auch der von ihm so oft angegriffenen Religion des Mitleidens die
_Mitfreude_ entgegenhalten. Man hat zwar mit gutem Willen und bester
Gesinnung, aber doch mit Unrecht versucht, seinen scharfen Worten
gegen das Mitleiden die Spitze abzubrechen, indem man gleichsam zur
Entschuldigung sagte, Nietzsche sei weichherzig und allzu sensibel
gewesen, er habe daher für sich selbst der Mahnung bedurft: werde hart!
um nicht am Mitleiden zugrunde zu gehen; wie man überhaupt gern die
Subjektivität seiner Lehre betonte, die sozusagen Lebensvorschriften
umfasse zugunsten seines Wunsch-Ichs, nicht aber seinem eigentlichen
Wesen entspräche. Aber solche subjektive Erklärungen sind nur soweit
zulässig, als dadurch die objektive Bedeutung seiner Lehre und sein
Radikalismus nicht verkleinert werden.
Wohl versagte sich Nietzsche nicht im Leben dem praktischen Mitleiden,
wo er dadurch einen Schmerz mildern konnte; aber eine solche
Hilfsbereitschaft steht in keiner Weise in Widerspruch mit seiner
Abwehr der Gefahren des intellektuell verherrlichten Mitleids. Ist das,
frug er sich, woran wir am tiefsten und persönlichsten leiden, nicht
fast allen anderen unverständlich und unzugänglich, wird unser Leiden
nicht immer zu flach ausgelegt? Es gehört zum Wesen der mitleidigen
Affektion, daß sie das fremde Leid des eigentlich Persönlichen
entkleidet. Meist liegt etwas Empörendes in der intellektuellen
Leichtfertigkeit, mit der da der Mitleidige das _Schicksal spielt_.
Er will helfen und denkt nicht daran, daß es eine persönliche
Notwendigkeit des Unglücks gibt. Und nun gar das Mitleiden mit sich
selbst, diese »Religion der Behaglichkeit«, die da nicht weiß, daß
Glück und Unglück Zwillinge sind, die miteinander groß wachsen, oder
aber wie bei den Behaglichen miteinander -- klein bleiben.
Wie oft ist es leichter, dem Mitleiden nachzugeben, statt sich ihm zu
verschließen, wo es gilt auf dem eigenen Wege zu beharren in gewollter
Unwissenheit über das, was den Zeitmenschen als das wichtigste dünkt.
Helfen? Ja! Aber dort nur, wo man auf Grund verwandter Art sich in
die bestehende Not wahrhaft einfühlt und sie versteht. Helfen auf
die Weise, auf die man auch sich selbst am besten hilft: die Freunde
mutiger, aushaltender, einfacher, fröhlicher machen! Also das lehren,
was jetzt so wenige verstehen und jene Prediger des Mitleidens am
wenigsten: -- _die Mitfreude_!
Auch Goethe fragte: »Vermagst du, wenn deiner Freunde innere Seele von
einer ängstigenden Leidenschaft gequält, vom Kummer zerrüttet ist,
ihnen einen Tropfen Linderung zu geben?« und antwortete: »Du vermagst
nichts auf deine Freunde, als ihnen ihre Freude zu lassen und ihr Glück
zu vermehren, indem du es mit ihnen genießest!«
Nietzsche hat durch seine mächtige Betonung der Mitfreude gewiß schon
vielen Menschen die Widerstandskraft gegen die Unbilden des Lebens
gestärkt. Wer seine Gedanken sich einverleibt, wird gewissermaßen immun
gegen die Gefahren der Depression. Schicksalsschläge vermag niemand
abzuwenden. Aber indem wir die Freude in der Welt mehren, erhöhen
wir die Fähigkeit, Leiden ungebrochener und würdiger zu tragen. Daß
Nietzsches Lebensbejahung nicht im Sinne eines zügellosen »Auslebens«
zu verstehen ist, das erst zu beweisen, erscheint heute kaum mehr
erforderlich. Wie sollte er, der so eifrig darauf aus war, unserem
Leben den Stempel der Ewigkeit aufzudrücken, in seiner Verherrlichung
der Lebensfreude auch nur von ferne an den Taumel flüchtiger Menschen
in gemeinem Genuß gedacht haben! Nur wen der heilige Ernst erfüllt, der
ihn mit der Ewigkeit verknüpft, erwirbt sich die Tiefe, aus der allein
wahre Freude und heiterste Lebensbejahung aufzusteigen vermag.
