Tat dessen Musik außerordentlich hoch eingeschätzt. Nicht nur deren
Heiterkeit, sondern auch die Geschlossenheit ihres Stiles entsprach
in hohem Grade dem, was er von der Musik der Zukunft erhoffte. Gasts
Kompositionen waren für ihn ein großes Labsal. Daß ihnen, objektiv
gewertet, nicht diese außerordentliche Bedeutung zukommt, ist jedoch
nicht zu bezweifeln. Die Wirkung auf das Publikum blieb seiner Musik
versagt. Aber Gast durfte sich damit trösten, daß sie ein gut Teil
ihres Zweckes trotzdem erfüllte, indem sie Nietzsche beglückte. Sie hat
damit mehr getan, als wenn sie, trotz der Begrenztheit ihres Wertes,
einem unbedürftigen Konzertpublikum flüchtige Unterhaltung gewährt
hätte.
Das mochte wohl Gast selbst empfunden haben. Denn als mein Freund
~Dr.~ Oskar _Grohé_ in Mannheim, der verdienstvolle Förderer Hugo
Wolfs, sich auf meine Anregung in späteren Jahren an Gast wandte, um
ihm den Konzertsaal zu erobern, da lehnte Gast dieses Angebot ab mit
der Begründung, daß er entschlossen sei, jeder öffentlichen Aufführung
seiner Werke zu widerstreben. Es genügte ihm, daß er für Nietzsche
nicht nur ein Freund -- »wahrer Freund meiner Freunde« -- geworden
war, sondern ihn auch als sein »~Maestro Pietro Gasti~« durch seine
Musik erfreut hatte. Er sah seine Lebensaufgabe darin, sich ganz
und gar Nietzsche und seinen Werken zu weihen. Und wahrlich, er hat
damit Großes geleistet. Er allein von dreien, die Nietzsche berufen
erachtete, aus Schülern und Jüngern Freunde zu werden, erwies sich
dieses Rufes würdig. Die beiden anderen, Lou _Salomé_ und auch Heinrich
_von Stein_, haben Nietzsche bitter enttäuscht. Alle drei hatte er in
seiner Einsiedler-Sehnsucht nach Freundschaft in ihren Fähigkeiten
überschätzt. Aber nur Gast hat diese Überschätzung verdient und in
stolzer Bescheidenheit noch am Grabe Nietzsches die Worte gesprochen:
»Wie _konnten_ wir deine Freunde sein? Doch nur, indem du uns
überschätztest.«
Der Enttäuschte
Was ihr niemals überschätzt,
Habt ihr nie besessen.
_Goethe._
»_Durch die tägliche Not sich und andere höher heben, mit der Idee der
Reinheit vor den Augen, immer als ein Exzelsor -- so wünsche ich mein
und meiner Freunde Leben._« Man veranschauliche sich, was dies heißt
und heischt. Dann wird man verstehen, wie leicht hierbei die Hoffnung
trügt und der Erfolg enttäuscht. Logisch vorgetragene Gründe überzeugen
unseren Verstand, mit Wärme dargestellte Gefühle gewinnen unser Herz,
beredt entfaltete Überzeugungen unterwerfen sich unsere Gesinnung, aber
mit solcher Macht auf Sinn und Seele einzuwirken, daß unser _Wille_
neue Bahnen einschlägt, das mag zu Zeiten religiöser Erhebung im Bann
der Suggestion als blinde Nachfolge in die Erscheinung treten, denn
alles Bestimmte hat (nach Burckhardt) ein Königsrecht gegenüber dem
Dumpfen, Unsicheren und Anarchischen, aber den Einzelnen _zu sich
selbst_ führen, daß er aus eigener Kraft nach einem hoch und fern über
ihn gestellten Ziel strebt, das verlangt nicht nur große autoritative
Kraft vom Führenden, sondern auch eine verwandte Artung bei dem hierfür
Ausersehenen.
