Wahnsinn eine Verurteilung jedes Genies liegt, empfindet der naive
Mensch eher umgekehrt. Der Ausbruch des Wahnsinns bei einem geistigen
Menschen bestätigt ihm gleichsam dessen Genialität und umgibt ihn mit
der Aureole der Heiligkeit.
Das Volk hat ein instinktives Gefühl für den Fluch der Einsamkeit,
die jedes Genie zu erleiden hat. »Der Mensch von Genie«, sagt
Schopenhauer, »ist verdammt, in einer öden Welt zu leben, wo er nicht
auf seinesgleichen trifft, wie auf einer Insel, die keine anderen
Bewohner hat, als Affen und Papageien.« Dieses Gefühlsverständnis
dafür, daß das Genie gleichsam die Leiden der Welt auf sich nimmt,
daß es am Menschen selbst leidet und um des Menschen selbst willen
lebt und schafft, erfüllt uns mit Ehrfurcht und einem Gebot fast
immer verspätet auftretender Dankbarkeit. Geben wir dieser Ehrfurcht
Raum in Hirn und Herzen, nachdem unser Erkennen den Mysterienpfaden
nachgegangen ist, die Nietzsche als tragischer Mensch wandelte. Er
grub als Denker zu tief, er stieg als Dichter zu hoch, er schaute als
Seher zu groß, er wollte als Werte bestimmender, Gesetze erlassender
Prophet und Philosoph zu stark, um bei aller Wirklichkeitsfreude an der
flachen Niedrigkeit und Kleinheit des Irdischen, mit der optimistische
Anpassung in ihrer Nüchternheit sich zufrieden gibt, Genüge zu finden:
er errichtete uns ein Ziel, das nicht als jenseitige Verheißung
unsere Niedrigkeit und Ohnmacht trösten soll, sondern als Blickpunkt
übermenschlicher Sehnsucht unsere Willensbejahung und Lebenssteigerung
stärken muß; denn seine Liebe entzündete sich an der stummen Schönheit
der Notwendigkeit. Wie symbolisch bedeutsam ist es, daß die letzten
Verse, die das letzte Gedicht seiner Werke beschließen, also lauten:
Schild der Notwendigkeit!
Höchstes Gestirn des Seins!
-- das kein Wunsch erreicht,
-- das kein Nein befleckt,
ewiges Ja des Seins,
ewig bin ich dein Ja:
_denn ich liebe dich, o Ewigkeit_ -- --
Rückblick und Ausblick
Willst du dich des Lebens freuen,
so mußt der Welt du Wert verleihen.
_Goethe an Schopenhauer._
Wir sind gewohnt zwischen arm und reich, hoch und nieder, Gebildeten
und Ungebildeten zu unterscheiden, je nachdem wir von der Frage des
Besitzes, der Stellung oder den Erfolgen der Erziehung ausgehen. Aber
es gibt einen Gegensatz, der tiefer begründet ist als solche soziale
Trennungen: Der Mensch, der nicht nur Person, sondern Persönlichkeit
ist, nicht nur ein Ich, sondern ein Selbst darstellt, der nicht nur
durch die Menschen, sondern am Menschen leidet, der nicht nur für die
Wandlung von Institutionen kämpft, sondern um der höheren Idee willen
lebt, die er über dem Erreichten als Ideal erahnt und schöpferisch zu
versichtbaren, zu verwirklichen strebt -- »Dort wo der Staat aufhört,
da beginnt erst der Mensch, der nicht überflüssig ist« --, dieser
Mensch in seiner Einzigkeit ist viel tiefer und umfänglicher von den
Menschen geschieden, die bei allem feindseligen Wettstreit unter sich
doch in ihren Leiden und Freuden an der Realität sich egoistisch und
altruistisch verbunden fühlen. Er ist ein _primärer_ Mensch, zu dem
alle anderen sich sekundär verhalten. Der Leidensweg solcher Menschen
primärer Art führte -- wir eignen uns damit eine Zusammenstellung Hans
_Blühers_ an -- von Plato über Christus, Lionardo da Vinci, zu Goethe
und knapp an Schopenhauer vorbei zu -- Nietzsche.