Man hat mich oft gefragt, welches Werk von Nietzsche ich als dasjenige
empfehle, das man in erster Linie lesen solle. Ich empfehle die
»Fröhliche Wissenschaft«. Es ist nicht nur »das liebenswürdigste Buch«
Nietzsches, sondern auch dasjenige, das am unmittelbarsten Freude
bringt und also in den Geist seiner Lehre einführt. »Ich will immer
mehr lernen, das Notwendige an den Dingen als das Schöne sehen: -- so
werde ich einer von denen sein, welche die Dinge schön machen. _~Amor
fati~_: das sei von nun an meine Liebe!«
~Amor fati~, als Liebe zum Schicksal, das war die Verkündigung, die
zugleich auch ihm, dem schwer Leidenden, nicht nur Trost bereitete,
sondern auch den Mut und den Stolz stärkte, in keiner Lebenslage
zu verzweifeln. Der nur ist der wahre Jünger Nietzsches, der ihm
hierin nicht die Nachfolge versagt. Wenn wir unser persönliches
Ungemach aufbauschen, beklagen und beseufzen, wäre es auch nur im
Selbstgespräch, so vermehren wir damit die Verdrossenheit und zumeist
auch die das Leben vergiftende moralische Entrüstung. Wie leicht müssen
wir alle unser privates Ungemach finden, sobald wir es wägen mit dem
Gewicht der schmerzerfüllten wahrhaftigen Fernstenliebe Nietzsches.
Sein Genius lehrte ihn, überpersönlich das große Leid der Menschheit
in sich aufzunehmen, um der Verdüsterung des Lebens durch kleines Leid
entgegenzuwirken. Nicht damit er den Opfertod suche, sondern trotz
alledem und alledem zu leben wisse und durch den Stolz des Ertragens
und weise Sinngebung ewiger Bedeutung den Wert des Lebens in Freude
wandle, erfüllt von dem tapferen Entschlusse: »alles in allem und
großem: ich will irgendwann einmal nur noch ein Ja-Sagender sein!«
-- Das letzte Buch der »Fröhlichen Wissenschaft« ist ebenso wie
die Vorrede der zweiten Auflage erst vier Jahre später entstanden.
Wohl schließt es sich in seinen Gedankengängen den ersten Teilen
unmittelbar an, doch erkennen wir aus ihm, wie recht wir hatten, in
der »Fröhlichen Wissenschaft« einen Übergang aus den Eisgefilden
analytischer Wissenschaft auf den fruchtbaren Boden Werte bestimmender
Philosophie zu erwarten. Mit bewußter Entschiedenheit spricht der
Philosoph es nunmehr aus, daß die großen Probleme sich nicht von denen
fassen lassen, die sie nur mit den Fühlhörnern des kalten neugierigen
Gedankens antasten. »Die Selbstlosigkeit hat keinen Wert im Himmel und
auf Erden; die großen Probleme verlangen alle die _große Liebe_, und
dieser sind nur die starken, runden, sicheren Geister fähig, die fest
auf sich selber sitzen.«
Auch das Verlangen nach Gewißheit, »welches sich heute in breiten
Massen wissenschaftlich-positivistisch entladet«, wird nur als Instinkt
der Schwäche bezeichnet. Der Spezialist kommt bei fast allen Büchern
von Gelehrten irgendwo zum Vorschein, und »jeder Spezialist hat
seinen Buckel«. Aber auch dieser Verneinung wird sofort von Nietzsche
ehrfürchtig als Bejahung die Wertschätzung jeder Art Meisterschaft und
Tüchtigkeit zur Seite gestellt.
