nicht im Sinne christlicher Einschätzung, sondern im Sinne _antiker_
Humanität. Die moderne Humanität, die nicht verstehen will, daß es
keine wahrhaft schöne Fläche ohne eine schreckliche Tiefe gibt, gilt es
durch eine deutsche Wiedergeburt der antiken Welt zu überwinden. Den
berufenen Führer im Kampf um diese Wandlung sah Nietzsche im _Genie_.
Hinweg mit dem stumpfen Widerstand gegen die Erzieher auf kulturellem
Gebiet, auf daß der deutsche Genius nicht länger entwürdigt und
entfremdet von Haus und Heimat lebe! So ungefähr lautete Nietzsches
Wahrspruch während seiner ersten Schaffensperiode, als er Schopenhauer
und Wagner verehrte.
Stand bisher das Genie, über alle Menschen hinausragend, als ideale
Erfüllung in der Perspektive seines Bildes der Zukunft, so erfährt
diese allerhöchste Schätzung nun einen Umschlag. Was die Welt Genie
nennt, erscheint Nietzsche mit einmal als Karikatur. Schmerzlicher
noch als die körperliche und geistige Unzulänglichkeit in der Welt
empfindet er die _Disharmonie_ im Wesen der Größten. Er nennt sie
Krüppel, die an allem zu wenig und an einem zu viel haben. Auch bei den
Ersten und Größten findet er »Menschliches, Allzumenschliches«, das es
nicht zu reformieren, sondern zu überwinden gilt. Glaubte er ehemals,
als Anhänger Wagners, an die unbedingte Macht der _Leidenschaft_,
so folgte nun, nach dieser hohen Schätzung des Dionysischen mit der
Verherrlichung der nächtlichen Tiefe im Wesen des Menschen, die
Lobpreisung Apolls. Damit begann eine neue Epoche in Nietzsches
Lebensanschauung.
Wir Kinder der Zukunft, ruft Nietzsche um jene Zeit aus, wie vermöchten
wir in diesem Heute zu Hause zu sein! Wir sind keine Humanitarier!
Wir reden nicht von unserer Liebe zur Menschheit! Die verlogene
Rassen-Selbstbewunderung, die besonders in Deutschland Ideale verengt,
ist ihm ein Greuel und er hält ihr zunächst das Wort entgegen: »_Wir
guten Europäer!_« Eine Ehrenbezeugung für uns verpflichtete Erben von
Jahrtausenden, aber kein letztes Ziel. Denn auch »Europa« bedeutet noch
eine Summe von kommandierenden alten Werturteilen, die uns in Fleisch
und Blut übergegangen sind und einer Höherentwicklung widerstreben. Und
so unterscheidet er auch noch von diesen kosmopolitischen Europäern in
abhebendem und ehrendem Sinn: _Heimatlose_, gleichsam als zweite Stufe
seiner Aszendenzlehre. Heimatlose sind ihm solche Kultur-Individuen,
die sich nicht nur jenseits von Gut und Böse stellen, sondern auch sich
bewußt abwenden von dem Verlangen nach einem menschlichen, mildesten,
rechtlichen Zeitalter, weil sie in diesem Verlangen den Ausdruck der
tiefen Schwächung und absinkenden Kraft sehen. Diese Heimatlosen
müssen, wenn sie ihre Lebensaufgabe richtig erkennen, sich nicht nur
als Freigebige und Reiche des Geistes fühlen, sondern als _Eroberer_.
Denn nur dann haben sie ein Recht, sich als heimatlos, als nicht mehr
zugehörig zu dieser humanitären Welt zu betrachten, wenn in ihnen das
Verlangen lebt »nach einer Verstärkung und Erhöhung des Typus Mensch«.