Schon in Nietzsches ersten wesenhaften Schriften kommt dieser Gegensatz
zutage. Er tritt dem Optimismus seiner Zeit entgegen, die sich von
unzulänglichen kulturellen Errungenschaften befriedigt fühlte.
Er spricht es aus, daß wir von der Bildungshöhe der Zeit Goethes
herabgesunken sind, weil wir nicht an der aristokratischen Natur des
Geistes festhielten, daß wir einer Erneuerung der sittlichen Kräfte
bedürfen, verlangt im Rückblick auf die Antike eine Renaissance der
Kultur und ruft uns zu: wagt es, tragische Menschen zu werden!
Als tragischer Mensch gilt ihm, wer nicht untätig durch Verzicht,
unselbstherrlich durch Anpassung, unkriegerisch durch Kompromisse den
notwendigen Gegensätzen des Lebens ausweicht, sondern unerschrocken in
die Abgründe pessimistischer Erkenntnis hinab und hoffnungsselig zu den
Möglichkeiten, die den Menschen geboten sind, hinaufzusehen wagt.
Galt Nietzsche schon der Mensch der Goethe-Zeit und der Individualist
der Renaissance höher als der Träger der Gegenwart, wieviel mehr der
Hellene in seiner Kunstbedürftigkeit aus Lebensdrang. »Der Grieche
kannte und empfand die Schrecken und Entsetzlichkeiten des Daseins: um
überhaupt leben zu können, mußte er vor sich hin die Traumgeburt der
Olympischen stellen.«
Als große tragische Menschen verehrte Nietzsche damals Schopenhauer
und Wagner. Schopenhauer, weil er trotz skeptischem Unmut
oder kritisierender Entsagung sich dem Leben als einem Ganzen
gegenüberstellt und in seinem tiefen Verlangen nach dem Genie uns
zur Höhe der tragischen Betrachtung leitet. Wagner, weil er ihm als
ein solches Genie galt, das damals noch antik fühlte und ihm berufen
schien, aus dem Geiste der Musik eine Wiedergeburt der Tragödie, aus
dem Geiste der Tragödie eine Wiedergeburt der Kultur zu verheißen. Ihre
Gegenbilder sah er, wie uns die »Unzeitgemäßen Betrachtungen« zeigten,
in den typischen Vertretern optimistischer Selbstgefälligkeit, in den
Verkündern rein historischer Wertungen, die durch Überbetonung der
Wissenschaftlichkeit dem produktiven Leben lähmend entgegenwirken.
Aber Schopenhauer war zu buddhistischer Verneinung des Lebens gelangt,
aber Wagner bot nicht die von Nietzsche erhoffte apollinische Vision
aus dem dionysischen Geiste der Musik, sondern, auch in Bayreuth, zu
Nietzsches Enttäuschung nur den _naturalistisch_ wirkenden Schein der
Szene. Nicht Schopenhauer entsprach dem Anruf Goethes »Willst du dich
des Lebens freuen, so mußt der Welt du Wert verleihen«, sondern die
Erfüllung dieser kulturell entscheidenden Aufgabe fiel Nietzsche zu.
Er übernahm das Erbe seiner als Vorbilder erschauten Meister dort, wo
sie ihrer Aufgabe untreu geworden; er mußte sie bekämpfen, wo sie nicht
das Diesseits um der Steigerung des Lebens willen verklärten, sondern,
christlich befangen, nach einem Jenseits ausschauten. Die Loslösung von
diesen Vorbildern war unvermeidlich, sollte Nietzsche zu sich selbst
und den eigenen Wegen seiner Aufgabe gelangen.
Skeptisch gegen jede seitherige absolute Wertung mit ihrer Verkennung
der bloß relativistischen und perspektivischen Optik, skeptisch gegen
jede umschleiernde Idealisierung der Wirklichkeit, wendete er sich
von aller Metaphysik ab, um zunächst als Positivist aus der Erfahrung
die Voraussetzungen einer neuen wahrhaftigen Kultur herzuleiten. Das
Stoffliche, Unvollkommene, ja das Böse und Furchtbare erheischte von
ihm eine Würdigung als wurzelhafte Triebkraft, wenn die neue Kultur
keimen und sprießen sollte, das Individuelle durfte nicht mehr im
Sozialen untergehen. Dem Mittelalter war die Allgemeinheit alles, der
Einzelne nichts, der Renaissance der Einzelne alles, die Allgemeinheit
nichts. Das Verlangen nach Versöhnung der Kontraste, das Nietzsche als
Erbteil seiner Herkunft für sich in Anspruch nahm, ließ ihn auch hier
nach einer Synthese ausschauen.
