wiederkehren. Wahrlich, mit andern Augen, meine Brüder, werde ich dann
meine Verlorenen suchen; mit einer andern Liebe werde ich euch dann
lieben.« Nietzsche hat diese Worte des ersten Teils als Motto des
zweiten verwendet; aber aus diesem Motto »ergeben sich, was dem Musiker
zu sagen fast unschicklich ist, andere Harmonien und Modulationen als
im ersten Teile«, heißt es in einem Briefe an Gast. Andre Harmonien und
Modulationen! Aber das Leitmotiv des schöpferischen Willens beherrscht
auch diesen zweiten Teil der Zarathustra-Symphonie. Zu ihm gesellt sich
das Thema des Leidens.
Bewußte seelische Leidensfähigkeit ist ein Maßstab der kulturellen Höhe
eines Menschen. Der niedere Mensch leidet stumpf und dumpf. Die bewußte
Leidensfähigkeit erstreckt sich auch auf das Mitleiden am Schicksal
anderer. Wer Nietzsches Philosophie kennt, weiß bereits, welche
Gefahren Nietzsche für die Höherentwicklung im Mitleiden sah. Auch
hierin, wie sonst, kommt durch Zarathustra die eigene Gesinnung und
Lebensanschauung des Dichters zum Ausdruck. Er verkündet den »höheren«
Menschen, die allein er _nunmehr_ als seine Jünger ansieht: »Wehe allen
Liebenden, die nicht noch eine Höhe haben, welche über ihrem Mitleiden
ist.« Denn erst diese große Liebe opfert sich und den Nächsten dem
Aufstieg zum Ideal. Darin müssen alle Schaffenden _hart_ sein. Hart
vor allem gegen sich selbst, streng gegen sich auch gegenüber der
Hingebung an metaphysische Trosthintergründe. Denn, lehrt Zarathustra
anti-metaphysisch im zweiten Teile des Werkes den höheren Menschen:
»Gott ist eine Mutmaßung: aber ich will, daß euere Mutmaßung begrenzt
sei von der Denkbarkeit.«
Überall, wo diese Grenzen überschritten werden, sieht Nietzsche
Gefahren für den Aufstieg. Das gilt vom religiösen Glauben an Rache,
Strafe, Lohn, Vergeltung. Das gilt aber auch von der Erkenntnis, die
Selbstzweck bleibt, von der Moralität, die nicht die Bedingtheit aller
Wertungen einsieht, von der Erhabenheit, der die Schönheit mangelt, von
der atavistisch überladenen Bildung, von der untätigen Beschaulichkeit
und Menschenverachtung, wenn sie in unproduktiver Resignation auf
Illusionen verzichtet, die für das schöpferische Leben unentbehrlich
sind. »Damit das Leben gut anzuschauen sei, muß sein Spiel gut gespielt
werden: dazu aber bedarf es guter Schauspieler.«
In Illusionen wiegen sich vor allen die Eitlen. Ihr Spiel gilt
Nietzsche als eine Arznei gegen die Schwermut. Und darum schont er die
Eitelkeit. Im Spiel des Lebens müssen wir die Furchtsamkeit überwinden,
die vor dem Gedanken erschrickt, daß die Verknüpfung von Lust und Leid
sich niemals löst, sondern ewig währt, wo immer Leben waltet. »Großes
vollführen ist schwer: aber das Schwerere ist, Großes befehlen.«
Nicht bedarf es des Pathos hierzu; denn »die stillsten Worte sind
es, welche den Sturm bringen. Gedanken, die mit Taubenfüßen kommen,
lenken die Welt«. Noch wagt Zarathustra nicht den abgründigsten dieser
Gedanken auszusprechen, und so sehen wir ihn nochmals in die Einsamkeit
zurückkehren.
Errichtete der erste »Zarathustra« den Menschen ein Ideal als Ziel
ihres Strebens über sich selbst hinaus: den Übermenschen, lehrte der
zweite »Zarathustra«, was auch am Guten noch unzulänglich, noch feige,
also schlecht ist, so enthüllt der dritte »Zarathustra«, was am Bösen
schöpferisch und stark, also gut ist: _Wollust_ als Gartenglück der
Erde, als aller Zukunft Dankesüberschwang an das Jetzt, _Herrschsucht_
als Machtlust des Hohen, _Selbstsucht_, die das Ich heil und heilig
spricht in gesunder Liebe. Der Wille zur Vernichtung wird verherrlicht;
denn wer radikal denkt und fühlt und das Starke will, muß das Schwache
verwerfen. Soll der Weizen blühen, müssen wir das Unkraut ausjäten.