Die Kunst tritt wieder in die Rechte ihrer Beachtung ein. Auch die
Kunst, wie die Philosophie, setzt Leidende voraus. Aber es gibt
zweierlei Leidende, solche die an der _Verarmung des Lebens_ leiden und
um Erlösung von sich oder Berauschung suchen, und solche, die an der
_Überfülle des Lebens_ leiden und darum eine dionysische Kunst wollen
und ebenso eine tragische Ansicht und Einsicht in das Leben. Eine
Kunst dieses Ursprungs, in der der Wille zum Verewigen aus Dankbarkeit
und Liebe kommt, wird immer eine Apotheosenkunst sein, »dithyrambisch
vielleicht mit Rubens, selig-spöttisch mit Hafis, hell und gütig mit
Goethe und einen Homerischen Licht- und Glorienschein über alle Dinge
breitend«.
Neben den Problemen des Lebens, der Erkenntnis, des Bewußtseins, der
Religion und der Moral -- schon wird »Jenseits von Gut und Böse«
genannt, und wiederum der »Wille zur Macht« erwähnt -- vernehmen
wir Klänge, die den Zarathustra präludieren. Der Halkyonier, der
Heimatlose, der gute Europäer, der freie Geist, der Gottlose und die
Argonauten des Ideals stehen dem Humanitarier und dem modernen Menschen
gegenüber und künden uns als Vorläufer des Übermenschen die Erhöhung
des Typus Mensch an. Das Ideal »eines menschlich-übermenschlichen
Wohlseins und Wohlwollens, das oft genug unmenschlich erscheinen
wird«, steigt in der Perspektive auf, und zwar ganz und gar im Geiste
der Verheißung, welcher die »Fröhliche Wissenschaft« erfüllt, als
freudigste schöpferische Lebensbejahung.
Der Freund
Freundschaft kann sich bloß praktisch erzeugen,
praktisch Dauer gewinnen. Neigung, ja sogar Liebe
hilft alles nichts zur Freundschaft. Die wahre, die
tätige, produktive besteht darin, daß wir gleichen
Schritt im Leben halten, daß er meine Zwecke billigt,
ich die seinigen, und daß wir so unverrückt zusammen
fortgehen, wie auch sonst die Differenz unserer Denk-
und Lebensweise sein möge.
_Goethe._
Wir besitzen kein Generalregister zu Nietzsches Werken. Das
Nietzsche-Archiv trug sich mit der Absicht, es auszuführen, kam aber zu
der Erkenntnis, daß diese Aufgabe kaum in befriedigender Weise zu lösen
sei. Eher wäre vielleicht ein Nietzsche-Lexikon zu denken, in der Art
wie _Frauenstädt_ sein Schopenhauer-Lexikon zusammenstellte. Richard M.
_Meyer_ hatte ein solches geplant, starb aber vor seiner Ausführung.
Freilich, auch ein Wörterbuch bliebe ein zweckloses Unterfangen, wenn
es nur das Gerippe von Nietzsches Philosophie darböte. Wir können
bei Nietzsche nicht der seelischen Schwingungen entbehren, die sich
in Wort, Ton und Farbe seiner Aphorismen offenbaren, nicht die Musik
seiner Sprache, die sie unserem Gefühlsverständnis übermittelt.
Nun, auch ohne ein solches Hilfsbuch dürfen wir hoffen, daß uns kein
wesenhafter Ausspruch seiner Ansichten über die Freundschaft entgeht.
Nicht systematisches Suchen, wohl aber instinktives Finden muß sie uns
zuführen; denn wo es nicht an der Einfühlung fehlt, da erweist sich
»Majestät Zufall« stets als huldvoll.
Der Glorienschein, der heute die Geschlechtsliebe umgibt, verdankt
sich dem christlichen Mittelalter. Die Antike kannte ihn nicht. Um so
höher schätzte sie die Freundschaft. Und wie die Antike, so tat auch
Nietzsche. Zur Zeit da er mit Vorliebe analysierend dem triebhaften
Ursprung der Gefühle nachging, sah er in der Liebe vor allem den Drang
nach neuem Eigentum. Der Liebende will den unbedingten Alleinbesitz
der von ihm ersehnten Person, er will allein geliebt sein und als
das Höchste und Begehrenswerteste in der anderen Seele wohnen und
herrschen. Wie kann man also in der Liebe den Gegensatz des Egoismus
sehen?! Wohl aber, sagt Nietzsche, gibt es hier und da auf Erden eine
Art Fortsetzung der Liebe, bei der jenes habsüchtige Verlangen zweier
Personen nach einander »einem _gemeinsamen_ hohen Durste nach einem
über ihnen stehenden Ideale gewichen ist: aber wer kennt diese Liebe?
wer hat sie erlebt? Ihr rechter Name ist _Freundschaft_«. -- »Die Liebe
_vergibt_ dem Liebenden sogar die Begierde«, heißt es ein andermal.
