seiner Konstitution, die einen steten Wechsel von Krankheit und
Genesung verursache, vor allem aber die Sinnverknüpfungen mit dem
Zufall zeigen uns, wie sehr es ihm auf Darlegungen verborgener
Zusammenhänge ankam. Wenn er dem Umstande, daß die Verheiratung seiner
Großmutter an dem Tage stattfand, an dem Napoleon in Eilenburg einzog,
und dem Datum seiner Geburt am Geburtstag Friedrich Wilhelms des
Vierten besondere Bedeutung beimißt, wenn er von der Art, wie seine
Aufmerksamkeit auf Schopenhauer gelenkt wurde, sagt: »So etwas Zufall
zu nennen, wäre Sünde wider den heiligen Geist Schopenhauers«, wenn
er als vorbedeutungsvoll auffaßt, daß ihm bei seinem ersten Besuch in
Tribschen die Akkorde aus dem »Siegfried« entgegenklangen: »Verwundet
hat mich, der mich erweckt«, wenn er wiederholt darauf hinweist, daß
er den ersten »Zarathustra« in der heiligen Stunde vollendet habe, in
der Richard Wagner in Venedig starb, oder die historischen Bewandtnisse
seiner Aufenthaltsorte zu sich in Beziehung setzt, die Stätten
ehrfurchtsvoll kennzeichnet, an denen ihm entscheidende Ideen seiner
Werke aufstiegen und so verschiedene Fäden jeder Art zu einem Netz
verknüpft: so haben wir in alledem nicht Aberglauben noch Phantasterei
zu sehen, sondern das _In-eins-Dichten_ von dem, »was Bruchstück ist
und Rätsel und grauser Zufall«.
Will man diese Einbeziehung des Zufalls in eine verborgene Kausalität,
diese Symbolisierung durch freie Interpretation Mystik nennen, so ist
es jedenfalls nicht Mystik im Sinne »augenschließenden Anschauens«
gemäß der griechischen Herkunft des Wortes, sondern hellsichtiges
Überbewußtsein seiner von ihm erkannten Einzigkeit und seiner als Fatum
empfundenen Mission, eine Entscheidung von unermeßbarer Fernwirkung
heraufzubeschwören. »Niemand wußte vor mir den rechten Weg, den Weg
_aufwärts_: erst von mir an gibt es wieder Hoffnungen, Aufgaben,
vorzuschreitende Wege der Kultur -- ich bin deren froher Botschafter
... Eben dadurch bin ich auch ein Schicksal.«
Einer solchen Sprache begegnen wir nur bei Religionsstiftern. Und
doch war Nietzsche das Gegenteil eines solchen, so sehr auch hier
nach dem Gesetz der Polarität die Extreme sich berühren. Wohl sind
auch die Religionen wesentlich die Schöpfungen einzelner Menschen,
sie können nicht allmählich entstanden sein, sonst besäßen sie nicht
den siegreichen Glanz ihrer Blütezeit, aber die Voraussetzungen für
ihre Entstehung waren metaphysische Bedürfnisse und Veranlagung zur
Kontemplation. Sie verlangten, wie Burckhardt so richtig erkannte,
einen Zustand von Exaltation bei der Geburt, so daß wir uns heute von
der völligen Kritiklosigkeit solcher Zeiten und Menschen keinen Begriff
mehr machen können.
Wo wäre von alledem etwas bei Nietzsche zu erkennen, wo zeigten sich
Massen, die er zu berauschen strebte, wo fand er, von Peter Gast
abgesehen, zu Lebzeiten seine Jünger? Aber freilich eines hatte er mit
den großen Religionsstiftern gemeinsam: »das Königsrecht des Bestimmten
gegenüber dem Dumpfen, Unsicheren und Anarchischen«. (Burckhardt.) Das
Bewußtsein dieses Königsrechtes gestattete ihm nicht nur in seiner
Auto-Psychographie die Tonweise des Weltregierenden erklingen zu
lassen, sondern auch durch den Titel »~Ecce homo~« ein Gegenbild zu
der von Paulus erschauten Christuserscheinung aufzurichten, _sein_
Gegenbild.
