Ausdruck. Hier zitiert der Philosoph von ihm übersetzte Stellen aus
dem priesterhaften, aber trotzdem nicht pessimistischen Gesetzbuch
des Manu (er hatte es in der französischen Übersetzung von Louis
Jacolliot gelesen) und geht dazu über, die Ordnung der Kasten als
Sanktion einer Naturordnung darzustellen. Moralische Entrüstung und
Pessimismus sind untrennbar von der Vorstellung des Tschandala, also
der Niedrigsten; der jasagende Sinn der Geistigsten dagegen betrachtet
die Welt letzten Endes als vollkommen, denn er wertet das Unvollkommene
als ein zugehöriges notwendiges Unterhalb, alle Mittelmäßigkeit als
die breite Basis einer Pyramide der Kultur. Obenan stehen also die
geistigsten Menschen, die zugleich als die Stärksten ihr Glück in der
Selbstbezwingung finden. Als die zweiten gelten für Manu und Nietzsche
die Wächter des Rechtes, die Pfleger der Ordnung und der Sicherheit;
der König bedeutet ihnen die höchste Form von Krieger, Richter und
Aufrechterhalter des Gesetzes. Diese Rangordnung, die wir bereits in
der Lehre vom Übermenschen als Nietzsches Ideal schätzen lernten,
formuliert nach ihm nicht irgendeine willkürliche Staatsverfassung,
sondern, wie er ausführt, das oberste Gesetz des Lebens. Denn die
Abscheidung der drei Typen ist nötig zur Erhaltung der Gesellschaft
zur Ermöglichung höherer und höchster Typen. Die damit geförderte
Ungleichheit der Rechte ist die Bedingung, daß es überhaupt Rechte
gibt. »Ein Recht ist ein Vorrecht. In seiner Art Sein hat jeder auch
sein Vorrecht.«
Einer solchen naturgemäßen Rangordnung, das werden wir Nietzsche
ohne Widerspruch zugeben, laufen die Tendenzen des Christentums
mit seiner Gleichheit der Seelen vor Gott durchaus entgegen. Diese
Gegensätzlichkeit hat es nicht nur an dem Römertum bewiesen -- wobei es
uns um die Ernte der antiken Kultur brachte --, sondern noch einmal,
als es sich gegen die Renaissance empörte. Damals bereitete sich in
Rom die Überwindung des Christentums tatsächlich vor durch den Triumph
des Lebens, durch das große Ja zu allen hohen, schönen, verwegenen
Dingen. Was aber geschah? Luther sah nur die Verderbnis des Papsttums.
Indem er die Kirche angriff, stellte er sie wieder her. Und siehe da:
die Reformation vernichtete etwas Unwiederbringliches, das mit der
Renaissance uns zum Heil Wirklichkeit werden wollte ...
Stellen wir uns zum Schluß die Frage, wie Nietzsche die Bewegung
zur Mystik beurteilt haben würde, die heute in Wort, Ton und Bild,
in Expressionismus, in gemeinsamen Meditationen und philosophisch
umkleideten Andachtsstunden, abseits vom Lärm der Welt, zum Teil mit
Okkultismus vermengt, bei Tausenden neue Anhänger findet, und ihnen
wohl als ein Ersatz für unmöglich gewordene dogmatische Gläubigkeit,
als Ersatz für verflüchtete Ideale gilt: so dürfen wir wohl mutmaßen,
daß er diese Bewegung als Nihilismus nach dem Verluste der früheren
höchsten Werte, als eine Erscheinung der Erschöpfung nach den
Anspannungen des Krieges, als ein Trostmittel gegen Enttäuschungen
aller Art erkannt hätte, um auch sie vielleicht wie den Buddhismus als
heilsamen Schutz gegen die Gefahren der Sensibilität und Übergeistigung
milde zu beurteilen. Aber auch diese Bewegung bedeutet Flucht vor der
Wirklichkeit, Ausweichen vor dem Ziel der Höherentwicklung des Lebens,
und darum würde er ihr niemals gestatten, mit seinem Namen und seiner
Lehre zu liebäugeln, wie es vielfach bei ihren Anhängern geschieht.
