Die »_Morgenröte_«, jenes Werk, in dem sich unser Philosoph

vorherrschend skeptisch verhält, also sehr oft von letzten

Entscheidungen absieht, bietet zu solchen Betrachtungen besonderen

Anlaß. Zum Beispiel: Nietzsche polemisiert gegen den Ausspruch

»Vertraue deinem Gefühle!« Gefühle sind nichts Letztes, Ursprüngliches,

sondern hinter den Gefühlen stehen Urteile und Wertschätzungen, welche

in der Form von Gefühlen (Neigungen, Abneigungen) uns vererbt sind.

Die Inspiration, die aus dem Gefühle stammt, ist das Enkelkind eines

Urteils. Seinem Gefühle vertrauen, sagt Nietzsche, das heißt also

seinen Vorfahren mehr gehorchen als den Göttern, die in _uns_ sind:

unserer Vernunft und unserer Erfahrung. Ganz recht. Aber sind in uns

wirklich nur _ererbte_ Gefühle wirksam? Ist das Gefühl nicht zugleich

die Reaktion des Bewußtseins auf Vorstellungen, die unsere Vernunft

und unsere Erfahrungen uns übermitteln? Bedeutet die Inspiration des

Gefühls nicht die Sprache dessen, was wir hiervon uns einverleibten

und was sich nun instinktiv geltend macht? Nietzsche wollte gewiß

nicht sagen: folge nur deinem Intellekt. Also gilt es seinen Ausspruch

kritisch zu lesen. Dann stellt er uns die Frage: Was wirkt in deinem

Gefühl nur atavistisch nach, was steht davon mit deiner Vernunft und

Erfahrung in Einklang? Er warnt uns also vor falsch angewandter Pietät,

nicht aber vor dem instinktiven Gefühl an sich.