Wird die Zukunft die Selbsteinschätzung Nietzsches bestätigen? Wenn
wir uns Rechenschaft geben über die Umstellung der Perspektiven, die
dank seinem Einflusse in den letzten zwanzig Jahren erfolgte, und uns
eingestehen, daß der Nihilismus -- das Wort immer wieder in weitestem
Sinne genommen -- einer mächtigen Gegenwirkung bedarf, wenn wir
nicht den Zusammenbruch aller Kultur erleben sollen, so werden wir
diese Möglichkeit wohl zugeben und erhoffen. Ob seine Wertlehre, wie
Nietzsche vermeinte, sich krisenhaft durchsetzen wird, oder ob sie sich
nur allmählich zum Zentrum unserer Gedankenwelt verdichtet, bleibt eine
Frage von untergeordneter Bedeutung.
Nietzsche bekannte sich als _Dekadent_, aber er durfte sagen, daß er
zugleich auch dessen Gegensatz sei. Aus Heilinstinkt die Gegenmittel
zu finden gegen jede Gefahr persönlicher und kultureller Entartung
galt ihm hierfür als sicherstes Kennzeichen. Er hat das Ideal der
_Wohlgeratenheit_ uns neu vor Augen gestellt. Die Freiheit vom
Ressentiment ist ihr vornehmstes Kennzeichen. Um sie zu bewahren,
gilt es zuweilen aus hygienischen Gründen, überhaupt nicht mehr zu
reagieren und sich dem Winterschlaf des Fatalismus vorübergehend zu
überlassen, bis jede Erschöpfung überwunden und mit der Genesung das
Leben wieder reich und stolz geworden ist. Aber auch das aggressive
Pathos -- in diesem Sinne schaute Nietzsche, kriegerisch gesinnt, immer
wieder nach ebenbürtigen Gegnern aus -- ist erforderlich, damit wir
nicht unterbewußter Rachsucht anheimfallen. Nur so behütet man sich
vor Gewissensbissen. Zur Wohlgeratenheit gehört ferner ein gesundes
Körpergefühl. Damit gewinnt eine Frage Bedeutung, die bisher keine
Philosophen beschäftigte, weil sie die Realität aus den Augen verloren:
die Frage der zweckmäßigen Ernährung -- »alle Vorurteile kommen aus den
Eingeweiden« -- und im Anschluß hieran die individuell zu treffende
Entscheidung über Ort und Klima, sowie die persönlich bestimmte Art
der Erholung.
Für den schöpferischen Menschen kommt zu diesen Diätvorschriften des
Leibes und der Seele im Zeitalter des Intellektualismus noch eine
andere Mahnung hinzu, nämlich die Forderung, sich die ganze Oberfläche
des Bewußtseins rein zu erhalten von großen Imperativen, wie sie der
Idealismus zeitigt. Nicht die Weisheit des »Erkenne dich selbst«,
sondern die Kunst des »Sich-Vergessens« behütet uns vor der Gefahr,
zuletzt nur noch auf äußere Anlässe hin denkend zu reagieren und dabei
die Kräfte in der Kritik auszugeben. Der künstlerische Instinkt, lehrt
uns Nietzsche, darf sich nicht verstehen, damit die organisierende
Idee in der Tiefe zu wachsen vermag. Es gilt, nichts zu vermischen,
nichts vor der Zeit zu versöhnen, damit die Vielheit im Unbewußtsein,
die trotzdem das Gegenteil des Chaos ist, sich zum Werke verdichtet.
Was hier vom Werke gesagt ist, gilt auch vom Leben selbst, vom
schöpferischen Leben in seiner schicksalhaften Bedeutung.