Und eben nach solchen Fischen, und nur nach solchen warf Nietzsches
Sehnsucht die Angel aus. Er begrüßte es daher freudigst, als Rée und
Meysenbug ihm von einer jungen Finnländerin Lou _Salomé_ berichteten,
sie sei berufen, im schönsten Sinne seine Schülerin und Jüngerin zu
werden. Wenn die Schilderung ihrer persönlichen Erscheinung die ich
einem Freunde verdanke, zutrifft, so ging von ihr kaum jener Reiz
aus, der unmittelbar die Sinne gefangen nimmt. Aber das konnte
bei Nietzsche nur die Hoffnung stärken, daß dauernd ein schönes
freundschaftliches Verhältnis zwischen ihnen möglich sei. »Frauen
können recht gut mit einem Manne Freundschaft schließen; aber um diese
aufrechtzuerhalten -- dazu muß wohl eine kleine physische Antipathie
mithelfen.«
Die erste Begegnung fand bei seiner Rückkehr aus _Messina_ nach
Deutschland in _Rom_ in der Peterskirche statt. Lou Salomé erwies
sich in der Tat als eine außerordentliche Intelligenz. Sie folgte
seiner Einladung nach _Tautenburg_ in Thüringen, wo er mit seiner
Schwester den Sommer 1882 verbrachte. Sein Verkehr mit Salomé währte
etwa fünf Monate. Während dieser Zeit versuchte er, sie in seine
Lehre einzuführen. Die wenigen Briefe, die Nietzsche an sie schrieb,
enthalten einige Stellen überschwenglicher Freude. Wie hätte es ihn
auch nicht beglücken sollen, ihr Gedicht »An den Schmerz« zu lesen,
das er unter dem Titel »Hymnus an das Leben« ursprünglich für eine
Singstimme mit Klavierbegleitung und dann für Chor und Orchester in
Musik setzte. Nicht nur die Schlußverse, die das Leben anrufen und die
den Höhepunkt der Vertonung bilden:
Hast du kein Glück mehr übrig mir zu geben,
Wohlan noch hast du deine Pein!
sondern das ganze Gedicht atmet Nietzsches Geist. In diesen Versen hat
sein schöner Gedanke, auch durch die tägliche Not sich und andere höher
zu heben, einen edlen Nachklang gefunden. Entsprach das wahre Wesen der
Dichterin dieser Gesinnung, war das Gedicht mehr als intellektuelle
Anpassung und reproduktive Anempfindung, so war für Nietzsche wirklich
die berufene Schülerin gefunden.
Man hatte ihm, wie seine eigenen Worte bezeugen, Lou Salomé als ein
Wesen geschildert, das fast zu gut für diese Welt sei, eine Märtyrerin
der Erkenntnis von Kindesbeinen an, jedes Glück und jedes Behagen
des Lebens, ja die Gesundheit hingebend für das eine: Wahrheit. Als
vollkommen selbstlos und bewährt in einer langen Schule der Aufopferung
war sie ihm geschildert worden. Sein eigenes Urteil erkannte bald,
daß sie dieser Schilderung nicht entsprach. Aber vielleicht konnte
sie vermöge ihrer geistigen Anlagen so werden. Das wenigstens scheint
Nietzsche gehofft zu haben. »Wie arm sind Sie in der Verehrung, der
Dankbarkeit, der Pietät, der Höflichkeit, der Bewunderung -- von
hohen Dingen nicht zu reden ...« So schreibt man als Mann an ein
fünfundzwanzigjähriges Mädchen doch wohl nur dann, wenn man glaubt,
sie durch größte Offenheit erziehen zu können. Hierin aber irrte
sich Nietzsche. Ohne Zweifel besaß sie in hohem Grade die Fähigkeit,
die Lehren seiner positivistischen Periode zu verstehen, nicht aber
die Fähigkeit, seine Ideale zu _erleben_. Was ihm eine Frage seiner
wesenhaften Persönlichkeit war, blieb für sie nur eine Sache des
Intellekts. In einem Buche, das sie später als Frau Lou Andreas-Salomé
veröffentlichte, »Friedrich Nietzsche in seinen Werken«, ist der Satz
zu lesen: »Der _einzige_ wahrhaft wertbestimmende Unterschied zwischen
den Menschen liegt _ausschließlich_ in der Art und dem Grade ihres
intellektuellen Vermögens; die Menschen veredeln heißt demnach nichts
anderes, als _Einsicht_ unter sie tragen.«
Dieser Ausspruch ist bei seiner Einseitigkeit viel weniger für
Nietzsche charakteristisch -- auch wenn er nur für seinen Positivismus
gelten sollte -- als für die Schreiberin selbst. _Der einzige
Unterschied liegt im Intellekt!_ So urteilt nur ein Mensch, der kein
Gefühl für den Adel des Seins durch die Vererbung seit Generationen,
noch für die unbewußte Triebkraft des Wachsens und Werdens besitzt.
