Wir alle nennen _gut_, was uns nützt und unsere Ziele fördert. Wie

aber nennen wir, was uns schädigt und unseren Zielen entgegenwirkt?

_Schlecht_ oder _böse_? Die einen nennen es schlecht, die andern nennen

es _böse_. Wer nennt es schlecht? Die Herrschenden. Wer nennt es

böse? Die Beherrschten. Also gibt es zweierlei Moral. Eine Moral der

Mächtigen und eine Moral der Ohnmächtigen. »Es gibt _Herren-Moral_ und

_Sklaven-Moral_.«

Allerdings in allen höheren und gemischteren Kulturen, auch sogar im

selben Menschen besteht das Nebeneinander und Durcheinander beider

Moralen. Wo die Herrschenden die Werte bestimmten, hat auch der Begriff

»gut« eine andere Bedeutung als bei den Beherrschten. Dort heißen gut

die erhobenen stolzen Zustände der Seele, welche als das Auszeichnende

und die Rangordnung Bestimmende empfunden werden. Hier dagegen werden

gut die Eigenschaften benannt und mit Licht übergossen, welche dazu

dienen, Leidenden das Dasein zu erleichtern. Dort bestimmt das Gefühl

der Fülle, der Macht, der Selbstbeherrschung, der Vornehmheit und

Tapferkeit, der Glaube an sich selbst und der Stolz auf sich selbst

im Vordergrunde die Schätzung. Hier dagegen führt der pessimistische

Argwohn gegen die ganze Lage des Menschen zur Verherrlichung des

Mitleidens, des warmen Herzens, der Geduld, des Fleißes, der Demut und

Bescheidenheit, der Freundlichkeit, der Selbstlosigkeit.

Besinnen wir uns einen Augenblick, so werden wir sofort zu

der Erkenntnis gelangen, daß wir Tugenden, die sich um die

Selbstherrlichkeit gruppieren, zwar _ethisch_ hoch einschätzen,

daß wir jedoch längst gewohnt sind, als _moralisch_ nur solche

Eigenschaften zu benennen, die den Kreis um die Selbstlosigkeit

schließen. Die populäre Sprache und Denkweise kennt daher nicht

zweierlei Moral, sondern sie spricht nur von der _einen_ Moral, die

voran das Mitleiden und die passiven Tugenden höher einschätzt, als die

harte Konsequenz, welche die kulturelle Rangordnung zur Erhaltung und

Steigerung des Lebens fordert.

Nietzsche war somit voll berechtigt, sich, als Werte setzender

Philosoph, der seine Hoffnungen für die Zukunft auf eine männliche

Kultur richtete und nicht im Banne jener »Moral« genannten

Einschätzungen stand, sondern jenseits ihrer Wertungen von Gut und Böse

beharrte, einen _Immoralisten_ zu nennen. Man hat es beklagt (besonders

geschah es durch seine Schwester), daß Nietzsche nicht statt dessen

»Amoralist« schrieb, weil er durch das Wort Immoralist Mißverständnisse

erzeugt habe. Aber das hieße, seinem Radikalismus die Spitze abbrechen.

Amoralisch werten wir dort, wo wir sowohl die Frage nach gut und böse,

als nach gut und schlecht im moralischen Sinne ausschalten.

Amoralisch müssen wir uns gegenüber der Kunst und der Wissenschaft

verhalten; denn ihre inneren Gesetze unterliegen nicht der Frage, was

unsere sittlichen Interessen erheischen. Als Immoralist aber urteilt

derjenige, der sich in Widerspruch setzt zu dem, was der nivellierenden

Gesellschaft im Gegensatz zu dem rangbestimmenden Individuum als Moral

gilt. Nietzsche hat es wiederholt ausgesprochen, daß er nicht davor

zurückschrecke, sich durch seine Ansichten zu kompromittieren, ja, daß

er diese Gefahr herausfordere, um nicht verwechselt zu werden; wie

hätte er also in diesem Falle zum Leisetreter werden sollen, nur weil

es bösem Willen frei stand, immoralistische Gesinnung mit dem Mangel

an Ethik zu verwechseln. Moral betrifft das Verhältnis von Mensch

zu Mensch, Ethik das Verhältnis von Mensch zu Menschheit und ihren

höchsten Zielen. Daß Nietzsche nicht die Moral in Bausch und Bogen

ablehnte, sondern nur ihre nivellierende Tendenz, die sich gegen das

Eigenartige, Seltene, Hohe richtet, wie sollten wir das verkennen, auch

wenn er es uns nicht gesagt hätte!

