Teil hatte mit der Ankündigung geschlossen, daß seine Kinder zu
ihm unterwegs sind, das heißt jene Menschen, die sich auf Grund
seiner Lehre entwickelten. Er nimmt daher Abschied von seiner Höhle,
Abschied für immer, und zieht ihnen mit seinen Tieren, also seinem
Stolze, seiner Klugheit, seinem Mute, entgegen bis zur Stadt. Die
Vereinigung mit ihnen bedeutet einen Siegeszug. Die Stadt heißt ihm
die Peststadt. Die Bemerkung: »Ein Scheiterhaufen. Die alte Kultur
verbrannt«, läßt uns auf einen dramatisch lebensvollen Höhepunkt
schließen. Ein Frühlingsfest sollte sich diesem Ereignis anschließen.
Ein Frühlingsfest mit Chören. Zarathustra verlangt Rechenschaft. Er
fragt: »Was tatet ihr?« Die Art der neuen Gemeinschaft kommt zur
Darstellung. Neue Fragen werden von Zarathustra gestellt und von
ihm selbst beantwortet. Sie betreffen die Wahl der Wohnorte, den
Entschluß, Versuche zum besten der Kultur mit Verbrechern an Stelle
von Bestrafungen anzustellen, die Erlösung des Weibes im Weibe,
die Vermehrung der Maschinen, aber auch deren Umgestaltung ins
Schöne, sowie die Einteilung des Tages. Die Unschuld des Werdens muß
gewahrt bleiben, die Weihung auch des Kleinsten muß erfolgen, das
Heraufbeschwören des Feindes wird nötig, damit der neue Adel und die
neuen Könige, als Vorbild und Lehrer, sich bewähren.
Dem neuen Typus droht eine äußerste Gefahr, denn die »Guten« nehmen
jetzt _gegen_ den höheren Menschen, gegen die Ausnahmen Partei. Das
Kleinwerden und Schämen der Mächtigen bleibt das drohende Verhängnis
der aufwärtsstrebenden Menschheit. Bei dem Mangel, erhebende Menschen
zu sehen, wird die Häßlichkeit, der Neid und die Kleinlichkeit des
Plebejers, die moralische Tartüfferie zur Gefahr, daß alle hohen
Naturen ersticken und die Weltregierung in die Hände der Mittelmäßigen
fällt. Zarathustra reizt daher seine Jünger zur Erderoberung auf.
Nicht die Mittelmäßigen sollen regieren, sondern zu Gesetzgebern
der Zukunft sind nur solche berufen, die einen großen Tatbestand
von Wertschätzungen neu feststellen und als Befehlende diese
Wertschätzungen in Wirklichkeit verwandeln.
Zarathustra selbst bewährt sich als ein solcher Gesetzgeber. Die
Stunde seines Sieges ist gekommen. Er fragt bei dem dionysischen
Frühlingsfeste die ganze Masse -- und führt dadurch die letzte
Entscheidung herbei: Wollt ihr das alles (Freud und Leid des Lebens)
noch einmal?, und als alle mit Ja! antworten, da stirbt er vor Glück.
Ahnungsvoll, heiter, schauerlich wollte Nietzsche diesen entscheidenden
Vorgang gestalten. Der Himmel heiter, tief. Tiefste Stille. Die Tiere
um Zarathustra. Er hat sterbend das Haupt verhüllt, die Arme über die
Felsplatte gebreitet. So scheint er zu schlafen. Furchtbare Stille
tritt ein. Etwas Leuchtendes geht allen über ihre Gedanken hinweg.
Den Abschluß des Werkes bilden Worte der Gelobenden. Wir erfahren: der
große Mittag ist zum Wendepunkt geworden. Die höchste Entfaltung des
Individuums bedeutet die Überwältigung des »Menschen«, die Überbietung
aller bisherigen Moral. Der Tod ist seiner Zufälligkeit entkleidet.
Am Schaffen selbst stirbt der Schaffende, der Schöpfer aus Güte und
Weisheit.
