Befragen wir die Briefe Nietzsches aus der Zeit nach der Loslösung vom

Lehramte in Basel über den äußeren Verlauf seines Lebens, so erfahren

wir, daß er den Winter 1879 auf 1880 in _Naumburg_ bei sehr schlechter

Gesundheit verbrachte, aber trotzdem an Malwida von Meysenbug schrieb:

»Kein Schmerz vermochte und soll vermögen, mich zu einem falschen

Zeugnis über das Leben, _wie ich es erkenne_, zu verführen.« Immer

lebhafter erwachte in ihm die Sehnsucht nach Süden und Sonne. Sie

führte ihn von Naumburg nach _Riva_ und dann nach _Venedig_. Venedigs

wunderbarer Zauber gab ihm neue Schaffensfreude. »Hundert tiefe

Einsamkeiten bilden zusammen die Stadt Venedig -- dies ihr Zauber.« Als

ihn die Sommerhitze und die Mosquitos aus der Lagunenstadt vertrieben,

entschied er sich für eine leider erfolglose Kur in _Marienbad_.

Wer Nietzsches Briefe liest, erlebt mit ihm Kämpfe, die Herz und

Hirn unter schweren körperlichen und seelischen Leiden miteinander

ausfechten, ehe der Geist seine Siege und Überwindungen erzielt.

Besonders in Marienbad bedrückte es ihn schwer, daß er durch die

Neuheit seiner Gedanken und ihre radikale Fassung die Sympathie so

mancher ehemals vertrauter Menschen verlor, an deren Liebe ihm doch so

viel gelegen war. Manchmal nach sympathischen Unterhaltungen, auch mit

wildfremden Menschen, übermannte ihn das Gefühl, daß es wohl töricht

sei, Recht haben zu wollen um den Preis von Liebe. Dann drängte es auch

ihn, der so tapfer jedes Seelenleid in sich verschloß, zur Klage, daß

er den wenigen Menschen seines persönlichen Umgangs sein Wertvollstes

nicht mitteilen könne, um nicht die Sympathie aufzuheben.

Von Marienbad begab er sich im Frühherbst wiederum zu Mutter und

Schwester nach Naumburg und dann nach _Stresa_ am Lago Maggiore, um

endlich in _Genua_ die »Morgenröte« zu vollenden. Das gewitterreiche

Frühjahr 1881 verbrachte er in _Ricoaro_ bei Vicensa. Es erwies sich

für sein Befinden höchst ungünstig. Um so beglückender gestaltete

sich sein Sommeraufenthalt im Engadin. Entdeckte er doch nunmehr »den

lieblichsten Winkel der Erde«, das »heroische Idyll« _Sils-Maria_.

Wie man _Segantinis_ Landschaften am besten versteht, wenn man das

Engadin und seine Eigenartigkeit der optischen Wirkung kennt, welche

in der klaren sonnigen Höhenluft uns das Fernste nahe bringt, so kann

man aus der Atmosphäre Sils-Marias, »wo Italien und Finnland zum Bunde

zusammengekommen sind und die Heimat aller silbernen Farbentöne der

Natur zu sein scheint«, das unvergleichliche Nahgefühl des Glückes bei

Nietzsche verstehen, das als Lebensfreude aus schöpferischer Erkenntnis

aufjauchzt, als Lichtfreude der unerschrockensten Redlichkeit

emporleuchtet, als Höhenfreude frei von allem Nebel überlieferter

Illusionen aufatmet und als Ewigkeitsfreude sich offenbart.

In Sils-Maria erlebte jener Gedanke seine Geburt, der Nietzsche so

ungeheuer erschütterte, ihn so unsagbar überglücklich machte, daß

er in Verzückung Tränen des Jauchzens weinte und unter die erste

Niederschrift die Worte setzte: »Anfang August 1881 in Sils-Maria, 6000

Fuß über dem Meere und viel höher über allen menschlichen Dingen.« Es

war der Gedanke der _Ewigen Wiederkunft des Gleichen_.

Wie kam es, daß ihn gerade dieser Gedanke gleich einer Offenbarung

so beglücken konnte? Wir sind wohl auf der rechten Spur, wenn wir

annehmen, daß durch diesen Einfall ein unterbewußter Widerspruch gegen

seine eigene Lehre eine Lösung für ihn erfuhr. Er bedeutete für seine

Lehre nichts geringeres als die Möglichkeit, _ohne Metaphysik_ bestehen

zu können.