In dem »Wir Immoralisten« überschriebenen Aphorismus in »Jenseits von

Gut und Böse« heißt es: »Diese Welt, die _uns_ angeht, in der _wir_ zu

fürchten und zu lieben haben, diese beinahe unsichtbare unhörbare Welt

feinen Befehlens, feinen Gehorchens, eine Welt des ›Beinahe‹ in jedem

Betracht, häklisch, verfänglich, spitzig, zärtlich: ja, sie ist gut

verteidigt gegen plumpe Zuschauer und vertrauliche Neugierde!«

»_Jenseits von Gut und Böse_« sollte ursprünglich eine Art Glossarium

zu »Also sprach Zarathustra« bilden. Es wurde während der Entstehung

dieses Werkes in den Jahren 1883--85 niedergeschrieben und 1886 in

Nizza fertiggestellt. Mittlerweile hatte Nietzsche eine Überarbeitung

von »Menschliches-Allzumenschliches« in Angriff genommen. Das neue Werk

gedachte er nunmehr als dessen zweiten Band erscheinen zu lassen. Es

wurde aber als selbständiges Werk veröffentlicht, als jene Umarbeitung

unterblieb. Ein Glossarium zum »Zarathustra« ist das Werk in dem Sinne,

in dem Nietzsche seine früheren Werke als vorausgegangene Kommentare zu

seiner Dichtung bezeichnen durfte.

Es folgte, 1887 verfaßt, die Streitschrift »_Zur Genealogie der

Moral_« als umfassende Darstellung des bereits mitgeteilten Aphorismus

aus »Jenseits von Gut und Böse«, der die Theorie der Herren- und

Sklavenmoral skizzierte. Man versäume es nicht, die Vorrede zu

beachten; denn sie belehrt uns, wie bedeutsam Nietzsche bereits in

seinen früheren Schriften die Frage nach dem Werte der Moral, oder

richtiger gesagt, nach dem Unwerte der Mitleidsmoral aufwarf. Hierin

sah er von Anfang an eine gegen das Leben sich wendende Müdigkeit.

Da man den Wert der Moral als ~a priori~, als vor aller Erfahrung

gegeben erachtete, obwohl schon Lao-Tse, fünfundzwanzighundert Jahre

vor Nietzsche ihre Entstehung aus menschlichen Urteilen erkannte,

schwankte man keinen Augenblick, den »Guten« für höherwertig als den

»Bösen«, auch für die Höherentwicklung des Lebens anzusetzen. »Wie,

wenn das Umgekehrte die Wahrheit wäre? Wie? wenn im ›Guten‹ auch ein

Rückgangssymptom läge, ingleichen eine Gefahr, eine Verführung ein

Gift, ein Narkotikum, durch das etwa die Gegenwart _auf Kosten der

Zukunft_ lebte? Vielleicht behaglicher, ungefährlicher, aber auch in

kleinerem Stile, niedriger? ... So daß gerade die Moral daran schuld

wäre, wenn eine an sich mögliche _höchste Mächtigkeit und Pracht_ des

Typus Mensch niemals erreicht würde? So daß gerade die Moral die Gefahr

der Gefahren wäre? ...«

Die Frage nach der Herkunft der Moral war bei Nietzsche schon früher

durch seinen persönlichen Verkehr mit ~Dr.~ Rée angeregt worden.