Wenn wir so -- trotz großer Vorsicht vielleicht manches verfehlend --
aus den andeutenden Aufzeichnungen auch nur vage Umrisse erhalten,
wie ungefähr Nietzsche die beiden letzten Teile des »Zarathustra« zu
gestalten dachte: so gewinnen wir damit doch eine Ahnung, daß das
Werk damit bedeutsam zum Abschluß gekommen wäre. Im Jahre 1885 faßte
Nietzsche jedoch, wie uns ein Vermerk in seinem Notizbuch besagt,
endgültig den Entschluß, auf die Ausführung zu verzichten. »Ich will
reden und nicht mehr Zarathustra.« Eine Vorstellung des Stiles, in dem
die plastische Ausgestaltung der Schlußteile sich bewegen sollte, gibt
uns wohl ein glücklicherweise erhaltenes Fragment.
Da es nur in die große Ausgabe seiner Werke aufgenommen wurde, in allen
anderen Ausgaben aber fehlt, ist es wenig bekannt. Ich bringe es mit
freundlicher Erlaubnis von Frau Förster-Nietzsche als Abschluß unserer
Zarathustra-Betrachtung zum Abdruck, und zwar in der Fassung in der es
erstmals in der Zeitschrift »Pan« veröffentlicht wurde.
Zarathustra vor dem Könige.
»Es ist nicht mehr die Zeit für Könige: die Völker sind es nicht mehr
wert, Könige zu haben.
Du hast es gesagt, König: das Bild, das vor dem Volke hergeht, das
Bild, an dem sie alle zu Bildnern werden: das Bild soll dem Volke der
König sein.
Vernichten, vernichten sollst du, o König, die Menschen, vor denen kein
Bild herläuft: das sind aller Menschheit schlimmste Feinde!
Und sind die Könige selber solche, so vernichte, o König, die Könige,
so du es vermagst!«
* * * * *
»Meine Richter und Fürsprecher des Rechts sind übereingekommen, einen
schädlichen Menschen zu vernichten; sie fragen mich, ob ich dem Rechte
seinen Lauf lassen wolle oder die Gnade vor dem Rechte.«
»Was ist das Schwerere zu wählen für einen König, die Gnade oder das
Recht?«
»Das Recht,« antwortete der König; denn er war milden Sinnes.
»So wähle das Recht und laß die Gnade den Gewaltmenschen als ihre eigne
Überwältigung.«
»Ich erkenne Zarathustra, sagte der König mit Lächeln: wer verstünde
wohl gleich Zarathustra auf eine stolze Weise sich zu erniedrigen? Aber
das, was du aufhobst war ein Todesurteil.«
Und er las langsam daraus und mit halber Stimme, wie als ob er mit sich
allein sei: »Des Todes schuldig -- Zarathustra, des Volkes Verführer.«
»Töte ihn, wenn du die Macht dazu hast« -- rief Zarathustra auf eine
furchtbare Weise abermals; und seine Blicke durchbohrten die Gedanken
des Königs.
Und der König trat nachsinnend einige Schritte zurück, bis hinein in
die Nische des Fensters; er sprach kein Wort und sah auch Zarathustra
nicht an. Endlich wandte er sich zum Fenster.
Als er aber zum Fenster hinausblickte, da sah er etwas, darob die Farbe
seines Angesichtes sich verwandelte.
»Zarathustra,« sagte er mit der Höflichkeit eines Königs, »vergib,
daß ich dir nicht gleich antwortete. Du gabst mir einen Rat: und
wahrhaftig, ich hörte gerne schon auf ihn! -- Aber er kommt zu spät!«
Mit diesen Worten zerriß er das Pergament und warf es auf den Boden.
Schweigend gingen sie voneinander.
Was der König aber von seinem Fenster aus gesehen hatte, das war das
Volk: das Volk wartete auf Zarathustra.
Der Aristokrat
Wahrlich, keiner ist weise,
der nicht das Dunkel kennt,
das unentrinnbar und leise
von Allen ihn trennt.
_Hermann Hesse._
Auch unter den Philosophen gibt es solche, die ihr Bild gleichsam
als Maler von einem gegebenen Standpunkt aus auf die Fläche
projizieren, und solche, die gleich dem Bildhauer ihr Problem von den
verschiedensten Seiten prüfen und auf diese Weise ihr Werk gestalten.