Damit hat sich nicht nur die Verfasserin selbst gerichtet, sondern
unbeabsichtigt auch in typischer Weise den Beweis geliefert,
daß ein Nietzsche nicht im Positivismus aufgehen, nicht in einer
Betrachtungsweise beharren konnte, die für eine solche Lebenswertung
immerhin Belege darbot. »Man soll das Leben auf das Sicherste,
_Beweisbarste_ hin einrichten: nicht wie bisher auf das Entfernteste,
Unbestimmteste, Horizontal-Wolkenhafteste hin.« Ein solcher Ausspruch
stand in Widerspruch zu dem wahren Wesen Nietzsches, das sich am
treffendsten gerade in seiner _Fernstenliebe_ aussprach, in deren
Perspektive der Übermensch steht.
Nietzsche hätte sich mit der Zeit von Salomé und von Rée losgelöst --
soviel dürfen wir schon mutmaßen -- auch ohne den Zwang der von außen
kommenden Enthüllungen, und zwar von dem Augenblicke an, da er sich
nicht mehr als der Don Juan der Erkenntnis fühlte.
Salomés Buch enthält manche geistreiche Auslegung. Es zeigt auch, daß
einzelne von Nietzsches Mahnungen, die er unter dem Titel »Zur Lehre
vom Stil« für sie niederschrieb, von ihr beherzigt wurden. »Das erste
was not tut, ist Leben: der Stil soll _leben_.« Ihre Gestaltungsgabe
ist durchaus nicht gering zu achten. Um so schlimmer, daß ihr das
intellektuelle Gewissen fehlt.
Wer so maßlos flunkert, nicht nur wo es sich um das eigene Verhältnis
zu Nietzsche handelt, sondern auch betreffs der Distanz zwischen
Nietzsche und Rée, verdient auch bei durchaus objektiver Prüfung
schärfste Zurechtweisung. Selbst wenn die Behauptung, daß sie
eine _bewußte_ Fälschung beging, als sie Nietzsches Aphorismus
»Sternenfreundschaft« auf Rée bezog, nicht zutreffen sollte, so
bedeutet dies jedenfalls, psychologisch betrachtet, einen groben
Mißgriff aus Oberflächlichkeit. Ob Lou Salomé tatsächlich mit Rée
über Nietzsches Ernst und begeisterte Hingebung an seine Ideale im
geheimen spottete, können wir nicht entscheiden, aber ihr Verhalten
spricht dafür. Ob die Anklagen, die Frau Förster gegen sie erhob
und die durch Frau Overbecks matte Verteidigung eher bekräftigt
als abgeschwächt werden -- sie selbst hat dazu geschwiegen -- in
vollem Umfang zutreffen, darüber haben wir nicht zu richten, aber
aus Nietzsches eigenen Worten gewinnen wir die Überzeugung, daß ihre
»Menschlichkeit« ihm ein Erlebnis bereitete, dessen Atmosphäre nicht
in den Stil seines Lebens hineinpaßte. Wie tief Nietzsche darunter
litt, bezeugt uns sein schmerzlicher Ausruf: »ein gräßliches Mitleid,
eine gräßliche Enttäuschung, ein gräßliches Gefühl verletzten Stolzes
quält mich -- wie halte ich's noch aus? Wo ist noch ein Mensch, dem man
vertrauen, den man verehren könnte!« Es wurde ihm unmöglich gemacht,
seinem Grundsatze zu folgen: »Wo man nicht mehr lieben kann, da soll
man -- vorübergehen«, denn die Verletzung seines Stolzes verlangte eine
scharfe Zurechtweisung durch ihn. Sie ist Lou Salomé in den Worten
zuteil geworden: »Ich mache Ihnen heute nichts zum Vorwurf, als daß Sie
nicht zur rechten Zeit über sich gegen mich aufrichtig gewesen sind.