Aber das bestätigt uns nur, daß Nietzsche nicht die Begierde, auch wo
sie sublimiert als Liebe erscheint, für das Höchste galt, sondern die
Freundschaft, und zwar die Freundschaft, die aus dem Sehnen nach einem
gemeinsamen Ideal erwächst. Ja, wer hat sie erlebt? Er mußte schon nach
der Antike ausschauen, um Beispiele ihrer höchsten Einschätzung zu
finden.
Daß das Gefühl der Freundschaft dem Altertum als das höchste Gefühl
galt, höher selbst als der gerühmteste Stolz der Selbstgenügsamen und
Weisen, dafür wird von Nietzsche als Beweis die Frage angeführt, die
jener mazedonische König stellte, als ein weltverachtender Philosoph
Athens sein Geschenk zurückwies: »Wie? hat er denn keinen Freund?«
Denn mit dieser Frage wollte der König sagen: »ich ehre diesen Stolz
des Weisen und Unabhängigen, aber ich würde seine Menschlichkeit noch
höher ehren, wenn der _Freund_ in ihm den Sieg über seinen Stolz
davongetragen hätte. Vor mir hat sich der Philosoph herabgesetzt, indem
er zeigte, daß er eines der beiden höchsten Gefühle nicht kennt -- und
zwar das höhere nicht«.
Vielleicht dachte Nietzsche schon an diese Anekdote, als er in der
»Morgenröte« bemerkte, nur in der Antike wäre der Einwand gegen das
philosophische Leben möglich gewesen, daß man mit ihm seinen Freunden
_unnützlich_ werde. Dieser Einwand wäre nie einem Modernen gekommen.
Denn wir haben nur die idealisierte Geschlechtsliebe aufzuweisen,
während alle großen Tüchtigkeiten der antiken Menschen darin ihren
Halt hatten, daß Mann neben Mann stand. Charakteristisch für sein
Ideal einer männlichen Kultur tut Nietzsche den Ausspruch: »Vielleicht
wachsen _unsere_ Bäume nicht so hoch, wegen des Efeus und der Weinreben
daran.«
Unter den Menschen, die eine besondere Gabe zur Freundschaft
haben, unterscheidet Nietzsche zwei Typen. Der eine fortwährend
Aufsteigende findet für jede Phase seiner Entwicklung einen genau
zugehörigen Freund, der andere übt eine Anziehungskraft auf sehr
verschiedene Charaktere und Begabungen aus, so daß er einen ganzen
Kreis von Freunden gewinnt, die auch unter sich in freundschaftliche
Beziehungen treten. »Der beste Freund wird wahrscheinlich die beste
Gattin bekommen, weil die gute Ehe auf dem Talent zur Freundschaft
beruht.« Die gute Ehe ist für Nietzsches hohe Auffassung vor allem
eine Seelenfreundschaft zweier Menschen verschiedenen Geschlechts.
»Mitfreude -- nicht Mitleiden macht den Freund.« Der Mangel an Freunden
läßt auf Neid und Anmaßung schließen. Sowohl sklavische als tyrannische
Naturen besitzen keine Freunde. »Bist du ein Sklave? So kannst du
nicht Freund sein. Bist du ein Tyrann? So kannst du nicht Freunde
haben.« Sehr fein ist die psychologische Erkenntnis, daß Mangel an
Vertraulichkeit unter Freunden ein Fehler ist, der nicht gerügt werden
kann, ohne unheilbar zu werden. Leute, welche uns ihr volles Vertrauen
schenken, haben dadurch noch keinen Anspruch auf das unsrige; denn
»durch Geschenke erwirbt man kein Recht«.