Dessen Schrift »Der Ursprung der moralischen Empfindungen« wurde von

Nietzsche zwar geschätzt, aber, da sie altruistisch auf den englischen

Psychologen fußte, als antipodisch empfunden. Nietzsche versagte

es sich, sie zu widerlegen -- »was habe ich mit Widerlegungen zu

schaffen!«, sondern entschied sich, -- »wie es einem positiven Geiste

zukommt«, -- an Stelle des Unwahrscheinlichen das Wahrscheinlichere

zu setzen. Er gelangte zu der Überzeugung, daß der Begriff »gut«

ursprünglich nicht von denen herrührt, welchen Güte erwiesen wurde,

sondern daß die Vornehmen, Mächtigen selber sich als »die Guten«

galten, im Gegensatz zu allem Niedrigen und Gemeinen. Nicht von der

Frage nach dem Werte der Handlung, sondern von der Beurteilung des

Menschen selbst ging die Moral aus. Sie knüpfte also nicht von Anfang

her an unegoistische Handlungen an. Moral, »diese Zeichensprache der

Affekte«, ist kein Urphänomen, sondern etwas Gewordenes, und da nur den

Vornehmen das Herrenrecht zukam, Namen zu geben, ursprünglich etwas

ganz anderes, als was heute als Sittlichkeit gilt. Aber »die Herren

sind abgetan, die Moral des gemeinen Mannes hat gesiegt«.

Womit hat diese Revolution in den Wertschätzungen begonnen, dieser

Sklavenaufstand in der Moral? Damit, antwortet Nietzsche, daß das

_Ressentiment_ selbst schöpferisch wurde. Was bedeutet Ressentiment?

Wir müssen uns über diesen Begriff durchaus klar werden, um Nietzsche

richtig zu verstehen. Alle vornehme Wertungsweise agiert und wächst

spontan, sie sagt Ja zu sich selbst. Wo sie von außen her zur Rache

bestimmt wird, da setzt sie diese unmittelbar in die Tat um. Die

Wertungsweise der Unterdrückten aber kennt diese Spontaneität nicht.

Sie bedarf immer erst einer Gegen- und Außenwelt, um überhaupt zu

agieren. Da ihr die unmittelbare Tat als Vergeltung und Ausgleichung

versagt ist, behilft sie sich mit einer _imaginären_ Rache.

_Dieser zurückgetretene Haß, dieses unterirdische Rachegefühl_ der

Ohnmächtigen, der Minderwertigen, welches das Bild des Gegners fälscht:

_das eben ist Ressentiment_. »Alle Instinkte, welche sich nicht nach

außen entladen, wenden sich nach innen.«

Die Wohlgeratenen fühlen sich in ihrer Aktivität als die Glücklichen;

ihr Glück liegt im Lustgefühl der Betätigung; die Gedrückten, an

giftigen und feindseligen Gefühlen Schwärenden aber verstehen als

passive Naturen unter Glück: Betäubung, Ruhe, Sabbat. Dem Menschen

des Ressentiments fehlt die naive Freudigkeit, seine Seele schielt,

sein Geist liebt Schlupfwinkel, er sucht vor allem die Geborgenheit.

Ach, er kann nicht seinen unbewußten Instinkten vertrauen, sondern

er bedarf auf Schritt und Tritt der Klugheit. Ehrfurcht vor dem

Feinde? Nein, die kennt er nicht, sondern er sieht voll Mißtrauen und

vergeltungslüstern immer nur den »_bösen_ Feind«.

Voll Widerwillen ruft daher Nietzsche aus: »Man mag im besten Rechte

sein, wenn man vor der blonden Bestie auf dem Grunde der vornehmen

Rasse die Furcht nicht los wird und auf der Hut ist: aber wer möchte

nicht hundertmal lieber sich fürchten, wenn er zugleich bewundern

darf, als sich _nicht_ fürchten, aber dabei den ekelhaften Anblick

des Mißratenen, Verkleinerten, Verkümmerten, Vergifteten nicht mehr

loswerden können?«

Der geheime Rache-Instinkt der Niedrigen verschwärzt nicht nur

die Triebe der Starken, sondern er vergüldet auch die Triebe der

Schwachen. Dieses Truggold heißt ihm: Moral. Die Ohnmacht, die nicht

vergelten kann, nennt er: Güte, das Zuwarten aus Feigheit: Geduld, die

Unfähigkeit zum Kampfe: Friedfertigkeit, das Verlangen nach Schonung:

Gerechtigkeit. Sie verkünden nicht: Jedem das Seine, sondern: Gleiches

Recht für alle. Aber was begehrt ihre Gerechtigkeit? Den Sieg Gottes,

des gerechten Gottes als Fluch über die Gottlosen, die Rache an allen,

die anders fühlen, hoch und frei denken; denn nur die Gottesfürchtigen

heißen ihnen: die Gerechten.

