen Schlitten bei einer
ähnlichen Gelegenheit einzubüßen.
Am Nachmittag zog ein Hagelwetter mit Sturm aus Süden und Süd-Osten
auf. Die Hagelkörner peitschten uns ins Gesicht, und die Schlitten
wurden von dem Wind wieder und wieder quer herum geworfen, so daß das
Ziehen sehr beschwerlich war, besonders mein und +Sverdrups+
Schlitten machte viele Mühe, da die Last auf demselben groß und hoch
war und infolgedessen eine so beträchtliche Windfläche darbot. Jetzt
wären die Stahlkiele unter den Schienen besonders angebracht gewesen,
aber wie erwähnt waren sie früher in dem unebenen Eis an der Ostküste
zerbrochen.
Am Abend machten wir auf einer kleinen Ebene Halt, wo etwas
zusammengewehter frischer Schnee lag, in den wir unsere Skistäbe
einrammen konnten und wo wir infolgedessen unser Zelt verhältnißmäßig
schnell aufschlugen.
Wir hatten uns ursprünglich mit der Hoffnung geschmeichelt, dem Lande
bedeutend näher zu kommen, wenn nicht gar, es noch am selben Abend zu
erreichen; hierin täuschten wir uns aber sehr, es erschien uns, als
seien wir ebensoweit davon entfernt als am vorhergehenden Abend.
Am nächsten Tage (21. September) hatten wir Schneewetter und konnten
nichts vom Lande und auch nichts vom Eise ringsumher erblicken. So
tasteten wir beinahe blindlings umher, -- es war unmöglich zu sehen, wo
das Terrain am günstigsten war.
Gegen Mittag machten wir Halt, um wenn möglich eine Mittagshöhe zu
bestimmen; die Sonne blickte nämlich ein wenig aus den Schneewolken
hervor, und es war für uns von größter Wichtigkeit zu wissen, wo wir
uns befanden. Am vorigen Mittag war ich nämlich zu spät gekommen,
da ich mich in der Zeit irrte, -- ich hatte ja vergessen, meine
Uhr aufzuziehen. Glücklicherweise war die Sonne gerade lange genug
sichtbar, ich bestimmte die Mittagshöhe und berechnete die Breite auf
64° 14′ N. Br. Dies war etwas weiter nördlich, als ich wünschte, ich
hatte während der Segelfahrt zu sehr in nördlicher Richtung gesteuert,
nachdem wir Land in Sicht bekamen, und nun mußten wir, wie man ersehen
wird, mehrere Tage dafür büßen. Hätten wir unseren südlichern Kurs
innegehalten, wären wir wahrscheinlich direkt auf das Land herunter
gesegelt.
Jetzt setzten wir unsere Fahrt mit südlichem Kurs fort. Gegen
Nachmittag geriethen wir auf einen Höhenrücken zwischen so entsetzliche
Spalten, daß wir froh waren, umkehren und so schnell wie möglich
südwärts gelangen zu können. Jetzt kamen wir auf ziemlich ebenes Eis,
auf den Boden eines Thals, das zwischen zwei Bergrücken lag, die an
allen Ecken und Kanten mit Spalten durchzogen waren. Nach vorne zu
verengte sich das Thal, bis es schließlich eine Schlucht bildete,
wo die beiden Felsrücken sich beinahe berührten, und wo es ein
schroffer Abhang mit wildzerklüftetem Eis wurde. Hier sah es völlig
undurchdringlich aus, es war überflüssig, unter diesen Umständen weiter
vorzudringen, aller Wahrscheinlichkeit nach waren wir schon zu weit
gegangen.