Während seiner ersten Schaffensperiode stand Nietzsche bewußt im

Banne der Metaphysik Schopenhauers, während der zweiten Periode

wollte er sich nur an das erfahrungsmäßig Gegebene halten. Aber

dieser Verzicht seines Denkens auf alles, was wesenhaft hinter der

Erscheinung liegt, konnte ihn unmöglich auf die Dauer befriedigen,

noch seinem Ewigkeitsdrang genügen. Die Metaphysik erschien ihm

auf ihren seitherigen Wegen als eines freien Geistes unwürdig, der

Positivismus als unzulänglich für eine ernste Philosophie. Diese

zwiefache Verneinung hüllte jeden Ausweg in Finsternis. Da leuchtete

ihm plötzlich die Möglichkeit einer Errettung aus dieser Nacht wie

ein Gestirn auf. Eine Lehre erstand vor ihm, die ohne religiösen

Unsterblichkeitsglauben doch nicht von ihm verlangte, daß er sich in

die Einsicht der Vergänglichkeit des Individuums finde, sondern dessen

Fortdauer verkündete durch Einfügung in den Kreislauf der Ewigkeit,

eine Lehre, die trotzdem von keinem Jenseits fabelte, sondern das wahre

Geheimnis der Welt nicht im Unsichtbaren, sondern im Sichtbaren sah,

eine Lehre, die verkündete: »_Dieses_ Leben -- dein _ewiges_ Leben!«

In diesen fünf Worten ist der entscheidende Sinn der Lehre der Ewigen

Wiederkunft des Gleichen enthalten, ein Sinn, der auch dann noch

bestehen bleibt, wenn uns Nietzsches theoretische Begründung nicht

überzeugt.

Nietzsche hat einmal gesagt: »Je abstrakter die Wahrheit ist, die man

lehren will, um so mehr muß man erst die Sinne zu ihr verführen.«

Beherzigen wir diese Mahnung, um zunächst einmal die Denkbarkeit

seiner Lehre vorzubereiten. Beim Schachspiel sind außerordentlich

viele Kombinationen möglich; immerhin aber ist ihre Zahl begrenzt.

Daraus folgt, daß bei unendlich vielen Spielen das gleiche Spiel

notwendigerweise wiederkehren muß. Das gilt nicht nur vom einzelnen

Spiel, sondern auch von der _Reihenfolge_ sämtlicher möglichen Spiele,

so daß wir zum Schlusse kommen, daß die gleiche Reihe, in der alle,

aber auch rein alle Möglichkeiten enthalten sind, sich wiederholen und

immer wieder wiederholen muß, sobald wir an eine _unendlich_ große Zahl

von Spielen denken. Es ergibt sich somit beim Schachspiel für uns die

Ewige Wiederkunft des Gleichen für den ganzen Ring der Möglichkeiten.

Ich glaube, diese Notwendigkeit ist unserem Denken vorstellbar. Was

folgt hieraus für die Frage nach dem Weltenlauf? Wenn die _Allkraft_,

wie Nietzsche annimmt, nichts Unendliches, sondern in ihrem Maße

Bestimmtes ist, so ist auch die Zahl der Lagen, Veränderungen,

Kombinationen dieser Allkraft zwar ungeheuer groß und _praktisch_

unermeßlich, aber eben doch der Zahl nach bestimmt, wie die Zahl der

Möglichkeiten beim Schachspiel bestimmt ist.

Gelingt es unserer Phantasie, eine unendliche Zeit uns vorzustellen,

so können wir mit Nietzsche folgern: also müssen alle möglichen

Kombinationen schon einmal dagewesen sein. Daraus folgt dann, daß

auch die augenblickliche Entwicklung eine Wiederholung ist und daß

diese gleiche Wiederholung derselben Kombination auch in alle Ewigkeit

stattfindet.