Gewissen? Das bedeutet dem selbstherrlichen Individuum: das stolze

Wissen um seine Verantwortlichkeit. Der Mensch des Ressentiments kennt

nur das »schlechte Gewissen«. Es entspringt unterbewußten Gefühlen,

die nicht den Weg in die Freiheit fanden und daher auf Umwegen ihre

Befriedigung suchen. Nietzsche nennt es eine Krankheit, »das Leiden

des Menschen am Menschen an sich, als die Folge einer gewaltsamen

Abtrennung von der tierischen Vergangenheit«.

Das Schuldgefühl der Gläubigen, die »Sünde« und andererseits die Art

zweiter Unschuld beim Atheisten werden von hier aus von Nietzsche

geprüft. Er wendet sich gegen jede Selbst-Tierquälerei durch

lebensfeindliche Ideale und unterscheidet zwischen dem heiteren

Asketismus dessen, der seine tierischen Triebe einem höheren

vorherrschenden Instinkt unterwirft und dem düsteren Asketismus

als Verleumdung der natürlichen Triebe des Lebens. Wohl urteilt

auch die vornehme Wertungsweise, welche das Vorrecht der Wenigsten,

aber biologisch Wertvollsten gegenüber den Ansprüchen der Meisten

vertritt, ungerecht, wenn sie unter Umständen die von ihr verachtete

Sphäre verkennt; aber ihre Plötzlichkeit, ob es sich um Zorn, Liebe,

Ehrfurcht, Dankbarkeit oder Rache handelt, vollzieht sich in sofortiger

Reaktion, ihr Verhalten _vergiftet_ daher nicht.

Die schärfste Gegensätzlichkeit zwischen gesund bejahendem Instinkt

und verneinenden Trieben aus Vergeltungssucht sieht Nietzsche im Kampf

zwischen »Rom gegen Judäa, Judäa gegen Rom« und ihren Widerschein

im Gegensatz der Renaissance und der Reformation. Als Immoralist

verherrlicht er die Nachwirkung der Renaissance und verurteilt die

Reformation, welche die Kirche, die im Begriffe stand, unterzugehen,

wiederherstellte. Als Immoralist fragt er »wert wozu«; denn was der

Dauerhaftigkeit der Rassen dient, kann das Gegenteil dessen sein, was

der Erhöhung des Typus Mensch dient.

Für wen und gegen wen Nietzsche sich einstellt, darüber kann nach

alledem kein Zweifel aufkommen. Er bejaht ebenso entschieden

die Selbstherrlichkeit der wohlgeratenen Einzelnen, wie er das

unterirdische Gefühl der rachelüsternen Auflehnung der Masse und

die demokratische Nivellierung zurückweist. Aber Nietzsche ist kein

Parteimann! »Je mehr Augen, verschiedene Augen wir uns für die selbe

Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser Begriff dieser

Sache, unsere ›Objektivität‹ sein.« Dieser Ausspruch Nietzsches gilt

auch von seiner eigenen perspektivisch zu erkennenden Persönlichkeit.

Wer so deutlich wie Nietzsche jede Borniertheit der Reaktionäre

ablehnte, ihren Chauvinismus, ihr Rassevorurteil, ihre Rückständigkeit

geißelte, wer den Antisemiten ebenso wie den Anarchisten als Menschen

des Ressentiments zurückwies, den müssen wir alle Zeit von einer

höheren Warte als derjenigen einer Partei einschätzen. Wir müssen

-- vorausgesetzt, daß wir solche Leser sind, die er gelten ließe --

zu einem Ausblick in die zu erwünschende Zukunft kommen, die keine

einseitige politische Betrachtung verträgt.

Nietzsche hat die Selbstbejahung der zum Befehlen Berufenen als

rangbestimmend erklärt und verherrlicht; aber nichts liegt ihm ferner,

als deshalb den niedrig gestellten Menschen an sich zu entwürdigen.