Ich gab Ihnen in Luzern meine Schrift über Schopenhauer -- ich sagte
Ihnen, daß da meine Grundgesinnungen drin stünden und daß ich glaubte,
es würden auch die Ihrigen sein. Damals hätten Sie lesen und Nein!
sagen sollen (in solchen Dingen hasse ich alle Oberflächlichkeit) --
es wäre mir viel erspart geblieben! Ein solches Gedicht, wie das ›An
den Schmerz‹ ist in Ihrem Munde eine tiefe Unwahrheit.« Er war eifrigst
bestrebt, die Erinnerung an sie in seinem Leben durchzustreichen; denn
»Ihr dürft nur Feinde haben, die zu hassen sind, aber nicht Feinde zum
Verachten. Ihr müßt stolz auf euere Feinde sein«.
Ganz anders verhält es sich mit einer zweiten Enttäuschung, die
Nietzsche zwei Jahre später erfuhr, als er abermals hoffte, einen
befähigten Jünger zu gewinnen, in dem seine Lehre fortleben sollte.
Bereits im Jahre seiner Bekanntschaft mit Lou Salomé schickte
Nietzsche an _Heinrich von Stein_, der ihn in Leipzig aufgesucht aber
nicht angetroffen hatte, die »Fröhliche Wissenschaft«. Er erhielt als
Gegengeschenk von ihm zwölf Gespräche zugesandt, die Stein unter dem
Titel »Helden und Welt« mit einem Briefe Richard Wagners als Vorwort
veröffentlichte. Mehrere Briefe wurden gewechselt, durch die sich beide
bald näherkamen.
Heinrich von Stein war Nietzsche nicht _geist_verwandt. Geistverwandt
war er viel eher Richard Wagner, von dem er auf Empfehlung von Malwida
von Meysenbug als Hauslehrer berufen wurde. In Wagners Sinne, wohl auch
auf dessen Anregung schrieb er den Aufsatz, »Shakespeare als Richter
der Renaissance«. Der Geist der Reformation, nicht aber der Geist der
Renaissance, wie bei Nietzsche entsprach Steins Gesinnung. Ursprünglich
Theologe, im Christentum erzogen, löste er sich vom Dogma los, nicht
aber von der Moral des Christentums.
»Kopf und Herz müssen zusammenklingen, wenn es einen Akkord geben
soll.« Das ist ein charakterisierendes Wort Steins. Er meinte es
mit dieser Forderung ernst und ehrlich. Damit bewies er seine
_Wesens_-Verwandtschaft zu Nietzsche. Stein litt schwer unter den
Dissonanzen des Lebens, dem Widerspruch von Wahn und Wirklichkeit. Ein
solcher Mensch, eng befangen im Mitleiden, voll ritterlicher Gesinnung,
zum großen _freien_ Gehorsam geschaffen, harrte des berufenen Führers.
Die Umstände führten ihm diesen in Richard Wagner zu. Er war ihm tief
ergeben, wie ich mich einmal selbst überzeugen konnte. Es geschah bald
nach der ersten Aufführung des »Parsifal«. Die Patrone der Festspiele
hielten in Bayreuth eine Versammlung ab. Der Verein hatte seine
Aufgabe, soweit es ihm möglich war, erfüllt und sollte sich auf Wagners
Wunsch auflösen. Man sprach hin und her. Da fuhr eine edle schlanke
Erscheinung in die Höhe und rief in die Versammlung etwa folgendes
hinein: »Was soll das alles?! Hier gilt es doch nur _eine_ Frage zu
beantworten: Soll der Verein sich auflösen oder nicht? Wagner sagt ja,
wollen Sie nein sagen?« -- Nach diesen wenigen Worten nahm Stein wieder
seinen Platz ein; aber sie genügten, um Klarheit in die Verhandlung zu
bringen.