Ich habe diese Gegensätzlichkeit einmal in die Formel gebracht:
Wer ganz und gar in der Gemeinschaft aufgeht, bleibt ihr das Beste
schuldig, das er ihr geben kann: die Höherentwicklung seines Selbst.
Wer ganz und gar auf sich beharrt, bleibt sich das Beste schuldig,
das er sich geben kann: die schöpferische Entfaltung seines Selbst
innerhalb der Gemeinschaft.
Nietzsche aber erkennt die Wechselbeziehung von Gemeinschaft und
Einzelheit, die organische Verbundenheit von Wurzel und Blüte in der
Entwicklung des überragenden Einzelnen aus den Schichten der Niederung.
Dies besagt uns die Lehre vom Übermenschen als Zielsetzung unserer
Kulturentwicklung. In ihr haben wir den Kern seiner Philosophie zu
begreifen.
Fragen wir uns, worin diese Weltanschauung sich unterscheidet von
dem, was bisher als Ziel aller religiösen und philosophischen, aller
humanitären Sinngebung des Lebens galt, so müssen wir uns sagen: hier
Zähmung des Tieres Mensch durch Zivilisation, dort Züchtung des höheren
Menschen durch Kultur. Die unmittelbar aus dem Gefühlsleben gebotene
Dichtung des »Zarathustra« veranschaulicht uns mit magisch waltender
Schöpferfreude, mit hellseherisch offenbarender Erkennerfreude, voll
Ekel am alltäglichen Menschen, voll Lust am möglichen Menschen das
Ziel, das bestimmt ist, der Welt neuen Wert zu verleihen.
Dieses Ziel kann unter Nietzsches Führung nur der höhere freiere
Mensch erschauen, und doch ist es letzten Endes nicht für ihn allein
erstellt. Wir alle, ohne Ausnahme, vom Höchsten bis hinab zum
Niedersten sollen seiner Verwirklichung dienstbar werden. Die Höheren
in klarer Erkenntnis, die Mittleren dank der Führung, die Niederen
kraft des Zwanges. Dieses Ziel erheischt: wirke für eine Gemeinsamkeit
und Rangordnung, die die Steigerung des Menschen fördert; dieses
Ziel erheischt: vollende dich als Einzelner in mutiger Selbstliebe,
in unerschrockener Selbstbejahung! Nicht nur als Denker und Dichter,
nicht nur als Künder und Künstler, sondern als Seher und Setzer eines
neuen Welt- und Wertzieles haben wir Nietzsche zu verstehen, und
zu begreifen, daß er als primärer Mensch einen Wendepunkt in der
Entwicklung des kulturellen Menschen bedeutet. Dann erst werden wir
seinem Leben und seiner Lehre voll gerecht.
Ein Wendepunkt! Nicht mehr sehen wir uns verwiesen auf die
Rückverbindung mit einem als vollkommen gedachten, als Gott
verpersönlichten Ursein, sei es durch dogmatischen Glauben, sei es
durch mystische Einswerdung, sondern auf die tragische Einordnung in
das Werden.
Das Werden selbst ist der Sinn des Lebens! Wie die Kunst für den
Schaffenden immer am Ziele ist, selbst Ziel ist und nur historisch das
Neue das Frühere voraussetzt, so das Werden. Aber wiederum wie das Werk
der Kunst nicht im Bewußtsein des Genießenden zum endgültigen Abschluß
gelangt, sondern in das Überbewußtsein ausstrahlt, auch in seiner
Vollendetheit produktiv weiter wirkt, so das allzeit lebendige Werden,
das allzeit schöpferische Leben. Dem Baum ist es nicht um die Frucht,
sondern um den Samen zu tun, belehrt uns Nietzsche und veranschaulicht
uns so die Ewigkeit des Werdens.