Dem Volke ist eine andere Moral und Gesinnung gemäß, als jenen, die

sich über die Niederung erheben. Die dem Volke angemessene Moral und

Gesinnung soll ihm erhalten bleiben. Sie muß bekämpft werden, soweit

sie unberufenerweise die Rangordnung aufheben will, sie muß gehegt und

gepflegt werden, sofern sie der Erhaltung der Rangordnung dient.

Vergegenwärtigen wir uns eines: alle Zukunft _wurzelt_ in der Niederung

des Volkes. Aus ihm steigen die Kräfte auf, die sich zur Blüte

entfalten sollen. Wir Menschen der Kultur verlangen, daß man uns als

Blüte einschätze. Wir haben dazu nur dann ein Recht, wenn wir auch die

Wurzel ehren, die uns verjüngende Kräfte zuführt. Nur dann können wir

hoffen, daß wir die Niedriggestellten überzeugen, daß es ein unsinniges

Beginnen ist, wenn sie die Kulturpflanze ausreißen wollen, um nunmehr

die Blüte zu unters in die Erde zu stecken, damit die Wurzel der

Sonne genieße, die sie verdorren muß. Nur blinde Fanatiker begehren

eine Umkehrung von Hoch und Nieder oder eine absolute Gleichstellung.

Jeder gesund Empfindende strebt letzten Endes nach einer Rangordnung,

innerhalb der er zu seinem Rechte, aber eben nur zu _seinem_ Rechte

gelangt als Teil eines Organismus.

Goethe sagt: »Indem der Mensch auf einen Gipfel der Natur gestellt ist,

so sieht er sich wiederum als eine ganze Natur an, die in sich abermals

einen Gipfel hervorzubringen hat ... Dann würde das Weltall, wenn es

sich selbst empfinden könnte, als an sein Ziel gelangt, aufjauchzen

und den Gipfel seines eigenen Wesens und Werdens bewundern.« Als

ein solcher Gipfel ist der Übermensch gedacht. Immer wieder sei es

betont, daß er nicht ein individualistisches Phantasma ist, sondern

von Nietzsche als das mögliche Erzeugnis einer höheren einheitlichen

Kultur gedacht wurde. Daß eine solche Kultur von Nietzsche nicht von

einer brutalen Vorherrschaft der Mächtigen erwartet wurde, sondern

von der Erfüllung der hohen Aufgabe einer sinn- und zielbewußten

Führung, bezeugen seine Worte: »die Gerechtigkeit muß in allem größer

werden und die gewalttätigen Instinkte schwächer«. Wer bei ihm nur

die Verherrlichung der »blonden Bestie« sieht, dem sind seine Worte

entgegenzuhalten: »zweimal lieber untergehen, als sich hassen und

fürchten machen«.

Es gilt nicht, Berge abzutragen, um Täler auszufüllen, wie die

Gleichheitsfanatiker vermeinen, sondern politisch und kulturell

Zustände zu schaffen, in denen Hoch und Nieder, jedes seiner Art gemäß,

bewußt und unbewußt einem höchsten Lebensziele dienstbar werden. Dann

wird weder demagogisches, noch reaktionäres Strebertum seine Weide

finden, sondern die schöpferische Persönlichkeit wird erstehen, in der

die Wurzelkräfte zur Blüte gelangen. Im Sinne dessen, was Goethe einen

neuen Gipfel, Nietzsche den Übermenschen nannte.

Die Gefahr der Gefahren, der Feind der Feinde einer solchen

Lebenssteigerung ist die Vorherrschaft einer »Moral«, welche die

Schwäche höher einschätzt als die Stärke, die Passivität als Glück

wertvoller erachtet als die Aktivität im Lustgefühl des bewußten

Wollens, die Entselbstung fördert, statt dem Mut und stolzen Glauben

an das eigene Selbst, die Mitfreude unterdrückt zugunsten eines

weichlichen Mitleidens, aus Ressentiment sich über die Natürlichkeit

des Menschen entrüstet, statt aus der Fülle der Kraft die starken

Triebe zu verklären, somit hegt, was das Leben erniedrigt, und

bekämpft, was das Leben erhöht.

Also lehrt uns Nietzsches Immoralismus.

Der Anti-Nihilist

Es gibt nur ein Heldentum auf der Welt: die Welt zu

sehen, wie sie ist, und sie zu lieben.