Wer entspricht dem Ideal dieser unzeitgemäßen, heimatlosen
Nicht-Humanitarier? Das Genie? Seine erkannte Disharmonie heißt
uns Nein sagen. Der positiv Erkennende? Nietzsches plötzliche
Verherrlichung der Wissenschaft an Stelle der Kunst scheint auf ihn
hinzuweisen. Aber bald gestand er sich: Nein, auch die Wissenden
haben des Volkes Karren gezogen, dem Aberglauben und nicht der
Wahrheit gedient. Und ist die Wahrheit selbst mehr als ein Restbestand
unwiderlegter Irrtümer? So gelangt Nietzsche zu der Frage: Ist
es vielleicht nur der _Unglaube_, jede Art Unglaubens, wofür die
Heimatlosen kämpfen? Aber da er nicht in der Verneinung noch im Zweifel
sein Genüge fand, so antwortet er als berufener Ja-Sager, als seine
dritte Schaffensperiode einsetzt: Das wißt ihr besser, meine Freunde!
das verborgene _Ja_ in euch ist stärker als alle Neins und Vielleichts,
an denen ihr mit euerer Zeit krank seid; und wenn ihr aufs Meer müßt,
ihr Auswanderer, so zwingt dazu auch euch ein _Glaube_.
Diese Sätze, die sich zumeist in den Nachlaßveröffentlichungen
befinden, entstammen einer Zeit, in der Nietzsche für das fernste,
höchste Ziel noch nicht das entscheidende Wort gefunden hatte, sondern
um einen Namen verlegen war. Wohl aber wird uns bereits Richtung
und Weg zu diesem neuen Ideal deutlich gewiesen: _Aufhebung alles
dessen, was der natürlichen Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten
entgegenstrebt_, und Ablösung des Zufalls durch eine Zusammenfassung
aller Kräfte zu diesem _neuen_ Zweck. Das feminine Ideal der
Mitleidsmoral ist dieser größten Erhöhung des Kraftbewußtseins, diesem
freudig bejahenden männlichen Ideal entgegengesetzt. Die Fürsorge der
Humanität ist nicht der Höherentwicklung als solcher gewidmet, nicht
der Gipfelung in seltenen Einzelnen, sondern ihre Fürsorge dient an
erster Stelle dem Glückseligkeitsstreben der Allgemeinheit, das immer
eine negative Fassung voraussetzt. Die Aspirationen der Kunst mit
ihrem Theaterschrei der Leidenschaft zielen nach dem Verschrobenen;
die Philosophie will Selbstentfremdung. Der Weg der modernen Humanität
führt daher nicht an ein Ziel, auf dem der Mensch _über_ sich selbst
hinauswächst, sondern zum resignierten, aus Klugheit friedsam mäßigen,
aller Umgebung anpassungsfähigen, behäbigen »_letzten Menschen_«, der
lange und langsam lebt. Also zu einem Ende ohne Ehre.
Diesem drohenden Niedergang gegenüber fordert Nietzsche, daß der
Mensch den Pfeil seiner Sehnsucht über den Menschen hinaussende, daß
er weniger ans Erhalten und Hegen denke, sondern daran, den Keim
seiner höchsten Hoffnungen zu pflegen, geleitet von der Erkenntnis:
der Mensch ist etwas, das überwunden werden muß. Die Wegrichtung
zur _Höherzüchtung_ der Menschheit ist damit von Nietzsche deutlich
gewiesen. Aber auch die Frage, wie wir uns praktisch die Aufgabe jener
als heimatlos bezeichneten Nicht-Humanitarier zu denken haben, bereitet
uns keine Schwierigkeit. Ihr kultureller Beruf ist die Gründung
einer _Oligarchie_ über den Völkern und ihren Interessen. Also eine
Vorherrschaft der _höheren_ Menschen, die wir uns jedoch nicht im Sinn
unserer bestehenden politischen Verhältnisse auszulegen haben.
Verlangte Nietzsche schon vom guten Europäer, daß ihn die Tapferkeit
von Kopf und Herz auszeichne, so erwartet er vom _höheren_ Menschen,
daß die erlangte Männlichkeit ihn das größte Maß von Macht über die
Dinge anstreben lasse; alles aus innerster Fülle und Notwendigkeit. An
die Stelle des alten Imperativs »Du sollst!« hat ein neuer zu treten:
das »Ich muß« des Übermächtigen, _Schaffenden_. Dieser Instinkt ist
nicht blind gedacht, sondern alles Tun soll Sinn bekommen. Er ist nicht
zügellos gedacht, denn der Befehlende soll seine Kräfte in der Gewalt
haben. Aber er ist auch nicht nachgiebig gedacht, denn der Schaffende
der neuen Werte darf humanitären Anwandlungen nicht unterliegen. Die
Herrscher-Tugend, die Züchter-Tugend ist die, welche auch über ihr
Mitleiden Herr wird, um des fernen Zieles willen.