Wir beschlossen nun, daß +Ravna+, +Balto+ und +Dietrichson+ das Zelt
aufschlagen sollten, während +Kristiansen+, +Sverdrup+ und ich eine
Wanderung in das zerklüftete Eis unternahmen, um zu sehen, ob an ein
Vordringen zu denken sei. +Balto+, der zum Unterkoch ernannt war,
erhielt den Auftrag, den Kochapparat in „Schwung“ zu setzen, gute warme
Erbsensuppe zu kochen und in dem oberen Gefäß warmes Wasser zu halten,
damit wir nach dem Essen einen Citronentoddy machen könnten. Dies alles
sollte fertig sein, wenn wir zurückkamen.
Wir drei Untersuchungsreisenden banden uns das Alpenseil um die Taille
und zogen bergabwärts. Das Eis war ganz ungewöhnlich schlecht, wir
konnten uns nur mit Mühe fortbewegen, überall stießen wir auf scharfe
Eiskanten und Schluchten; gefährlich war das Terrain jedoch nicht, da
die Schluchten in der Regel nicht tief waren.
Wie groß war mein Staunen, als ich, nachdem wir eine Strecke
zurückgelegt hatten, mitten zwischen schneebedeckten Eisgipfeln eine
kleine dunkle Fläche erblickte. Allem Anschein nach mußte es Wasser
sein, aber es konnte ja auch Eis sein, deswegen sagte ich den Andern
nichts. Als wir aber dahin gelangten und sich beim Einstecken des
Stabes herausstellte, daß es weich war, da kannte unsere Freude keine
Grenze. Wir warfen uns nieder, legten den Mund an die Wasserfläche und
sogen das herrliche Naß nach Herzenslust ein. Nachdem wir monatelang
unsern Durst nur durch spärliche Wasserrationen hatten befriedigen
können, gewährte es uns einen unbeschreiblichen Genuß uns endlich
einmal satt trinken zu können. Wie viele Liter wir zu uns nahmen,
vermag ich nicht zu sagen, -- eine ganz beträchtliche Anzahl war es
aber. Wir konnten förmlich fühlen, wie unsere Magen anschwollen und
groß und rund wurden. Dann zogen wir weiter, ein wenig schwerer als
zuvor. Wir waren nicht weit gegangen, als wir Jemand rufen hörten und
den kleinen +Ravna+, was das Zeug halten wollte, auf uns zueilen
sahen. Wir warteten auf ihn, ganz besorgt, daß den Kameraden ein
Unglück zugestoßen sein könne. Bald hatte er uns erreicht, und ich war
nicht wenig erfreut, als ich erfuhr, daß er nur gekommen sei, um die
Dochte zu den Spirituslampen zu holen, die ich wie gewöhnlich in der
Tasche trug. Ich war sehr gespannt, ob +Ravna+ wohl das Wasser
entdeckt hatte, denn er war am schlimmsten vom Durst geplagt und ich
fürchtete fast, daß er zuviel trinken könne. Schließlich konnte ich
es doch nicht lassen, ihn geradezu zu fragen. Ja, er habe das Wasser
gesehen, er habe jedoch keine Zeit zum Trinken gehabt, wolle nunmehr
aber das Versäumte nachholen, und damit trabte er wieder von dannen.
Wir setzten unsere Wanderung fort und kamen nun in das unebenste und
unwegsamste Terrain, das uns bis dahin vorgekommen war. Alles, was
ich durch Kapitän +Jensens+ Beschreibung von unebenem Eis gehört
hatte, war nichts hiergegen. Völlig undurchdringlich war es zwar nicht,
aber Eiswände, von denen die eine immer schärfer und unzugänglicher
war als die andere, erstreckten sich nach allen Richtungen hin,
unterbrochen von tiefen Schluchten, die häufig Wasser enthielten, über
dem eine dünne Eisschicht lag, durch welche man hindurchbrach. Es
dunkelte bereits stark, als wir endlich heimkehrten. Der Rückweg, auf
dem wir unsern Weg durch den frischgefallenen Schnee bahnen mußten,
war sehr ermattend, und mit großer Freude begrüßten wir deswegen den
Anblick des Zeltes. Als wir an der ersten Wasserlache vorüberkamen,
thaten wir noch einen guten Trunk. Wir legten uns flach zu Boden und
ließen das Wasser in reichlichen Mengen durch unsere Kehlen strömen, --
unsere Stirne umrieselte es eiskalt, aber das schadete nicht, es war
ein wahrhaft himmlischer Genuß, sich endlich einmal nach Herzenslust
satttrinken zu können. Bei dem Betreten des Zeltes, in dem die
Kameraden um den Kochapparat kauerten, schlug uns ein belebender Duft
warmer Erbsensuppe entgegen. +Balto+ war sehr stolz darauf, meinen
Anordnungen wörtlich nachgekommen zu sein, -- alles war fertig und
warm, -- wir konnten an die Mahlzeit gehen.