_Romain Rolland._

Nietzsche hat den Weltkrieg vorausgesagt. Über den Gegensätzen

der Nationen will sich Europa zu einer großen Einheit gestalten.

_Napoleon_, »der erste und vorangehendste Mensch neuerer Zeit«, war der

Vertreter und Vorkämpfer dieses Gedankens. Aber indem er ihn gewaltsam

verwirklichen wollte, rief er die mächtige Gegenwirkung des neunzehnten

Jahrhunderts hervor. Der Prozeß des werdenden Europäers bedurfte der

Anpassungskunst. Diese wurde gestört. Dank der krankhaften Entfremdung,

welche der Nationalitätswahnsinn zwischen die Völker Europas legte,

traten wir in »das klassische Zeitalter des Krieges« ein. Freilich

nicht nur des Krieges der Waffen, sondern auch des Krieges »der Mittel,

der Begabungen, der Disziplin«. So mußte die Krisis zum Ausbruch

kommen, die Europa nunmehr zur Überwindung der früheren Ideale und zu

neuen Zielsetzungen führen kann.

Auch die demokratische Bewegung, welche die Anähnlichung der

verschiedenen Nationen fördert, beschleunigt die Erschütterung und

Zersetzung der seitherigen kulturellen Werte. Und auch die moralische

Entwicklung hat diesen Auflösungsprozeß genährt. Sie hat durch eine

seit Jahrtausenden anerzogene Wahrhaftigkeit bewirkt, daß sich diese

Wahrhaftigkeit gegen die Moral selbst wendet und sie skeptisch prüft.

Aber nicht nur den Weltkrieg hat Nietzsche vorausgesagt, sondern auch

das Anwachsen jener Bewegung, die wir heute erleben. Auf die selbst

gestellte Frage, was die nächste Folge sei der krisenhaften Vernichtung

dessen, was seither am höchsten geschätzt wurde, lautet seine

bedeutsame Antwort: _die Heraufkunft des Nihilismus_.

Wenn von Nihilisten die Rede ist, denken wir an Zerstörungswütige,

an Vernichter der zivilisatorischen Errungenschaften. Das tut auch

Nietzsche. Aber nicht diese »ungesundeste Art Mensch in Europa« allein

hat er im Auge. Er faßt den Begriff viel weiter und damit kultureller.

Nicht aus sozialen Mißständen ist der Nihilismus erstanden, sondern

seine Wurzeln gründen tiefer. Sowohl der _aktive_ Nihilismus der

Zerstörung als auch der _passive_ Nihilismus der Ziellosigkeit

entspringen der gleichen Ursache. Diese Ursache sieht Nietzsche in der

_Entwertung der alten Ideale_.

Da ergibt sich nun eine überraschende Selbsterkenntnis. Insofern wir

freieren Menschen -- voran Nietzsche selbst -- diese Entwertung in uns

erleben, sind auch wir Nihilisten. Daran läßt sich nichts deuteln.

Wir bleiben es, sofern wir das Nein-Sagen nicht überwinden. Das aber

vermögen wir nur, indem wir uns neue Ziele setzen. Unser passiver

Nihilismus -- das sei den Allzufriedfertigen zwei- und dreimal gesagt

-- ist ein Zeichen von Schwäche. Mag er ein Heilmittel im Buddhismus

und der Mystik suchen oder in heilloser Zwiespaltigkeit auf jede Art

Sinngebung verzichten: er entstammt dem Mangel an Instinktsicherheit.

Diese Schwäche lehrt uns Nietzsche bekämpfen. Ihr tritt er schöpferisch

als Anti-Nihilist, als neue Werte setzender Philosoph, als Gesetzgeber

der Zukunft, als Verherrlicher alles dessen, was stark macht, entgegen

in einer selbstherrlichen Mächtigkeit, wie sie die Menschheit nur

selten erlebte. Die Entwertung der alten Ideale erfaßte er als seine

_negative_ Aufgabe, die _Umwertung_ in neue Ideale bedeutet sein

_positives_ Ziel. Auch er mußte verneinen und zerstören, aber nur um

neu zu bejahen, neu aufzubauen.