Dieser Beweisführung ist logisch nicht zu widersprechen, so sehr sich

unsere Phantasie gegen eine solche Vorstellung auflehnt. Die Frage ist

jedoch, ob Nietzsches Voraussetzung zutrifft. Ob wir ihm zugestehen,

daß die Zeit zwar unendlich, die Allkraft aber endlich zu denken

ist. Nur dann müssen wir mit ihm folgern: »Alles ist unzählige Male

dagewesen, insofern die Gesamtlage aller Kräfte wiederkehrt.«

Die Lehre der Ewigen Wiederkunft taucht nicht etwa bei Nietzsche

erstmals auf, sondern die Idee einer Wiederkehr des Gleichen ist

uralt. Man begegnet ihr bei den Orphikern, bei Pythagoras, bei

Heraklit, Anaximander und Empedokles; dann bei Plato und den Stoikern.

_Öhler_ hat uns das wiederholte Auftauchen dieses Gedankens in der

Antike eingehend nachgewiesen, und _Lichtenberger_ seine Wiederkehr bei

den beiden Franzosen L. A. _Blanqui_ und Gustave _Le Bon_; _Simmel_ hat

Nietzsches Theorie mathematisch widerlegt, Lou _Salomé_ auf sie als

eine Umkehrung der indischen Lehre der Wiedergeburt verwiesen; »nicht

Befreiung von dem Wiederkunftszwange, sondern freudige Bekehrung zu

ihm«; Oskar _Ewald_ hat ihren tiefen Zusammenhang bei Nietzsche mit der

Lehre vom Übermenschen aufgedeckt und Ernst _Horneffer_ die Schicksale

der Veröffentlichung durch das Nietzsche-Archiv kundgegeben.

Für Nietzsche bedeutete die Lehre der Ewigen Wiederkehr die extremste

Form des Fatalismus. Sie steht daher in innigem Zusammenhang mit

der Frage der Willensfreiheit. Als tätig erlebende Menschen glauben

wir an einen freien Willen, weil wir unausgesetzt das Nebeneinander

verschiedener Triebe und den Sieg des einen über die anderen in unserem

Bewußtsein erleben. Als positiv erkennende Menschen dagegen sind wir

von der Determiniertheit alles Geschehens überzeugt, also auch davon,

daß die Taten der Menschen aus ihrem Charakter und den wirkenden

Motiven mit Notwendigkeit hervorgehen. So ergibt sich das Paradoxon:

alles ist notwendig vorausbestimmt, aber auch das ist vorausbestimmt,

daß wir als Handelnde nicht daran glauben.

Diesem Widerspruch bleibt auch Nietzsches Lehre unterworfen. Nur

die Metaphysik, die uns lehrt, Freiheit ist ein negativer Begriff,

sie bedeutet soviel wie Grundlosigkeit, _Ursprünglichkeit_, hebt

den Widerspruch zwischen Notwendigkeit und Freiheit auf, indem sie

besagt, die Notwendigkeit betrifft das Wirken und Tun, die Freiheit

das Sein und Wesen. Sie führte notgedrungen zur Unterscheidung einer

Erscheinungswelt und einer Welt als Willen. Diese Zweiheit aber

leugnete Nietzsche, als er Begriffe wie unendlich und ewig auf die Welt

als Erscheinung anwandte.

Auch bei rein logischer Betrachtung läßt sich in Nietzsches Theorie

eine Widersinnigkeit nachweisen. Wenn ich etwas, das ich heute

erlebe, schon einmal oder viele Male erlebt habe, so unterscheidet

es sich schon dadurch von dem vorangegangenen Erlebnis, daß es

eine soundsovielte Wiederholung ist. Da die Vergangenheit in der

Gegenwart und Zukunft fortlebt, wird schon durch die Wiederholung eine

Verschiedenheit gegeben. Der Begriff Ewige Wiederkunft des Gleichen

erfährt somit schon in sich selbst eine Widerlegung.

Am besten jedoch widerlegen wir Nietzsches Lehre, wenn wir ihr eine

andere Lösung als Ideal gegenüberstellen.

Wenn wir _nicht_ wie die mythologische Metaphysik an eine _einmalige_

Schöpfung glauben, dagegen aber in allem, was in uns und um uns

vorgeht, eine _andauernde_ Schöpfung sehen, dann gelangen wir auf

unserem Wege zu dem gleichen Resultat, um das es Nietzsche zu tun

war. Auch wir fragen nicht, indem wir uns ehrfürchtig des andauernden

Werdens erfreuen, nach einer nie zu erlangenden Ursache der Ur-sache,

auch wir lassen die Allkraft als gegeben gelten und definieren die

Natur als »gebärende Macht«. Wenn wir dies tun:

Dann ist Vergangenheit beständig,

Das Künftige voraus lebendig,

_Der Augenblick ist Ewigkeit_.