Freunde, die Nietzsches neue Anschauungen nicht teilten und ihm

doch wohl wollten, haben es sich leicht gemacht -- ach man macht

es sich immer leicht! -- indem sie die neuen Gedanken als Produkte

seiner Erkrankung hinstellten. Diese hat in der Tat auf seine

Philosophie bestimmend eingewirkt. Aber anders als man noch immer

vermeint. Sein schweres Leiden hat ihn zu keinerlei krankhaften

Phantasien über das Leben verführt, sondern es erwies sich in

entgegengesetztem Sinne als fruchtbringend. Wohl barg es die Gefahr

einer Verdüsterung der Lebenswertung, aber dieser Gefahr begegnete

Nietzsche mit bewunderungswürdigem Heroismus. Er versuchte zunächst

mit einer »entsetzlichen Kälte« als Skeptiker hinaus auf die _Dinge_

zu schauen. Alle jene kleinen lügnerischen Zaubereien, in denen

sie für gewöhnlich schwimmen, sie verschwanden für ihn. Auch er

selbst lag vor sich da ohne Flaum und Farbe. Er erhob sich über sein

individuelles Leben und Leiden, um das Leben gegen die Tyrannei des

Schmerzes zu verteidigen. Es war ein wahrer Krampf des Stolzes, in

einem solch verzweifelten Kampf zu stehen. Dieser Zustand bedurfte

einer Gegenwirkung, und Nietzsche fand sie in dem Verlangen eigener

Entfremdung und Entpersönlichung, wie sie sich dem Psychologen in der

nüchternen Erforschung und Erkenntnis darbietet, um wahnlos auf alle

Gründe und schwindelfrei auf alle Grundlosigkeit hinabzusehen. Aus

dem Erlebnis des eigenen Leids erstand ihm das typische Bild einer

Menschheit, _die tiefer als am Leide selbst_ an dessen Begründungen

und Ausdeutungen leidet. Der Anblick körperlicher Martern läßt uns vor

Empörung aufschreien. Aber wo bleibt diese Einfühlung gegenüber den

Seelenmartern, die das uns beherrschende Christentum bereitet durch

seine Lehre von Sünde und Verdammnis? »Ja, welche entsetzliche Stätte

hat das Christentum schon dadurch aus der Erde zu machen gewußt, daß es

überall das Kruzifix aufrichtete und dergestalt die Erde als den Ort

bezeichnete, wo der Gerechte zu Tode gemartert wird.«

Wie hat man es verstanden, dem Gewissen aus den geschlechtlichen

Erregungen Martern zu bereiten. »Ist es nicht schrecklich, notwendige

und regelmäßige Empfindungen zu einer Quelle des inneren Elends

zu machen?« Liegt nicht, heißt er uns fragen, eine Kehrseite des

christlichen Mitleidens in der tiefen Beargwöhnung aller Freuden

der Nächsten? Aller gerechten Beurteilung durch Erkenntnis unserer

Konstitution wurde entgegengearbeitet aus religiösem und moralischem

Fanatismus.

Nietzsche hat, wie sich von selbst versteht und wie er für kurzsichtige

Menschen trotzdem hervorhebt, nicht geleugnet, daß viele Handlungen,

welche unsittlich heißen, zu vermeiden, viele, welche sittlich genannt

werden, zu fördern sind, aber -- das eine wie das andere aus anderen

Gründen als bisher. »Wir haben _umzulernen_ -- um endlich, vielleicht

sehr spät, noch mehr zu erreichen: _umzufühlen_.« Vor allem müssen wir

einsehen, daß das Mitleiden, mag es hie und da auch ein Leiden wirklich

vermindern, doch, wo es als Schwäche auftritt, wie jedes Sichverlieren

an einen Affekt, nur schädigend wirkt. Wer sich alles Elend, dessen er

in seiner Umgebung habhaft werden kann, immer vor die Seele stellt,

wird unvermeidlich krank und melancholisch. Vor allem, wer als Arzt

_in irgend einem Sinne_ der Menschheit dienen will, darf ihm nicht

unterliegen. Denn wenn wir uns durch den Jammer und das Leiden der

anderen Sterblichen verdüstern lassen, dann können wir ihnen weder

_hilfreich_ noch _erquicklich_ sein. Das Wesen des wahrhaft Moralischen

liegt somit nicht darin, nur die nächsten und unmittelbarsten Folgen

unserer Handlungen ins Auge zusammenzufassen, sondern entferntere

Zwecke unter Umständen auch durch das Leid des anderen zu fördern.

Schon wenn wir das allgemeine Gefühl der menschlichen Macht stärken, so

erreichen wir damit eine positive Vermehrung des _Glücks_. Fort also

mit der Überschätzung altruistischer Handlungen, geben wir den Menschen

den Mut wieder zu den als egoistisch verschrienen Handlungen. Wir

nehmen damit dem Bilde des Lebens seinen bösen Anschein! »Dies ist ein

sehr hohes Ereignis! Wenn der Mensch sich nicht für böse hält, hört er

auf, es zu sein!«

Hinter dem Lob der gemeinnützigen unpersönlichen Handlungen steht

die Furcht vor allem Individuellen. Auch unser übertriebenes Lob der

Arbeitsamkeit stammt aus dieser unterbewußten Furcht. Arbeite, arbeite,

dann hast du keine Zeit zu dem so gefährlichen Nachdenken, Sorgen,

Lieben und Hassen! Moral will den Einzelnen ungefährlich machen.

Ehemals forderte sie von ihm, alle Zweifel niederzuhalten und die

Wege seiner Regierung gutzuheißen, heute die seiner Partei. Was dabei

verdrängt wird, ist stets das: Wolle dich selbst! Nietzsche dagegen

fordert: »So wenig als möglich Staat!« Daß wir doch endlich mit dieser

Forderung Ernst machten! Aber wir haben für die ehemalige deutsche

Bildung -- man denke an Goethe -- heute politischen und nationalen

Wahnsinn eingetauscht. Durch den sozialen Staat wird das Übel nur

vermehrt. »Pfui! einen Preis zu haben, für den man nicht mehr Person

bleibt, sondern Schraube wird!«

Wir täuschen nicht nur uns selbst, wenn wir unsere egoistischen Triebe

fälschlich als altruistisch auslegen, sondern in der moralischen

Verzärtelung liegt auch eine große Gefahr für unser Wohlbefinden.