Und darum zerbricht Zarathustra die alten Tafeln, die Weichherzige
beschrieben haben, und stellt neue Tafeln auf, die bestimmen: »Das
Beste soll herrschen, das Beste _will_ auch herrschen! Und wo die Lehre
anders lautet, da -- _fehlt_ es am Besten.« Zu diesem Besten aber ist
dem Menschen auch sein Bösestes nötig.
Zarathustra ist reif für seine Früchte geworden. Nun erst ist ihm die
Kraft des Befehlenden gegeben, nun erst vermag er den Freunden seine
höchste Wahrheit zu verkünden, die da besagt: dieses Leben ist zugleich
dein ewiges Leben. Nicht Beifall und Zustimmung der Erkenntnis genügen,
sondern es bedarf der entschlossenen Tatkraft, um das ungeheuere,
unbegrenzte Ja- und Amensagen zum Leben in Wirksamkeit treten zu
lassen. Nicht der Geist allein, sondern der Mut zum eigenen Selbst
muß sprechen: »War _das_ das Leben? Wohlan! Noch einmal!« Auch der
Überwindung des Ekels bedarf es, damit der ewige Lebenswille bewußt
seinen Sieg feiere. Nun verkündet Zarathustra die Lehre der Ewigen
Wiederkunft des Gleichen. »Alles bricht, alles wird neu gefügt; ewig
baut sich das gleiche Haus des Seins. Alles scheidet, alles grüßt sich
wieder; ewig bleibt sich treu der Ring des Seins.«
Man achte darauf, wie oft in aller Beredsamkeit Zarathustras sich
nun die Sehnsucht des Dichters ankündigt, mit der Macht der Musik
zu sprechen und wie seine Sprache sich auf das innigste dem Klang
unmittelbar vermählt. »Mit Tönen tanzt unsere Liebe auf bunten
Regenbögen.« Er will den Singe-Vögeln das Singen ablernen und verkündet
seinen Tieren: »Daß ich wieder _singen_ müsse -- den Trost erfand ich
mir und diese Genesung.« Seine Tiere antworten ihm: »Sprich nicht
weiter, mache dir zuerst eine Leier zurecht, eine neue Leier.« Und er
spricht zu seiner Seele: »Aber willst du nicht weinen, nicht ausweinen
deine purpurne Schwermut, so wirst du singen müssen, o meine Seele! --
singen, mit brausendem Gesange, bis alle Meere still werden, daß sie
deiner Sehnsucht zuhorchen ...« Und nun folgt jener wunderbare »Das
andere Tanzlied« überschriebene Dithyrambus der in den unsterblichen
Tönen ausklingt:
O Mensch! Gib acht!
Was spricht die tiefe Mitternacht?
»Ich schlief, ich schlief --,
Aus tiefem Traum bin ich erwacht:
Die Welt ist tief,
Und tiefer als der Tag gedacht.
Tief ist ihr Weh --,
Lust -- tiefer noch als Herzeleid:
Weh spricht: Vergeh!
Doch alle Lust will Ewigkeit --,
-- will tiefe, tiefe Ewigkeit!«
Nietzsche hat uns später diese Worte dahin erläutert: so reich ist
Lust, daß sie nach Wehe durstet; weil sie sich selber will, darum will
sie auch Herzeleid! »Schmerz ist auch eine Lust, Fluch ist auch ein
Segen, Nacht ist auch eine Sonne!«
Aber selbst nach diesen Klängen fand Nietzsche noch eine Steigerung
in dem »Ja- und Amenlied: Die sieben Siegel« mit dem siebenmal
wiederkehrenden Refrain: »Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!«
So wurde im dritten Satz der Zarathustra-Symphonie der Ewigkeitsgedanke
zum herrschenden Leitmotiv.
Man behauptete immer wieder, zwischen der Lehre des Übermenschen und
der Lehre der Ewigen Wiederkunft klaffe ein Widerspruch. Aber dieser
schließt sich von selbst, wenn wir beides im Sinne Nietzsches in
symbolischer Bedeutung verstehen.