Mit diesen Worten Goethes wird genau dasselbe gesagt, was Nietzsche in

die fünf Worte faßte: »Dieses Leben -- dein ewiges Leben«.

Die Lehre einer ewigen andauernden Schöpfung steht nicht nur in

Übereinstimmung mit Meister Eckardt, Silesius, Cardanus, Helmont,

Descartes und Leibniz, sondern auch unter Verzicht auf jeden

mythologischen Hintergedanken mit Goethe. Er glaubte, wie unter

anderem aus einem Briefe an _Tauscher_ hervorgeht, an eine »innere

fortdauernde Schöpfung«, sowie an »eine ursprüngliche gleichzeitige

Verschiedenheit«. Auch Henri _Bergson_ verkündet uns in seinem Buche

»Schöpferische Entwicklung«: alles im Begriff des Schöpferischen

bleibt dunkel, solange man, wie wir gewohnt sind, an Dinge denkt,

die geschaffen werden, und an ein Ding, das schafft. Sehen wir

dagegen ab von einem Gott als etwas Abgeschlossenem und setzen dafür

eine ursprüngliche, andauernd schöpferisch aussprühende Kraft, die

Vorstellung eines unaufhörlichen Lebens, das Tat und Freiheit ist, so

verschwindet für uns das Wunder; dann erfahren wir die Schöpfung in uns

selbst, sobald wir frei handeln.

Diese Vorstellung einer fortdauernden Schöpfung, die wir durch Goethes

Aussprüche und Bergsons Lehre in Übereinstimmung mit Nietzsches

Atheismus gewinnen, erfüllt in überzeugender Weise die Aufgabe,

zeitliches Leben untrennbar mit dem Begriff der Ewigkeit zu verbinden.

Sie ermöglicht uns, Nietzsches Lehre abzulehnen, ohne das Ergebnis zu

verlieren, auf das es ihm ankam.

Die Unbeweisbarkeit seiner Theorie hat Nietzsche selbst eingesehen,

nachdem er vergeblich aus Robert _Mayers_ »Lehre von der Erhaltung der

Kraft«, aus _Bahnsens_ Schrift »Zur Philosophie der Geschichte« und

anderwärts nach ausreichenden physikalischen Feststellungen für sie

gesucht hatte. Doch hoffte er seine Lehre wenigstens als Hypothese

retten zu können mit den Worten: »Wenn die Kreiswiederholung auch

nur eine Wahrscheinlichkeit oder Möglichkeit ist, auch der Gedanke

einer Möglichkeit kann uns erschüttern und umgestalten, nicht nur

Empfindungen und bestimmte Erwartungen. Wie hat die Möglichkeit der

ewigen Verdammnis gewirkt!«

Man hat Nietzsches Lehre auch als _Fiktion_ bezeichnet. Aber auch

diese Bezeichnung möchte ich zurückweisen. Unter Fiktion verstehen

wir nach _Vaihinger_ nur einen Kunstgriff des Geistes, also eine

Aussage, die wir zu bestimmtem theoretischen oder praktischen Zweck

machen, obwohl wir von der Unwirklichkeit oder gar Unmöglichkeit

überzeugt sind. Das trifft bei Nietzsche nicht zu. Die Lehre sollte

nach seiner Absicht ursprünglich als Dogma oder zum mindesten als

Hypothese wirken. Zum Glück für uns versagte sie diesen Dienst. Denn

nunmehr kam Nietzsche zu der Überzeugung, daß ihr Wahrheitsgehalt

nur dichterisch mitzuteilen sei, wie es denn auch im »Zarathustra«

geschah. Es ist ungemein vielsagend, daß sich in seinem Unterbewußtsein

die Entstehung der Lehre der Ewigen Wiederkunft und die Geburt des

Zarathustra vereinigten, so daß sie später in seiner Erinnerung in eins

zusammenfielen. Die betreffende Stelle in »~Ecce homo~« lautet: »Ich

erzähle nunmehr die Geschichte des Zarathustra. Die Grundkonzeption

des Werkes, der Ewige-Wiederkunfts-Gedanke, diese höchste Formel der

Bejahung, die überhaupt erreicht werden kann, gehört in den August des

Jahres 1881: er ist auf ein Blatt hingeworfen, mit der Unterschrift:

»6000 Fuß jenseits von Mensch und Zeit«.