Die Liebe und Hingebung an das eigene Schicksal, dieses Motiv des
_~Amor fati~_, das Nietzsches Lebenssymphonie beherrschte, bestimmte
sein Wachstum. »Meine Formel für die Größe am Menschen ist ~amor fati~:
daß man nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in
alle Ewigkeit nicht. Das Notwendige nicht bloß ertragen, noch weniger
verhehlen -- aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Notwendigen --,
sondern es _lieben_ ...«
Hier ergibt sich in der Tat eine hellenische Wiedergeburt. Die
tragischen Mächte: Dike, Ananke, Moira, als Gerechtigkeit,
Notwendigkeit, Schicksalsfügung das All beherrschend, wurden in
einem Atem durch dieses ~Amor fati~ anerkannt ohne mythologische
Vorstellung. Alles was dem modernen Menschen und seiner Sehnsucht als
jenseitig gilt, ist in das Diesseits wieder einbezogen. Hier ist,
was den christlichen Völkern Gott heißt, in das Selbst des Menschen
aufgenommen, das Irdische vom Göttlichen durchdrungen und damit der
Dualismus Gott und Welt überwunden, die Weltheiligung, die Goethe im
Wilhelm Meister anstrebte, durch restlose Bejahung der Wirklichkeit
erreicht. Am deutlichsten zeigt sich uns dies bei Nietzsches
Beurteilung der Sinnlichkeit. »Jede Verachtung des geschlechtlichen
Lebens, jede Verunreinigung desselben durch den Begriff ›unrein‹ ist
das Verbrechen selbst am Leben, ist die eigentliche Sünde wider den
heiligen Geist des Lebens.« So spricht nur das Genie des Herzens,
das zu seiner Beglückung keines Glaubens an eine jenseitige Macht
bedarf, sondern reicher an sich selbst wird, je vertrauensvoller und
selbstherrlicher es sich betätigt.
Als Psychograph prüfte Nietzsche seine Werke, mit der »Geburt
der Tragödie« beginnend, und zeigt uns ihren inneren notwendigen
Zusammenhang. Interpretationen eigener Werke sind durchaus nicht immer
in Kunst und Philosophie zuverlässig. Was unbewußt geschaffen wurde,
erfährt darin eine nachträgliche Auslegung durch das Bewußtsein, die
nur durch Abstraktion sich ermöglicht. Richard Wagners »Mitteilung
an seine Freunde« deutet zum Beispiel den Sinn des »Tannhäuser«, des
»Lohengrin« usw. auf Grund nachträglich erworbener philosophischer
und psychologischer Ansichten und ist von Willkür ebensowenig frei
als irgendeine fremde Deutung. Ganz anders bei Nietzsche. Nicht
literarisch, noch philologisch betrachtet er seine Werke, sondern
einzig als Psychologe seiner selbst, durch Deutung seines Wachstums,
seiner Entwicklung unter voller Erkenntnis der Hemmungen und
aufgenötigten Umwege. So subjektiv sein Entzücken am eigenen Werk den
nüchternen Leser anmuten mag, so unpersönlich wirken seine Worte,
sobald man begreift, daß Nietzsche sich selbst dabei nur als den frohen
Botschafter fühlte, durch den eine neue Heilslehre, eine Heilslehre
des wirklichen Lebens sich offenbaren will.
Wenn Nietzsche harte Worte gegen die Deutschen schleudert und zum
Beweise ihrer Berechtigung den Umstand anführt, wie wenig man ihn
bisher in Europas »Flachland« verstanden habe, als er seine Leser schon
anderwärts überall fand, was anders will er damit sagen, als: erkennt,
wie fern ihr noch der Erfassung oder gar der Erfüllung der Aufgabe
seid, die durch mich euch gestellt wurde. Solche Worte spricht man
nicht, wo man an der Möglichkeit eines entscheidenden Verständnisses
verzweifelt, sondern dort, wo man als Erzieher die Scham über die
bisherige Versäumnis und die Selbsterkenntnis erwecken will, in der
Überzeugung, zu solchen zu sprechen, die vom Schicksal berufen sind,
an sich die Umwandlung aller Werte zu erfahren und »eine wirkliche
Wiederkehr des deutschen Ernstes und der deutschen Leidenschaft
in geistigen Dingen« zu erleben. Darum gilt, was Nietzsche vom
»Zarathustra« sagt, erst recht von »~Ecce homo~«: »Aus dieser Schrift
spricht eine ungeheuere Hoffnung«.
Der Kranke
Das schnellste Tier, das euch trägt zur Vollkommenheit,
ist Leiden.