»_Der Übermensch ist unsere nächste Stufe._« In diesen Worten
Nietzsches ist gesagt, daß wir den Übermenschen nicht etwa nur als
Maximum im Menschen latenter Fähigkeiten zu betrachten haben, sondern
recht wohl als ein Ideal, das organisch und sozial zur Entfaltung
kommen soll, ohne daß durch seine Realisierung das ideale Streben sein
Ende erreicht. »Um die _Mitte der Bahn_ entsteht der Übermensch.« Er
bedeutet diejenige Stufe, auf welcher der Mensch sich selbst und dem
Leben in dem Maße gut wird, daß er Lust wie Leid bejaht; denn alle
Dinge sind verkettet. Diese unbedingte Lebensbejahung findet ihr Symbol
in der Lehre der Ewigen Wiederkunft.
Nicht das also entscheidet, daß diese Lehre als Dogma geglaubt,
sondern daß der Gedanke als eine Möglichkeit nicht nur ertragen
wird, sondern gewollt wird, um so den Ewigkeitswert alles Tun und
Lassens zu besiegeln. Wir haben es bereits ausgesprochen, daß diese
wesenhafte Bedeutung auch dann gewahrt bleibt, wenn wir nicht an
eine gleichmäßige Wiederholung, sondern an Wandlungen der andauernden
Schöpfung denken.
Ob wir uns diese Ewigkeitsbewertung als Kreis oder als Spirale
vorstellen, in beiden Fällen sind wir nicht etwa an die Lehre der
Metamorphose (der Seelenwanderung), wohl aber an die der Palingenesie
gebunden. Vortrefflich hat Schopenhauer beide definiert. »Sehr wohl
könnte man unterscheiden _Metamorphose_ als Übergang der gesamten
sogenannten Seele in einen anderen Leib -- und _Palingenesie_ als
Zersetzung und Neubildung des Individui, indem allein sein Wille
beharrt und die Gestalt eines neuen Wesens annehmend, einen neuen
Intellekt erhält.«
Sehr richtig sagt Oskar Ewald: »Der vulgäre Mensch sieht Phänomene
kommen und gehen, der höhere Mensch sieht seine Kontinuität hinter den
Phänomenen.« Dieser Glaube an eine Kontinuität wird durch Nietzsches
Lehre der Ewigen Wiederkunft symbolisiert.
Fragen wir uns zum Schlusse, welches ist also die Idee, die
in der Dichtung des »Zarathustra« als Wiederspiegelung einer
dionysisch-musikalisch empfundenen Willenskundgebung zum Ausdruck
kommt, so können wir sie imperativistisch in die Worte fassen: Fühle,
denke, wolle, handle so, daß unter der Oligarchie höherer Menschen eine
Kultur möglich wird, in der sich der harmonische Vollmensch, gesund an
Körper und Geist, der zum Gesetzgeber berufene Übermensch wurzelhaft
zu entwickeln vermag, der nicht des Ausblicks auf ein anderes Leben
bedarf, sondern _dieses_ Leben als sein ewiges Leben lebt und seine
höchste Bejahung in dem Verlangen findet: Ist dies das Leben? Wohlan
noch einmal! Denn ich liebe dich, o Ewigkeit!
Der Hoffende
Wenn ich mein Leben noch einmal beginnen sollte, so
würde ich ebenso leben, wie ich gelebt habe.
_Montaigne._
Der erste Teil des »Zarathustra« ist im Februar 1883 in Rapallo
geschrieben. »Die Schlußpartie wurde genau in der heiligen Stunde
fertig gemacht, in der Richard Wagner in Venedig starb.« Also am 13.
Februar. Der zweite Teil ist zwischen dem 26. Juni und dem 6. Juli des
gleichen Jahres in Sils-Maria geschrieben. »Im Sommer, heimgekehrt
zur heiligen Stelle, wo der erste Blitz des Zarathustra-Gedankens
mir geleuchtet hatte, fand ich den zweiten ›Zarathustra‹. Zehn Tage
genügten; ich habe in keinem Falle, weder beim ersten noch beim dritten
und letzten mehr gebraucht.« Der dritte Teil wurde Ende Januar 1884 in
Nizza geschrieben.
