Prestissimo im Tempo kein Zeichen der Stärke. Sie entspringt allzusehr
der Reaktivität und gibt ihre Kräfte teils in zweckloser Aneignung,
teils in zielloser Abwehr aus. Dadurch erfolgt eine tiefe Schwächung
der Spontaneität. Auch die extreme Bewußtheit des modernen Menschen,
die Selbstdurchschauung, Selbstzergliederung sind Zeichen einer
ungeheueren Dekadence; denn starke Rassen, starke Naturen sind
nicht auf das unbegrenzte Begreifen, noch auf die bloße Spiegelung
eingestellt, ihre Kraft liegt im Unbewußten. Die moderne Toleranz
ist Unfähigkeit zu Ja und Nein, die moderne Objektivität Mangel an
Person, Mangel an Wille, Unfähigkeit zur Liebe. Nicht die Verderbnis
des Menschen, sondern seine Verzärtelung und Vermoralisierung sind der
Fluch, wie uns die allgemeine Verdüsterung beweist.
Und doch gelangt Nietzsche bereits im ersten Buch des »Willens zur
Macht« -- vorausgesetzt, daß die Anordnung seinen letzten Absichten
entspricht -- dazu, hoffnungsvoll auf Anzeichen der Erstarkung
auszublicken. Die Gesundheit nimmt zu, die wirklichen Bedingungen des
starken Leibes werden heute besser erkannt und allmählich geschaffen,
die frühere Rangordnung wird umgekehrt, nicht mehr die Priester,
sondern die Immoralisten als Fürsprecher des Lebens bestimmen die
Wegrichtung, eine freudigere wohlwollendere Goethischere Stellung zur
Sinnlichkeit wurde erreicht, unser Verhältnis zur Erkenntnis, zur
Moral, zur Politik, zur Kunst, zur Natur selbst ist _natürlicher_
geworden. Es gibt Anzeichen dafür, daß man sich weniger als früher
seiner Instinkte schämt und diese »Verböserung« als etwas Höheres
empfindet. Die Zivilisation als Tierzähmung des Menschen verliert an
Einfluß zugunsten der Kultur, die eine Entwicklung der Willenskraft für
ihr Wachstum voraussetzt.
Das zweite Buch des »Willens zur Macht« beginnt mit einer Kritik der
Religion. Außer Stirner hat kein Philosoph mit solchem Radikalismus
alle mit großen Worten gepriesenen Idealvorstellungen, all die
Schönheit und Erhabenheit, die wir den wirklichen und eingebildeten
Dingen geliehen haben, als Eigentum und Erzeugnisse der Menschen
zurückgefordert.
Wenn wir heute jemanden fragen, wie kommt es, daß wir dies oder jenes
vermögen, und er erwidert: kraft eines Vermögens, so erscheint uns
diese Antwort lächerlich. Aber wenn wir auf die Frage, was die Ursache
sei, daß wir denken und fühlen, die Antwort hören: der Geist, die
Seele, so ist diese Erklärung, weil sie uns mit einem Wort anderen
Stammes dient, deshalb nicht weniger naiv. Nach dieser Methode aber
verfährt der Christ, wenn er die Hoffnung, die Ruhe, das Gefühl der
Erlösung usf. auf ein Inspirieren Gottes zurückführt. Er wagt es
nicht, sich selbst als Ursache starker Affekte, noch des Gefühles der
Macht zu setzen; er setzt dafür eine _stärkere_ Person, eine Gottheit
ein. Diese psychologische Logik haben Moralisten und Philosophen eben
so ausgenutzt wie die Priester. Immer handelt es sich dabei um eine
nihilistische Verminderung des Lebens.
Fragen wir uns ohne alle Voreingenommenheit: inwiefern nützt die aus
dem Christentum erstandene Moral dem Leben, inwiefern schadet sie ihm?