Wir verfahren daher durchaus frei von Willkür, wenn wir letzten Endes

uns nur an die _symbolische_ Bedeutung des Gedankens halten. Der

Ort, uns hierüber auszusprechen, kann nur das Kapitel sein, das dem

Zarathustra gewidmet ist. An dieser Stelle aber muß es uns genügen,

nochmals zu betonen, daß Nietzsches Bewußtsein darauf gerichtet war,

fernab von allen unzugänglichen Regionen eine antimetaphysische Lehre

zu verkünden, daß er jedoch vom Aufleuchten seiner Lehre nur deshalb so

beglückt wurde, weil die praktische Bedeutung, die er ihr beilegte, ihn

vom Positivismus zur Philosophie zurückführte.

»Der religiöse Glaube nimmt ab und der Mensch lernt sich als flüchtig

begreifen und als unwesentlich, er wird endlich dabei schwach, er übt

sich nicht so im Erstreben, Ertragen, er will den gegenwärtigen Genuß,

er macht's sich leicht.« Aber, verkündete Nietzsche in der »Fröhlichen

Wissenschaft«, »wenn jener Gedanke über dich Gewalt bekäme, er würde

dich, wie du bist, verwandeln und vielleicht zermalmen; die Frage bei

allem und jedem: ›willst du dies noch einmal und noch unzählige Male?‹

würde als das größte Schwergewicht auf deinem Handeln liegen!« So

gelangt er zu der Aufforderung: »Drücken wir das Abbild der Ewigkeit

auf unser Leben! Dieser Gedanke enthält mehr als alle Religionen,

welche dies Leben als ein flüchtiges verachteten und nach einem

unbestimmten anderen Leben hinblicken lehrten.« Der neue Glaube soll

»die Religion der freiesten, heitersten und erhabensten Seelen sein --

ein lieblicher Wiesengrund zwischen vergoldetem Eise und reinem Himmel«.

Es kann kein Zweifel bestehen: der Gedanke der Ewigen Wiederkunft

stieg bei Nietzsche als ein plötzlicher Einfall auf. Aber damit ist

nicht gesagt, daß er nicht schon lange vorher nach einem solchen

Gedanken suchte. Merkwürdig, daß man diese Frage noch nicht geprüft

hat. Seine Briefe ergeben keine Andeutungen. Aber wie verhält es sich

mit dem letzten Aphorismus der »Morgenröte«, dem gerade als Schlußwort

besondere Bedeutung zukommt? »Wir Luftschiffahrer des Geistes« ist

er überschrieben. Sein Anfang fragt: Alle diese kühnen Vögel, die am

weitesten hinausfliegen, irgendwo werden sie nicht mehr weiter können

und sich auf einen Mast oder eine kärgliche Klippe niederhocken.

Wollen sie denn _über_ das Meer? Und sein Schluß lautet: »Wohin reißt

uns dieses mächtige Gelüste, das uns mehr gilt als irgendeine Lust?

Warum doch gerade in dieser Richtung, dorthin, wo bisher alle Sonnen

der Menschheit untergegangen sind? Wird man uns vielleicht einstmals

nachsagen, daß auch wir, _nach Westen steuernd, ein Indien zu erreichen

hofften_, daß aber unser Los war, an der Unendlichkeit zu scheitern?

Oder, meine Brüder? Oder?«

Bedeutsam ist dieser Schluß gewiß. Darauf hat Nietzsche selbst später

hingewiesen mit den Worten: »Dieses Buch schließt mit einem Oder? --

es ist das einzige Buch, das mit einem ›Oder‹ schließt ...« Bedeutsam

wofür? Ist es unser Los, an der _Unendlichkeit_ zu scheitern? Als

Nietzsche auf diese Frage mit einem »Oder« antwortete, da verriet er

uns doch wohl, daß er nach einer Lehre suchte, die diese Gefahr eines

Scheiterns an der Unendlichkeit aufheben solle. Ist dem so, dann

verstehen wir, wie sehr ihn der Augenblick beglücken mußte, der ihm

diese Lehre schenkte. Wie bedeutsam erscheinen uns dann auch die Verse,

die er Lou Salomé in ein Widmungsexemplar der »Fröhlichen Wissenschaft«

schrieb:

Freundin, sprach Columbus, traue

Keinem Genuesen mehr!