Sah Nietzsche die Geschlechtsliebe nicht in der idealistischen
Beleuchtung, an die wir uns gewöhnt haben, so hatte er doch --
im Gegensatz zu Schopenhauer -- auch keine Veranlassung, sie zu
verlästern. Er hat wohl nie unter der Übermacht des sexuellen
Triebs heftig gelitten. So ward es ihm leicht -- denn »Grad und Art
der Geschlechtlichkeit eines Menschen reicht bis in die letzten
Gipfel seines Geistes hinauf« -- sich auch in den Fragen des
Geschlechtsverkehrs die größte Freimütigkeit zu bewahren und jede
»Verteufelung der Natur« abzuwehren. »Was ist Keuschheit am Manne?«
fragt er einmal und antwortet: »Daß sein Geschlechtsgeschmack vornehm
geblieben ist; daß er in ~eroticis~ weder das Brutale, noch das
Krankhafte, noch das Kluge mag!« Wie groß er jedoch von jeder wahren
Liebe dachte, auch wenn sie sich außerhalb der Sitte stellte, besagen
uns seine Worte: »Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits
von Gut und Böse.«
Diese Erkenntnis ließ ihn mit den modernern französischen Romanciers
sympathisieren. Er hat _Bourget_, _Loti_, _Meilhac_, Anatole _France_,
_Lemaître_ als delikate Psychologen gewürdigt; _Merimée_ stand ihm
außerdem vermöge seines ehrlichen Atheismus nahe. Besonders hoch aber
schätzte er _Stendhal_, dessen Ausspruch: »~Dans le vrai Amour c'est
l'âme qui enveloppe le corps~« er als das züchtigste Wort bezeichnete,
das er je gehört habe.
Selten begegnen wir im Leben Nietzsches Zeiträumen, in denen die
Liebe zu einer Frau Einfluß auf ihn gewann. Seine Schwärmerei für den
»blonden Engel« Hedwig Raabe wurde bereits erwähnt; gedenken wir noch
seiner jugendlichen Begeisterung für eine liebenswürdige Berlinerin
Fräulein Anna _Rethel_, mit der er einige Zeit musizierte, so bleibt
uns eigentlich nur noch der Hinweis übrig, daß er sich während der
Bayreuther Festspiele in eine schöne Französin, Mdme. O. verliebte
und an sie Briefe voll persönlichem Reiz schrieb; denn seine spätere
Neigung zu einer Holländerin ging wohl kaum tief. Ihre Ablehnung
seines Heiratsantrags, der offenbar etwas unvermittelt erfolgte, hat
ihn jedenfalls nicht erschüttert.
Um so größer ist die Zahl der Namen, wenn wir der Frauen gedenken,
für die Nietzsche freundschaftliche Gefühle hegte, obwohl er als das
»einzige Weib größeren Stiles« Frau _Cosima Wagner_ anerkannte. Er
schätzte sie nicht nur als die erste Stimme in Fragen des Geschmacks,
sondern nannte sie auch später noch die bestverehrte Frau, die es
für sein Herz gab, und die sympathischste Frau, der er im Leben
begegnet sei. So in einem Briefe an _Malwida von Meysenbug_, seine
»mütterliche Freundin«, deren innige Zuneigung zu ihrer Pflegetochter
Olga von Herzen ihn eines der schönsten Motive erahnen ließ: »das der
Mutterliebe ohne das physische Band von Mutter und Kind«, als eine der
herrlichsten Offenbarungen der Caritas. Ihr mütterlich-liebevolles
Wesen und ihr Idealismus galt ihm als ein Spiegel für jeden tüchtigen
Menschen. Aber wenn er sie auch einmal »die beste Freundin der
Welt« nennt, seine Beziehung zu ihr wies nur während der Zeit der
Wagnerverehrung die Gemeinsamkeit eines hohen Zieles als Voraussetzung
der vollkommenen Freundschaft auf. Es mangelte ihr als »Idealistin«
letzten Endes die Tiefe der tragischen Erkenntnis, ohne die es jeder
Freude an Wurzelkraft fehlt. Seitdem Nietzsche in seiner Höhe wandelte,
war es eigentlich nur noch der Dank für warme Anteilnahme an seinem
Leben, der ihre Beziehungen andauern ließ.