Wie es den Andern während unserer Abwesenheit ergangen war, das
schildert +Balto+ auf folgende Weise:
„Die anderen Drei zogen von dannen mit dem Seil um den Leib, um einen
Weg auszukundschaften. Ich, +Ravna+ und +Dietrichson+ blieben zurück,
um das Zelt aufzuschlagen, und ich sollte Erbsensuppe kochen, denn ich
war Koch. Ich holte die Kochmaschine heraus, entdeckte aber, daß keine
Dochte darin waren. +Nansen+ hatte sie in der Tasche. Da sandte ich
+Ravna+ hinter +Nansen+ her, um die Dochte zu holen. Als +Ravna+ zu
uns zurückkam, erzählte er, daß er Wasser gefunden und sich den Magen
voll getrunken habe. Sobald ich das hörte, ergriff ich einen leeren
Blechkasten und lief in einem Sprung, bis ich den Teich erreichte.
Dort warf ich mich nieder und trank. Von Zeit zu Zeit mußte ich den
Kopf in die Höhe heben, um mich ein wenig zu verpusten, dann trank ich
weiter. Es schmeckte genau so wie süße Milch, denn wir waren Tag für
Tag seit einem ganzen Monat ohne Wasser gewesen. Dann füllte ich den
Blechkasten und trug ihn zum Zelt zurück. Sofort warf +Dietrichson+
sich bei dem Blechkasten nieder und trank, was das Zeug halten wollte.
Der Blechkasten war groß, aber es blieb nur gerade genug für die
Erbsensuppe übrig. Von dem Tage an fanden wir überall hinreichend
Wasser.“
Ja, wir erinnern uns wohl Alle noch des 21. September, als wir zum
erstenmal Wasser bekamen!
Sobald wir in das Zelt gekommen waren, wurde die herrlich duftende
Suppe in Tassen gegossen, und wir sprachen der Mahlzeit mit mehr als
gewöhnlichem Appetit zu, was sehr viel sagen will. Jetzt konnte auch
+Ravna+ essen. Bis dahin hatte er immer behauptet, er könne nicht
ordentlich essen, weil er sich nie satt trinken dürfe. Er hob häufig
von seinen Rationen auf und ärgerte uns Andere oft, indem er vier bis
fünf Fleischbiskuits hervorholte und sie uns zeigte, um uns den Mund
wässern zu machen. Wahrscheinlich bedurfte sein kleiner Körper nicht
einer so reichlichen Menge Speisen wie unsere großen Leiber. Nach dem
Abendessen wurde Citronentoddy servirt, der aus Citronensaft, einigen
Tropfen Citronenöl und Zucker in warmem Wasser bestand. Wie wir so in
unseren Schlafsäcken dalagen und dies Getränk in langen Zügen einsogen,
mundete es uns ganz vorzüglich.
Ich war lange nicht so ermüdet gewesen wie heute. Dies stundenlange
Stampfen durch den frischgefallenen Schnee greift die Beinmuskeln an.
Auch den Andern ging es nicht viel besser. Aber hinterher im Zelte
senkte sich über solche Abende ein unsagbares Gefühl des Wohlseins,
und über alle Mühen und Beschwerden des Tages legt sich der mildernde
Schleier des Vergessens.