Das war in der Tat eine aufrechte entschiedene Persönlichkeit, wie sie
ein Genius als Jünger bedarf, damit sein Wille radikal verwirklicht
werde. Aber dieser Mann gehörte Wagner an. Für immer? Das war die
Frage, die Nietzsche beschäftigte. In seinem ersten Brief an Stein
stehen die Worte: »Man hat mir erzählt, daß Sie, mehr als jemand
sonst vielleicht, sich Schopenhauern und Wagnern mit Herz und Geist
zugewendet haben. Dies ist etwas Unschätzbares _vorausgesetzt,
daß es seine Zeit hat_.« Da Stein sich im Banne des Pessimismus
unglücklich fühlte und sehnsüchtig Aussprüche tat wie: »Freude
ist die Leidenschaft, durch die wir besser werden. So viel du dir
und anderen Freude stiehlst und verdirbst, daran tust du Sünde«,
durfte sich Nietzsche wohl berufen fühlen, Stein aus dem Banne der
Schopenhauerschen und Wagnerschen Metaphysik zu befreien, und sich der
Hoffnung hingeben, daß er _ihm_ vorbehalten sei.
Er sprach Stein zunächst seine Verwunderung darüber aus, daß er in
seinen Dichtungen lauter Probleme der Grausamkeit wähle und nicht nach
einer Höhe strebe, von wo aus gesehen das tragische Problem unter uns
liegt. Er bekannte ihm: »Ich möchte dem menschlichen Dasein etwas
von seinem herzbrecherischen und grausamen Charakter _nehmen_.« Noch
hielt er es nicht an der Zeit, ihn zu den Tiefen und Höhen seiner
Lehre zu führen. Aber das wenige, was er ihm mitteilte, genügte, um in
Stein die Ahnung zu erwecken, daß der Ruf zur Befreiung aus seinen
selbstquälerischen Gedanken an ihn ergangen sei, und daß er dort, als
der »Mutige, der sich vor seinem tiefsten Inneren nicht zu schämen
hat«, das finden dürfte, was ihm am meisten not tat: »das Vertrauen
zu dem eigenen Atem«. Und so reiste er nach Sils-Maria, nicht um des
Engadins, sondern um Nietzsches willen.
Die drei Tage, die er dort im August 1884 verbrachte, bedeuteten
für ihn und Nietzsche ein Erlebnis, wie es sich selten ereignet.
Hier fanden und verstanden sich zwei Menschen, die miteinander --
_lachen_ konnten. Das Wort buchstäblich und symbolisch genommen. Stein
schrieb begeisterte Ausrufe in sein Tagebuch: »Großartiger Eindruck
seines freien Geistes, seiner Bildersprache!« Auch Nietzsche war
auf das tiefste ergriffen. Nur mit einem solchen Menschen konnte er
moralische Probleme besprechen. Bei den anderen lese er so leicht in
den Mienen, daß sie ihn mißverstehen und nur das Tier in ihnen sich
freut, eine Fessel abwerfen zu dürfen. »Stein ist eine stolze und reine
Herrennatur; er paßt nicht zu diesen niederen Sklavenseelen.«
Stein beklagte es, seinen Besuch nicht länger ausgedehnt zu haben,
denn »in der Tiefe lauscht und wacht eine unendliche Sehnsucht nach
wirklichem freien Leben«. Nietzsche antwortete ihm tief beglückt, von
geheimen Hoffnungen erfüllt: »Von nun an sind Sie einer der wenigen,
deren Los im Guten und Schlimmen zu meinem Lose gehört.« Ebenso
entschieden erwiderte ihm Stein: »Daß ich Ihnen nichts geben kann,
was Sie nicht reicher und besser schon besäßen, ist ja ganz offenbar.
Was also kann ich Ihnen bringen: treues herzliches _Mitgehen_ und
_Verstehen_. Und hiermit sei alles gesagt.« Was noch zu sagen übrig
blieb, das schien sich fast dem Worte zu entziehen. Aber Nietzsche
fand auch hierfür den Ausdruck in einem seiner schönsten Gedichte
»_Einsiedlers Sehnsucht_«, das er für Stein dichtete und ihm als Brief
zusandte. Er beklagte vor Stein das Unverständnis der alten Freunde für
seine neuen Ziele und ließ zum Schluß an ihn, den neuen Freund, den
warmen Ruf ergehen:
O Jugendsehnen, das sich mißverstand!