Wer sich hier wie dort auf eine Plastik so einstellt, wie es nur
dem Gemälde gegenüber angebracht ist, wird notgedrungen zu einem
verurteilenden Mißverstehen gelangen.
Was alles ist nicht schon über die »Widersprüche« bei Nietzsche
geschrieben worden! Wohlwollende halfen sich damit, sie aus seiner
Entwicklung zu erklären. Sie betonten die Gegensätzlichkeit seiner
verschiedenen Schaffensperioden, um günstigenfalls einen geheimen
Zusammenhang, dank seiner Persönlichkeit zu entdecken. Aber auch
innerhalb der einzelnen Schaffensperioden ergibt sich keine
Einheitlichkeit, wenn wir seine Werke nach der Art eines Gemäldes und
nicht nach der Art einer Plastik beurteilen. Nietzsches Lehre aber
muß mit den Augen eines Plastikers gesehen werden; denn er anerkennt
keine unbedingten Wahrheiten, die von vornherein nur einen Standpunkt
zulassen. Nicht der Hinweis auf Metamorphosen, wie sie jeder Mensch
schon in seiner Wandlung vom Jüngling zum Mann erlebt, genügt, um das
Beharrende in Nietzsches Schaffen zu erkennen, sondern es gilt, ihm auf
den geheimen Wegen seines inneren Erlebens zu folgen, um die Einheit in
der Vielfältigkeit zu erschauen.
Man muß verstehen, daß bei dem Trieb, alles unentwegt zu Ende zu
denken, bei jedem Wort »immer auf den extremsten Ausdruck« bedacht
zu sein, so mancher Superlativ in Bejahung und Verneinung die
Gegenüberstellung eines ausgleichenden Gegenwerts erforderte, man muß
verstehen, daß Nietzsche trotz seiner Einseitigkeit als Kämpfer die
verschiedensten Probleme umschließt. Er erklärt die Lust aus dem Leid
und das Leid aus der Lust, den Pessimismus als Weltschmerz aus der
Schwäche und den Pessimismus als tragische Erkenntnis aus der Stärke;
denn Sprache und Begriffe sind nicht eindeutig. Er verherrlicht den
Positivismus als Beschränkung auf das erfahrungsmäßig Gegebene und
verurteilt ihn wiederum als einseitige Kritik der Spezialisten; er
sieht im Zweifel bald eine blutaussaugende Spinne und verherrlicht
wiederum die Skepsis als verwegene Männlichkeit. Nicht aus Mangel
an Konsequenz, sondern aus der Folgerichtigkeit der notgedrungen
wechselnden Anschauung und Beleuchtung. Darum sei es noch einmal
gesagt: wir müssen Nietzsches Lehre so besehen, wie wir eine Plastik
besehen.
Ein Philosoph, der nicht an absolute Wahrheiten glaubt, die unabhängig
von der wirklichen Welt bestehen, sondern dessen Problem das
vielgestaltige Leben selbst ist unter Einschluß seiner notwendigen
Widersprüche, kann nur zu einer Einheit gelangen, indem er wie der
Musiker Kontrapunkte setzt, wie der Architekt Horizontale und Vertikale
sich ausbalancieren läßt. Nietzsche regt als Dichter die Phantasie
an, daß sie zusammenschaut, was für den nüchternen Verstand getrennt
besteht, Nietzsche als Denker erhebt den Widerspruch selbst zum Prinzip
des Lebens.
Da für Nietzsche nicht die begriffliche Erkenntnis allein, nicht die
logische Ableitung mittels Vernunftgründen, nicht die Vereinheitlichung
in einem System das Ziel seiner Weltanschauung bildet, sondern die
Lehre ihm aus dem Erlebnis erwächst, so ist eine gleichzeitige
Betrachtung von Leben und Lehre unumgänglich notwendig, damit wir
den organischen Zusammenhang von Wesen und Wille bei ihm erkennen.