Ohne Zweifel hält sie den maßlosen Menschen, der der Selbstbeherrschung
unfähig ist, in Zaum. Das ist ihr Segen. Aber was tut sie andererseits?
Sie untergräbt den Genuß des Lebens, die Dankbarkeit gegen das Leben;
sie wirkt seiner Verschönerung, seiner Veredelung auch seiner ehrlichen
Erkenntnis entgegen. In eins zusammengefaßt: die Moral hemmt die
Entfaltung des Lebens. Und da das Leben Willen zur Macht ist, da es --
wohl uns, daß es so ist! -- die _höchste_ Erscheinung zu verwirklichen
strebt im höheren Menschen der eigenen Wertsetzung, tritt Nietzsche
immer wieder der Gemeingültigkeit der christlichen Moral entgegen. Sie
selbst verfährt geradeso unmoralisch wie jedwedes Ding auf Erden. Der
höhere Mensch darf sich nicht verleiten lassen, ihr das rangbestimmende
Gesetz seines Wesens unterzuordnen. Er begeht ein psychologisches
Verbrechen, wenn er Unlust und Unglück in Unrecht und Schuld umfälscht,
starke Lustgefühle als sündhaft verlästert, sich entpersönlichen
läßt; denn sein Höchstes ist: der Mut zu sich selbst, die Liebe zur
unidealisierten Natur und Wirklichkeit.
Die _Herkunft_ der Moral wurde von Nietzsche bereits in der »Genealogie
der Moral« in genialer Weise neu erkannt, die _Prüfung_ ihrer
Wertschätzungen unternahm er, bis ins einzelnste vordringend, im
»Willen zur Macht«. Das Wort »Ideal« wird von Nietzsche in zweierlei
Bedeutung angewandt, die wir streng auseinanderhalten müssen. Wo es
Sinn und Ziel bezeichnet, die der Einzelne auf Grund seines Wesens
sich setzt, wo es auf das Bild hinweist, das seinem Selbst vorschwebt,
bekennt sich Nietzsche nach wie vor zu ihm; aber insofern es nur ein
Produkt der »Wünschbarkeiten« ist, die Religion und Moral heilig
gesprochen haben, wird es von ihm seines Zaubers entkleidet. Jenes
Ideal bestimmt den Weg zum Wachstum, zu einem höheren Typus Mensch,
dieses bedeutet die Wahnvorstellung einer abstrakten Vollkommenheit.
Jenes führt zur Selbstbejahung, dieses zur Selbstverneinung. Mit
jenem lebt man in positiven, mit diesem in negativen Gefühlen. Nie
soll man _sein_ Ideal als _das_ Ideal wahllos verallgemeinern wollen.
So bestimmte es Goethes hohe Selbsteinschätzung, so auch Nietzsches
aristokratischer Radikalismus. Denn damit hebt man die natürliche
Rangordnung der Geister auf.
Der Starke anerkennt, daß Gut und Böse sich gegenseitig bedingen,
genau so wie Lust und Schmerz sich komplimentär ergänzen; sein Ideal
der Tüchtigkeit umschließt den _ganzen_ Menschen. Der Schwache dagegen
will nur das Gute gelten lassen, wie er das Glücksgefühl auch ohne
die notwendige Voraussetzung eines Gegensatzes für möglich hält; sein
Ideal der Tugendhaftigkeit begnügt sich mit dem _halben_ Menschen.
Tugendhaftigkeit in seinem Sinne entmannt den Menschen.
Wir Immoralisten, so lernen wir mit Nietzsche verkünden, wollen nicht
die Macht der Moral vernichten, aber wir wollen Herr über sie werden;
denn der wirkliche Mensch stellt einen viel höheren Wert in unseren
Augen dar, als der »wünschbare« irgendeines seitherigen Ideals.