In zehn Tagen! Es fällt schwer, sich dies vorzustellen bei der
Fülle des Werkes, auch wenn wir uns sagen, daß gewiß Vieles längst
vorbedacht war. Zu ~Dr.~ _Paneth_ aus Wien äußerte Nietzsche einmal
zur Zeit, da der dritte »Zarathustra« entstand, er glaube in sich
dichterische Kräfte bis zu jedem Grade zu haben; er habe sie so lange
zurückgedrängt, daß er jetzt nur die Schleusen zu öffnen brauche.
Seine gleichzeitige Mitteilung, er wolle auch einige Kompositionen
fertigbringen und hinterlassen als Ergänzung seiner Schriften, denn er
könne in Tönen manches sagen, was in Worten nicht auszusprechen sei,
bestätigt die innige Verbundenheit von Wort und Musik bei Nietzsche.
Von der Entzückung, in der er seinen »Zarathustra« schuf, gewinnen wir
eine überzeugende Vorstellung, wenn wir in »~Ecce homo~« lesen, wie
er die Macht der Inspiration empfand. Nämlich als eine Offenbarung
in dem Sinne, daß plötzlich mit unsäglicher Sicherheit und Feinheit
etwas sichtbar, hörbar wird, was einen im tiefsten erschüttert, jede
Willkür und Wahl ausschließt und in Bild und Gleichnis unmittelbar den
nächsten, richtigsten, einfachsten Ausdruck darbietet.
Nur aus der Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit der schöpferischen
Intuition erklärt es sich, daß das Werk innerhalb einer Frist
entstehen konnte, die uns bei einem verstandesmäßig dem Bewußtsein
abgerungenen Werk als unmöglich erscheinen müßte. Und dies außerdem
unter der mißlichsten Ungunst der Verhältnisse. Gesundheitliche
Störungen, Schwierigkeiten mit dem Verleger, Ausbleiben sympathischer
Zustimmungen, zufällige Mißhelligkeiten verschiedenster Art vermochten
nicht den Fluß seiner Arbeit zu hemmen. Am schwierigsten aber erwies
sich dabei wohl, die zeitweise auftretende eigene _Depression_ zu
überwinden. Auch an Nietzsche trat, wie an andere Menschen, die
Versuchung heran, im Mitleiden eine Tugend zu sehen, der man seine
höhere Erkenntnis opfern müsse. Dann versuchte die Einsicht, daß
auch der Schaffenswille dem Willen zur Macht, also der Herrschsucht,
entstammt, ihm ein Halt zuzurufen; dann zweifelte auch er, ob es eine
»Pflicht zur Wahrheit« geben könne, da doch niemals die unbedingte
Richtigkeit feststehe. Zweifel überkamen auch ihn, den liebend
Hoffenden, ob, wer den Menschen den Genuß am Vorhandenen so gründlich
erschüttert, nicht damit die große Müdigkeit der Kulturmenschheit
noch mehre, statt sie zu heben, ob diese nicht an Kräften Einbuße
erleide, wenn er allem, was heute als Tugend anerkannt wird, die
Scheinherrlichkeit raube; denn das Leben bedarf der Illusionen. Aber er
überwand diese Versuchung, erfüllt von der Überzeugung, daß seine Lehre
der Menschheit das biete, was sie am nötigsten hat: _ein neues Ziel_!
Heute sind wir uns wohl darüber einig, daß Nietzsches Lehre dies
vermag. Gleichviel, ob wir als Individualisten es im harmonischen
Vollmenschen sehen, dem Gesetzgeber der Zukunft, der einen Gipfel
unserer Entwicklung bedeutet, oder ob wir als Gemeinschaftswesen den
Übermenschen nur als Blickpunkt werten, der uns die Richtung zu einer
höheren Kultur weist. Heute ja, aber damals beim Erscheinen seines
Werkes, da fand sich niemand oder doch fast niemand, der diesen Glauben
mit Nietzsche teilte. Kein Wunder also, daß Bedenken in ihm aufstiegen,
Versuchungen an ihn herantraten, die er nur durch die Stärke seines
Glaubens an sich selbst und seine Hoffnung auf die Zukunft überwinden
konnte. Der innere Kampf zwischen Zweifel und Hoffnung wurde für ihn zu
einem neuen Erlebnis. Diesem Erlebnis verdanken wir die Dichtung des
vierten »Zarathustra«.