Wohl ist alles, was uns Ziel heißt, schließlich nur relativistisch und
perspektivisch zu verstehen. Auch den Übermenschen nennt Nietzsche nur
unsere nächste Stufe und weist damit zugleich über sich selbst hinaus;
denn auch jede Zielsetzung ist dem Werden eingeordnet. Nur wenn unser
Rückblick auf Nietzsches Leben und Lehre uns zugleich einen Ausblick
erschließt, verstehen wir das Werden in seinem Sinne.
Auch unsere Ausführungen sind zeitweise zu Synthesen gelangt, die
einen Bogen spannten über von ihm erlebte Gegensätzlichkeiten; aber
Ruhepunkte des Aufstieges durften uns immer nur als Stationen,
nicht als Endpunkte gelten. Wollten wir auch jetzt noch nach einem
friedfertigen Abschluß trachten, so verfielen wir Nietzsches
produktivem Wirken gegenüber in den gleichen Fehler, den jene begingen,
die ihn rein historisch in den Werdegang der seitherigen Philosophie
einordneten mit der Genugtuung, daß durch ihn die Erkenntnis bereichert
wurde, aber trotzdem alles beim alten verbleibe.
Von der Bergeshöhe Zarathustras aus gesehen, verlieren wohl jene
Thesen und Antithesen, die nur in der Niederung einander ausschließen,
ihre sich aufhebende Gegensätzlichkeit: Egoismus und Altruismus,
Individualismus und Sozialismus, Optimismus und Pessimismus werden zu
Korrelata. Aber weder Zarathustra noch Nietzsche selbst sind Versöhner
radikaler Gegensätze, sondern Kämpfer für die Selbstherrlichkeit der
_Einzelnen_, die ihnen als Gipfel der Höherentwicklung der Menschheit
gelten.
Der schwesterlichen Liebe seiner Biographin dürfen wir es ohne Zögern
nachsehen, daß sie zu vermitteln strebte, daß sie seine Güte als
Mensch der Unerbittlichkeit als Kämpfer beimischte, die Härte seiner
Angriffe zuweilen in der Beurteilung euphemistisch abschwächte:
_wir_ aber dürfen nicht davor zurückschrecken, die notwendige
Ungerechtigkeit gegen seine typischen Feinde Schopenhauer, Wagner,
Sokrates, philiströses Deutschtum und moralistisches Christentum
ohne jede unangebrachte Beschönigung, wenn auch von hoher Warte
aus, zuzugestehen, wir müssen -- getreu seinem Haß gegen jeden
feigen Kompromiß, getreu seinem unentwegten Radikalismus -- uns um
der unerbittlichen Wahrheit willen dazu verstehen, ihn in seiner
charakteristischen Einseitigkeit als Kämpfer und Führer zu erschauen.
Nur dann verkleinern wir ihn nicht, wenn wir die Grausamkeit nicht
ableugnen, die sein Vernichtermut sich aufzwang; nur dann, wenn wir
verstehend teilnehmen an seiner radikalen Verneinung dessen, was
Tausenden, in seinem Sinne zum Nachteil ihrer Befreiung und Steigerung,
als höchstes Gut, als auszeichnende Tugend in Religion, Moral,
Humanität unantastbar gilt.
Den ganzen Positivismus in sich aufzunehmen und doch Träger des
Idealismus sein, hat Nietzsche als seine persönliche Aufgabe
bezeichnet; er hätte hinzufügen können: den ganzen seitherigen
Idealismus in sich zu überwinden und doch der Idee der spiralmäßigen
Höherentwicklung des Typus Mensch treu zu bleiben.
Was aber haben wir als unsere Aufgabe zu erkennen, um uns der Nachfolge
Nietzsches rühmen zu dürfen? Sprechen wir es so schlicht wie möglich
aus: Ehrlichkeit. Erraffen wir den Mut zur Ehrlichkeit, so müssen
wir uns -- jeder vor sich selbst -- auch im kleinen eingestehen:
nicht nur die christlichen Tugenden, nicht nur die Forderungen der
Humanität, nicht nur die hochtrabende Begeisterung für das Wahre,
Schöne, Gute, nicht nur die gelegentliche Hingebung an Kunst und
Wissenschaft, sondern selbst der Moralbegriff der Pflicht sind uns
schillernde Gewänder geworden, mit denen wir die Nacktheit unseres
Egoismus schamhaft umschleiern. Der Mut zur Ehrlichkeit vor uns selbst
aber fehlt uns gar oft nur darum, weil uns der Mut zur Anerkennung
unseres von der Natur gegebenen _Egoismus_ fehlt. Daß er aus unserem
Unterbewußtsein heraus uns im Fühlen, Denken, Handeln fortgesetzt
bestimmt, das wissen wir, das können wir uns heute nicht mehr
ableugnen. Aber immer auf halb und halb eingestellt, räsonieren wir vor
uns selbst: Unbewußt ja, da sind wir alle dem Egoismus untertan, aber
eben darum soll er uns nicht auch das Bewußtsein vergiften, halten wir
uns wenigstens die Gesinnung rein.