Vielleicht gelangen wir durch Nietzsche dazu, den Willen zur Macht auf
eine _Lust am Schaffen_ als seinen Ursprung zurückzuführen, obwohl sich
diese immer nur an dem Quantum gesteigerter und organischer Macht mißt,
also an der Erhöhung des Lebensgefühls. Vielleicht, denn »erst die
Unschuld des Werdens gibt uns den größten Mut und die größte Freiheit«
und lehrt uns »die Welt als ein sich selbst gebärendes Kunstwerk«
betrachten.
Versuchen wir Nietzsches Philosophie unter dieser Optik zu schauen.
Der Egoismus des Künstlers ist der Trieb nach seinem Material. Der
Künstlerwille, der am Typus Mensch arbeitet, sieht die niedere Art
als Unterbau an, auf der eine höhere erst stehen kann. Damit jedoch
Wesen von höchstem Werte wirklich erstehen, müssen günstige Zufälle
zu Hilfe kommen. Was der künstlerische Erzieher von sich aus zu
steigern vermag, das ist: Mut, Einsicht, Härte, Unabhängigkeit,
Gefühl der Verantwortlichkeit. Auch ein göttliches Jasagen zu
sich aus animaler Fülle und Vollkommenheit. Und ferner, nein zu
allererst: _die Achtung vor sich selbst_. Dann wird er die Wehr- und
Waffentüchtigkeit auch im Geistigen zu wahren wissen. Der Künstler am
Menschen verlangt die Herrschaft über die Leidenschaften, nicht deren
Schwächung oder Ausrottung. Denn der große Mensch ist groß durch den
Freiheits-Spielraum seiner Begierden. Höher als: Du sollst! steht: Ich
will! Höher als ich will, steht: Ich bin!
Es ist ein großer Irrtum, in diesem Ideal eine Steigerung dessen zu
sehen, was man bisher einen freien Geist nannte, denn diese Freiheit
strebte in die Breite; der heroische Künstler-Tyrann aber will den
Menschen ins Hohe statt ins Bequeme und Mittlere züchten, er ist im
Verkehr mit Menschen immer darauf aus, etwas aus ihnen zu _machen_.
Aus Liebe? Ja! Aber nicht aus sklavischer Liebe, sondern aus jener
göttlichen Liebe, welche zugleich verachtet und liebt und das Geliebte
umschafft, hinaufträgt.
Der wahre »königliche Philosoph« ist ein solcher Künstler am
Menschen, ein Gesetzgeber solcher Wertbestimmungen, ein Befehlender,
ein Schaffender; denn alles Wissen ist ihm nur ein Mittel zum
Schaffen. Dazu aber taugt keine Schwäche-Moral, sondern nur eine
leiblich-geistige Disziplin, welche stark macht. Ein solcher Philosoph
ist einsam, nicht weil er allein sein _will_, sondern weil er nicht
seinesgleichen findet. »~Les aigles ne volent point en compagnie~«,
sagte Galiani. Er hat es schwer, sich _oben_ zu erhalten inmitten der
niederziehenden gefährlichen Stromschnellen der Zeit. Er darf mit
weit größerem Rechte von sich sagen, als es Christian _Morgenstern_
so witzig bemerkte: »Ich möchte nicht leben, wenn _Ich_ nicht lebte«;
denn er hat nur sich und seinen Schaffenswillen, verbunden mit der
Hoffnung, daß es an der Zeit ist: im großen Stil die widersinnliche
Moral des latenten Christentums zu überwinden, diesen Todfeind der
Höhensteigerung des Menschen. »Macht ist an sich böse.« Dieses Wort
_Schlossers_ sollte die Macht verurteilen. »Macht ist an sich böse.« So
klingt es auch aus Nietzsche uns entgegen, aber als _Rechtfertigung_
des Bösen. »Der mächtigste Mensch, der Schaffende müßte der böseste
sein, insofern er sein Ideal an allen Menschen durchsetzt _gegen_
ihre Ideale und sie zu seinem Bilde umschafft. Böse heißt hier: hart,
schmerzhaft, aufgezwungen.« Die theoretische Philosophie gelangt zu der
Erkenntnis: »es ist alles _nur_ subjektiv«. Auch Nietzsche urteilt nach
dieser Erkenntnis, aber sie gewinnt bei ihm einen helleren Klang, eine
freudigere Farbe, sie lautet bei ihm: »es ist auch _unser_ Werk! --
seien wir stolz darauf«!