Zahl und Mächtigkeit dieser Kraftentladungen bestimmen den Wert eines
Lebendigen. Wir haben uns diese Kraft nicht homophon zu denken; denn
der Mensch hat gegensätzliche Triebe und Impulse in sich großgezüchtet.
Wir erkennen mächtig gegeneinander treibende Instinkte und wir nennen
_den_ stark, der sie gebändigt umspannt. Der _höchste_ Mensch ist uns
einer, der die größte Vielheit der Triebe und in relativ größter Stärke
in sich vereinigt. Vermöge dieser Synthesis ist er der Herr der Erde.
Nur diese Art gesetzgeberischer Menschen ist zur typischen
Ausgestaltung des Menschen berufen. Sie sind die Bildner; und der
Rest ist, gegen sie gehalten, nur Ton. Wer die Werte bestimmt und die
auserwähltesten Naturen lenkt, ist der höchste Mensch. Dieses Idealbild
einer anzustrebenden Zukunft, dieser über alle Forderungen eines
menschlichen, mildesten, rechtlichsten Zeitalters, über alle moderne
Humanität hinausgewachsene Herr der Erde, der neue Werte nicht nur
findet und schafft, sondern vermöge seiner Stärke und Größe zum Gesetz
erhebt: _das ist der Übermensch_.
Der _Übermensch_ ist das Genie, das an keiner Disharmonie leidet, der
Weise, der keine Selbstentfremdung kennt, der Seher, der in keinen
Fanatismus verfällt, also ein Mensch, der trotz seiner intuitiven
Kraft, trotz seiner ethischen Ziele, trotz seiner Geistigkeit ein
_harmonischer Vollmensch_ bleibt. Nicht schwer, sondern leicht; denn
auch das Halkyonische ist als wesentlich zu dieser Größe gedacht.
Dem Übermenschen ist alles Wissen nur ein Mittel zum Schaffen. Aber
auch den Affekt des Schaffenden müssen wir uns als auf die Höhe
gebracht denken. »Nicht mehr Marmor behauen!« ruft Nietzsche. Der
Übermensch gestaltet _am Menschen selbst_ als Künstler.
Kein humanistisches Zeitalter kann auf die Hervorbringung dieser
höchsten Blüte der Männlichkeit hoffen, sondern nur eine höhere Kultur,
die einen höheren Typus Mensch entwickelt hat. Freilich: Erhöhung
des Typus bedeutet zunächst Erhöhung des Niveau. Aber darüber hinaus
gibt es noch eine letzte Steigerung: die Hervorbringung seltener
Einzelner, unter Kulturverhältnissen, in denen sie sich einzuwurzeln
vermögen. Erst wenn wir uns dieser Aszendenz bewußt sind, verstehen
wir, in welchem Sinn Nietzsche verkündete: Seht, ich lehre euch den
Übermenschen!
Steht das Genie im schärfsten Widerspruch zur Unkultur seiner Zeit und
deren Tendenzen, so haben wir im Gegensatz hierzu den Übermenschen
in seiner harmonischen Verbundenheit bei aller Ursprünglichkeit und
aller Gegenwirkung im einzelnen, _als naturgerechtes Produkt_ einer
zukünftigen höheren Kultur zu denken. Im Übermenschen vereinigen sich
harmonisch individuelle und kommunistische Kräfte: die kommunistischen
Kräfte einer zukünftigen Herrscherkaste. Hier liegt das Neue in
der Vorstellung Nietzsches gegenüber dem Genie- und Heroenkult
früherer Zeiten. Und hier liegt vor allem auch ein Vorzug, den die
Nietzschebekenner so wenig beachten: der, daß ihr Meister nicht im
Individualismus stecken blieb.