Ursprünglich sollte er nicht als Schlußteil seines unsterblichen
Werkes erscheinen, sondern unter dem Titel: »_Mittag und Ewigkeit_«
mit dem Zusatz: »Erster Teil: Die Versuchung Zarathustras«. Zwei
weitere Teile sollten sich ihm anschließen, wozu wohl Dispositionen
vorhanden sind, jedoch ohne daß wir dadurch ein übersichtliches Bild
der geplanten Fortsetzung gewinnen. Wäre es Nietzsche vergönnt gewesen,
sie auszuführen, so besäßen wir ein selbständiges zweites Buch von
»Also sprach Zarathustra«. So aber lag es nahe, es nach seinem Tode
-- er hatte »Mittag und Ewigkeit« nur in einer kleinen Anzahl für
einige Freunde drucken lassen -- als _vierten_ Teil seinem Werke
einzuverleiben. Dieser vierte Teil ist im Winter 1884/85 in Mentone
geschrieben.
Wir verstehen ihn wohl dann am besten, wenn wir davon ausgehen, daß er
Nietzsches Überwindung der depressiven Versuchungen durch den festen
Glauben des _Hoffenden_ widerspiegelt. In der Zeit vor der Entstehung
des vierten »Zarathustra« schrieb Nietzsche die Worte nieder: »Um
schaffen zu können, müssen wir selber uns größere Freiheit geben, als
je uns gegeben wurde; dazu Befreiung von der Moral und Erleichterung
durch Feste (Ahnungen der Zukunft! Die Zukunft feiern, nicht die
Vergangenheit! Den Mythus der Zukunft dichten! In der Hoffnung leben!).
Selige Augenblicke! Und dann wieder den Vorhang zuziehen und die
Gedanken zu festen, nächsten Zielen wenden!«
Im vierten Teile steigt Zarathustra nicht abermals in die Täler hinab,
sondern »höhere Menschen« kommen zu ihm in ihrer Not. Wen bezeichnet
Nietzsche als _höhere Menschen_? Vor allem solche, die sich nicht an
dem Heute des Pöbels genügen lassen, die lieber verzweifeln als sich in
Resignation ergeben. »Daß ihr verachtetet, ihr höheren Menschen, das
machte mich hoffen. Die großen Verachtenden nämlich sind die großen
Verehrenden.« Ihr Leid, ihre Verzweiflung bedeuten für Zarathustra
eine Versuchung zum Mitleiden, das er nur schwer überwindet, ja dem
er zu unterliegen droht. Noch sind sie nicht auf ihrer Höhe, aber
sie sind unterwegs zur Höhe. Da ist der _Wahrsager_, der in seiner
Enttäuschung verkündet: »Alles ist gleich, es lohnt sich nichts, Welt
ist ohne Sinn, Wissen würgt.« Zarathustra aber widerspricht ihm: »Es
gibt noch glückselige Inseln.« Den beiden _Königen_, die es davor
ekelt, daß sie nicht die ersten _sind_ und es doch _bedeuten_ müssen,
belächelt er ihre Friedfertigkeit. Der _Gewissenhafte des Geistes_, der
als Gelehrter zwar eines gründlich wissen will, aber auf alles andere
verzichtet, kann ihm in seiner engen Genügsamkeit nicht genügen. Der
alte Zauberer und Künstler, der den _Büßer des Geistes_ spielt, der
der Bezauberer aller wurde, aber sich selbst entzaubert ist und nun
sehnsüchtig nach einem Großen sucht, heißt er gern bei sich willkommen,
aber wie sollte er ihm als groß und echt gelten?!