Der »Wille zur Macht« zeigt uns im Entwurf, wie sich Nietzsche seine
Philosophie der Zukunft dachte. Nur der eigene Wunsch, die eigene
Unentschiedenheit ist der Vater des Gedankens bei jenen, die da
glauben, Nietzsche wäre bei längerem Leben und Schaffen am Ende doch
wieder zum Christentum zurückgekehrt. Nichts, aber auch rein gar nichts
weist auf diese Möglichkeit hin. Er fühlte und dachte hellenisch und
ist diesem Gefühl treu geblieben. Will man seine Philosophie auf eine
konzentrierte Formel bringen, so darf man sagen: _Der Sinn der Welt
liegt im Werden, der Sinn des Lebens liegt im Werten._ Wir kennen
keine »wahre Welt« des Seins als Gegensatz einer Welt des Scheins.
Jene würde eine Welt ohne Aktion und Reaktion bedeuten, aber die Welt,
die wir lebend erfühlen und erkennen, ist fortdauernd das Ergebnis von
Betätigung und Widerstand im Lichte _unseres_ Schätzens und Wertens.
Und wahrlich mit dieser Erkenntnis läßt sich tapfer leben, mit ihr
kann man »allen Gewalten zum Trotz, sich erhalten«. Und nicht nur sich
erhalten, sondern wachsen und sich entfalten.
Der Anti-Christ
Weder zu Lande noch zu Wasser wirst du den Weg zu den
Hyperboreern finden.
_Pindar._
Die Vorstellung eines sagenhaften Volkes, von dem nicht zu sagen sei,
wo es lebe, griff Nietzsche auf, um sein Jenseits aller modernen Ideen
zu charakterisieren. Ein Jenseits des Nordens, des Eises, des Todes ...
ein Jenseits aller Rachegefühle und Ressentiments, ein Diesseits des zu
züchtenden höheren Typus Mensch, gegen welchen das Christentum, indem
es alle Grundinstinkte in Bann tat und die Partei alles Schwachen,
Niedrigen, Mißratenen nahm, einen Todkrieg führte.
Gegen diesen Todfeind seines Hyperboreer-Ideals hat Nietzsche zu einem
heftigen Schlag ausgeholt in seiner leidenschaftlichen Schrift »_Der
Antichrist_, Versuch einer Kritik des Christentums«, die 1888 entstand
als erstes Buch der »_Umwertung aller Werte_« und hauptsächlich den
Entwürfen zum »Willen zur Macht« entnommen wurde. Gegen diesen Todfeind
hat Nietzsche die Erhaltungs-Instinkte des starken Lebens verteidigt.
Von sonnenbeleuchteter Höhe aus gesehen, erscheint ihm das Christentum
als Multiplikator des Elends, als Konservator alles Elenden. Denn durch
seine Mitleids-Moral wirkt die Depression, die das Leiden hervorruft,
ansteckend und verführt nihilistisch zur Verneinung des Lebens, weil
sie ihm einen düsteren und fragwürdigen Aspekt gibt.
Es erhält, was zum Untergange reif ist; es kreuzt dadurch das Gesetz
der Entwicklung, das auf dem Gesetz der _Selektion_ beruht, und bedroht
um der Schwachen und Matten willen alles Starke und Lebensfreudige. In
unerschrockener Entschlossenheit spricht Nietzsche es aus: »Hier Arzt
sein, hier unerbittlich sein, hier das Messer führen -- das gehört zu
uns, das ist unsre Art Menschenliebe, damit sind _wir_ Philosophen,
wir _Hyperboreer_!«
Mit dem »Antichrist« erklärte er vollbewußt den Krieg allem, »was
Theologenblut im Leibe hat«, also auch der ganzen vom offensichtigen
und verborgenen Christentum beeinflußten Philosophie und ihren Idealen.