In den Dionysos-Dithyramben, diesen Liedern Zarathustras, die ebenfalls
1888 entstanden, erhebt sich in leuchtenden Farben vor unserer
Phantasie das Land der Hyperboreer als einsame Insel im Meere. In dem
Gedicht »Die Sonne sinkt«, einem der schönsten, das wir besitzen,
steigt diese Insel vor uns auf wie jenes Orplid, von dem Mörike
sang. In dem »Feuerzeichen« (»Hier, wo zwischen Meeren die Insel
wuchs«) zündet der Einsame auf ihr sein Höhenfeuer an und in »Ruhm
und Ewigkeit« bekundet uns sein Herz, wie wenig er in Willkür nach
dem Beifall der Gegenwart geizt, wie ihm, gleich Goethe, alles was
geschieht zum Symbol des Notwendigen wird und wie ihn wiederum, gleich
Goethe, die _Idee_ »das Ewige im Vorübergehenden« schauen läßt.
Der Musiker
Sollen wir denn in unserer Zeit nicht mehr von Herzen
lachen können und übermütig sein, müssen wir Asche
aufs Haupt streuen, Bußgewänder anziehen, die Stirn
in tiefsinnige Falten kleiden und Selbstzerfleischung
predigen?
_Hugo Wolf._
Von Nietzsches _Klavierspiel_, seinem Improvisieren und Phantasieren
am Flügel sprechen außer der Schwester Deussen, von Gersdorff,
Kretzer, Peter Gast, von Seydlitz u. a. mit Begeisterung. Auch in
Tribschen lauschte man gern seinem Spiel und wurde tief ergriffen,
als er beim Abschied von dieser »Insel der Seligen« seiner Trauer am
Flügel phantasierend Ausdruck verlieh. Nach Gasts Schilderung war
sein Anschlag von großer Intensität, ohne doch hart zu sein. Man
hätte vielleicht auch bei Nietzsche, wenn es sich um die Wiedergabe
von Orchesterwerken handelte, statt von einem Klavierspiel von einem
Partiturspiel sprechen dürfen, wenn man bei Peter Gast liest, daß sein
sprechendes Spiel polyphon von mannigfaltigster Abstufung war, so daß
aus dem Orchesterklang hier das Horn oder Flöten und Geigen, dort
Posaunen sich deutlich heraushoben. Seydlitz sagt: »Er spielt mit der
äußersten Ausdrucksfähigkeit und einer tiefen Überzeugung, die auf den
Hörer unwiderstehlich eindringt.«
In seiner Jugendzeit -- wollte er doch ursprünglich nicht Philologe,
sondern Musiker werden -- hat er außer einem Oratorium eine große
Anzahl _Kompositionen_ niedergeschrieben, deren romantischer Charakter
in dem, was uns erhalten blieb (seine Schwester hat es zum Teil in der
Biographie veröffentlicht), zutage tritt. So eine Klavierphantasie
»Im Mondschein auf der Pußta«, ein schlichtes Lied mit eigenartigen
Übergängen zu dem Chamissoschen Gedicht »Das Kind an die erloschene
Kerze« und ein 1870 komponierter Männerchor »Ach ich muß nun gehen«,
dessen Musik, so wenig sie die erstrebte Volkstümlichkeit erreicht,
ich doch höher einschätzen möchte, als es im Urteil der Schwester
geschieht. Auch eine Opernskizze sowie eine Rhapsodie -- beides durch
die Ermanarich-Sage angeregt -- dürften wohl noch im Nietzsche-Archiv
vorhanden sein.
Die Zahl der Kompositionen aus späterer Zeit ist nur klein. Schumann
hatte ihn noch in der Bonner Studentenzeit zur Vertonung von Gedichten
Chamissos und Petöfis angeregt, aber bald wurde Nietzsches Widerstand
gegen die Romantik dieses »süßlichen Sachsen« wach, vielleicht nicht
unbeeinflußt durch Richard Wagner, dem Schumanns Musik antipathisch
war. Besonders Schumanns Manfredmusik widerstrebte Nietzsche. Er
empfand Byrons Dichtung ganz anders und fühlte sich durch seinen
Widerspruch gedrängt, selbst eine »_Manfred-Meditation_« zu
komponieren. Als er sie in Tribschen vorspielte, wurde sie offenbar
sehr freundlich aufgenommen, aber nicht in entscheidender Weise
beurteilt. Nietzsche aber verlangte es nach einem entschiedenen Urteil.
