Brief verdanken, der für Overbeck bestimmt war, in den Zustand
seiner Psyche blicken. Der mutige Drang, was ihm als Überzeugung
aggressiv in den Sinn kam, ungehemmt durch Formen der Neutralität
aussprechen und das seelische Bedürfnis, die drohende Melancholie
durch Leidenschaftlichkeit zu überwinden, erklären uns ebensosehr die
Heftigkeit des »Antichrist« wie die Fülle von ätzendem Spott im »Fall
Wagner«, ein Spott, der sich durch keine auf Verehrung begründete
Rücksicht mehr unterdrücken ließ. Er will den Meister von Bayreuth
nicht etwa hämisch verkleinern -- »Wagner war etwas Vollkommenes« --,
aber die Ehrfurcht vor dessen Zielen und Wirkungen parodistisch
überwinden, um die Bahn frei zu bekommen für seine eigenen Ziele und
Wirkungen. Gilt es doch die Umkehr durchzusetzen vom pessimistisch
gefärbten Idealismus zu dankbarer Wirklichkeitsfreude, von der
romantischen Flucht ins Metaphysische zur sinnenfreudigen Erdennähe
der Natur, von christlich und demokratisch gerichteter Moral zur
aristokratischen Rangordnung der Werte, von der dekadenten Modernität
einer sterilen Zivilisation zum fruchtbaren Wachstum der Kultur, von
der Theaterhingebung der Kunst an die Instinkte der Massen zur klar
bewußten Erziehung der berufenen Einzelnen, von der Schwächung und
Zähmung der Triebe aus Naturverlästerung zu deren Stärkung und Züchtung
um der höchsten Lebensentfaltung und Menschensteigerung willen.
Nur flüchtig anerkennt er noch, was bei Wagner im Sinne dieser Umkehr
sich fördernd erweist. Die herrliche Gestalt des Siegfried bleibt ihm
auch jetzt noch unantastbar. Der ursprüngliche Schluß des »Ring des
Nibelungen«, der optimistisch konzipiert war und erst später im Sinne
der Schopenhauerschen Philosophie eine Umarbeitung erfuhr, bedeutete
für Nietzsche »die Götterdämmerung der alten Moral« und den »Aufgang
des goldenen Zeitalters«. Auch dort bewahrte sich der entschlossene
Kämpfer seine Freude an Wagner, wo dieser seine Kunst nicht in den
Dienst des Alfresko-Stils der Theatralik stellte. Er findet ihn
bewunderungswürdig, liebenswürdig in der Erfindung des Kleinsten, in
der Ausdichtung des Details.
Wie der »Antichrist« den Vorarbeiten zum »Willen zur Macht«
entnommen wurde, so auch »der Fall Wagner«, dessen Inhalt
ursprünglich für das Kapitel »_Modernität_« bestimmt war. Ebenso
hat er die »_Götzendämmerung_« als einen Auszug des »Willens zur
Macht« bezeichnet. Was veranlaßte Nietzsche, in dieser Weise der
Veröffentlichung seines Hauptwerkes vorzugreifen? Doch wohl das Gefühl,
daß seine Lebenszeit nicht mehr so lang bemessen sein könne, daß er
in Ruhe die allmähliche Wirkung seiner Werke abwarten dürfe, sondern
daß es an der Zeit sei, das Entscheidende in grellster Deutlichkeit
auszusprechen, um endlich gehört und beachtet zu werden.
Schon vier Jahre früher hatte er einem mir befreundeten Chemiker,
als dieser auf gemeinsamen Spaziergängen in Sils-Maria ihn ermahnte,
sich um seiner Gesundheit willen zeitweise der Arbeit zu enthalten,
geantwortet, er dürfe keine Zeit verlieren, denn er habe der
Menschheit noch vieles darzubieten. Wohl aus dem gleichen Gefühl
heraus schrieb er von Turin an seine Schwester, nachdem er durch
seinen Gesundheitszustand längere Zeit am Arbeiten gehindert worden
sei, habe er nunmehr den großen Zeitverlust für seine Aufgabe durch
eine um so angespanntere Arbeit auszugleichen gesucht. Aber nicht
nur die Intensität der Arbeit erfuhr eine Steigerung, es drängte ihn
auch, die unmittelbare Wirkung zu erhöhen durch die Ausschaltung jeder
verzögernden Neutralität.