Hierbei fällt uns Flauberts Ausspruch ein: »Was die Philosophie
geleistet hat? Nichts, sie hat von Jahrhunderten zu Jahrhunderten Gott
größer gemacht.«
Nicht gegen Mißbräuche und Entgleisungen innerhalb des kirchlichen
Christentums, sondern zunächst wider die höchsten Vertreter einer
christlich orientierten Lebensauffassung richtet Nietzsche seine
Waffen. Der Mut zum extremsten Ausdruck steigert sich ins Maßlose;
kein mildernd vermittelndes Wort will die Halbheit, irgendwelche Art
von Halbheit, zu sich hinüberziehen, sondern er wagt es allein -- noch
sind ihm keine Mitstreiter geboren -- den Kampf aufzunehmen: »Dies Buch
gehört den Wenigsten. Vielleicht lebt selbst noch keiner von ihnen.«
Wer dem Glauben an ein Jenseits, Gott, oder das wahre Leben, oder
Nirvana, Erlösung, Seligkeit ... anhängt, wer nach Unterwerfung
seines schöpferischen Willens, seiner Persönlichkeit unter irgendein
Abstraktum verlangt um des »Friedens der Seele« willen, wer aus
Ohnmacht auf die männlichsten Tugenden und Triebe verzichtet und sich
zum »Guten an sich« bekennt, aus dem alles Starke, Tapfere, Herrische,
Stolze ausgeschieden wurde, wer immer offen oder geheim einen Gott
glaubt, der dem Leben widerspricht, wer also das Nichts vergöttlicht,
den Willen zum Nichts heilig spricht: der segelt auf anderen Gewässern
als jenen, die zum Lande der Hyperboreer führen.
Nietzsche unterscheidet streng zwischen dem Christentum als
historischer Realität und der Person seines Stifters. Was hat
_Christus_ verneint? »Alles, was heute christlich heißt«, antwortet
Nietzsche. »Christlich ist die vollkommene Gleichgültigkeit gegen
Dogmen, Kultus, Priester, Kirche, Theologie.«
Die Innerlichkeitslehre Christi wird von Nietzsche mit entschiedener
Achtung betont. Das _Himmelreich_ ist ein Zustand des Herzens. Jesus
gebietet: Man soll dem, der böse gegen uns ist, weder durch die Tat
noch im Herzen Widerstand leisten. Man soll sich gegen niemanden
erzürnen, man soll niemanden gering schätzen. Man soll nicht richten.
Man soll sich versöhnen, man soll vergeben. Die »Seligkeit« ist nichts
Verheißenes: sie ist da, wenn man so und so lebt und handelt. Aber
durch _Paulus_ wurde dieser naive Ansatz zu einer buddhistischen
Friedensbewegung zu einer heidnischen Mysterienlehre umgedreht, so daß
sich das Christentum endlich -- ganz und gar im Gegensatz zum Willen
seines Stifters -- mit der ganzen staatlichen Organisation vertragen
lernt ... und Kriege führt, verurteilt, foltert, schwört, haßt. Erst
das paulinische Christentum brachte den Begriff Schuld und Sühne in den
Vordergrund. Nur gegen dieses ist der »Antichrist« gerichtet.