So wertvoll vorübergehend die Beziehungen zu Frau Geheimrat _Ritschl_,
Frau Professor _Overbeck_, Frau Marie _Baumgartner_ und Verehrerinnen
aus dem Bayreuther Kreise für Nietzsche sein mochten, so anregend
sich der Verkehr mit geistvollen Frauen verschiedener Nationen in
Sils-Maria gestaltete, von Freundschaft im hohen Sinne Nietzsches
kann dabei ebensowenig die Rede sein wie gegenüber Meta _von Salis_,
die Erinnerungen an ihn veröffentlichte, welche eine Einfühlung in
seine aristokratische Gesinnung aufweisen, oder bei Freifrau _von
Ungern-Sternberg_, welche mit feinem psychologischen Verständnis
Graphologisches über seine Handschrift veröffentlichte. Die Gattin
seines Freundes von Seydlitz wirkte auf Nietzsche so sympathisch, daß
er sich einmal als Gattin ein tapferes kleines Wesen ~à la~ _Irene
Seydlitz_ wünschte. Dem Ideale einer Freundschaft kam unter den Frauen,
mit denen er verkehrte, tatsächlich die Schwester am nächsten. »Eine
Schwester ist für einen Philosophen eine sehr wohltätige Einrichtung,
vorzüglich wenn sie heiter, tapfer und liebevoll ist.« Daß es auch im
Verkehr mit ihr zuzeiten Mißhelligkeiten gab, das einzusehen bedarf
es für uns nicht erst Bernoullis Polemik, sie selbst hat wiederholt
auf solche verwiesen. Aber sie war, wie eine Französin von ihr sagte,
»~espiègle~«. Seine Verneinung der optimistisch genügsamen Umwelt,
seine Bejahung einer im Ideal erschauten Wirklichkeit spiegelte sich in
ihren Gefühlen und Gedanken, so daß die örtliche Trennung von ihr durch
ihre Auswanderung nach _Paraguay_ mit ihrem Gatten ~Dr.~ _Förster_ für
Nietzsche ein schwerer Verlust war.
Mutter, Schwester und Fräulein von Meysenbug blieben mit Eifer
bestrebt, für Nietzsche eine würdige Frau zu finden; denn so ernstlich
er sich selbst ein gutes Weib wünschte, seine philosophischen
Lebensziele galten ihm stets mehr als die persönlichen Lebenswünsche;
bekennt er doch: »Man hat immer etwas Nötigeres zu tun als sich zu
verheiraten: Himmel, so ist mir's immer ergangen.« Viel Geist galt bei
einer Frau für ihn immer noch sehr wenig. Eher wollte er sich noch mit
einer guten wirtschaftlichen Gattin begnügen, sie müsse jung sein,
_sehr_ heiter, _sehr_ rüstig und _wenig_ oder gar nicht gebildet.
Einmal, als ihm auf einem Spaziergang ein reizendes braunäugiges
Mädchen begegnete, deren herzliches Lachen ihn an seine Schwester
gemahnte, und das ihn sanft wie ein Reh anschaute, da wurde es ihm
warm ums Herz. »Gewiß, es würde mir wohltun, etwas so Holdes um mich
herum zu haben -- aber würde es ihr wohltun? Würden sie meine Ansichten
nicht unglücklich machen und würde es mir nicht das Herz brechen
(vorausgesetzt, daß ich sie liebte), ein so liebliches Wesen leiden zu
sehen?«
Gegenüber solchen Bedenken mußte eine Entschließung schwerfallen.
Zu einer Heirat aber nach der Wahl Goethes -- auch daran dachte er
einmal -- konnte es wohl deshalb nicht kommen, weil hierzu Nietzsches
Sinnlichkeit nicht stark genug war. So beharrte sein Bedürfnis nach
Aussprache und Gemeinsamkeit im idealen Streben nach Freundschaft.