Sowohl der schwarze lange Mann mit einem hageren Bleichgesicht, der
_letzte Papst_, dessen schöne Hand, die immer Segen ausgeteilt hat,
Ehrfurcht verdient, und der in seiner Schwermut nach Trost sucht, wie
der _häßlichste Mensch_, der sich selbst und zugleich das Mitleiden
der Menschen verachtet, aber unter seiner rachsüchtigen Entrüstung
schwer leidet: bedürfen Zarathustras Hilfe. Sie alle verweist er für
den Abend in seine Höhle. Ebenso den _freiwilligen Bettler_, der seinen
Reichtum wahllos von sich warf, ohne die _Kunst_ des Schenkens zu üben,
denn er soll Stolz und Klugheit von Zarathustras Adler und Schlange
lernen. Und endlich Zarathustras _Schatten_, der viel schon hinter
ihm herging, der als sein Nachfolger immer unterwegs war, aber nicht
_sein_ Gebot fand: auch ihn kann er nur als Gast in seine Höhle laden,
nicht aber als gleichberechtigten Freund anerkennen. »Man vergilt einem
Lehrer schlecht, wenn man immer nur der Schüler bleibt.«
Haben wir so die Zarathustra aufsuchenden höheren Menschen als Typen
erschaut, so gelüstet es uns kaum, darüber belehrt zu werden, wer zu
einzelnen Zügen von ihnen Modell gestanden hat. Was liegt daran?! Ehe
ihre gemeinsame Begrüßung in Zarathustras Höhle erfolgt, beschenkt uns
Nietzsche wiederum mit einem unmittelbar aus der Musik erstandenen
Wortgesange, einem Schlaflied, »Mittags« genannt. Wie sich in jenem
Dithyrambus »Das andere Tanzlied« der Rhythmus der _Bewegung_ in Worten
entfaltet, so hier der Rhythmus allmählicher _Beruhigung_. »Scheue
dich! Heißer Mittag schläft auf den Fluren. Singe nicht! Still! Die
Welt ist vollkommen.« Wiederum gilt es, Hörer zu sein, Hörer des
Mittags und Hörer der Ewigkeit.
Als am späten Nachmittag Zarathustra zu seiner Höhle zurückkehrt,
wo er seine Gäste versammelt findet, liest er von neuem ihre Seelen
ab. Sie sind Verzweifelnde, aber sie haben erkannt: unsere Rettung
liegt bei Zarathustra. So gelten sie ihm als Vorzeichen, daß Bessere,
Höhere noch als sie kommen werden. Einer der Könige verkündet: Der
letzte Rest Gottes unter den Menschen ist zu Dir unterwegs. Das
ist: »alle die Menschen der großen Sehnsucht, des großen Ekels, des
großen Überdrusses. Alle, die nicht leben wollen, oder sie lernen
wieder _hoffen_ -- oder sie lernen von Dir, o Zarathustra, die _große_
Hoffnung«. Aber Zarathustra weiß, die Sehnsucht allein genügt nicht.
Er wartet: »auf Höhere, Stärkere, Sieghaftere, Wohlgemutere, Solche,
die rechtwinklig gebaut sind an Leib und Seele: _lachende Löwen_ müssen
kommen«. Das erst sind Menschen, bei denen starker Wille und heitere
Lebensbejahung sich vereinigen. »Was gäbe ich nicht hin, daß ich eins
hätte: _diese_ Kinder, _diese_ lebendige Pflanzung, _diese_ Lebensbäume
meines Willens und meiner höchsten Hoffnung!«
Das Fest des »Abendmahls«, das in Zarathustras Höhle gefeiert wird, ist
kein Fest der Demut und der Ermüdung, sondern ein Fest des Stolzes und
der Erhebung. Von den Schaffenden wird bei diesem Feste gesprochen,
die alles Trübsal-Blasen und alle Pöbel-Traurigkeit vergessen, die
tanzen lernen und lachen lernen. »Diese Krone des Lachenden, diese
Rosenkranzkrone: euch, meinen Brüdern, werfe ich diese Krone zu! Das
Lachen sprach ich heilig; ihr höheren Menschen, _lernt_ mir -- lachen!«
Wohl wissen seine Gäste zu lachen. Aber ihr Lachen ist noch nicht
_sein_ Lachen. Es entstammt der Parodie und Verhöhnung. Auch als
solches ist es ein Zeichen der Genesung und Befreiung, denn »nicht
durch Zorn, sondern durch Lachen tötet man«. Und auch aus der Narrheit
kann die Zufriedenheit mit dem Leben und der Wunsch aufsteigen, es noch
einmal zu leben. Daher darf ihnen Zarathustra mit dem »trunkenen Lied«
antworten, das sein Mitternachtslied »O Mensch! Gib acht!« tief und
doch zugleich übermütig umschreibt.