Auch die »Götzendämmerung« ist infolgedessen vielfach von dem Geiste
erfüllt, den uns das Wort Pamphletist kennzeichnet. Ein Kapitel »Das
Problem des Sokrates« bietet in diesem Hinblick ein Seitenstück zum
»Fall Wagner«. Im Verlangen nach »Vernünftigkeit um jeden Preis« sieht
Nietzsche bei _Sokrates_ den Versuch, aus der Vernunft einen Tyrannen
zu machen, und zwar um seiner Errettung willen aus der Anarchie der
Instinkte.
Wie die Psychoanalytiker heute bei Origines, Paulus, Augustin und
vielen anderen ihre Bekehrungen als Versuche deuten, sich aus den
Qualen verdrängter Sexualität zu befreien, so verfuhr bereits Nietzsche
als er schrieb: »Auf ~décadence~ bei Sokrates deutet nicht nur die
zugestandene Wüstheit und Anarchie in den Instinkten: eben dahin deutet
auch die Superfötation des Logischen und jene Rhachitiker-Bosheit, die
ihn auszeichnet.«
Unwillkürlich drängt uns dieses Urteil die Frage auf, ob nicht
vielleicht auch bei Nietzsche ins Unterbewußtsein verdrängte Gefühle
den Zorn seiner Worte gegen Sokrates entzündet haben. Für die
Heftigkeit der Angriffe gegen Wagner fanden wir bereits eine solche
Erklärung in der zwanghaften Überwindung seiner ehemaligen und niemals
ganz erloschenen Verehrung -- welche Empfindungen aber hatte Nietzsche
gegenüber Sokrates zu überwinden? Die Antwort, die _Bertram_ in seinem
vorzüglichen Nietzsche-Buch gibt, besagt: der Erzieher in Nietzsche
wehrte sich gegen den Fanatiker der Erkenntnis in der eigenen Brust.
Aber wir schauen vergebens nach Belegen in Nietzsches Schriften aus,
die diese Aussage begründen.
Wohl hat Nietzsche in seinen früheren Schaffensperioden wiederholt
anerkennende Worte für die Originalität des Sokrates gefunden,
wohl zählte er ihn jenen Menschen zu, die es wagen, »ihrer selbst
willen da zu sein«, wohl sah er in den Memorabilien des Sokrates das
Zusammentreffen von vielen Straßen der verschiedensten philosophischen
Lebensweisen und Temperamente, festgestellt durch Vernunft und
Gewohnheit und allesamt mit der Spitze nach der Freude am Leben
und am eigenen Selbst gerichtet. Aber diese Einschätzungen, die
hauptsächlich aus der Zeit seines Positivismus stammen, bekunden
niemals eine entschiedene innere Zusammengehörigkeit, sondern sehr
früh schon bezeichnete er trotzdem Sokrates bald als das Urbild, den
Typus oder als den Stammvater des von ihm bekämpften theoretischen
Menschen und wählte ihn zur Zielscheibe seiner Angriffe, wo immer er
optimistische Erkenntnis und tragische Kunstbedürftigkeit einander
gegenüberstellte. Das Denken der Griechen im tragischen Zeitalter wurde
von ihm allezeit entweder als pessimistisch in der Erkenntnis oder
aber als _künstlerisch_-optimistisch gesehen. Zu beidem verhielt sich
Sokrates, als der Mystagoge der Wissenschaft, antipodisch. Aber auch
für die Wissenschaft sah er niemals in ihm mit innerer Anteilnahme ein
ihm entsprechendes Vorbild. Hörte er doch die sokratischen Schulen
die Frage stellen: welches ist diejenige Erkenntnis der Welt und des
Lebens, bei welcher der Mensch am _glücklichsten_ lebt? Eine Frage,
mit der man nach Nietzsches heroischer Überzeugung die Blutadern der
wissenschaftlichen Forschung unterband. Nur deshalb etwas für wahr
halten, weil es uns beglückt, bedeutete ihm stets eine Untreue an der
Aufgabe der Erkenntnis.