Nietzsche hat während jeder Epoche seines Lebens warmherzige Freunde
besessen. Nach den ersten Jugendgenossen Pinder und Krug, in
Schulpforta: Deussen, von Gersdorff, _Mushacke_. Als Student außer
seinem Lehrer Ritschl vor allem Erwin Rohde. Dann während seiner
Lehrtätigkeit in Basel außer Wagner und Burckhardt Overbeck und den
Kantianer ~Dr.~ Heinr. _Romundt_. Nach seiner Loslösung von Wagner:
~Dr.~ Paul Rée, Freiherrn von Seydlitz und Peter Gast. Daneben
feinsinnige Versteher und Verehrer in den Musikern Carl _Fuchs_ und
Hans _von Bülow_, in Georg _Brandes_, Carl _Hillebrand_, Max _Heinze_,
Hugo _von Senger_, Hippolyte _Taine_ und anderen.
Gerade weil die meisten seiner Freunde selbstherrliche Persönlichkeiten
waren, konnten sie nicht mit Nietzsche jene Metamorphosen durchmachen,
die sich bei ihm so radikal als Erlebnisse vollzogen. Am meisten hat
ihn wohl Rohde geliebt. So traf es Nietzsche besonders schwer, daß
auch Rohde, mit dem er sich in jungen Jahren in voller Harmonie bei
seinen idealen Zielen wußte, ihm bei seinen Wandlungen nicht folgte.
Mochte die Welt stumm bleiben, weil seine Lehre noch nicht zu ihrem
Ohre drang, wenn nur das Echo der Freunde nicht fehlte. An diese dachte
er, wenn er schrieb, sie bestimmten sogar seinen Stil nach der von
ihm aufgestellten Regel der doppelten Relation. »Der Stil soll _dir_
angemessen sein in Hinsicht auf eine ganz bestimmte Person, der du dich
mitteilen willst.« Er vermißte Rohdes Zustimmung um so schmerzlicher,
weil auch sein Briefwechsel mit Freund Gersdorff eine Unterbrechung
erfuhr, als er bei einem Zerwürfnis des Freundes mit Malwida von
Meysenbug deren Partei ergriff. So blieb ihm zu einer Zeit, da er der
zustimmenden Begeisterung der Freunde am meisten bedurfte, einzig und
allein Peter Gast.
Heinrich _Köselitz_ -- der den Namen Peter Gast annahm -- hörte seit
1875 in Basel, obwohl er sich in der Musik ausbildete, Nietzsches
Vorlesungen, nachdem er sich schon früher durch die »Geburt der
Tragödie« und die »Unzeitgemäßen Betrachtungen« für ihn begeistert
hatte. Schon in Basel erwies er sich ihm hilfreich, indem er die vierte
Unzeitgemäße Betrachtung für ihn abschrieb. Später, bei Nietzsches
zunehmender Kurzsichtigkeit, schrieb er oft nach dessen Diktat, las
die Korrekturen seiner Schriften und erfreute den Einsamen durch sein
Klavierspiel. Längere Zeit zögerte Nietzsche trotzdem, ihn tiefer in
seine Philosophie einzuführen. Er war überzeugt, wie eine Briefstelle
bekundet, daß diese bereits große Reife voraussetze. »Heinrich von
Stein ist noch zu jung für mich. Den würde ich verderben. Gast _hätte_
ich bald verdorben, ich habe tausend Rücksichten gegen ihn nötig.«
Erst beim Korrekturenlesen lernte Gast den »Zarathustra« kennen und
schrieb Nietzsche einen begeisterten Brief voll feinem Verständnis.
Nun erst wurde der stets dienstbereite Schüler und Jünger, dieser Mann
»mit dem goldenen Herzen und dem ausdrucksvollen Musikerkopfe« (von
Ungern-Sternberg) sein Freund. Nietzsche blieb darauf bedacht, ihn
nicht seinem eigentlichen Berufe zu entziehen. Mancherlei, was Gast
musikalisch ausführte, ist auf Nietzsches Anregung zurückzuführen,
der es nie an ermunterndem Lob fehlen ließ. »Die Einsamen werden ohne
frohen ermutigenden Zuruf leicht düster, verlieren ihre Tüchtigkeit
und ihre Werke mit ihnen.« Auch praktisch suchte er ihn möglichst zu
fördern, so als er sich bei Hans von Bülow um die Aufführung von Gasts
Oper »Der Löwe von Florenz« bemühte.