Ein kleiner Lichtstummel, der letzte, den wir besitzen, erleuchtet, so
lange wir essen, den kleinen Raum. Endlich ist man fertig, alles wird
für den nächsten Morgen vorbereitet, das Licht wird ausgeblasen, man
zieht den Kopf ganz unter den Deckel des Schlafsacks und schlummert
bald in das Land der Träume hinüber.
Fußnoten:
[40] Wir befanden uns zu der Zeit in Wirklichkeit etwa 26 geograph.
Meilen vom eisfreien Lande entfernt.
[41] Es waren in Wirklichkeit etwa 20 Meilen.
Kapitel XXI.
Abwärts bis an den Ameralik-Fjord.
Am Morgen des 22. September vor dem Frühstück, während +Balto+ Thee
kochte, unternahmen +Sverdrup+ und ich einen Rekognoszirungsausflug
auf den südlich vom Zelt gelegenen Höhenrücken, der von bodenlosen,
breiten Spalten quer durchschnitten war. Einmal fiel ich durch eine
Schneebrücke, aber die Spalte war so schmal, daß ich an beiden Seiten
Halt hatte und nach einigen Anstrengungen wieder in die Höhe kam.
Vom Gipfel des Bergrückens hatten wir eine prächtige Aussicht über das
Eis rings umher. Es sah aus, als wäre es überall schwer fortzukommen,
gespaltete Eisrücken zogen sich in westlicher Richtung bis an den
Eis-Fjord Kangersunek, den wir jetzt dort vor uns liegen sahen, während
wir früher im Zweifel waren, was für ein Thal oder ein Fjord es sei.
Wir konnten uns jetzt gründlich orientiren und sahen ganz deutlich, daß
wir eine ganze Meile nördlicher gekommen waren, als wir beabsichtigten.
Um auf die leichteste Weise fortzukommen, mußten wir noch eine Weile
in westlicher Richtung gegen den Fjord ziehen, und dann vielleicht ein
wenig mehr gegen Süden.
Wir kehrten nach dem Zelt zurück, wo das Frühstück auf uns wartete.
Nach dem Frühstück gingen +Sverdrup+ und ich auf Schneeschuhen voran,
um einen Weg zu suchen. Die Anderen sollten versuchen, uns mit den
vier Schlitten, so weit sie konnten, zu folgen und an dem letzten
Bergrücken, den wir zu sehen vermochten, Halt machen. Wir hielten
nördlich von dem Terrain, in das wir gestern Abend hinabgestiegen
waren, und da der Wind uns half, ging es in sausender Fahrt dahin auf
unseren glatten Eichen-Skiern.
[Illustration: Aussicht vom Lande westlich von Kangersunek-Fjord über
die Gletscher.
(Vom Verfasser nach einer Photographie.)]
Wir kamen so weit, daß wir in den mit Gletschereis angefüllten Fjord
hinabsehen konnten, und noch immer war das Terrain einigermaßen
günstig. Dann aber begannen die Spalten wieder. Im Anfang liefen sie
alle in paralleler Richtung, ohne sich zu schneiden, und wir kamen über
eine ganze Anzahl glücklich hinweg. Dann aber gelangten wir an ein ganz
unmögliches Terrain, wo breite bodenlose Spalten einander nach allen
Richtungen hin schnitten. Das Eis ragte wie kleine viereckige Inseln
zwischen den tiefblauen Abgründen empor. Ein mehr zerrissenes Eis ist
wohl nirgends zu finden. Es lag klar auf der Hand, daß wir hier nicht
weiter kommen konnten. Wir krochen in den Schutz einer zugefrorenen
Spalte und nahmen unsere Mittagsmahlzeit ein, während die Sonne ihr
Bestes that, um uns unser Daheim so angenehm wie möglich zu machen.
[Illustration: DAS AUSTMANNATHAL
durch welches die Expedition zum Ameralikfjord niederstieg.