Gleichwohl bleibt bei ihrem Behaben für Zarathustra die Überzeugung
bestehen: das sind noch nicht meine rechten Gefährten. Sein Schritt am
Morgen ist für sie noch kein Weckruf. Wohl aber begegnen ihm Zeichen,
welche ihn sprechen lassen; »meine Kinder sind nahe, meine Kinder«!
Diese Hoffnung befreit ihn von den Gefahren der Versuchung durch Leid
und Mitleiden, sowie von der Gefahr, um des eigenen Glückes willen
auf sein Ziel zu verzichten. »Mein Leid und mein Mitleiden -- was
liegt daran! Trachte ich denn nach _Glücke_? Ich trachte nach meinem
_Werke_!« Mit diesem Gedanken schließt der vierte »Zarathustra« und
läßt uns noch einmal das Thema des ersten Satzes in der Erinnerung
aufsteigen: das Motiv des schöpferischen Willens, aber noch nicht die
Erfüllung selbst.
Die drei ersten Teile des Buches bilden ein in sich abgerundetes Werk;
der vierte Teil ist, wie wir bereits erwähnten, der Anfang eines
zweiten Buches, dem noch zwei Teile folgen sollten. Wie dachte sich
Nietzsche diese Fortsetzung? Nur Mutmaßungen auf Grund vereinzelter
Aufzeichnungen können uns auf diese Frage Antwort geben. Der Dichter
plante ursprünglich die Einführung _Panas_, welche Zarathustra liebt
und aus Mitleid den Dolch nach ihm zückt. »Im Augenblick wo sie den
Dolch führt, versteht Zarathustra alles und stirbt am Schmerz über
dieses Mitleiden.« Aber diesen Gedanken hat Nietzsche wohl fallen
lassen; denn er kehrt in den späteren Dispositionen nicht wieder.
Indem wir uns streng an seine hinterlassenen Aufzeichnungen halten,
wollen wir uns nunmehr ein Bild machen, wie sich Nietzsche wohl die
Fortsetzung des »Zarathustra« dachte. Die Lehre der Ewigen Wiederkunft
erweist sich zunächst als zerdrückend für die Edleren, ja scheinbar
sogar als ein Mittel sie auszurotten, so daß gerade die geringeren,
weniger empfindlichen Naturen übrigbleiben würden. Es erhebt sich
daher der Gedanke: »Man muß diese Lehre unterdrücken und Zarathustra
töten.« Zarathustra aber erwidert: Ihr kennt mich nicht. Ich gab euch
diese schwerste Last, daß die Schwächlinge daran zugrunde gehen.
-- Sanftmut und Milde sind Zeichen der noch nicht ihrer selbst
sicheren Kraft. Mit der Genesung Zarathustras von seinen Versuchungen
steht _Cäsar_ da, unerbittlich gütig -- zwischen Schöpfersinn,
Güte und Weisheit ist nunmehr die Kluft vernichtet. Helle und Ruhe
zeichnen Zarathustra aus. Keine übertriebene Sehnsucht beherrscht
ihn, sondern er sieht sein Glück im recht angewendeten _verewigten_
Augenblick. So erscheint er als der Typus, wie der Übermensch leben
muß, nämlich: wie ein epikuräischer Gott. Die »dionysische Welt des
Ewig-sich-selber-Schaffens, des Ewig-sich-selber-Zerstörens« bleibt an
Stelle einer utopischen Erfüllung Ziel und Inhalt seiner Lehre. Aber
die Züchtung der besseren Menschen verlangt schwere Opfer: Verlassen
von Heimat, Familie, Vaterland. Ein unentwegbares Leben unter der
Verachtung der herrschenden Sittlichkeit.
Große Menschen wollen sich hineingestalten in große Gemeinden. Man
beachte diesen kulturell wichtigen kommunistischen Zug! Sie wollen
_eine_ Form dem Vielartigen, Ungeordneten geben, es reizt sie, das
Chaos zu sehen und zu gestalten. Wer die Werte bestimmt und den Willen
von Jahrtausenden lenkt, dadurch daß er die höchsten Naturen lenkt, ist
der _höchste Mensch_. Von dieser Überzeugung erfüllt, ruft Zarathustra
zum Ringkampf auf und zur Verwendung der Macht, welche die Menschheit
präsentiert.