Die Gefahr des Mißverstehens liegt viel weniger dort, wo der
Übermensch allzu konkret in darwinistischem Sinne aufgefaßt wird,
als in der Verflüchtigung jeder definierbaren Vorstellung. Nein,
der Übermensch ist für Nietzsche nicht »nur ein Mahnruf«, nicht nur
die unendliche Möglichkeit einer Entwicklung oder ein Postulat in
Permanenz, sondern _ein ethisches Ideal_. Ein Ideal, das, wie jedes,
als Phantasieerzeugnis uns voranschwebt. Nichts, was zwischen Tür
und Angel steht, aber auch nichts, was die Ziellosigkeit zum Ziel
erhebt und gleichsam die Unendlichkeit der Entwicklung objektiviert,
sondern ein Bild, das unserer Vorstellungskraft auf einer bestimmten
Kulturstufe als _realisierbar_ gilt. Sagt doch Nietzsche ausdrücklich:
»Der Übermensch ist unsere nächste Stufe«.
War dieser höherwertige Typus noch niemals da? Gewiß, antwortet uns
Nietzsche, aber als ein Glücksfall, als eine Ausnahme, nicht als
_gewollt_. Man hat ihn als das Furchtbare empfunden und aus der Furcht
den umgekehrten Typus gezüchtet: »das Haustier, das Herdentier,
das kranke Tier Mensch, den Christ«. Nietzsche aber war schon früh
überzeugt, daß man durch glückliche Erfindungen das große Individuum
noch ganz anders und höher erziehen könne, als es bis jetzt durch die
Zufälle erzogen wurde. Er verkannte durchaus nicht, daß die Menschheit
heute eine ungeheuere Kraft moralischer Gefühle in sich hat, aber immer
mehr verschärfte sich seine Erkenntnis dahin, daß ihr das _Ziel_ fehle,
an dem alle Kraft verwendet werden könnte.
Wo liegt dieses Ziel? Im Gegensatz zu dem Amerikaner _Draper_, der
verkündete, große Menschen könne, ja dürfe es nicht mehr geben, blieb
Nietzsche bei seiner früh ausgesprochenen Überzeugung: »Das Ziel der
Menschheit liegt in ihren höchsten Exemplaren«. Er ging später so weit,
die Möglichkeit der Erzeugung einzelner großer Menschen als eigentliche
Aufgabe der Menschheit zu bezeichnen. »Dies und nichts anderes sonst.«
Können wir da auch nur einen Augenblick im Zweifel sein, daß für ihn
der Übermensch nicht etwa eine jedermann erreichbare Stufe, sondern
den höchsten Gipfel in der Perspektive der heute vorstellbaren Zukunft
bildete? Seine Forderung lautet niemals: Werde ein Übermensch! Sondern:
Trage bei zur Gestaltung einer Kultur, die die Möglichkeit des
Werdens einzelner großer Menschen erhöht, »handle so, als ob du den
Übermenschen aus dir erzeugen wolltest«.
Nietzsches Lehre bezweckt, daß das Fernste die Ursache des Heute werde.
Ob er vom Weibe verlangt, daß seine Hoffnung heiße: »Möge ich den
Übermenschen gebären,« oder ob er sagt: »Der Freund sei euch ein Fest
der Erde und ein Vorgefühl des Übermenschen«, immer klingt seine Lehre
in der Forderung aus: Ihr sollt _Vorfahren_ werden des Übermenschen.
Das ist die Aszendenzlehre Nietzsches.
Zarathustra ist nicht nur der Verkünder des Übermenschen, sondern er
lebt auch seine Lehre als Schaffender am Menschen. In diesem Sinne
wurde in Zarathustra der Begriff Übermensch höchste Realität; denn »in
einer unendlichen Ferne liegt alles das, was bisher groß am Menschen
hieß, _unter ihm_«.
Der Dichter
Wer weiß, ob nicht auch der Mensch wieder nur ein Wurf
nach einem höheren Ziele ist.
_Goethe._
Hüte dich Nietzsches tiefstes und persönlichstes Werk »_Also
sprach Zarathustra_« mit dem bloßen Verstande erkennen zu wollen!