Trat diese Versuchung zur Untreue am Selbst, am Ziel und Werk auch
an Nietzsche heran zur Zeit, als er sich seiner Unbeachtetheit und
schülerlosen Einsamkeit schmerzlicher als je mit drohender Melancholie
bewußt wurde, gemahnte auch ihn eine Versucherstimme, sich in der
bloßen Vernünftigkeit gemäß der Lehre des Sokrates Befreiung und
Errettung von der erdrückenden Überlast seiner Aufgabe zu suchen,
und setzte seine tapfer ausharrende Treue zum eigenen Selbst, seine
opferwillige Hingabe an sein Werk sich eben darum mit größter
Heftigkeit zur Wehr, um diese sokratische Versucherstimme zu übertönen
mit pamphletischen Schmähungen gegen Sokrates? Begnügen wir uns, diese
Möglichkeit anzudeuten; denn die Gegnerschaft zu Sokrates zeigt sich
schon lange vorher in so grellem Lichte, und wir begreifen auch ohne
eine solche psychologische Erklärung, daß zu jener Zeit, als Nietzsche
sich ungehemmt dem Affekte seiner Kampfeslust überließ, sein Zorn gegen
jene Gesinnung, die sich für ihn in Sokrates typisch verkörperte, hell
aufflammte. Wie alle Bildungsphilisterei Nietzsche gleichsam durch
David Friedrich Strauß repräsentiert sah, wie er einfach _Pascal_
sagt, wo er an die Entselbstung durch christliche Religiosität denkt,
Schopenhauer und Wagner als Typen bekämpfte, so folgte er seinen
griechischen Lehrmeistern, für die »das Abstrakteste immer wieder zu
einer Person zusammen rinnt«, auch hier, wo er die verhängnisvolle
Rangentwertung des Instinkts durch den Intellekt: Sokrates nennt.
Dem »Problem des Sokrates« schließen sich in der »Götzendämmerung«
Betrachtungen über die »Vernunft in der Philosophie« und die »Moral
als Widernatur« und andere oft sarkastisch gefärbte Ausführungen
an. Die Schrift, die trotzdem zu den kürzesten aber inhaltreichsten
Schriften Nietzsches zählt, sollte ursprünglich den Titel »Müßiggang
eines Psychologen« führen. Aber als Peter Gast dem Verfasser schrieb:
»Eines Riesen Gang, bei dem die Berge in den Urgründen zittern, ist
schon kein Müßiggang mehr« und ihn um einen prangenderen, glanzvolleren
Titel bat, da entschied sich Nietzsche mit einem abermaligen
Seitenblick auf Wagner für die Bezeichnung »_Götzendämmerung_, oder
Wie man mit dem Hammer philosophiert«. Der ursprüngliche Titel
dieser »philosophischen Heterodoxie« hätte gewiß weniger auffällig
gewirkt, aber, wie mir scheint, die Zugehörigkeit der Schrift zu den
ausgesprochen psychologischen Arbeiten Nietzsches dafür deutlicher
bekundet.
Über den äußeren Lebenslauf Nietzsches seit der Vollendung des
»Zarathustra« ist wenig zu berichten. Um seiner Vereinsamung
entgegenzuwirken, schlug ihm Overbeck vor, wieder Lehrer zu werden,
»ich meine nicht akademischer, sondern Lehrer (etwa des Deutschen)
an einer höheren Schule«. Burckhardt hatte ihn schon vorher sehr
eindringlich aufgefordert, Weltgeschichte ~ex professo~ zu dozieren und
gewissermaßen sein Nachfolger in Basel zu werden. Nietzsche überlegte
Overbecks Vorschlag ernstlich, beriet sich darüber auch mit Gast, kam
aber zu dem Schluß, daß ihm selbst ein nützlicher und wirkungsvoller
Lehrerberuf nur als Erleichterung des Lebens gelten dürfe; erst dann,
wenn er seine Hauptaufgabe erfüllt habe, werde sich das gute Gewissen
für eine solche Existenz einstellen. Auch sei das Klima Basels für
ihn ganz unmöglich, da er _reinen_ Himmel brauche, um nicht an seinem
»gräßlichen Temperament« zugrunde zu gehen. Das Suchen nach einem
heiteren Himmel -- »meine Feinde, die Wolken« -- bestimmte die Wahl der
Aufenthaltsorte. Außer Sils-Maria erkannte er besonders, je nach den
Jahreszeiten vor allen, Nizza und Turin für sich geeignet.