Ob Wagner und seine Frau ihn hierfür an _Hans von Bülow_ verwiesen,
oder ob er aus eigener Initiative zu diesem Entschluß kam, wissen wir
nicht. Er hatte Bülow früher seine »Geburt der Tragödie« geschickt
und nicht nur lebhaften Widerhall gefunden, sondern Bülow hatte ihn,
wie früher erwähnt, persönlich in Basel aufgesucht und ihm zum Dank
Chopins Barkarole vorgespielt. Der Aphorismus 160 im »Wanderer und sein
Schatten« verdankt seine Entstehung der Erinnerung an jene Stunde.
An Bülow schickte er nunmehr seine »Manfred-Meditation.« Der
ritterliche Kämpfer für Wagners Kunst konnte sehr milde und nachsichtig
urteilen, wo es galt einen Anfänger aufzumuntern. Ich selbst habe
es erfahren, als er eine Jugenddichtung von mir nicht nur sehr
freundlich beurteilte, sondern auch an Freunde zur Lektüre weitergab.
Aber er konnte auch ungemein scharf urteilen, wo es die von ihm so
heilig gehaltene Musik betraf. So schrieb er an einen allgemein
gefürchteten Frankfurter Musikreferenten über dessen Musik, daß er
sie »hohl, farblos, anspruchsvoll, kalt und äußerst gesucht« finde,
und auch Nietzsche gegenüber fühlte er sich zur größten Offenheit
verpflichtet. Er bezeichnete die Komposition in einem Briefe an ihren
Autor als das Extremste an phantastischer Extravaganz, unerquicklich
und antimusikalisch, nannte sie ein musikalisches Fieberprodukt,
in dem zwar ein ungewöhnlicher, bei aller Verirrung distinguierter
Geist zu spüren sei, das ihn jedoch mehr an ein ~lendemain~ eines
Bacchanals als an dieses selbst denken mache. Nietzsche erschrak auf
das heftigste, denn er war überzeugt gewesen, zum mindesten eine
»natürliche Musik« zu schreiben. Seine Tribschener Freunde legten die
Meditation nunmehr _Liszt_ vor, dessen Urteil weniger absprechend
lautete, aber Nietzsche hielt sich an Bülows Ausspruch und beschloß,
das Komponieren aufzugeben. »Sie haben mir _sehr geholfen_ -- es ist
ein Geständnis, das ich immer noch mit einigem Schmerz mache«, schrieb
er ihm, und spätere Briefe beweisen, daß beide ritterliche Naturen sich
die gegenseitige Hochachtung bewahrten.
Seinem Vorsatz ist Nietzsche, trotz manchem Stoßseufzer -- »ich möchte
jetzt mehr als je Musiker sein!« -- von wenigen Ausnahmen abgesehen,
treu geblieben. Außer einer vierhändigen Gelegenheitskomposition
»~Monodie à deux~«, die er zur Hochzeit Olga Herzens (Malwida von
Meysenbugs Pflegetochter) mit Gabriel Monod schrieb, hat er seinen,
leider wenig bekannten »_Hymnus an das Leben_« komponiert. Wohl sein
bedeutendstes Musikprodukt, obwohl es nicht den Melodienreichtum
aufweist, den Nietzsche ihm wünschte. Seine Hoffnung, daß durch
dieses Chorwerk, dessen Leidenschaft und Ernst einen Hauptaffekt
seiner Philosophie, das Verhältnis zur Pein des Lebens wie eine
Herausforderung des Schicksals zum Ausdruck bringt, der Weg zur
breiteren Öffentlichkeit erschließe, erfüllte sich nicht, obwohl
der Hymnus mit Recht als sehr würdig, rein im Satz und wohlklingend
anerkannt wurde.
Auch dann, wenn wir uns zu der Einsicht bekennen, daß Nietzsche nicht
berufen war, seine musikalische Veranlagung in Tönen auszuleben,
sondern daß seine Seele nur in Worten zu singen vermochte, daß seine
Musikalität sich vollwertig nur in den Klängen und Rhythmen seiner
Sprache, in den Geheimnissen seiner Satzkadenzen entfaltete: dürfen
wir nicht verkennen, daß die Musik ihm ein Lebenselement war. Auch
die Überbetonung des Umstandes, daß seine sensible Natur sich den
Nervenerschütterungen durch die moderne Musik nicht gewachsen fühlte,
daß er als tiefleidender Mensch der Erheiterung durch die Kunst
bedurfte, darf uns nicht verleiten, die prinzipielle Bedeutung seiner
Musikurteile zu unterschätzen.