Als »eine Umwertung aller Werte« bezeichnete Nietzsche daher das

große, unvollendet gebliebene Werk »_Der Wille zur Macht_«, das er

hauptsächlich in den Jahren 1884--88 niederschrieb.

Sein _erstes_ Buch zeigt uns nach Nietzsches Plan den europäischen

Nihilismus als die Gefahr der Gefahren. Ungeheuere Gewalten sind

entfesselt, die sich widersprechen und sich gegenseitig vernichten,

weil die positive Richtung nach einem zweckbestimmenden Ziele fehlt.

Das _zweite_ Buch des »Willens zur Macht« zeigt uns in seiner Kritik

der bisherigen höchsten Werte die überall zutage tretende Disharmonie

zwischen den Idealen und den Bedingungen ihrer Verwirklichung.

Im _dritten_ Buche wird uns alsdann das Problem des Gesetzgebers

aufgedeckt und das Prinzip einer neuen Wertsetzung gezeigt und im

_letzten_ Buch, »Zucht und Züchtung«, gesagt, wie diejenigen Menschen

beschaffen sein müssen, die alle Eigenschaften der modernen Seele

haben, aber stark genug sind, sie in lauter Gesundheit umzuwandeln.

Nach diesem vorgefundenen Plan wurden die in vielen Heften erhaltenen

Einträge Nietzsches nachträglich geordnet. Wir dürfen sie nur zum Teil

als Aphorismen bezeichnen, da sie noch nicht ihre endgültige Form

erhielten. Aber der mit den früheren Werken vertraute Leser findet

in dieser Unvollendetheit eine Anregung mehr, wenn er erratend und

mitschaffend veranlagt ist. Er versteht, daß hier eine Gegenbewegung

zum Ausdruck kommt, bestimmt, in irgendeiner Zukunft den Nihilismus

abzulösen.

Vergegenwärtigen wir uns zunächst nochmals das eine: Nietzsche will

nicht dem Volke, noch allen, die mit diesem zu glauben vermögen,

Religion und Moral nehmen, sondern er wendet sich _ausschließlich_ an

jene, die diesen Glauben verloren haben und einer neuen Sinngebung

bedürfen.

Der Pessimismus ist die Vorstufe des Nihilismus. In seinem moralischen

_Verurteilen_ liegt bereits die Abkehr vom Willen zum Dasein. Jede rein

moralische Wertsetzung _endet_ mit Nihilismus, sobald ihr Glaube an

eine überweltliche Autorität erschüttert wird. Mag diese Autorität als

Gott, Gewissen oder Vernunft bezeichnet werden, immer bleibt ihr Zweck,

um das Wollen eines eigenen Zieles herumzukommen und die Verantwortung

von sich selbst abzuwälzen. Damit, daß die Moral die Natürlichkeit,

die mächtigsten und zukunftvollsten Triebe des Lebens verleumdete,

führte sie notgedrungen zu einer Schwächung aller lebenerhaltenden

und lebensteigernder Kräfte. Sie hat es getan und tut es noch heute.

Und darum lehrt Nietzsche als ihr grundsätzlicher Gegner: das Nein zu

Allem, was schwach macht, was erschlafft, das Ja zu Allem, was stärkt,

was Kraft aufspeichert, was das Gefühl rechtfertigt. Das aber heißt

den Willen zur Macht als segensreich anerkennen. »Das Leben ist nicht

Anpassung innerer Bedingungen an äußere, sondern Willen zur Macht, der

von innen her immer mehr ›Äußeres‹ sich unterwirft und einverleibt.«

Diese Definition gilt es festzuhalten. Der Nihilismus bedeutet im

Gegensatz hierzu: Wille ins Nichts.

Als _Stärkste_ erweisen sich heute jene, die keine extremen

Glaubenssätze nötig haben, die, welche einen guten Teil Zufall, auch

Unsinn nicht nur zugestehen, sondern lieben, die, welche vom Menschen

mit einer bedeutenden Ermäßigung seines Wertes denken können. Denn das

sind Menschen, die ihrer Macht sicher sind und die erreichte Kraft des

Menschen mit bewußtem Stolze repräsentieren.

Nietzsche, sein Leben und seine Lehre · 第 13 / 19 段