Von Wille: denn für Nietzsche ist der Philosoph letzten Endes nicht
zum beschaulichen Weisen, sondern zum schöpferischen Gesetzgeber
der Menschheit berufen. Wie Goethe als Dichter nicht bestrebt war,
Poesien aus der Wirklichkeit zu schöpfen, sondern Wirklichkeit selbst
zu poetisieren, so will Nietzsche nicht Wertlehren aus dem Leben
abstrahieren, sondern das Leben selbst in Werte umsetzen.
Jede Philosophie läßt sich als Bekenntnis ihres Urhebers deuten,
und zwar sowohl hinsichtlich Start als Ziel. Sein Wesen, aber auch
die Sehnsüchte seines Werdens, das instinktive Wollen in Tun und
Lassen verrät sich in philosophischen Wertungen. Aber während uns
die Geschichte der Philosophen hierfür sonst nur Beispiele bietet,
die es erst analytisch aufzudecken gilt, war Nietzsche sich dieser
Tatsache voll bewußt. »Die Wertschätzungen eines Menschen verraten
etwas vom Aufbau seiner Seele und worin sie ihre Lebensbedingungen,
ihre eigentliche Not sieht«, sagt Nietzsche. Auch Goethe hat erklärt:
»Alles was von mir bekannt geworden, sind nur Bruchstücke einer großen
Konfession.«
Wir erleichtern uns das Verständnis für Nietzsches Entwicklungsgang
und das Sprießen, Blühen und Reifen seiner Lehre, wenn wir nach
einem charakteristischen Zug forschen, der von Ursprung an in seinem
Wesen lag. Nur auf einen _bedeutsamen_ Zug kommt es uns dabei an;
weder interessiert es uns, was ein Bernoulli auch an Nietzsche
Menschliches-Allzumenschliches entdeckt, noch kommen für diesen Zweck
die zahlreichen sympathischen Einzelzüge in Betracht, welche uns die
Biographie der Schwester anführt. Als einen solchen bedeutsamen Zug
bei Nietzsche dürfen wir seine _aristokratische_ Veranlagung und
Gesinnung hervorheben. Aristokratie bedeutete für die Griechen zunächst
die Herrschaft der Besten, Fähigsten, Wackersten. Diese Abkunft des
Wortes erhält sich in Nietzsches Anwendung lebendig, wobei er immer
wieder betont, daß die Züchtung von vornehmen Instinkten erst durch den
Verlauf von Generationen erreicht wird.
Schon in der Betrachtung seiner Jugend begegnen wir bei Nietzsche
einer Gesinnung, die ihn von den »Viel zu Vielen« absonderte, und je
weiter wir seine Entwicklung verfolgen, desto mehr erkennen wir, daß
er nur unter seinesgleichen frei zu atmen vermochte. »Er hatte eine
geräuschlose Art zu sprechen, einen vorsichtigen, nachdenklichen Gang,
ruhige Züge und nach innen gekehrte, nach innen wie in die weite Ferne
blickende Augen. Man konnte ihn leicht übersehen, so wenig Auffallendes
bot seine Erscheinung. Er war im gewöhnlichen Leben von großer
Höflichkeit, einer fast weiblichen Milde, einem stetigen wohlwollenden
Gleichmut; er hatte Freude an vornehmen Formen im Umgang, und bei
erster Begegnung fiel das gesucht Formvolle an ihm auf.« So schildert
ihn Alois _Riehl_, allerdings nicht nach eigener Anschauung, sondern
nach den Mitteilungen seiner Freunde.
Auch Meta von _Salis-Marschlins_, mit der Nietzsche zwischen 1884 und
1887 wiederholt in Zürich und Sils-Maria persönlich verkehrte, erwähnt
seine ruhige Sprechweise mit leiser Stimme voll Weichheit und Melodie
und den nach innen gewandten Blick. Sie betont das vorsichtige Zögern,
mit dem er alle ins Auge faßte, die sich ihm näherten. Er zeigte sich
zuweilen sehr heiter und zu harmlosen Scherzen aufgelegt. Erhellte
ein Lächeln sein wettergebräuntes Gesicht, so gewann es einen rührend
kindlichen, Teilnahme heischenden Ausdruck. Sie sagt: Mitfreude
hat Nietzsche wie wenige empfunden und an den Tag gelegt. Ungemein
sympathisch wurde sie berührt von seiner angeborenen Höflichkeit, dem
Takt des Herzens und den feinen Umgangsformen. Zu weit getriebene
Gebundenheit sagte ihm immer noch eher zu als rohes Wesen und
Formlosigkeit. Bezeichnend ist der im Gespräche mit ihr gefallene
Ausspruch: »Alles Illegitime ist mir eigentlich entsetzlich.« Sie
überschrieb ihre Erinnerungen »Philosoph und Edelmensch« und nannte ihn
den »Philosophen des Aristokratismus«.