Sein mühsam behauptetes seelisches Gleichgewicht erlitt während einiger
Zeit schwere Einbuße durch Mißhelligkeiten mit seinen Angehörigen.
Die Verlobung seiner Schwester mit dem Kolonisator ~Dr.~ Bernhard
_Förster_, dessen antisemitische Gesinnung Nietzsche widerstrebte, gab
die Veranlassung und ließ ihn in Briefen an Overbeck scharfe Urteile
über die Schwester fällen. ~Dr.~ Rée und Lou Salomé erschienen ihm
in solchen Stunden in günstigerem Lichte als zuvor. Aber bald kam er
betreff Salomé wieder zu der Erkenntnis: »Dieser Art Mensch, der die
Ehrfurcht fehlt, muß man aus dem Wege gehen.« Seine fortgesetzt noch
zunehmende Vereinsamung bedrückte ihn schwer. »Wagner war bei weitem
der vollste Mensch, den ich kennen lernte, und in diesem Sinne habe ich
seit sechs Jahren eine große Entbehrung gelitten,« klagte er Overbeck.
Es fehle ihm so sehr ein Mensch, mit dem er über die Zukunft der
Menschheit nachdenken könne. »Ich bin durch die lange Entbehrung von zu
mir gehöriger Gesellschaft inwendig ganz krank und wund. Nichts kommt
mir zu Hilfe, niemand denkt sich etwas aus, das mich erheitern und
erheben könnte ...« und »Es sollte jemanden geben, der für mich, wie
man sagt, lebte.«
Die absprechenden Urteile über die Schwester wurden Overbeck gegenüber
aufgehoben durch warme Worte der Anerkennung ihres Wertes nach einer
geschwisterlichen Zusammenkunft in _Zürich_. Er war beglückt, die alte
ungeschmälerte Herzlichkeit wieder zu finden. Um so schmerzlicher
empfand er die örtliche Trennung durch ihre Übersiedlung mit ihrem
Gatten nach _Paraguay_. Immer wieder in seinen Briefen dahin beklagt
er diese Trennung. »Erst seit Du so weit davon gelaufen, fühle ich,
wieviel Du mir gewesen bist. Du warst meine Erholung, die Brücke zu den
andern.«
Vorübergehend schien ein Deutsch-Italiener Paul _Lanzky_ zum Adepten
berufen; aber auch bei ihm, wie zuvor bei ~Dr.~ _Paneth_ und Albert
_Conradi_, wollte Nietzsche nicht, daß er über ihn schreibe, in der
Befürchtung, daß auch er nicht in der Lage sei, das Wesentliche seiner
Lehre zu erfassen. Wohl erhielt er im Jahre 1886, wie mir sein Hauswirt
_Durich_ erzählte, in Sils-Maria die Besuche verschiedener Gelehrter,
lebte aber, von solchen gelegentlichen Unterbrechungen abgesehen,
durchaus einsam. Einsam bedeutete vor allem unverstanden, war er sich
doch darüber vollständig klar, daß wer immer das Wachstum der Kultur
erwartete von dem, »was _Verbesserung_ des Menschen oder geradezu
Vermenschlichung genannt wird«, nicht sein Ziel der _Vergrößerung_
des Typus Mensch verstehen könne. Einzig bei Burckhardt und Hippolyte
Taine glaubte er eine Verständnismöglichkeit voraussetzen zu dürfen.
Sowohl Burckhardt als Nietzsche schätzten _Taine_ sehr hoch ein.