Immer starrt er in das Blaue,

Fernstes zieht ihn allzusehr!

Wen er liebt, den lockt er gerne

Weit hinaus in Raum und Zeit, --

Über uns glänzt Stern bei Sterne,

Um uns braust die Ewigkeit.

Der helle hehre Klang dieses Gedichtes entspricht der heiteren

~A~-Dur-Tonart jenes Buches, in dem Nietzsche als Anti-Metaphysiker --

so hat er selbst sich genannt -- erstmals seine Lehre von der Ewigen

Wiederkunft verkündigte und in dem er seine heroische Lebensbejahung

am entschiedensten zum Ausdruck brachte. Wir dürfen daher das folgende

Kapitel, das der Betrachtung der »~Gaya Scienza~« gewidmet ist, »Der

Ja-Sager« überschreiben und ihm Verse Gottfried Kellers voranstellen,

die Nietzsche selbst einmal als treffenden Ausdruck seiner

Lebensbejahung wählte.

Der Ja-Sager

Trinkt, o Augen, was die Wimper hält,

Von dem goldnen Überfluß der Welt!

_Gottfried Keller._

Die Morgenröte ist ein jasagendes Buch, tief, aber hell und gütig.

Dasselbe gilt noch einmal und in höchstem Grade von der ~gaya scienza~:

fast in jedem Satz derselben halten sich Tiefsinn und Mutwillen

zärtlich an der Hand,« schrieb Nietzsche in »~Ecce homo~«. Mit dem

provençalischen Begriff ~gaya scienza~ -- so nannten die Troubadours

ihre Kunst -- wollte er an die Einheit von Sänger, Ritter und Freigeist

erinnern, mit der sich jene wunderbare Frühkultur der Provençalen gegen

alle zweideutigen Kulturen abhebt.

Die »_Fröhliche Wissenschaft_« oder »~Gaya Scienza~« wurde in der

Fassung, welche die Urausgabe bietet, im Winter 1881 auf 1882 in

_Genua_ geschrieben. Dorthin hatte sich Nietzsche bereits im Herbst

vom Engadin aus begeben. Sie war ursprünglich als Fortsetzung der

»Morgenröte« gedacht, ehe sie ihren eigenen Titel erhielt. Nietzsches

Produktivität setzte hellsten Himmel voraus und vollste Freudigkeit des

Geistes und Leibes. Den hellsten Himmel ließ ihm Genua zuteil werden

und die vollste Freudigkeit verdankte er dem bezaubernden Gefühl der

Genesung, das ihm die wechselvollen Zustände seiner Gesundheit immer

wieder bescherten. Während der Krankheitsanfälle enthielt er sich

jeder Arbeit. »Ich traue keinem Gedanken, der bei bedrückter Seele und

betrübten Eingeweiden entstanden ist, und was nun gar bei Kopfschmerzen

geschrieben sein sollte, wird sicherlich vernichtet«, berichtete er

einmal seiner Schwester, die sich frühzeitig als sein tapferer Kamerad

entwickelte.

Bei ihrer Darstellung seines Lebens kommt man zu der Annahme, daß es

sich bei ihrem Bruder ursprünglich um eine Migräne handelte, die sich

nur durch geistige Überarbeitung bei sehr schonungsbedürftigen Augen,

falsche Diät und unmäßige Anwendung von Medikamenten verschlimmerte.

Andere vertreten die Ansicht, daß man bei Nietzsche, wenn man seine

brieflichen Krankheitsberichte verfolgt, schon sehr frühzeitig den

Eindruck eines tiefgründenden schweren Leidens erhält, gegen das seine

kräftige Natur und vorsichtig prüfende Lebensweise mit ungeheuerer

Willensstärke und großer Zweckmäßigkeit ankämpfte.