Freiherr von _Seydlitz_, mit dem Nietzsche in Sorrent längere Zeit
in persönlichem Verkehr stand, sagt: »Seines innersten Wesens
kristallheller Kern war der höchste Adel, den der Geist erringen
kann: wahre Urbanität.« Er erklärt keinen -- _keinen!_ -- vornehmeren
Menschen je gekannt zu haben als ihn. »Das wahrhaft Neue an Nietzsche
ist, daß er zwischen allen Zeilen seiner Werke eine zukünftige
Aristokratie verkündet -- nicht nur des Geistes, sondern, was weit mehr
ist, des Charakters.« Rücksichtslos war er nur den Ideen gegenüber,
nicht den Menschen als Trägern dieser Ideen.
Als Georg _Brandes_ 1887 als erster, der aus der Ferne sich ernstlich
mit Nietzsche beschäftigte, an der Universität zu Kopenhagen
Vorlesungen über seine Philosophie hielt, da begrüßte es Nietzsche
ganz besonders freudig, daß Brandes seiner aristokratischen Gesinnung
gerecht wurde. »Aristokratischer Radikalismus, das gescheiteste Wort,
das ich bisher über mich gelesen.«
Brandes war auf seine tiefere Bedeutung aufmerksam geworden durch den
Empfang von »_Jenseits von Gut und Böse_« und die »_Genealogie der
Moral_«. Ehe wir aus diesen Werken die Berechtigung Nietzsches erlesen,
sich einen »Immoralisten« zu nennen, wollen wir die Voraussetzungen
hierfür in »Jenseits von Gut und Böse« verfolgen.
In der prähistorischen Zeit wurde der Wert oder Unwert einer Handlung
nur aus ihren _Folgen_ abgeleitet. Nietzsche nennt sie daher die
_vormoralische_ Periode der Menschheit. Erst aus der unbewußten
Nachwirkung von der Herrschaft aristokratischer Werte und des Glaubens
an die »Herkunft« erstand die _moralische_ Periode. Nun erst wurde
in der Beurteilung einer Handlung der Ton nicht mehr auf die Folgen,
sondern mit moralischem Nachdruck auf die _Motive_ gelegt. Gegen
diese Wertung, die Ungleichheit voraussetzt, kämpften die Nivellierer
an als beredte Verfechter des demokratischen Geschmacks und seiner
»modernen Ideen«. Wer sklavisch gesinnt ist, will Unbedingtes. Er
versteht nur die Tyrannei. Auch in der Moral. Am typischsten tritt dies
in der Französischen Revolution zutage, die Nietzsche, wo immer er
sie erwähnt, auf das schärfste verurteilt. Daß sich die Französische
Revolution gegen die Religion wandte, und zwar um der Demokratie
willen, darf uns nicht verwundern. Denn für die Starken, Unabhängigen,
zum Befehlen Vorbereiteten und Vorherbestimmten ist Religion ein Mittel
mehr, um Widerstände zu überwinden, um herrschen zu können. Religion
gilt ihnen als ein Band, das Herrscher und Untertanen gemeinsam
bindet. Ihnen ist sie ein Ausweg von der Mühsal gröberen Regierens.
Den gewöhnlichen Menschen vermag sie zugleich eine unschätzbare
Genügsamkeit mit ihrer Lage und Art zu bieten, vielfachen Frieden
des Herzens, eine Veredelung des Gehorsams, etwas von Verklärung und
Verschönerung. Aber der demokratische Fortschritt widerstrebt dieser
Verklärung.