Nietzsche hatte ihm als »dem ersten zeitgenössischen Historiker« sein
bedeutsames Werk »Jenseits von Gut und Böse« zugeschickt und eine
Antwort erhalten, die von einer sehr aufmerksamen Lektüre des Werkes
Zeugnis ablegte. Er begegnete bei ihm der Richtung vom Individuellen
aufs Typische, verbunden mit einer Vorliebe für die starken expressiven
Typen, und zwar für die Genießenden mehr als für die Puritaner. Anders
stand Erwin Rohde zu Taine, der ihm allzusehr darauf gerichtet schien,
den Charakter großer Männer aus der Rasse, dem Milieu und der Zeit
zu erklären. Nach zehnjähriger Trennung hatte Nietzsche seinen alten
»Waffenbruder« in Leipzig aufgesucht, der sich dort durchaus nicht
am Platze fühlte, so daß seine nervöse Gereiztheit den mittlerweile
eingetretenen Abstand ihrer Überzeugungen besonders scharf hervortreten
ließ. Beide waren enttäuscht. Und als Nietzsche einige Zeit später
einen Brief Rohdes erhielt, der ein offenbar übertrieben abfälliges
Urteil über Taine enthielt, verteidigte er diesen in einer Rohde
verletzenden Weise. Wohl versuchten beide durch nachfolgende Briefe
einen Ausgleich herbeizuführen, aber der Abbruch ihrer ehedem so
schönen herzlichen Freundschaft vollzog sich trotzdem. So ging ihm auch
Rohde verloren.
Das entschiedene Eintreten von Georg _Brandes_ in Kopenhagen für seine
Philosophie und deren aristokratischen Radikalismus, die briefliche
Wiederanknüpfung mit seinem Freunde von Gersdorff, dazu ein Besuch
Deussens, dessen Schriften über indische Religion er hoch und dankbar
einschätzte, brachten Lichtpunkte in das umdüsterte Dasein Nietzsches,
aber sie vermochten es nur vorübergehend zu erhellen. Die unmittelbare
Wirkung von Mensch zu Mensch fehlte ihm. Nur die Erwerbung von Jüngern
konnte sie bringen.
Ohne Zweifel verfolgte Nietzsche mit seinem Pamphlet gegen Wagner
auch diesen persönlich gerichteten Zweck. Es sollte Männern, die er,
wie ehedem Heinrich von Stein, berufen erachtete, ihm anzugehören,
durch Überwindung der Ehrfurcht vor Wagner die Augen öffnen für die
Unvereinbarkeit ihrer Ziele. »Der alte Verführer nimmt mir, auch
nach seinem Tode noch, den Rest von Menschen weg, auf die ich wirken
könnte,« ist in einem Brief an Malwida von Meysenbug zu lesen. Daß ein
Mann wie Graf _Gobineau_ sich Wagner anschloß, obwohl seine Stellung
zum Christentum und zur Renaissance ihn viel eher als geistesverwandt
mit Nietzsche erscheinen ließ, erklärt sich uns daraus, daß eben
Wagner auch auf dem Gebiete der Kultur bereits als Autorität dastand,
Nietzsches Bedeutung aber noch unerkannt war. Auch wissen wir durch
Ausführungen von Frau Wagner, daß man in Bayreuth von freier hoher
Warte aus Gobineaus antichristliche Gesinnung recht wohl gelten ließ
und zu würdigen wußte.