Diese Mahnung sollte man jedem Leser zurufen. Denn in diesem Werke
spricht und singt ein Dichter. Wer mit den Augen zudringlich ist als
Erkennender, wie sollte der von allen Gründen mehr als ihre vorderen
Gründe sehen, gemahnt uns Nietzsche. »Manche Seele wird man nie
entdecken, es sei denn, daß man sie zuvor erfinde.« Das gilt nicht
nur von der Seele eines Menschen, sondern auch von der Seele einer
Dichtung. In jeder Mahnung, daß ein Kunstwerk erschaut, erfühlt, erlebt
werden müsse, liegt die Forderung, daß es in uns zeugen soll, damit die
nachschaffende Phantasie zu einem Gebilde von symbolischer Bedeutung
gelange.
Wenn man der Dichtung des »Zarathustra«, wie es meist geschieht, nur
poetisch umkleidete Lehrsätze entnimmt, so gelangt man nur zu den
Vordergründen, nicht aber zu der Seele. Läßt man dagegen Zarathustra
selbst und alle Gestaltungen des Werkes lebendig vor den Augen der
Phantasie erstehen, so erfaßt man gefühlsmäßig den mythischen Sinn.
Wir bedürfen keiner schulmeisterlichen Kommentare, wie _Naumann_ und
_Weichelt_ sie lieferten, um in den Geist des Werkes einzudringen.
»Also sprach Zarathustra« ist kein Lehrgebäude für Dogmatiker. Es ist
auch kein Roman, der unsymbolisch genossen werden kann. »Mich ekelt
davor, daß Zarathustra als Unterhaltungsbuch in die Welt tritt; wer ist
ernst genug dafür?« schrieb Nietzsche an Gast. Aber das Buch will auch
nicht als das Evangelium einer neuen geoffenbarten Religion verstanden
werden. »Hier redet kein Prophet, keiner jener schauerlichen Zwitter
von Krankheit und Willen zur Macht, die man Religionsstifter nennt.«
Es ist auch keine Predigt. »Hier redet kein Fanatiker, hier wird nicht
gepredigt.«
Was aber ist »Also sprach Zarathustra«? Nietzsche hat uns auf diese
Frage eine Antwort gegeben, der mehr als bildliche Bedeutung zukommt.
Er hat gesagt: »Man darf vielleicht den ganzen Zarathustra unter die
_Musik_ rechnen; -- sicherlich war, eine Wiedergeburt zu _hören_, eine
Vorausbedingung dazu.« Und schon früher, bald nach der Entstehung
des ersten Teils hatte er an Gast geschrieben: »Unter welche Rubrik
gehört eigentlich dieser Zarathustra? Ich glaube beinahe unter die
Symphonien.« Nach der Fertigstellung des dritten Teiles fragte er
den treuen Mithelfer: »Sind Sie zufrieden auch mit dem Finale meiner
Symphonie?« Und ein Jahr danach bezeichnete er mit den gleichen Worten
den vierten Teil in einem Briefe an Paul Heinrich _Widemann_. Aber
auch viel später, nämlich in seiner autobiographischen Skizze »~Ecce
homo~« heißt es: »Man muß vor allem den Ton, der aus diesem Munde
kommt, diesen halkyonischen Ton richtig _hören_, um dem Sinn seiner
Weisheit nicht erbarmungswürdig Unrecht zu tun«, und weiterhin: »Es
ist ein Vorrecht ohnegleichen, hier _Hörer_ zu sein.« Fast könnte
man von »Zarathustra« sagen, was Nietzsche einmal vom Buch eines
Musikers sagte: es sei nur zufällig nicht mit Noten, sondern mit Worten
geschrieben. Der Phönix Musik war mit »leichterem und leuchtenderem
Gefieder« an ihm vorübergeflogen, ehe er den »Zarathustra« dichtete.
»Die Musik ist die Melodie, zu der die Welt der Text ist«, sagt
Schopenhauer. Gehen wir unsererseits von der Welt, der dichterisch
erschauten Welt Zarathustras aus, so gilt es also, die Melodie zu
finden, zu der sie der Text ist. Da es uns nicht gegeben ist, sie
ertönen zu lassen -- eine solche Musik würde die erschöpfendste
Interpretation des »Zarathustra« sein --, so müssen wir versuchen,
durch das Wort wenigstens den wesenhaften Charakter der Melodie zu
erschließen.