Neben der moralischen und vormoralischen Wertung verweist Nietzsche
bei dieser historischen Betrachtung zugleich auf die _außermoralische_
Schätzung. Solange die Nützlichkeit und die Erhaltung der Gemeinde
in den Werturteilen allein entscheidet, gibt es noch keine »Moral
der Nächstenliebe«. Altruistische Tugenden begegnen noch einer
gewissen Geringschätzung. So in der besten Römerzeit. Erst als man die
Gefährlichkeit starker Triebe, wie Unternehmungslust und Herrschsucht
als verhängnisvoll empfand, kamen gegensätzliche Triebe und Neigungen
zu moralischen Ehren. Die _Furcht_ ist die Mutter dieser Moral. Was den
Einzelnen über die Masse erhebt, wurde von ihr gebrandmarkt und das
Mittelmaß der Begierden verherrlicht.
Diese Betrachtung hat uns bereits den Gegensatz von antiker und
christlicher Anschauung erschlossen. Aristokratische Gesinnung bleibt
jener verwandt, aber »die demokratische Bewegung macht die Erbschaft
der christlichen«. Sehr bezeichnend fragt daher Nietzsche, zur
Gegenwart übergehend: »Wir, die wir eines andern Glaubens sind --,
wir, denen die demokratische Bewegung nicht bloß eine Verfalls-Form
der politischen Organisation, sondern als Verfalls- nämlich
Verkleinerungs-Form des Menschen gilt, als eine Vermittelmäßigung und
Wert-Erniedrigung: wohin müssen _wir_ mit unseren Hoffnungen greifen?«
Die Antwort lautet: _Nach neuen Philosophen_, nach Geistern, die stark
und ursprünglich genug sind, um die Anstöße zu entgegengesetzten
Wertschätzungen, zu einer Umwertung der Werte zu geben.
Vernehmen wir so schon bei der historischen Darbietung des Problems der
Moral die melodische Führung, welche Nietzsche der aristokratischen
Gesinnung zuerteilt, so kommt ihre Bedeutung noch deutlicher zu Gehör,
wo seine persönliche Empfindungsweise unmittelbar zum Ausdruck gelangt.
Dann erscheint das Problem der Moral als ein Problem des Ranges. »Es
gibt einen Instinkt für den Rang, welcher mehr als alles, schon das
Anzeichen eines hohen Ranges ist; es gibt eine Lust an den Nuancen der
Ehrfurcht, die auf vornehme Abkunft und Gewohnheiten schließen läßt.«
In dieses Problem des Ranges ist zugleich die Frage nach der
Möglichkeit der »Größe« eingeschlossen. Wo die »Gleichheit der Rechte«
allzu leicht sich in die Gleichheit im Unrechte umzuwandeln droht,
_wie es heute der Fall ist_, da müssen wir mit Nietzsche befürchten,
daß diese Bewegung immer mehr anwächst zu gemeinsamer Bekriegung alles
Seltenen, Fremden, Bevorrechteten. »Heute gehört das Vornehm-sein, das
Für-sich-sein-wollen, das Anders-sein-können, das Allein-stehen und
Auf-eigene-Faust-leben-müssen zum Begriff Größe.« Dem Plebejer-Ehrgeiz
sind die Türen zu solcher Anschauung verschlossen. Wohl steht ihm der
Weg zur Wissenschaftlichkeit, nicht aber zur -- Philosophie offen.
»Viele Geschlechter müssen der Entstehung des Philosophen vorgearbeitet
haben; jede seiner Tugenden muß einzeln erworben, gepflegt, fortgeerbt,
einverleibt worden sein, und nicht nur der kühne leichte zarte Gang und
Lauf seiner Gedanken, sondern vor allem die Bereitwilligkeit zu großen
Verantwortungen ...«
Erkennen wir an, daß Nietzsche damit das Bereich der Gelehrten, der
»wissenschaftlichen Arbeiter« scharf abgegrenzt hat, daß er ihnen das
Gebiet gewiesen hat, wo sie den Tatbestand ehemaliger Wertsetzungen
feststellen und sie ins Formale drängend, handlich machen können, wo
sie Segen zu stiften vermögen, aber gestehen wir uns auch ein, daß er
damit allen Kärrnern Bescheidenheit auferlegt gegenüber den Großen
_seiner_ Art, die mehr zu tun haben als nur zu erkennen, »nämlich etwas
Neues zu _sein_, etwas Neues zu _bedeuten_, neue Werte _darzustellen_«.