Das Urchristentum, so gut wie der verwandte Buddhismus stehen als
nihilistische Religionen der Lebensbejahung fern, aber Nietzsche achtet
an ihnen, daß sie nicht »Kampf gegen die Sünde« lehren, sondern, der
Wirklichkeit das Recht gebend, »Kampf gegen das Leiden«. Buddha ging
gegen psychologische Folgen übergroßer Reizbarkeit der Sensibilität
und verhängnisvoller Übergeistigung, die sich als Depression geltend
machten, _hygienisch_ vor. Seine entschiedene Abneigung gegen jedes
Rachegefühl (»Nicht durch Feindschaft kommt Feindschaft zu Ende«)
ließ ihn in einem milden Klima unter sanftmütigen und liberal
gesinnten Menschen das selbe Ziel anstreben, das Nietzsche unter
anderen Voraussetzungen, anderen Möglichkeiten auf anders geartete
Weise zu erlangen trachtet: die Überwindung der unterbewußten
Unzufriedenheit des Menschen mit sich selbst und als Siegeskranz
dafür: die Heiterkeit. Das paulinische Christentum aber hatte, als es
unter Barbarenvölkern auf Macht ausging, nicht _müde_ Menschen vor
sich, sondern innerlich verwilderte und sich zerfleischende, also
starke Menschen, aber mißratene; es wollte über Raubtiere Herr werden,
und sein Mittel dazu ist, sie krank zu machen zwecks Schwächung und
Zähmung. Das paulinische Christentum gilt für Nietzsche nicht als
eine Gegenbewegung gegen den jüdischen Instinkt, sondern als dessen
Folgerichtigkeit, als einen Schluß weiter in dessen furchteinflößender
Logik.
Auch Heinrich _Heine_ gelangte zu der Überzeugung, wenn auch aus
anderen Erwägungen, nicht Judentum und Christentum seien Gegensätze,
sondern der Gegensatz liege zwischen jüdisch-christlicher Moral und
hellenischer Gesinnung. Was ist jüdische, was ist christliche Moral?
frägt Nietzsche in einem Atem und antwortet: »Den Zufall um seine
Unschuld gebracht; das Unglück mit dem Begriff ›Sünde‹ beschmutzt;
das Wohlbefinden als Gefahr, als Versuchung; das physiologische
Übelbefinden mit dem Gewissenswurm vergiftet ...«
Als Antichrist kämpft Nietzsche in seinem also betitelten Werk
gegen die _Entnatürlichung_ des Menschen, gegen die Verlästerung
und Schwächung der animalischen Triebe, gegen den Pessimismus der
Moral, den Nihilismus der Gesinnung, gegen die Flucht ins Unfaßliche
und Unbegreifliche, wie es seine gesamte Philosophie tut, nur daß
diesmal der mächtigste, verhängnisvollste Feind der Freude am Dasein
in Unschuld, an der Bejahung des Lebens, an Wohlgeratenheit des
höheren Menschen und an der Steigerung des Lebens aus schöpferischer
Willensmacht unmittelbarer, entschiedener, extremer im Ausdruck
bekämpft wird.
Gegen das Vergangene ist Nietzsche, gleich allen Erkennenden, mit
großmütiger Selbstbezwingung tolerant; er will die Menschheit nicht für
ihre Krankheiten und Irrtümer verantwortlich machen, aber die Feigheit
jener geißelt er um so heftiger, die heute, obwohl wissend geworden,
sich und andere belügen, indem sie die Worte Jenseits, Jüngstes
Gericht, Unsterblichkeit der Seele noch immer im Munde führen, trotzdem
ihr Instinkt und ihre Vernunft dem widersprechen.
Das echte ursprüngliche Christentum dagegen gilt Nietzsche auch heute
noch möglich, für gewisse Menschen sogar notwendig, denn es bedeutet
für sie nicht ein Glauben, sondern ein Tun, ein Vieles-_nicht_-tun, vor
allem ein anderes Sein. Christus konnte mit seinem Tode nichts wollen,
als öffentlich die stärkste Probe, den Beweis seiner Lehre zu geben,
die Lehre von der Überlegenheit über jedes Gefühl von Feindschaft in
lieblicher Ruhe des Herzens. Aber gerade das am meisten unevangelische
Gefühl der Rache kam wieder obenauf. Man brauchte Vergeltung, Gericht.