Daß Nietzsche in der Tat voll überzeugt war, sein »Fall Wagner« sei so
»maßvoll, so heiter wie möglich« geschrieben, beweist uns der Umstand,
daß er sogar an Malwida von Meysenbug, trotz ihrer warmen Begeisterung
für Wagner, eine Anzahl Exemplare zur Verteilung schickte, womit er
aber nur erreichte, daß auch die Freundschaft mit der »Idealistin«, die
ihn mütterlich liebte, aber niemals in die Tiefen seiner Philosophie
einzudringen vermochte, in die Brüche ging. Daß auch Malwida von
Meysenbug später, aus zeitlicher Ferne gesehen, die Notwendigkeit der
Trennung der beiden großen Geister erkannte, bewies mir ein Brief
vom 22. Februar 1897. Ich hatte ihr meinen in der Vorrede erwähnten
Aufsatz über »Wagner und Nietzsche« geschickt. Sie antwortete: »Ich
habe mich sehr darüber gefreut, weil er so gerecht ist und gewiß die
Sache im ganzen vollkommen richtig erklärt. Daß trotz der inneren
Verschiedenheit die Trennung weniger gewaltsam und in edlerer Form
hätte vollzogen werden können, das wäre für alle, die den beiden
nahestanden, eine Wohltat gewesen, so wie der gewesene Verlauf ein
ewiger Schmerz sein wird.«
Die Aufnahme, die der »Fall Wagner« bei Freunden und Gegnern fand,
bewies Nietzsche, daß man das Pamphlet als das Zeugnis eines
plötzlichen Gesinnungswechsels ansah und nicht als das Schlußwort über
die Gegensätzlichkeit ihrer Ziele, die sich langsam entwickelt und
andauernd verschärft hatte. Der Beweis hierfür war nur aus früheren
Bemerkungen über Wagner in Nietzsches Schriften zu führen. Der einsame
Kämpfer ersuchte Karl _Spitteler_, den griechisch fühlenden Dichter,
eine solche Zusammenstellung herauszugeben. Aber Spitteler lehnte ab.
So unternahm es Nietzsche selbst -- war er doch immer wieder nur auf
sich selbst angewiesen -- durch eine solche Zusammenstellung in der
Schrift »_Nietzsche contra Wagner_, Aktenstücke eines Psychologen«
den Beweis zu liefern, daß Wagner und er seit langem Antipoden seien.
Treffend gelangt der Zweck der kleinen Schrift in einem Briefe
Nietzsches an seinen Verleger Naumann zum Ausdruck: »Nachdem ich im
›Fall Wagner‹ eine kleine Posse geschrieben habe, kommt hier der
_Ernst_ zu Wort: denn wir -- Wagner und ich -- haben im Grunde eine
Tragödie miteinander erlebt.« Eine Tragödie! Erweisen wir uns fähig,
das Verhältnis der gegnerischen Freunde zueinander als solche zu
schauen!
Hüte sich, wer feindlich zu Wagner steht, vor hämischer Schadenfreude,
aber bewahre sich auch, wer dem Meister von Bayreuth ergeben ist, durch
allzu menschliche Auslegung der Angriffe Nietzsches die überragende
kulturelle Bedeutung dieses heroischen Kampfes zu verkennen! Als
schwerleidender Mensch ist Nietzsche in diesem Kriege seinen Wunden
erlegen. Ob er als Philosoph Sieger blieb, oder ob es, wie sein
Aphorismus »Sternenfreundschaft« so wunderbar besagt, eine unsichtbare
Kurve und Sternenbahn gibt, in der ihre so verschiedenen Straßen
und Ziele als kleine Wegstrecken einbegriffen sein mögen: das kann
erst eine ferne Zeit offenbaren. An uns ist es nur, das radikale
Antipodenverhältnis der beiden großen Erdenfeinde und Sternenfreunde
durch Einlebung in die Tragödie zu begreifen und die Notwendigkeit
ihrer Trennung und Bekämpfung als schicksalhaft zu verstehen.
~Ecce homo~
Alle Scheidenden sprechen wie Trunkne und nehmen gerne
sich festlich.
_Hölderlin._
Wo wir bis jetzt vom »_~Ecce homo~_« sprachen, da nannten wir es eine
autobiographische Skizze. Aber diese Bezeichnung schält nicht den Kern
der Schrift heraus. »Das ist eher eine Psychographie als Biographie
zu nennen«, schreibt ~Dr.~ Richard _Oehler_ in dem Vorwort, das die
Veröffentlichung in der Taschenausgabe einleitet. Auch der Herausgeber
von »~Ecce homo~« in der großen Ausgabe von Nietzsches Werken,
~Dr.~ Otto _Weiß_, erkennt das Werk ganz richtig als psychologische
Selbstanalyse; denn »Leben und Lehre, Denken und Schaffen vereinigen
sich bei ihm fast zur Identität«.