Schauen wir mit Nietzsche hinein in die Kluft, die zwischen Wissen
und Können klafft! »Der Könnende im großen Stil, der Schaffende wird
möglicherweise ein Unwissender sein müssen.«
Nietzsches aristokratische Gesinnung findet sich ferner in
Übereinstimmung mit seinem tapferen Bestreben, der Erde treu zu bleiben
und alle Vertröstung auf eine metaphysische Herkunft und Bedeutsamkeit
der Moral zu verwerfen. Hatte er es sich im »Zarathustra« zur Aufgabe
gesetzt, die Entmenschlichung der Natur zu fordern, das Chaotische in
der Natur zu betonen, so trat er in »Jenseits von Gut und Böse« an die
Aufgabe heran, »den Menschen zurückzuübersetzen in die Natur«. Er ist
damit zum Vater der Psycho-Analyse geworden. Wie er auch die Passion
der Liebe aus der Herrschsucht der Wollust erklärte, wie er selbst
die Willens_art_ der Erkenntnis aus der geschlechtlichen Veranlagung
deutete, wie er im Guten das sublimierte Böse, im Bösen das vergröberte
Gute sah, wie er gegenüber Glaubenssätzen dem Verdachte Worte lieh, daß
ihnen eine unterirdische Feindschaft zugrunde liege, die »nicht einmal
über die Schwelle des Bewußtseins gelangt ist«: so führt er auch alle
moralischen Wertungen auf unterbewußte Triebe zurück, um, wo immer er
als Seelenforscher in diese Verborgenheiten hinableuchtet, dem Willen
zur Macht zu begegnen.
Im Nachlasse Nietzsches haben sich Antworten über die Frage »Was
ist vornehm?« gefunden. Sie besagen u. a., vornehm ist: die
Sorgfalt im Äußerlichsten in Wort, Kleid, Haltung, insofern diese
Sorgfalt abgrenzt, vornehm ist selbst der frivole Anschein, der vor
unbescheidener Neugierde schützt, die langsame Gebärde, auch der
langsame Blick, der die Dinge an sich herankommen läßt, das Ertragen
der Armut und der Dürftigkeit, auch der Krankheit, das Ausweichen vor
kleinen Ehren, die Einsamkeit, die Lust an den Formen, das Mißtrauen
gegen alle Arten des Sichgehenlassens, eingerechnet alle Preß- und
Denkfreiheit, weil unter ihnen der Geist bequem und tölpelhaft wird,
der Ekel am Demagogischen, an der pöbelhaften Vertraulichkeit, das
Vermeiden jeder Verallgemeinerung. Er schloß diese Niederschriften mit
den Worten ab:
»-- Wir schätzen die Guten gering als Herdentiere: wir wissen,
wie unter den schlimmsten bösartigsten härtesten Menschen oft ein
unschätzbarer Goldtropfen von Güte sich verborgen hält, welcher alle
bloße Gutartigkeit der Milchseelen überwiegt.
-- Wir halten einen Menschen unserer Art nicht widerlegt durch seine
Laster, noch durch seine Torheiten. Wir wissen, daß wir schwer
erkennbar sind, und daß wir alle Gründe haben, uns Vordergründe zu
geben.«
Welche entscheidende Bedeutung Nietzsche der Frage »Was ist vornehm?«
beimaß, das beweist uns ferner der Umstand, daß er diese Frage als
Überschrift dem letzten Hauptstück von »Jenseits von Gut und Böse«
voranstellte und in nicht mißzuverstehender Weise verkündete: »Jede
Erhöhung des Typus ›Mensch‹ war bisher das Werk einer aristokratischen
Gesellschaft -- und so wird immer wieder sein ...«
Der Immoralist
Menschliches Urteilen vom Schönen schied
Häßlich von Schön;
Menschliches Urteilen vom Guten schied
Schlecht von Gut.
_Lao-Tse_.