Es gab Zeiten, da man mit solchen Maximen sich sein Gewissen reinigen
konnte, da die Überzeugung »der Geist ist willig, aber das Fleisch
ist schwach« den Weg zur Selbstrechtfertigung erschloß; aber heute
wissen wir, daß es sich anders verhält. Nicht bei der bewußten Absicht
liegt die letzte Entscheidung, sondern unser Fühlen und Denken ist
abhängig von unserem unbewußten Sein. Auch der Geist ist nur Werkzeug
unserer organischen Konstitution. Nur solche Gedanken, die wir uns
einverleiben, haben den Erfolg, aus unserer Wesenhaftigkeit heraus
tathaft zu wirken. »Was dich in Wahrheit hebt und hält, muß in dir
selber leben.« (Theodor Fontane.) Heute dürfen wir uns nicht mehr der
radikalen Mahnung verschließen, die absolute Trennung von Fleisch und
Geist als unzulässig zu erkennen, heute müssen wir, um der Ehrlichkeit
willen, von uns fordern: Wirklichkeitserkenntnis und Idealismus in
Einklang zu setzen. Auf Kosten des Idealismus! Eine erschreckende
Forderung für den, der von der Sündhaftigkeit der Menschen überzeugt
ist, eine erhebende Forderung für den, der amoralisch auf die Tatsachen
menschlicher Triebhaftigkeit hinblickt und sie -- bejaht. Nun muß uns
Idealismus, soll er nicht in eitel Dunst aufgehen, nicht mehr das
Hinwegdenken des Niedrigen, sondern die Verdichtung des Wesenhaften
bedeuten. Nun gilt es nicht mehr unseren Egoismus feig zu verleugnen,
sondern ihn als Willen zur Macht anzuerkennen, zugleich aber scharf
zu unterscheiden, welche Ziele dieser Machtwille sich stellt und mit
welchen Mitteln er sich auswirkt.
Abgesehen von allem, was auch uns als allgemein verbindlich verbleibt,
treten nun neue Forderungen an uns heran, die sich aus der gewonnenen
Neueinstellung zur Umwertung der Werte ergeben. Sind es wieder nur
kategorische Imperative oder allgemein gültige Dogmen, die von jedem
das gleiche fordern? Die Einsicht in den Relativismus aller Wertungen
heißt uns diese Frage verneinen, heißt uns übrigens auch Nietzsche
gegenüber nicht in blinde Nachbetung verfallen, sondern durch ihn
zur sehenden Erkenntnis unserer selbsteigenen Pflicht gelangen. Wie
uns Glück schließlich immer nur das bedeutet, was gerade uns als das
höchste Gut gilt, gemäß unserer Eigenart, so bedeutet uns Pflicht
als Komplex immer nur das, was sich gerade uns als die eigentliche
Aufgabe unseres Lebens erschließt. Inwiefern der Erfüllung dieser
Pflicht durch unsere Unzulänglichkeit Grenzen gezogen sind, aber
auch inwiefern wir diese Grenzen zu erweitern und neu zu bestimmen
vermögen, darüber kann einzig unsere eigene Gewissenhaftigkeit und
Wahrhaftigkeit entscheiden. Aus der natürlichen Ungleichheit der Rechte
folgt auch eine Ungleichheit der Pflichten, weil die Wesensunterschiede
zwischen Mensch und Mensch nach Art, Gattung und Persönlichkeit eine
Ungleichheit der Aufgaben und eine Verschiedenheit der Teilnahme an
gemeinsamen Aufgaben bestimmt.
_Wahrhaftigkeit!_ Aber wir können nicht ohne _Illusionen_ leben.