_Meister Eckardt._
Über die Krankheitserscheinungen bei Nietzsche sind wir durch seine
Briefe -- das Nietzsche-Archiv enthält deren gegen 1500 -- sowie durch
die Darstellungen seiner Schwester unterrichtet. Er war in seiner
Jugend durchaus gesund. Nur seine Kurzsichtigkeit darf uns für diese
Zeit als Erbübel gelten. Die Erkrankung, die er sich beim Heimtransport
Verwundeter von den französischen Schlachtfeldern zuzog: Brechruhr
und Rachendiphtheritis, erklärt sich als Ansteckung. Sie wurde durch
Anwendung starker Mittel überwunden; aber er war nicht vollständig
genesen, als er seine Vorlesungen in Basel wieder aufnahm. Nach der
Überzeugung seiner Schwester griffen die scharfen Arzneimittel seinen
Magen an und legten den Grund zu heftiger Migräne, die ihn nie mehr
ganz verließ.
Ein Briefbekenntnis: »Unsereins leidet nie rein körperlich, sondern
alles ist mit geistigen Krisen tief durchwachsen, so daß ich gar keinen
Begriff habe, wie ich je aus Apotheken und Küchen allein wieder gesund
werden könnte« und die erkannte Notwendigkeit, »eine gewisse Härte der
Haut wegen der großen innerlichen Verwundbarkeit und Leidensfähigkeit
zu bekommen«, weisen uns darauf hin, daß er damals bereits von beiden
Seiten ins Feuer kam. Rohde gegenüber klagt er schon 1871 über
Schlaflosigkeit: »immer noch verbringe ich von zwei Nächten die eine
schlaflos«, und drei Jahre später, in einem Briefe an die Mutter: »die
Schwäche des Magens nimmt zu sehr überhand«.
Als er in Steinabad im Schwarzwald sich zur Kur aufhielt, stellte ~Dr.~
J. _Wiel_, darin mit Prof. H. _Immermann_ in Basel übereinstimmend, die
Diagnose auf nervöse Affektion des Magens. Unter den vier Ärzten, die
ihn 1878 und 1879 untersuchten, behaupteten zwei, daß ein Kopfleiden
die Ursache seiner Schmerzen sei, während die beiden andern, darunter
Prof. _Graefe_ in Halle, der Überanstrengung der Augen die Schuld
gaben. Später behandelte ihn ~Dr.~ Otto _Eiser_ aus Frankfurt am Main
mit günstigem Erfolg, so daß er sich vorübergehend als Genesener oder
mindestens als Genesender bezeichnen durfte. Aber immer wieder traten
nach kürzeren oder längeren Pausen Gehirnschmerz samt mühseligem
Erbrechen auf. Bald hören wir Nietzsche selbst, so in einem Briefe an
die Mutter vom Juli 1881, die Diagnose auf ein schwer zu beurteilendes
Hirnleiden stellen. Als Deussen ihn im Sommer 1887 in Sils-Maria
besuchte, gestand er dem vertrauten Freunde: »Ich glaube, daß es nicht
mehr lange mit mir dauern wird; ich bin jetzt in den Jahren, in welchen
mein Vater starb, und ich fühle, daß ich dem selben Leiden erliegen
werde, wie er.«
Wenn wir in einem Briefe an die Schwester vom Jahre 1886 lesen:
»Schaff mir einen kleinen Kreis Menschen, die mich hören und verstehen
wollen und ich bin -- gesund« und wiederholt ähnlichen Bemerkungen
begegnen, so tritt freilich auch an uns die Versuchung heran, in seiner
trostlosen Abgegrenztheit von den Menschen seiner Zeit eine immer neu
sich wieder geltend machende Ursache seines schweren Leidenszustandes
zu suchen. Aber jeder Psychologe belehrt uns, daß nicht die äußeren
Umstände an sich entscheiden, sondern die Einstellung zu ihnen.