Seinem Ausspruch, wer nicht sieht, was auf der Bühne vorgeht -- wir
wissen, _wie_ kurzsichtig Nietzsche war --, für den sei die dramatische
Musik ein Unding, kommt mehr als nur persönliche Bedeutung zu; denn
die Musik redet nach Nietzsche »nicht eine allgemeine überzeitliche
Sprache, wie man so oft zu ihrer Ehre gesagt hat«, sondern sie hängt
innigst mit der Entwicklung der Kulturen zusammen. Gar vieles, was
Ausfluß einer früheren Zeit war, kann nicht mit dem übereinstimmen, was
wir zukünftig erwarten, sobald wir mit den Ohren Nietzsches nach den
Präludien einer zukünftigen Kultur lauschen.
Dann verstehen wir, daß er bereits im »Wanderer und sein Schatten«
und in der »Morgenröte« unsere als klassisch geltende Musik bei aller
Ehrfurcht nicht mehr in blinder Verehrung würdigt, sondern im Hinblick
auf die Zukunft beurteilt. »Unsere Musik ist ehemals dem christlichen
Gelehrten nachgegangen und hat dessen Ideal in Klänge zu übersetzen
vermocht; warum sollte sie nicht endlich auch jenen helleren,
freudigeren und allgemeineren Klang finden, der dem _idealen Denker_
entspricht?«
Wohl bekennt er, bei _Bach_ werde es dem Hörer zumute, als ob wir
dabei wären, wie Gott die Welt schuf. Man fühle, daß hier etwas Großes
im Werden ist. Aber noch sei viel crude Christlichkeit, Deutschtum,
Scholastik in ihm. Bach stehe an der Schwelle der _europäischen_ Musik,
aber schaue sich von hier nach dem Mittelalter um.
_Beethoven_ entdeckt seine Melodien im Liede der Bettler und Kinder.
Es ist Musik über Musik als verklärte Erinnerungen aus der »besseren
Welt«, ähnlich wie Plato es sich von den Ideen dachte.
_Mozart_ dagegen findet seine Melodien nicht beim Hören von Musik,
sondern im Schauen des Lebens, des bewegten _südländischen_ Lebens: er
träumte immer von Italien, wenn er nicht dort war.
_Schubert_ hatte von allen den größten _Erbreichtum_ an Musik. Dürfte
man Beethoven den idealen Zuhörer eines Spielmanns nennen, so hätte
Schubert darauf Anrecht, selber der ideale Spielmann zu heißen.
Wir sehen: sie alle sprachen zum Ohr ihrer Zeit. Das will auch die
_moderne_ Musik. Aber zum Gewissen eines _arbeitsamen_ Zeitalters,
das der Musik nur die Reste seiner Zeit opfert, vermag leider nicht
eine Kunst, eine Musik der morgendlichen Stille zu sprechen, denn
diese setzt unverbrauchte kraftgefüllte Morgenseelen der Zuschauer und
Zuhörer voraus. Die große Kunst hilft sich daher, um jene Müdigkeit
zu überwinden, mit Betäubungen, Berauschungen, Erschütterungen,
Tränenkrämpfen. Für ein Zeitalter, welches einmal wieder frei volle
Fest- und Freudentage in das Leben einführt, dürfte daher diese große
Kunst unbrauchbar sein.
Je tiefer man in das Verständnis der Entwicklung seiner Persönlichkeit
und Lehre bei Nietzsche eindringt, desto mehr verlieren sich auch
hier alle scheinbaren Widersprüche, desto mehr gewinnen auch seine
Aussprüche über Musik, deren Schicksal ihm so nah am Herzen lag,
symptomatische Bedeutung. Sie vergegenwärtigen uns seinen Übergang
vom Metaphysiker zum unbedingten Bejaher des Diesseits und seine
Entwicklung vom Deutschen zum »guten Europäer«. Es bedarf durchaus
nicht der Entschuldigungen, wie Frau Förster sie anführt, für seine
Verurteilungen des Deutschtums, denn diese Urteile sind nicht
antideutsch, sondern _überdeutsch_ zu deuten.