»Der _frohen Botschaft_ folgte auf dem Fuße die allerschlimmste: die
des Paulus.«
Das paulinische Christentum hat jedem Ehrfurchts- und Distanzgefühl
zwischen Mensch und Mensch einen Todkrieg bereitet; es hat Waffen
geschmiedet gegen alles Vornehme, Frohe, Hochherzige auf Erden, gegen
_unser_ Glück auf Erden. Der Aristokratismus der Gesinnung wurde
durch die Seelen-Gleichheits-Lüge am unterirdischsten untergraben,
_christliche_ Werturteile sind es, welche jede Revolution bloß in
Blut und Verbrechen übersetzt. »Das Evangelium der Niedrigen -- macht
niedrig«, lehrt Nietzsche und kommt zu dem Schluß: »Der Anarchist und
der Christ sind einer Herkunft.«
Man sehe den »Antichrist« unter dieser Optik, um zu verstehen, daß
Nietzsche nicht Christus, diese edelste Erscheinung, bekämpft, sondern
Paulus, sondern das historische Christentum, welches das Altertum
besiegte und dessen unmittelbare Fortwirkung auf zwei Jahrtausende
unterbrach. »Das Christentum war ein Sieg, eine vornehme Gesinnung
ging an ihm zugrunde -- das Christentum war bisher das größte Unglück
der Menschheit.«
Immer haben wir solche Worte im Hinblick auf das Ziel der Steigerung
des Lebens, des Wachstums der Kultur zu verstehen, niemals von der
Frage aus nach dem Labsal, das es Niedergedrückten, Trostbedürftigen
bedeutet. Nicht diesen, wir müssen es nochmals wiederholen, sondern
den freieren, höheren Menschen will der unerschrockene Kritiker des
Christentums dieses verächtlich machen, indem er die Bibel zu ihrem
Nachteil mit dem vornehmen Gesetzbuch des _Manu_ vergleicht, auf dem
die Sonne eines triumphierenden Wohlgefühls an sich und am Leben liegt.
Daß vom »Antichrist« nicht mit voller Macht die Wirkung ausgeht, die
man bei einer solchen Streitschrift Nietzsches erwartet, erklärt
sich weniger aus dem Widerstand der dogmatischen Gläubigen als
aus dem Umstand, daß das _latente_ Christentum in uns allen noch
ungemein bestimmend wirkt, vielleicht aber auch aus der Fassung der
Streitschrift selbst. Auch der Atheist fühlt dem Christentum gegenüber
Ehrfurcht vermöge seiner Kindheitserinnerungen und schätzt es als
Banner im Kampfe gegen den Materialismus gemeiner Interessen. Er
will es souverän überwinden, aber die Heftigkeit der Angriffe, der
maßlose Ansturm des Affekts läßt in ihm die Empfindung aufkommen,
als ob hier die »Entrüstung« den Ton bestimme. Mit Unrecht, denn
kein unterbewußter Groll, sondern die Größe seiner Aufgabe ließ den
unerschrockenen Antichristen seine volle Energie entfalten, kein Unmut,
sondern der Übermut der Kampfesfreude entfesselte alle Kräfte. Wie die
beiden ersten Teile des »Zarathustra« in den Farben, als persönliche
Gegenwirkung gegen Qual und Wirrsal seines Gemüts, »heiterer und
lustiger« ausgefallen sind, als es in Nietzsches Absicht lag, so hat
umgekehrt die _Euphorie_ der letzten Jahre in Turin auf den rigorosen
Ernst, der dort entstandenen Schriften (»Grobe Briefe -- bei mir
ein Zeichen der Heiterkeit«) auf die Heftigkeit des Tones, auf die
Grellheit der Farben eingewirkt.