In den ersten Tagen des Jahres 1889 schickte Nietzsche meist mit
»_Dionysos_« oder mit »_der Gekreuzigte_« unterschriebene Briefe
und Zettel an verschiedene Freunde und Bekannte ab, die diesen den
Ausbruch seiner geistigen Erkrankung bekundeten. Hierdurch wurde
Franz Overbeck veranlaßt, ihn dringend zu sich einzuladen, um dann,
als ihn ein Basler Irrenarzt auf die Gefahr verwies, die mit dieser
Aufforderung heraufbeschworen wurde, eiligst selbst nach Turin zu
reisen. Dort erfuhr er, daß Nietzsche infolge eines Schlaganfalles auf
der Straße zusammengebrochen war. Seitdem traten Wahnvorstellungen
zutage. Overbeck gelang es, ihn nach Basel zu verbringen, von wo er
in Begleitung seiner herbeigerufenen Mutter, eines Arztes und eines
Krankenwärters die Reise nach _Jena_ in die Irrenanstalt des Professor
_Binswanger_ antrat. Die Ärzte erklärten die Krankheit als unheilbar,
während die Mutter, wie leicht begreiflich, aus jeder vorübergehenden
Besserung, Hoffnung auf Genesung schöpfte.
Sein Gedächtnis erwies sich in der ersten Zeit für alle Geschehnisse
vor dem Zusammenbruch in Turin als gut. Auf absichtlich, als eine Art
Gedächtnisübung gestellte Fragen, zum Beispiel nach Epikur, Aristoteles
usw. antwortete er mit geistreichen Ausführungen, während ihn das
Gegenwärtige wenig interessierte. »Auch sein Klavierspiel«, berichtete
die Mutter an Overbeck, »hat etwas so Sinniges, so daß man merkt, er
denkt dabei.« Er war glücklich, wenn sie ihm vorlas, und ließ sich in
der Regel vermöge seiner angeborenen Güte und Freundlichkeit leicht
lenken.
Ende des Jahres 1890 kehrte seine Schwester nach dem Tode ihres
Gatten aus Paraguay zurück. Der Kranke durfte die Anstalt in Jena
verlassen und nach Naumburg übersiedeln, wo die Mutter in den ersten
Jahren des öfteren größere Spaziergänge mit ihm unternahm. Seit 1894
verschlimmerte sich sein Zustand. Nach dem Ostern 1897 erfolgten
Tode der Mutter bezog die Schwester mit ihm in Weimar das auf dem
Silberblick gelegene Haus -- das heutige Nietzsche-Archiv --, von
dessen Veranda er einen schönen Blick auf die Stadt und die Berge
genoß. In den Jahren 1898 und 1899 erfolgten neue Schlaganfälle. In ein
langes Gewand von dickem, weißem Stoff gekleidet, ruhte er meist auf
dem Diwan und empfing zuweilen noch Besuche, immer von der Schwester
auf das liebevollste behütet. Am 25. August des neuen Jahrhunderts
starb der Seher, der einer vergangenen Zeit das Grablied gesungen und
die Morgenröte einer neuen Kultur ankündigte.
Es drängt sich die Frage nach ererbter oder erworbener organischer
Erkrankung in den Vordergrund. Bekanntlich glaubte der Psychiater P.
J. _Möbius_ die Hypothese aufstellen zu dürfen, daß eine frühere Luës
der Grund der späteren paralytischen Erkrankung Nietzsches gewesen sei.
Für den Psychiater die zunächst liegende Hypothese, aber den Beweis
für seine Behauptung ist uns Möbius durchaus schuldig geblieben. Als
Gegenbeweis ließe sich wohl anführen, daß die Ärzte, die Nietzsche
frühzeitig zu Rate zog, doch wohl auch diesbezügliche Fragen an ihn
gestellt haben dürften, und daß er, wenn er sie hätte bejahen müssen,
wahrlich nicht dazu gekommen wäre, mit jener souveränen Unbefangenheit,
fernab von der Berührung jeder derartigen Mutmaßung, über seine
Krankheit in seinen Schriften und Briefen, sowie in seinen Gesprächen
-- ich erinnere an die Unterredung mit Deussen -- sich zu äußern und
unter die Erklärungsmöglichkeiten Hinweise aufzunehmen, die eventuell
Veranlassung bieten, die Frage nach der Vererbung zu stellen.
Sein Vater ist bekanntlich ebenfalls an einem Gehirnleiden gestorben;
aber da kein Anhalt sich bietet, der uns annehmen läßt, daß die
Gehirnerschütterung, die er bei einem Sturz erlitt, es nur ausgelöst
habe, ist es ausgeschlossen, seine Todesart zur Beweisführung
heranzuziehen, und wir sind einzig auf die ganz allgemein gehaltenen
Bemerkungen Nietzsches angewiesen, die zu einem endgültigen Urteil
keinenfalls ausreichen.