»Es gibt zart moralische Naturen, die bei jedem Erfolge Beschämung

und bei jedem Mißerfolge Gewissensbisse haben.« Findest du den Mut,

deine eigenen Zweifel über die Herkunft nicht nur deiner Abneigungen,

sondern auch deiner Zuneigungen ernstlich zu prüfen und deinen

Zweifeln standzuhalten, so wirkst du kräftigend der Verzärtelung

deines Gewissens entgegen. Einsamkeit ist zuweilen nötig, um Zeit

zur Selbstbesinnung zu gewinnen. Der Geist muß sich beflügeln. Nur

dann kommen wir, wo es not tut, von uns selbst los und erlangen das

reine, reinmachende Auge, das frei in mildem Widerspruch auf das

eigene Temperament hinabblickt. Dann wird uns die Fähigkeit, mit uns

selbst zu experimentieren. Aber wir dürfen uns nicht zu pathetisch

nehmen; das Gegenteil ist _guter Ton_ bei allen höheren Menschen. Wer

_das große dritte Auge_ hat, mit dem er als Zuschauer durch die zwei

andern in die Welt schaut, gewinnt damit auch dann noch ein Pförtchen

zur Freude, wenn die eigenen Leidenschaften über ihn herfallen. Nur

unter solchen, die nicht nach Expansion lüstern sind, begegnen wir dem

Stillen, Sichselbstgenügenden innerhalb einer allgemeinen Verknechtung.

Nietzsche singt der Erkenntnis ein hohes Lied. Mag die Wirklichkeit

häßlich sein, die _Erkenntnis_ auch der häßlichsten Wirklichkeit ist

schön. Das Glück der Erkennenden mehrt die Schönheit der Welt.

-- Die »Morgenröte« ist in fünf Bücher eingeteilt. Ihr symbolischer

Titel läßt sich auch auf das Werk selbst anwenden. Im ersten Teil

findet sich noch viel schattenhafte Dämmerung, silhouettenhafte

Umrisse, zuweilen verschwommen ungewiß; dann aber gewinnen die

erschauten Gedanken schärfere Konturen und plastische Formen. Die

Skepsis herrscht auch in der Ausdrucksweise vor. Vieles hat nur

Geltung als Fiktion, anderes nur als Mittel, um Perspektiven zu

erschließen. Schon steigen am Horizont neue Gedanken auf, die für

zeitliche Betrachtung noch in der Ferne liegen. Vor allem der »_Wille

zur Macht_«, dessen Bedeutung für die späteren Erkenntniswege sich

wiederholt ankündigt. Der Schlußteil des Buches endlich -- er wurde

erst nachträglich beigefügt -- ist voll mildem Farbenglanz. Er gleicht

dem freundlichen, sonnig beglückenden Morgen eines Genesenden in

seliger Einsamkeit.

_Kant_ sagt einmal: »Der Skeptizismus ist ein Ruheplatz für die

menschliche Vernunft, da sie sich über ihre dogmatische Wanderung

besinnen und den Entwurf der Gegend machen kann, wo sie sich befindet,

um ihren Weg fernerhin mit mehrerer Sicherheit wählen zu können.« Er

fügt hinzu: »aber nicht ein Wohnplatz zum beständigen Aufenthalt«. So

empfand ihn auch Nietzsche. Die Skepsis bedeutet für ihn die peinliche

Inquisition gegen unsere Triebe und deren Lügnerei, sowie gegen den

Intellekt als Werkzeug der Triebe und wird von ihm als die Nachgeburt

des Stolzes bezeichnet. Er läßt die Skepsis nur für den Beschaulichen

gelten. Wer handeln will, muß die Tür zum Zweifel schließen. Nietzsche

aber will auf unseren Willen wirken, also handeln. Bedeutsam für seine

persönliche Stellung zum Skeptizismus ist ein kleiner Dialog: »Du hast

eben _aufgehört_, Skeptiker zu sein! Denn du verneinst! -- Und damit

habe ich wieder Jasagen gelernt.«

Wie sein Idealismus durch die positivistische Betrachtung nur eine

kritische Ergänzung erfuhr, so auch seine Weltbejahung durch den

Skeptizismus.

~Il piccolo Santo~

Gedenke nicht Heiligkeit zu setzen auf ein Tun,

Heiligkeit soll man setzen auf ein Sein; denn nicht

die Werke heiligen uns, sondern wir wollen die Werke

heiligen.