Der »Fröhlichen Wissenschaft« gehen eine Anzahl Sprüche voran, die sie

unter dem Titel »_Scherz, List und Rache_« einleiten. Diese Bezeichnung

ist dem gleichlautenden Singspiel Goethes entnommen, das Peter Gast in

Musik setzte. Als charakteristisch möchte ich erwähnen, daß mehrere

der kleinen Gedichte, die zweifellos in ihrer Fassung durch Goethe und

Hans Sachs beeinflußt wurden, mit dem Ausruf Ja! beginnen. So auch das

folgende:

Ja! Ich weiß, woher ich stamme!

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr' ich mich.

Licht wird alles, was ich fasse,

Kohle alles, was ich lasse:

Flamme bin ich sicherlich!

»Licht wird alles, was ich fasse!« Verwandte Gedanken kehren auch

im Buche selbst wieder. In reiner Luft fühlt sich Nietzsche als

Nebenbuhler des Lichtstrahls. »Der Erde Licht bringen, das Licht der

Erde sein! Und dazu haben wir unsere Flügel und unsere Schnelligkeit

und Strenge, um dessentwillen sind wir männlich und selbst schrecklich

gleich dem Feuer.«

Auch wo er negieren muß, fügt er jetzt meist die Bejahung hinzu. So

wenn er in dem Aphorismus »Gegen die Verleumder der Natur« jenen

unangenehmen Menschen, bei denen jeder natürliche Hang sofort entstellt

wird, die vornehmen Naturen gegenüber sieht, die sich ihren Trieben mit

Anmut und Sorglosigkeit überlassen dürfen, die vor sich keine Furcht

haben, jene freigeborenen Vögel, die mit ihm singen dürfen: »wohin wir

auch kommen, immer wird es frei und sonnenlicht um uns sein«. Unter

ihnen findet man wohl am ehesten solche Glückliche, die sich auf die

Improvisation des Lebens verstehen und auch den zufälligsten Ton in

das thematische Gefüge einzuordnen vermögen und dem Zufalle einen

schönen Sinn und eine Seele einhauchen. Aber auch jene Stolzen, die das

Mißlingen einer Absicht nicht niederdrückt, sondern die sagen dürfen:

»Ich weiß mehr vom Leben, weil ich so oft daran war, es zu verlieren,

und eben darum _habe_ ich mehr vom Leben als ihr alle.« Solche Menschen

weisen die negativen Tugenden von sich, jene Tugenden, deren Wesen das

Verneinen und Sichversagen selber ist. Ihr Ziel bestimmt nicht nur ihr

Tun, sondern auch ihr Lassen; denn indem wir tun, lassen wir auch.

Es ist bezeichnend für Nietzsches hohe Einschätzung aller natürlichen

Anmut, daß er nunmehr die _Epikuräer_, die den eigenen Garten haben,

unter den geistigen Arbeitern den _Stoikern_ vorzieht. »Ihnen wäre es

nämlich der Verlust der Verluste, die feine Reizbarkeit einzubüßen und

die stoische harte Haut mit Igelstacheln dagegen geschenkt zu bekommen.«

Seine Abwendung von Angriff und Verteidigung kommt auch unmittelbar

in sympatisch berührenden Worten zum Ausdruck. »Ringen wir nicht

im direkten Kampfe! -- und das ist auch alles Tadeln, Strafen und

Bessernwollen. Sondern erheben wir uns selber um so höher! Geben wir

unserem Vorbilde immer leuchtendere Farben! Verdunkeln wir den andern

durch unser Licht!« Aber selbst dieser eigene Ausspruch erscheint ihm

nunmehr zu tadelnd. Darum fügt er als unbedingter Jasager hinzu: »Nein!

Wir wollen nicht um seinetwillen selber _dunkler_ werden gleich allen

Strafenden und Unzufriedenen! Gehen wir lieber beiseite! Sehen wir

weg!«

Möge der Leser hinter solchen Worten nicht Kampfmüdigkeit vermuten.

Aus ihnen spricht nur jenes Geltenlassen, dem wir auch in Goethes

Heiterkeit begegnen. Denn Nietzsche war nicht vom Leben enttäuscht.

»Das Leben ein Mittel der Erkenntnis -- mit diesem Grundsatze im Herzen

kann man nicht nur tapfer, sondern sogar fröhlich leben und fröhlich

lachen! Und wer verstünde überhaupt gut zu lachen und zu leben, der

sich nicht vorerst auf Krieg und Sieg gut verstände?«

Nietzsche, sein Leben und seine Lehre · 第 7 / 19 段