Die ich ersehnte,
Die ich mir selbst verwandt-verwandelt wähnte --
Daß _alt_ sie wurden, hat sie weggebannt:
Nur wer sich wandelt, bleibt mit mir verwandt!
O Lebens-Mittag! Zweite Jugend-Zeit!
O Sommer-Garten!
Unruhig Glück im Steh'n und Späh'n und Warten!
Der Freunde harr' ich, Tag und Nacht bereit: --
Der _neuen_ Freunde! Kommt! 's ist Zeit! 's ist Zeit!
Stein war ohne Vermögen und an seinen Beruf gebunden. Es ist uns daher
begreiflich, daß er nach Empfang von Nietzsches Gedicht erwiderte:
»Wiederum auf einen _solchen_ Anruf bliebe mir nur eine Antwort:
zu kommen; mich dem Verständnis des Neuen, was Sie zu sagen haben,
zunächst einmal ganz und gar als einem edelsten Berufe zu widmen. Dies
ist mir versagt.«
Nietzsche mochte diese Antwort beklagen, aber sie war nicht dazu
angetan, seine Freundschaft für Stein zu erschüttern. Anders freilich
stand es um die Worte, die folgten. Nietzsche hatte ihm unausgesprochen
gesagt: Löse dich von Wagner, komme zu mir! Und was antwortete ihm
Stein? Er antwortete ihm: Verlasse du dich und komme zurück zu Wagner!
So und nicht anders mußte Nietzsche Steins überraschende Aufforderung
verstehen, nach Berlin zu kommen und sich an Steins »Wagner-Lexikon«
durch Mitarbeit zu beteiligen.
Die Erklärung für eine solche Zumutung liegt darin, daß Stein wenn
nicht im Auftrage, so doch -- wie ich aus persönlichen Mitteilungen
weiß -- unter Mitwissenschaft Wahnfrieds nach Sils-Maria gereist war,
in der Hoffnung, Nietzsche wieder für Bayreuth zu gewinnen. Dort hatte
er sich ganz dem Zauber Nietzsches hingegeben, aber nun aus der Ferne
erinnerte er sich wohl wieder jener ursprünglichen Absicht. Er hatte
Nietzsche bewundernd verehrt, aber seine _Blickkraft_ (ein von ihm
selbst geprägtes Wort) war doch nicht groß genug gewesen, um ihm die
unvergleichliche Selbstherrlichkeit Nietzsches zu offenbaren, sonst
hätte er ihm eine solche Kärrnerarbeit im Dienste Bayreuths unmöglich
zugemutet.
Hatte Lou Salomé Nietzsche eine Enttäuschung bereitet, weil ihre
Menschlichkeit nicht auf der Höhe ihres Intellektes stand, so bereitete
ihm Stein eine Enttäuschung, weil seine Erkenntnis nicht auf der Höhe
seiner Menschlichkeit stand. Wer Steins Schriften liest, wird auch
dann, wenn er mit seinen Gedanken einer anzustrebenden »Kultur des
Gefühls« sympathisiert, doch kaum den Zweifel abwehren können, ob Stein
geistig so hoch stand, wie Nietzsche wohl annahm. Er war »ein ganz
ernster Mensch«, aber die radikale Erkenntnis für die Unvereinbarkeit
sich aufhebender Gegensätze war ihm nicht gegeben. Jedenfalls noch
nicht in jener entscheidenden Stunde. Nietzsches Seele war abermals
auf das schmerzlichste verwundet. »Was hat mir Stein für einen dunklen
Brief geschrieben! und das als Antwort auf ein solches Gedicht! _Es
weiß niemand mehr, wie er sich benehmen soll!_«
Ist das Lou-Erlebnis bedeutsam, weil es uns zeigte, welcher Sphäre
Nietzsche _nicht_ angehörte, so ist das Stein-Erlebnis typisch für die
Schicksale eines Denkers, dessen Größe ihn zur Einsamkeit verurteilte.
~Amor fati!~ Auch dieses Mal blieb Nietzsche diesem Worte treu. Das
für Stein bestimmte Gedicht erhielt nicht nur einen neuen Titel »_Aus
hohen Bergen_«, sondern auch sein Schluß erfuhr eine Umarbeitung. Der
trotz aller schmerzlichen Erfahrungen immer wieder zum Leben Ja-Sagende
feierte die _Erfüllung_ seiner Einsiedlersehnsucht als Fest der Feste.