_Meister Eckardt._

Aus der Zeit der »Morgenröte« sind uns wertvolle Ausführungen

Nietzsches über den _Sozialismus_ erhalten. Man hat sie unter dem

Titel: »Blicke in die Gegenwart und Zukunft der Völker« aus dem Nachlaß

veröffentlicht.

Ehe wir nun diese Gedanken Nietzsches über den Sozialismus betrachten,

wollen wir prüfen, wie sich die Verfechter sozialistischer

Tendenzen ihrerseits zu Nietzsche stellten. Als die Kunde seiner

Philosophie in weitere Kreise drang, da bemerkte man vor allem

seinen radikalen Widerspruch gegen die zeitlich bestehenden

Verhältnisse. Wer immer gegen diese opponierte, für den lag es

nahe, in ihm einen Gesinnungsgenossen zu vermuten. Von dieser

Versuchung blieb auch die Sozialdemokratie nicht frei. Man las

_Kalthoffs_ »Zarathustra-Predigten«, veranstaltete in freireligiösen

Arbeitervereinigungen regelmäßige sonntägliche »Zarathustra-Andachten«

und fand bei dem »_Antichristen_« Religiosität und Ewigkeitsliebe

als Ersatz für die konfessionellen Religionen (»in jeder Religion

ist der religiöse Mensch eine Ausnahme«), bei dem »_Immoralisten_«

ethische Ziele und Wertungen als Gegensatz zur bestehenden Moral,

bei dem »_Individualisten_« revolutionäre Ablehnung der herrschenden

Gesellschaft.

Aber seine aristokratischen Rangwertungen, voran seine Unterscheidung

von Herren- und Herdenmoral, seine Warnung vor dem Mitleiden, seine

gänzlich mißverstandene Betonung des »Willens zur Macht«, rief gar bald

einen Umschlag der anfänglichen Einschätzung hervor. Und damit auch

ein Nachlassen des kaum erwachten Interesses.

Immerhin wurde auch fernerhin Nietzsche in Arbeiterkreisen mehr

gelesen, als man bei der mangelnden Vorbildung zunächst vermutete.

Gelegentlich einer Massenuntersuchung über die sozialpsychologische

Seite des modernen Großbetriebs durch _Adolf Levenstein_, die

ungefähr zwölf Jahre nach Nietzsches Tode stattfand, ergab sich, daß

37 Metallarbeiter, 16 Textilarbeiter, 2 Bergleute und 54 Arbeiter

anderer Berufe sich mit Nietzsches »Zarathustra« beschäftigt

hatten, was zum Briefwechsel mit diesen und zur Veröffentlichung

einer Anzahl Antworten führte. Man begrüßte, daß er bestrebt sei,

Kraftpersönlichkeiten Platz zu schaffen, nannte aber seine Ranglehre

eine Verachtung alles »Tiefenlebens«, vermeinte etwas zu sagen mit der

Behauptung, eine Menschen-Erneuerung könne nur fruchtbar sein, wenn sie

zugleich eine Menschheits-Erneuerung sei, ein Edelmensch müsse in der

»wirtschaftlichen« Kraft seines Volkes wurzeln; nur mit der Erfüllung

des Sozialismus breche daher der Morgen des Nietzsche-Menschen an.

Ganz vereinzelt nur erkannte man auch im sozialistischen Lager,

Nietzsche tue wohl daran, gegen »den Unsinn der Gleichmacherei« ins

Feld zu ziehen, weil doch kein Mensch im Ernste an die Gleichheit

glaube, tröstete sich aber damit: indem der Sozialismus Bildungs- und

Entwicklungsfähigkeiten für viele schaffe, setze er die Ungleichheit

der körperlichen und geistigen Veranlagung wieder in ihr ursprüngliches

Recht ein, während für Nietzsche die Menschen doch »nur Ziffern« seien.

So kam man zum Schluß: eine Vereinigung von _Marx_ und Nietzsche

bedeute das wahre Heil.