Wir bedürfen der Fiktionen als Mittel, um uns Wege zu erschließen,
wir bedürfen der Hypothesen, um uns Möglichkeiten vorzustellen, wir
bedürfen idealer Zielsetzungen, um unseren Aufstieg zu ermutigen.
Auch das Dogma absoluter Wahrheit erfriert im Eise dieser Erwägungen,
nicht aber das Ideal der Wahrhaftigkeit, so wenig als unser Gemüt
die Religiosität preisgibt, wenn unsere Vernunft auf die Religion
verzichtet.
Wieviel Lügenhaftigkeit zwischen theoretischem Idealismus und
praktischem Tun wir heute noch hinnehmen, bestimmt den Grad
unserer Ehrlichkeit; wieviel Wahrheit zwischen Wirklichkeit und
Scheinbedürftigkeit wir zu ertragen vermögen, kennzeichnet das Maß
unserer Seelenstärke; wieviel neue Ziel- und Wertsetzung wir uns
einverleiben, bekundet die Macht unseres schöpferischen Willens und
endlich wieviel Gegensätzlichkeit von Leid und Lust, von Zufall und
Kausalität, von Irrtum und Wahrheit wir in uns harmonisch vereinigen
können, die Gesundheit und den Reichtum unserer Menschlichkeit.
Nietzsches Philosophie ist in ihrem Kerne _Axiologie_, das aber
heißt: Wertbestimmung, Rangerteilung, Zielsetzung, Sinngebung und
Formgestaltung der Möglichkeiten am vornehmsten Material, das die Natur
bietet: am Menschen. Die Voraussetzung hierfür liegt im urständig
Schöpferischen. Ein magischer Zauber geht aus von dem Worte, mit dem
Nietzsche diesen Urquell aller Spontaneität benennt. Die Fülle der
Natur an zeugender und gebärender Kraft, an tiefster Leidenschaft
und höchster Freudenschaft, ihre Wunderwirksamkeit im Schaffen und
Vernichten und Wiederschaffen, ihr Einssein im Genius der Gattung und
ihr unendlicher Reichtum im Vielsein der Individuen, dieses Mysterium
des unerschöpflichen Lebens, dem alle Entelechie als ein Stück Ewigkeit
sich verdankt, heißt ihm: _Dionysos_.
Von seinem ersten Buche »Der Geburt der Tragödie« an bis zum »~Ecce
homo~« hat er sich als der Jünger des Dionysos gefühlt, als der
Ja-Sager zu allem was ist, als der frohe Botschafter dieser Lehre
im Widerspruch zu allem, was das Leben herabsetzt, statt die Welt
mit dem Jubel des Daseins, dem Reichtum der Formen, der Wertsetzung
der höchsten Ziele miterlebend zu beschenken. Das letzte Wort
seines letzten Werkes lautet: »_Dionysos gegen den Gekreuzigten!_«
Darum Immoralist, darum Anti-Metaphysiker, darum Anti-Nihilist,
darum Anti-Christ! Und darum Verkünder einer neuen Lehre, die das
verhängnisvolle Erbteil der Vergangenheit als Negation des Lebens
bekämpft, und darum Verkünder einer neuen Lehre, die von uns verlangt,
daß wir treu zur Erde stehen aus Freude am Seienden, aus Fernstenliebe
zum Werdenden.
[Illustration]
Nietzsche-Literatur
Nietzsche, Friedrich: Werke. Groß 8°. Gesamt-Ausgabe (19 Bde.).
Nietzsche, Friedrich: Werke. Taschen-Ausgabe (11 Bde.).
Nietzsche, Friedrich: Gesammelte Briefe (6 Bde.).
Nietzsche, Friedrich: Briefe, ausgewählt von Rich. Oehler.
Nietzsche, Friedrich: Briefwechsel mit Franz Overbeck.
Förster-Nietzsche, Elisabeth: Das Leben Friedrich Nietzsches (3
Bde.).
Förster-Nietzsche, Elisabeth: Der junge Nietzsche. -- Der
einsame Nietzsche.
Förster-Nietzsche, Elisabeth: Wagner und Nietzsche zur Zeit
ihrer Freundschaft.
Heckel, Karl: Briefe Richard Wagners an Emil Heckel.
Bertram, Ernst: Nietzsche.