Nicht in Stein hatte er den so innig ersehnten Genossen gefunden,
sondern er schuf ihn sich einzig aus sich selbst.
Freund _Zarathustra_ kam, der Gast der Gäste!
Nun lacht die Welt, der große Vorhang riß,
Die Hochzeit kam für Licht und Finsternis ...
Der Seher
Was einer werden kann, das achte ich für »klein«,
Was einer »niemals wird«, das mag sein Höchstes sein.
_Übelacker._
Wir haben den Grundsatz befolgt, nur Überschriften zu wählen, die
Nietzsche selbst bezeichnen. Wir müssen es uns daher versagen,
dieses Kapitel »_der Übermensch_« zu nennen, so lebhaft sich auch
die Versuchung einstellt. Als Seher hat Nietzsche den Übermenschen
erschaut, als Dichter hat er den Verkünder des Übermenschen, hat er
Zarathustra geschaffen.
Die Popularisierung durch unberufene Deuter hat die Kristallisation
der Idee in unserer Vorstellung weit mehr gehemmt als gefördert. Mag
der Industrielle beim Übermenschen an eine brutale Energie denken, die
sich, ledig jedes Gewissenszwanges, über das Niveau der bürgerlichen
Geschäftsbetätigung erhebt, oder der literarisch und historisch
Gebildete sich etwas wie eine Addition von Goethe und Napoleon
vorstellen, so ist damit der Sinn der Nietzscheschen Lehre ebensowenig
in ihrem Kern getroffen wie durch die naturwissenschaftliche
Auffassung des Übermenschen als Vertreters einer künftigen Überart
in darwinistischem Sinn. Aber auch dort, wo man solche willkürlichen
Auslegungen bekämpft, weil man tiefer in das Verständnis des einsamen
Philosophen eingedrungen ist, fehlt es an einer endgültigen Antwort auf
die Frage: Was verstand Nietzsche unter dem Übermenschen?
Die Schwester und Biographin Nietzsches schreibt: »Das Wort Übermensch
erscheint mir nur als ein zusammenfassender Ausdruck für den höchst
gearteten und stärksten Menschen, als eine Bezeichnung für Wesen,
die uns das Dasein rechtfertigen.« Also als ein Superlativ. Eine
Erklärung, die uns die unterscheidende Gegensätzlichkeit zum Begriff
Mensch vermissen läßt. Für Peter Gast ist der Übermensch ein Symbol,
das für verschiedene Menschen verschiedene Deutungen zuläßt, für
Oskar _Ewald_ dagegen kein Symbol, sondern eine Emanation. Aber auch
Ewald gelangt, obwohl er den Sinn des Übermenschen im historischen
Menschen, der Vergangenheit und Zukunft verbindet, zu finden glaubt,
zu dem Verlegenheitsausspruch: »Der Übermensch ist bei Nietzsche
selber nicht _eins_, sondern ein schillerndes Allerlei, nicht klar
abgehoben, sondern buntfarbig und polyphon. Der ostelbische Junker,
der Franzose des ~ancien régime~, Napoleon, Goethe, Cesare Borgia, der
hellenische Philosoph und der römische Cäsar streiten um den gleichen
Anspruch.« Vielleicht liegt die Schuld an dieser Undeutlichkeit
»eines schillernden Allerlei« weniger bei Nietzsche als bei seinen
Interpreten, unter denen mir Ewald als der bedeutendste gilt.
Um zunächst den Spuren der Entstehung nachzugehen, dürfen wir uns nicht
auf Nietzsches unmittelbare Aussprüche beschränken, sondern müssen den
Gedankengang verfolgen, auf dem sich allmählich das Bedürfnis nach
einer Bezeichnung einstellte, die aus dem gewohnten Wortschatz nicht zu
decken war und ihn das Wort »Übermensch« wählen ließ. Kommen wir so zu
einer Vorstellung, die durch kein anderes Wort erschöpft würde, dann
(aber auch nur dann) dürfen wir unsere Aufgabe als bewältigt betrachten.