Von anderen allerdings wurde das Bekanntwerden mit Nietzsches Werken

als ein persönliches Erlebnis geschildert. Zuweilen mit schlichtem

Mutterwitz und einmal -- bei einem Schlosser und früheren Hausierer

-- mit entschiedener dichterischer Begabung und intuitiver

Anschauung. Er fragt: »Blüht eine Blume so schön und strahlend, ein

Bild der Gesundheit, blüht sie etwa aus Tugend?« und folgert aus der

unausgesprochenen Antwort: auch der Mensch, wenn es ihn dränge, sich

zu erneuern wie der stets abfließende Bach, um klar zu sein, um Neues

hervorsprudeln zu können, handle nicht aus Tugend, sondern dies alles

sei: »lediglich Drang nach Leben, nach Blühen, nach Früchte tragen,

weil wir von Natur dazu geschaffen sind«.

Ein Spinner freilich verdankt Nietzsche nur »einige angenehme Stunden«,

etwas besonderes habe er ihm damit nicht gegeben; die Herde könne wohl

ohne den Übermenschen, dieser aber nicht ohne die Herde existieren.

Ein Färber dagegen schätzt vor allem die goldenen Worte über die

Bedingungen einer guten Ehe, und einem Taglöhner ist Nietzsche zum

Wendepunkt seines Lebens und seiner geistigen Entwicklung geworden.

Er erkannte als Kernpunkt seiner Philosophie die Aufpeitschung des

Willens bis zum äußersten, zur Selbstüberwindung, zur Selbsterziehung

im Dienste einer Idee, zur Hingabe an ein Werk. »Nicht woher ihr kommt,

mache fürderhin euere Ehre, sondern wohin ihr geht!« Unsympathisch ist

ihm jedoch »der brutale Herrenmensch«.

Gegen den Vorwurf, daß er das Recht des Stärkeren gegen den Schwächeren

predige, verteidigt ein Metallarbeiter Nietzsche; denn sein Kampf

richte sich viel mehr gegen den modernen Staat, der den Menschen

in ein vorgeschriebenes Schema rubriziere. Dagegen erklärt ein

Berliner Dreher: »Wohl empfinden wir Menschen alle subjektiv, aber es

wäre verkehrt, vom Durchschnittsarbeiter zu verlangen, er solle in

Nietzsche nicht den Herrenmenschen, sondern den Idealisten erblicken.«

Ein einziger endlich wendet sich vom Sozialismus ab, vor allem von

dessen Theoretikern, die alles auf eine politische Karte setzen; denn

Nietzsche hat ihn gelehrt: »Das Leben erhöhen und vermehren wir durch

Verinnerlichung und Vergeistigung.«

So vielfältig auch die Meinungen sind, die sich auf die Frage »Was

gab dir Nietzsche?« in diesen Antworten der isoliert Emporstrebenden

aus der Arbeiterklasse spiegeln, so findet sich doch -- wie sollte es

auch anders sein -- keine darunter, die sachlich Nietzsches Stellung

zum Sozialismus aufdeckt. Jeder geht nur von der Frage aus, wie sich

Nietzsche zum Wohlergehen der Masse gestellt habe, ohne zu erkennen,

daß er den Sozialismus einzig im Hinblick auf die Ziele der Menschheit

beurteilte.

Mit wohlbegründetem Zweifel fragte Nietzsche, ob sich in sozialistisch

geordneten Zuständen ähnliche große Resultate der Menschheit ergeben

können, wie in der Freiheit und Wildnis vergangener Zeiten. Die

unvermeidliche Verneinung dieser Frage entschied bereits seine Stellung

zur Sozialdemokratie, denn große Menschen und große Werke zu erzeugen,

galt ihm alle Zeit als das höchste Ziel.

Was die Leiden der niederen Schichten betrifft, so ist es nach seiner

Überzeugung ein Fehler, mit den Maßen der eigenen Empfindung des

Höheren zu messen, wie als ob man selber mit seinem höchst reizbaren

und leidensfähigsten Gehirn in die Lage jener versetzt werde. Die

Leiden und Entbehrungen nehmen mit dem Wachstum der Kultur des

Individuums zu. Die niedersten Schichten sind die stumpfesten; ihre

Lage verbessern heißt also zugleich, sie leidensfähiger zu machen.