In der »Geburt der Tragödie« sprach Nietzsche mit Bewunderung von
der deutschen Musik, wie wir sie vornehmlich in ihrem mächtigen
Sonnenlaufe von Bach zu Beethoven, von Beethoven zu Wagner zu verstehen
haben. Damals verglich er Beethovens Musik dem einsamen Gesange
eines Halbgotts und fand in ihm »jene eigentlich und einzig deutsche
Heiterkeit«, die von anderen Völkern gar nicht verstanden werde. Aber
das Pathos Beethovens, jenes leidenschaftliche Wollen, das sich aus
dem Ethos entwickelte, wird in »Richard Wagner in Bayreuth« für die
Symphoniker nach Beethoven, für die deutsche Musik als verhängnisvoll
erkannt, weil es nur stammelt und nur undeutliche Gebilde erzeugt.
In »Menschliches-Allzumenschliches« wird die Lust an erhöhten
weitgespannten Stimmungen, das Nebeneinander von Ekstase und Naivem
in der modernen Musik bereits als ungriechisch empfunden. Es gab eine
Zeit, in der Nietzsche uns die Aufgabe stellte: die zu Beethoven
gehörige Kultur zu finden. Aber auch gegen Beethoven setzte sich
entwicklungsgemäß seine Natur zur Wehre, weil er die Erde nicht hinab
rücken lassen will vor dem Sternendome, den Beethovens metaphysische
Kunst ihn träumen heißt.
Wo er ihn nach wie vor verherrlicht, da empfindet er ihn nunmehr
als überdeutsch. Nicht ihn allein. Beethovens einsiedlerische
Resignation, Mozarts Anmut und Grazie des Herzens, Händels unbeugsame
Männlichkeit, Bachs getrostes und verklärtes Innenleben werden nicht
mehr als _deutsche_ Eigenschaften anerkannt. Wie Schopenhauer über die
Deutschen hinwegphilosophierte, Goethe in »Tasso« und »Iphigenie« über
sie hinwegdichtete, so habe Beethoven über sie hinweg Musik gemacht.
Bei ihm und Rossini sang sich das achtzehnte Jahrhundert aus, das
Jahrhundert der Schwärmerei, der zerbrochenen Ideale und des flüchtigen
Glücks.
Besonders in den Jahren 1881 und 1882, als Nietzsche die »Fröhliche
Wissenschaft« schrieb, griff die Verurteilung der deutschen Musik als
solcher auch auf Beethoven über. Dagegen kommt Mozart seinem Herzen
immer näher. Nun schreibt er Rohde: »Ein Mensch, der mir gleichgeartet
ist, ~profondement triste~, kann es auf die Dauer nicht mit Wagnerscher
Musik aushalten. Wir haben Süden, Sonne, um jeden Preis helle harmlose
unschuldige Mozartsche Glückseligkeit und Zärtlichkeit in Tönen nötig.«
Und er setzt hinzu: »Eigentlich sollte ich auch Menschen um mich haben
von der selben Beschaffenheit, wie diese Musik ist, die ich liebe:
solche, bei denen man etwas von sich ausruht und über sich lachen kann.«
Mozart war der Ausklang eines großen jahrhundertelangen europäischen
Geschmacks, besagt uns »Jenseits von Gut und Böse«, und wir dürfen uns
glücklich schätzen, daß sein Glauben an den Süden noch an irgendeinen
Rest in uns appellieren darf. Auf Beethovens Musik dagegen liegt
dasselbe Licht, in welchem Europa gebadet lag, als es mit Rousseau
geträumt, als es um den Freiheitsbaum der Revolution getanzt und
endlich vor Napoleon beinahe angebetet hatte. Was an deutscher Musik
nachher gekommen ist, gehört in die Romantik, jenen Zwischenakt,
welcher der Heraufkunft der Demokratie voranging. Schumann bedeutete
bereits nur noch ein deutsches Ereignis, nicht ein europäisches
wie Beethoven und noch umfänglicher Mozart es war. Die Ahnung, _daß
Europa eins werden will_, fehlt in ihm, während Wagner, trotz seiner
Mißverständnisse über sich selbst, mit der französischen Spätromantik
innigst zusammenhängt, ja dessen Gestalt des Siegfried so frei,
hart, wohlgemut gesund ist, daß hier der Geschmack alter mürber
Kulturvölker im Rückstand bleibt. Wer sich diese hohe Einschätzung des
»antikatholisch« empfundenen Siegfried in der Tiefe zu eigen macht,
für den bedarf es keiner Erklärung, warum für Nietzsche der Wagner des
»Parsifal« als Feind einer südländischen überdeutschen Musik gelten
mußte.