Frau Förster-Nietzsche schreibt, ihren Bruder betreffend: »Die Ärzte
nannten seine Krankheit ›eine _atypische_ Form der Paralyse‹, d. h.
eine Paralyse die durchaus nicht die Kennzeichen dieser Krankheit trug
-- also nicht Paralyse war« und führt den Schlaganfall in Turin auf den
fortgesetzten Gebrauch von _Chloral_ und eines andern Schlafmittels
zurück. Das ist jedenfalls nicht unbedingt von der Hand zu weisen; denn
selbst Möbius gesteht zu, auch der Chloralismus Nietzsches könne die
beobachteten Wirkungen hervorgebracht haben.
Am kläglichsten nehmen sich jedenfalls die
psychiatrisch-philosophischen Untersuchungen aus, die nach der Art
von Max Nordau und Hermann Türk aus Nietzsches Werken den Beweis
frühzeitiger geistiger Erkrankung zu führen versuchen. Dem einen gilt
dies, dem andern gilt das, je nachdem wo gerade sein Widerspruch
einsetzt, als Beweis, der jedoch vor jedem einsichtigen Urteil in
nichts zerfällt. Bei Wilhelm _Schacht_ zum Beispiel lesen wir: »Wenn
Nietzsche sagt: ›ein Gedanke kommt, wenn _er_ will, nicht wenn _ich_
will‹, so drückt sich darin schon das Gefühl aus, welches er seiner
eigenen, frei und unabhängig mit ihm spielenden Phantasie gegenüber
empfand, die er nicht mehr bändigen konnte, die schon Macht über ihn
gewonnen hatte.« Welcher Dichter, welcher Denker ist, auf diese Weise
geschaut, nicht irrsinnig zu nennen? Eben das zeichnet ja das geniale
Wesen aus, daß es nichts bewußt erklügelt, sondern daß dank der
unterbewußt waltenden Kräfte der Einfall dann ans Licht tritt, wenn
_er_ will. »Einfälle sind Eingebungen des Genies«, schreibt Kant.
Auch wenn wir Paralyse bei Nietzsche annehmen, ergibt sich durchaus
nicht, daß sein geistiges Schaffen vor dem Zusammenbruch eine Hemmung
erfuhr, viel eher sogar, daß ihm dadurch eine _Steigerung_ zuteil
wurde. Als ich durch persönlichen Verkehr mit einem anderen Genie,
nämlich Hugo _Wolf_, der ebenfalls in Wahnsinn fiel, zu der Vermutung
kam, daß die außerordentliche Steigerung seiner Produktivität gerade
aus seiner krankhaften Veranlagung und deren Entwicklung zu erklären
sei, ging ich auf Veranlassung einer Freundin des Komponisten dieser
Vermutung nach. Die von mir befragten Ärzte konnten keine bestimmte
Antwort über die Möglichkeit erteilen, um so bedeutsamer erschienen
mir unter diesen Umständen Ausführungen von ~Dr.~ Möbius, die meine
laienhafte Ansicht vollauf bestätigten. Ich zitiere diese Ausführungen
wörtlich: »Ja, es könnte einer die Meinung aufstellen, unter Umständen
würden durch eine Gehirnkrankheit die Geisteskräfte gesteigert. Es sei
denkbar, daß das krankhafte Feuer Leistungen hervorbringe, die ohnedem
unmöglich wären, und ein solcher Fall liege in Nietzsches ›Zarathustra‹
vor.« Möbius führt zur Unterstützung dieser Meinung an, was V. Parant
über Zunahme der geistigen Fähigkeiten im Beginn der progressiven
Paralyse geschrieben hat, und bleibt, trotzdem die Literatur ähnliche
Mitteilungen sonst nicht aufweise und befragte Fachgenossen nichts
davon wissen wollten, bei der Überzeugung: »Immerhin wäre eine
Steigerung der Leistungen durch die Paralyse nicht ganz undenkbar.« Er
stützte sich dabei auf die Erkenntnis, die Paralyse sei eine durchaus
lokalisierte Erkrankung, die sich ihre Stellen aussuche, und folgerte:
»Nimmt man an, es seien im Anfange durch Erkrankung bestimmter