Brandes, Georg: Friedrich Nietzsche (Sammelwerk: Menschen und
Werke).
Richter, Raoul: Friedrich Nietzsche. Sein Leben und sein Werk.
Meyer, Richard M.: Nietzsche. Sein Leben und seine Werke.
Andreas-Salomé, Lou: Friedrich Nietzsche in seinen Werken.
Bernoulli, Carl Albrecht: Franz Overbeck und Friedrich
Nietzsche (2 Bde.).
Pfänder, A.: Nietzsche (Sammelwerk: Große Denker).
Ewald, Oskar: Nietzsches Lehre in ihren Grundbegriffen.
Moebius, P. J.: Nietzsche.
Schacht, Wilhelm: Nietzsche.
Riehl, Alois: Friedrich Nietzsche als Künstler und Denker.
Joël: Nietzsche und die Romantik.
Simmel: Schopenhauer-Nietzsche.
Oehler, ~Dr.~ Richard: Friedrich Nietzsche und die
Vorsokratiker.
Oehler, Max: Den Manen Nietzsches.
Hasse, Heinrich: Das Problem des Sokrates bei Friedrich
Nietzsche.
Horneffer, Ernst: Nietzsches Lehre von der Ewigen Wiederkunft.
Schellwien, R.: Max Stirner und Friedrich Nietzsche.
Levenstein, Adolf: Friedrich Nietzsche im Urteil der
Arbeiterklasse.
Deussen, Paul: Erinnerungen an Friedrich Nietzsche.
von Salis-Marschlins, Meta: Philosoph und Edelmensch.
von Ungern-Sternberg, Isabelle: Nietzsche im Spiegelbild seiner
Schrift.
Bergson, Henri: Schöpferische Entwicklung.
Blüher, Hans: Die Aristie des Jesus von Nazareth.
Spengler, O.: Der Untergang des Abendlandes.
Ziegler, Leopold: Gestaltwandel der Götter.
Nietzsches Werke
Die beigefügten Ziffern beziehen sich auf die Seiten dieses Buches, auf
denen das betreffende Werk behandelt ist.
Philologische Arbeiten, Vorträge und Vorlesungen:
Aufsätze aus dem »Rheinischen Museum« 23. 25.
»Die letzte Redaktion der Theognidea« 23.
»Die Quellen des Laertius« 23.
»Sophokles Ödipus rex« 29.
Vorlesungen über das Studium der klassischen Philologie (1871) 30.
Vorlesungen zur Geschichte der griechischen Literatur 30.
»Über die Zukunft unserer Bildungsanstalten« (1872) 33.
»Die Philosophie im tragischen Zeitalter der Griechen« (1873) 34.
»Homer und die klassische Philologie« (Baseler Antrittsrede) 27.
»Die Geburt der Tragödie« (1872) 38 f. 45. 56. 119. 144. 205.
209. 232. 244. 252.
»Mahnruf an die Deutschen« (1873) 4. 5. 38.
»Unzeitgemäße Betrachtungen« (1873--76) 45. 119. 244.
1. »David Friedrich Strauß« 46 f.
2. »Vom Nutzen und Nachteil der Historie« 47 f.
3. »Schopenhauer als Erzieher« 49 f. 64.
4. »Richard Wagner in Bayreuth« 4. 58. 119. 209.
»Menschliches-Allzumenschliches« 2 Bde. (1878/79) 65 ff. 71 f.
75 f. 78. 135. 177. 209.
»Morgenröte« (1881) 80 ff. 86. 91. 95. 102. 104. 113. 207.
»Die fröhliche Wissenschaft« (1882) 102. 103. 104 ff. 109 f.
127. 210. 240.
»Also sprach Zarathustra« (I--III 1882, IV »Mittag und
Ewigkeit« 1884/85, S. 155) 28. 101. 111. 119. 133. 141. 142
ff. 153 ff. 172. 177. 200. 202. 220. 226. 228. 233. 239. 246.
248.
»Jenseits von Gut und Böse« (1886) 111. 169. 172. 174. 177.
210. 222.
»Zur Genealogie der Moral« (1887) 169. 177. 191.
»Der Fall Wagner« (1888) 213. 214 ff.
»Götzendämmerung« (1889) 216. 217 f. 219 f.