Die Musik, die Nietzsche ersehnt, will Herr werden über das Chaos,
das man ist, will es zwingen _Form_ zu werden: logisch, einfach,
unzweideutig. Ihr großer Stil muß _männlich_ sein und dem Weibe in
unserer Musik widersprechen. Um Klassiker zu sein, muß man alle
starken, anscheinend widerspruchsvollen Gaben und Begierden haben, aber
so, daß sie miteinander unter einem Joch gehen, muß man Immoralist
sein, ein schließender und vorwärts führender Geist, Ja-sagend in allen
Fällen, selbst mit seinem Haß.
Was Nietzsche eigentlich von der Musik will -- es steht bereits vor
uns --, das hat er im »~Ecce homo~« nochmals deutlich ausgesprochen.
Er will, daß sie heiter und tief ist, wie ein Nachmittag im Oktober,
daß sie eigen, ausgelassen, zärtlich, ein kleines süßes Weib von
Niedertracht und Anmut ist.
Darum wurde _Bizets_ Carmen von Nietzsche voll gewürdigt, lange bevor
sie ihren Weg in Deutschland von Bühne zu Bühne fand, während sie
Wagner bekanntlich ablehnte. Bei Bizet begegnete er der Musik, die
»für die geborenen Mittelländer, die guten Europäer geschaffen ist«,
denn sie hat ein Stück Süden der Musik entdeckt. Hier findet er als
Halkyonier ~la gaya scienza~, die leichten Füße, Witz, Feuer, Anmut,
den Tanz der Sterne, die übermütige Geistigkeit, die Lichtschauder
des Südens. Hier redet zu ihm eine andere Sinnlichkeit, eine andere
Sensibilität, eine andere Heiterkeit. Wo immer er einer solchen
Empfindungsweise begegnet in italienischen und spanischen Klängen, bei
Audran, bei Offenbach, bei Rossaro, bei Vilbac, jubelt sein Herz auf.
Immer wieder will er mit den »schweren heißen Südwinden Carmens den
Wasserdampf des Wagnerschen Ideals bannen«.
Neben Bizet blieb er vor allem _Chopin_ wohlgesinnt. Dessen Vornehmheit
gemahnte ihn an van Dyck. Fast alle Zustände und Lebensweisen haben
einen _seligen_ Moment. Chopin habe einen solchen seligen Moment des
Lebens am Strande in seiner Barkarole so zum Ertönen gebracht, daß
selbst Götter dabei gelüsten könnte, lange Sommerabende in einem Kahne
zu liegen.
Nietzsches Erwartung, daß sein Maestro Pietro Gasti jene Musik, die ihm
für die kommende Zeit vorschwebte, schaffen und ihr die Welt erobern
werde, hat sich nicht erfüllt. Dafür reichte Gasts Schöpferkraft
nicht aus. Aber aus dem Schaffen eines anderen Tondichters, dessen
Entfaltung Nietzsche leider nicht mehr erlebte, können wir recht wohl
eine Vorstellung der Musik im Sinne Nietzsches gewinnen. Man errät
wohl, wen ich meine: _Hugo Wolf_. Wie Wolf in seiner Überzeugung,
daß mit Wagner eine Höhe erreicht ist, die zu überschreiten nicht
unsere Aufgabe sei, mit Nietzsche übereinstimmte, dafür aber die
Verbindung mit Mozart wiederhergestellt werden müsse, wie er Carmen
ganz im Sinne Nietzsches begrüßte und Brahms ganz im Sinne Nietzsches
ablehnte, so war er selbst, getragen von seiner Begeisterung für
Nietzsche, bestrebt, die Musik in die Bahnen zu lenken, die dieser ihr
vorausbestimmte. Stolze, siegbewußte Musik, die nicht mit dem Hut in
der Hand um den Beifall eines sensationslüsternen Publikums bettelt,
noch dessen Ermattung durch Nervenerschütterung zu überwinden strebt.
Stolze, siegbewußte Musik, die aus der Freude an sich selbst und an
der Schönheit des Lebens ihre eigene klangfrohe Sprache redet, die in
plastischen Themen schärfste Charakteristik mit edelstem Wohlklang
verbindet, indem sie sich »der Vollkommenheit im kleinsten befleißigt«,
die »nur die Traurigkeit des tiefsten Glückes kennt und sonst keine
Traurigkeit« (man denke an den Zwiegesang aus dem Corregidor: »In
solchen Abendfeierstunden«), der das gute Gewissen im Herzen und der
Schelm im Nacken sitzt, die klangfroh »zu jubeln versteht«.