Deshalb bleibt sein Haupteinwand gegen den Sozialismus bestehen, daß er

den gemeinen Naturen im Übermaß den Müßiggang schaffen will. Das kann

sich nur als verhängnisvoll erweisen, denn: »Der mäßige Gemeine fällt

sich und der Welt zur Last«.

Wiederum tritt die Forderung auf: »So wenig als möglich Staat!« Ohne

den herkömmlichen staatlichen Zwang würde der Einzelne viel Kraft

sparen, die durch das Losringen vergeudet wird. Wer individuell

veranlagt ist, erfährt es immer wieder an sich, wie dieser staatliche

Zwang durch unzählbare wesenlose Dinge auf seine Persönlichkeit drückt.

Doch liegt die Ursache der staatlichen Bevormundung nach Nietzsches

Überzeugung nicht bei den Sozialisten allein; denn vor allem sind es

die Kaufleute, die diesen »Ofensorgenstuhl Staat« so einladend wie

möglich machen möchten. Nietzsche opponiert daher gleichzeitig gegen

alle politischen Parvenus, als ob er die Gefahren vorausgesehen hätte,

denen wir nach dem Weltkrieg anheimfallen sollten. Nur wo sich von

Geschlecht zu Geschlecht eine vornehme Gesinnung vererbt, Güte und

Größe gewirkt hat, finden wir die Voraussetzungen für jenen höchsten

Stolz, der sich väterlich und gütig zu den andern beugt. Aber Nietzsche

denkt dabei nicht an Reaktion, im Gegenteil er versichert: »Wir wollen

Todfeinde derer von den unseren sein, welche zur Verlogenheit Zuflucht

nehmen und Reaktion wollen! ... Was gehen uns die Fürsten und Priester

der Gegenwart an, welche durch den Selbstbetrug leben müssen und

wollen!«

Fast trifft er doch noch einmal auch im Positiven mit Stirner zusammen,

wenn er von einer Gemeinschaft freier Einzelner spricht und sie

erklären läßt: 1. Es gibt keinen Gott. 2. Keinen Lohn und Strafe für

Gutes und Böses (sittliche Weltordnung). 3. Gut und Böse gilt je nach

dem Ideal und der Richtung, in der wir leben. Auch Nietzsche denkt bei

dem Worte Ideal, so wenig wie Stirner, an einen geheiligten Begriff,

sondern Ideal bedeutet ihm die Vorwegnahme der Hoffnungen unserer

herrschenden Triebe. Eine solche Gesinnung -- machen wir es uns mit

vollem Ernste klar -- bedeutet einen Vorschritt weit über allen

»Fortschritt« hinaus.

Bei den Sozialisten anerkennt Nietzsche: hier sind ebenfalls wirkliche

Triebe und Willenskraft vorhanden. Assoziation und unerhörter Einfluß

Einzelner. Es kommt durch sie eine Zeit der Wildheit wieder, aber auch

der Kraftverjüngung.

Nietzsches Hoffnung auf eine Gemeinschaft freier Einzelner an Stelle

des unfreien Staatsbegriffes steht dem industriellen Staat ebenso

ferne wie dem sozialistischen. Er ist der Frage nach der praktischen

Ermöglichung dieser Gemeinschaft selten nachgegangen; auch hierin

galt es für ihn, nur die grundlegenden Ideen zu erkennen. Von einer

Verachtung der niederen Schichten, wie sie sozialistische Fanatiker

ihm vorwarfen, kann nicht die Rede sein. Er dachte vielmehr sehr ernst

an deren Wohl und war der Überzeugung, daß eine einsichtige Fürsorge

ihnen bei bescheidenen Anforderungen ein Leben in Zufriedenheit

ermöglichen könnte. Er will, daß sie es leicht haben, indem man ihnen

nicht _Unmögliches_ vorspiegelt. Schwer solle es nur der haben, um

seiner selbst und der Menschheit willen, der berufen ist, neue Wege zu

erschließen; denn nur aus seiner _tiefsten Unzufriedenheit_ mit den

Zeitverhältnissen erwachsen seine höchsten Ziele.