Nietzsche hat es an seinem vierundvierzigsten Geburtstag, also
am 15. Oktober 1888, in Turin begonnen und innerhalb drei Wochen
abgeschlossen. Er war sich bewußt, eine extrem schwere Aufgabe in
dieser kurzen Zeit gelöst zu haben, nämlich sich selber, seine Bücher,
seine Ansichten und bruchstückweise, soweit es dazu erforderlich
war, sein Leben zu erzählen. Entgegen seiner ursprünglichen Absicht
bestimmte er es mit dem Mut zum Äußersten für die Öffentlichkeit; es
sollte über ihn »ein wenig Licht _und Schrecken_« verbreiten, ein
»Erstaunen ohnegleichen« hervorrufen und als vorbereitende Schrift, als
»feuerspeiende Vorrede« für sein kommendes Werk die »Umwertung aller
Werte« eine wirkliche Spannung schaffen, damit dieses nicht wie der
»Zarathustra« unbeachtet bleibe.
Auch diese Psychographie Nietzsches wurde wie die zunächst
vorangegangenen Schriften im Zustande der Euphorie geschrieben.
Er fühlte sich auf das Allerglücklichste inspiriert »dank einem
unvergleichlichen Wohlbefinden, das einzig in meinem Leben dasteht«.
Er war sich des Überschwanges, der seine Darstellung erfüllt, voll
bewußt, wie uns seine Briefe an Fräulein von Salis-Marschlins, Peter
Gast und Georg Brandes bezeugen. Er fand, daß diese Schrift mit einem
welthistorisch werdenden Zynismus in einer den Meistersingern abhanden
gekommenen Tonweise gesetzt sei: »die Weise der Weltregierenden«.
Das schmerzlich erkannte Mißverhältnis zwischen der Größe seiner
Aufgabe und der Kleinheit seiner Zeitgenossen läßt ihn im Vorwort
ausrufen: »Hört mich! denn ich bin der und der. Verwechselt mich
vor allem nicht!« Er will erkannt werden als eine Gegensatznatur
zu der Art Mensch, die man bisher als tugendhaft verehrt hat, als
Gegensatz aller Moralisten, für die Idealismus nicht die Verdichtung
und Betonung des Wesenhaften der Realität bedeutet, sondern als Fluch
auf die Wirklichkeit den Glauben an eine _erlogene_ Welt. Das ist
es, was ihn von der Romantik, so vielfach seine Gefühlslehre sich
auch mit ihr berühren mag, grundsätzlich unterscheidet. Wenn man
diesen starken, vollbewußten Willen Nietzsches versteht, sich als
Gegentypus des moralistischen Idealisten zu zeichnen, dann verfällt
man kaum der Versuchung, von »Größenwahn« zu sprechen, obwohl er
die stärksten Worte gebraucht, um sich und den Wert seiner Werke zu
veranschaulichen. Absichtlich wählt er Überschriften wie »Warum ich
so weise bin«, »Warum ich so klug bin«, »Warum ich so gute Bücher
schreibe« und »Warum ich ein Schicksal bin«. Sie sollen dem Leser den
Flug auf eine Höhe der Betrachtung ermöglichen, wo Nietzsche frei von
jeder Bescheidenheits-Koketterie in höchsten Tönen von sich nicht etwa
als Privatperson -- »ich bediene mich der Person nur wie eines starken
Vergrößerungsglases« --, sondern als »der Jünger des Philosophen
Dionysos« spricht.
Es galt ihm, das _Schicksalhafte_ seiner Erscheinung zu betonen. Diese
Absicht kommt in vielen Einzelzügen dem psychologisch begabten Leser
zum Bewußtsein. Nietzsche will in »~Ecce homo~« symbolisch verstanden
werden. Und zwar in dem Sinne, in dem Goethe an Karl Ernst _Schubarth_
schrieb: »Alles was geschieht, ist Symbol, und indem es vollkommen sich
selbst darstellt, deutet es auf das übrige.«