Ich bin mir der Schwierigkeiten bewußt, die eine solche Betrachtung
bietet, aber ich wage sie trotzdem; denn Nietzsche selbst hat uns
den Weg gewiesen. In seinem frühesten Plane des Werkes stehen als
Disposition des ersten Buches die bedeutungsvollen Worte: »Im Stile
des ersten Satzes der Neunten Symphonie. ~Chaos sive natura~: Von der
Entmenschlichung der Natur.« Entmenschlichung der Natur will in diesem
Falle sagen: Rückkehr zu Dionysos, dem schöpferischen Willen der Natur,
der sich aus dem Chaos entwickelt.
Rufen wir uns nochmals das Bekenntnis Schillers in das Gedächtnis:
»Die Empfindung ist bei mir anfangs ohne bestimmten und klaren
Gegenstand; dieser bildet sich erst später. Eine gewisse _musikalische
Gemütsstimmung_ geht vorher, und auf diese folgt bei mir erst die
poetische Idee.« Diese Worte hat Nietzsche in der »Geburt der Tragödie«
zittert, um aus der ursprünglichen Identität des Lyrikers mit dem
Musiker die Entstehung der griechischen Tragödie zu erklären, in der
die Musik gleichsam _sichtbar_ wurde. Die dionysisch-musikalische
Verzauberung sprühte, von Apollo berührt, Bilderfunken um sich,
lyrische Gedichte, die in ihrer höchsten Entfaltung Tragödien und
dramatische Dithyramben heißen. So auch haben wir uns die Entstehung
des »Zarathustra« zu erklären.
Welche Sprache war einer solchen Dichtung gemäß? Man gefällt sich
noch immer darin, eine stilistische Verwandtschaft mit der Bibel zu
behaupten. Aber so zahlreich die Anklänge an einzelne Bibelworte sein
mögen, meist als Umkehrungen, es lag Nietzsche ebenso fern, stilistisch
von der Bibel auszugehen, als von ihrem Geist. Zarathustra ist nichts
weniger als eine Parallelerscheinung zu Jesus, wie Weichelt doziert,
sondern er ist aus dem Geiste der Antike entstanden. Welche Sprache
war also einer solchen Dichtung gemäß? Nietzsche selbst hat uns die
Antwort gegeben: »_Die Sprache des Dithyrambus_. Der Dithyrambus ist
ein Hoch- und Festgesang zu Ehren des Schöpferwillens der Natur, ein
Preisgesang zu Lob und Verherrlichung des Dionysos. Im dionysischen
Dithyrambus wird der Mensch zur höchsten Steigerung aller seiner
symbolischen Fähigkeiten gereizt.«
Wie haben wir »Also sprach Zarathustra« zu verstehen? Antwort:
_symbolisch_. »Alles was geschieht ist Symbol, und indem es vollkommen
sich selbst darstellt, deutet es auf das übrige,« sagt Goethe, der uns
immer wieder am sichersten in Nietzsches Geisteswelt einführt, wenn es
gilt, aus den Mysterienpfaden innerer Erlebnisse und Umkehrungen des
einsamen Philosophen mit ihm zu sonniger Höhe zu gelangen. Symbolisch
also und nicht dogmatisch haben wir »Zarathustra« zu verstehen. Es
bedeutet daher einen entschiedenen Fehlgriff, wenn Richard M. Meyer ihn
ein »dramatisch-didaktisches Epos« nennt.
Symbolisch verstanden, verkündet uns Zarathustra als notwendige
Voraussetzung für die Steigerung des Lebens: die _Zusammengehörigkeit_
von Lust und Leid und die Heiligsprechung dieses Bundes durch die
Liebe zur Ewigkeit. »Ich, Zarathustra, der Fürsprecher des Lebens, der
Fürsprecher des Leidens, der Fürsprecher des Kreises ...!« Mit diesem
Satz, sind die drei ersten Teile des »Zarathustra« gekennzeichnet,
aus denen ursprünglich das Werk bestand und auf die wir uns zunächst
beschränken.