Fasern nur die _Hemmungen_ ausgeschaltet, deren Wegfall Fehlen
des Ermüdungsgefühles und _Euphorie_ ergibt, so ist zunächst eine
gesteigerte Leistung der arbeitenden Teile zu erwarten. Manche werden
auch daran denken, daß durch die von den kranken Stellen ausgehende
Reizung der Blutzufluß im ganzen gesteigert werde und daß die Hyperämie
die Mehrarbeit begünstige.«
Damit sei durchaus nicht gesagt, daß wir uns das geistige Schaffen
Nietzsches nur aus der Einwirkung einer Paralyse zu erklären
vermöchten, statt aus der bloßen Tatsache der genialen Veranlagung. Die
Oberflächlichkeit von einseitig gebildeten Psychiatern, wie sie der
Typus _Lombroso_ repräsentiert, hat die Frage nach der Verwandtschaft
von Genie und Wahnsinn verwirrt. In der »Fröhlichen Wissenschaft«
vergleicht Nietzsche Europa einem Kranken, welcher der ewigen
Verwandlung seines Leidens den höchsten Dank schuldig sei; Gefahren,
Schmerzen »haben zuletzt eine intellektuale Reizbarkeit erzeugt, welche
beinahe so viel als Genie, und jedenfalls die Mutter alles Genies ist«.
Dem Genie begegnen wir nur dort, wo die nüchterne Verstandestätigkeit
die Vorherrschaft verloren hat, wo die unmittelbare schöpferische
Tätigkeit nicht durch Übermacht des Bewußtseins im Bann gehalten
wird, sondern sich auszuwirken vermag. Beim normalen Menschen öffnen
und schließen sich gleichsam die Schleusen und Wehre des Bewußtseins
automatisch und gleichen die bewußten und unterbewußten Zuflüsse aus,
beim Genie dagegen ergibt sich eine Hochflut im Unterbewußtsein; aber
nur dann, wenn die schützenden Dämme durchbrochen werden, dürfen wir
von Irrsinn sprechen. Jedes Genie als eine pathologische Erscheinung zu
werten, gilt mir daher trotz der verwandten Symptome als Mißbrauch des
Wortes.
Die Verwandtschaft zwischen Genie und Wahnsinn finden wir mit
Schopenhauer wohl viel richtiger in der mangelnden Erkenntnis der
Relationen der Dinge. Auch das Genie, indem es in den Dingen nur die
Idee sucht, verliert wohl darüber die Erkenntnis des Zusammenhanges der
Dinge zeitweilig aus den Augen. Das Erkennen wird ihm zum Zweck des
ganzen Lebens, das eigene Dasein zur Nebensache, zum bloßen Mittel.
Sein Unterbewußtsein wird zur ~Camera obscura~, in der wesenhaft sich
die Ideen spiegeln, die es dank seiner Phantasie zu einem Weltbild
vereinigt. Weder die unmittelbare Nützlichkeit des Zweckes, noch die
kluge Ausnutzung der Mittel bestimmen sein Verhalten. Beide, das
Genie und der Wahnsinnige, leben in einer anderen Welt als der für
alle vorhandenen. Die anatomischen und physiologischen Bedingungen
mögen verwandte sein, nämlich das abnorme Überwiegen der Sensibilität
über die Irritabilität und Reproduktionskraft. Wie man in jedem Kinde
gewissermaßen ein Genie sehen darf, so umgekehrt im Genie ein großes
Kind, das fremd in die Welt schaut und den lauteren und unschuldigeren
Teil des Menschen in sich bewahrt, woraus sich uns auch seine gleichsam
überirdische Heiterkeit erklärt, der meist eine tiefe Melancholie als
Untergrund dient. Wo das Genie seine abnorm erhöhte Erkenntniskraft
auf die Angelegenheiten des Willens richtet, faßt es diese leicht
zu lebhaft auf, steht alles in zu grellen Farben, ins Ungeheuere
vergrößert und verfällt auf Extreme, so daß man Schopenhauers
Gegenüberstellung recht wohl versteht: Das Genie ist ein Monstrum ~per
excessum~, der Wahnsinnige ein Monstrum ~per defectum~.