Nietzsche hatte selten Gelegenheit, mit dem Volke zu verkehren. Wo

sie sich aber fand, da offenbarte sich sofort seine vornehme Art.

So erzählte seine Genueser Wirtin aus der Zeit, da er dort an der

»Morgenröte« arbeitete, wie freundlich er mit allen Hausgenossen

verkehrte und wie gütig er an allen ihren kleinen Leiden und Freuden

teilnahm. Sie nannten ihn »~il santo~« oder auch »~il piccolo

santo~«. Ein Wort, das sein wahres Wesen im Verhältnisse zum Volke

weit treffender kennzeichnet als die Auslegungen seiner Gedanken

durch Parteipolitiker. Wo seine Persönlichkeit sich unmittelbar

äußern konnte, da wurde die Fülle ihrer inneren Güte warm empfunden.

Man bewunderte seine rührende Standhaftigkeit im Ertragen seiner

Leiden, erzählte die Antwort, »~sono contento~«, die er mit Vorliebe

auf die Frage nach seinem Befinden gab, und schätzte ihn ein als

eine Verkörperung jener Gesinnung, die er damals in den Worten zum

Ausdruck brachte: »Eine nicht das Auge beleidigende Unabhängigkeit,

ein gemildeter und verkleideter Stolz, ein Stolz, welcher sich abzahlt

an die anderen, dadurch daß er nicht um ihre Ehren und Vergnügungen

konkurriert und den Spott aushält. Dies soll meine Gewohnheiten

veredeln: nie gemein und stets leutselig, nicht begehrlich, aber stets

ruhig strebend und aufwärts fliegend; einfach, ja karg gegen mich, aber

milde gegen andere.«

Wohl war diese Zeit in seinem Leben, die so ganz und gar von dem tiefen

Dankgefühl eines Genesenden beherrscht wurde, am meisten geeignet, die

persönliche Milde Nietzsches zum Ausdruck kommen zu lassen, die sich

durchaus mit der Strenge seiner Ideale vertrug. »Dies ist die rechte

_idealische Selbstsucht_: immer zu sorgen und zu wachen und die Seele

still zu halten, daß unsere Fruchtbarkeit schön zu Ende gehe! So, in

dieser mittelbaren Art, sorgen und wachen wir für den _Nutzen aller_;

und die Stimmung, in der wir leben, diese stolze und milde Stimmung,

ist ein Öl, welches sich weit um uns her auch auf die unruhigen Seelen

ausbreitet.«

Aus einem seiner Notizbücher aus jener Zeit ergibt sich, daß er sich

des Wortes »~il santo~« aus dem Munde jener einfachen Leute herzlich

freute und es dankbar hinnahm, wenn sie ihm Kerzen für seine einsamen

Abendstunden spendeten. Er schrieb: »Ich glaube, daß viele von uns,

wenn sie mit ihren enthaltsamen, mäßigen Sitten, ihrer Sanftmut, ihrem

Sinn fürs Rechte in die Halbbarbarei des 6. bis 10. Jahrhunderts

versetzt würden, als Heilige verehrt werden würden.«

Ich hoffe nicht mißverstanden zu werden, wenn ich in dieser

Weise Nietzsche mit einem Heiligen vergleiche. Wohl hat er den

Ursprung dieses »seltenen Stück Menschentums« auf jene unheilbaren

Selbstverächter zurückgeführt, die aus unterbewußten Rachegefühlen zu

großen Moralworten griffen und sich als geborene Feinde des Geistes

erwiesen; aber daß er mit dem Worte auch andere Male die Vorstellung

milder Güte verband, beweist uns sein Spruch, den Erwin Rohde einmal

anführte, als es galt, das edle Wesen Nietzsches durch wenige Worte zu

kennzeichnen. Er lautet:

Daß sein Glück uns nicht bedrücke,

Legt er um sich Teufelstücke,

Teufelswitz und Teufelskleid,

Doch umsonst! Aus seinem Blicke

Blickt hervor die Heiligkeit!

Der Anti-Metaphysiker

Jeder Zustand, ja jeder Augenblick ist von Wert, denn

er ist ein Repräsentant der Ewigkeit.

_Goethe._

Nietzsche, sein Leben und seine Lehre · 第 6 / 19 段