Als Fürsprecher des Lebens, des zur Höhe des Übermenschen aufstrebenden
Lebens lernen wir Zarathustra im ersten Teile kennen. Als Fürsprecher
des Leidens, das im Schaffenden sich selbst überwindet, kehrt er
im zweiten Teil zu seinen Jüngern zurück. »Schaffen, das ist die
große Erlösung vom Leiden und des Lebens Leichtwerden. Aber daß der
Schaffende sei, dazu selber tut Leid not und viel Verwandlung.« Und als
Fürsprecher des Kreises bejaht er im dritten Teil Leid und Lust. »Alles
geht, alles kommt zurück; ewig rollt das Rad des Seins. Alles stirbt,
alles blüht wieder auf; ewig läuft das Jahr des Seins.«
Öffnen wir weit die Augen, um die Vision der Zarathustra-Symphonie
als Dichtung zu schauen! Wir sehen Zarathustra, den rüstigen Mann von
vierzig Jahren, als Wanderer vom Gebirge herabsteigen. Dorthin in
Vergessenheit trug er einstmals die Asche der fremden metaphysischen
Gedanken seiner Jugend. In der Bergeinsamkeit erstand ihm seine Lehre
vom schöpferischen Willen. Ihr Feuer bringt er nunmehr in die Täler.
Nicht zu den Gottesfürchtigen, für die der alte Gott noch lebt, denn
sie bedürfen seiner nicht, wohl aber zum Volke, das den alten Glauben
verloren hat. Ihm verkündet er: alle Wesen bisher schufen etwas über
sich hinaus. Auch der Mensch, der heutige Mensch ist etwas, das
überwunden werden muß. Seht ein Ideal über euch! Ich lehre euch den
Übermenschen! Aber das _Volk_ verlangt nach Glück im Behagen, das nur
im klugen Verzicht auf jedes höhere Wachstum erreicht werden kann.
Da erkennt Zarathustra: nicht zum Volke darf ich reden, um verstanden
zu werden, sondern nur zu einzelnen berufenen _Gefährten_. Ihnen
verkündigt er, daß der in Ehrfurcht tragsame Geist sich mit Löwenmut
zunächst sein »ich will!« erobern muß, dann aber noch einer weiteren
Verwandlung bedarf, damit eine neue erste Bewegung, ein heiliges
Ja-Sagen erstehe. Das Motiv der Entmenschlichung der Natur, ~chaos sive
natura~, ertönt in geheimnisvollen Akkorden. Es erheischt: _Rückkehr
zur Unschuld des Kindes_! Wie das Kind in Unschuld spielt, so muß das
Schaffen des Menschen, der neue Werte setzt, ein Spiel der Unschuld
sein. »Das schaffende Selbst schuf sich Achten und Verachten, es schuf
sich Lust und Weh. Der schaffende Leib schuf sich den Geist als eine
Hand seines Willens.«
Zarathustras Reden verweisen die Freunde auf die Gefahren, die dem
schöpferischen Willen drohen: durch Genügsamkeit, Verlästerung der
Natur und des Leibes, Verebbung der Tugend, Verflachung der Bildung
und auch durch Wachstum des Gutseins ohne gleichzeitige Kräftigung
der Triebe. Je mehr ein Baum hinauf in die Höhe und Helle will,
um so stärker müssen seine Wurzeln erdwärts streben, abwärts ins
Dunkle, Tiefe -- ins Böse. Das gleiche Motiv, das sich zu Anfang
verheißungsvoll aus dem Schöpfungsmotiv entwickelte, beschließt auch
den ersten Teil: »Tot sind alle Götter: nun wollen wir, daß der
Übermensch lebe.«
Also belehrt Zarathustra seine Jünger und läßt sie dann allein, damit
der ausgestreute Samen, unbeeinflußt durch ihn selbst, aufgehen möge.
Er wandert zurück in das Gebirge und in die Einsamkeit seiner Höhle.
Monde und Jahre vergehen. Eines Morgens aber kommt die Kunde zu ihm,
daß seiner Lehre Bildnis entstellt wurde und ihm der Verlust seiner
Freunde droht. Wiederum sehen wir ihn in die Täler hinabsteigen und
über weite Meere zu den glückseligen Inseln fahren, wo seine Freunde
wohnen.