Veranschaulichen wir uns durch Nietzsches Urteile über die ältere
und neuere Musik, was er in ihr als nordländisch ablehnte, und
gewinnen wir durch Wolf die Vorstellung wie die Musik der Zukunft
nach Nietzsche beschaffen sein muß, um einer halkyonisch gearteten
Kultur zu entsprechen, dann verstehen wir, daß es durchaus seiner
Natur, aber auch seiner Philosophie entsprach, der Wirkung Wagners
entgegenzuarbeiten und durch sein Pamphlet »Der Fall Wagner« den
überwältigenden Zauber zu bekämpfen, den sie zu Nietzsches Leidwesen
auch auf jene ausübt, die er berufen erachtet, die Bahnen zu wandeln,
die zu der zukünftigen Kultur hinüberleiten.
Der Pamphletist
In der Liebe ... wird die Seele Sklave, und man bringt
nur zu oft das Opfer seiner selbst, d. h. das, welches
man nicht bringen darf.
_Malwida von Meysenbug._
In Sorrent sagte Nietzsche einmal -- es war im Jahre 1878 -- zu
Freiherrn von Seydlitz, dessen Begeisterung für Wagner er damals noch
billigte: »Der Himmel behüte uns, daß wir nie in Versuchung geraten,
Pasquille über unsre Freunde zu schreiben; Stoff gäbe es freilich
da mehr als bei Gegnern; aber eben deswegen --!« Dieser Ausspruch
verrät uns, daß Nietzsche sich Zwang antun mußte, um als aufrichtiger
Psychologe sich nicht allzu freimütig zu äußern. Damals galt ihm eine
solche Zurückhaltung noch als Pflicht, zehn Jahre später sah er darin
Mangel an Mut. »Auch der Mutigste von uns hat nur selten den Mut zu
dem, was er eigentlich _weiß_ ...«
Da dieser Wagemut bei Nietzsche -- das hat uns wohl sein
Entwicklungsgang klar bewiesen -- fortgesetzt wuchs, kam er dazu --
nicht ein Pasquill gegen seinen freund-feindlichen Gegner, denn ein
Pasquill hat stets die Person zum Ziel, wohl aber ein Pamphlet gegen
Wagners Wirkung zu schreiben. »Alles, was auf Ehrfurcht sich gründet,
bedarf, um bekämpft zu werden, seitens des Angreifenden eine gewisse
verwegene, rücksichtslose, selbst schamlose Gesinnung ...«, erklärte
er ohne jede Beschönigung. Hieraus verstehen wir, daß er selbst seine
Schrift »_Der Fall Wagner_« ein Pamphlet nannte und offen bekundete,
daß er auf dieses »Pamphlet gegen Wagner« stolz sei. Er war überzeugt,
daß es nicht möglich sei, »so entschiedene Dinge deutlicher _und_
delikater zu sagen«, als es in dieser »übermütigen Farce« geschah. Er
war sich voll bewußt, daß der Stil dieses Werkes -- die _Absicht_ einer
Schrift bestimmte für ihn deren Stil -- seiner früheren Schreibweise
nicht ähnlich sieht, sondern daß ein ~allegro feroce~ der Leidenschaft
an Stelle der raffinierten Neutralität und zögernden Vorwärtsbewegung
getreten ist.
Aber auch ein persönlicher Notstand wirkte sich aus, den wir nicht
übersehen dürfen. Die »tote stupide Einsamkeit«, in der er sich befand,
erforderte eine Ablenkung, denn er fühlte sich damals zuweilen auf eine
unbeschreibliche Weise melancholisch. Gegen diesen Exzeß des Gefühls
kämpfte er durch den leidenschaftlichen Stil seiner Schriften in der
Turiner Zeit von 1888 mit aller Macht an. Die Leidenschaft _betäubt_.
»Jetzt eben wird ein kleines Pamphlet musikalischen Inhalts gedruckt,
das von der heitersten Laune eingegeben scheint: auch die Heiterkeit
betäubt. Sie tut mir wohl, sie macht vergessen. Ich lache wirklich sehr
viel bei solchen Erzeugnissen --.«